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Er kann sich nicht daran erinnern, wann er wach geworden war und anfing, die Decke über sich anzustarren.
Eine Stunde? Zwei Stunden? Die Sonne vor seinem Fenster verriet ihm, dass es schon mitten am Tag war, doch er nahm nicht wahr, seine Augen geöffnet zu haben. Wie spät war es? Hatte er denn zumindest auf seinem Handy geschaut? Es lag direkt neben ihn, er hätte leicht danach greifen können, jedoch fehlte ihm dazu jegliche Energie.
Sein Hals war trocken, sein Kopf brummte leicht. Der Arm, den er, wie immer, als Stütze unter seinen Kopf gelegt hatte, war eingeschlafen. Die Bettdecke lag halb um seinen Körper gewickelt, während die andere Hälfte vom Bett herunterhing. Einige seiner Haare hatten sich aus dem kleinen Zopf, den er immer trug, gelöst, und fühlten sich stark verknotet an; ein Gefühl, das er schon immer als unangenehm empfand. Hatte er sich im Schlaf so viel bewegt?
Sobald er seinen Blick von der Decke nahm und ihn nach Vorne richtete, fand er seinen halb ausgepackten Koffer wieder.
Ah, richtig... Er hatte angefangen, ihn zu entleeren und hatte vor, seine Waschmaschine anzuschmeißen, als er plötzlich einen Klopfen an der Tür gehört hatte.
Und... er davor stand.
Nachdem er es geschafft hatte, ihn abzuwimmeln, konnte er sich nicht mehr dazu bringen, mit dem weiterzumachen, wo er aufgehört hatte. Ruhe. Mehr wollte er nicht. Und somit verschwand er in sein Bett. Mühe, sich zuerst fertigzumachen und in gescheitere Kleidung zu schlüpfen, die gab es hierbei nicht. Die Straßenklamotten, die er am Morgen davor, bevor sie alle zum Bahnhof gelaufen sind, angezogen hatte, trug er immer noch. Es war ungemütlich. Die Bändchen seines Hoodies blieben öfter, als er sich umgedreht hatte, an irgendwas hängen und zogen sich somit fest zu. Sein Gürtel drückte ihm gegen den Bauch; in diesem Moment sogar mehr, als er das gestern Abend tat.
Der Anblick des unaufgeräumten Koffers irritierte ihn. Selbst wenn er sich zwang wegzuschauen, das Wissen, dass sich dort etwas befand, das nicht seinem Bild von Ordnung entsprach, machte ihn nervös. Egal, wie oft er sich sagte, er würde es später noch aufräumen, es sieht sowieso niemand, wie seine Wohnung an diesem Morgen aussah, der Gedanke lies ihn nicht los. Das sollte kein Wunder sein... Allein ein Vorhang, der sich verhakt hatte und somit nicht mehr gerade hing, reichte aus, um ihn absolut kirre zu machen. Bis dieser Fehler beseitigt wurde und der Vorhang wieder so herunterhing, wie er sollte, war es ihm unmöglich, sich auf etwas anderes zu konzentrieren. Sobald er so eine Imperfektion entdeckte, würde er sofort aufstehen und diesen korrigieren.
So hätte es eigentlich auch bei dem unaufgeräumten Koffer sein sollen...
Warum dann... konnte er sich nicht dazu bringen, aufzustehen und die Sachen dort hinzuräumen, wo sie hingehörten, obwohl es ihn so sehr störte?
Warum schaffte er es nicht, wenn er nicht die Energie hatte, sich komplett umzuziehen, zumindest nur den Gürtel abzulegen?
Einen Tee zu machen, um seinen Hals zu beruhigen?
Oder zumindest ein Glas Wasser zu holen, um seine Kopfschmerzen zu lindern?
Selbst der Gedanke, etwas zu tun, war genug, um ihn zu erschöpfen.
