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Er hatte keine Ruhe. Absolut keine Ruhe.
Einst war es ruhig. Er war allein. Niemand um sich herum. Alles gehörte ihm allein.
Die Gänge dieses großen Hauses. Der große Garten im Hinterhof, umgeben von Statuen aus Marmor und vielen bunten, zu diesen Jahreszeit blühenden Blumen. Die Diener des Hauses, die ihre Aufmerksamkeit ganz alleine auf ihn richteten. Es war wirklich sein Paradies.
Er musste niemanden sehen, wenn er nicht wollte. Er konnte draußen auf den großen Wiesen umherrennen, so viel wie er wollte. Und dieses ohrenbetäubende Geräusch, das er nach einer Zeit wirklich lernte zu verabscheuen, existierte noch nicht.
Das alles änderte sich vor ungefähr zweieinhalb Jahren... und sie das Licht dieser Welt erblickte...
Die Gänge des Hauses gehörten nicht mehr ihm allein. Mit jeden Schritt, den er nahm, hörte er nur, wie hinter ihm jemand mit leicht leiseren Schritten versuchte, seine zu imitieren. Auf der Wiese im Hinterhof lief er nun nicht mehr als Einziger. Und wenn sie, wie es bisher schon sehr oft vorkam, über nichts stolperte, war die Aufmerksamkeit der Diener, die früher ihm gehörten, auf sie gerichtet, während einige Tränen ihr Gesicht herunterflossen.
Jedes Mal diese Tränen...
Und es waren keine leisen Tränen...
Wie sehr er sich gewünscht hätte, dass es leise Tränen waren...
Selbst in der Nacht konnte er ihr nicht entkommen. Ihre Eltern hatten, trotz der Tatsache, dass deren Haus ohnehin schon groß genug war, sie in einem Zimmer mit ihm gesteckt.
Und so bedeutete dies, dass er selbst nachts diese Tränen hören musste, wenn sie mal wieder nicht schlafen konnte... Oder einen Alptraum bekam... Welches sehr, wirklich sehr häufig vorkam...
Egal, wohin er ging...
Egal, welche Tageszeit sich befand...
Er konnte ihr nicht entkommen...
Wie oft hatte er bisher fantasiert, sie von der Klippe, die sie jedes Jahr mit der Kutsche befahren, zu stoßen, damit ihr Gejammer, ihr Aufmerksamkeitsdiebstahl endlich aufhören würde? In seinen jungen Jahren konnte er unmöglich so hoch zählen...
Er weiß nur, dass an einem bestimmten Tag, sich diese Zahl sehr stark erhöht hatte...
Sie hatte das Alter erreicht, an dem die Neugier eines Kindes enorm stieg. Und sie sollte kein Ausnahmefall sein.
So verschwand sie in den Wald, jenseits des Dorfes, in dem sie lebten. Womöglich hatte etwas, das dort herumlief, ihr Interesse geweckt. Und sie kam nicht wieder heraus.
Er konnte warten, wie lange er nur wollte. Jegliche Spuren von ihr waren verschwunden.
Es war... leise.
Er war... alleine.
Sein Wunsch hatte sich erfüllt. … Für kurze Zeit.
Doch er wusste ganz genau, welche Strafen ihn erwartet hätten, wenn er ohne sie zurückgekehrt wäre.
Wie gerne er doch, sie den Tieren des Waldes überlassen und gesagt hätte, es war ein Unfall, er hatte alles versucht.
Ihm war allerdings bewusst, dass diese Ausrede alleine niemals ausreichen würde. Er musste sie suchen und zurückholen.
Und so suchte er nach ihr.
Und fand sie wieder.
An einen großen Baum gelehnt.
Zitternd.
Beine an sich gezogen.
Und wieder... dieses ohrenbetäubende Geräusch...
Er sprach mit ihr.
Sie müssen hier weg. Es wird bald dunkel. Ihre Eltern werden sich große Sorgen machen.
Aber sie reagierte nicht auf seine Worte. Ihre Tränen flossen nur weiter ihr Gesicht hinunter.
Desto länger sie da saß, desto lauter wurde sie.
Desto länger sie da saß, desto mehr fing sie an zu schreien.
Desto länger sie da saß, desto stärker taten ihm die Ohren weh.
