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Warum Adam auch in einem AU die Akte lesen sollte

Summary:

Aber heute ist Donnerstag.
Nicht einmal der Ausblick auf Nachmittagsdienst allein mit Esther konnte ihm heute die Vorfreude auf den Nachmittag nehmen.
Heute kommt wieder Herr Hölzer.

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AU mit Adam als Erzieher in einer Kita, in welcher Leo ein Kind und Adam eher weniger professionelle Gefühle für Leo hat.

Notes:

Wurde im Discord von den Adam als Erzieher AU und Take your fandom to work AU Ideen inspiriert, Grüße gehen raus. :D
Hatte gleich Kita-Praktikum und Erzieherausbildung War Flashbacks, die ich rauslassen musste, anstatt mich der Blockade an der Rainer Story zu widmen. Nun ja, hier sind wir jetzt.

Der Name des Kindes ist einfach von einer beliebte Vornamen Liste genommen, das Kind ist eh nur Mittel zum Zweck und nicht relevant.
Esther und Pia sind Adams Kolleginnen, von denen Adam auch hier nicht viel hält, weil ich vielleicht ein wenig auf sie projiziert habe.

Falls jemand eine bessere Titelidee hat, gern her damit. :'D

Work Text:

Adam hat einen beschissenen Tag. Nein, er hat eine beschissene Woche. Würde er seinen Job nicht wirklich lieben, hätte er vermutlich einfach gekündigt und sich endlich in das friedliche, stressfreie Einsiedlerleben im Wald geflüchtet, das er sich stets als Option offen hält.

Die Woche startete mit einem typischen Montag – aufgedrehte, unausgelastete Kinder zurück von langweiligen Wochenenden bei Eltern ohne genug Zeit für sie, dazu müde, unmotivierte Kollegen. Normalerweise kein Problem für Adam, aber irgendwann war auch seine Geduld am Ende, als sich die 2-Jährige zum dritten Mal schreiend auf den Boden warf, weil sie den Spinat nicht essen und Esther sie trotzdem zwingen wollte. Von solchen Erziehungsmethoden hält Adam absolut gar nichts, was er Esther später unmissverständlich zu verstehen gab.
Anschließend durfte er den Nachmittag damit verbringen, den Sandkasten von Kindererbrochenem zu befreien, weil die Gruppenpraktikantin ein paar Jungs viel zu früh nach dem Mittagessen wieder draußen toben lassen hatte.
Natürlich wurde der Praktikantin bei dem Anblick selbst übel, sodass Adam ihr ganz freundlich riet, sich vielleicht beruflich anders zu orientieren, wenn sie mit sowas schon nicht klarkam. Das Mädel fing daraufhin an zu weinen und ließ sich von Pia trösten, also blieb Adam nichts übrig, als eigenhändig die Sauerei zu beseitigen.
Klischeehaft hatte es auch noch angefangen in Strömen zu regnen und als Adam endlich fertig war und sich drinnen mit einem Kaffee aufwärmen wollte, ging die verdammte Maschine kaputt.

Dienstag fiel die Köchin aus und Adam musste vertreten, nachdem Esther ihn als sexistisches Arschloch betitelt hatte, als er ihr das Kochen vorschlug, was sie sicher besser können würde als mit Kindern zu arbeiten. Rainer, der Einrichtungsleiter, wollte daraufhin ein Zeichen gegen Sexismus in seiner Kita setzen und orderte Adam selbst in die Küche ab.
Adams bis ins Detail geplanter Abenteuerausflug in den Wald fiel also auch flach und die enttäuschten Gesichter seiner Kinder trugen einiges zu seiner sinkenden Stimmung bei. Er hasst es, Versprechen nicht einhalten zu können.
Später gab es eine Auseinandersetzung mit einer Mutter, die ihn ernsthaft beim Abholen fragte, ob denn die Schminke auf dem Gesicht ihrer Tochter wieder abgehen würde. Adams Antwort, dass sie grundsätzlich nur wasserfeste Farbe verwendeten und ihre Tochter jetzt für immer ein bunter Schmetterling sein würde, fand sie wohl nicht so lustig wie er.

