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Wieder und wieder war es der falsche Zeitpunkt gewesen, oder zumindest haben wir uns das eingeredet, uns einreden lassen. Der falsche Zeitpunkt. Nicht der richtige Moment. Es war so lange der falsche Zeitpunkt gewesen, bis es diesen speziellen Augenblick, den wir uns in unseren Köpfen zusammengeträumt hatten, nicht mehr gab.
Gott, wir waren so jung gewesen als es begann. Und mit der Ungeduld der Jugend, wollten wir alles gleich und sofort. In unserer Naivität dachten wir das Glück etwas ist, das man nur in jungen Jahren erreichen, oder auskosten kann. Die Zeit war eingefroren gewesen. Und der Gedanke, das selbst für uns die Jahre vergehen, das wir keine Ausnahme sind, dass das alles irgendwann einmal enden wird, war für mich damals so unwirklich gewesen, wie die Vorstellung dich nicht jeden Tag sehen zu können. Eigenartig daran zurückzudenken, zumal letztendlich nicht allzu viel Zeit vergangen ist. Ein wenig über eine Dekade, seit wir zuletzt zusammengefunden und uns BTS genannt haben? Zeit ist ein sonderbares Konstrukt. Einerseits kann sie dir soviel geben, zugleich ist sie aber gnadenlos indem was sie nimmt.
Alles war so aufregend gewesen, so neu. Vor uns lag eine ganze Welt, die entdeckt werden wollte. Eine ganze Welt, die jede ach so kleine Kleinigkeit über uns entdecken wollte. Und ganz nebenbei mussten wir versuchen uns selbst und unseren Platz in jener Welt zu finden. Es war ein Rausch. Ein Wahn begleitet von Angst, soviel Angst und Unsicherheit. War es echt was wir fühlten, was wir glaubten zu sein? Wollten wir das es echt ist? Wie oft habe ich gedacht, dass mich dieses Gefühlschaos zu ersticken droht? Wie oft habe ich gehofft? Und wie oft musste ich mich durch die Angst kämpfen, die der Gedanke ausgelöst hat, dass ich nur ein Weg für dich war, um dich selbst zu finden?
Heute, nach all der Zeit glaube ich zu wissen, dass es in der Tat echt gewesen war, was wir füreinander empfunden haben. Jedoch hatten wir wahrscheinlich unterschiedliche Vorstellungen davon, wohin uns diese Gefühle führen würden. Was für den einen Enttäuschung und Niedergeschlagenheit bedeutete, rief in den anderen Erleichterung hervor. Und dabei hatten wir jene Empfindungen noch nicht mal fein und säuberlich untereinander aufgeteilt. Einmal war ich es gewesen, der beflügelt von Filmen, von Musik, von der dramatischen Enthüllungsgeschichte eines ausländischen Prominenten an das Unmögliche glauben wollte. Während du jede noch so kleine fürsorgliche Geste abgeblockt hast. Und ein anderes Mal war ich es, der mit verschränkten Armen dasaß und dein warmes Lächeln mit emotionslose Blicke bedachte.
Heute, nach all der Zeit, mit dem nötigen Abstand, bin ich mir sicher, dass mein Bauchgefühl mich nicht betrogen hat. Auch wenn du es immer wieder abgestritten hast. Und ich wollte, dass ich falsch lag. Ich wollte der Verlierer in unserem kleinen Spiel sein. Jenem Spiel, das wir, das unser Leben, uns aufgezwungen hat. Dem Spiel, das Kreise und endlose Schleifen um uns und unsere Entscheidungen, oder sollte ich lieber sagen unsere Unfähigkeit zu Entscheiden, gezogen hat. Denn meine Enttäuschung, meine Niedergeschlagenheit war deine Erleichterung.
Wieder ein weiteres Mal aufgeschoben, ein weiteres Mal vertagt, einmal mehr Zeit gewährt. Um was eigentlich zu tun? Um nachzudenken über Dinge, die schon tausendmal gedacht wurden und keinen neuen Impuls mehr bringen konnten? Um das Gespräch, das wir schon zu oft geführt hatten, nochmal zu führen?
