Work Text:
Niko braucht ein paar Anläufe, bis er findet, wonach er sucht.
In seiner Verteidigung - das Hotel ist groß. Größer als er dachte und sicherlich größer als jedes Hotel, in dem er in seinem bisherigen Leben war. Nicht, dass es viele sind, denn Urlaub war für ihn und seine Mutter kaum möglich gewesen. Nur in einem Sommer hatte sie vorher monatelang gespart, von den Nachbarn Equipment ausgeliehen und war dann mit ihm eine Woche an die Ostsee gefahren, zelten. Krebsroten Sonnenbrand hatten sie sich beide geholt und trotzdem strahlen sie auf dem einen Foto, das Niko noch von damals hat, bis über beide Ohren.
Aber nachdem er zwei Mülltrennungsräume, eine kleine Küche, einen großzügigen Lagerraum mit haltbaren Lebensmitteln - er lässt ein paar teuer aussehende Müsliriegel mitgehen - und eine Umkleide für Angestellte entdeckt hat, erspäht er eine Tür mit dem vielversprechenden Schild "Wäsche".
Sophie hat ihm eine Schlüsselkarte gegeben, mit der er durch die meisten Ein- und Ausgänge, sowie die versteckten Botengänge des Hotels wandern kann. Ursprünglich hat er sie nur gegen einen Generalschlüssel im Sicherheitsbüro ausgetauscht um zu schauen, ob es auffällt, aber jetzt, wo der Fall vorbei ist, die Mädchen gerettet, und die Geschwister Haller tatsächlich keine Anstalten machen, ihn rauszuschmeißen, ja- jetzt kommt sein persönlicher All-Access-Pass ihm doch ganz gelegen.
Die großen, industriellen Maschinen, die für die riesigen Mengen an Bettwäsche und Handtüchern zuständig sein müssen, sind beeindruckend, aber für seinen Zweck wohl doch etwas übertrieben - und schlecht für die Umwelt, ruft der Berliner in ihm. Weiter hinten im Raum findet Niko Waschmaschinen, die ihm vertrauter vorkommen, und kippt kurzerhand den Inhalt seiner kleinen Reisetasche in die erstbeste Waschtrommel.
Er dreht ein bisschen an den Knöpfen rum, bis er einen schnellen Waschgang gefunden hat, dann schwingt er sich auf einen nahegelegenen Tisch, zückt das Handy und bereitet sich aufs Warten vor.
-
"Wie lange bist du eigentlich schon in Wien?" Fragt Alex und reißt Niko aus seinen Gedanken.
"Paar Monate. Wieso?"
Er überlegt, ob er noch etwas zum Frühstück bestellen will. Seinen eigenen Teller hat er schon auf, plus die paar Happen Rührei, die Alex nicht mehr geschafft hat, aber der Tag ist offen und je nachdem, was Alex vorhat, ist unklar, wann er das nächste Mal etwas essen kann, also-
"Ich hab mich nur gefragt, ob du die Stadt schon als Tourist gesehen hast, oder nur als Taxifahrer."
Sightseeing? Niko legt das Frühstücksmenu zur Seite.
"Du meinst Museen und so'n Kram? Nee, das ist nichts für mich, find ich zu langweilig." Als Kind war er mit der Schule ein paar Mal in Museen mit Aktivitäten gewesen, das hatte ihm gefallen - die Sachen anfassen, selbst bewegen, auf eigene Faust lernen. Aber als die Klassenausflüge dann ernster wurden und man in Kunstmuseen ging, verlief sich seine Aufmerksamkeit immer in den monotonen Stimmen der Museumsangestellten, in den viel zu klein beschrifteten Plaketten, den abstrakten Formen, bis er am Ende im Bus saß und das Gefühl hatte, sich an kein einziges Kunstwerk erinnern zu können. "Nichts für ungut, aber stehst du etwa auf Kunst? Also, noch?"
Alex lacht, weil Alex es immer erfreulich findet, wenn er seine Blindheit offen anspricht.
"Nein, da hast du Recht. Aber es gibt ja noch ein paar andere Sachen, die man als Tourist in Wien unternehmen kann."
Er scheucht Niko weg vom Tisch und Niko wirft einen letzten, sehnsüchtigen Blick auf die Menukarte. Später, keine Sorge, muss er sich mal wieder selbst erinnern. Und morgen früh wieder und generell, sofern sich in der nächsten Zeit an seiner Beziehung zu Alex nichts ändert. Der Gedanke, dass er einfach so bestellen kann, was er möchte, und wieviel, komplett ohne Konsequenzen, ohne dass jemand leer ausgeht, ist ihm immer noch fremd.
Der Tag geht vorerst unspektakulär weiter - Alex muss zur Bank, Alex will einen neuen, sündhaft teuren Pullover kaufen.