Daraufhin landete eine Beschwerde bei der Gruppenleitung und Adam am Mittwoch im Mitarbeitergespräch mit Rainer.
Rainers typisches Pädagogengeschwafel ist immer ein Highlight, in negativer Form.
Er war ja „nicht sauer, nur enttäuscht“ über Adams regelmäßige Diskussionen mit seiner Meinung nach unfähigen Eltern und den „sicher nur gut gemeinten, aber verbesserungswürdig formulierbaren“ Ratschlägen an die Kolleginnen. Wie immer nickte Adam nur mit Jaja ab, gelobte gelogene Besserung und schaltete bei der Lobesrede auf seine „herausragende, intuitive Beziehungsarbeit“, die Rainer immer als positiven Abschluss bringt, innerlich schon ab.
Trotz nervigem Gespräch wollte Adam dem Mittwoch eine Chance geben, doch während des Freispiels draußen hatte sich ein Junge unter seiner Aufsicht auf dem Klettergerüst verletzt, weil Adam kurz zu einer anderen Kindergruppe schaute. Natürlich passiert sowas immer mal wieder, aber fast nie bei Adam und wenn, hatte er jedes Mal damit zu kämpfen. Er nimmt die Verantwortung schließlich ernst.

 

Aber heute ist Donnerstag. Heute wird ihm die beschissene Dreckswoche aus der Hölle einen perfekten Start in sein wohlverdientes langes Wochenende gönnen.
Nicht einmal der Ausblick auf Nachmittagsdienst allein mit Esther konnte ihm heute die Vorfreude auf den Nachmittag nehmen.
Heute kommt wieder Herr Hölzer.

Adam betreut Leo Hölzers Tochter nun seit einem knappen Jahr in seiner Gruppe. Emilia wurde schnell einer seiner heimlichen Lieblinge, ein kleines Schlitzohr, viel zu clever für ihr Alter, neugierig und kontaktfreudig.
Sie ernannte Adam nach ein paar Wochen zum besten Elsa Imitator, eine Ehrung, die Adam gern annahm und seitdem regelmäßig unter Beweis stellt. Er vermutet, dass es bloß an seinen blondierten Haaren liegt, aber genießt den Triumph gegenüber seinen Kolleginnen umso mehr.
Von da an waren Emilia und er ein Team. Einzig die dankend ausgeschlagene Einladung zu ihrem viertem Geburtstag hatte ein paar Tage Frust mit sich gebracht, das ist aber längst vergessen.

Nicht lang nach Adams spontanem, aber unkompliziertem Wechsel in die Kita – dem männlichen Fachkräftemangel sei Dank – war er für das halbjährliche Elterngespräch mit den ihm bis dahin ziemlich unbekannten Eltern Hölzer eingeteilt worden.
Nach ein paar Minuten Gespräch hatte Adam verstanden, warum Pia sich bis zum Schluss mit ihm um den Termin streiten wollte. Herr Hölzer, der allein erschien, glänzte nicht nur durch offenkundige optische Vorzüge, das Gespräch mit ihm lief wie ein Paradebeispiel aus Adams Ausbildungszeit. Er zweifelte nicht ein Mal Adams Fähigkeiten oder Beobachtungen an, stellte gezielte Fragen, gab aussagekräftige Antworten und schaute nie zwischendurch aufs Handy, als hätte er gerade „Wichtigeres“ als sein Kind im Kopf. Als er auch noch ein kleines Notizbuch herausholte und Adams Tipps mitschrieb, war Adam vielleicht sofort ein bisschen schockverliebt. Aber nur vielleicht, denn sowas wäre wirklich lächerlich. Und absolut unprofessionell.

Immer montags und donnerstags gegen 16:30 Uhr holt Herr Hölzer jedenfalls Emilia ab, selten mal am Mittwoch nach dem Mittagessen und einmal kam er an einem Freitag spontan, weil seine Frau bei der Arbeit aufgehalten wurde.
Nicht, dass Adam sich das absichtlich gemerkt hätte, das wäre ja merkwürdig. Er hat einfach ein gutes Auge auf seine Kids. Für alle Fälle.

