Work Text:
Thorsten bemerkt die kleine dunkelhaarige Frau, die an ihnen vorbeigeht und kurz überrascht aufschaut, zunächst gar nicht.
Doch kaum ist sie wieder in der Menge verschwunden, bleibt Julia, die zuvor noch neben ihm gegangen war, plötzlich stehen.
Auch Thorsten kommt zu einem abrupten Stopp, kurz vor ihm Torben, der noch verwirrter ist als er selbst.
Julia schaut ihn nachdenklich an, ihren Blick kann er allerdings nicht wirklich deuten.
„Was is‘n?“, fragt Thorsten sie ein wenig besorgt. „Alles okay?“
Julia nickt langsam. „Ich dachte nur, ich hätte gerade jemanden gesehen. Aber das war wohl nur Einbildung“, antwortet sie und setzt sich wieder in Bewegung. Als sie jedoch merkt, dass weder Thorsten noch Torben Anstalten machen, ihr das gleich zu tun, bleibt sie erneut stehen und hat nun fast zu ihnen aufgeschlossen.
„Moment mal“, sagt Thorsten und plötzlich ziert ein breites Grinsen sein Gesicht. „Das war doch Tine!“ Als Julia ein wenig ertappt hereinschaut, redet er unbekümmert weiter. „Was hast du ihr damals eigentlich gesagt?“, fragt Thorsten belustigt, denn er hat das noch immer nicht rausgefunden, egal wie oft er nachgehakt hat. Dabei würde er nur zu gerne etwas aus Julia herauskriegen.
Julia lächelt nun auch ein wenig, fast schon wirkt sie erleichtert, sodass auch Thorsten ein wenig entspannen kann. „Ich hab dir doch gesagt, du musst nicht alles wissen“, antwortet sie und Thorsten weiß, damit ist die Sache für sie ausdiskutiert.
„Wer ist Tine?“, will Torben irritiert wissen.
Thorsten und Julia tauschen einen Blick, verständigen sich wortlos und sagen dann gleichzeitig: „’Ne Kollegin. Ist nicht so wichtig.“
Für Torben scheint die Sache nun geklärt, obwohl er doch nicht ganz zufrieden aussieht. Vermutlich weiß er aber: Nachhaken hat keinen Zweck.
Da erblickt Thorsten Tine wieder ein paar Meter weiter, wie sie vor einem Geschäft steht und ins Schaufenster schaut, nicht besonders interessiert, seines Erachtens nach. Die kleine Tine wird so nur noch mehr von der Menschenmasse fast verschluckt. Thorsten muss erneut grinsen.
Julia wirft ihm einen fragenden Blick zu.
Er überlegt. Eigentlich wollten er, Julia und Torben nach Feierabend noch was trinken gehen, aber das könnte auch funktionieren, schließlich bietet sich so eine Gelegenheit nicht zweimal. „Los, geh‘ ihr nach!“, fordert er seine Kollegin auf, etwas amüsiert darüber, dass die sonst so forsche Julia von einer so kleinen Person so eingeschüchtert werden kann.
Julia starrt ihn entsetzt an. „Aber wir wollten doch—. Was wenn—“, beginnt sie, aber Thorsten unterbricht sie.
„Bevor sie weg ist.“
Torbens Aufmerksamkeit ist nun wieder geweckt, das weiß er. Julia und Thorsten ignorieren ihn jedoch.
Plötzlich breitet sich auch auf Julias Gesicht ein Lächeln aus. Sie schaut nach hinten, schaut ihn wieder an, dreht sich dann um, winkt ihnen zum Abschied noch einmal zu und eilt auf Tine zu.
Thorsten lächelt wohlwollend. Er freut sich für seine Kollegin, findet, sie hat ein bisschen Wärme und Liebe verdient und ist sich sicher, dass sie diese bei Tine finden kann. Als er sich nun in die entgegengesetzte Richtung dreht, schaut Torben ihn fragend an. Thorsten schüttelt kurz den Kopf und sein Sohn versteht. Sie gehen weiter.
„Hallo“, kommt es plötzlich schüchtern aus der Richtung rechts von ihr.