Egal, wie oft er sich sagte, er muss jetzt aufstehen, er kann nicht weiter dort liegen bleiben, sein Körper hörte nicht auf ihn. Als ob er sich von einen Tag auf den anderen vollkommen versteift hatte.
Und desto mehr Zeit verging, desto mehr gab er sich einfach hin. Desto mehr er sich hingab, desto mehr musste er sich dieser Tatsache rechtfertigen.
Es ist okay, einen Tag faul zu sein, oder? Es ist in Ordnung auch mal nichts tun zu wollen. Man muss nicht jeden Tag aktiv sein. Er darf doch auch mal einen ganzen Tag nichts tun, als hier im Bett liegen zu bleiben und einfach irgendwelche Filme oder Serien auf seinem Handy anzuschauen oder nach einem Buch zu greifen, das er schon mal gelesen hatte, und dann erneut zu lesen, um eine neue Perspektive dafür zu entwickeln. Niemand würde ihn dafür bestrafen. Oder?
Richtig. Niemand würde ihn dafür bestrafen.
Niemand wird ihn jemals wieder dafür bestrafen, dass er das tat, was er wollte und nicht, was man von ihm erwartet.
Er ist nun frei. Er ist erwachsen. Er schuldet ihnen keine Erklärungen oder Obligationen mehr. Er kann machen, was er will.
Er kann machen... was er will...
…
Auch, wenn es tatsächlich das wäre, was er tun möchte, würde er das einfach so zulassen?
Würde er es hinnehmen, dass nichts anderes getan wird, als den ganzen Tag auf einer Stelle zu liegen?
Oder würde er ihn ohne zu zögern aus dem Bett ziehen und mit sich irgendwo hinzerren, damit sie etwas unternehmen können, obwohl er nie gefragt wurde, ob er das auch wirklich möchte oder Lust dazu hat?
…
Stimmt... Heute war das erste Mal in ungefähr zwei Wochen, dass er alleine aufgewacht war... Dass niemand neben ihm lag, als er seine Augen öffnete...
Warum wurde ihm diese Tatsache erst jetzt bewusst? War er doch noch so müde gewesen?
Er... hätte es doch bemerken müssen, oder nicht...?
Dass es komplett ruhig im Zimmer war... Dass ihn niemand angesprochen hatte... Dass er keine Präsenz neben sich spürte...
Dass er... seine Nähe nicht mehr fühlen konnte...
…
Er muss heute... wirklich nicht aufstehen.
…
Würde er... heute wieder vorbeikommen und nach ihm sehen...?
Wenn er das tun würde... und ihn so finden würde...
Würde er es akzeptieren...? Oder würde er wirklich...
Bevor er seine Gedanken vollenden konnte, ertönte ein lautes Geräusch in seinem rechten Ohr. Erschrocken drehte er seinen Kopf in die Richtung, aus der er es empfand, und fand dort sein Handy wieder.
Ah... Anscheinend vergaß er, es vor dem Schlafengehen auf Stumm zu stellen... Dagegen konnte man wohl nichts machen...
Kurz überlegte er, ob er zumindest nachschauen sollte, um was es sich handele. Es könnte etwas Wichtiges sein, er sollte es nicht ignorieren.
…
Etwas Wichtiges... Was soll das bedeuten...
Eine Nachricht von seinem Vermieter? Eine SMS, in der stand, dass ein Arzttermin von ihm, auf einen anderen Tag verschoben werden musste? Vielleicht bekam er endlich eine Rückmeldung von dem Autohaus in der Stadt, wann er sein Auto zur Kontrolle vorbeibringen kann?
…
Das wären... die einzigen Dinge, die ihm einfallen würden, die so wichtig sein könnten.
Dennoch... selbst diese... waren nun irrelevant für ihn...
Warum sollten diese kleinen Dinge ihn interessieren, wenn er doch sowieso...
Ein Krebspatient, der nur noch wenige Tage zu leben hat, würde sich auch nicht um die Lage seines Autos kümmern. Warum sollte er?
Klar, er war nicht sterbenskrank oder so, ihm ging es gut, aber...
