Work Text:
"Was ist? Ist er verletzt?"
"Alex?" Fragt Niko, irgendwo vor ihm.
Alex hat beide Hände an Laura's Rücken - hat Glück, dass sie ihn überhaupt hat mitkommen lassen - sie hat darauf bestanden, dass er hinter ihr bleibt. Ohne Stock fühlt er sich in dem unbekannten Lagerhaus jedoch nicht sicher genug, um einfach in Richtung Niko zu gehen, aber Laura sagt nichts, ist einfach stehengeblieben, und Niko-
"Nein, nein, ich glaub nicht."
"Laura? Alex?"
"Aber seine Augen sind- verbunden."
Ein kleiner Stein fällt ihm vom Herzen. Niko hat schon oft beteuert, dass Alex' Arbeit ihm nichts ausmacht, aber ständig wird er in ihren Fällen in solche Sachen reingezogen und Alex, Alex wird sich nie an die leichte Panik, die unheilvolle Angst gewöhnen können.
"Wir sinds, Niko," sagt er besänftigend. "Ich dachte, ich hol zur Abwechslung mal dich ab. Gehts dir gut?"
"Ich- ich kann nichts sehen."
"Oh nein," sagt Alex, bevor er es sich verkneifen kann. "Wie grausam."
"Alex." Meint Laura leise, tadelnd. Sie schüttelt seinen Arm ein bisschen, dann lässt sie los. "Niko," sagt sie, so vorsichtig, wie Laura noch nie mit Niko gesprochen hat, "ich schau erstmal, dass ich deine Hände loskriege, ja?"
"Ja, und kannst du- meine Augen?" Wenn Alex seine Ohren anstrengt, hört er unter der Erleichterung auch, wie Niko's Stimme irgendwie zittert. Ist er doch verletzt?
"Werden wir. Nicht erschrecken, das bin nur ich." Laura's Stimme, vor ihm, etwas weiter unten. Sie hat sich hingekniet. Ein Ratschen ertönt von den beiden und Alex braucht einen Moment, bevor er es einordnen kann: Laura wickelt Klebeband ab. Damit muss Niko an den Stuhl gebunden sein.
Er tastet sich nach vorne und stößt mit der Hand an ein warmes Ohr, bevor Niko so heftig von ihm wegzuckt, dass der Stuhl über den Betonboden quietscht. Laura flucht leise.
"Niko, Niko," beschwichtigt Alex ihn, "ich bins nur." Er lässt Niko eine kurze Pause, in der er tief ausatmet. "Darf ich?"
"Ja, okay."
Alex greift wieder nach vorne und trifft diesmal ein bärtiges Kinn, das unter seiner Hand stillhält. Er fährt mit seinen Fingern an der Haut entlang nach oben, um Niko die Augenbinde abzunehmen, und stoppt. Nimmt die andere Hand hinzu. Oh.
Quer über Niko's Augen, teils auf seiner Nase, hoch auf die Stirn, einmal bis zur Schläfe, liegen mehrere dicke, breite Streifen Klebeband. Panzerband ist wohl ein passenderer Begriff.
"Niko," sagt er und verstummt.
"Soll ich vorsichtig machen oder einfach ab?" Fragt Laura von ihrer Position halb hinter dem Stuhl.
"Einfach ab," sagt Niko entschieden und zischt unter Alex' Händen, als Laura seiner Anweisung folgt und seine erste Hand mit einem Ruck befreit. Sofort greift er nach dem Tape auf seinem Gesicht, stößt Alex' Hand zur Seite um daran zu ziehen. Alex fängt Niko's Hand zwischen seinen beiden.
"Alex, das ist kein Spaß jetzt, mach das ab," wimmert Niko fast schon.
"Niko." Er hält an seiner Hand fest, auch wenn Niko dran zerrt. "Nikolai."
Und Niko hält inne.
"Wenn wir das jetzt abziehen, könnten wir dir wirklich wehtun. Wir müssen erst den Kleber lösen, allein wegen deinen Lidern." Alex zieht Niko's Hand zu sich und hält sie vor der eigenen Brust fest. "Wir werden das abkriegen. Gedulde dich."