Tine kann Julias Reflexion in der Schaufensterscheibe beobachten. Sie lächelt schüchtern und etwas verlegen. Vielleicht sind ihre Haare etwas kürzer, als als sie sie das letzte Mal gesehen hat. Die Hände hat sie in die Taschen ihres schwarzen Mantels gesteckt. „Hallo“, gibt Tine zurück und wendet ihrem Blick nun nicht mehr dem Schaufenster, das sie ohnehin nicht im Geringsten interessiert, sondern Julia zu. Die schaut immer noch ins Schaufenster. Tine muss lächeln. Sie weiß, Julia tut das nicht aus Abneigung, sondern aus Verlegenheit und Unsicherheit, genau aus den Gründen, die sie für Tine so faszinierend machen. Sie beobachtet, wie ein wenig Farbe in Julias sonst so blasse Wangen steigt.
Julia dreht nun auch ihren Kopf, sodass sie zu Tine schaut. „Es ist schön—“, meint sie noch immer etwas unsicher, „dich wiederzusehen.“ Sie sagt das so, als habe sie nicht recht gewusst, was sie eigentlich sagen sollte.
Tine weiß, dass Julia sich ein wenig schuldig fühlt, wo sie sich doch so lange nicht gesehen haben. Sie sich auch nicht mehr wirklich gemeldet hat, nach dem Einsatz in Aksoys Haus. Es ist schon ein bisschen ironisch, findet sie, dass Julia, wenn es um die Arbeit und ihre Ansichten geht, so direkt ist und kein Blatt vor den Mund nimmt, sie aber auch so schüchtern sein kann, aber das macht sie auch so interessant. Viel unnötig geredet hat sie womöglich noch nie. Oder vielleicht tut sie es auch nicht mehr. Irgendetwas an der Verschlossenheit der großen blonden Frau lässt sie vermuten, dass da mehr dahinter steckt. Nachhaken will sie allerdings nicht. Wenn Julia bereit dazu wäre, würde sie es sicher von selber preisgeben, da ist Tine sich sicher.
„Ich find‘s auch schön dich wiederzusehen, Julia“, erwidert Tine deshalb. „Lang her. Ich hoffe, ich habe jetzt nicht irgendwelche Pläne zwischen Falke und dir zerstört.“ In dem Moment, als sie das sagt, weiß sie, wie falsch sich das anhört. Sie schaut in Julias leicht entsetztes Gesicht. Jedoch fängt sie sich schnell wieder. Wieso macht sie eigentlich die gleichen Fehler zweimal?
„Ach was“, spielt Julia das Ganze runter, bevor Tine mit einer weiteren Bemerkung alles schlimmer machen kann, und macht eine wegwerfende Handbewegung, steckt dann aber wieder die Hand in die Manteltasche. „Du konntest doch gar nicht wissen, dass ich heute auch zufällig hier entlang gehe.“
Tine nickt. „Stimmt“, gibt sie zu und schaut Julia für ein paar Sekunden in die braunen Augen, in denen sie sich am liebsten verlieren würde. „Trotzdem“, sagt sie und hofft, dass ihre Stimme mit genau der Wärme ankommt, wie sie sie für Julia empfindet. Julia ist immerhin eine tolle Frau. Auch Tine steckt nun die kalten Hände in die Taschen ihrer Jacke und schaut zu Boden. Eigentlich weiß sie selten nicht, was sie sagen soll, aber in Julias Gegenwart scheint sie einfach oft das Falsche zu sagen. „Wie geht‘s dir?“, fragt sie, noch immer zu Boden schauend, bei der Frage kann ja eigentlich nichts schief gehen.
„Gut.“ Tine spürt, wie Julia sie von der Seite mustert. „Der letzte Fall war ein bisschen nervenaufreibend, aber gut. Und dir?“, stellt sie die Frage zurück.
„Auch gut“, sagt Tine und die beiden verfallen in Schweigen.
„Tut mir leid, dass ich mich nicht mehr gemeldet habe“, sagt Julia plötzlich, ihren österreichischen Akzent, der dabei leicht durchschimmert, findet Tine unheimlich süß. Überrascht schaut sie wieder auf. Ein bisschen gekränkt hatte sie das schon, muss sie zugeben. Vielleicht hatte sie sich von dem einen Mal was zusammen trinken gehen auch einfach nur zu viel versprochen und Julia will eigentlich gar nichts von ihr wissen. Aber stünde sie dann jetzt hier mit ihr und würde in das Schaufenster starren und sich sogar entschuldigen? Nein, wahrscheinlich wäre sie dann wo auch immer Falke und sein Sohn jetzt sind und hätte wenn überhaupt kurz gegrüßt, falls sie sie überhaupt bemerkt hätte. Also beschließt Tine das Ganze locker zu nehmen.