Das Geräusch hörte nicht auf. Es ertönte immer und immer wieder.
Huh? Hatte sein Handy jemals so oft hintereinander geklingelt? Hatte ein Spambot ihn etwa erwischt oder was war los?
Einige Sekunden lang versuchte er es weiter zu ignorieren. Doch die Neugier übernahm ihn.
Und zum ersten Mal in mehreren Stunden, bewegte er sich wieder, um sein Handy in die Hand zu nehmen.
Als er den Bildschirm anmachte, und sich seine Augen an das grelle Licht gewöhnt hatten, fiel ihm sofort die Uhrzeit auf.
13:17 Uhr. So viel Zeit war also schon vergangen. Wie wenig einem so etwas auffällt, wenn man in Gedanken versunken ist...
Sein Handy klingelte weiter; es schien so, als würde es so schnell nicht wieder aufhören.
Dennoch musste er es nicht lange hinterfragen, denn er konnte die Ursache endlich erkennen.
Chat-Nachrichten. Viele davon. Und sie hatten alle denselben Ursprung.
Der Gruppenchat, zu dem er während des Urlaubes hinzugefügt wurde.
Schrieben sie immer so viel miteinander? Wenn das der Fall war, müsste er sich überlegen, ob es wirklich wert war, dort zu bleiben. Er hatte sowieso nicht vor, ein einziges Wort dort drin zu verlieren, und er war ganz sicherlich nicht dazu bereit, jeden Tag mit Hunderten von Nachrichten konfrontiert zu werden.
Allerdings würde es direkt auffallen, wenn er ihn verlassen würde, und er konnte jetzt schon sehen, dass ihn die meisten sofort darauf anschreiben und verlangen würden, dass er ihnen erklärt, warum er gegangen ist.
Nein. Nein, das würde er sich nicht antun.
Es reicht aus, den Chat einfach auf Stumm zu stellen; so müsse er sich die Leute da drin nicht antun und es würde ebenfalls keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Das war definitiv die bessere Lösung.
Und so öffnete er den Chat, mit der Absicht, die Mitteilungen von ihm, auszustellen.
Doch als er das tat, wurde er nicht, wie er es erwartet hatte, von geschriebenen Nachrichten oder Sprachmemos konfrontiert. Die Mädchen in der Gruppe waren alle zur gleichen Zeit online gekommen, aber anstatt miteinander zu schreiben, schickten sie sich alle einem nach den anderen Dateien. Dateien, die er sofort sehen konnte, ohne sie öffnen oder herunterladen zu müssen.
Es waren... Bilder, die sie im Urlaub gemacht hatten.
…
Ohne auch nur eine Sekunde darüber nachdenken zu müssen, tippte er sie an.
Und schaute sich jedes von ihnen... nach und nach an.
Lustige Bilder. Hübsche Bilder. Verwackelte Bilder, die kein Mensch jemals hätte erkennen können. Ah, sieh mal, noch mehr lustige Bilder.
…
Der Urlaub... hatte wirklich Spaß gemacht, nicht wahr?
Er war nicht besonders. Sie besuchten lediglich eine Großstadt im Inland, nahe des Meeres. Es gab keine erwähnenswerten Sehenswürdigkeiten oder Monumente, die sie hätten besuchen können. Wenn es welche gab, haben sie sich nicht damit beschäftigt.
Aber sie hatten viel als Gruppe unternommen. Sie sind in die Stadt gegangen. Haben eine Wanderung gemacht. Waren Bowling. Sind mit der U-Bahn gefahren (worauf er sich die ganze Zeit über die Lautstärke und die daraus entstandenen Kopfschmerzen beschwert hatte; Gott, war das niedlich, wie er sich die Ohren zugehalten hatte und nicht aufhören konnte, zu quengeln). … Was hatten sie noch alles gemacht...? Er weiß es nicht mehr. Die einzelnen Erinnerungen fingen an, sich miteinander zu verschmelzen. Denn egal was es war, alles hatte Spaß gemacht. Wirklich alles.
