Work Text:
Die Tür war das einzige, was uns voneinander trennte. Aber es war genug, um ehrlich zu sein.
Zwei Wochen. So lange ist es her, seitdem wir uns trafen. Oder um genau zu sein, seitdem ich sie von ihren Fesseln löste.
Und in diesen zwei Wochen.. haben wir nicht viele Worte miteinander ausgetauscht. Die meisten kamen von mir, sie war meistens still oder gab ein- bis zweiwörtige Antworten von sich.
Ich weiß nichts über sie. Was sie mag. Woher sie kommt. Wie sie tickt. Nichts.
Einige Male versuchte ich schon mit ihr in Kontakt zu treten. Ich brachte ihr frischgeschnittenes Obst oder kalte Getränke. Sie nahm sie mit einem kalten „Danke“ entgegen, ohne mich anzuschauen oder zu lächeln. Ich fragte sie, ob sie die Sonne mit mir genießen und auf einen langen Spaziergang am Strand gehen würde. Sie lehnte ab. Ich schlug ihr vor, einige Karten- oder Brettspiele mit mir zu spielen. Sie hat mich einfach ignoriert.
Den ganzen Tag verbrachte sie in dem Gästezimmer, das ich ihr ausgeliehen hatte. Es ist lange her, seitdem sie die Außenwelt betretet hatte, das verstehe ich, aber...
Heute schien ein wenig anders. Sie saß im Wohnzimmer. Und liest dort ihr Buch. Sperrt sich nicht mehr in ihrem komfortablen Zimmer ein.
Eigentlich wäre dies die Chance, sie ein wenig kennenzulernen. Ein paar Wörtchen mit ihr zu reden. Zu erfahren, was für eine Art Person sie ist.
Doch ich befürchte, dass sie mich nur weiterhin ablehnen wird, so wie sie es die letzten Tage tat. Nur, weil sie nun dort saß, bedeutete das noch lange nicht, dass sie bereit war, sich mit mir zu assoziieren. Sie brauchte wahrscheinlich nur eine Abwechslung in ihrer Umgebung und ist deswegen nach unten gekommen, das ist alles.
Ja, ich weiß, eigentlich hatte ich sie aus bestimmten Gründen befreit. Aber... diese Gründe waren mir.. ehrlich gesagt total egal geworden..
Und langsam... weiß ich nicht wirklich, was ich noch tun soll.
Meine Eltern suchten jahrelang nach einer Göttin, die sich „Elpída“ nannte. Warum? Nun, sie wollten den Menschen beweisen, dass übernatürliche Wesen unter uns verweilen. Dass sie mehr als nur ein Mythos oder eine erfundene Geschichte sind. Dass sie tatsächlich existieren.
Elpída soll sich hier in Ambrosia befunden haben. Deshalb suchte meine Eltern nach ihr, anstelle eines anderen Gottes. Sie war am einfachsten zu erreichen. Sie war am nähesten dran. Und somit hätten meine Eltern voller Stolz sagen können, „Ja, ja, ihr habt Jahrzehnte in diesem Dorf gelebt und habt trotzdem die Präsenz dieser Elpída nicht gespürt? Tsk, tsk, tsk. Dann erlaube uns, euch die Wahrheit zu zeigen!“
…
Meine Eltern waren.. sehr.. wie sagt man es? Melodramatisch?
Oh, ja, sie hätten es definitiv genauso gesagt.
Ich weiß gar nicht, warum es ihnen so wichtig war, diese Tatsache ans Licht zu bringen. Warum war es wichtig, dass Menschen von Elpída und den anderen übernatürlichen Wesen Bescheid wissen? Was wollte meine Eltern damit erreichen? Es bleibt mir ein Rätsel...
Auf jeden Fall war das, warum auch immer genau, der erste Grund, warum sie nach ihr suchten.
Der andere Grund, der zweite Grund... Der war...
…
Im Inneren meiner linken Brust fing es an, zu schmerzen.
Ich... rede nicht gerne darüber. Ich denke nicht gerne darüber nach.
Denn... hätte ich an diesem einen Tag vor dreizehn Jahren einfach nur ein bisschen besser aufgepasst, dann...
…
Es ist... wirklich gruselig, wie viel eine einzige Sekunde... in deinem Leben ausmachen kann...
Elpída...
Sie sollte mir helfen...
Früher wünschte ich mir wirklich sehr, dass ich einfach wieder gesund werden könnte...
Zwar... kam ich selbst gut damit klar... Es hat mich nicht gestört, wirklich nicht.
Aber für meine Eltern... war es so schwer...
Ich wollte nicht, dass sie ihr Leben für mich opfern mussten... Und das alles nur wegen eines einzigen Moments, an dem ich unvorsichtig war...
Es ist einfach nicht fair...
Doch, egal was meine Eltern taten... Sie fanden Elpída nicht.
Sie verstarben vor fünf Jahren.
Ich erinnere mich nicht mehr daran, wie es passiert ist. Jedes Mal, wenn ich versuche, daran zurückzudenken, hindert mich etwas daran. Mein Kopf fängt an zu pochen. Ich bekomme Schwierigkeiten, zu atmen. Ich leide an Schweißausbrüchen. Zweimal war es sogar so schlimm gewesen, dass ich mich plötzlich am Boden befand und die Orientierung um mich herum komplett verlor. Aber nun... daran bin ich gewöhnt... So was passiert mir häufig, wenn ich von Stress überwältigt bin. Das ist vollkommen normal bei mir. Und zwar genau wegen dieser einen Sekunde.
Nur... das würde nicht wirklich erklären, warum ich mich nicht an den Tod meiner Eltern erinnere...
…
Ah... Ich komme vom Thema ab...
Richtig. Meine Eltern fanden Elpída nie.
Luka, mein Bruder, hatte ein wenig mehr Glück als die beiden.
Er fand die Urne, die sie angeblich hauste. Aber das war es auch schon wieder.
Kontaktieren konnten wir sie nicht. Die Urne blieb geschlossen, Elpída begegnete uns nie.
Und einige Zeit danach... tauchten plötzlich einige Engel aus Meganiis Königreich vor uns auf...
Danach... ist Luka.. weggerannt...
Warum hat er das getan...?
Hat er sich dafür geschämt, dass er beim Experiment versagt hat...? Oder... war ich ihm zu viel...?
War es... meine Schuld...?
…
Der Tag, an dem er verschwunden ist. Oder einige Tage danach.
Ich... meine, mich an etwas erinnert zu haben. Aber ich weiß nicht mehr was.
Ich weiß nur noch, dass es ein richtig... richtig... schmerzhaftes Gefühl war...
Aber.. was auch immer passiert ist... in dieser Nacht...
Ich vergaß alles wieder...
Mein ganzer Körper fing an zu zittern. Mein Bauch fühlte sich leer an, als eine Reihe an verwirrender und schmerzhafter Emotionen durch meinen Körper flossen.