„Muss es nicht“, entgegnet sie, ihre Stimme zittert ein wenig, als sie zum nächsten Satz ansetzt. „V-Vielleicht könnten wir das ja trotzdem mal ändern.“ Vorsichtig lächelt sie Julia ein warmes Lächeln zu. „Wenn du willst“, fügt sie noch hinzu. Sie selber würde unheimlich gern, würde aber auch verstehen, wenn Julia nicht am weiteren Kontakt mit ihr interessiert wäre. Immerhin kennen sie sich eigentlich kaum.
„Klar. Wieso nicht?“, sagt Julia und lächelt zurück. „Wir könnten ja mal was zusammen trinken gehen. Oder Waffeln essen“, schlägt sie mit Blick auf die umliegenden Cafés vor.
Tines Herz mach einen Hüpfer. Hat Julia das gerade wirklich gesagt? Sie schaut sie mit großen Augen ungläubig an. Ihr wird plötzlich so warm ums Herz, wie die Waffeln mit Kirschen und Vanilleeis, die auf Schildern angeboten werden und deren Geruch ihr in die Nase steigt. „Oder beides“, rutscht es ihr heraus und sie könnte sich gerade selber dafür verfluchen. „Sorry“, murmelt sie.
Julia ignoriert das und gibt wieder ein „Wieso nicht?“ zurück. „Ich geb‘ dir meine Nummer, dann können wir was ausmachen“, schlägt sie vor.
„Oder auch gleich“, meint Tine und diesmal bereut sie es nicht, so direkt zu sein. „Ich kenn ‘nen guten Laden hier.“ Trotzdem hat sie ein bisschen Angst vor Julias Reaktion. Sie ist sich noch immer nicht ganz sicher, was die Kommissarin eigentlich von ihr denkt und das macht sie unvorhersehbar.
Eine halbe Stunde später sitzen sie dennoch in einem Café und essen Waffeln mit Kirschen und Schlagsahne. Julia sitzt die ganze Zeit über schrecklich still auf ihrem Stuhl, während Tine, die ihr gegenüber auf einer Bank sitzt, über die Arbeit redet und über ihre Familie und ihre Freunde. Über dieses und jenes halt. Sie weiß, sie kann reden wie ein Wasserfall. An Julias interessiertem Lächeln merkt sie aber, dass diese noch nicht total genervt von ihr ist, ein Gefühl, das sie während sie zusammengearbeitet haben manchmal schon gehabt hatte. Tine grinst sie glücklich an, während sie ihr letztes Stück Waffel in den Mund schiebt. Julia hat ihre eigene Waffel schon längst aufgegessen, aber sie hat ja auch nicht so viel geredet. Etwas zu hastig will Tine die Waffel herunterschlucken um weiter zu reden. Prompt verschluckt sie sich und muss husten.
Julia steht auf, setzt sich neben sie und klopft ihr mit der flachen Hand auf den Rücken, damit ihr Husten sich beruhigt.
Irgendwann wandelt sich das Husten in Lachen um und zu Tines Überraschung lacht Julia zunächst zögerlich, dann aber aus vollem Herzen mit. Sie ist sich sicher, Julias seltenes, aber helles Lachen ist das Schönste, was sie je gehört hat. Es ist wie Musik in ihren Ohren. Obwohl Tine jetzt längst aufgehört hat zu husten, wird sie sich bewusst, dass Julias Hand noch immer auf ihrem Rücken ruht. Sie ist warm und löst ein angenehmes Kribbeln in Tine aus. Am liebsten würde sie noch länger so dasitzen wollen, trotzdem ist ihr klar, dass das nicht ewig so gehen kann. Während Tine so darüber nachdenkt, steigt ihr die Wärme in die Wangen, die aber ohnehin schon von der Kälte draußen gerötet sind. Dennoch schaut sie etwas verlegen auf ihren leeren Teller.
„Willst du noch einen Kaffee?“, fragt Julia sie plötzlich und nimmt ihre Hand hastig von Tines Rücken.
Tine dreht ihren Kopf ein wenig, sodass ihre Blicke sich genau treffen. Tine wird heiß und dann kalt und dann wieder heiß. „Äh, ja klar“, antwortet sie ein wenig überrumpelt.
