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Irideae

Summary:

Esther spricht Französisch. Pia macht sich Gedanken.

Spielt während und nach ‚Der Herr des Waldes‘. Mit viel Wohlwollen kann man Spuren von Plot erkennen.

Notes:

Diese Story hat ungefähr so viel Spannung, wie ich beim Köpper vom Startblock. Musste aber raus.

Chapter 1: Iris

Notes:

(See the end of the chapter for notes.)

Chapter Text

Was wusste sie noch nicht über ihre Kollegin? Vorsichtig riskierte Pia einen kurzen Blick nach rechts. Esther hatte sich gegen das Fenster gelehnt und schien geistesabwesend in die vorbeiziehende französische Landschaft zu starren.

Eigentlich hatte sich Pia auf den Kurztrip ins Nachbarland gefreut. Sie fuhr gern Auto. Auch wenn es nur eine knappe Dreiviertel-Stunde nach Saint-Avold waren, sie hatte die Hinfahrt in vollen Zügen genossen. Nachdem sie von Esther wie so oft die Autoschlüssel in die Hand gedrückt bekommen hatte, waren sie zunächst schweigend losgefahren. Die Straßen waren leer, der Tank voll und so hatte Pia ihre Gedanken schweifen lassen.

Jetzt auf der Rückfahrt bereute sie es etwas, sich so sehr hatte leiten lassen ihre Theorien laut auszusprechen. Sie hätte merken müssen, wie wenig sich Esther für ihre psychologischen Täterprofile interessierte und einfach mal die Klappe halten sollen. Sie fühlte sich naiv und dumm. Und das waren zwei Gefühle, mit denen sie nicht gut klarkam.

Schon kurz nachdem Esther und sie das Anwesen der Huiblots betreten hatten, hatte sie angefangen sich dumm zu fühlen. Getrieben von ihrer guten Laune, hatte sie das Reden übernommen und die Mutter des mysteriösen Höhlenmenschen auf Deutsch angesprochen. So unwahrscheinlich war es doch nicht, Deutsch zu können, eine halbe Stunde von der deutschen Grenze entfernt?! Genauso unwahrscheinlich wie Französisch zu sprechen mit Wohnsitz in Saarbrücken, sagte eine Stimme in ihrem Kopf und sie schüttelte unwillkürlich den Kopf, um die Stimme zu vertreiben.

Die ersten französischen Worte, die aus Baumanns Mund geflossen gekommen waren, hatten sie getroffen wie ein Schneeflöckchen ein unvorbereitetes Auge - für Außenstehende undramatisch, für sie selbst aufwühlend und weltbewegend. 'Uuh, hot!' war zwangsläufig ihr erster Gedanke gewesen begleitet von Kribbeln tief in ihrem Innern, dicht gefolgt von Unmut darüber, dass ihre geschätzte Kollegin sie so unwissend hatte ins Messer rennen lassen. Die Tatsache, dass Baumann keine Anstalten machte, sie in ihre Gesprächsinhalte einzubeziehen, hatten es nicht gerade besser gemacht. "Ein bisschen Französisch". Sonst hielt Baumann doch auch nichts von Bescheidenheit! Pia trommelte angespannt auf dem Lenkrad herum.

"Musik?", kam es von Baumann, während ihr Finger auch schon das Radio einschaltete. Es ertönte die Stimme eines französischen Radiomoderators. Bevor Pia diesen Aufhänger nutzen konnte, um auf Esthers jetzt nicht mehr so verborgene Sprachtalente eingehen zu können, kam Esther ihr zuvor: "Hattest du hier nicht deine Musik draufgeladen?", fragte sie nach einem kurzen Räuspern und drückte sich durch das Menü. Pia warf ihr einen Blick zu und musterte ihre Kollegin. Wow. Esther Baumann, gewillt für die nächsten 20 Minuten Pias Musikgeschmack zu durchstehen, den sie vor ein paar Monaten mal nach langem Zögern als "sehr alternativ" beschrieben hatte. Sie wollte also wirklich nicht darüber reden. Also gut.