Was ist los mit mir? Weshalb fühle ich mich so?
Der Drang, den ersten Gegenstand zu nehmen, den ich greifen konnte und ihn gegen die Wand zu werfen, überkam mich.
Es war ein sehr... unangenehmes Gefühl...
…
Da war... ein goldenes Licht, richtig...?
…
Bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, saß ich mich an das Ende der Treppe, die zum oberen Stockwerk führt.
Es ist okay, Paula... Beruhige dich...
Ich habe meine Medikamente genommen, richtig...? Vielleicht hatte ich es einfach vergessen... und deswegen war alles um mich so verwirrend...
Solche Nebenwirkungen existieren nicht. Und wenn doch, dann hätte ich mich schon längst an diese gewöhnen müssen.
Trotzdem... redete ich mir das weiter ein... Ich bilde... mir das nur ein...
Einige Minuten vergingen...
Und in diesen tat ich nichts anderes, als vor mir hinzustarren...
Das Ticken der Uhr dröhnte in meinem Kopf...
Schweiß tropfte mir von der Stirn und landete auf dem Boden...
Ich konnte es hören...
Es waren nur Schweißtropfen, aber sie waren unglaublich... laut...
Es ist doch nicht normal, dass ich sie hören kann, oder...?
Ich schaute hoch auf die Decke. Alles wirkte verschwommen. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie laut und schwer ich atme.
Wie lange... saß ich hier schon...?
Wann bin ich hierhergekommen...?
Wurde mir schwindelig und ich habe mich deswegen kurz hierhingesetzt...?
Ja... Ja, das ist gut möglich...
Habe ich heute schon etwas getrunken...?
Ich... sollte etwas trinken...
Im Wohnzimmer befand sich doch noch eine halbleere Flasche, oder...?
…
Langsam und vorsichtig stand ich auf, begab mich zu der Tür und öffnete sie langsam.
Das Licht, das durch die Fenster dieses Zimmer schien war unglaublich hell. Meine Sicht wurde kurz von kleinen Flecken übersät und mein Kopf brummte.
Es ist schon September... Aber es war dennoch so extrem heiß...
Deswegen hasse ich den Sommer.
Egal, wo du hingehst. Nirgendwo warst du sicher.
Ah... Die Hitze... Bestimmt wurde mir deswegen schwindelig... Ja, das wird es sein...
Oh, da war meine Wasserflasche ja. Auf dem Esstisch.
Ich ging langsam darauf zu, setzte mich hin, nahm die Flasche und nahm mehrere große Schlücke.
Ha... Das Gefühl, als hätte man seit Jahren nichts mehr getrunken.. und konnte endlich an Wasser kommen...
Eine der frustrierendsten, aber zugleich auch schönsten Momente, die es gibt...
Als die Flasche endlich leer war, stellte ich sie mit voller Wucht auf den Tisch.
Mein Kopf fühlte sich wieder frei an, meine Sicht klar... Ich fühlte mich wie ein neuer Mensch.
Die Haare klebten mir an der Stirn, meine Kleidung fühlten sich schwer an und es war immer noch ungemütlich heiß... Im Vergleich zu vorhin, jedoch, ging es mir wirklich perfekt.
„An wer auch immer Wasser erfunden hat... Vielen, vielen Dank...“
Das... ist mir einfach so rausgerutscht. Im Nachhinein klang das ziemlich dumm. Aber na ja, egal. Es waren meine ehrlichen Gefühle!
Ich streckte mich einmal lang und kräftig, ließ meine Arme fallen und schaute dann instinktiv nach vorne. Und blickte dabei in ein paar blaue Augen.
„... Eh...?“
... Huh...?
War-... War sie schon die ganze Zeit hier...?
… Warte, stimmt ja...
Ich hatte mich ja nicht getraut, das Wohnzimmer zu betreten, weil sie hier drinnen war...!
„O-... Oh... Ähm... Du bist also nun auch endlich aufgewacht...“
Sie schaute mich noch einmal kurz an, bis sie ihren Blick von mir abwandte und dann nur einen kurzen Satz von sich gab: „Du siehst heute nicht sonderlich gut aus.“
Wow. Sieben Worte. Ein Rekord.
… Moment-...
„... Wir haben es gefühlt 40 Grad. Ich kann diese Hitze überhaupt nicht ertragen, also tut mir leid, dass ich mich nicht für dich hübsch gemacht habe.“
Sie erwiderte erst nur mit einem Seitenblick.
… Es ist wirklich viel zu heiß für mich, wenn ich mir nicht mal vorher überlege, was genau ich da eigentlich sage...
„Was für eine patzige Antwort. Ich meinte damit, dass du nicht unbedingt gesund aussiehst. Weshalb fühlst du dich sofort angegriffen?“
… Toll gemacht, Paula.
Bevor ich antworten konnte, fügte sie noch hinzu:
„Außerdem bist du selbst Schuld. Weshalb ziehst du mitten im Sommer ein Kleid mit langen Ärmeln an?“
… Das... Äh...
„... Was ist mit dir? Macht dir die Hitze nichts aus?“
Erneut schaute sie von mir weg. „Ich existiere schon seit langer Zeit auf diesem Planeten. An diese kleinen Dinge gewöhnt man sich mit der Zeit.“
„Ja, aber du warst doch-...“ … die letzten dreihundert Jahre eingesperrt.
Die letzten paar Worte verkniff ich mir, bevor ich wieder etwas Falsches sagte.
Es schien sie nicht sonderlich zu interessieren, ob ich meinen Satz noch beenden werde oder nicht, denn sie wand sich sofort wieder dem Buch zu, das sie in ihren Händen hielt.
Dreihundert Jahre eingesperrt. Eine Zeit, die ich mir als normaler Mensch einfach nicht vorstellen kann..
Auf Bitte meines Bruders führte ich das Experiment meiner Eltern fort. Elpída hörte nie auf mich. So oft rief ich ihren Namen, doch bekam nie eine Antwort.
Also wand ich meiner Aufmerksamkeit einem anderen Gott zu. Ein Gott, oder eher eine Göttin, die ähnlich wie Elpída ist.
Ich fand sie in der verlassenen St. Elpís Kirche. Unten in den geheimen Gängen, die nicht für normale Menschen zugänglich waren.
Da... traf ich auf sie...
Kyoki.
Die Person, die vor mir saß, war die ehemalige Botin der Hoffnung, Kyoki.
Nun.. Ich war definitiv weiter, als meine Eltern und mein Bruder es jemals waren. Um ehrlich zu sein, war ich etwas stolz darauf.
Dennoch... weiß ich überhaupt nicht, wie es nun weitergehen soll.
Natürlich könnte ich die Wünsche meiner Eltern erfüllen.