Während Julia ihnen also Kaffee bestellt, betrachtet Tine sie genauer. Eigentlich hat Julia sich nicht großartig verändert. Sie ist immer noch still, schaut ein wenig schüchtern drein und scheint manchmal verschlossen und unnahbar. Dennoch glaubt Tine, dass in den Momenten, in denen sie loslässt, sich ihre Gesichtszüge entspannen oder sie eines dieser wunderbaren Lächeln lächelt, die immer häufiger werden. Tine stellt erfreut fest, dass auch jetzt ein kleines Lächeln Julias Lippen ziert. Es erleichtert sie schon ein wenig, dass sie Julia offenbar nicht auf die Nerven geht und sie keine Bürde darstellt. So spannend das Mysteriöse Julia auch macht, gerade ist Tine froh, ihre Emotionen besser lesen zu können.
Als die beiden das Café verlassen, sind zwei Stunden verstrichen und es ist stockfinster. Der Kellner hat die beiden sogar darum bitten müssen zu gehen, ansonsten wären sie wohl noch länger geblieben. Die Straßen sind nun leerer als vorhin, die meisten Leute essen wohl jetzt zu Abend. Das Licht der Straßenlaternen erhellt ihnen den Weg, auf dem sie nach stundenlangem Reden, sogar Julia ist etwas aufgetaut und hat von ihrem letzten Fall erzählt, nun schweigend nebeneinanderher gehen.
„Ich habe gar kein Auto dabei“, durchbrechen Julias laut ausgesprochene Gedanken plötzlich die Stille. Wahrscheinlich wäre sie wohl mit Falke und seinem Sohn nach Hause gefahren. Dann fragt sie Tine: „Wann kommt eigentlich der nächste Bus?“
Tine weiß es nicht, aber eigentlich ist ihr das auch egal. Sie hat eine bessere Idee. „Ich kann dich fahren“, bietet sie an und wenn sie ehrlich ist, hofft sie auch, dass Julia das Angebot annimmt.
„Du brauchst dir keine Umstände machen“, meint Julia.
Tine ist ein bisschen enttäuscht. Dabei war der Abend doch so gut gelaufen. Da fällt ihr ein, dass Julia sie vielleicht nicht höflich ablehnen will, weil sie keine Lust hat noch mehr Zeit mit ihr zu verbringen, sondern dass sie ihr wirklich keine Umstände machen will. Noch während sie ansetzt um sich für den Abend zu bedanken, kann sie sich fangen. „Das geht schon“, sagt sie also stattdessen. „Ich hab heut Abend noch nix vor, von daher hab ich Zeit.“
Das orangegelbe Licht einer Straßenlaterne beleuchtet Julias Gesicht und Tine erkennt, dass ihre braunen Augen Wärme ausstrahlen und sie sie verlegen anlächelt. Julia bedankt sich. „Ist wirklich nett von dir“, sagt sie und gemeinsam gehen die beiden in Richtung Tines Auto. Tine ist schon ein wenig stolz auf sich, dass Julia ihr Angebot nicht abgelehnt hat und dass sie ihr gegenüber offenbar zumindest freundschaftlich eingestellt ist.
Als Tine Julia vor deren Wohnung absetzt, ist sie schon ein wenig wehmütig, dass das einen vorläufigen Abschied bedeutet. Am liebsten wäre sie ja noch länger in Julias Gesellschaft geblieben, aber aufdrängen will sie sich ihr auch nicht. Tine vermutet, dass das letztes Mal das Problem gewesen ist und Julia eigentlich gar nicht so viel von ihr wollte, wie sie von ihr. Diesmal will Tine aber, dass der Kontakt erhalten bleibt, auch wenn sie ein bisschen Angst davor hat, dass das wieder nichts wird, obwohl Julia ihre und sie Julias Nummer hat. Wenn sie hätte den Kontakt abbrechen wollen, fragt sich Tine, wäre sie dann aber eben mit ihr Waffeln essen gegangen? Tine weiß es nicht und scheut auch ein wenig davor, sich die Frage selbst zu beantworten. Immerhin hatte Julia genug Zeit zwischen ihren Begegnungen, sich zu überlegen was sie eigentlich wollte. „Tschüss“, verabschiedet Tine sich und schweigt. Als Julia jedoch nichts erwidert, fügt die voller Hoffnung noch hinzu: „Bis ein Andermal.“
Julia scheint wie aus einer Trance zu erwachen. „Ja, äh, tschüss“, sagt sie und schnallt sich ab. Tine wünscht sich mit einem Mal, Gedanken lesen zu können. Jedoch wird sie dann selber vollkommen aus der Bahn geworfen, als Julia zunächst die Tür öffnet und Tine darauf wartet, dass sie aussteigt. Julia steigt aber noch nicht aus. Etwas unsicher lehnt sie sich vor und zieht Tine in eine Umarmung. Tine merkt, dass Julias Hände ein wenig zittern und um ihr Halt zu geben erwidert sie die Umarmung. Sie weiß nicht, ob Julias Unsicherheit an ihr liegt oder vielleicht hat Julias letzter Fall sie auch fertig gemacht oder beides. Weiter kann sie aber gar nicht darüber nachdenken. Plötzlich gibt Julia ihr einen Kuss auf die Wange, löst sich aus der Umarmung, winkt ihr nochmal kurz zu und verschwindet in ihrer Wohnung. Tine merkt, wie ihr die Röte ins Gesicht steigt und fasst sich an die Stelle, auf die Julia sie geküsst hat. Plötzlich muss Tine grinsen und sie ist ganz froh, dass niemand sie so sieht.
