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Die Geächteten

Summary:

(There is an English version of this work, please look under "The outcasts" in my other works.)

Thorn lässt Ophelia und Roseline für einige Tage unter Berenildes Obhut, um zu seinen Verpflichtungen zurückkehren zu können. Allerdings führen ihn diese nicht in die Intendanz, sondern in die eisigen Provinzen des Pols. Was will der Schatzmeister der Himmelsburg bei den barbarischen Geächteten, warum bringt er sich in Gefahr?

 

Thorn stoppte sich dabei, Szenarien zu erschaffen. Sie drehten ihm den Magen um, pochten in seinen Nerven, überschwemmten seine Gedanken. Dabei hatte er gerade beides dringend nötig. Nerven und Verstand.

Notes:

Dies ist die Fortsetzung von "Der Verlobte des Winters", allerdings steht die Geschichte auch als eigenständiges Werk. Für dieses kleine Spin-off entferne ich mich etwas von den Zeilen des Originals, ich werde diesen kleinen Ausflug jedoch so weit wie möglich in canon halten.

Wer Lust hat, kann Thorn auf seinem Weg zu den Geächteten begleiten. Weiterhin plane ich, nach seiner Rückkehr wie gewohnt mit Thorn/Ophelia Szenen weiterzumachen, wie gewohnt ganz nah am Original.

Disclaimer: Alle Figuren, die Magie und die Welt in diesem Fanfic gehören Christelle Dabos (bzw. bauen darauf auf). Ich leihe sie mir nur aus für nicht remunerierte Phantasiereisen.

Kapitel 1 - Der Sturm: Thorn gerät in einen Blizzard
Kapitel 2 - Die Unsichtbaren: Thorn bekommt seltsame Begleitung
Kapitel 3 - Die Regeln des Spiels: Thorn hat Zeit zum Grübeln
Kapitel 4 - Der Gang: Thorn stolpert
Kapitel 5 - Der Dreifamilienrat: Ein Plan geht auf
Kapitel 6 - Die Erinnerung: Ein Attentat missglückt
Kapitel 7 - Das Duell: Ein Urteil fällt
Kapitel 8 - Gesellschaft: Nicht jeder ist willkommen
Kapitel 9 - Strategien

Chapter 1: Der Sturm

Chapter Text

Schaben, schaufeln, schieben.

Schaben, schaufeln, schieben.

Stetig, aber nicht schnell, auch wenn die Zeit drängte. Jetzt zu schwitzen wäre sein Tod.

 

Der Sturm heulte um ihn und seinen Kokon aus Schnee, hatte das Halbdunkel der Polarnacht in eine Wand aus Flocken verwandelt, die wirbelten und peitschten. Thorn hob den phosphoreszierenden Stab und prüfte die Dicke der Außenwände anhand der darin versunkenen Holzpflöcke, schabte, wo nötig, und schaufelte den Schnee durch den tiefen, länglichen Eingang hinaus in den Wind. Brüllende Böen drückten und schoben ihn dann, zerrten an seiner Kleidung, suchten die kleinste Schwachstelle in seiner Umhüllung. Thorn atmete flach in die Seiten seiner festgezurrten Kapuze, Eisklauen rissen mit jedem Atemzug an der Wärme in seinem Inneren.

Die Temperatur war bereits bedenklich gefallen. Es wurde Zeit. Er klappte seine Schaufel an ihrem Gelenk zusammen, klopfte den Schnee ab und verstaute sie. Dann schleifte er die Satteltaschen in seinen Unterschlupf. Sofort sank das Brüllen und Tosen herab auf ein pfeifendes Jammern, begann das Blut wieder zurück in Nase und Fingerspitzen zu fließen. Thorn kauerte tief, streifte Handschuhe und Bärenfell ab, schüttelte daran klebende Flocken heraus. In der Mitte der niedrigen Höhle schob er den Schneeboden zusammen, holte die fest zusammengerollte Mammuthaut aus seinem Gepäck und breitete sie über der Erhebung aus. Er wickelte sich in sein Reisefell und begann das Warten.

Thorn hatte die Nachricht zerstört, sobald er sie erhalten hatte. Sie hatte aus Zahlen bestanden, Kombinationen aus Ziffern, welche sich vor seinen Augen längst zu Sinnelementen zusammengefügt hatten. Er war am nächsten Morgen aufgebrochen.

Die Koordinaten hatten ihn an befestigten Siedlungen und zugefrorenen Seen vorbeigeführt; er hatte Wälder aus schneegekrönten Tannen durchquert, die schweigend standen bis auf das Keuchen seines Reittiers und das Pulsen seines eigenen Atems; er ritt, bis das gedämpfte Grauschwarz in das Indigoblau der offenen Tundra verlief.

Nordlichter zitterten über ihm, während er sein Biest antrieb. Inmitten einer Welt aus Schnee und Himmel hält Thorn an, gleitet von seinem Reittier, welches sich schüttelt und die lange Wirbelsäule streckt. Er konsultiert Karte und Kompass. Dann schließt sich seine behandschuhte Faust um seine Taschenuhr, lässt den Deckel aufspringen. Thorn runzelt die Stirn.