Aber das Bedürfnis, wieder gesund zu werden, verschwand nachdem meine Eltern starben.
Und den Menschen beweisen, dass übernatürliche Wesen existieren? Dafür war Kyoki ein wenig... zu passiv.
An sich wirkt sie überhaupt nicht besonders. Vielleicht liegt das daran, dass ich ihr eines meiner schwarzen Sommerkleider, welches mir zu groß war, ausgeliehen hatte oder dass sie einfach nur dort sitzt und ein ganz normales Buch liest, aber...
Sie wirkt einfach nicht übernatürlich.
Wenn ich nicht besser wüsste, würde sie für eine normale 20- bis 25-jährige, introvertierte und vor allem menschliche Frau halten.
Definitiv keine Göttin oder sonst was in der Art.
Ich glaube, ich habe sie auch bisher kein einziges Mal dabei erwischt, wie sie Magie verwendet.
Das einzige Außergewöhnliche an ihr, ist ihr Name. Er klingt japanisch, obwohl sie selbst definitiv nicht asiatischer Herkunft ist.
Wenn man das allerdings ignoriert, ist sie einfach ein normaler Mensch.
Ich habe sie zu mir hergebracht und erlaube es ihr, hier zu leben, bis ich weiter weiß, was genau ich eigentlich tun will.
Bis jetzt fällt mir aber überhaupt nichts ein.
„... Hey, Kyoki.“
Keine Reaktion.
„... Was wirst du eigentlich machen, wenn du dich vollständig erholt hast? Wirst du dann mit deinen Pflichten weitermachen? Wirst du nach Hause gehen?“
Für einen kurzen Moment schien sie zu erstarren.
Sie saß von Vornherein schon sehr still. Sie bewegte sich kaum. Und trotzdem konnte ich erkennen, dass sie für einen kurzen Moment erstarrte, als ich ihr diese Frage stellte.
Nach einiger Zeit antwortete sie dann.
„... Es gab eine Sache, an die ich gearbeitet habe, bevor man mich alleine ließ. Ich denke, ich könnte damit weitermachen, doch...“
„... Hm...?“
„... Ich müsste vorerst darüber nachdenken. Fast vierhundert Jahre hatte ich daran gearbeitet, zu dem Zeitpunkt, als ich dort eingesperrt wurde.“
„... Vierhundert Jahre.. Wäre das nicht eigentlich ein sehr guter Grund, deine Pläne fortzufahren? Das wäre sonst eine Menge an verschwendeter Zeit.“
Stille.
Ich wartete und wartete, doch sie erwiderte nicht.
Für sie schien das Thema wohl abgeschlossen zu sein.
Trotzdem... war ich neugierig...
„... Woran hast du denn gearbeitet?“
Keine Antwort. Keine Reaktion.
… Verstehe.
Ich wusste nicht, wie ich weiter antworten sollte, also ließ ich meinen Blick über das Wohnzimmer schweifen. Bis mir die Uhr in mein Sichtfeld fiel.
13:14 Uhr. Mittagessenzeit war schon längst vorbei. Als ich das realisierte, meldete sich mein Magen plötzlich bei mir. Huh... mir war gar nicht bewusst, wie hungrig ich war...
„... Es ist schon so spät... Hast du zufällig Hunger?“
„... Nein.“
„Aber du bist doch erst vor Kurzem aufgestanden, oder? Hast du denn schon etwas gegessen?“
„Warum sollte ich etwas gegessen haben, wenn ich keinen Hunger habe?“
„... Das ist nicht gut... Du musst doch etwas essen...“
„Mhm.“
Sie macht es mir nicht einfach...
Aber... sie möchte nicht essen... Das ist doch nicht gut, oder...?
Vielleicht liegt es einfach daran, dass sie solange eingesperrt war. Doch ihre Taille war extrem schmal, an ihren Beinen war kein bisschen Fett zu sehen und an ihren Armen war auch nichts. Ich würde sie nicht als magersüchtig bezeichnen, gesund war sie aber auf gar keinen Fall. Ich habe keine Ahnung, wie sie aussah, bevor man sie wegsperrte, aber-...
Huh... Moment... Da war etwas, worüber ich bisher gar nicht nachgedacht hatte...
Weggesperrt... Eingesperrt... Alleine gelassen...
Warum... Warum hat man das getan...? Wieso hat man ihr ihrer Freiheit geraubt? Hat sie etwas getan? Hatte sie irgendwelche Feinde, die sie loswerden wollten? Aber... warum denn...?
Es... muss doch einen Grund geben, oder...?
„... Was.“
„Eh? Was... was?“
„Du starrst mich die ganze Zeit an. Wieso?“
„Oh-... Äh... … Möchtest du wirklich nichts essen?“
Nichts.
„... Ich könnte Pizza bestellen, wenn du möchtest. Oder chinesisch. Indisch. Italienisch. Griechisch. Nepalesisch. … Ah, die Mo;Mo von dem letzten kann ich dir wirklich empfehlen! Es gibt kaum etwas, das besser schmeckt.“
Immer noch nichts.
„... Such dir irgendwas aus, wir haben Menüs von allem da. Ich kann sie dir holen, wenn du möchtest.“
Und immer noch nichts.
Nichts, außer das Ticken der Uhr und der Gesang von Vögeln, der durch das Fenster eindringt.
Und leises Magenknurren.
Okay, okay, ich habe es verstanden, ich esse ja gleich was-...
… Warte, das kam diesmal nicht von mir.
„... Hast du nicht gesagt, du hast keinen Hunger?“
Auf diese Bemerkung schloss Kyoki kurz ihre Augen und... … bilde ich mir das nur ein oder ist sie ganz kurz rot geworden?
Sie schloss das Buch, legte es zur Seite und schaut nach langer Zeit endlich wieder zu mir. „Haben diese Orte auch Frühstück?“
„... Eh-... Wie bitte...?“
„Ich bin vor einer halben Stunde aufgewacht. Es ist doch richtig, dass ich dann Frühstück bekomme.“
„... Nein...? Nein, sie servieren kein Frühstück...?“
„So?“ Und wieder schaut sie von mir weg. Augenkontakt ist nicht so ihres, huh? „Dann muss ich wohl etwas von hier essen. Mach, was auch immer du willst, ich bin nicht wählerisch.“
„... Mooooment... Wer hat gesagt, dass ich das Essen für dich mache?“
„Du scheinst mich missverstanden zu haben. Würdest du nicht auch für dich selbst etwas machen? Schließlich hast du auch Hunger.“
„Ahh-... Du hast meinen Magen also auch gehört, huh...“ Anscheinend war er lauter, als ich dachte. Wie peinlich..
