Work Text:
Dämmerung zog sich schleichend über eine Stadt, die zu groß für Gemeinschaft, zu klein aber für einen einprägsamen Namen war. Die Schatten der wenigen kranken Bäume rivalisierten mit jenen der umliegenden Häuser, sechsstöckiger Plattenbauten mit bröckelndem Putz an grauen Fassaden, wie sie in jeder Stadt auf die eine oder andere Weise zu finden sind. Die Armut schafft sich unausweichlich ihren Platz.
Shen Yuan hatte nicht geplant, sich in diese Tristesse zu begeben. Eigentlich war er seiner kleinen, doch gemütlichen Wohnung in der Innenstadt auf eine spontane Eingabe hin entflohen, die er selbst nicht ganz nachvollziehen konnte. Eine ungewohnte Unruhe, die er auf das Ausbleiben des nächsten Kapitels dieses Schundromans schob, der viel zu viel unverdiente Zeit seines Lebens fraß, hatte sich in ihm am Nachmittag ausgebreitet. Am Abend würde er heimkehren, sagte er sich, ein Fertiggericht in die Mikrowelle schieben und auf dem Sofa endlich das nächste, hoffentlich endlich hochgeladene Update lesen sowie einen bissigen Kommentar über die Verspätung und vermutlich den halben Inhalt verfassen. Bis dahin zwang er sich dazu, etwas anderes zu tun. Es war nicht gesund, aller Minuten den Browsertab der Webnovel-Seite zu aktualisieren, flüsterte eine Stimme in seinem Hinterkopf, die erstaunlich nach seiner Mutter klang. Allerdings sah selbst Shen Yuan ein, dass Stimmen hören außerhalb eines Xianxia-Settings keineswegs gesund war. Also schnappte er sich die Hausschlüssel, ließ das Handy auf dem Couchtisch zurück und begab sich in die anbrechende Dunkelheit.
Die Schatten ließen die Konturen der Häuser verschwimmen und ehe Shen Yuan es sich versah, befand er sich in einem Stadtteil, der ihm unbekannt war. Er war erst vor kurzem in diese Stadt gezogen, ein kleines bisschen Freiheit nach dem universitären Abschluss, die sich bald als ebenso erdrückend wie das elterliche Haus herausgestellt hatte. Sicher, er konnte kommen und gehen, wann er wollte, konnte Fast Food essen, ohne sich über abwertende Blicke schämen zu müssen, doch hinter all den alten neuen Möglichkeiten lauerte ein Abgrund, dem er sich nicht zu nähern wagte. Jeden Tag sagte sich Shen Yuan, dass er bald nach einer Stelle Ausschau halten würde, bald einen Sport- oder vielleicht einen Kreativkurs belegen würde, bald neue Freunde finden und sich einleben würde, doch etwas hielt ihn zurück, zerrte beharrlich an der Kapuze seines Sweaters und flüsterte in sein Ohr: „Willst du wirklich, dass sie dich kennen? Sie sind so zufrieden mit ihren Kleinstadtleben, sie brauchen dich nicht. Und du brauchst sie auch nicht. Du hast alles, was du brauchst, in deinen vier Wänden. Bleib zu Hause bei deinem Rechner. Du bist nicht einsam.“
Die Schatten wurden länger, die Lichter der Straßenlaternen flackerten erbärmlich auf und Shen Yuan erkannte, dass er sich nun im Kern dessen, was wohl die schlechteste Nachbarschaft der Gegend war, befand. Vor ihm lag eine kleine Fläche, die ein großmütiger Mensch wohl als grün bezeichnet hätte, umstanden von ein paar einzelnen Bäumen. Im Zentrum befand sich ein kleiner, schmutziger Sandkasten, eine an einem Ast angebrachte Schaukel, die mit ihrem fröhlichen Quietschen die unbequeme Ruhe der Dämmerung durchbrach, und eine Plasterutsche, von etwa einem Meter Höhe, die aussah, als wäre die Rutschfläche schon einmal herabgefallen und dann falsch herum wieder angebracht worden.
Umsäumt wurde diese Parodie eines Spielplatzes von zwei graffitibesprühten Bänken, jede auf einer Seite des Trauerspiels. Auf einer der beiden saß ein junger Mann, etwa in Shen Yuans Alter, in einem ausgewaschenen Hoodie mit tiefhängender Kapuze, der in unmenschlicher Geschwindigkeit auf einem klobigen Laptop tippte. Kurz überlegte Shen Yuan, ob er die Polizei rufen sollte, der Mann war offensichtlich ein Hacker, wie er im Buche steht, aber der Stadtteil war nicht sein Bezirk und welche Regeln auch immer einem Verbrecher erlaubten, sein Werk mitten auf einem Kinderspielplatz auszuführen, er wollte mit dem amtierenden Straßenrechtsvollziehern lieber nicht in Konflikt geraten.