Das Telefon klingelt. Thorsten schaut auf das Display, dessen Leuchten das einzige Licht ist, das den dunklen Raum erhellt. Es ist Julia. Er lächelt und fragt sich, wie es wohl gelaufen ist. Neben sich hört er ein Miauen und sein Kater schleicht neben ihm über den Tisch. „Ich weiß, dass ich rangehen muss, um das rauszufinden“, sagt er und streicht ihm über den rotbefellten Rücken. „Was gibt‘s?“, meldet er sich, nachdem er auf das Hörer-Symbol gedrückt hat.
„Hallo, Falke! Ich wollte dich nur fragen, wie es gelaufen ist?“, sagt Julia und Thorsten weiß genau, dass das nicht ihre Frage ist. Was bitteschön ist denn an einem Feierabendbier, das er mit seinem Sohn getrunken hat, so interessant? Er weiß, dass sie eher ein wenig das schlechte Gewissen plagt, wenn seiner Meinung nach auch grundlos.
Trotzdem erzählt Torsten ein bisschen von dem, was er so mit Torben besprochen hat. „Du brauchst dir keine Vorwürfe machen“, schließt er.
„Naja“, sagt Julia zögernd. „Immerhin habe ich euch versetzt.“
„Julia, so ne Chance kriegt man im Zweifelsfalle nicht zweimal. Ich mein, Torben hat‘s wohl auch nicht gerade besonders gefunden, den Abend nur mit seinem Vater abhängen zu müssen, aber wir verstehen‘s“, erklärt er ihr. „Apropos zweite Chance, wie ist es denn bei dir gelaufen?“ Er grinst, weil erstens ist er neugierig, schließlich erfährt er ja sonst nix, und zweitens weiß er, dass Julia genau aus dem Grund angerufen hat. Da kann sie sich Vorwände einfallen lassen wie sie lustig ist. Thorsten weiß ganz genau, dass Julias Gesichtsfarbe die Röte einer Tomate angenommen hat, obwohl er sie gar nicht sehen kann. Erstmal antwortet sie nichts. Aus Verlegenheit, schließt er. „Julia, bist du noch dran?“, fragt er nach einigen Sekunden der Stille. Ihm wird klar, dass Julias Anruf wahrscheinlich überaus spontan war.
„Äh, ja, klar“, kommt es vom anderen Ende der Leitung zurück. „Wir haben...“ Sie zögert ein wenig. Thorsten aber wartet geduldig, bis ihr was einfällt. Schließlich will er ihr nicht jedes Wort aus der Nase ziehen. „Geredet“, sagt sie und Thorsten kann sich vorstellen, dass sie bei der Wahl des Wortes gerade nickt.
Jetzt muss er aber doch fragen: „Geredet?“
„Ja, über die Arbeit halt“, meint Julia. War das jetzt alles? „Und wir waren Waffeln essen“, fügt sie hinzu.
Aha, so kommen sie der Sache schon näher. „Waffeln essen, wie romantisch“, sagt er in einem etwas provokativem Tonfall. Falke muss erneut grinsen. Er kann Julias verlegenes Lächeln praktisch vor sich sehen.