"Müsste in der Liste ganz unten sein", kam sie ihr entgegen und schon bald dröhnten verzerrte Gitarrengeräusche durch das Auto. Pia entspannte sich unwillkürlich. Das Schweigen nahmen sie wieder auf, aber diesmal war es weniger angespannt. Pias Gedanken rutschten zurück zum Gespräch mit der Baronesse. Sie hatte krampfhaft versucht die nicht-verbale Kommunikation der Frau zu interpretieren. Ihre Emotionen schienen recht warm. Irgendwann wurden die Erzählungen dramatisch, irgendwas mit Haaren, dann eine Geste, mit dem Finger den Hals entlang. Hatte er jemanden kaltgemacht und die Mutter wusste davon? Aber Baumann war vollkommen cool geblieben. Wollte sie sie schützen? Gab es vielleicht irgendeine Art Schwur zwischen französischsprechenden Frauen, der einem mit der Sprache beigebracht wurde? Pia musste grinsen. So langsam wurde sie banane. Trotzdem. Vielleicht war es etwas Harmloseres gewesen, was die Mutter miterlebt hatte. Sezieren von Fröschen oder gar dem eigenen Haustier. Das war ja gar nicht mal so unüblich als Berufsstart für Psychopathen.

Aber sie konnte sich jetzt noch so viel zusammenreimen, wie sie wollte. Sie hatte nichts verstanden als ein paar Fetzen. Und ihre saubere Kollegin hatte sie dumm dastehen lassen. Von Anfang bis Ende. Warum hatte sie in der Schule auch Latein wählen müssen?! Solange sie nicht irgendwann mal einen Mord an einer archäologischen Fundstelle aufklären mussten, würde ihr diese Sprache kaum weiterhelfen. Es sei denn ein - "Ja", riss sie Baumann aus ihrem Gedankenstrudel.

Sie hatte nicht einmal mitbekommen, dass Baumanns Handy sich gemeldet hatte geschweige denn dass sie die Musik leiser gestellt hatte. "Ja, noch etwa eine Viertelstunde. Alles klar, bis später." Esther legte ihr Handy zurück in die Mittelkonsole. Moment, das war nicht Esthers Handy – es war ihr eigenes. Sie musste mit ihren Gedanken echt weit weggewesen sein, Baumann fragte immer erst nach, ob sie rangehen sollte. So viel zu Aufmerksamkeit beim Autofahren.

Baumann machte allerdings keine Anstalten Informationsfluss einzuleiten. Großartig, das würde noch ein langer Tag werden. Wenn nicht sogar eine lange Woche. "Magst du dich vielleicht mitteilen, oder war es was Privates?", fragte Pia trocken. Ihre Aufmerksamkeit wechselte zwischen ihrer Kollegin und der Kreuzung vor ihnen hin und her. Esther hielt ihren Blick auf die Straße gerichtet, während sie sprach.

"Wir sollen nochmal zur Schule der Toten fahren. Der Sohn des einen Lehrers, dieser Clemens Lausch, wurde von den zwei anderen im Wald gesehen."

Pia verdrehte innerlich die Augen. Nahm sie hier überhaupt noch irgendjemand ernst? Irgendwo rannte ein Serienmörder frei durch die Gegend, und sie sollten sich auf diese Kinder konzentrieren?! Selbst wenn es sich um einen Nachahmer handelte, die Kinder waren zum ersten Mord noch nicht einmal geboren worden. Sie hätten sich also genau wie sie selbst durch Archive wühlen müssen.

„Können wir da hinten noch kurz anhalten? Ich brauch einen Kaffee“, Baumann nickte in Richtung einer Bäckerei.

„Klar“, Pia lenkte das Auto auf einen freien Platz vor dem Laden, der sicherlich kein legaler Parkplatz war. War ja nur kurz.

 

 

 

Der Junge hatte ihm ins Gesicht gebissen! Als wär‘ es ein Stück Käse gewesen! Pia wurde schlecht. Vor allem bei dem Gedanken daran, dass Baumann dem Verrückten gerade allein hinterherrannte. Sie hoffte, dass der Junge schneller war. Sie würden ihn schon kriegen, auch ohne dass sich Esther unnötig in Gefahr brachte.