("Und die Farbe?"
Niko zuckt mit den Achseln. "Gelb."
"Ocker," meint der Berater neben ihnen mit einem verzweifelten Blick. Alex grinst.)
Und dann kommt Niko die Straße, durch die sie wandern, verdächtig bekannt vor - hier hat er schon viele Leute abgesetzt oder aufgegabelt - aber er lässt Alex den Spaß der vermeintlichen Überraschung, bis sie vor ihrem Ziel stehen.
Das Café Central ist in der Tat ein beliebter touristischer Spot, aber für Niko sah es immer ein wenig zu fein aus, ein bisschen zu hochnäsig, als würde er sich mit den paar alten Klamotten, die er hat, sicher fehl am Platze fühlen.
"Wirklich?" Fragt er, um seine Gedanken zu übertönen. "Ich dachte, du kommst mir mit echten Wiener Geheimtipps."
"Manche Dinge sind aus gutem Grund Klassiker."
Niko manövriert sie durch die Tür und stellt mit Erleichterung fest, dass er bei weitem nicht der einzige leger gekleidete Mensch hier ist. Er steuert Alex in Richtung eines Tisches am Fenster - Wand oder Fenster ist Alex egal, er sitzt nur ungern in der Mitte eines geschäftigen Raumes, aber Niko hat das Gefühl, dass er die Sonnenwärme am Fenster trotzdem lieber mag - und schaut auf dem Weg mit großen Augen auf die Kuchenauswahl.
Ihre Kellnerin blickt etwas verunsichert auf Alex, berappelt sich dann aber und bietet höflich an, ihm die heutigen Kuchen zu beschreiben. Alex nimmt das Angebot dankend an und entscheidet sich für die persönliche Empfehlung ihrer Bedienung, Niko bestellt gleich zwei verschiedene Stücke. Die Preise sind gar nicht so hoch, wie er immer vermutet hat und schließlich ist er mit Alex hier.
Niko schaut zu, wie Alex vorsichtig die Dimensionen seines Kuchenstücks erfasst, bis er entschieden einen Bissen mit der Gabel trennt, die linke Hand entlang des Tellers gelegt um sich für den nächsten Bissen zu orientieren. Er wirkt nie fehl am Platz, vor allem nicht in einer dezent opulenten Umgebung wie dem Café Central.
Reichtum steht Alex, auf eine Weise die nur wenige Menschen von sich behaupten können.
Er ist exzentrisch auf eine charmante Art, selbstbewusst, arrogant, ja, aber nie beherrschend. Niko fragt sich oft, wieviele von Alex' kleinen Eigenheiten mit der Blindheit entstanden sind und wieviele einfach Alex sind.
Bis er Alex kennen gelernt hat, dachte er immer, dass Kinder, die mit Geld aufgewachsen sind, auf eine von zwei Arten verkorkst sein müssen: Sie lieben das Geld zu sehr oder sie hassen es. Er kann sich eine Version von Alex vorstellen, die sich dem Reichtum abneigt. Ein Alex, der das Geld mit einem Vater verbindet, der ihn ins Internat schickt, auf seine Karriere hinabschaut, ein Vater, über den Alex und Sophie nur selten reden und nie ohne das Gesicht zu verzerren, als hätten sie in eine Zitrone gebissen um festzustellen, dass sie sauer ist.
Hat Alex sein Gehalt als Chefinspektor überhaupt bemerkt? Hat er es angelegt, für die Kinder, die er und Kara mit Sicherheit haben wollten? Gespendet, für einen der verschiedenen wohltätigen Zwecke, für die die Familie Haller sich einsetzt?
Niko hat noch nie so zum Geld gepasst wie Alex - seine Idee von großem Geld war schließlich eine neue Waschmaschine, die seine Mutter zum Weinen brachte - aber Alex schafft es mühelos, an seiner Seite einen Platz für Niko zu kreieren, an dem sich Niko trotzdem wohlfühlt. Unbehaglich nur in seinen eigenen Gedankenzügen, aus denen Alex ihn oft elegant rauszieht, und nie, nie, weil Alex ihm das Gefühl gegeben hat, dass Niko nicht genau dort hingehört.
Wenn Niko die Augen zusammenkneift, sieht er ihn auf einem Landsitz, im feinen Sonntagsjacket die Gärten durchwandernd um rechtzeitig zum Tee auf eine weitläufige Terasse zurückzukehren, auf der ein Butler ihn bereits erwartet. Er muss grinsen. Es passt nicht ganz zu Alex, das langweilige Landleben, zumindest noch nicht, aber trotzdem sieht er in Niko's Vorstellung verdammt gut dabei aus.
"Was ist?" Fragt Alex plötzlich. "Hat der Kuchen dir die Sprache verschlagen?"