Wann... hatte er das letzte Mal an irgendeinem Urlaub so viel Spaß gehabt...?
Als Kind sind sie öfter mal über mehrere Nächte weggefahren, meistens in Richtung Metrodora.
Doch er empfand diese Zeiten nie anders, als die Zeiten, die er zu Hause verbracht hatte.
Für ihn war alles gleich. Die Tage hatten dieselbe Länge. Das Essen schmeckte überall gleich öde. Er war immer um dieselbe Uhrzeit schlafen gegangen und stand um dieselbe Uhrzeit wieder auf.
Selbst mit der Tochter der Metrodora Familie, Charis, hatte er nicht viel zu tun gehabt. Er war ihr egal gewesen; er sah keinen Grund darin, mit anderen auf irgendeine Art zu sozialisieren, und Charis selbst konzentrierte sich mehr auf Al-...
Er blieb bei einem Bild stehen. Die anderen Bilder hatte er sich immer nur kurz angeschaut, bevor er zum nächsten scrollte. Doch bei diesem blieb er stehen.
Und starrte es für einige Zeit an.
Zeigte dieses Bild wirklich die Wahrheit...?
Konnte er seinen Augen wirklich trauen...?
… Sie müssen definitiv betrunken gewesen sein, als das entstanden war.
Das wäre die einzige Erklärung dafür, warum so ein herzerwärmendes Bild von den beiden existiert.
Von ihm und der Person, die ihn nicht ausstehen konnte.
Von ihm und der Person, die ihm wahrscheinlich jeden Tag den Tod wünschte.
… Von ihm und der Person, mit der er am meisten seine Zeit in diesem Urlaub verbracht hatte.
Von ihm und Natsu.
Sie waren die einzigen Personen, die auf diesem Foto zu sehen waren. Ihre Köpfe waren so nah aneinander gelehnt, dass es so aussah, als ob sie sich berührten, sodass sich ihre schwarzen und rosafarbenen Haare an einer Stelle miteinander vermischten.
Beide hatten jeweils ein Arm um den anderen gelegt und sie lächelten ungezwungen in die Kamera.
Sein eigenes Lächeln war klein und unauffällig, doch Natsu...
…
Er strahlte.
Oder zumindest sah das für ihn so aus, denn... er hatte ihn noch nie so breit lächeln gesehen...
…
Sie waren betrunken. Er war sich sicher, das war am selben Tag entstanden, an dem sie auch Flaschendrehen gespielt hatten. Und auf diese dumme Idee waren sie erst gekommen, nachdem sie alle einige Gläser Alkohol verdrückt hatten.
Warum sonst sollte Natsu in seiner Nähe so glücklich aussehen? Es ergab absolut keinen Sinn. Natsu konnte ihn nicht ausstehen!
Und er hatte einen sehr guten Grund dazu. Er hatte Natsu auf mehr als nur eine Art wehgetan, er hat sich nicht dafür entschuldigt und es tat ihm nicht leid.
Eine Person mit normalem Verstand würde ihn meiden. So eine Person würde nicht freiwillig mit ihn in den Urlaub fahren, oder Sachen unternehmen, oder die ganze Nacht draußen verbringen, weil sie sich aus Versehen aus dem Hotel ausgesperrt hatten und beide irgendwie vergaßen, dass sie auch einfach hätten einbrechen können.
Natsu konnte ihn nicht ausstehen. Obwohl er all diese Dinge mit ihm gemacht hat. Freiwillig. Freiwillig, obwohl er Natsu mehrmals und gezielt verletzt hatte.
Warum?
Es ergab keinen Sinn!
…
Er schaute sich weiterhin das Bild auf seinem Handy an.
Es war... wirklich keine schreckliche Zeit...
Und ihm war schon vorher klar, alles, was sie zusammen im Urlaub gemacht haben...
Als sie Zeit miteinander verbrachten...
