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Aschensaat - 1 : Vajawet

Summary:

Nemo möchte nur nach Hause. Mit seinem Bruder, seiner Mutter, mit allem, das einmal war. Doch die Vergangenheit hat Konsequenzen. Als ein Geist ihm Antworten anbietet, nimmt Nemo den gefährlichen Deal an. Um die Wahrheit zu finden, muss er sich in eine Welt voll vergrabener Geschichten, verfluchter Vermächtnisse und einem nie endenden Konflikt begeben, denn einige Wunden heilen nicht - sie werden vererbt.

Chapter 1: Vorwort & Kapitel 1: Nemo I

Chapter Text

Halli-hallo,

 

Aschensaat ist eines von vielen Projekten, an dem ich gerade arbeite, und gehört zu einer Reihe, die ich mit meiner üblichen verbalen Eleganz mit Aschenzeug bezeichne - weil die Hauptstories alle einen Titel mit Asche haben, so einfach ist das.

Diese Geschichte ist eines meiner Hauptprojekte und entsprechend lang - auch wenn ich noch nicht viel auf Lager hab. Es beginnt in etwa zwanzig Jahre nach Aschenregen und dreißig Jahre nach Die Tage von Avasikuu.

 

Deshalb möchte ich eine Spoilerwarnung aussprechen, da die drei Texte sich natürlich gegenseitig spoilern. Sie können aber trotzdem parallel oder völlig unabhängig voneinander gelesen werden.

 

Trigger- und Contentwarnungen

Gewalt
Depression
Suizidgedanken & parasuizidales Verhalten
Suizid
Halluzinationen, akute Psychosen
selbstverletzendes Verhalten
Zwangsgedanken in PoV
Erwähnung von häuslicher Gewalt
Erwähnung von Drogenmissbrauch
Tod & Trauer
PTSD

 

Ich bin offen für Kritik und wer Fragen hat, kann sie auch stellen. Ich rede gern! Die Liste mit den Warnungen werde ich bei Bedarf noch ergänzen und ändern müssen - ich überlege auch, noch eine Liste mit den spezifischen Warnungen pro Kapitel zumindest zu linken.

Ansonsten wünsche ich viel Spaß beim Lesen.

 

_________________________________________

 

Nemo hatte an jenem Nachmittag einen Umweg gewählt. Es war Mitte Juli und die Sonne hatte den Tag über die Straßen Avasikuus unangenehm aufgeheizt, weshalb er absichtlich den längeren Weg ging – nämlich den mit mehr Schatten. Sein Dachshund Unna schien da einer Meinung mit ihm zu sein, denn sie drückte sich an den Hauswänden entlang den Weg vorwärts und mied dabei alles, was nicht im Schatten lag.

Obwohl Nemo noch nicht lange in der Hauptstadt war, kannte er zumindest den Weg zur Musikschule, denn es war nicht das erste Mal, dass er seine Cousine vom Chor abholte. Vermutlich war es der dritthäufigste Weg, den er gelaufen war. Dennoch blieb es ungewohnt, selbst nach den vergangenen zwei Monaten. Die Stadt war groß, hier lebten viele Menschen auf einem Haufen, die allesamt ihrer Wege gingen und sich nicht kannten. Nemo mochte die Anonymität. Er mochte es, auf der Straße nicht von jedem erkannt zu werden und dennoch fühlte er sich fremd im eigenen Körper.

Mit beiden Händen in den Hosentaschen – in einer hielt er Unnas Leine – trottete er die Straße entlang. Gelegentlich musste er anhalten, denn der Hund hatte seine Nase an die Granitplatten des Gehwegs geklebt und fand ab und zu Dinge spannender als weiter zu laufen. Aber sie ließ sich auch schnell von neuen Eindrücken ablenken und so hörte er ihre kleinen Pfoten wieder über den Stein tappen. Ihr Halsband klimperte. Manchmal schaute sie zu ihm auf und lächelte ihr Hundelächeln und Nemo schaffte es nicht, zurück zu lächeln, denn er war müde.

Bald schon kam die Musikschule in Sichtweite. Nemo musste Unna an die kurze Leine nehmen, denn die Schule stand auf dem Hiiviskala-Platz und um dahin zu gelangen musste er über eine große Kreuzung. Unna gehorchte gut. Aber genau wie er war sie das Leben auf dem Land gewohnt und es war eine Umstellung, auf einmal in der größten Stadt des Kontinents zu leben und nicht länger in einer verschneiten Kleinstadt.