"Nee." Niko trinkt einen Schluck Wasser. "Ich hab nur überlegt, wie froh ich bin, dass du gar nicht so ein reicher Schnösel bist wie ich anfangs dachte."
Und Alex lacht, laut und ungeniert.
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"Ein wirklich gutes Hotel," hatte ein äußerst protziger Typ in seinem Taxi einmal gesagt als Niko mit ihm auf dem Weg zu einem der elegantesten Hotels in Wien war, "erkennt man daran, dass das WLAN funktioniert."
Er hatte gelacht als wäre Niko in der Lage, an dem Witz teilzuhaben, und ihm im Anschluss ein Trinkgeld von 1.50€ gegeben.
Das WLAN im Hallerschen Hotel ist gut, aber Niko findet trotzdem, dass der Kerl unrecht hatte. Ein gutes Hotel erkennt man am Personal und wieviel Freude die Angestellten an ihrer Arbeit haben.
(Ein wirklich gutes Hotel erkennt man daran, dass auch die unbeliebten Jobs gut bezahlt sind.)
Er schlängelt sich durch die Küche des Restaurants, weicht Ellbogen, Rufen und liebgemeinten Sticheleien aus und sucht am Ausgang nach Sinem, die gerade vor einem Gästetisch mit höflichem Lächeln ihren Job ausübt.
"Na?" Fragt sie, als sie kurze Zeit später vor ihm steht, einen guten Kopf kürzer. Sie boxt ihm leicht auf die Schulter. "Wie kann ich helfen?"
"Helfen? Du, mir? Woher weißt du, dass ich dich nicht einfach besuchen wollte?" Lachend weicht er ihrem nächsten Boxschlag aus.
"Weil dein Fr- Chef immer um sieben isst. Und das ist in zehn Minuten." Sie winkt ihn hinter sich her zu dem enormen Weinkühlschrank nahe der Küche und zückt ihren Schlüssel. "Glaubt er immer noch, dass du den Wein selbst aussuchst?"
Wieder lacht Niko. "Er ja, Sophie nein - keine Sorge, dein Job ist sicher."
"Das bleibt auch besser so," warnt sie ihn mit einem Zwinkern.
Was er an Sinem so schätzt ist, dass sie wahlweise fünf Minuten über das fruchtige Bouquet eines Weines sinnieren oder eine Empfehlung mit 'Der haut gut rein.' zusammenfassen kann und sich bei keiner Variante verstellt. Sinem lebt und liebt ihren Job und sie ist beeindruckend gut darin, was er Sophie auch schon mehrmals gesagt hat.
Sie gibt ihm etwas trockenes weißes aus dem kältesten Abteil des Kühlschranks mit und verschwindet mit einem letzten Klapps auf die Schulter wieder in Richtung Restaurant. Niko stibitzt einen extra Nachtisch und tauscht ihn gegen den Servierwagen mit Alex' und seinem Abendessen aus, der gerade auf dem Weg nach oben war. Als Freund der Hallers, der aber auch Angestellter ist, der aber nicht direkt im Hotel arbeitet, ist sein Status gegenüber des Personals etwas nebulös, aber er findet es trotzdem immer unangenehm, kein Trinkgeld zu geben. Er hangelt sich an diesem Problem somit kreativ vorbei.
"Yes! Danke," strahlt Tom ihn an und überlässt ihm den Wagen nur zu gerne, um in dem kleinen Gläschen rumzulöffeln.
"Nichts für," meint Niko und begibt sich mit dem Mitarbeitenden-Aufzug (ohne Page, mit Schlüsselsicherung) in Richtung Alex, der von seiner Weinauswahl, wie immer, sehr angetan ist.
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Das Spa des Hotels kommt mit einem eigenen kleinen Foyer, das in weichen, ruhigen Farben zum Entspannen einlädt und eine handvoll Gänge verbirgt, von denen man zu Massage-Räumen, dem Fitnessbereich und zum Schwimmbecken kommt. Niko ist bis jetzt nur vage mit diesem Teil des Gebäudes bekannt - ein paar Mal hat er sich auf dem Laufband die Energie weggesprintet, aber generell bevorzugt er es, draußen zu joggen.
Als er einen vorsichtigen Blick in den Geräteraum wirft, entdeckt er eine Gruppe junger Frauen in Yogahosen und Sport-BHs, die sich laut lachend an den Kraftstationen austoben. Er dreht um, bevor sie ihn bemerken können. Sicher haben sie mehr Spaß, wenn kein fremder Kerl in ausgeleierten Sweatshorts dabei ist.
Niko hat die leise Ahnung, dass er am Pool entlang und durch den anschließenden Kontrollraum abkürzen kann um zur Barküche zu gelangen, also macht er sich auf den Weg durch den Duschbereich und- stoppt. Durch die Glastür zum Schwimmbecken sieht er Alex, der gemächliche Runden durch das Becken zieht.
