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Unter Lebenslauf - Weitere Kenntnisse

Summary:

Peter Shaw ist vieles. Schlecht in Mathe. Gut im Surfen. Überzeugt, dass es Geister gibt. Aber zu aller erst ist er Detektiv. Und das bringt so einiges an Folgen mit sich.

Oder: Dinge, die Peter aufgrund seiner Detektivkarriere ist.

Chapter 1: Schlossknacker

Chapter Text

1. Schlossknacker

Die Palmblätter wogen sich im Wind. Grün und saftig, leicht hin und her, hin und her. Leichtes Wiegen. Leichtes-

"Shaw?"

Peter schreckte hoch und sein Kopf schnellte zur Tafel. Die Palmen vor dem Fenster wogen weiter.

"Ja, Miss?"

"Sie kommen nach der Stunde zu mir."

Miss Swift blickte Peter durchdringend an. Peter nickte etwas zu enthusiastisch und rieb sich die Augen. Seine neue Englischlehrerin war deutlich strenger als die alte Misses Heathworth, die seine Klasse letztes Jahr vor sich hin gelangweilt hatte. Englisch war eigentlich immer eine sichere Bank für Peter gewesen, bei deren Prüfungen er nicht viel lernen musste und trotzdem gut durchkam. Anders natürlich als Bob, der ohne Einsatz immer gute Noten in Englisch schrieb und Justus, der sowieso die Genlotterie gewonnen hatte. Diese Jahr war alles schwerer.

Miss Swift packte ihre Sachen gerade zusammen, als Peter an ihren Tisch trat.

"Sie wollten mich sprechen?"

"Shaw, Sie sind kräftig oder?", fragte sie direkt.

"Äh, naja…"

"Na Sie sind doch im Basketballteam?"

"Ja, Miss." Peter konnte sich den Stolz in seiner Stimme nicht zurückhalten.

"Dann kommen Sie mit."

Miss Swift schulterte ihre Tasche und Peter trottete ihr stumm hinterher in den langsam leeren werdenden Gang. Im Laufen wandte sich sich Miss Swift ihm wieder zu.

"Shaw, Sie haben angefragt ein Referat zu halten, richtig?"

"Ja, Miss. Ich würde gerne meinen Schnitt verbessern."

"Tja. Wenn Sie das wollen, dann natürlich gerne. Ich wollte Ihnen nur sagen… Wenn Sie vorhaben immer im Unterricht nichts zu tun uns dann planen kurz vor Notenabgabe mit einem fünf Minuten Vortrag alles zu retten, muss ich Sie enttäuschen."

"Nein! Das- das ist nicht- ich meine… ich arbeite im Unterricht mit!"

"In der letzten Stunde sind sie eingeschlafen. Und heute auch schon fast wieder."

Peter stockte.

"Ich… ich hatte eine lange Nacht."

"Das wäre eine super Entschuldigung, wären Sie ein Arzt im Schichtdienst oder ein junger Vater. Nicht so sehr für einen Teenager, der genug Zeit hat sowohl in der Basketballmannschaft als auch in der Film AG zu sein."

"Ich… ja es tut mir leid. Ich versuche wirklich mein bestes. Es geht nur langsam auf den Abschluss zu und alles wird irgendwie schwieriger und ich muss mich erstmal daran gewöhnen." Peter kratzte sich am Kopf.

"Ich verstehe das, Mister Shaw und ich kann es mir gut vorstellen. Es würde Ihnen nur sicher gut tun, wenn Sie ein bisschen mehr Einsatz zeigen würden. Allgemein meine ich, nicht nur in Englisch. Es geht um ihre Zukunft. Ich weiß, sie hoffen auf ein Sportstipendium, aber das bedeutet nicht, dass sie gar nichts machen müssen. Und Sie haben Potential, in Englisch auf jeden Fall. Mit ein bisschen Anstrengung könnten Sie Ihren Schnitt deutlich verbessern."

"Danke, Miss Swift."

"Wenn Sie Fragen haben oder nicht wissen, was Sie tun können, kommen Sie bitte zu mir. Ich würde Sie wirklich gerne bei einer guten Entwicklung helfen."

"Äh… klar.", antwortete Peter überrumpelt. Seine Wangen glühten und er stolperte beim nächsten Schritt fast über seine Schnürsenkel. Nach ein paar Momenten unangenehmer Stille begann Miss Swift ein neues Gespräch.

“Also, dann lassen Sie mal hören, wie Ihre Mannschaft drauf ist. Chancen für die Saison?”

Nach kurzem Zögern begann Peter über sein Team zu erzählen - Terry hatte wieder Knieprobleme und ihre Centerposition war deshalb schwächlich. Über das Gespräch hinweg weichte auf Miss Swift immer mehr auf. Sie sprach nicht im strengen Duktus, den sie im Unterricht benutzte, sondern sanfter und etwas weniger klar- fast wie ein Mensch und nicht wie der Roboter, für den Peter sie insgeheim hielt.

“Mein Bruder spielte früher Basketball, vielleicht ist es mal wieder Zeit ein Spiel anzusehen.”, erklärte Miss Swift gerade, als sie vor der Tür einer der abgeschlossenen Kammern zum Stehen kam.

“Hier. Ich hole kurz etwas ab und dann hilfst du mir die Tische für die Prüfungen aufzustellen, wenn es okay ist. Es dauert nur ein paar Minuten aber allein bekomme ich das kaum hin”, gab sie zu.