„Hm? Du hast mich gefragt, ob ich Hunger habe. Warum solltest du das tun, wenn du selbst zufrieden bist?“
Das... ist eine echt merkwürdige Art, das zu betrachten... Es stimmt zwar, dass ich gefragt habe, weil ich selbst unter Hunger litt, aber sie schien dadurch anzudeuten, dass man sich nicht einfach auch um seine Gäste kümmern kann...?
„... Ich hatte aber heute schon gefrühstückt... Wäre es denn sehr schlimm, wenn ich einfach Nudeln mit Tomatensoße koche? Das magst du doch bestimmt auch, oder nicht?“
„Hm... Das könnte ein Problem werden...“
„... Hast-... Hast du nicht vorhin noch gesagt, dass du nicht wählerisch wärst...“
Erst kam keine Antwort zurück. Bis Kyoki vom dem Sofa, auf dem sie saß aufstand, ihr Kleid richtete und dann sagte: „Es ist in Ordnung. Ich werde mir ein wenig Obst nehmen, das reicht mir."
Mir aber nicht. „Moment, jetzt habe ich aber ein Problem.“
„Du kannst dir deine Nudeln machen, ich bin mit einem Apfel zufrieden.“
„Das ist genau mein Problem. Hast du dich eigentlich mal angesehen? Du musst mehr essen!“
„... Was möchtest du mir damit mitteilen?“
„Dass du ruhig etwas mehr essen und zunehmen könntest, damit du nicht mehr aussiehst, wie ein Lauch?“
„Hm? Denkst du, du hast das Recht, mein Aussehen zu kritisieren, während deine Haare so fettig sind?“
„... Das kommt vom Schwitzen. Hast du mir nicht zugehört, als ich gesagt habe, dass wir es gefühlt 40 Grad haben?“
„Dann erwidere ich mit, ich kann essen, was ich möchte und es hat dich nichts anzugehen.“
„... Oh mein Gott. Hast du mit deiner Mutter auch so geredet, wenn sie sich mal um dich gesorgt hat?“
… Ich weiß nicht, was genau es war, aber irgendwas an meiner Aussage schien sie zu stören. Sie wandte ihren Blick sofort von mir ab und hatte einen... … unbeschreiblichen Gesichtsausdruck. Vielleicht fiel es mir nur so schnell auf, weil sie bisher nie wirklich ihre Emotionen zeigte, aber irgendwas daran war... interessant.
Und sofort bereute ich meine Wortwahl.
„... Gut, na schön.“
Wieder schaute sie mich von der Seite an.
„Ich hatte heute Morgen sowieso nur Joghurt mit Müsli und Früchten gegessen. Ein zweites Mal zu frühstücken sollte nicht schaden. Ich mache mich eben schnell frisch und lege dann los.“ … Moment, das ist die Gelegenheit. „Aber ich möchte, dass du mir dann mithilfst, okay?“
…
„Du... weißt doch, wie man kocht, oder?“
„... Ich durfte dem Koch in der Schlossküche einige Male dabei zusehen, wie er seine Gerichte vorbereitet.“
„Oh, das klingt...“ ... Hat sie gerade Schlossküche gesagt...? „... interessant. Durftest du denn auch mal selbst kochen?“
„... Ich habe einmal eine Suppe gesalzen.“
„.. Und weiter?“
„... Was soll weiter sein?“
„... Oh Gott...“ Das... könnte... sehr interessant werden...
„So... Tomaten, Pilze, Baked Beans, Eier, Toast... Wir scheinen alles zu haben..“
„... Und was soll das werden?“
„Ein traditionelles englisches Frühstück. Davon wirst du richtig satt. Und isst du es täglich, wirst du bestimmt etwas auf deine Knochen kriegen.“
Nachdem ich das sagte, rollte sie erst ihre Augen. Doch dann fing sie plötzlich an, mich von unten bis oben zu mustern. Was... was wird das...?
„... Was ist?“
„Vielleicht solltest du deinen eigenen Ratschlag zu Herzen nehmen. Bei dir ist ebenfalls nirgendwo etwas dran. Vor allem...“ Ihre Augen blieben auf einen bestimmten Punkt stehen, als sie ihren Finger direkt auf meine Brust legte. „... hier vorne nicht.“
… Warte, hat sie gerade-...
Ich nahm ihre Hand und warf sie von mir weg. „... Lass das.“
„Ich wollte nur sagen. In der Hinsicht habe ich mehr, als du.“
… Das kann ich nicht leugnen. Man konnte es bei ihrer göttlichen Kleidung nicht wirklich erkennen, aber jetzt, während sie dieses Kleid trägt. ... Ja. Ja, ich habe nicht das Recht sie zu kritisieren-... Worüber rede ich eigentlich.
„... Dass du das auch noch erwähnst... Dein Selbstbewusstsein ist ziemlich niedrig, nicht wahr?“
„Mein Selbstbewusstsein? Hast du nicht vorhin mit einem ziemlich genervten Blick bei mir drauf geschaut?“
„... Ja? Stört es dich etwa, dass ich nicht mit Begeisterung geguckt habe?“
„Eifersucht ist auch ausschlaggebend.“
„Ich bin nicht-...! … Wir kochen jetzt.“
Als ich mich wegdrehte, hätte ich schwören können, dass ich aus dem Augenwinkel ein Grinsen auf ihrem Gesicht erkennen konnte. Das ist nicht unbedingt die Situation, in der ich sie zum ersten Mal (halbwegs) lächeln sehen wollte. Sind alle Götter so schlimm? Wäre Elpída genauso gewesen? Hilfe, was hätten sich meine Eltern gedacht, wenn sie Elpída befreit hätten und sie angefangen hätte, solche Kommentare von sich zu geben?
„Die Tomaten und Beans müssen eigentlich nur in einem Topf aufgewärmt werden, also kommen die zuletzt. Zu den Eiern... Hmm... Wie lange sollte man sie anbraten..?“
„... Weißt du das etwa nicht?“
… Habe ich etwa laut gedacht?
„Hmm? Sag mir, Kyoki, weißt du denn, wie lange man Eier anbraten muss?“
Ein blankes Gesicht. Ohh, habe ich etwa recht gehabt?
Meine Schadenfreude hielt aber nicht lange, als sie sich zu dem Herd drehte und vier Eier aus der Schachtel, die schon bereitgestellt war, nahm.
„Versuche sie bitte nicht so lange anzubraten. Ich mag es nicht, wenn sie zu knusprig sind.“
Keine Antwort von Kyoki. Sie sollte das schon hinkriegen.
Ich drehte ihr den Rücken zu und widmete mich der Utensilienschublade. Hmm... Irgendwo hier war doch ein Dosenöffner, oder nicht...?
„Ah, da ist er ja.“ Gerade, als ich ihn in der Hand nehmen wollte, hörte ich hinter mir, ein ganz lautes Knacken und das unangenehme Geräusch von brutzelnder Flüssigkeit.