Er ist ganz allein, was nicht überraschend ist, da der Pool für Gäste nach Mitternacht geschlossen ist. Überhaupt überrascht es Niko wenig, ihn hier zu finden, obwohl Alex noch nie erwähnt hat, dass er gerne schwimmt. Es passt zu ihm. Zu der Intensivität, die Niko schon bei seinem Kampfsport beobachtet hat, zu seinen Schultern und zu seinem Rücken und wenn Niko noch länger hier steht und seinen halbnackten Freund beim Schwimmen beobachtet, wird es peinlich werden, also schlüpft er aus Schuhen und Socken und schleicht sich durch die Tür.
"Wer ist da?" Fragt Alex, der ihn natürlich trotzdem hört. Er hält mitten in der Bahn inne.
Niko setzt seine beste Angestellten-Stimme auf. "Junger Herr, der Schwimmbereich ist für Gäste des Etablissements nach Mitternacht geschlossen. Ich fürchte, ich muss sie für diesen Einbruch des Hotels verweisen."
Alex lächelt. "Hallo Niko." Er tut ihm den Gefallen, nicht zu fragen, was er um diese Zeit hier macht.
"Hey," meint Niko, während Alex seine Bahn fortsetzt. Er krault sich in perfekter Form durchs Wasser, sofern Niko das beurteilen kann. Er schlendert zum Beckenrand und setzt sich hin, lässt die Füße ins Wasser baumeln. "Brr, ist das kalt."
Alex schwimmt bis zum Ende und kehrt dann zu ihm zurück, lehnt sich zielsicher direkt neben ihn an den Rand, die Ellbogen auf den Fliesen gestützt. Seine Haare sind nass und hängen ihm auf die Stirn runter, sodass er sie mit einer Hand hochschiebt und endgültig zersaust. Niko hat das leise Bedürfnis, sie zu richten. Oder noch mehr zu ruinieren.
"Es ist zum Schwimmen temperiert," sagt er in Niko's Richtung. "Nicht, um darin herumzusitzen." Dann guckt er hoch und findet fast, fast, Niko's Augen, sagt: "Kommst du rein?"
"Ich hab keine Badehose."
Alex lacht leise, drückt einen Ellenbogen an Niko's Bein, genau an die Stelle, wo seine Shorts enden und sein Oberschenkel anfängt. Er schaut sich übertrieben im Raum um, der halbe Witz noch absurder durch den Fakt, dass er natürlich eh nichts sieht, dann grinst er verschwörerisch zu Niko hoch. "Ich verrats keinem, wenn du es nicht tust."
Niko weiß gar nicht, warum er überhaupt darüber nachdenkt - er kann zu Alex eh nie nein sagen. Seufzend steht er auf - Alex applaudiert kurz und stößt sich mit kräftigen Beinen rückwärts ins Becken - und zieht sich Shirt und Hose aus, watet nur in Unterwäsche die flache Treppe hinab in das Wasser.
Er hatte recht, es ist kalt, schweinekalt, aber als er ein paar erste vorsichtige Züge macht, ein bisschen auf der Stelle schwimmt, wärmen seine Muskeln sich auf und nachdem er eine unbeholfene Bahn von einem Ende zum anderen geschwommen ist, ist es gar nicht mehr so schlimm. Alex krault mittlerweile in der doppelten Geschwindigkeit an ihm vorbei.
"Ich kann das ja nicht," sagt Niko, als sie sich in der Mitte treffen und beide instinktiv innehalten. "Aber sieht gut aus."
"Kraulen?" Fragt Alex.
"Ja," meint Niko. "Meine Mutter konnte sich Schwimmunterricht für mich nicht leisten. Sie hats mir selbst beigebracht, aber sowas konnte sie eben nicht." Er denkt an das Foto auf seinem Nachttisch, sonnenverbrannte strahlende Gesichter, und wünscht sich, dass er es Alex zeigen könnte.
Alex nickt, akzeptiert diesen Fakt aus Niko's Kindheit gewohnt elegant - mit Sympathie, aber nicht bemitleidend. Es ist die Vergangenheit. Niko ist jetzt hier. "Im Internat," bietet er im Gegenzug an, "war ich im Schwimmclub. Es war einer meiner liebsten Teile dort, aber dann hat mein Vater es verboten. Er war der Ansicht, dass es unnütz war, da ich nicht gut genug war um Medaillen zu gewinnen."
"Arschloch," meint Niko und Alex lacht, zufrieden mit Niko's simpler Form von Unterstützung.