Am Montag hat Adam ihn verpasst, wegen besagter Sandkasten-Reinigungsaktion.
Daher ist es ihm gerade auch vollkommen egal, dass Pia seit zwanzig Minuten draußen auf seine Ablösung mit der Aufsicht wartet, denn den Donnerstag lässt er sich nicht auch noch nehmen. Nicht nach dieser Woche.

Es ist nicht so, als ob Adam besonders viel mit Herrn Hölzer sprechen würde oder es einen anderen, beruflichen Grund gäbe, weshalb Adam so gern dableibt, wenn Emilia von ihm abgeholt wird.
Er ignoriert, wie sein Herz wie jedes Mal ein klein wenig schneller zu klopfen beginnt, als der Mann pünktlich um 16:30 Uhr im Türrahmen des Gruppenraums erscheint.
Schließlich ist Herr Hölzer nicht einfach irgendein Elternteil, das man ganz unschuldig ein wenig aus der Ferne anhimmeln kann. Herr Hölzer ist verheiratet, mit einem großartigen Kind und einer liebevollen Ehefrau dazu. Die Hölzers wirken wie eine beschissen perfekte Bilderbuchfamilie, die Adam nicht nur vorhält, was er selbst nie hatte, sondern auch niemals haben können würde.
Deswegen lieber weiter das Herzklopfen ignorieren.
Aber gucken darf man ja trotzdem.

Emilia und Adam sitzen gemeinsam am Tisch in der Mitte des Raumes und sie schaut einen Moment lang weiter vertieft auf die ausgebreiteten Memory-Karten vor ihnen, ehe sie ihren Vater in der Tür bemerkt und sofort freudig quietschend aufspringt und ihm entgegenrennt.

Leo Hölzer verhält sich anders als die meisten Eltern beim Abholen ihres Kindes. Er platzt nie einfach in den Raum rein, wartet stattdessen, bis Emilia ihn von selbst entdeckt und fragt ehrlich interessiert, was sie gerade macht und ob sie noch etwas Zeit braucht. Oft spielt er kurz mit ihr, bis sie gemeinsam einen Abschluss finden.
Letzten Monat hat er sogar ein komplettes Bilderbuch für ein paar Kinder vorgelesen, das Adam kurz vorher mit der Gruppe angefangen hatte.
Adam war wirklich nur aus aufsichtstechnischen Gründen im Raum geblieben, es hatte absolut nichts damit zu tun, wie hingebungsvoll und mitreißend Herr Hölzer vorlas und mit verschiedenen Stimmen für die Figuren nicht nur die Kinder in den Bann zog.

Er vergöttert seine Tochter offensichtlich, so viel Zuneigung steckt in seinem Lächeln, wenn er zur Begrüßung in die Hocke geht, um Emilia in die Arme zu schließen, wie auch heute.

Und dann, dann kommt der Moment, dem Adam jeden Montag und Donnerstag insgeheim den gesamten Tag über entgegensehnt. Er atmet tief ein, überprüft rasch die Lage um ihn herum und erlaubt sich schließlich, sich ganz auf den Mann in der Tür zu fokussieren.

Denn dann, wenn Herr Hölzer die Umarmung löst und Emilia meist gleich los zu den Kleiderhaken rennt, dann wandert sein Blick rasch durch den Raum, bis er Adam entdeckt und schenkt ihm dieses Lächeln.
Und Adam kann gar nicht anders als zurückzulächeln. Leo Hölzers Lächeln wirkt wie radioaktive Strahlung, die von Adams Körper absorbiert und wieder abgegeben wird. Niemand würde dagegen ankommen, deswegen versucht er es gar nicht erst.