Doch jeden Grund, der uns vorgesetzt wurde, hast du mit offenen Armen empfangen, nur zu gern mit einem leer klingenden Seufzen bedacht und im selben Atemzug deine Zustimmung gegeben. Damals hatte ich von Zeit zu Zeit das Gefühl, dass nur ich es war, dem jedes Mal ein Teil des Herzens zu erfrieren schien. Obwohl ich weiß, und das wusste ich auch schon damals, dass ich dir mit diesem Gedanken Unrecht tue. Deine Art Emotionen zu kommunizieren war schon immer eher von Taten gefärbt gewesen. Und die Erleichterung in deinen Augen war zumindest für mich stets erkennbar, wenn es hieß, dass es mal wieder der falsche Zeitpunkt war, um alles aufs Spiel zu setzten.
Zu Beginn waren es nur geflüsterte Wunschträume gewesen, die wir zwischen den Kissen geteilt hatten. Träume, die uns in ihrer Unmöglichkeit, in ihrer Absurdität zum kichern gebracht haben, zugleich aber ein unbestimmtes Gefühl der Wärme hinterließen. Ich glaube zu dieser Zeit haben wir beide noch gedacht, dass es nur eine Phase war, eine seltsame Abzweigung auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Etwas, das die Unsicherheit, die Einsamkeit und die Sehnsucht nach geliebten Menschen, die wir zurücklassen mussten vertrieb. Etwas, das man mal ausprobiert, nur um später mit einem kopfschüttelnden Lächeln daran zurückzudenken. Keiner von uns hat jedoch mit Gefühlen gerechnet. Aus Gesellschaft wurde Freundschaft, wurde Vertrautheit, wurde Trost, wurde Neugier, wurde Geborgenheit, wurde Intimität, wurde Lust, wurde...
Ich für meinen Teil glaube, uns wurde erst richtig bewusst, was zwischen uns entstanden ist, als wir darüber nachdachten, es mit unseren Brüdern zu teilen. Ein beängstigender Gedanke. Zu jener Zeit ein unmöglicher Gedanke. Und es war hier, dass wir begannen vom falschen Moment zu sprechen. Es gab immer irgendwas anderes, das wichtiger war. Es gab immer irgendjemanden der Probleme hatte, und unsere kleine Offenbarung hätte nur eine weitere Belastung dargestellt. Doch zu Beginn waren es noch wir beide gewesen, die Erleichterung über jeden Aufschub verspürten. Wir hatten uns auch nie geschworen an einem bestimmten Tag, zu einem auserwählten Zeitpunkt, mit den anderen zu sprechen. Anfangs gab es noch keine gebrochenen Schwüre. Das kam erst später. Was uns aber klar gewesen war, war die Tatsache, dass ein Geständnis nicht unter uns sieben bleiben würde. Das ließ die kleine abgegrenzte Welt, die wir über Jahre hinweg aufgebaut hatten, nicht zu.
Am Ende wurde uns die Entscheidung abgenommen. Waren wir scheinbar doch nicht so diskret gewesen, wie naiverweise gedacht. Selbst jetzt noch habe ich das Bild von dir im Kopf, wie du mit weit aufgerissenen Augen in die Gesichter der anderen starrst, ohne aber Blickkontakt aufzunehmen. Nie ganz still, immer irgendwie in Bewegung. Mir ging es nicht anders. Mein Herzschlag hat so dröhnend in meinen Ohren wiedergeklungen, dass ich kaum die Fragen, die Zweifel, die Sorgen und die Unterstützung, die um uns herum laut wurde, hören konnte.