"Soll ich es dir beibringen?" Fragt Alex und schwimmt einen Kreis um Niko herum. Ob er spürt, wie das Wasser gegen Niko schwappt und von ihm abprallt? Orientiert er sich so, ohne Boden und Wand?
Niko zuckt mit den Achseln. "Warum nicht?" Und oh, oh, er hätte länger drüber nachdenken sollen.
Alex dirigiert ihn zum Beckenrand, sagt ihm, er soll sich daran festhalten und legt dann eine Hand auf Niko's Bauch - instinktiv zieht er ihn ein - und die andere auf seinen Rücken, schiebt ihn rum, bis Niko sich flach treiben lässt und dann, dann lenkt er Niko's Arm für ihn. Er fährt seine Hand entlang Niko's Schulter und Muskeln, bewegt ihn dorthin, wo er ihn haben möchte. Klar, Alex kann ja sonst nicht erkennen, ob Niko es richtig macht.
Das heißt aber nicht, dass Niko seine erste kraulende Bahn trotz des kühlen Wassers nicht doch mit hochrotem Kopf und unbequem enger Unterhose schwimmt.
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"Weißt du eigentlich, dass es auch hier Überwachungskameras gibt?" Fragt Sophie und Niko lässt vor Schreck fast sein Handy fallen.
"Ja klar," sagt Niko und schaut sich so unauffällig wie möglich um. "Aber ich mach ja wohl kaum was verbotenes, wa?"
Sophie hüpft neben ihm auf den Tisch und drückt kurz ihre Schulter an seine. Ob die Hallers das wohl schon immer so gemacht haben, oder ob sie es als Geste der Zuneigung erst gelernt haben, seit Alex blind ist? "Natürlich nicht. Aber warum musst du deine paar Teile Wäsche denn dann um ein Uhr morgens waschen?"
Niko wird ein bisschen rot, er kann nicht anders. Ertappt. Blöd auch, dass es Sophie ist und nicht Alex, die sieht das natürlich auch sofort noch.
"Naja, ich muss ja warten, dass Alex schläft."
"Weil…?"
"Ähm. Bereitschaftsdienst?"
Sophie nickt ausgiebig. "Bereitschaftsdienst. Klar."
"Genau!" Meint Niko und grinst sie breit an. Sophie lacht.
"Na dann kommen Sie mal mit, Herr Falk. Zu so einem Bereitschaftsdienst gehört natürlich die Verpflegung dazu."
Zu Essen kann Niko nicht Nein sagen, also lassen sie seine Wäsche zurück und suchen die erstbeste Küche auf. Zum Glück begegnen sie keinen Angestellten, denn Niko fällt auf halbem Wege auf, dass er nur ein Shirt und eine Unterhose trägt. Sophie scheint es nicht zu stören.
"Warum wäschst du eigentlich einmal die Woche?" Fragt Sophie, während sie ihnen geradezu dekadente Sandwiches zusammenstellt. Niko klaut eine Cocktailtomate, Sophie hält sich sichtlich davon ab, ihm mit der flachen Kante des Messer auf die Hand zu klapsen. "Ich dachte immer, alleinstehende Männer würden bis zum letzten möglichen Tag warten, um zu waschen."
Niko verschluckt sich ein wenig an seiner Tomate und haut ein paar Mal fest auf die eigene Brust. "Ja, ich- ich konnt nicht so viel mitnehmen, aus Berlin, weißt du." Sagt er und lässt Sophie ihre eigenen Schlüsse ziehen.
Sophie, ganz die Schwester ihres Bruders, nickt. Sympathie, kein Mitleid. Gott, Niko lie- mag die Hallers so sehr.
Sie schneidet zwei Sandwiches in Dreiecke, hält ihm einen köstlichen Teller unter die Nase. Niko schnuppert dran, riecht den feinen französischen Senf und den Käse, den er nicht kennt. Es schmeckt genau so gut, wie es riecht.
"Ich glaube," sagt Sophie zwischen zwei Bissen, "ich entführ dich morgen zum Shoppen."
"Brmh?" Macht Niko und erinnert sich daran, zu schlucken. "Nee, Sophie, das musst du echt nicht."
"Mit müssen hat das nichts zu tun," lacht sie. "Und du kannst für deinen Kram schön selber bezahlen. Aber ich war schon lange nicht mehr shoppen und du könntest übrigens einen guten Anzug gebrauchen, wenn du jetzt tatsächlich immer an Alex' Seite hängst."
Niko seufzt tief, als müsste er sich die Zustimmung abringen lassen. "Na gut."
"Außerdem. Und sag Alex nicht, dass ich dir das erzählt hab," Sophie kaut und schluckt, "aber er hat es irgendwie geschafft, bei Klamotten kritischer zu werden, seit er blind ist."
Sie verzieht das Gesicht und Niko lacht, bis er sein Sandwich hinlegen muss.