Trotz der schlechten Ausstattung und der späten Stunde befanden sich noch einige Kinder auf dem Spielplatz. Shen Yuan schenkte ihnen so wenig Beachtung, wie die Kinder ihn beachteten, und wollte gerade weitergehen, als er einen Jungen sagen hörte: „Luo Binghe, ich fordere dich zum Kampf.“
Der Satz ließ ihn erstarren und er drehte sich zu den spielenden Kindern hin. Gerade standen sich zwei Jungen mit Stöcken, die sie wie Schwerter hielten, gegenüber. Einer davon, der Angesprochene, hatte auffällig lockige Haare und antwortete gerade mit ernster Miene: „So sei es, Mobei Jun, nach diesem Kampf bist du mein Untertan.“ Der große Junge, der zuerst gesprochen hatte, schnaubte nur verächtlich und griff dann an.
Versteinert sah Shen Yuan dem Kampf zu. Wie konnten zwei Kinder PIDW, die Webnovel, die er selbst gerade las, kennen? Das Material war gewiss nichts für Kinder, es bestand zu achtzig Prozent aus blutigen Kämpfen in fraglich geringer Kleidung und Sexszenen. Wie konnten Kinder…
Ein dritter Junge näherte sich den beiden ersten, ein Mädchen im Schlepptau, das sich einen Lappen vor Mund und Nase gebunden hatte, fast so wie einen… Schleier?
„Wir wollen mitspielen“, erklärte der neue Junge knapp.
„Ok, Qingge“, erwiderte ‚Luo Binghe‘, „du und Mingyan können an meiner Seite den Eisdämon erlegen.“
Das Mädchen reihte sich hinter Binghe ein, der Junge jedoch schaute ihn skeptisch an. „Weswegen sollte ich mich denn mit dir verbünden?“, fragte er, „du hast meine Sekte verlassen und Shen Qingqiu entführt!“
„Shen Qingqiu war unfair, er hatte es verdient“, verteidigte sich Binghe, aus seiner Rolle des aufrechten Helden fallend. Bevor ein Streit ausbrechen konnte, wandte sich der, der den Eisdämonen spielte, an den jungen Mann, der auf einer der beiden Parkbänke saß. „Shang gege“, sprach er mit einer Finalität, die die anderen Kinder verstummen ließ, den Hacker an, der noch immer auf einer der Parkbänke vor sich hin tippte, „welcher Seite würde sich Liu Qingge anschließen?“
Der Mann, Shang gege, blickte durch milchige Brillengläser von einem alten Laptop zu der Gruppe der Kinder auf, die ihn wiederum erwartungsvoll anstarrte. Sichtlich versuchte er aus der Position der Kinder zu erahnen, was diese gerade gespielt hatten. „Liu Qingge“, sagte er dann bestimmt, „würde seine Schwester zu verteidigen versuchen, während um sie herum, Eis und Feuer aufeinanderprallen. Daher würde er versuchen, beide Dämonen zu bekämpfen. Stellt euch in einem Dreieck auf, Jungs. Mingyan, du versuchst, Qingge und Binge voneinander zu trennen, schließlich ist der eine dein Bruder, der andere dein bester Freund. Stell dich zwischen die beiden.“
Plötzlich sprang ein weiteres Kind von hinten auf Binghes Rücken, während es laut „Stirb, Dämon!“ rief. Binghe drehte sich halb lachend, halb genervt um die eigene Achse und versuchte, den Angreifer abzuschütteln.
„Doch was ist das?“, fuhr der Mann auf der Bank ungerührt fort, „Shen Qingqiu hat sich aus dem gefährlichen, dunklen Wassergefängnis befreit und strebt nun nach Rache! Sein Schwert ist zurückgeblieben, doch todesmutig greift er den Dämonen mit bloßen Händen an. Wird sein Angriff gelingen? Aber nein, fliegend leicht schüttelt Luo Binghe seinen Gegner ab. Fliegend hier einmal im wahrsten Sinne des Wortes. Qingqiu, geht es dir gut? Danke dass du ihn gefangen hast, Qingyuan.“
Noch einmal sah sich Shen Yuan die Kinderschar genauer an. Bis auf den groß gewachsenen Jungen, der gerade ‚Shen Qingqiu‘ aufgefangen und dafür ein leises „Danke, Qi-ge“ erhalten hatte, war ihm nur noch ein Kind entgangen, ein kleines Mädchen mit lustig gezwirbelten Zöpfen, welches gedankenverloren auf der rostigen Schaukel saß und in die Ferne starrte.
