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Peter seufzte genervt.
Wieso hatte er sich von Bob überreden lassen ihn heute zu chauffieren? Jetzt hatte er den Salat. Während Bob mit Lesley irgendetwas literarisch-super-wichtiges am Computer recherchierte, warf Jelena den beiden immer wieder giftige Blicke zu. Er selbst lehnte am Kassentisch und tat möglichst unbeteiligt. In Bobs verkorkste Mädchenprobleme wollte er sich auf keinen Fall hineinziehen lassen. Wieso, zum Teufelsgeiger, hatte er die überhaupt noch?
"Tausend Dank für deine Hilfe, Bob, ohne dich wäre ich wirklich aufgeschmissen!", flötete Lesley jetzt und legte Bob eine Hand auf den Arm.
"Kein Problem", erwiderte Bob lächelnd.
Jelenas Fingerknöchel traten weiß hervor, so fest packte sie die Räder ihres Rollstuhls. "Ja, auf Bob kann man sich wirklich verlassen."
"Oh ja!"
"Auch wenn ich noch nie Hilfe beim recherchieren gebraucht habe."
Das Raumklima schien plötzlich unter null zu fallen. Bob räusperte sich nervös.
"Äh... Lesley, nenn' mir doch bitte den nächsten Autor auf der Liste."
"Braniff, P."
Lesley klang eindeutig schriller als zuvor und das wollte schon etwas heißen. Bob tippe hektisch auf der Tastatur.
"Weißt du noch, Bob, als wir damals im Keller meiner Villa eingesperrt waren? Da warst du mir wirklich eine sehr große Hilfe."
Aus den Augenwinkeln konnte Peter erkennen, dass Leyles Blick etwas Empörtes annahm. Er rollte mit den Augen. Dass er und Justus damals ebenfalls in dem besagten Keller festgesessen hatten, verschwieg Jelena geflissentlich. Peter kribbelte es bis in die Fingerspitzen, sie auf dieses kleine Detail hinzuweisen. Er biss sich jedoch auf die Zunge. Bloß nicht zwischen diese Fronten geraten, die sich hier immer deutlicher hervortaten.
"Oooh!", zwitscherte Lesley da, "das erinnert mich daran, wie wir hier einmal im Buchladen übernachtet haben, als du von einem Kriminellen gejagt wurdest, weißt du noch Bob?"
"Äh, ja."
Jelenas Augen verengten sich zu Schlitzen. Peter schnaufte.
Auch bei diesem Fall waren Justus und er dabei gewesen und tatsächlich war es nicht Bob, der von einem Kriminellen gejagt wurde, sondern er, Peter. Er presste seine Lippen fest zusammen.
Nicht. Einmischen.
"Der nächste Autor, Lesley?"
Bob schien die ganze Angelegenheit so schnell wie möglich hinter bringen zu wollen.
"Buchanan, C."
Leider waren sie erst bei B.
Peter überlegte angestrengt mit welcher Ausrede er sich am besten vom Acker machen könnte. Lesley musste er dabei nicht überzeugen, aber Bob und Jelena wären sicher sauer, wenn er jetzt von seinem Versprechen, sie heute zu chauffieren, zurücktreten würde. Vielleicht könnte er einen Telefonanruf vortäuschen? Von seiner Mutter? Seinem Opa? Oder sogar Justus?
Aber Bob kannte ihn viel zu gut und konnte in seiner Mimik lesen wie in einem Buch. Er würde den Bluff sofort durchschauen. Peter seufzte noch einmal.
Jelena drehte ihren Rollstuhl leicht und ließ einen abschätzigen Blick durch den Buchladen schweifen.
"Nette Auswahl. Aber ich glaube nicht, dass ich hier etwas finde, was in unserer Bibliothek zuhause fehlt. Was meinst du, Bob?"
"Ähm..."
"Booksmith ist die bestsortierte Buchhandlung in Rock Beach," sagte Lesley pikiert.
Jelena hob eine elegante Augenbraue.
"Ist es nicht die einzige Buchhandlung in Rocky Beach?"
Lesley schnappte entrüstet nach Luft. Bob tippte noch schneller.
"Nächster? Lesley?"
Es herrschte für einen Moment Schweigen. Offenbar musste Lesley erstmal tief durchatmen. Oder sie hatte den Überblick auf ihrer Liste verloren.
Jelena guckte gelangweilt und Peter seufzte abgrundtief.
"Carey, M.V."
Tippen.
"Nächster?"
"Conelly, L."
Tippen.
"Nächster?"
Peter ließ seinen Kopf in den Nacken sicken, schloss die Augen und blendete seine Umgebung aus.
Surfen zu gehen konnte er für heute wohl vergessen. Es war zwar etwas kühl, aber der Wellengang hatte heute morgen bei seiner Joggingrunde perfekt ausgesehen. Vielleicht könnte er es am Spätnachmittag noch schaffen, wenn er Jelena und Bob wieder zuhause abgesetzt hatte. Vielleicht würden sich sogar noch die Wolken verziehen und er konnte im Sonnenuntergang surfen.
Ein kleines, sehnsüchtiges Lächeln umspielte seine Lippen.
"Bob? Bob! Hörst du mir noch zu? Bob!"
Unsanft aus seinen Tagträumen gerissen, dreht sich Peter um, um herauszufinden, weshalb Lesley so ungeduldig klang. Und sah direkt in Bobs Augen. Der dritte Detektiv starrte ihn an, einen zarten Rotschimmer auf den Wangen.
Fragend hob Peter die Augenbrauen.
Bob öffnete den Mund, doch es schien ihm die Sprache verschlagen zu haben.