Nemo atmete tief durch, als er endlich das weitläufige Eingangsportal des alten Sandsteinbaus durchschritt. Es war viel kälter in dem Gebäude als außerhalb, wo er die Temperatur selbst im Schatten als unangenehm empfand. Er hatte einmal versucht auszurechnen, wie viel Grad südlicher er in Avasikuu war als in seiner alten Heimat, aber er hatte sich die Karte zu lange angeschaut und dann hatte sein Kopf gequalmt, weil Zahlen nicht seine Stärke waren. Unna neben ihm hechelte. Nemo fühlte das.

Die Musikschule hatte sich in den letzten zwei Monaten nicht verändert. Der Sandstein hatte bis auf zwei Meter Höhe dunkle Verfärbungen von den Brandschäden aus dem Krieg und wie bei so ziemlich allen Gebäuden in der Stadt, die danach noch gestanden hatten, war niemand auf die Idee gekommen es zu sanieren. Zumindest erzählte seine Cousine Tarja das, aber er hörte in der Regel nur mit einem Ohr zu.

Schließlich klemmte er sich Unna unter den Arm, denn er nahm die Treppe zu seiner rechten in die dritte Etage und Unnas kurze Dackelbeine waren nicht zum Treppensteigen geschaffen. Sie war trotzdem aufgeregt.

Oben angekommen nahm er auf einem der Stühle Platz, Unna zu sich auf den Schoß. Er befand sich in einer kurzen Abzweigung eines Ganges im neugebauten Flügel der Schule, denn hier waren die Decken wesentlich niedriger und der Boden aus eklig glänzendem Laminat. Er entdeckte ein paar breit getretene Kaugummis und hütete sich, unter den Stuhl zu fassen.

Aus dem Zimmer hinter der Tür zu seiner Linken hörte er den Gesang von Tarjas Chorgruppe. Er kannte das Lied nicht, aber es war in einem der älteren Dialekte gesungen, da musste es fast ein altes Volkslied sein. Es klang schön. Beruhigend. Tarja konnte auch Solo sehr gut singen. Nemo strich Unna durch das kurze, glatte Fell, lehnte sich zurück. Wenn er sich auf den Gesang konzentrierte, musste er an nichts anderes denken.

Erst, als die Melodie verklang und eine ganze Horde junger Frauen aus dem Raum kam, schaute er wieder auf.

„Hey Unna, du Wurst!“, kam es von Tarja, die ihn entdeckt hatte noch bevor er sie sah. Unna aber war ganz aufgeregt! Sie hechelte und und bellte und sprang auch gleich von Nemos Schoß herunter, um Tarja zu begrüßen, von der sie die Ohren gekrault bekam. „Na? Na?“

Unna bellte aufgeregt.

„Wer ist der dümmste Hund in Avasikuu? Na?“

„Sh“, machte Nemo, der Unna zu sich holte, damit sie nicht zu laut war und alle herschauten.

Tarja lachte. „Hey, ich wollte sie doch nur kurz im Glauben lassen, dass sie es ist und nicht du.“

„Ha, ha“, machte er, wurde dann aber erstmal von seiner Cousine umarmt.

„Hast du gut hergefunden?“, erkundigte sie sich, die Hände auf seinen Schultern. Sie griff hart zu.

„Hm, ja“, sagte er und grüßte dann ein paar andere Mädchen, die an ihnen vorbei kamen und ihn als Cousin ihrer Kollegin erkannten. Zumindest versuchte er das. Sein Lächeln war fürchterlich schief.

„Lass es lieber, es sieht grauenhaft aus“, statierte Tarja, die das selbstverständlich bemerkt hatte. Sie grinste, als Nemo ihr kurz die Zunge heraus streckte. „Hast du die Papiere mit?“

„Ja, ja.“ Er klopfte auf seine Tasche. „Und Unna hat nichts angefressen.“

„Das will ich doch hoffen“, sagte sie mit Blick auf den Hund, der schon wieder schnüffeln gegangen war. „Ich muss mal kurz in die Umkleide, besser ich kreuz da schon fertig auf.“

Nemo nickte, woraufhin Tarja ans Ende des Gangs in einer der Umkleiden verschwand. Er trat von einem Fuß auf den anderen, schaute zu Unna. Zum Glück war Tarja schnell beim Umziehen, was Nemo davor rette, weiter wie bestellt und nicht abgeholt herum zu stehen. Unna bellte kurz, verstummte aber nach einem „Psht“ ihrer beiden Herrchen.