„Sie hat sich verschluckt“, erzählt Julia weiter und Thorsten fragt sich, welchen Belang das hat. „Irgendwie was das unglaublich süß.“ Aha, daher weht der Wind, der hier in Hamburg eigentlich allgegenwärtig ist, also. „Und als ich ihr auf den Rücken geklopft habe, hat sich das irgendwie gut angefühlt. So warm.“ Ihr scheint was anderes eingefallen sein, denn jetzt lacht sie: „Und wir wurden aus dem Café geschmissen.“ Falke muss auch lachen. Dann scheinen die beiden sich wohl lange unterhalten zu haben. „Und ich hab sie geküsst“, fügt Julia kaum hörbar hinzu. Thorsten reißt überrascht die Augen auf. Er ist drauf und dran sich auch zu verschlucken und versucht das Geräusch des Hustens mit der Armbeuge zu dämpfen. „Auf die Wange zwar, aber ich hab sie geküsst.“
„Okay“, krächzt er. Das hätte er nicht erwartet. Dann muss er aber lächeln.
„Alles gut bei dir?“, fragt Julia forschend.
Torsten räuspert sich. „Ja, alles klar“, bestätigt er und seine Stimme hört sich wieder einigermaßen normal an. „Das ist ja schön“, hängt er noch dran und ist ehrlich erfreut für seine Kollegin, die sonst eigentlich nichts zu haben scheint, was auch nur in die Richtung eines Privatlebens gehen könnte. Und jetzt wird ihm klar, weshalb sie ihn angerufen hat. Julia ist unsicher und hat keine Ahnung, was sie machen soll. „Du weißt nicht was du machen sollst, stimmt’s?“, stellt er fest.
Stille auf der anderen Seite der Leitung. Wahrscheinlich hat Julia genickt und dann gemerkt, dass er sie durch das Telefon gar nicht sehen kann, denn einige Sekunden später folgt ein „Oh“ und dann ein „Ja“.
„Dann mach es doch so wie immer“, schlägt er vor.
„Wie, wie immer?“, fragt sie etwas verwirrt.
„Na, so wie immer halt“, meint er. „Zielstrebig. Du weißt doch sonst so gut, was du machen willst und du zu tun hast, um was zu erreichen.“
„Schon“, sagt Julia, klingt dabei aber nicht übermäßig überzeugt.
„Dann ist doch alles gut“, meint Falke. „Du bist doch sicher nicht das erste Mal verliebt.“
Dass sie verliebt ist, stellt er gar nicht erst in Frage. Und jetzt ist es Julia, die sich verschluckt. „Nee“, sagt sie, als sie sich wieder einigermaßen beruhigt hat. „Bin ich nicht.“
„Auch nicht das erste Mal in ne Frau verliebt.“ Zumindest hatte sie ihm das mal erzählt.
„Auch nicht“, bestätigt Julia abermals seine These.
„Du hast doch ihre Handynummer“, sagt Thorsten.
„Ja.“
„Dann schreib ihr oder ruf sie an. Verabrede dich noch mal mit ihr. Bleib halt in Kontakt“, rät er ihr.
„Aber es ist nun mal schon so lange her“, antwortet sie jetzt etwas energischer. „Seit ich das letzte Mal...“
„Sowas verlernt man doch nicht. Setzt natürlich voraus, du bist auch daran interessiert, Tine wiederzusehen.“
„Natürlich hab ich Interesse! Das ist ja das Problem“, gibt sie zu, fast schon kann Torsten ein wenig Trotz aus ihrer Stimme hören. Wenigstens ist es Entrüstung.
„Na, Tine hat doch auch Interesse. Außerdem hast du ja mich für Ratschläge“, meint Thorsten nun. Hätten sie nicht telefoniert, hätte er ihr womöglich zugezwinkert.
„Das stimmt“, räumt Julia ein und Thorsten weiß, dass sie jetzt lächelt. Sie kennen sich eben sehr gut, Julia und er. „Danke“, meint sie.
„Dafür doch nicht“, sagt er. „Dazu sind Freunde doch da.“
„Du musst aber nicht alles wissen“, merkt Julia noch an, bevor sie sich verabschieden. Thorsten legt auf. Er kommt sich vor, als hätte er ein Déjà-vu, oder in seinem Fall eher ein „Déjà-entendre“. Thorsten muss lächeln und streichelt seinem Kater, der es dich auf dem Tisch gemütlich gemacht hat, über das rote Fell. Er für seinen Teil ist sich sicher, dass aus Julia und Tine noch was wird. Und wenn die beiden es nicht allein hinbekommen, dann eben mit seiner Hilfe