Beim erstem Mal war Adam wie angewurzelt sitzen geblieben und konnte nur zurückstarren, bis Esther aus dem Nebenraum angelaufen kam, Herrn Hölzer begrüßte und ihn mit seiner Tochter verabschiedete. Ihre provokanten Kommentare über Adams spontanen Totalausfall hatte sie nach Feierabend ungehemmt abgelassen, aber die waren nicht zu Adam durchgedrungen, so sehr hing er noch dem radioaktiven Mega-Lächeln nach.
Seit dem fünften Mal meldet er sich immer als Erster für die Montag- und Donnerstagnachmittage bei den Dienstplanbesprechungen.
Er ist bis heute nicht stolz darauf, Rainer vor drei Monaten mit einer Flasche scheiße teurem Wein für einen Diensttausch bestochen zu haben.

Auf das Lächeln folgt eine herzliche Begrüßung in Adams Richtung, während der schon aufsteht, zur Tür kommt und die Begrüßung erwidert.

Herr Hölzer lächelt ihn weiter an, diesmal nicht mehr so blendend, sanfter.
„Und, wie lief es heute mit Emilia? Heute Morgen war ihr ein bisschen schlecht, das hat Caro bestimmt erzählt, gab es noch Probleme?“

Adam genießt es, wenn er für Tür-und-Angel-Gespräche mit ihm Zeit hat. Im Kita-Alltag kommt es nicht oft vor, dass er sich genügend Zeit nehmen kann, aber heute nutzt er einfach mal aus, dass Esther um die Ecke sitzt und sich ja kümmern kann, falls etwas passiert.
„Nee, das war nach dem Morgenkreis weg, hab sie ein paar Mal gefragt. Auf den Nachmittagssnack wollte sie auf jeden Fall nicht verzichten.“

In Adams Bauch vibriert es fast mit, als Herr Hölzer über seine Antwort lacht.
„Dann ist ja gut. Danke, dass Sie immer so gut auf sie achten, das wissen wir wirklich zu schätzen.“

Bevor Adam reagieren kann, steht Emilia mit angezogenen, ungeschnürten Schuhen und auf links gedrehter Jacke neben ihrem Vater, zupft ihm an der Lederjacke und zeigt ihm sichtbar unzufrieden ihre Situation.
Adam muss unweigerlich grinsen, weil wieder mal deutlich wird, wie sehr Emilia ihren Vater um den Finger gewickelt hat. Sie muss gar nichts sagen und schon hat sie seine gesamte Aufmerksamkeit.

In diesem Moment hört Adam Esther nach ihm rufen, also verabschiedet er Familie Hölzer kurz und bewahrt sich das Gespräch als Motivator für den restlichen Tag auf.

_____

Am nächsten Montag ist Emilia krank und dementsprechend sieht Adam Herrn Hölzer nicht. Der Tag läuft zwar sonst im Verhältnis zu anderen Montagen gut, Pia nimmt ihm sogar freiwillig die Aufsicht im Regen ab, aber Adams Woche startet trotzdem suboptimal.

Dienstag vergeht schnell. Eines der Kinder aus Adams Gruppe feiert Geburtstag und daran hat Adam immer genauso viel Spaß, wie das Geburtstagskind.

Am Mittwoch bringt Frau Hölzer Emilia wieder in die Kita und Adams Tag beginnt mit Vorfreude auf den bevorstehenden Donnerstag. Seine Stimmung steigt automatisch.

Nachmittags sitzen Adam, Pia und die übrigen Kinder im Gruppenraum mit den Mal- und Bastelmaterialien, die die beiden beim Anblick des aufziehenden Gewitters schnell zusammengesucht haben.
Trotz Kittel landet wie erwartet einiges an Farbe und Wasser auf Adams Klamotten, aber das ist egal, wenn sie gerade das coolste Tierposter gestalten, das ihre Kita je gesehen hat.

Das Gruppentelefon klingelt und Adam löst sich aus der Kindergruppe, steigt auf dem Weg zur Telefonstation über ein paar Legosteine und nimmt den Anruf entgegen, wobei etwas Farbe auf dem Gerät kleben bleibt.
„Kindertagesstätte Am Wäldchen, Adam Schürk, rote Gruppe, guten Tag.“ spult er monoton ab.