Am nächsten Morgen bekommt Niko seine vergessene Wäsche mit einer Karte von Sophie an die Tür geliefert.
Hab dich für den Wäscheservice angemeldet. Wir sehen uns um zehn.
Darunter hat sie einen kleinen Smiley gemalt und wenn Niko die Karte in seinem Nachttisch aufhebt, dann ist das seine eigene Sache.
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Sie reden übers Duschen oder Baden, oder irgendwas mit Badezimmer, als Alex plötzlich zu ihm aufsieht und fragt: "Was macht denn eigentlich dein Wasserrohrbruch?"
Niko lässt vor Schreck fast die Gabel fallen. Er schluckt. Aber- Alex wusste doch, dass das eine Ausrede war. Oder?
"Hm," sagt er, vorsichtig, das Herz im Hals. "Nicht so gut."
"Aha?" Fragt Alex, die Stirn gerunzelt.
"Jaaa," sagt er, zieht es lang bis ihm der Atem ausgeht. "Das wird wohl irgendwie nichts mehr." Alex verzieht ganz komisch den Mund und Niko kriegt einfach Panik, sagt das erstbeste, was ihm durch den Kopf schießt. "Aber ich such schon nach was anderem."
"Ach." Meint Alex, ganz leise, als hätte die Überraschung es aus ihm rausgezogen und das ist so unfair - er ist es doch, der Niko überrumpelt hat. Niko dachte, das wär klar, er wohnt neben Alex, bei Alex, und das passt für sie beide, weil er einen Schlafplatz hat und Alex ihn zu jeder Zeit erreichen kann. Erst letzte Woche ist er doch mitten in der Nacht reingeplatzt und hat Niko am Arm gezogen, bis er aufgestanden ist.
Natürlich hat Niko direkt in der ersten Nacht im Hotel den eigentlichen Preis für eine Übernachtung in seinem Zimmer nachgeguckt - und ordentlich geschluckt - aber Sophie und Alex hatten doch nichts mehr gesagt, dann.
"Ja," sagt er, fast schon trotzig. Er hebt das Kinn. "Jetzt kann ich es mir ja erlauben, ein bisschen wählerischer zu sein, da schau ich mich eben gut um."
"Beim eigenen Zuhause will man sich natürlich sicher sein," stimmt Alex ihm zu. Direkt vor ihm wird sein Essen kalt, als würde es ihn langweilen.
"Ja." Meint Niko noch einmal.
"Ja." Erwidert Alex.
Sie schweigen sich an.
Niko zückt sein Handy und beginnt, nach Wohnungen in Wien zu suchen.
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Die Wohnungssuche ist mühsam, mühsamer als er sie sich jemals vorgestellt hatte, jetzt wo er ausreichend Geld hat. Es hilft nicht, dass Alex ihm bei jedem Schritt an der Seite hängt und beratschlägt, jede Wohnung so genau unter die Lupe nimmt, dass er garantiert einen fatalen Fehler findet und sie sofort für ungenügend erklärt.
Es ist ja nett gemeint, aber er ist es schließlich, der Niko, naja, rauswirft.
Sophie hat ihnen den Input verweigert, hat sofort gesagt, dass sie mit der Sache nichts zu tun haben will und nur Niko unter vier Augen gefragt, warum er denn auf einmal eine Wohnung braucht.
Ja, das würde Niko auch gerne wissen.
Die Sache ist, dass Niko es sich lediglich so zusammenreimen kann: Alex will sich von ihm bewusst distanzieren. Wenn er ihm ganz kündigen wollte, würde er ihn nicht erst eine teure Wohnung mieten und ins offene Messer rennen lassen. Das ist einfach nicht Alex' Art. Aber das, so drehen sich Niko's Gedanken nachts um drei, immer fort, das heißt, dass Alex ihn schon noch in seinem Leben haben will, aber eben nicht ganz so nah, was heißen muss, dass er irgendwie gemerkt hat, dass Niko- dass-
Aber er war doch so vorsichtig. Er hat noch nichtmal besonders auffällig hingeguckt, was Alex eh nicht bemerken könnte, und klar hat er ihn viel berührt, aber das ist Teil des Jobs, Teil ihrer Freundschaft, also wie um alles in der Welt hat Alex doch die richtigen Puzzleteile gefunden, zusammengelegt, und entschieden, dass er mit dem Gesamtergebnis nicht zufrieden ist.
Niko möchte am liebsten schreien und bedient sich an dem Kissen, auf dem er liegt. Vielleicht darf er es ja mitnehmen, wenn er auszieht. Viel mehr hat er nicht.