Die Jungs waren beide ansprechbar, standen aber unter Schock. Sie hörte gerade die Sirenen der Rettungswagen, als Esther angejoggt kam. Ein Kopfschüttelt sollte ihr vermitteln, dass sie die Verfolgungsjagd verloren hatte. „Ich hab‘ Hölzer informiert.“

Etwas aufgewühlt saßen die beiden bald wieder im Auto. Diesmal hatte Esther den Fahrersitz für sich beansprucht. Und das obwohl sie Autofahren eigentlich gar nicht mochte. Sie machte auch keine Anstalten loszufahren. Das Vibrieren eines Handys störte die Stille des Autos. Diesmal war es sogar Baumanns. Pia meinte Leos Stimme zu erkennen. Nach einigen wortkargen Zustimmungen war das Gespräch beendet. „Hölzer konnte den jungen Lausch festnehmen. War wohl gerade bei den Eltern, als der Junge nichtsahnend nach Hause kam.“

„Na, immerhin etwas.“ Die Stille breitete sich wieder aus. Pia fragte sich, was diesen Tag so anders machte. Bei Meinungsverschiedenheiten ballerten sich Baumann und sie normalerweise gegenseitig ihre Meinungen an den Kopf, sie diskutierten wie erwachsene Menschen mit nur wenigen Beleidigungen und versöhnten sich später über einem Mittagessen oder einem Hörnchen.

„Müssen wir noch über irgendetwas reden, oder können wir weiter unsere Arbeit machen?“, fragte Baumann jetzt in einem Ton, der nicht ihren normalen Auseinandersetzungen entsprach.

„Das fragst du mich? Du hast die Pedale unter den Füßen, ich glaub wir würden der Arbeit näher kommen wenn du losfahren würdest.“ Hatte Pia irgendwas verpasst? Erst wurde sie aus sprachlichen Gründen vom Ermitteln ausgeschlossen und jetzt war sie schuld, dass sie hier nicht weiterkamen? Sie bereute trotzdem ihre giftige Art.

„Pia, verdammt, du hast so ausgesehen, als würdest du aus jedem Wort der Huiblot eine weitere Seite deines Psychopathenprofils füllen! Du hast doch nur darauf gewartet, dass sie irgendwas Passendes sagt, wodurch man darauf schließen muss, dass er – „

"Dein Ernst, Esther? Ich hab sie nicht verstanden! Kein Wort!“, sie schaute ihre Kollegin ungläubig an. „Vielleicht habe ich deshalb so dumm geguckt, als ihr euer anregendes Gespräch gehalten habt."

Esther seufzte laut, als hätten sie dieses Gespräch schon 14 mal geführt.

"Das Wesentliche habe ich dir übersetzt. Er ist seit 6 Jahren nicht bei ihr gewesen. Er ist stumm. Und dass ich dir die rührenden Einzelheiten seiner Kindheit nicht weitergegeben habe, liegt vielleicht daran, dass sie nichts mit dem Fall zu tun haben!"

"Achso, es geht also immer nur um die harten Fakten, ja? Baumann, wenn dir jemand ins Gesicht lächelt, während er mit dem Finger über sein Küchenmesser streicht und sagt er hat‘s nicht getan, ist das nicht das Gleiche, wie wenn er‘s dir tränenüberströmt beteuert!“ Pia versuchte Esthers Augenverdrehen zu ignorieren. „Es sind die Details, das Zwischenmenschliche, was zählt. Und verdammt noch mal, ich war zu lange im Archiv, um nicht zu wissen, dass diese Morde alle zusammenhängen müssen!“ Sie waren beide laut geworden. Esthers Augen funkelten sie an und zuckten zwischen ihren hin und her.

"Ja, vielleicht warst du zu lange im Archiv. Geh mal ne Runde raus, Heinrich!“ Sie hatte es nicht wirklich böse gemeint, schon eher neckisch, aber das wurde Pia erst bewusst als sie die Autotür hinter sich zugeknallt hatte.

 

 

Eine Stunde später, nach einem ausgiebigen Spaziergang die Saar entlang, betrat Pia das leere Büro. Sie setzte sich an ihren Platz und versuchte sich alle Fakten nochmals übersichtlich auf Papier zu bringen. Weit kam sie nicht, bis die Tür aufging und Baumann eintrat, offenbar überrascht sie hier anzutreffen. Sie atmete hörbar aus und schien sich mit hängendem Kopf zu sammeln. Dann blickte sie wieder auf, aber Pia konnte ihr Gesicht nicht lesen.

Zögern. „Tut mir leid, dass ich dich nicht mit einbezogen habe. Es ist nur so, dass…“ Die Worte schienen ihr einiges abzuverlangen und Pia rechnete es ihr hoch an, dass sie es versuchte. Baumann redete zwar gerne über Schuld und Gefühle, nicht aber wenn es ihre eigenen waren. Pia wartete.