„Hallo Herr Schürk, Carolin Hölzer hier. Ich wollte nur eben Bescheid sagen, dass mein Bruder Emilia heute abholen kommt, ich schaffe es nicht rechtzeitig von der Arbeit weg.“

Während Frau Hölzer spricht nimmt sich Adam einen Kugelschreiber und sucht mit den Augen nach dem Stapel Post-Its, der für gewöhnlich auch auf dem Regal liegt, nur heute nicht.
Adam verdreht die Augen. Wahrscheinlich hat Esther schon wieder die Zettel mit in ihre Gruppe genommen, weil da ständig vergessen wird, Neue aufzufüllen.

„Alles klar, Frau Hölzer, ich notier das. Wie heißt denn Ihr Bruder? Wir müssten dann auch seinen Personalausweis sehen, wenn Sie ihm das schonmal ausrichten könnten. Ich nehme an, Emilia kennt ihn?“

Am anderen Ende der Leitung bleibt es kurz still. Adam nutzt das, um sich das Telefon zwischen Ohr und Schulter zu klemmen, damit er gleich den Namen auf seine Hand schreiben kann.

„Den kennen Sie doch längst?“
Die Irritation in Frau Hölzers Stimme ist nicht zu überhören.

Adam teilt ihre Verwirrung. Hat er da etwas verpasst? An eine dritte Person in Verbindung mit Emilia kann er sich nicht erinnern. Vielleicht war dieser Bruder ja mal da, als Adam in den Herbstferien im Urlaub war und es wurde nirgends vermerkt? Bei Pias Dokumentationsstil wäre das denkbar.

Bevor er nochmal nachfragen kann, spricht Frau Hölzer weiter.
„Leo kommt sie doch ständig abholen, ich dachte nur, ich sag auch Bescheid, wenn‘s außerplanmäßig ist.“

Adam rutscht das Telefon weg, während er versucht, die Worte zu verarbeiten.
Im letzten Moment bewahrt er es vor dem Aufprall mit dem Boden und presst es hektisch wieder gegen sein Ohr, das den Farbfleck auf dem Plastik übernimmt.

„Leo Hölzer ist Ihr Bruder?“ Entfährt es ihm etwas schrill und ziemlich unprofessionell, doch darüber kann Adam jetzt nicht nachdenken.

„Ja, das wissen Sie doch, was denn sonst.“ Frau Hölzer klingt nun zusätzlich auch gestresst, aber Adam hört ihr kaum noch zu.
„Dann ist das ja geklärt, bis morgen früh!“

Das laute Tuten in seinem Ohr holt Adam wieder ins Hier und Jetzt.
Bruder?

Ein lautes Platschen gefolgt von Kinderkreischen verwandelt Adam blitzschnell zurück in den Erziehermodus.
Ein kurzer Blick zum Basteltisch bestätigt seine Vermutung eines umgekippten Wasserbechers, er zählt zwei Mädchen mit nassen Hausschuhen und klärt die Situation so schnell, wie sie entstanden ist.

Bis 16:30 Uhr hat Adam vor lauter Malspaß mit den Kids schon wieder vergessen, was ihn heute noch erwarten soll. Umso mehr Luftsprünge macht sein verräterisches Herz in seinem Brustkorb, als plötzlich Herr Hölzer mit Emilia an der Hand den Raum betritt.
Die beiden haben sich wohl schon im Flur getroffen. Und da Herr Hölzer ja der perfekte Vater- Onkel ist, kommt er natürlich zum Abmelden bei den Erziehern zurück, anstatt einfach mit dem Kind zu gehen, wie es fast alle anderen Eltern tun.

