Chapter Text
Fuck. Es fühlte sich so falsch an, alles hier. Ihre Hände in meinem Haar, ihre Beine fest verschlungen mit meinen, unsere beiden Körper zusammen auf dem Bett. Verkehrt. Ich konnte nicht mehr.
Ihre Hand wanderte an meinem Körper herab und ich spürte, wie sich meine Kehle zusammenzog, wie ich einen Moment nach Luft schnappen musste, um dann mit aller Kraft zu versuchen, mich von ihr zu befreien. Sie kapierte es nicht. Wahrscheinlich hielt sie das ganze für ein Spiel, um es spannender zu machen. Doch das war die komplett falsche Richtung, wenn man falsch steigern könnte, wäre dieser Gedanke wohl der aller Falscheste von allen.
Ihr Mund löste sich von meinem und wandte sich meinem Hals zu. Sie bedeckte ihn mit Küssen, und meine Augen schlossen sich und ich musste all meine Kraft aufbringen, um ein Stöhnen zurückzuhalten. Verdammt, ich durfte das nicht. Das war sowas von falsch, ich konnte das jetzt nicht machen... aber sie war so gut und... Shit, nicht schwach werden James!
Mit allem was ich hatte schaffte ich es, sie von mir wegzudrücken. Atemlos sah ich sie an, ich erkannte die Lust in ihrem Blick, und etwas anderes, Verärgerung.
"Was?!", brachte sie heraus, und kämpfte gegen meinen Widerstand an, ihr Mund sofort wieder auf meinem Bauch. Ich machte ein Geräusch für das ich mich an Ort und Stelle hätte umbringen können. Vielleicht konnte ich es ja aufschieben, einfach genießen was ich hatte und nicht nachdenken... Nein, ich konnte doch nicht einfach so tun als wäre nichts und mein Leben weiter in einer Lüge leben! Fuck James, jetzt reiß dich zusammen!!
Ich schaffte es,ein atemloses "Jess.." herauszubringen, auf das sie allerdings nicht einging. Ich versuchte es noch einmal, was nicht leicht war weil ihre Finger gerade an meiner Hose beschäftigt waren.
"Scheiße, Jess, bitte ich-" Sie schnitt mir das Wort ab.
"Shh, jetzt halt endlich die Klappe". Sie senkte ihren Kopf wieder und eine Welle überflutete mich.
Ohmeingottohmeingott, brings zu Ende bevor dein Gehirn sich abschaltet! "Ich bin schwul."
Die Worte waren raus bevor ich sie überhaupt sagen wollte. Ich seufzte erleichtert auf und der ganze Druck fiel von mir ab. Auch meine wahrscheinlich-jetzt-Exfreundin, die ihren Kopf hob und mich entgeistert anstarrte.
"WAS?!" Sie setzte sich auf, immer noch atemlos, aber die Wut überwog. Ich hievte mich langsam auf meine Ellenbogen und sah auf das Bett.
"Ich.. bin schwul", wiederholte ich noch einmal was ich ihr gerade vor die Füße geworfen hatte. Ich konnte ihren 'Klär-mich-JETZT-SOFORT-auf-oder-das-wars-'Blick auf mir spüren. Ich seufzte.
"Ich kann das nicht mehr. Es tut mir leid, ich... weiß nicht was ich sagen soll." Als sie sprach, zitterte ihre Stimme.
"Es tut dir LEID?!" Damn, hoffentlich brachte sie mich nicht um. Ich sah sie an und war jetzt auch ein bisschen wütend.
"Es hat nichts mit DIR zu tun, Jess! Nur mit... Frauen allgemein.",schloss ich kleinlaut. Sie würde das nicht verstehen, niemals. Wer hätte auch denken können dass James Potter, der Frauenheld schlechthin, eines Tages aufs andere Gleis rutschen würde. Tja, niemand. Und das war wohl mein größtes Pech, ich könnte mich nie mehr hier in dieser homophoben Stadt blicken lassen.
"Seit wann hat JAMES POTTER bitte ein Problem mit Frauen!" Ich verdrehte die Augen.
"Ich hab kein PROBLEM mit euch, ich kann nur einfach nicht mit euch zusammen sein. Okay?" "Nein, ist es NICHT!"
"Verdammt Jess, es ist nicht DEINE FUCKING ENTSCHEIDUNG wie ich mein Leben lebe! Nur weil du meine Freundin bist, kannst du mich nicht verbiegen!" Sie sah mich hasserfüllt an.
"Warst." Ich zog eine Augenbraue hoch. "Du wolltest wohl sagen, weil du meine Freundin WARST, James." Ich starrte sie an.