„Ich weiß nur zu gut, wie die Gesellschaft mit Menschen umgeht, die anders sind als andere.“ Sie überlegte. Als hätte sie mit ihren dreieinhalb Worten schon zu viel gesagt. „Der Junge hat sich nach seinem Unfall sehr zurückgezogen. War viel in der Natur. Hat das alles auf seine eigene Weise verarbeitet. Ich wollte nicht, dass du zu viel in sein früheres Verhalten hineininterpretierst.“

Esthers Blick war durchdringend, als wolle sie herausfinden, ob Pia verstanden hatte, was sie ihr sagen wollte. Pia verstand. Zumindest dachte sie das, es war ja nicht schwer zu verstehen. Aber über die Art wie Baumann sie musterte, fragte sie sich, ob sie einen wichtigen Teil der Botschaft nicht doch verpasst hatte.

„Ja, versteh ich. Ich muss zugeben, ich habe mich etwas auf Huiblot versteift. Er kommt aus Frankreich und scheint im Wald zu leben“, Esther machte schon Anstalten resigniert den Kopf zu schütteln. „aber“ beeilte sich Pia hinterherzusetzen, „das sind auch die einzigen Zusammenhänge zu den anderen Morden. Er ist zu jung für die anderen Morde.“ Pia atmete frustriert aus. Sie drehten sich im Kreis, gleich würde Baumann wieder sagen, dass man nicht erst Abitur brauchte, um eine Psychopathenkarriere zu starten.

„Du scheinst dir da ja echt sicher zu sein mit deinem Serienmord. Ich will nicht sagen, dass ich dir zustimme, aber wir sollten einfach alles in Betracht ziehen. Du solltest dich nicht auf eine Theorie versteifen, aber das sollte ich auch nicht.“ Manchmal überraschte Baumann sie wirklich. Und oft fragte sie sich dann, warum es sie so überraschte, wenn Esther so vernünftig und einfühlsam war. Die Seite an ihr hatte Pia schon früh entdeckt, nur zeigte sie sich eben nicht so oft. Anderen gegenüber noch viel seltener und das gab ihr ein seltsam stolzes Gefühl.

Sie lächelten sich eine Weile an und hielten den Rest des Gesprächs nonverbal ab. Dann stand Pia auf und umquerte mit einer Akte den Schreibtisch. „Gut. Ich würde mich über deine Einschätzung freuen, ob die Sachen hier tatsächlich zusammenpassen, oder ob ich im Archiv meinen Verstand verloren habe.“

Baumann grinste sie an. „Was ist das denn für eine Oder-Frage? Dass du deinen Verstand verloren hast, steht außer Frage. Ich bin mir nur ziemlich sicher, dass das nicht erst im Archiv passiert ist.“ Pias linke Augenbraue hob sich. „Aber wir können uns deine Funde trotzdem gerne nochmal anschauen. Ich wüsste gerade sowieso nicht, wo wir sonst weitermachen sollen. Hölzer hat sich um den Lausch gekümmert, und von Schürk hört man ja ohnehin wenig.“

 

 

Kurz vor Feierabend bekamen die beiden Bescheid, dass Schürk und Leo den stummen Huiblot aufgegriffen hatten. Die Befragung dauerte nicht lange und bald rief Hölzer sie wiederum aufgeregt an. Ein Knochen aus den alten Fällen sei aufgetaucht, allerdings gab es wohl einen Zeugen, der das Beweisstück zurückgehalten hatte. Besonders klar drückte ihr Kollege sich nicht aus, aber sie hatten gelernt nicht näher nachzufragen, wenn er vage in seinen Ausführungen blieb. Sie sollten Feierabend machen und sich am nächsten Tag bereithalten, da sie höchstwahrscheinlich kurz vor Aufklärung des Falles standen. Als letztes hatte er noch irgendwas vom alten Schürk genuschelt.

