Work Text:
Leo ist eigentlich kein eifersüchtiger Mensch. Wenn er gemeinsam mit Adam unterwegs ist, sei es zum Essen, in einem Club oder einfach irgendwo draußen und händchenhaltend, dann findet er es sogar ziemlich aufregend, wenn andere Männer – und auch Frauen – Adam anstarren. Oder auch sie beide, denn Leo macht sich nichts vor und ist, zumindest in diesem Punkt, kein Freund falscher Bescheidenheit: Er weiß, wie gut Adam und er zusammen aussehen. Er weiß, dass sie sich nicht nur im Beruf oder im Bett, sondern auch optisch perfekt ergänzen. Und er weiß, dass andere Menschen das auch so sehen und genießt diese Aufmerksamkeit, die besonders dann auf ihnen ruht, wenn sie in einem der Saarbrücker Clubs aufreizend eng miteinander tanzen. Und wenn jemand versucht, Adam an der Bar in ein Gespräch zu verwickeln, während Leo gerade einmal nicht eindeutig als Adams Partner zu identifizieren ist, was selten genug vorkommt, dann genießt Leo das regelrecht. Weil er weiß, niemand sonst hat bei Adam eine Chance, genauso wenig wie irgendjemand anders als Adam eine Chance bei Leo hat. Für Leo gibt es nur Adam. Und für Adam gibt es nur Leo.
Fast.
Leo steht einen Schritt von ihrem Bett entfernt und starrt einfach nur. Nein, er ist nicht eifersüchtig. Ja, er liebt es, Adam einfach nur anzusehen, zu betrachten, während der schlanke Mann in ihrem Bett liegt. Egal, ob Adam schläft oder ein Buch liest oder den Laptop auf den Beinen hat und im Internet surft, Leo kann sich schlicht nicht sattsehen an diesem Mann. Wenn sie nach dem Sex beieinander liegen, könnte Leo Adam stundenlang ansehen und seine Finger dabei über Adams blasse Haut gleiten lassen. Wenn Leo morgens vor Adam aufwacht, könnte er stundenlang einfach nur liegenbleiben und seinem Mann – denn das ist Adam, Leos Mann, auch wenn es kein offizielles Dokument gibt, das das bestätigen würde – beim Schlafen und irgendwann beim Aufwachen zusehen. Selbst wenn Adam aus einem schlechten Traum hochschreckt und Leo, der mit ihm hochschreckt, aus großen Augen anstarrt, könnte Leo endlos lange zurückstarren, um sich jede noch so kleine Regung in Adams Gesicht einzuprägen.
Aber jetzt betrachtet Leo den im Bett liegenden Mann und könnte doch eifersüchtig werden. Ein klein wenig jedenfalls. Was lächerlich ist, denn das, was Leo hier sieht, ist genau das, was er sich zu sehen erhofft hatte, als er Adam vor wenigen Tagen dieses Geschenk gemacht hat.
Denn Adam schmust mit einem Plüschhund. Nicht mit Leo, oh nein, mit einem Plüschhund. Mit dem Plüschhund, um genau zu sein, den Leo vor Jahren, damals, als Geschenk für Adam gekauft hatte, den er ihm aber nicht mehr geben konnte. Weil Adam irgendwann plötzlich weg war, einfach so verschwunden, ohne ein Wort des Abschieds. Und bei aller Wut und allem Zorn und aller Traurigkeit war Leo, wenn er an den Plüschhund dachte, doch auch ein bisschen erleichtert gewesen. Denn er war sich selbst nach dem Kauf des weißen Hundes mit braunen Flecken nie ganz sicher gewesen, ob das wirklich eine gute Idee war. Adam einen Hund zu schenken, auch wenn es nur ein Stofftier war, das ihm nicht gefährlich werden konnte. Denn genau das war Leos Idee für dieses Geschenk gewesen: ein bisschen was von dem, was Adams Vater so sehr ruiniert hatte, wieder gutzumachen. Adam zu zeigen, wenn auch auf eine vielleicht etwas kindlich-naive Art und Weise, dass ein Hund nicht per se böse war, sondern dass es immer einen Menschen brauchte, der das Tier zu dem machte, was es war. So wie Adams Vater es getan und seinem Sohn damit eine generelle Scheißangst vor Hunden eingeprägt hatte. Und als Adam verschwunden war, hatte Leo den Hund aufgehoben. Hatte ihn in eine Schachtel gepackt, genau groß genug, und ihn aufbewahrt. Die Schachtel mit dem Kuscheltier darin sogar mitgenommen, als er irgendwann zuhause aus- und in seine erste eigene Wohnung eingezogen war. Und beim nächsten Umzug hatte er die Schachtel erneut mitgenommen.