Er teilt Rationen aus, die das Biest gierig verschlingt. Er erkundet die Umgebung: nichts. Er kümmert sich um sein Reittier, sattelt es ab, wartet: nichts. Er beginnt, ärgerlich zu werden. Das Biest beginnt zu winseln, schleicht außerhalb der Reichweite seiner Klauen um ihn herum. Dann merkt es auch Thorn: der Wind frischt auf, treibt erste Flocken vor sich her. Thorn schichtet Schnee zu einem Hügel. Das Biest umkreist ihn, jault auf und verschwindet dann im Dunkel. Thorn baut sich seinen Unterschlupf, legt sich hinein, bewacht den Eingang. Als der Schneesturm vorbei ist, macht er sich auf den Rückweg zu Himmelsburg. Er nimmt drei Treppenstufen auf einmal, doch da stolpert er und fällt, stürzt und stürzt, hinab in ein schwarzes Loch...

Thorn zuckte und riss die Augen auf, Herz laut in seinen Ohren pochend, die Muskeln verkrampft, zitternd. Er hustete, bewegte Arme und Beine, robbte zum Eingang. Während er den davor angehäuften Schnee beseitigte, schalt er sich einen Narren. Hypothermie. Langsam aber sicher würden die normalen Funktionen seines Gehirns aussetzen. Er musste sich wachhalten. Thorn knurrte, betrachtete düster den Sturm. In Ermangelung besserer Alternativen legte er sich wieder auf sein Schneebett und begann, mathematische Probleme zu lösen. Viel lieber hätte er eine seiner jüngeren Erinnerungen vor seinem inneren Auge abgespielt, vielleicht von Anima, doch das wäre zu riskant. Also begnügte er sich mit starren Bewegungen auf reellen Ebenen und Flächenintegralen verschwindender Funktionen.

***

 

Weißglänzende Felder erstreckten sich friedlich in alle Himmelsrichtungen. Der Sturm war vorübergezogen, hatte den Lagen der Schneedecke eine weitere Schicht hinzugefügt. Nur an einer Stelle störte etwas die Ruhe der winterlichen Landschaft. Aus einer Erhebung brach etwas hervor, pickte sich den Weg heraus wie ein Küken aus einem Ei: Handschuhe, Kapuze und ein Eisbärenfell erschienen, darunter eine hagere Gestalt, die sich Schnee abschüttelte. Der Rest einer Windböe pfiff noch einmal trotzig um den Eindringling und verflog dann über der Ebene.

***

 

Thorn taumelte durch den Schnee, sank ein. Die Anstrengung weckte seinen Körper, brachte sein Blut zum pulsieren, Kondenswasser tropfte von seiner Nasenspitze. Gut. Er streifte den Handschuh von seiner rechten Hand, steckte zwei zitternde Finger in den Mund und ließ einen gellenden Pfiff ertönen.

In der Zwischenzeit prüfte er den Inhalt der Satteltaschen. Seine Axt war unnütz in Ermangelung von Brennmaterial weit und breit. Er holte schließlich einen kleinen Kanister hervor. Die Gasflamme würde nicht viel Hitze abgeben, doch er konnte sich zumindest ein wärmendes Getränk zubereiten.

Thorn war gerade damit beschäftigt, einen niedrigen Wall um den Gaskocher zu errichten, als er einen warmen Atem in seinem Nacken spürte. Er fuhr herum und blickte in goldgelbe Augen. Das Biest winselte, machte mehrere schnelle Schritte rückwärts und legte sich in einer Wolke aus seidigem Fell auf die Schneedecke. Es gähnte demonstrativ.

Thorn atmete erleichtert auf, schüttelte dann den Kopf. Natürlich hatte die Bestie den Sturm besser überstanden als er selbst. Wenn auch in Siedlungen herangezogen und abgerichtet, waren die Schlittenhunde doch direkte Nachfahren der riesigen Wölfe, die wild durch die Wälder der Provinzen streiften. Thorn holte soviel Trockenfleisch hervor, wie er wagte, und warf es dem Biest zu. Während es gefräßig kaute, wärmte Thorn seine Hände an der Gasflamme, wartete darauf, dass der geschmolzene Schnee zu kochen begann.

Er ließ seinen Blick über die vom Mondlicht erhellten Eisfelder schweifen, zwang sich, die Enttäuschung aufzuhalten, die sich in seiner Brust ausbreiten wollte. Er bereitete seinen Tee zu und schloss die Hände um die Wärme spendende Tasse.

Erst war dort nichts, und eine Sekunde später alles auf einmal. Biest grollte, Thorns Sichtfeld flackerte, Stiefel traten knirschend in den Flammenschein, Gestalten schälten sich aus dem Gewebe seiner Wahrnehmung, und Thorn hörte das unmissverständliche Klicken der auf ihn gerichteten Pistolen.