Doch wie wir bereits wussten, konnte es hier nicht enden. Andere mussten informiert werden. Außenstehende mussten mit kalter Sachlichkeit beraten, nahmen uns die Bürde der Entscheidung ab. Und so sollte es von diesem Zeitpunkt an dann sein. Andere entschieden. Entschieden wann, wie, wie viel und ob wir etwas von dem Preis gaben, das doch ach so persönlich war. Für eine gewisse Zeit war ich wütend darüber gewesen so einfach die Kontrolle abgegeben zu haben. Heute kann ich mein Verfehlungen mit mehr Sanftmut betrachten. Wir waren so jung, so unerfahren gewesen. Natürlich glaubten wir dem, was uns von den echten Erwachsenen erklärt wurde und nach einigen Jahren waren wir dann so verstrickt in dem Netz, das wir geholfen haben zu spinnen, dass die neuentdeckte Wut und Ernüchterung wenig bewegen konnte.
Was aber tut man wenn man einen Weg gewählt hat, der das Herz in zwei reißt? Was aber tut man, wenn die eine Leidenschaft, für die jenes Herz schlägt, der anderen das Leben verwehrt? Was aber tut man, wenn man in eine Gesellschaft hineingeboren wurde, die mit Stolz auf ihre Modernität, auf ihre fortschrittlichen Errungenschaften blickt, gesellschaftliches Umdenken zugleich aber nur langsam akzeptierte. Was aber tut man, wenn selbst der Sturm im eigenem Kopf um Begriffe wie Falsch, Unmöglich, Unerreichbar, Absurd, Abnorm tobte? Und warum war es so viel wichtiger was die Welt um uns herum dachte? Warum konnten wir uns, unsere Wünsche abseits der Bühne, nicht wenigstens ein einziges Mal an erster Stelle rücken? Dies waren Fragen auf die unsere Herzen keine Antworten wusste, nicht wissen wollte. Unser Verstand hingegen hatte uns jene Fragen noch vor unserem ersten Kuss beantwortet.
Wir beide existierten nicht in einer Blase, die die Welt aussperrte, obwohl ich mir das manchmal gewünscht habe. Wir waren Bestandteil eines siebenteiligen Puzzles. Jeder von uns hatte seine eigenen Vorstellungen, Ziele und Prioritäten. Doch wenn wir sieben zusammenkamen, dann entstand ein ganz eigenes Lebewesen. Dieses monströse Ding, das ein einzelner nicht tragen, nicht erfassen konnte. Wir waren eins, auch wenn die Schwingungen eines einzelnen ausreichten, um das ganze Konstrukt zum Beben zu bringen. Und unsere Schwingungen hätten nicht zu kontrollierende Wellen erzeugen.
Die harsche Realität des Traumes, dem wir damals so unermüdlich nacheiferten, war eine Welt aus blendendem Scheinwerferlicht. Gleißend hell. Zu hell. Es nahm die Sicht. Hinterließ lediglich ein absurdes Abbild von Perfektion, das zu keinem Zeitpunkt real war. Es war eine Welt der Heuchelei. In mehrerer Hinsicht. Waren die Rufe der Menge doch nur allzu laut, wenn wir eine Nähe zeigten, welche über die Zutraulichkeiten von Freundschaft hinausgehen könnte. Solch ein Verhalten wurde begrüßt, wurde gefordert, war erwünscht. Doch was als Schauspiel auf der Bühne so gut funktionierte, konnte man den Massen in der Realität anscheinend nicht zumuten.
Und dann kam der Tag, der vieles änderte, der für uns vieles zerstört hat. Jenes Gespräch in dem uns nahegelegt wurde jegliche Verhaltensweisen, die auch nur ansatzweise falsch interpretiert werden könnten, abzulegen.
Mit unter dem Tisch verschränkten Händen hast du zugehört, als von enttäuschten Fans gesprochen wurde. Deine perfekt geschwungenen Lippen hatten sich leicht geteilt, als von schlechter PR, von zerstörerischen Skandalen und Senderpolitik die Rede war. Und als dein Bein nervös zu wippen begann, während man uns erklärte wie viele Jobs von unserem Erfolg abhängig waren, hätte ich nur zu gern meine Hand ausgestreckt.
Obwohl wir mit all diesen Argumenten gerechnet hatten, kam jenes Gespräch einem Schlag in die Magengrube gleich. Die Erinnerung wie wir ohne ein Wort und innerlich taub den endlosen Flur vom Managementbüro zum Fahrstuhl stolperten, erzeugt in mir, selbst nach all den Jahren, immer noch ein Gefühl der Übelkeit.