Und hier steht Leo, der sich erst vor kurzem wieder an die Schachtel mit Hund erinnert hat, also nun und betrachtet den Mann mit Hund. Den Mann mit Plüschhund.
Leo muss einen großen Schritt zurück machen und sich an die Wand lehnen. Er sieht Adam nicht zum ersten Mal schmusend mit dem Kuscheltier, und dennoch werden seine Knie ein bisschen weich bei dem Anblick. Nichts mit Eifersucht aufs Plüschtier, nur plüschige Gefühle in seinem Herzen. Und ziemlich plüschig-weiche Knie, ja.
Adam liegt mit dem Gesicht der Tür zugewandt in ihrem Bett, halb unter, halb auf der Decke, die Augen geschlossen, den Hund in seinen Armen und an sich gedrückt. Leo ist sich ziemlich sicher, dass Adam wach ist, denn Schmuserei mit Kuscheltier hin oder her, Adam schläft nach wie vor nicht besonders schnell ein, schon gar nicht so relativ früh am Abend, kurz nach dem Abendessen. Er könnte ihn stundenlang betrachten, wie immer – doch in diesem Moment öffnet Adam seine Augen, als hätte er Leo irgendwie bemerkt, seine Anwesenheit gespürt. Das kommt vor und der Gedanke daran, dass das vorkommt, beschert Leo gleich noch etwas weichere Knie.
„Hey“, murmelt Adam und sieht Leo fast ein bisschen verschämt an. Erwachsener Mann mit Plüschhund, daran muss Adam sich wohl selbst erst gewöhnen.
„Hey“, antwortet Leo leise und zwinkert Adam zu, „soll ich euch allein lassen?“
„Hmm“, brummt Adam gespielt-nachdenklich, zieht den Hund ein kleines Stückchen von seiner Brust fort und schaut ihn fragend an. „Soll er uns allein lassen?“
Leo muss den Kopf senken, um sein breites Grinsen zu verbergen. Erwachsener Mann mit Plüschhund, offenbar muss auch Leo sich daran erst noch richtig gewöhnen. Von unten herauf linst er aber doch hinüber zu Adam und sieht, wie der sich die Hundeschnauze jetzt dicht an sein rechtes Ohr drückt, als würde der Hund ihm seine Antwort zuflüstern.
Fuck, ich lieb‘ dich so, denkt Leo. So wird er seine weichen Knie heute garantiert nicht mehr los.
„Du kannst bleiben“, reißt Adams Stimme Leo aus seinen Gedanken. Er räuspert sich und fragt: „ Nur bleiben oder darf ich vielleicht auch…?“
Leo deutet zum Bett, wo Adam sofort ein wenig nach hinten rutscht, um Leo genügend Platz zu machen. Auf immer noch ziemlich wackligen Beinen geht Leo hinüber, zieht sich seine Jeans aus und krabbelt nur noch mit T-Shirt und Unterhose bekleidet zu Adam und dessen Schmusepartner ins Bett. Er legt sich auf seine rechte Seite, damit er Adam ansehen kann.
„Geht’s euch gut?“, fragt er und lächelt Adam vermutlich ziemlich verknallt an dabei.
„Uns geht’s gut.“ Adam zieht den Hund jetzt wieder zurück an seine Brust, dreht ihn in seinen Armen aber so herum, dass auch das Stofftier Leo ansehen kann.
Scheiße, Adam, du musst echt aufhören damit, denkt Leo, sagt aber: „Das ist gut.“
„Mit dir hier geht’s uns noch besser.“
„Echt?“, fragt Leo, sieht von Adam zum Hund und wieder in die Augen seines Mannes. Statt etwas zu antworten, lässt Adam den Plüschhund nicken.
Leo kann nicht anders, er muss lachschnauben bei dem Anblick.
„Hey, lach ihn nicht aus!“, weist Adam Leo zurecht. Er dreht den Hund wieder etwas mehr zu sich und drückt sich seinen Kopf gegen die Brust. Die Botschaft ist deutlich: Plüschhund ist ein bisschen beleidigt.
„Tut mir leid, ich hab‘ nicht… ich wollte nicht lachen“, entschuldigt Leo sich sofort. Er hebt seine linke Hand und deutet vorsichtig und fragend auf den Hund.