"Und Achtung," sagt Laura und zieht, den Geräuschen nach zu urteilen, das Klebeband von Niko's anderem Arm. Niko's Hand drückt seine Finger etwas fester. "Hilf mir mal mit den Beinen, Alex."
Er tastet nach Niko's Oberschenkel und folgt dem Bein nach unten, bis er auf eine dicke Rolle Band kurz über Niko's Knöchel trifft. Wenigstens hier ist seine Jeans darunter anstatt nackter Haut. Der Stuhl knarzt während sie an dem härtnäckigen Klebeband arbeiten, Niko stöhnt ein wenig, seine Gelenke knacken. Nachdem er sich ausgiebig gestreckt hat tastet er Alex etwas unbeholfen auf die Schulter und verharrt dort. Als ob er sich festhalten müsste.
Alex, der sich täglich an Niko orientiert, versteht diesen Instinkt nur zu gut.
-
Niko streitet die Notwendigkeit eines Krankenhausbesuches vehement ab. Komplett glaubt Alex es ihm nicht, aber Niko klammert sich so sehr an ihm fest, zuckt bei der kleinsten unerwarteten Berührung weg, und Alex bringt es einfach nicht übers Herz, ihm ein lautes, geschäftiges Krankenhaus anzutun. Die Situationen sind kaum zu vergleichen, aber er erinnert sich noch zu gut an die Desorientierung. Die anfängliche Hilflosigkeit.
Laura merkt schnell, dass es ihnen Ernst ist. Sie rangelt Alex noch ein Versprechen ab, mit Niko zum Präsidium zu kommen, sobald er eine Aussage machen kann, dann erteilt sie Lassmann den Befehl, sie nach Hause zu fahren.
In seiner Wohnung angekommen schickt er Lassman rum, um Olivenöl und einen Becher aus der Küche zu holen, sowie eine Decke aus dem Schlafzimmer, dann ordert er ihn zurück zu Laura und steuert Niko den vertrauten Weg ins Badezimmer. Auf der Fahrt hatten sie stillschweigend nebeneinander gesessen. Niko hatte immer wieder versucht, unauffällig an dem Klebeband herumzufummeln, bis Alex ihm kurzentschlossen die Kapuze vom Hoodie bis über die Augen zog und Niko's Hand in seiner festhielt. Aber es hat ihm Zeit gegeben, sich einen Plan zurechtzulegen.
"Leg dich hin."
"Hin? Wohin?"
"Konzentrier dich, Niko. Wo sind wir? Wo genau?"
Niko konzentriert sich. Er schnüffelt ein bisschen, er tritt mit seinen Socken auf und lässt eine Hand von Alex ab, um sich umzuschauen.
"In deinem Bad. Rechts… rechts ist das Fenster. Und vor uns die Dusche." Eine Hand trifft mit einem dumpfen Geräusch auf eine Glaswand. "Hast du die Decke von Lassmann da reingelegt?"
"Gut erkannt." Er drückt leicht auf Niko's Schultern und Niko gibt nach, vertraut Alex und kniet sich vorsichtig nieder.
Alex' Dusche ist groß, groß genug um alleine einen ordentlichen Teil des Badezimmers auszufüllen und hat anstelle einer Duschwanne einen gefliesten Boden, der sich leicht zum Abfluss hinneigt. Er mag die Fliesen unter seinen Füßen und die Abwesenheit einer Kante verringert die Stolpergefahr - für ihn und Niko, der gerne Alex' Regendusche nutzt, aber auch oft im Halbschlaf duscht, um wach zu werden.
Er nimmt sich eines der großen, extra-soften Handtücher, die Sophie ihm geschenkt hat, und geht an Niko vorbei in die Dusche. Sein Knie stößt leicht gegen eine Schulter, Niko hat sich hingesetzt, aber noch nicht gelegt.