„Na toll“, diesmal war Pia es, die sich über die Heimlichtuerei ihres Kollegen aufregte. „Ist ja nicht so, als wären wir ein Team, das zusammen einen Mordfall aufklären soll!“

Überraschenderweise war es Baumann, die beschwichtigend den Kopf schüttelte. „Hey, du hattest recht mit deiner Serienmord-Theorie. Ohne das, wären wir nicht so weit gekommen. Den zwei Clowns müssen wir jetzt wohl oder übel vertrauen, dass sie sich nicht in irgendwelche Befangenheiten begeben. Morgen sind wir sicher schlauer.“

 

 

Morgen kam und bald waren sie schlauer. Für Pias Geschmack etwas zu schlau. Nachdem der alte Schürk ihnen die Story über den Lehrer Lausch dargelegt hatte (hätten sie nicht vorher schon nach einem psychopathischen Serienmörder gesucht, hätte sie dem alten Mann mit den kalten Augen kein Wort geglaubt), ging er dazu über haarsträubende Andeutungen über ihre beiden Herren Kollegen und seinen Unfall zu streuen. Bevor er aber weit ausholen konnte, würgte Baumann ihn ab und bot ihm an eine offizielle Aussage zu tätigen – zum versuchten Mord von Lausch sowieso, was seinen Sohn und Hölzer anging, wenn er es denn wollte. Da verebbte sein Redeschwall abrupt wieder und Pia war froh, dass in dem Moment auch schon ihre Kollegen am Tatort eintrafen. Schnell verzogen sich die beiden Kolleginnen und überließen den Mann den Sanitätern.

„Was war das denn?“, fragte Pia als sie sich eine Stunde später in der Sicherheit ihres Dienstwagens wiederfanden. Zügig lenkte sie das Fahrzeug aus dem Wald. Für die nächsten Wochen würde sie sich von Natur fernhalten und sich der Geborgenheit der betonbeladenen Stadt hingeben.

„Ich brauch erstmal ein Bier“, war Esthers einzige Erklärung auf die rhetorische Frage, „oder was Stärkeres.“

„Da wäre ich sofort dabei. Aber ich bin gerade ehrlich gesagt nicht so für Menschenansammlungen zu haben.“

„Hab noch Bier im Kühlschrank. Liegt ja aufm Weg.“ Pia versuchte sich ihre Überraschung nicht anmerken zu lassen. Auch Baumanns Gedanken schienen aufzuschließen und sie wirkte überrascht über ihre eigenen Worte. „Also, nur wenn du nichts Besseres zu tun hast“, fügte sie schnell hinzu und wäre Pia nicht so geschockt von den Ereignissen des Tages gewesen, hätte sie die Verlegenheit in ihrer Stimme eventuell aufhorchen lassen.

„Schwierige Entscheidung, Baumann, Bier mit dir oder allein auf der Couch mit Bildern eines leichenverstümmelnden Philosophielehrers hinter der Netzhaut. Da vorne links, oder?“

Nachdem sie den Kombi stolz in einem Zug in eine Kleinwagen-große Lücke auf dem Seitenstreifen gequetscht hatte, wurde Pia schlagartig bewusst, dass sie kurz davor stand, zum ersten Mal Baumanns Wohnung zu betreten. Als würde sie ihre Gedanken lesen, nickte ihr Baumann ermutigend zu, als wäre ihr ein ähnlicher Gedanke auch gerade gekommen. Lass es uns hinter uns bringen, schien ihr Blick zu sagen. Dass Esther nicht gerne Persönliches mit der Arbeit verband, wusste Pia und sie hoffte, dass sie ihre vorhin so spontan ausgesprochene Einladung nicht mittlerweile bereute. Schweigend traten sie in den Hausflur, stiegen zwei Stockwerke nach oben und schon bald stand Pia inmitten einer luftig geschnittenen Wohnküche. Luftig geschnitten war dabei eine Untertreibung.

„Ich wusste nicht, dass du in deiner Freizeit gerne Michelin-Sternchen erwirbst“, neckte sie mit einer Kopfbewegung in Richtung der ausladenden Hochglanz-Designer-Küche.

„War nicht meine Idee“, murmelte Esther, während sie Schuhe auszog.

„Wessen denn dann?“, fragte Pia kurz bevor ihr Instinkt sie warnte diese Frage besser nicht zu stellen. Sie versuchte ihren Gesichtsausdruck halbwegs neutral zu halten, um sich ihre Panik nicht ansehen zu lassen. Sie hatte es bis in Esther Baumanns Wohnung geschafft, so weit wie es niemand anderes aus dem Präsidium je geschafft hatte und hatte es direkt mit einem Satz wieder verkackt. Die Realität von „einsam auf der Couch mit Leichenbildern“ rückte in greifbare Nähe. Aber statt Rauswurf überraschte Baumann sie mit einem charmanten Killerblick und der Frage "Bier?" und damit war das Thema scheinbar abgehakt. Pia nickte und folgte Esther mit ihren Blicken, als diese sich Richtung Kühlschrank bewegte. Pia bezweifelte, dass sich hinter der Kühlschranktür wirklich Bier befand und erwartete eher einen Geheimgang zu einem riesigen Weinkeller. Aber tatsächlich hielt Baumann ihr einige Sekunden später eine eisgekühlte Hopfenschorle entgegen.