Desto länger sie da saß, wurde das Verlangen immer und immer größer.
Ihr eine Backpfeife zu verpassen? Oder doch einfach direkt ihren Kopf zu nehmen und ihn mehrmals gegen den Baum, an dem sie sich lehnte, zu schlagen, bis sie endlich keinen Ton mehr von sich gab?
…
Langsam ging er auf sie zu und nahm einen ihrer Hände.
Sie müssen nun wirklich gehen. Sie können nicht länger hierbleiben. Ehe sie sich beide verlaufen.
Das Geräusch wurde leiser... und sie blickte langsam zu ihm nach oben.
Ihr Gesicht war total verschmutzt und ihre Augen rot von ihren Tränen, ihre Nase begann mittlerweile zu laufen.
Ein wirklich lächerliches Bild, und doch eines, das ihn nur noch wütender gemacht hatte.
Warum läuft sie überhaupt so ziellos in diesen Wald, wenn es nur wieder so enden würde?
Es ist okay. Er hält ihre Hand. Sie muss nur aufstehen und ihm vertrauen. Zusammen finden sie wieder hier raus.
Stille.
Ein leises, langsames Nicken.
Vorsichtig begab sie sich auf ihren Füßen, ließ dabei seine Hand nicht los.
Langsam begaben sie sich Richtung Ausgang.
…
Zumindest dachte er so.
Doch das Schicksal wollte es anders.
Seine Orientierung war komplett auf den Kopf gekippt. Er konnte links von rechts nicht unterscheiden.
Dabei fand er sich doch sonst immer so gut zurecht. Was war geschehen?
Einige Zeit verging, doch sie wussten nicht wie viel.
Es war still.
Die einzigen Geräusche, die zu hören waren, waren das Rascheln der Blätter an den Bäumen, sobald der Wind ein wenig stärker wurde, und das Schniefen, das von der Person, dessen Hand er hielt, ertönte.
Ansonsten waren sie komplett alleine.
Niemand anderes war hier.
Niemand wusste, wo sie sich befanden.
Niemand wird kommen, um sie zu holen.
Die Sonne ging langsam unter.
Mit jeder Minute wurde die Umgebung um den beiden herum dunkler.
Farben wurden undeutlicher; es waren nur noch Formen zu erkennen.
Sein Augenlicht war nicht mehr zu gebrauchen. Somit wurden seine anderen Sinne verschärft.
Diese Ausrede spielte er immer wieder in seinem Kopf, als er anfing, immer mehr und mehr Geräusche wahrzunehmen.
Es war... dunkel.
Er wusste nicht, wo sie sich befanden.
Nähert er sich dem Ausgang? Läuft er immer weiter in den Wald hinein?
Diese Geräusche... gehören sie zum Wind? Oder... etwas viel Gefährlicherem?
Er... wird doch hier rauskommen, oder nicht?
Er... wird sich wieder in sein Bett legen können? Nicht wahr?
Die einzige Wärme... Der einzige Komfort, der zu Hause auf ihn wartet... Er wird doch dorthin zurückkehren können, nicht wahr?
Er... Nein, er hat sich nicht verlaufen, so was passiert ihm nicht, er ist nicht inkompetent, er wird zu der Wärme zurückkehren...
Ehe er sich versah, schlangen sich zwei kleine Arme um ihn. Aus Instinkt erstarrte er, jedoch gab das wieder nach, als er realisierte... Es war nur sie.
Sie... weiß schon, dass sie nicht vorankommen können, wenn sie ihn hier festhält? Macht... macht sie das mit Absicht? Ist das lustig für sie? Hat sie ihn nicht schon genug leiden sehen-...
„Nein... Das ist es nicht...“
Sie unterbrach ihn einfach. … Was genau... soll das heißen...? Was möchte sie dann...?
„Die Diener halten mich auch immer fest, wenn ich weine...“
Weinen...? Aber sie weint doch gerade nicht? Hatte sie ihren Mut gefunden? Oder hatte sie einfach keine Tränen übrig?
„Und sie lassen mich nicht los, bis ich aufhöre, zu weinen... So habe ich das von ihnen gelernt...“
Und so hielt sie ihren Griff noch fester.
Und fester.
Und... fester...
…
Eine Träne fiel endlich auf den Boden.
Diese Träne kam nicht von ihr.