Und dann finden sie sie. Die perfekt Wohnung. Groß, hell, offen, mit Gästezimmer und einer Kücheninsel, was für Niko schon immer der Gipfel des Luxus war. Alex untersucht sie natürlich aufs genaueste, aber so sehr er sich auch anstrengt, er kann keinen einzigen Mangel finden.
So sehr Niko sich auch strebt, tatsächlich aus dem Hotel auszuziehen, er könnte sich leicht in diese Wohnung verlieben. Sie ist perfekt, aber, sie ist perfekt für sie beide. Er kann sich Alex an jedem Fleck in dieser Wohnung vorstellen, wie er Tai Chi auf dem perfekten kleinen Quadrat zwischen den dicken Pfeilern macht, wo seine Plattensammlung stehen würde, wie er Niko über die Kücheninsel hinweg angrinsen könnte. Niko will diese Wohnung, ja, aber er will vor allem Alex in ihr. Bei sich.
Aber Alex, der mitten in der Wohnung steht und mit der Maklerin plaudert, will offensichtlich das genaue Gegenteil.
-
"Bevor wir essen," sagt Alex und Niko schaut schon jetzt wehmütig auf seinen vollen Teller, auf die köstlichen Speisen, die nun kalt werden, "hab ich noch was für dich."
Er zückt etwas aus seiner Tasche und hält eine kleine schwarze Box in Niko's Richtung.
Niko kann es sich nicht verkneifen. "Heiraten wir jetzt schon?"
Alex zuckt ein wenig und beißt sich irgendwie auf die Lippe. Eine komische Reaktion auf einen einfachen Witz - vielleicht hat er Angst, dass Niko es ernster meint? Aber dann fängt er sich schnell und schüttelt den Kopf. "Nein, nein, mach einfach auf."
In der Box, eingebettet auf einem kleinen Kissen, ist ein Schlüssel, der Niko nicht bekannt vorkommt.
"Alex?" Fragt er, die Stirn gerunzelt. "Was ist das?"
"Deine Wohnung."
"Aber ich hab doch noch gar nicht-"
"Ich hab sie gekauft," unterbricht Alex und hat die Dreistigkeit, bei dieser Aussage zu lächeln. "Für dich."
Das ist zu viel, ist Niko's erster Gedanke, und sein zweiter- "Kündigst du mir doch?"
"Wie ko- was?" Alex zieht sich die Brille vom Gesicht, tiefe Sorgenfalten auf seiner Stirn, als wäre es nicht er selbst gewesen, der Niko geradezu eine Abgangsprämie in Form einer sündhaft teuren Eigentumswohnung präsentiert hat. Alles, was jetzt noch fehlt, ist das er ihm den Generalschlüssel für das Hotel aus der Tasche zieht und ihn anschließend vor die Tür setzt.
"Warum kaufst du mir denn sonst eine Wohnung, die ich mir auch mieten könnte?"
"Weil- weil du sie magst. Und weil Immobilien eine gute-"
"Immobilien? Alex, wenn du mich einfach nicht mehr sehen magst, also, hören, oder- ach, egal, dann sag mir das doch einfach!" Er merkt, dass er fast schreit und fährt eine Stufe zurück, lässt sich tief in den teuren Stuhl zurückfallen. "Ich kann dieses drum herumreden nicht leiden. Echt nicht. Sag doch bitte einfach, was du von mir willst - ich bin ein großer Junge, ich kann das ab."
"Okay." Alex nickt. Er hebt die Serviette von seinem Schoß auf und faltet sie, legt sie vor sich auf den Tisch. Beide Hände liegen flach auf der Tischplatte und Niko spannt sich an, macht sich gefasst. "Ich will nicht, dass du ausziehst."
Niko fällt aus allen Wolken. Für einige Sekunden - Minuten, Stunden? - kann er nur da sitzen und Alex anstarren, der sich keinen Millimeter rührt. Er sagt das erste, was ihm als ausformulierter Satz von der Zunge rutschen kann. "Interessante Strategie, mir dann eine Wohnung zu kaufen."
"Weil du ausziehen willst! Ich will dich nicht hier festhalten, und das mindeste, was ich tun kann, ist dir eine gute Wohnung zu besorgen."
An dem Satz ist so viel falsch, Niko muss ihn erst einmal mit fuchtelnden Armen aus dem Raum scheuchen. "Okay, okay, ignorieren wir erstmal, dass du schon etwa fünfzig Mal das mindeste für mich getan hast, wie kommst du drauf, dass ich ausziehen will?"
"Du hast es doch selbst gesagt - du hast gesagt, dass du nach einer neuen Wohnung suchst."
"Ja, aber doch nur, weil du nach dem dämlichen Wasserrohrbruch gefragt hast!"
"Weil ich dachte, dass es keinen Wasserrohrbruch gibt!"
"Gab es ja auch nicht!"