Alles davon... hatte mehr Spaß gemacht, als alles, was er jemals zuvor gemacht hatte.
Er hatte in seinem neuen Leben, als er in der modernen Zeit aufgewacht war, die Freiheit, die er früher niemals haben durfte.
Also tat er einfach das, wozu er Lust hatte. Was ihn durch den Kopf ging.
Er verkaufte Exemplare seiner Magie an irgendeine irische Familie. Und hat somit Geld aus dieser Welt, aus dieser Zeit erlangt.
Eine einfache Methode, um an Geld zu kommen, doch diese war nicht seine eigene Idee gewesen. Zu der Familie, die sich mit der Kultur von Engeln und Dämonen beschäftigte, zu ihr wurde er geleitet. Und desto mehr er darüber nachdachte, bemerkte er, es kann kein Zufall gewesen sein, dass er genau zu dem Zeitpunkt aufgeweckt wurde. Er wurde gezielt in dieses Jahr gebracht. Die Zeit, zu der diese Familie mit übernatürlichen Experimenten anfing. Lange blieben sie nicht mit ihm in Kontakt, doch er weiß, was für Konsequenzen entstanden. Wie die Familie zerbrach, bis hin zu dem Krieg, der in seiner alten Heimat ausgelöst wurde.
Die Mac Cárthaigh Familie war die erste Familie, mit der er gespielt hatte, aber sie waren bei Weitem nicht die einzigen. Immer wieder verkaufte er Exemplare von 0N1A—so lautete der Name, den er seine Magie gegeben hatte; und immer wieder, durfte er mit ansehen, wie die Menschen unter den Konsequenzen zerbrachen.
Irgendwann... fing es an, unterhaltsam zu werden...
Irgendwann... spürte er einen gewissen Adrenalinkick dabei...
Irgendwann... war es das einzige, das er noch kannte, nachdem er seine menschliche Freundesgruppe, für die er sowieso nur oberflächliche Gefühle hatte, verlassen musste.
Er... hatte einen Grund gefunden. Einen Grund, warum er lebt. Warum er existiert. Er wusste nach langer, langer Zeit... wer er ist.
Und das hatte ihn... wirklich... wirklich... glücklich gemacht...
…
Warum wirkten die letzten Jahre seines Lebens dennoch so grau und düster, verglichen mit der Zeit, die er mit den anderen im Urlaub verbrachte...?
Es... hatte ihn doch Spaß gemacht...? Er... war doch glücklich...?
Natsu... war keine Ausnahme. Auch er wurde nicht verschont. Er ging anders mit Natsu um, als mit den Menschen, denen er 0N1A verkaufte, gut, aber dennoch spürte er ein gewisses Maß an Glück dabei, ihn im absolut elendigen Zustand zu sehen.
Doch... in Gegensatz zu dem, was sie im Urlaub unternommen hatten, war es...
…
„Ich solle ihr verzeihen... Das hast du zu mir gesagt... Ich soll ihr verzeihen, wenn sie mir wichtig ist. Aber...“
Warum... kann er das dann nicht... egal wie oft er es versucht...
Dabei... war es bei ihr nicht anders...
Egal, wie sehr er sich von ihr verraten gefühlt hatte, er wollte trotzdem noch...
...
Natsu und er hätten sich niemals kennengelernt, wenn er sie nicht verletzt hätte. Und genau aus diesem Grund konnte Natsu ihn nicht ausstehen.
Er konnte ihn nicht ausstehen, aus einem Grund, der dazu geführt hätte, dass sie sich kennengelernt hatten.
Egal, wie man es drehen und wenden mochte, es konnte nicht besser werden, als es ohnehin schon war.
Das war das beste, das er kriegen konnte.
Für ihn und Natsu.
Für ihn und die erste Person, die er sein wahres Gesicht zeigen konnte.
Für ihn und für sie.
Für ihn und die einzige Person, die ihm jemals wichtig war.
Es könnte niemals besser werden. Er muss mit dem klarkommen, das er bekommen hatte.