Er sieht sich staunend im improvisierten Malatelier um und mustert anschließend Adam von oben bis unten, versucht offensichtlich, ein Schmunzeln zu unterdrücken.
„Hier sieht’s nach Spaß aus, da wird man ja fast neidisch.“

Adam wirft einen Blick an sich herunter, er ist bunter als angenommen, und zuckt bloß grinsend die Schultern.
„Voller Körpereinsatz gegen einen verregneten Nachmittag.“

Besagter Körpereinsatz wird spontan benötigt, um zwei Jungs davon abzuhalten, sich gegenseitig die Haare anzupinseln. Die Eltern der beiden reagieren nie sehr erfreut auf fleckenmachende Kinder und zum Waschen hat Adam heute keine Zeit mehr, wenn die Eltern gleich auf der Matte stehen.

Adam sieht aus dem Augenwinkel, dass Herr Hölzer – nicht Mann von Frau Hölzer, wie sein Hirn hilfreich ergänzt – Emilia etwas ins Ohr flüstert. Die kichert, kommt zu Adam angerannt, tippt ihm in die Seite und strahlt ihn mit voller Entschlossenheit einer Vierjährigen an.
Dieses Lächeln scheint in der gesamten Familie zu liegen.
„Herr Schürk, kommst du mit tschüss sagen?“

Adam überlegt nicht lang und gibt Pia per Handsignal zu verstehen, dass er kurz weg ist.

Eigentlich begleitet Adam Eltern nicht durch das Eingangstor zum Kita-Gelände, aber ehe er sich versieht, steht er mit Herrn Hölzer und Emilia vor einem Streifenwagen. Mit dem wird Emilia am liebsten abgeholt, weil sie manchmal das Blaulicht anschalten darf, wie sie öfter im Morgenkreis erzählt.
Adam schaut zu, wie Emilia vergnügt im Kindersitz landet und blickt dann in blitzend grüne Augen.

„Ich muss mich wohl nochmal richtig vorstellen. Leo Hölzer, der Bruder von Carolin Hölzer, Onkel von Emilia.“
Besagter Onkel grinst Adam lieb an und streckt ihm eine Hand entgegen.

Sie ist warm und drückt genau richtig zu und Adam kann erst wieder sprechen, als sie sich nicht mehr berühren.
„Adam Schürk. Ich betreue Ihre Nichte und sollte vielleicht öfter mal in die Akten schauen…“

Herr Hölzer lacht kurz und sein Grinsen wirkt gar nicht mehr lieb, sondern viel mehr verwegen.
„Ist manchmal sinnvoll. Ich hab gehört, Sie wollen meinen Ausweis sehen.“

Adam räuspert sich verlegen und will irgendeinen lahmen Spruch von wegen Schutzauftrag entgegnen, aber der andere spricht schon weiter.
„Dabei steht da meine Handynummer gar nicht drauf. Die würd ich Ihnen aber trotzdem geben, Sie müssten nur fragen.“

Jesus.
Herr Hölzer flirtet mit ihm. Er flirtet mit ihm und wird dabei etwas rot, als wäre er ein schüchterner Schuljunge und kein erwachsener Mann, der Adam beim Flirten am Arbeitsplatz siezt.

Adam findet es so liebenswert, dass er vor lauter verknalltem Glotzen und nicht-Atmen fast das Antworten vergisst.
„Ich frag!“ ist das Erstbeste, was er herausbekommt.

Daraufhin bekommt er einen Zettel in die Hand gedrückt, richtig old school, und jetzt ist es Adam, der sich wie ein schüchterner Schuljunge fühlt und errötet.

Dann lehnt Herr Hölzer sich ein Stückchen näher zu ihm heran und spricht leiser, als würde er Adam ein Geheimnis verraten.
„Bieten Sie mir dann auch endlich das ‚Du‘ an? Ich möchte nämlich wirklich gern mal mit Ihnen ausgehen... Adam."

 

Nein, Leo Hölzer ist nicht einfach irgendein Elternteil, das Adam ganz unschuldig ein wenig aus der Ferne anhimmeln kann. Er ist nämlich gar kein Elternteil und bald wird Adam das Anhimmeln offiziell und aus nächster Nähe dürfen. Und vielleicht bekommt Adam doch noch das kleine Stückchen Glück, von dem er schon so lange heimlich träumt.