Klar, sie machte Schluss. Wieso auch nicht, schließlich hatte ich ihr gerade gestanden dass ich lieber mit Kerlen vögelte. Wieso also tat das dann so weh? Ich starrte sie immer noch an.
"Raus." sagte sie mit versucht ruhiger Stimme. Irgendwie war ich am Bett festgewachsen. Erst als sie "RAUS!!!!!" brüllte und in Tränen ausbrach, wusste ich, dass es Zeit war, hier wegzukommen.
Ich stand auf und flüchtete ins Badezimmer, schnappte mir alle meine Sachen, steckte sie in den Beutel, der daneben stand, machte einen Umweg zur Treppe und zog meinen riesigen Koffer darunter hervor, dann gingich wieder zurück ins Schlafzimmer, wo ich Jess das Bett vollheulend auffand. Ich ignorierte sie und öffnete den Kleiderschrank, kramte alle meine Sachen daraus hervor (was mindestens zehn Minuten dauerte, denn Jess besaß so viele Klamotten, dass der Schrank aus allen Nähten platzte), stopfte sie in den Koffer und ging wieder aus dem Zimmer in die Küche, um meine dort verstreuten Sachen einzusammeln. Es dauerte eine geschlagene Stunde, bis die ganze Wohnung Jamesfrei war.
Jess hatte sich im Schlafzimmer eingeschlossen und kam nicht mehr heraus, was mir relativ gut passte, da ich aus dem Zimmer nichts mehr brauchte und so einen szenenlosen Abgang hinlegen könnte.
So stand ich schließlich mit einem riesigen Koffer und einer Umhängetasche bepackt in der Garderobe und zog meine Schuhe und Jacke an, legte mir einen Schal um und packte Handschuhe ein. Draußen war es kalt, Ende November, und ich wollte unter allen Umständen vermeiden, dass ich mir eine Grippe holte. Als ich so darüber nachdachte, wurde mir klar, dass ich die letzte Stunde überhaupt nicht gedacht hatte.
Alles, was ich wollte, war raus hier, raus aus dieser Wohnung, raus aus diesem Leben. Raus aus dem Straight-Dasein. Ich schüttelte den Gedanken ab und schloss die Tür auf. Raus hier, raus hier, raus hier.
Doch als ich die Tür gerade aufmachen wollte, hörte ich die Schlafzimmertür und Jess stand vor mir. Verheult und mit einem Blick, der töten könnte. Ich biss mir auf die Lippe. "Tut mir leid" sagte ich, und das nächste was ich merkte, war ein harter Gegenstand an meinem Kopf.
"DU VERDAMMTES ARSCHLOCH, JAMES POTTER!!" Ein zweites 'Bamm', und ich checkte, dass sie mich mit etwas bewarf. High Heels. Sie bewarf mich mit High Heels? Mann, war das stilvoll. Ich kam mir vor wie in einem schlechten Actionfilm. Ich riss die Tür auf und zog meinen Koffer hinter mir her.
Bamm. Der Nächste. "WAG ES JA NICHT, JEMALS WIEDER EINEN FUß ÜBER DIESE SCHWELLE ZU SETZEN!!!" Bamm. Ich drehte mich nicht um, ich wollte einfach weg. Ein paar Schuhe schafften es noch zu mir, doch dann war ich zu weit weg und sie konnte mir nicht hinterherlaufen, denn es war kalt und sie hatte Unterwäsche an. Alles, was sie
jetzt noch von mir sehen konnte, war ein Schatten, der sich seinen Weg bahnte, hinaus in die Welt und auf der Suche nach sich selbst.
Es schien als sei ich eine Ewigkeit gelaufen, als ich schließlich die Tür zu einem kleinen Café aufstieß und mich an einen Tisch fallen ließ. Meine Hände zitterten. Ich schloss die Augen, versuchte, mich zu beruhigen. Und als es wie eine Ewigkeit schien, dass ich hier gesessen war, kamen langsam und doch bestimmt, endlich die Tränen. Ich tat, was ich noch nie zuvor getan hatte, ich weinte in der Öffentlichkeit. Aber nicht aus Trauer, Jess verloren zu haben. Sondern darum, weil ich wusste dass ich jetzt nichts mehr hatte, was ich Zuhause nennen konnte. Weil ich mich jetzt vor nichts mehr verstecken musste,
niemanden mehr belügen musste und einfach ein neues Leben anfangen konnte. Ich war das, was ich immer sein wollte: frei.
Und diese Gewissheit war einfach zu viel für mich.