"Na los," sagt er und setzt sich im Schneidersitz zu ihm, ganz in der Nähe vom Abfluss. Er streift Niko die Kapuze vom Kopf und zieht etwas an den Schultern des Hoodies, bis er verstanden hat und sich das Oberteil selbst auszieht. Alex faltet das Handtuch zurecht und legt eine Hand auf Niko's Rücken, zwischen seine Schultern, die andere auf seine Brust und drückt ihn leicht nach hinten. "Vertrau mir."
Niko strauchelt ein wenig, fängt sich mit einer Hand auf Alex' Knie, aber er gibt nach und lässt sich auf die Decke drücken, den Kopf auf das Handtuch gebettet. Seine Haare kitzeln Alex am Knöchel, genau dort, wo seine Socke endet und die Hose leicht hochgerutscht ist. Er tastet ein wenig um sich, unruhige Hände, die über Fliesen fühlen - er sucht nach etwas vertrautem und findet Alex. Niko verschränkt ein paar Finger in einer Falte in Alex' Hosenbein und hält daran fest.
"Wenn du mir jetzt Wasser über den Kopf kippst," sagt Niko mit einem verunsicherten Lachen, "warnst du mich aber vorher, ja?"
"Keine Sorge, so grob bin ich nicht." Alex erlaubt sich, eine beruhigende Hand durch Niko's Haare und über seine Stirn streichen zu lassen. "Wir müssen den Kleber lösen, dafür ist das Olivenöl."
"Öl?" Niko's Stirn legt sich unter seiner Hand in Falten. "Bist du sicher?"
"Es ist vielleicht ein bisschen unangenehm, wenn es in deine Augen gerät. Aber es wird dir nicht schaden." Niko atmet einmal tief aus. In dem Badezimmer, so nah bei ihm, klingt es für Alex unglaublich laut. "Bereit?"
Niko's Finger an seiner Hose greifen noch ein wenig fester zu. "Ja."
Alex tastet nach dem Öl, dass er an die Wand der Dusche gestellt hat, und kippt sich eine kleine Menge auf die Finger. "Achtung," flüstert er und verteilt es vorsichtig am Rand des ersten Streifen Klebebands, den er auf Niko's Gesicht ertasten kann, bevor er es mit sanften, kreisförmigen Bewegungen einmassiert.
Alex hat schon oft Niko's Gesicht berührt, mit einer Hand und mit zwei Händen. Niko war verletzt aber Alex wusste nicht, wie stark, Alex war betrunken, Niko konnte seine Konzentration mal wieder nicht zusammenreißen und Alex musste ihn buchstäblich im Hier und Jetzt festhalten - der Punkt ist, Alex ist es gewohnt und Niko auch. Der Punkt ist, Alex weiß schon lange, wie Niko aussieht, könnte ihn wortwörtlich mit bloßen Händen in einer millionenstarken Menge wiederfinden.
Aber das hier, das hier ist intim auf einem Level, dass sie bis dato noch nicht erreicht haben.
Mit jedem bisschen Öl arbeitet sich Alex weiter vor, streift behutsam über Wangenknochen, die Nase, Schläfen und Stirn, bis er so vorsichtig an Niko's Augen angekommen ist, dass er sie kaum noch berührt. Niko, der normalerweise fast dauerhaft in Bewegung ist, liegt still und entspannt unter ihm.
"Und?" Fragt Alex irgendwann, als er die Stille nicht mehr aushält. "Schon eingeschlafen?"
Niko lacht leise. "Noch nicht ganz," flüstert er.
Alex greift wieder nach der Flasche, holt sich noch ein wenig Öl und reibt an einer besonders hartnäckigen Stelle auf Niko's Wange. An einigen Stellen spürt er schon, wie der Kleber nachgibt, wie man die Ecken schon vorsichtig abziehen könnte.