Der Hacker sprach inzwischen weiter: „Denn habt ihr es schon gehört? Huan Hua ist von der Dämonin Sha Hualing überfallen worden! “
„Hualing würde das nie tun!“, warf Liu Mingyan ein.
„Nicht, wenn sie keinen Grund hätte“, stimmte der Hacker zu, „aber die Tochter des Sektenführers hat sie herausgefordert. Natürlich hatte sie da keine andere Wahl, als sich der Herausforderin zu stellen. Und natürlich hat sie gewonnen, sie war der jungen Palastdame in allem überlegen. Ihr hättet es sehen sollen! Möbel kippten um und Wände zerbrachen, während die beiden fochten.“
„Und in dem Chaos hat Yue Qingyuan Shen Qingqiu befreit? Ist es das, was du gerade schreibst?“, fragte Luo Binghe mit großen Augen. Du, dachte Shen Yuan verwirrt, dürftest dich nicht freuen, dass dein Erzfeind seiner Gefangennahme entronnen ist. Dann fiel ihm ein, dass er ja gar nicht vor Luo Binge, sondern nur vor einem kleinen, in die Geschichte vertieften Jungen, der jenen spielte, stand, und er schalt sich seiner Gedanken.
Zum ersten Mal stockte auch der Mann in seiner Erzählung, doch stimmte er Luo Binghe sogleich mit einem „stimmt genau!“ zu. Dieser Verlauf der Handlung war Shen Yuan nun gänzlich unbekannt. Shen Qingqiu und Yue Qingyuan dürften beide bereits tot sein. Selbst wenn das neue Kapitel inzwischen rausgekommen war, so war die Geschichte gerade mit Ehefrau Nr. 1472 beschäftigt, nicht etwa mit einem spontan auferstandenen Shen Qingqiu. Und Liu Qingge hatte in der Geschichte ebenfalls längst das Zeitliche gesegnet. Auch hatte der Junge, der Luo Binge spielte, von „schreiben“ gesprochen. Es konnte doch nicht sein… war dieser verkappte Hacker Airplane?
Auch wenn Shen Yuan es nicht so recht zugeben wollte, er hatte eine gewisse Zeit damit verbracht, sich Airplane Shooting Towards The Sky vorzustellen, schließlich war er gerade die Person, mit der er am häufigsten und regelmäßigsten in (unbeantwortetem) Kontakt stand. Es hatte sich den Autor als einen schmierigen Kerl gedacht, einem kleinen dicken Mann, der sich in seiner Wohnung vergraben hatte, nur Fast Food aß und die Hälfte der Zeit seine Hand die Hose hinuntergeschoben hatte, während er seine jämmerliche Pornographie schrieb. Eine ekelhaft verzerrte Version von Shen Yuan selbst, die ihm in jedem Aspekt unterlegen war.
Dieser Airplane, den er jetzt vor sich sah, entsprach so gar nicht seinem Bild. Klar, er war ein wenig untersetzt und mit seinem mausbraunen Haar, das schon erste graue Strähnen zeigte, und dem flackernden Blick wenig bemerkenswert, doch unansehnlich oder gar abstoßend war er nicht. Seine Kleidung war verschlissen, doch gepflegt, sein ganzes Äußeres schrie von einem Menschen, der nicht genau weiß, wie man sich selbst versorgt, aber sich aus unbekannten Gründen rätlich Mühe gibt. Und er war real, so, so real.
Unversehens trat Shen Qingqui näher an den Hacker, der wohl doch kein Hacker war, heran und blickte ihm über die Schulter auf den matten Bildschirm seines Laptops, während der Mann, den Näherkommenden nicht weiter beachtend, immer noch den Kindern die Geschichte von der heldenhaften Befreiung Shen Qingqius erzählte, während er simultan tippte.