„... Was war das.“
Rasch drehte ich mich um und wurde von einer Tragödie begrüßt.
Kyoki stand dort mit vier zerbrochenen Eierschalen in ihren Händen. In der Pfanne befanden sich... wenn man es genau nehmen möchte, anderthalb Eier. Eines ist heil angekommen, von dem anderen ist die Hälfte daneben gefallen. Und die letzten beiden... lagen da auf der glühenden Herdplatte... und überließen sich ihrem Schicksal... Hat sie etwa versucht, alle vier auf einmal zu brechen..?
„Was... hast du getan...?“
Als sie das hörte, begab sie sich langsam zum Mülleimer, warf die Eierschalen weg, drehte sich zu mir und sagte mit einem richtig neutralem Gesicht: „Nichts, das du beweisen kannst.“
Was habe ich bitte in mein Haus gelassen.
Na ja, zumindest wurde ein Ei gerettet. So dachte ich, bis ich dann mit der tragischen Wahrheit begrüßt wurde... „Du... Du hast kein Öl in die Pfanne gegeben...“
„Sollte ich das?“
Das. Tut weh.
„Es... Es ist okay. Ich mache das schon.“
Nachdem ich die Herdplatte ausgeschaltet und die nun nutzlosen Eier aufgeräumt hatte, kippte ich ein wenig Öl in die Pfanne und zerbrach die vier Eier eins nach dem anderen.
So super lange sollten sie nicht anbraten... Ich denke, das wird schon irgendwie.
„Könntest du in der Zwischenzeit die Tomaten und Beans in zwei Töpfe kippen?“
Ohne ein Wort zu sagen, stellte sie sich zu der Theke auf der die Dosen standen. Ich denke mal, das sollte gut gehen, also widmete ich mich wieder dem Essen vor mir.
… Oh, warte, wird sie überhaupt verstehen, wie so eine Dose funktioniert? Diese hier hatten keine Verschlussringe, oder?
Ich schaue zu ihr hinüber. „Der Dosenöffner ist in der Schublade hinter-...“ Beide Dosen standen schon geöffnet vor ihr. Kein Dosenöffner in Sicht.
„... Was hast du gemacht?“
Sie guckte verwirrt. „Ich habe genau das gemacht, was du gesagt hast?“
„Wo ist der Dosenöffner?“
„So was gibt es? Ich habe einfach meine Hände benutzt.“
Sie hatten wirklich keine Verschlussringe.
… Hilfe.
Alles, was auf dem Herd gehörte, stand dort und der Toast war bereits im Toaster. Dafür, dass wir beide sehr unerfahren waren, sind wir ziemlich gut durchgekommen.
„Nur noch ein bisschen, dann können wir dieses leckere Essen genießen~“
Mit einer Göttin ein englisches Frühstück zum Mittagessen gekocht. Das ist etwas, das nur wenige von sich behaupten können. Aber um ehrlich zu sein, ist das gar nicht so ungewöhnlich für mich. Schließlich recherchierten meine Eltern schon seit Langem übernatürliche Wesen, ich kenne mich schon sehr gut damit aus.
Ahh, das Essen riecht so gut... Wann war das letzte Mal, dass ich so ein extravagantes Frühstück essen konnte...? Desto mehr ich darüber nachdenke, desto mehr tat mir der Magen weh. Sobald man Hunger hat, fühlten sich fünf Minuten wie dreißig an. Wandelndes Zeitgefühl ist manchmal wirklich eine Folter...
Kyoki schien aber nicht so begeistert zu sein, wie ich. Unbeeindruckt schaute sie das Essen auf dem Herd an.
„... Gefällt es dir nicht?“
Es wirkte so, als ob sie erst überlegen wollte, ob sie wirklich etwas sagen sollte. Bis sie endlich den Mund aufmachte und von sich gab: „Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal eine gekochte Mahlzeit ohne Fleisch sah.“
Oh... Super...
„Ah, ha ha... Sorry... Ich esse schon, seitdem ich sechs bin kein Fleisch mehr... Es ekelt mich an.“
„Mhm...“ Sie schien immer noch nicht zufrieden.
„Normalerweise gibt es zu diesem Gericht noch Bacon und Würstchen. Aber nicht für mich. Das, was du siehst, ist das, was du kriegst.“
„... Vielleicht mangelt es deshalb vorne bei dir...“
… Aha? So ist das also?
„... Du versuchst mich, zu provozieren.“
„Und offensichtlich funktioniert es.“
„... Hah?“
„Dein Blick strahlt nicht gerade Freude aus.“
… Warum habe ich sie zu mir eingeladen.
„Oh? Habe ich etwa einen wunden Punkt getroffen? … Ist es möglich, dass du einen Komplex hast?“
„... Okay. Okay. Würstchen haben wir gerade nicht hier, aber Bacon... sollte noch von Luka welches im Gefrierfach sein... Dann bekommst du deinen Bacon. Aber dann erwarte ich auch von dir, dass du alles aufisst. Ja? Aaaalleeees.“
„Das höre ich doch gerne.“
„Hah. Beschwere dich nicht, wenn du später einen Herzinfarkt bekommst.“
Und so endete es damit, dass ich mit einem Messer vor einer Ladung rohem, mit Magie (sie beherrschte also Feuermagie...) aufgetautem Fleisch stand. Natürlich haben wir kein fertiggeschnittenes Bacon hier ihm Haus, das hätte mein Leben schließlich viel einfacher gemacht.
„Gut... Gut, dann mache ich dir jetzt dein Bacon.“
Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sich ein zufriedenes Grinsen auf Kyokis Gesicht zeigte. ... Tzz!
Ich rollte meine Ärmel hoch und begab mich in Position. Es ist okay, Paula, einmal wirst du dich deinem Feind stellen können. Danach wirst du nie wieder rohes Fleisch anfassen müssen. Nur dieses eine Mal...! Es wird nur ein paar Minuten dauern...! Augen zu und durch...!
Ich bereitete mich mental darauf vor, während ich gegen das Gefühl von Übelkeit kämpfte.
Aber... dass sie da steht und mir nur zuschaut, macht mich ehrlich gesagt ein bisschen nervös...
Ich schaue zu ihr hoch. „Könntest du vielleicht schon mal den Tisch-...“ Als mir ihr Gesichtsausdruck auffiel, hatte ich total vergessen, was ich eigentlich sagen wollte. Hm...? Was war mit ihr los...? Sie schaut so... melancholisch...? Ist irgendwas passiert?
„... Was ist?“
Sie schien aus ihren Gedanken gerissen zu sein und schaute zur Seite. „Nichts.“
„Ah...“
Okaaaay, das war merkwürdig. Na ja, egal. Zurück zum Bacon.
Okay... Okay... Du schaffst das, Paula.
Langsam legte ich das Messer an das obere Ende und zog es vorsichtig aber zögernd nach unten. Das... wird auf jeden Fall ein wenig dauern...