"Wie schnell hast du dich eigentlich daran gewöhnt?" Fragt Niko plötzlich. "Also, nicht, dass das vergleichbar ist, oder dass ich irgendwie-"
"Ich hab ziemlich lange gebraucht," unterbricht Alex ihn, bevor Niko den Fuß noch tiefer ins Fettnäpfchen setzen kann. "Aber da war noch so viel drum rum, ich hatte eine Gehirnerschütterung und- und Kara." Unter seinen Händen verzieht sich Niko's Gesicht - er fühlt sich schuldig, dass Thema angesprochen zu haben. "Sophie hat geholfen. Sehr geholfen, ohne sie hätte ich das nicht geschafft. Hab es ja auch fast nicht geschafft." Er reibt seine Daumen entlang Niko's Nase. "Und jetzt hab ich auch noch Laura und- dich."
Er hält inne, die Finger umrahmen das Gesicht unter ihm. Niko gibt keinen Mucks von sich.
"Ich glaube, wir können dann. Sag, wenn ich dir wehtue."
Vorsichtig zieht er an dem Streifen Klebeband, der ganz oben aufliegt. Er bietet kaum noch Widerstand und hinterlässt, so lassen seine Finger ihn wissen, nur minimale Rückstände auf Niko's ölgetränkter Haut. Streifen um Streifen arbeitet er sich voran, so behutsam als würde er ein neugeborenes Baby in den Händen halten anstatt eines ausgewachsenen Mannes. Beim letzten Streifen, der direkt über Niko's Augenlidern liegt, wartet er kurz.
"Mach die Augen nicht sofort auf, ja?"
Niko nickt und Alex zieht - Millimeter um Millimeter - das letzte Stück Klebeband von Niko's Gesicht. Er fährt mit dem Daumen über seine Lider, aber er spürt keine Unebenheiten, keine verletzte Haut.
"Darf ich jetzt?" Quengelt Niko ein wenig, er rutscht auf der Decke hin und her und wird wieder ungeduldig.
Alex legt eine Hand über seine Augen. "Warte noch." Er streckt sich zur Seite und nimmt den separaten Duschkopf von der Wand, um den Becher, den Lassmann ihm gegeben hat, mit lauwarmem Wasser zu füllen. "Halt still, ich spül dir das Gesicht ab."
Niko hat offensichtlich schon zu lange stillgehalten, lange kann er nicht mehr. Aber für Alex ringt er sich auch noch das letzte bisschen Konzentration ab und lässt zu, dass er ihm langsam das Wasser über die Augen und Wangen gießt und sein Gesicht mit einem Hemdärmel abtrocknet. Blöd für das Hemd, mit dem Öl, aber es ist Niko, also schert es ihn nicht wirklich.
"Jetzt?" Fragt Niko wieder, als Alex für einige Momente nichts tut, als sein Gesicht in den Händen zu halten und die Augen abzudecken.
Sein Rücken klagt ein bisschen, als Alex sich herunterbeugt, aber das ist es ihm Wert. Er drückt Niko einen kaum merklichen Kuss auf die Stirn, bevor er es sich anders überlegen kann.
"Hast du gerade-"
"Jetzt kannst du die Augen aufmachen," sagt Alex schnell und lässt zum ersten Mal in gefühlten Stunden von Niko ab.
"Hngr-" macht Niko und setzt sich auf. "Scheiße, ist das hell."
"Das kann ich nicht beurteilen," sagt Alex und zuckt mit den Schultern, jetzt, wo Niko es wieder sehen kann.
"Oh, du hast ganz viel Öl auf der Hose."
Er zuckt nochmal mit den Schultern. Ist ja nur eine Hose. Niko rutscht vor ihm rum, er hört die Decke rascheln, Hände und Füße auf Fliesen.
"Nicht erschrecken," meint Niko leise und umarmt ihn, vergräbt das Gesicht in Alex' Schulter.
Alex erwidert die Geste, zieht Niko an sich und steckt seine Nase in Niko's Haare, atmet einmal tief ein. Hauptsächlich riecht er, wenig überraschend, Olivenöl.
"Danke," murmelt Niko in sein Hemd, dreht sich etwas zur Seite um Alex einen Kuss auf die Wange zu pressen.
Alex lächelt und hält seinen Freund noch fester.