„Und dann legte Yue Qingyuan die Hand auf sein Schwert. Mehr war nicht notwendig, um den Meister des Palastes dazu zu bringen, zurückzuweichen und den Eingang zu den Verließen freizugeben…“
„Seine Hände betteten sich in das weiche Fleisch ihrer Brüste. Sie stöhnte laut und zog ihn näher zu sich heran. Luo Binghe lächelte sie verspielt an, dann stieß er mit all der Kraft eines Dämonenlords zu. Ein Schrei der Lust entsprang ihrer Kehle.“
„Doch damit hatte seine Suche erst begonnen, denn die Katakomben, in denen die Zellen errichtet worden waren, waren riesig und furchteinflößend. Doch Yue Qingyuan verzagte nicht, er wusste ja, dass irgendwo dort unten Shen Qingqiu auf ihn wartete. Und so begab er sich allein in die tiefe Dunkelheit…“
„Die Kaskade ihres Stöhnens baute sich auf und schwang höher und höher und höher. ‚Bitte, Luo Binghe‘, seufzte sie, ‚nur etwas noch und ich gehe in die Unsterblichkeit ein‘.“
„Du lügst die Kinder an“, stellte Shen Yuan fest. Airplane – es konnte niemand sonst sein – schaute über seine Schulter, als hätte er den ungewollten Lesenden jetzt erst bemerkt.
„Etwas Lüge ist in jeder Geschichte, das ist die Kunst“, antwortete er, „und außerdem, wer sagt dir, dass ich die Kinder anlüge und nicht die Leser?“
„Du liest ihnen nicht die Geschichte vor, die du ihnen zu lesen vorgibt“, schoss Shen Yuan zurück. Mochte der Mann auch nicht so wirken, wie er sich ihn vorgestellt hatte, so war es doch noch derselbe Autor, der Tag für Tag schreckliche Sexszenen schrieb, wie das Getippte eindeutig belegte. Shen Yuan war insgeheim froh, dass zumindest diese Konstante sich nicht verflüchtigt hatte. Sich über den schrecklichen Schreibstil und bedeutungsloden Inhalt zu beschweren, war ein sicheres Gewässer, das er seit Wochen nicht verlassen hatte und nicht verlassen wollte.
„Das allerdings“, gab Airplane zu, „du kannst dir nicht vorstellen, wie froh ich bin, dass noch keines dieser kleinen Monster lesen kann. In ein paar Jahren werde ich zwei Geschichten statt einer schreiben müssen. 20.000 Worte am Tag! Bro, wie soll ich das nur schaffen? Und Mingyan beginnt schon, ihre ersten Schriftzeichen zu lernen!“
„Vielleicht hättest du es gleich bei einer Geschichte belassen sollen“, erwiderte Shen Yuan. Airplane antwortete nicht mit Worten, sondern mit einem kleinen, nervösen Lachen, fast wie einem Tick, mit dem er sich die Freiheit einer Nichtantwort erspielen wollte. Während Shen Yuan noch sann, all seine Beschwerden, mit denen er jemals auf ein Kapitel geantwortet hatte, in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen – sollte Airplane doch stumm bleiben, Peerless Cucumber dürstete es danach, jede seiner unbeantworteten Tiraden von der Seele zu schreien –, zog eine Kinderhand an seinem Ärmel.
„Wie heißt du?“, fragte ihn der Junge, der Luo Binghe spielte. Anscheinend warteten die Kinder noch auf eine Weiterführung der Geschichte und nun, da Airplane abgelenkt war, wandte sich ihre Aufmerksamkeit dem Neuankömmling zu. Selbst Shen Yuan musste zugeben, dass der Junge ein äußerst hübsches Kind war. Seine lockigen Haare reichten ihm bis zur Schulter und unter dichten Wimpern hervor schauten Shen Yuan große dunkle Augen erwartungsvoll an. Es war einfach unmöglich, so einem Kind eine Frage nicht zu beantworten, also nannte Shen Yuan seinen Namen und fragte im Gegenzug nach dem des Kleinen.
„Luo Binghe“, antwortete der Junge ohne Umschweife.
„Wirklich? Wie?“, entfuhr es Shen Yuan unwillkürlich. Erst als die Frage seinen Mund verlassen hatte, bemerkte Shen Yuan, wie kindisch sie geklungen haben musste. Doch auch hier antwortete Luo Binghe wie selbstverständlich: „Weil ich auf der Autoraststätte beim Luo-Fluss gefunden wurde.“
So einfach, so simpel. Vor Shen Yuan standen Luo Binghe, Mobei-Jun, Shen Qingqiu, all die wichtigen Charaktere aus PIDW. Shen Yuan warf Airplane einen entgeisterten Blick zu. Hatte diese schlechte Parodie von einem Autor die Kinder als Vorlagen für die Romancharaktere genommen? Porno-Romancharaktere? Moralisch verwerflicher ging es ja wohl kaum! Er hatte erwartet, dass sich der Autor als Protagonist verewigt hatte, in dunklen Stunden, in denen das Licht des Computers auf noch nicht ausgepackte Umzugskartons schien, dachte er, dass Airplane sich möglicherweise in die betüdelten Körper der Ehefrauen sehnte, und jede neue Frau nur eine Facette eines ewig wandelnden, vielleicht sogar krank umherirrenden Geistes war. Doch er hatte diesen Gedanken sogleich wieder verworfen, hätte diese Version von Airplane ja Charakter gehabt, wäre mehr als nur ein missglücktes Menschenkind gewesen, das nichts zustande brachte und nun sein Heil in der Verschandelung der Literatur und so über Umwege der Leben und Freizeit vieler unbescholtenen Menschen suchte.