Mit jeder Bewegung, die ich gemacht habe, ekelte ich mich umso mehr. Warum genau tue ich das eigentlich? Ist es mir wirklich so viel wert, dass wir eine Bindung zueinander aufbauen? Wozu eigentlich? … Oh Gott, die Bacon-Strips sind so schief und dazu auch noch viel zu dünn geworden. Hoffentlich gibt das keine Probleme, wenn ich sie anbrate.
Ich wollte das Messer oben wieder anlegen, als plötzlich von hinten eine Hand auf meine gelegt wurde und ich die Präsenz einer anderen Person hinter mir spürte. „Ah-...“
„Deine Hand ist viel zu zittrig. Hier, lass mich dir helfen.“
Nachdem sie das sagte, leitete sie meine Hand an dem Bacon entlang. Was daraus entstand war ein gerader, dicker Bacon-Strip. Konnte sie etwa doch kochen...?
Sie machte immer weiter. Leitete das Messer in meiner Hand mit ihrer und zusammen schnitten wir aus der Fleischmasse viele, lange Bacon-Strips. Bei dem Gedanken, dass sie hier war und mir, ohne aufgefordert zu werden, half, beruhigte mich langsam und brachte mir ein kleines Lächeln auf dem Gesicht.
Bis ich bemerkte, in was für einer Position wir uns eigentlich befanden und mir warm ums Gesicht wurde. Sofort sprang ich instinktiv von ihr weg. „Ahhh, was machst du da...?!“
Ich hatte ein Grinsen erwartet, aber was ich fand, war ein verwirrtes Gesicht. „So? Zeigst du so deine Dankbarkeit?“
„Hä?“ … Hat sie sich keine Gedanken darum gemacht, wie ihre Aktion herüberkommen könnte? „Das-... Das ist schon in Ordnung. Ich weiß, wie man mit einem Messer umgeht.“
Kyoki antwortete nicht mit Worten, sondern ließ ihren Blick auf die Bacon-Strips, die ich rausgeschnitten hatte, fallen. … Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass für dieses Missgeschick die Tatsache, dass ich rohes Fleisch anfassen musste der Grund war, nicht mein Umgang mit dem Messer.
„Sieht so aus, als wäre ich nicht die einzige Unfähige beim Kochen.“
„Da-... Das ist es nicht! Komme mir einfach nicht so nah oder das Messer landet beim nächsten Mal bei dir, klar?“ … Okay, eigentlich hatte ich das eher als Scherz gemeint, aber mein Ton kam viel zu ernst hinüber.
„... Hm? So hast du das also interpretiert?~“
Warum. Muss sie jetzt schon wieder so grinsen.
Während ich das dachte, kam Kyoki auf mich zu und, bevor ich reagieren konnte, nahm mit ihrem Zeigefinger und Daumen meinen Kinn und zwang mich, sie anzuschauen. „Denkst du wirklich, ich würde es dir ermöglichen, mir mit einem Messer so nahezukommen?“
Ich erstarrte. Angst bekam ich nicht. Es war nur... Wie soll man in so einer Situation reagieren? Was wird das? Was versucht sie hier? Warum wehre ich mich nicht? Wann ist es hier so warm geworden?!
Als keine Reaktion von mir kam, wandelte sich Kyokis Grinsen in ein kleines Lächeln um, während sie mich losließ und dann anfing zu kichern.
„H-Huh...?“
„Du hast zu viel darin hineininterpretiert und bist erstarrt. Und trotzdem denkst du, du könntest mir mit einem Messer nahekommen.“ Sie kichert weiter.
„Ah-... Boah, sei ruhig.“ Ich schaute beleidigt zur Seite.
Sie kicherte erneut und hielt mir dann ihre Hand hin. „Gib her. Ich werde es alleine zu Ende schneiden.“
„... Mach, was du willst.“ Ohne sie anzuschauen, hielt ich das Messer in ihrer Richtung. Sie nahm es von mir und begann mit einer geschickten Hand, das Essen zuzubereiten.
Langsam wagte ich, wieder zu ihr hinüber zu schauen und beobachtete sie dabei.
Beobachtete sie dabei, wie sie ernst und konzentriert, die Bacon-Strips zurechtschnitt.
…
Das war das erste Mal, seitdem ich sie befreit hatte, dass sie sich aktiv an etwas beteiligt hat. Und sie schien es wirklich ernst zu nehmen. Es war keine Show.
…
In mir spürte ich etwas, das ich schon lange nicht mehr gefühlt hatte. Ich kann es nicht beschreiben, aber es war ein sehr... komfortables und angenehmes Gefühl... Diese Art von Gefühl, die dir sagt, dass alles okay sein wird... Dass es im Moment überhaupt nichts gibt, worüber ich mir Sorgen machen müsste...
Es ist... wirklich schön...
Ich dachte zurück. Zurück an die Zeit, als ich nicht alleine in diesem Haus war. Die Zeit, als Luka noch hier war. Als Mama und Papa noch hier waren. Ja, sogar als Luna noch hier war.
Als wir im Sommer am Strand gespielt haben. Im Herbst nach Kastanien gesucht haben. Im Winter gemütlich mit einer heißen Schokolade am Fernseher saßen. Im Frühlings-Regen mit Gummistiefeln durch die Pfützen gesprungen sind. Wir zu Ostern nach Ostereiern gesucht haben. Zu Halloween uns als Hexen und Vampire und Teufel verkleidet haben. Zu Weihnachten unsere Geschenke geöffnet haben, während Papa uns gefilmt hat.
Richtig... Es war das Gefühl von-...
Meine nostalgischen Erinnerungen wurden von einem plötzlichen lauten Piepen unterbrochen.
Kyoki schaute sich ein wenig verwirrt, aber nicht unbedingt erschrocken um. „Was ist das für ein Geräusch?“
… Was ist gerade passiert.
Ich war so in Gedanken versunken, dass-...
Plötzlich fiel es mir wieder ein...
„Die Spiegeleier...!“
Gemeinsam saßen wir am Tisch, mit jeweils einem vollen Teller vor uns.
Die Tomaten waren umgeben von ihren eigenen Säften. Die Beans wurden perfekt gekocht, sodass die Soße, die zu ihnen gehört, schön weich und doch cremig wurde. Die perfekte Textur. Die Pilze waren ein wenig verbrannt, aber sahen dennoch appetitlich aus. Dasselbe konnte ich von dem Toast behaupten. Die Spiegeleier jedoch...
Ich könnte heulen.
Kyokis Teller sah ähnlich aus. Neben ihrem ersten Teller hatte sie einen zweiten, auf dem ein Berg von Bacon platziert war.
… Es ist nicht meine Schuld, wenn sie einen Herzinfarkt bekommt.