„Ja, du darfst“, erteilt Adam Leo die offizielle Streichelerlaubnis.
Leo streckt seine Hand zu dem Plüschhund hin und beginnt damit, das Stofftier zu streicheln und zu knuffen. Ununterbrochen sieht er dabei Adam an, der wiederum seinen Blick auf Leos Hand und den Hund gerichtet hält, als wolle er sichergehen, dass beim Streicheln auch bloß nichts schiefgeht. Irgendwann bewegt er das Kuscheltier unter Leos Hand und schiebt es Leo entgegen.
„Ich glaub‘, er will zu dir“, sagt Adam und sieht Leo auffordernd an.
„Habt ihr schon genug geschmust?“
„Hm, gute Frage.“ Adam zieht den Hund wieder näher zu sich, sieht in sein Hundegesicht und fragt: „Haben wir schon genug geschmust?“
Erneut wandert die plüschige Hundeschnauze an Adams Ohr, erneut wird scheinbar eifrig geflüstert. Leo schiebt sich auf der Matratze zurecht und muss noch breiter lächeln.
„Du bringst mich um“, sagt er, bevor er es verhindern kann.
Adam und Hund sehen Leo an und das Herrchen sagt: „Niemals. Aber… damit du das auch glaubst… wir haben beschlossen, dass wir auch zu dritt schmusen können. Aber er kommt zu dir.“
Damit reicht Adam den Plüschhund an Leo weiter, der ihn in seine Arme nimmt und so herum dreht, dass er nun wiederum Adam ansehen kann. Anschließend streckt Leo eine Hand nach Adam aus, so gut das mit einem Stofftier im Arm eben geht, um ihn dichter an sich heran zu ziehen. Adam folgt sofort, schiebt sich zu Leo und Hund hin und legt, ebenso wie Leo, den Kopf aufs Kopfkissen.
„Ich muss nicht eifersüchtig sein, oder?“, fragt Leo leise.
„Nein“, sagt Adam ebenso leise, „du musst stolz auf dich sein.“
„Stolz, wieso?“
Kurz weicht Adam Leos Blick aus, sieht zu dem Plüschtier, dann unter sich auf seine eigenen Hände, schließlich wieder zu Leo. „Du kannst mich gerne auslachen, aber… ich lieb‘ das Tier, als wär‘ ich acht Jahre alt.“
Leo berührt Adam vorsichtig an Arm. „Du hattest keine Kuscheltiere, als du acht warst. Und auch sonst nicht.“
Der dunkelhaarige Mann kann sehen, wie Adam schlucken muss und seine Augen ein bisschen feucht werden. „Genau. Stofftiere sind nur was für… naja, kannst du dir ja denken.“
„Ich wünschte, er könnte dich jetzt sehen…“
„Uns, Leo, uns. Ich wünschte, er könnte uns jetzt so sehen.“
Leo seufzt, zieht Adam noch etwas näher an sich, bis der Plüschhund fast zwischen den beiden Männern eingequetscht wird. „Er würd’s nicht verstehen. Er hat gar nichts verstanden, überhaupt nichts.“
„Ich weiß“, murmelt Adam.
„Und ich lieb’s, dass du kein bisschen bist wie er. Dass ich dir einfach so einen albernen Plüschhund…“
„Hey, Vorsicht, er kann dich hören!“
„Genau das meine ich, Adam. Dass wir hier einfach liegen und schmusen können, zu dritt.“
„Und dass sich das so gut anfühlt.“ Adam kommt noch näher, schiebt etwas ungelenk eine Hand zwischen ihre Körper und legt sie über das Gesicht des Hundes. Und Leo kann nicht anders, er muss zunächst laut lachen ob dieser blöd-entzückenden Geste, die dafür sorgen soll, dass das Plüschtier den beiden Männern nicht beim Knutschen zusehen kann. Oder zusehen muss, je nachdem.
Dann knutschen sie. Und als sie kurz Luft holen müssen, fügt Adam noch hinzu: „Und ich lieb’s, dass du ihn so lange aufgehoben hast.“
Jetzt ist es Leo, dessen Augen ein wenig feucht werden. „Ich hätte ihn für immer aufgehoben. Weil ich für immer gehofft hätte, dass du…“
Leo kann nicht weitersprechen.
„Verdammt, Leo“, sagt Adam. Und auch, wenn der Plüschhund die darauffolgende Knutscherei nicht sehen kann, so kann er sie doch vermutlich ziemlich deutlich hören.
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