Erst da bemerkte Pia, dass sie immer noch dumm im Eingangsbereich herumstand.

"Fühl dich ganz wie im Büro", Esther zwinkerte ihr unverschämt bezaubernd zu und schlenderte zur Couch. "Ich weiß nicht wie‘s dir geht, aber ich könnt wieder was essen."

Pia stand immer noch wie angewurzelt da.

"Ähm", sie zwang ihr System zum Neustart, "Ja klar. Immer."

Schon bald hatte sich Pia akklimatisiert und die beiden blödelten herum wie immer, bestellten bei einem Asia-Imbiss um die Ecke und lästerten über Kollegen. Bis sie zwangsmäßig auf die ungefragt erhaltenen Informationen von Roland Schürk zu sprechen kamen. Sie waren sich einig, dass sie eigentlich nichts wussten und somit auch nicht berufen waren rechtliche Schritte einzuleiten.

"Was machen wir mit Leo und Adam? Wir könnten sie zumindest darauf ansprechen", überlegte Pia.

„Und dann?“, Baumann schien wenig begeistert. „Die zwei Turteltäubchen blocken doch alles ab. Vielleicht ergibt sich irgendwann mal eine Gelegenheit, aber im Moment…"

"Du möchtest also gar nicht wissen, was sie zu sagen haben? Und warten bis sich der richtige Zeitpunkt ergibt. Bis du etwas brauchst, was du gegen-" Diese Wortwahl war nicht so gut durchdacht gewesen, denn Baumann fiel ihr eingeschnappt ins Wort.

„Ey, Moment mal, Heinrich! Willst du mir irgendwas unterstellen?“

Pia atmete frustriert aus.

„Esther, du weißt, wie ich dazu stehe. Leo hat‘s nicht verdient und Adam ist halt ein bisschen schwierig, aber wir sind jetzt nun mal ein Team.“

Esther atmete tief durch. "Pia, wir hatten das Gespräch schon und ich habe meine Fehler eingesehen. Ich bemüh mich, vor allem der wandelnden Dynamitstange gegenüber - aber ich werd‘ nicht anfangen den beiden die Füße zu küssen!“

Es folgte eine angespannte Stille. Pia hielt ihren Blick auf das schon halb abgeknibbelte Etikett ihrer Bierflasche. „Tut mir leid“, sagte sie leise. „War wohl Macht der Gewohnheit. Ich hab‘ ja gemerkt, dass du’s wirklich versuchst. Sogar Adam gegenüber.“

Ihre Blicke trafen sich wieder und langsam wich das gereizte Funkeln in Esthers Augen etwas Weicherem. „Wir behalten erstmal alles für uns, was nichts mit dem Fall zu tun hat, bis wir einen triftigen Grund haben, nachzuhaken. Abgemacht?“

„Abgemacht“, Pia hielt ihr die Hand entgegen und nach kurzem Zögern griff Esther zu, um ihren Pakt zu besiegeln.

Pia nutzte die Gelegenheit und wechselte das Thema. "Ich hab‘ letztens gesehen wie Adam auf Leos Tisch saß, während sie ‚alle Fakten‘ durchgegangen sind", sie zeichnete Anführungszeichen in die Luft. "Er saß dabei mit seinem knackigen Hintern auf dem Bericht, den sie angeblich gerade diskutierten." Sie warf ihrer Kollegin einen vielsagenden Blick zu.

"Und ich dachte, du hältst sowieso nicht viel von harten Fakten" Esther knuffte sie augenzwinkernd in die Seite und irgendwas in Pias Gesicht brachte sie zum Lachen. Das seltene Baumann Lachen hallte durch den Raum und Pia konnte nicht anders als mit einzustimmen.

 

Notes:

Hab wohl zu viel Drei ??? gehört, am Ende muss gelacht werden.