Und so drehte es sich immerfort. Wieder ein Comeback, wieder eine Pressetour, wieder unzählige Auftritte im Fernsehen, wieder eine Welttour. Wieder Hoffnungen, wieder halbherzige Absprachen, wieder uneindeutige Zusagen, wieder die Einsicht, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt war. Die Anspannung war zermürbend. In der Öffentlichkeit sollten wir unsere Gefühle nicht offenbaren und im Privaten konnten wir es plötzlich nicht mehr. Es schien als wäre die Realität, die wir für aller Augen aufführten zu unserer eigenen Wirklichkeit geworden. Zu jener Zeit war Schweigen das Kommunikationsmittel unserer Wahl, das immer wieder von kurzen heftigen Auseinandersetzungen unterbrochen wurde. Unsere Beziehung, unsere Unzufriedenheit mit der Tatsache, dass wir diese verbergen mussten, war nur ein weiterer kleiner Funke, der das gefährlich lodernde Feuer anheizte, das uns sieben zu erfassen drohte. Wenn ich jetzt auf diese Phase zurückblicke, erschrickt es mich ein wenig, wenn ich daran denke, was wir fast getan hätten. Vor allem mit dem Wissen, welch ein Erfolg damals noch vor uns lag. Aber wir waren alle so unendlich müde gewesen, waren es leid zu kämpfen, waren es leid zu lächeln. Wussten nicht ob unser gemeinsamer Weg ein Ziel hatte, und ob dieses Ziel von Bedeutung war.
Der Gedanke uns auf professioneller Ebene voneinander zu trennen, war für uns alle schmerzhaft gewesen. Natürlich. Wie hätte es auch anders sein können. Wir waren mehr als Freunde, wir waren Familie. Außerdem glaube ich, wir wussten tief in unserem Inneren, dass es noch nicht an der Zeit war, dass noch ein paar Jahre vor uns lagen. Neben jenem Schmerz und der Unsicherheit, gab es aber noch andere Gefühle. Gefühle, für die ich mich geschämt habe. Denn ich spürte Erleichterung bei dem Wissen, dass es das allerletzte Comeback sein könnte, dass wir danach frei sein könnten, dass es danach ein uns geben könnte.
In den Jahren bevor wir uns dann für ein Ende entschieden, das wenn auch von Wehmut aber nicht mehr von drohender Reue gefärbt war, erreichte unser Erfolg schwindelerregende Höhen. Stets kurz davor davonzufliegen oder in die Tiefe zu stürzen. Wir wagten Dinge, die anderen vor uns nicht möglich erschienen und denen, die nach uns kommen sollten neue Träume gaben. Und in diesem Rausch drangen mir immer wieder die Worte Namjoons ins Gedächtnis, mit denen er mich eins versucht hatte aufzubauen. Worte, mit denen er mir einen Ausweg aus der scheinbar dichter werdenden Dunkelheit in mir, versprach. Jene Worte waren über Jahre hinweg mein Rettungsanker.
Wenn wir groß genug sind. Wenn wir alles erreicht haben. Wenn uns keiner mehr was anhaben kann. Ich verspreche dir wir werden alles dafür geben... dann könnt ihr...
Schließlich wussten wir es. Wir haben es von Anfang an gewusst. Wir kannten die Wahrheit. Trotz all der Besprechungen, der vorsichtig formulierten Hoffnungen, der vagen Zusagen. Trotz all der freudigen Nervosität, und der falschen Frustration, wenn diese mal wieder im Nichts verpuffte. Trotz all dem Gerede von irgendeinem bestimmten Zeitpunkt an dem wir... Wir wussten von Beginn an, dass wir uns niemals an die Öffentlichkeit wenden würden. Ich war mir nur allzu bewusst, dass ich niemals deine Hand in meine nehmen könnte, wenn in einem Interview mal wieder nach unserem Liebesleben gefragt wird.