„Na, dann... Guten Appetit.“
Meine Stimme verriet mir, dass ich nervöser war, als ich dachte. War es mir wirklich so unangenehm, mit Kyoki an einem Tisch zu sitzen und ganz normal zu essen?
Sie nahm ihre Utensilien, schneidete sich ein kleines Stück von dem Ei ab und aß es. … Sie isst freiwillig etwas, das so extrem angebrannt ist?
„Das schmeckt widerlich.“
Okay. Zumindest ist sie ehrlich.
„Haha... Sorryyy...~“
„Du hast mich dafür verurteilt, dass ich nicht kochen kann. Dabei bist du selbst nicht wirklich begabt darin.“
Autsch.
„... Ehrlich gesagt, ist Vegetable Stir Fry das einzige, von den Sachen, die man nicht nur aufwärmen muss, das ich wirklich kochen kann.“
„... Das ist sehr spezifisch.“
„Es war... schon als Kind mein Lieblingsgericht... Wann immer es mir schlecht ging oder ich Angst bekam, haben meine Eltern es für mich gekocht. Ich denke, man könnte sagen, es war mein 'Comfort Food'? … Ich weiß nicht mal, warum ich ausgerechnet dieses Gericht so sehr mochte, aber... es konnte mich wirklich jedes Mal aufmuntern...“
Kyoki antwortete nicht darauf, sondern aß nur weiter ihr Essen, doch behielt Blickkontakt, um mir zu zeigen, dass sie mir zuhört.
„Nachdem meine Eltern gestorben sind, hat Luka-... Ah, also mein Bruder mir beigebracht, wie man es kocht. Es hat einige Anläufe gebraucht, um es richtig hinzubekommen und es ist immer noch nicht so gut, wie das von meinen Eltern, aber...“ … Ein kleines Lächeln bildete sich auf meinen Lippen. Zumindest fühlte es sich so an.
Es war kurz still, bis Kyoki schließlich hinzufügte:
„Bei dem Gericht, das du erwähntest, muss man viele Arten von Gemüse kleinschneiden. Doch heute hattest du Schwierigkeiten, ein Messer zu bedienen.“
„... Ich esse grundsätzlich kein Fleisch. Die Reste eines Lebewesens zu essen widert mich an.“
Kyoki hatte darauf keine Antwort, sondern aß weiter ihr Essen. Doch mit der Zeit, zeigte sich wieder dieser melancholische Blick, den sie zuvor auch hatte. „Verstehe... Dennoch bin ich der Meinung, du musst dein Umgang mit dem Messer besser erlernen.“
Huh...? War das wirklich ein Grund, mich so anzuschauen...?
„Es ist wirklich nur bei Fleisch so. Ich weiß, wie man ein Messer bedient, keine Sorge.“
„Ah. Dann... … solltest du zumindest lernen, das Messer nur bei Essen anzuwenden.“
„Huh? … Ach so, diese Drohung war nur ein Scherz-...“
„Deine Arme.“
„Meine... Arme...?“
„Als du deine Ärmel hochgezogen hast, habe ich sie gesehen. Diese Wunden.“
…
Ich... hatte das total vergessen...
Deswegen trage ich in dieser Hitze doch diese langärmligen Klamotten... Aber weil ich unbedingt etwas Gutes tun wollte, vergaß ich es...
„... Ah-... Ah, ha ha ha...! Das habe ich nicht mit einem Messer gemacht. Das war-... … Ich hatte richtig fiese Mückenstiche an meinen Armen. Und ich glaube, ich habe sie mir im Schlaf irgendwie aufgekratzt.“
„... Verstehe.“
Ich konnte ehrlich gesagt überhaupt nicht erkennen, ob sie mir das abgekauft hat.
Nun, das ist jetzt auch nicht so wichtig.
Ich wechselte schnell das Thema.
„Ich weiß wohl, dass du nicht kochen kannst. Aber mit dem Messer konntest du richtig gut umgehen. Wie kommt es?“
„... Als ich noch ein Kind war und keine Pflichten hatte, habe ich viel Zeit in der Schlossküche verbracht. Dort durfte ich ab und zu das Gemüse oder Fleisch, welches für die Gerichte gebraucht wurden, kleinschneiden. Es war eine der wenigen Dinge, die ich tun konnte, um nicht vor Langeweile umzukommen.“
„Ah... Dann haben deine Eltern oft mit dir gekocht?“
Sie hielt inne.
Ihr Gesicht erschien wieder blank.
„Nur die Köche waren in der Schlossküche zuständig. Sonst wurde dort von niemandem gekocht.“
„Verstehe... Dann sind wir gleich. Meine Eltern haben auch nie mit mir gekocht. Sie hatten sich zu viele Sorgen gemacht, dass mir in der Küche etwas zustoßen könnte. Sie haben sich immer die wildesten Sachen eingebildet.“
Ich konnte mein Kichern nicht zurückhalten. Gerade weil ich das Kochen nie gelernt habe, ist die Küche für mich ein gefährlicherer Ort, als denn je. Wenn mich diese beiden Spiegeleier nicht umbringen, dann bin ich offiziell immun gegen alles.
Doch Kyoki war anscheinend nicht auf derselben Wellenlänge, wie ich. Sie starrte nur ihr Essen an und nahm ab und zu einen kleinen Bissen davon.
„... Vermisst du deine Eltern?“ Kurz nachdem ich das sagte, bereute ich es schon. War das etwa zu viel...? Zu persönlich...?
„Es ist schwer jemanden zu vermissen, mit dem man kaum Zeit verbracht hat.“
„... Ich bin mir sicher, sie vermissen dich sehr.“ Ich versuchte zu lächeln, aber ich habe das Gefühl, es kam gezwungen rüber. Ja, ich habe eindeutig zu viel gesagt...
„... Die Eier sind nicht gut geworden, aber der Rest ist wirklich vorzüglich.“
„Huh?“
Was hat sie gesagt? Sie hat so gemurmelt, ich habe kein Wort verstanden.
„Entschuldigung, könntest du dich bitte noch mal wiederholen?“
Kyoki hielt kurz inne, atmete dann einmal tief durch. Sie sprach immer noch leise, diesmal aber deutlicher als davor:
„Das nächste Mal, wenn draußen nicht so extremes Wetter ist, würde ich Ambrosia gerne noch einmal sehen.“
„Eh?“ Das kam... unerwartet...
„Ich würde gerne sehen, was sich in den letzten dreihundert Jahren geändert hat. Was alles gleich geblieben ist. Und... da ist ein Ort, den ich gerne noch einmal besuchen würde...“
Ich war ganz verblüfft. Hat sie das gerade wirklich gesagt...?
Kyoki war anscheinend genauso überrascht von sich selbst, denn sofort als sie realisierte, was sie gesagt hatte, lief sie leicht rot an und aß schnell weiter.