“Kein Problem!”, lächelte Peter. Miss Swift begann in ihren Klamotten zu kramen. Sie schien ihren Schlüssel nicht zu finden. Dann stellte sie ihre Tasche ab und durchsuchte auch sie.

“Das kann doch nicht…”

In ihrer Stimme schwang bereits eine Spur Panik mit.

“Ich tue den Schlüssel immer in die linke Tasche. Was…”

Peter beobachtete mit interessierten Blick, wie Miss Swift den halben Inhalt ihrer Tasche aus und wieder einräumte, dann ihre Jacke prüfte, nochmal in der Tasche wühlte und dann wieder in ihren Hosentaschen.

“Das kann doch nicht wahr sein!”, stieß seine Englischlehrerin aus und Peter war überrascht, wie viel Emotionen ihm plötzlich von einer so kalten Person entgegengebracht kamen.

“Joanie sollte mir den Schlüssel geben!”

Peter erkannte den Vornahmen von Miss Laforte, der Spanischelehrerin. Miss Swift wandte sich jetzt an Peter, offenbar komplett ignorierend, wer genau vor ihr stand und begann viel zu schnell auf ihn einzureden.

“Und ich habe es ihr noch gesagt, wie wichtig es ist! Da drinnen sind die Prüfungen für morgen und ich muss sie heute noch ins Sekretariat bringen! Das ist Vorschrift! Und Joanie ist nicht mehr da wegen ihrem Baby. Der Hausmeister sagte extra, ich kann ihn heute nicht fragen und er hat sogar noch erwähnt, dass der Schlüsseldienst der Schule pleite gegangen ist. Wie soll ich vor sechs Uhr hier einen Schlüsseldienst herbekommen? Oh Gott, wenn ich die Prüfungen nicht kriege, bin ich gefeuert!”

Sie blickte Peter ernst an und hielt für einen Moment inne.

“Ich weiß nicht mal, wie man eine Tür eintritt. Das ist bestimmt schwerer als im Film…”, murmelte sie schwach. Peter erwachte jetzt selbst aus seiner überraschten Starre und tätschelte seiner Lehrerin unbeholfen auf die Schulter.

“Miss Swift, erst einmal durchatmen. Wir haben noch genug Zeit bis um sechs, bevor wir zu drastischen Maßnahmen greifen müssen. Und wenn sie wollen, kann ich das Schloss öffnen.”

Das schien Miss Swift aus ihrer Panik zu holen.

“Was meinst du, du kannst die Tür öffnen?”

“Naja, ich kann das Schloss knacken. Das ist ein ziemlich einfaches, wenn ich ehrlich bin. Dauert nicht mal eine Minute”, erklärte Peter beiläufig und beugte sich herunter.

“Ja, ich hatte Recht. Die Schule sollte vielleicht mal an Sicherheitsschlösser denken.”

“Ich… was… wie…”, fragte Miss Swift verdattert. “Was meinst du mit Knacken? Ist es danach kaputt?”

“Ach nein, das sagt man nur so. Ich kann es ganz einfach ohne Schlüssel öffnen.”

Peter rollte sein Hosenbein hoch und nahm das Dietrichset heraus, was wie immer in seiner Socke versteckt hatte.

“Was zur- was ist das?”

“Das sind Dietriche. Sie glauben nicht, wie hilfreich das ist. Die meisten Leute sperren einen einfach hinter normale Türen, als könnte man die nicht öffnen.”

“Wer sperrt Sie ein, Shaw? Was-”

Peter hatte sich bereits nach unten gebeugt und führte den passenden Dietrich vorsichtig in das Türschloss. Dann begann er ihn geschickt hin und her zu rütteln. Nach einem Moment ertönte ein leises Knacken und er drückte flink die Klinke herunter. Die Tür schwang problemlos auf.

“Wow, sehen Sie? Das war ein guter Lauf. Normalerweise dauert es länger. Aber in letzter Zeit hatte ich ein bisschen mehr Übung, das hilft natürlich.”

Als er aufblickte, starrte ihm Miss Swift mit offenem Mund entgegen.

“Ein bisschen mehr Übung…”, flüsterte sie. Dann blickte sie Peter ernst, aber noch immer überrumpelt an.

“Shaw, machen Sie das in Ihrer Freizeit? Sind Sie… Autodieb oder… oder… Räuber?”

“Äh, sowas ähnliches.” Er stockte und schüttelte den Kopf. “Nein, ich meine eigentlich genau das Gegenteil. Ich hab ein Detektivbüro mit meinen Freunden zusammen. Und außerdem würde ich das doch bestimmt nicht zugeben, wenn ich Autodieb wäre.” Er dachte kurz nach. “Autos sind auch viel schwerer zu klauen. Die ganze Sache mit dem Schloss geht da ganz anders aber der schwierige Part ist das Kurzschließen. Hab ich nie wirklich verstanden.”

Er schüttelte den Kopf. Die Augen von Miss Swift hatten sich erneut in ihrer Größe verdoppelt.

“Das war ein Witz. Das Kurzschließen ist der einfachste Part. Kommen Sie schon, Sie wollten doch was holen. Und danach die Tische, bei dem guten Wetter gehe ich nachher noch surfen.”

“Ja, ja natürlich”, nuschelte Miss Swift und verschwand in der Tür. Peter schüttelte den Kopf und ließ das Dietrichset wieder in seinem Socken verschwinden.