"Forster, J. Hast du den, Bob?"
Bob räusperte sich. "Was? Wen?"
"Forster, J.!"
"Achso, jaja, klar. Hab ich."
Sie arbeiteten weiter ihre Liste ab.
Jelena studierte ihre Fingernägel. An einem Gespräch mit Peter schien sie kein Interesse zu haben und Peter wusste aus Erfahrung, dass, wenn solche Type wie Jelena oder Justus keinen Small Talk betreiben wollten, es auch keinen geben würde. Punkt.
Er blätterte lustlos in einem Flyer, den er neben der Kasse gefunden hatte. Doch der Frieden währte nicht lange.
"Kellen, M.J. ... du Bob, ich freue mich wirklich, dass du unser Freundschaftsarmband immer noch trägst. Das bedeutet mir echt viel."
"M-hm. Nächster."
"Kowalski, N. Ich meine, das habe ich dir wann gegeben? Vor zwei Jahren? So lange halten manche Freundschaften gar nicht! Aber du und ich, wir tragen sogar noch unsere Bänder."
Ja, genau, höhnte es in Peter Kopf, und sobald wir die Buchhandlung verlassen, wandert das Armband wieder in das Handschuhfach von Bobs Käfer. Beziehungsweise in seine Hosentasche, solange der Käfer in der Werkstatt war.
Gereizt knüllte Peter den Flyer zusammen.
Er wollte sich da nicht mit reinziehen lassen, verdammt! Aber irgendeine seiner Gehirnzellen hatte dieses Memo offenbar nicht bekommen und spuckt zu jeder Aussage der Mädchen hämische Bemerkungen aus.
"Also, ich trage nur Silberschmuck" sagte Jelena kühl und schob sich wie zufällig ihre dunkelblonden Haar hinters Ohr. Zum Vorschein kamen geschmackvolle Silberohrringe.
"Bob, die Ausstellung hat seit einer halben Stunde geöffnet. Wenn wir nicht ins Gedränge geraten wollen, müssen wir bald los."
Oh Gott, ja bitte, dachte Peter. Aber Lesley schien nicht gewillt, Bob schon vom Haken zu lassen.
"Sicherlich können die paar Bilder noch warten. Es handelt sich hier um einen absoluten Notfall."
Jetzt war es an Jelena die Fassung zu verlieren. Sie schnaubte entrüstet.
"Die paar Bilder?! Es handelt sich eine noch nie zuvor der Öffentlichkeit zugänglich gemachte Sammlung von Jaqqards! Eine Sensation! Das zu verpassen grenzt an Idiotie."
Schnippisch zuckte Lesley mit den Achseln. "Wenn du meinst."
"Ich meine allerdings und mit Nachdruck. Du wirst deine Arbeit wohl selber machen müssen."
"Also-"
"Lesley, Jelena! Beruhigt euch! Jelena, wenn ich es richtig überblicke sind es nur noch zehn Namen auf der Liste, dann können wir los. Das dauert maximal noch 20 Minuten. Es macht sicher keinen Unterschied ob wir eine Minute oder eine Stunde nach Ausstellungseröffnung dort ankommen. Wenn wir erst mal da sind, haben wir ja alle Zeit der Welt."
Besänftigt klimperte Jelena mit den Wimpern. "Und die werden wir uns dann auch nehmen, Bob."
Peters Laune sank auf einen neuen Tiefpunkt. Wenn Bob und Jelena ewig Jaqqards Vermächtnis anschmachten wollten, konnte er sich das Surfen wohl wirklich abschminken. Schließlich musste er beide wieder nach Hause fahren.
Er versuchte noch einmal, sich mit dem Flyer abzulenken, da holte Lesley erneut zum Schlagabtausch aus.
"Ooh, Bob, das erinnert mich daran, wie wir beide mal für Stunden in unserem kleinen, engen Lagerraum-"
Peter sah rot.
Alle guten Vorsätze flogen über Bord. Er wirbelte herum und klatschte die Flyer auf den Tresen.
"Oh mein Gott! Und wisst ihr woran mich das erinnert? An die hunderte Male, als ich mit Bob und Justus in unserer super engen Zentrale zusammen gesessen hab. Stundenlang! Oder an die unzähligen Male, an denen ich Bob das Leben gerettet habe. Oder er mir! Boah, da war er mir aber echt 'ne riesen Hilfe. Oder daran, wie oft wir schon zusammen in einem Bett geschlafen haben. In einem Einzelbett! Mega-eng, die ganze Nacht!"
Peter musste nach Luft schnappen, so schnell und wütend hatte er gesprochen. Drei Augenpaar starrten ihn ungläubig an. Lesleys Mund ging auf und zu, aber es kam kein Ton heraus. Jelenas Lippen dagegen waren zu einem schmalen Strich zusammengepresst.
Und Bob... der sagte zwar auch nichts, aber seine Augen begannen zu funkeln. Genugtuung durchflutete Peter und löste seine abgespannten Muskeln.
"So, da das jetzt hoffentlich geklärt ist, gehe ich mal ne Runde raus. Ich brauche Luft."
Er beugte sich über den Kassentisch und küsste Bob auf den Mund. Kurz aber zärtlich, so dass kein Zweifel darüber entstehen konnte, dass es bei weitem nicht ihr erster Kuss war.
"Ich bin in einer Viertelstunde zurück und fahre euch dann zu der Ausstellung. Bis gleich, Babe."
Damit drehte er sich um und schritt zügig zur Tür. Das letzte, was er hörte, bevor er in die herrlich angenehme Frühlingsluft hinaustrat, war Lesleys schrille Stimme.
"Babe?!!"