Doch ich konnte nur lächeln...
„... Ja... das können wir gerne machen. Und dann kannst du mir darüber erzählen, wie es hier früher so war.“
Als Antwort nickte sie leicht, während sie immer noch rot anlief und ihr Essen weiter aß.
Wir haben danach nicht viel weiter geredet...
Aber... das ist okay...
Denn es war heute immer noch mehr, als es in den letzten zwei Wochen insgesamt war...
Es war ziemlich spät geworden. Die Uhr zeigte 1 Uhr morgens und ich bin immer noch nicht dazu gekommen, schlafen zu gehen. Dies war eine total ungewöhnliche Zeit für mich und mein Körper war offensichtlich nicht zufrieden mit mir. Ich kann nicht mal bis 30 zählen, ohne mindestens einmal zu gähnen.
Warum ich so spät noch wach bin? Ich kann es mir selbst nicht erklären...
Irgendwie bin ich einem totalen Putzwahn verfallen. War ich etwa so gut gelaunt? Anders könnte ich mir nicht erklären, warum ich freiwillig so ein riesiges Haus putze.
Na ja, dazu muss man sagen, dass es dringend nötig war. An manchen Orten hatte sich schon so viel Staub gehäuft, dass es unmöglich war, die Farbe des Möbelstückes darunter zu erkennen.
Gerade als ich die Tür zu dem Keller, in dem sich das Labor meiner Eltern befindet, schließen wollte, entkam mir noch mal ein Gähnen.
Ich sollte wirklich bald schlafen gehen, bevor mein Rhythmus noch total durcheinander geworfen wird...
Der Gedanke, dass ich mir noch nicht mal die Zähne geputzt und mich umgezogen habe, quälte mich. Ich wollte so schnell wie nur möglich ins Bett...
... Ach, scheiße. Hatte ich mich daran erinnert, die Fenster im Wohnzimmer zu schließen?
Ich war kurz davor, einfach nach oben zu gehen und mich morgen drum zu kümmern, allerdings entschied ich mich in letzter Sekunde doch um, bevor sich ein Einbrecher diese Schwäche zu nutzen macht.
... Es ist okay. Das geht schnell und dann kann ich endlich schlafen gehen.
So begab ich mich ins Wohnzimmer, öffnete die Tür und schaltete das Licht an. Jap, die Fenster waren tatsächlich noch auf. Gut, dass ich noch mal nachgeguckt habe...
Mit einem Seufzen trottete ich langsam zu den Fenstern hin und schloss sie alle ab.
„So... Nun kann ich endlich schlafen gehen...“
Ich drehte mich zum Gehen um und...
„Huh...? … Kyoki...?“
Dort auf dem Sofa lag sie, mit einer Hand hält sie das Buch, das sie heute Mittag gelesen hat, fest, während es mit den Seiten nach unten auf ihrem Bauch lag. Ihren anderen Arm hatte sie über den Kopf geworfen und ihren Augen waren geschlossen. Sie atmete langsam und tief, und ich brauchte eine Weile, bis ich erkannte, dass sie schläft.
… Glückliche.
Ich musste dann über mich selbst lachen, dass ich so neidisch auf sie war. Schließlich war es allein meine Schuld, dass ich noch wach bin. Keiner zwang mich, wachzubleiben.
Ich schlich mich langsam und leise zur Tür, um sie nicht zu wecken und wollte gerade das Licht ausmachen, doch stoppte, kurz bevor ich den Lichtschalter berührte, meine Bewegung. Denn da ist eine Sache, die mir erst jetzt bewusst wurde.
Als ich zu ihr zurückschaute, dachte ich darüber nach. Sie ist heute von selbst aus ihrem Zimmer gekommen. Und nun liegt sie hier auf dem Sofa und schläft, anstatt in der Sicherheit und Privatsphäre des Gästezimmers, das ich ihr ausgeliehen hatte. Wie kommt es? War irgendwas heute anders, als sonst?
Ich dachte noch mal an den heutigen Nachmittag zurück. Wir haben zwar nur gekocht und haben uns dabei hin und wieder dämliche Kommentare auf den Kopf geworfen, aber... es war so...
In mir spürte ich etwas, das ich schon lange nicht mehr gefühlt hatte. Ich kann es nicht beschreiben, aber es war ein sehr.. komfortables und angenehmes Gefühl.. Diese Art von Gefühl, die dir sagt, dass alles okay sein wird.. Dass es im Moment überhaupt nichts gibt, worüber ich mir Sorgen machen müsste.. Es ist.. wirklich schön..
Ich dachte zurück. Zurück an die Zeit, als ich nicht alleine in diesem Haus war. Die Zeit, als Luka noch hier war. Als Mama und Papa noch hier waren. Ja, sogar als Luna noch hier war.
Als wir im Sommer am Strand gespielt haben. Im Herbst nach Kastanien gesucht haben. Im Winter gemütlich mit einer heißen Schokolade am Fernseher saßen. Im Frühlings-Regen mit Gummistiefeln durch die Pfützen gesprungen sind. Wir zu Ostern nach Ostereiern gesucht haben. Zu Halloween uns als Hexen und Vampire und Teufel verkleidet haben. Zu Weihnachten unsere Geschenke geöffnet haben, während Papa uns gefilmt hat.
Richtig. Es war das Gefühl von Gemeinsamkeit.
Zwar könnte Kyoki niemals meine Familie ersetzen, das ist komplett unmöglich. Aber eine Person bei sich zu haben, mit der ich reden kann, Zeit verbringen kann, die mir die Einsamkeit nimmt..
Das war ein unglaublich schönes Gefühl.
Bevor ich ins Wohnzimmer trat und mit ihr ins Gespräch gekommen bin, ging es mir unglaublich schlecht. Ich weiß nicht wieso. Ich weiß nicht, was der Auslöser war.
Aber das ist egal.
Denn sobald ich mit ihr sprach, waren alle Sorgen wie vergessen.
Denn dort war eine andere Person. Eine Person, die mir Gesellschaft leisten konnte. Mit mir reden konnte. Mit mir Zeit verbringen konnte.
Und auch wenn Kyoki eine wirklich eigenartige Person war, wusste ich ganz genau.
Wir könnten uns sehr, sehr gut verstehen.
…
Fühlte sie sich-.. etwa genauso...?
Hat sie meine Versuche, mit ihr zu sozialisieren wahrgenommen und ist deshalb aus ihrem Zimmer gekommen...?
Hat sie etwa hier auf mich gewartet und ist dann eingeschlafen...?
Oder fühlte sie sich einfach nur wohl genug, um in meiner Präsenz eine verwundbare Seite zu zeigen?
…
Bevor ich das Licht ausgemacht habe und das Wohnzimmer verließ, stellte ich ihr eine Wasserflasche bereit und legte vorsichtig eine dünne Decke auf sie.