Alex atmet tief aus und Niko merkt, dass er es auf den eigenen Lippen spürt, merkt, dass er aufgestanden ist und sich halb über den Tisch beugt, dass sein Herz rast, dass Alex - bewusst oder unbewusst - es ihm gleich getan hat und Niko, Niko kann nicht mehr.
Er lehnt sich die letzten paar Zentimeter nach vorne und küsst Alex.
Nur für ein paar Sekunden, dann weicht er zurück, die erste Silbe einer Entschuldigung auf seinen Lippen, aber Alex lässt ihn gar nicht erst so weit kommen. Er greift über den Tisch, leicht unkoordiniert, kratzt Niko aus Versehen am Hals in seiner Hast und zieht ihn zu sich zurück um einen weitaus längeren und tieferen Kuss zu initiieren. Niko, von Geburt an ein Opportunist, sagt nicht nein. Sagt generell wenig, in den nächsten paar Minuten.
Erst, als Alex ein Knie auf den Tisch hebt um - ja, was, Herr Haller, zu Niko rüberzuklettern? - und dabei eine Soßenschale umstößt, lässt Niko lachend von ihm ab.
"Ich soll also nicht ausziehen, ja?" Fragt er und ist sich der Antwort zum ersten Mal sicher. Er schreitet um den Tisch herum in Alex' offene Arme, während Alex ein Gesicht zieht, als wäre an einem sonnigen Strandtag gerade eine Gewitterfront aufgezogen.
"Vorzugsweise nicht, nein."
"Hmm," meint Niko und öffnet langsam und genüsslich den obersten Knopf von Alex' Hemd. Er wartet kurz, ob Alex Widerspruch einlegt und widmet sich dann den weiteren Knöpfen. "Ich glaube, dazu könnte ich eventuell überredet werden."
Auf dem Weg ins Schlafzimmer wirft Niko einen letzten Blick auf den gedeckten Tisch. Das Essen wird auf ihn warten. Es ist genug da.
Alex kneift ihn in den Hintern und Niko's Aufmerksamkeit richtet sich zu hundert Prozent in eine andere Richtung.
-
Am Morgen liegt Niko in Alex' Bett und starrt auf die opulente Decke. Die Malereien sind beeindruckend, aber sie erinnern Niko auf eine unangenehme Art an die Ausflüge zu den Kunstmuseen - riesige, faszinierende Gemälde, die er nicht verstand, nicht deuten, nicht in Zeitepochen einsortieren konnte. Nur ansehen, ein kompletter Laie umgeben von den großen Künstlern.
"Weißt du eigentlich, dass auf deiner Zimmerdecke nackte Menschen sind?"
"Was? Nein!" Sagt Alex auf diese übertrieben entrüstete Art, die 'Ja' bedeutet. Er ist eng an Niko's Schulter geschmiegt, und hält sich, in einer Spiegelung ihrer üblichen Position, an Niko's Arm fest. Ein zufriedenes Lächeln spielt schon den ganzen Morgen um seine Lippen.
"Doch, echt!" Spielt Niko mit. "Kleine nackte Leute, in einem Kreis. Keine Ahnung, was das soll, Kunst ist echt nicht meins. Ich konnt mir nie merken, welche Frucht jetzt was bedeutet oder welche Farbe für die Unschuld steht oder so."
"Pf," meint Alex und Niko spürt den kleinen Hauch Luft auf seiner nackten Haut. "Sowas muss man auch nur wissen, wenn man es wissenschaftlich angehen will. Intention hin oder her - für Leute wie dich oder mich ist bei der Kunst einfach nur wichtig, was wir dabei fühlen. Ob es uns gefällt."
"Hmm." Alex weiß diese Sachen eigentlich bestimmt, aber trotzdem: Leute wie dich oder mich. Wir. "Ich glaub nicht. Diese pummelige Nacktheit fand ich immer zu aufgesetzt. Ich mag Landschaften und echte Szenen."
"Na also, dann gibt es ja doch Kunst für dich." Er wendet sich von Niko ab und tastet auf dem Nachttisch nach seinem Handy.
"Was wird das jetzt?"
"Ich ruf Sophie an, wir müssen leider die kunsthistorisch extrem wertvolle Deckenmalerei in meinem Zimmer übermalen. Kann man nichts machen. Der Mann mag Landschaften."
Niko lacht und klaut Alex das Handy, legt es auf dem Tisch neben seiner Betthälfte ab. Er zieht Alex wieder an sich und drückt ihm einen Kuss in die Haare.
"Ganz so schlimm ist es dann auch wieder nicht. Und überhaupt." Er denkt an das Speisezimmer, längst kalt gewordenes Essen und daneben, ganz unscheinbar, eine kleine schwarze Box mit einem Schlüssel. "Wir müssen ja nicht für immer hier wohnen."