Und ein Recht sich zu beschweren, hatte er nicht. Seine Taten bereute er nicht, aber ihm war bewusst, dass sie moralisch nicht in Ordnung waren.
Deshalb verstand er umso weniger, weshalb Natsu ihn überhaupt auf eine bestimmte Art und Weise tolerieren konnte.
Doch er wusste, es könne niemals besser werden. Er verdiente es nicht. Er übte nur das aus, was er als Einziges konnte; er übte nur das aus, was ihn nach jahrelanger Gefangenschaft glücklich gemacht hatte. Eine Sache, die ihm endlich das Gefühl gab, zu wissen, wer er ist.
Auch wenn diese Person, die er war, keine gute war. Ihm war es egal. Ihm war nur wichtig zu wissen... „Das bin ich.“
Und dafür, dass er das auslebte, was er kannte, was ihn zu sich selbst geführt hatte... konnte das, was er mit Natsu hatte, und das, was er mit ihr hatte, niemals besser werden, als es das schon war. Diese Dinge waren in Konflikt miteinander.
Es hätte ihn nicht stören sollen. Er hätte es einfach ignorieren sollen, aber...
Warum... war diese kurze Zeit, die er mit ihnen verbracht hatte... Warum ließ es ihn hinterfragen...
…
Er nahm seinen Blick nie von das Foto auf seinem Handy.
Natsus strahlendes Lächeln war immer noch zu erkennen.
Egal, wie oft er zurückdachte... Er konnte sich nicht daran erinnern, Natsu jemals so glücklich gesehen zu haben...
Als er das Bild zum ersten Mal öffnete und ihn in so einem Zustand sah, blieb sein Herz stehen. In der Zwischenzeit hatte es angefangen, schneller zu schlagen, als ob es versuchen musste, die Zeit, in der es stillstand, wieder gutzumachen.
Es waren nur ein paar Pixel auf einem Bildschirm. Warum ließen sie ihn in wenigen Minuten mehr Emotionen fühlen, als er es in den letzten paar Stunden insgesamt tat...
Und obwohl es ihn auf unerklärliche Weise so glücklich gemacht hatte, warum tat es zugleich so sehr weh...?
Er sah Natsu schon öfter lächeln. Vielleicht nicht unbedingt so stark, wie er es auf dem Bild tat, aber Natsu lächelte allgemein nicht selten. Dies war nicht das erste Mal. Deshalb verstand er nicht... warum er so starke Schmerzen spürte, wenn er das Lächeln auf dem Foto sah...
Denn es war ein wirklich, wirklich... schönes Lächeln.
…
Er sah Natsus Lächeln oft. Wirklich oft.
Deshalb verstand er nicht, wieso ihm immer und immer wieder dieselbe Frage durch den Kopf ging, während er das Bild anstarrte.
Hatte Natsu... ihn überhaupt nur einmal so angeschaut...?
…
Nach einigen weiteren Minuten legte er sein Handy wieder zur Seite und zog seine Decke über den Kopf, um das Licht und Leben der Außenwelt komplett auszublenden.
Er wollte nichts sehen. Nichts hören. Absolut nichts wahrnehmen.
Am liebsten wäre er in Dunkelheit versunken. Dort, wo ihn niemand kennt. Dort, wo ihn niemand beachtet. Dort, wo er den Gefühlen dieser Welt entkommen konnte.
In seiner Brust breitete sich ein leeres Gefühl aus. Bis vor Kurzem spürte er nur Schmerzen, doch diese wurden ersetzt durch absolutes Nichts. Als hätte jemand alles, was sich in seinem Inneren verbarg, genommen und mit absoluter Gewalt von ihm gerissen.
Das war okay. Wollte er nicht genau das erreichen...?
Bevor er jedoch komplett versunken war, entkamen drei Worte leise von seinen Lippen. Worte, die er schon sein ganzes Leben lang wiederholt hatte.
„Wer... bin ich...?“