„Und wer bist du dann aus all deinen fiktionalen, nicht-fiktionalen Charakteren?“, fragte er Airplane. Dieser schien längst verstanden zu haben, dass der Mann vor ihm durchaus mit seinen Werken vertraut war. Vielleicht kamen des Öfteren Menschen auf ihn zu, die ihn für seine Fehltaten schalten, vielleicht auch niemand. Shen Yuan hoffte insgeheim, dass dieses zweifelhafte Vergnügen ihm allein vergönnt war.
„Shang Qinghua“, antwortete der Autor mit einem Schulterzucken, das ihn noch kleiner, ja nahezu so kindlich wie die auf dem Spielplatz verstreuten Pseudohelden wirken ließ, „irgendjemand muss den Laden in allen Welten am Laufen halten.“
Das war nun die offensichtlichste Übertreibung, die dieser Mensch zustande bringen konnte – und da reden wir von demjenigen, der von meterhohen Brüsten und haardünnen Taillen schrieb. „Wie kannst du nur denken, dass du irgendetwas zustande bringst? Deine Sprache mag nicht so schlecht sein, doch deine ach so tolle Welt gerät immer mehr aus den Fugen und die halbfertigen Handlungsstränge stapeln sich bis zum Himmel. Fast könnte man denken, dass du beabsichtigst, dass Luo Binghe an ihnen bis zu den Göttern klettert. Das wäre wenigstens etwas realistischer als der Strang mit den Tiefseestädten, bei dem du gerade bist. Selbst wenn Luo Binghe für fünf Tage die Luft anhalten könnte, hast du nicht bemerkt, dass etwas nicht stimmte, als du ihr unter Wasser – unter Wasser! – ein Feuer anzünden lassen hast? Und überhaupt, in einem Xianxia-Setting hat, was du da machst, nichts verloren. Du hast offensichtlich den ganzen Ort Atlantis nachempfunden. Teilweise hast du dir nicht mal die Mühe gegeben, zu verschleiern, dass du als Charaktere einfach die griechischen Götter kopierst. Wie du es schon mit den indischen in Kapitel 4034 bis 4118 und den ägyptischen in Kapitel 6792 bis 6815 getan hast. Und ist dir aufgefallen, dass du Frau Nummer 1471 einfach in einem brodelnden Tiefseekrater vergessen hast? Nie bringst du etwas zu Ende! Da wäre es doch besser, du hättest nie angefangen.“
Ach, tat es gut, alles, was er stumm und wütend in die Foren gehämmert hatte, herauszubrüllen. Shen Yuan fühlte sich, als würde er das erste Mal seit seinem Einzug in die neue Stadt sprechen, und ihm war, als müsse nun die Botschaft all seiner unzähligen Posts auch endlich den Empfänger erreichen. Was würde Airplane tun? Würde er das Buch beenden, vielleicht sogar löschen? Würde er sich schämen und versprechen, etwas zu ändern? Würde er vielleicht jemanden Fragen, einen Beta-Leser ansprechen? Shen Yuan hätte es nicht allzu schlimm gefunden, selbst als Beta-Leser zu fungieren. Zwar musste er dann mit diesem Mann, diesem kleinen, maushaften Mann, der so wenig Verständnis für die endlosen Tiefen der Literatur zeigte, zusammenarbeiten, andererseits würde es nicht allzu schwer sein, ihn eines Besseren zu belehren. Und er wäre die erste Person in dieser kleinen, unsichtbaren Stadt, die er wirklich kannte, wirklich kennenlernen wollte.
Doch Airplane – Shang Qinghua – lachte nur, nicht freudlos, nicht hämisch, einfach nur erschöpft, und schaute sich kurz um, ob die Kinder denn auch spielten und nicht auf die beiden Erwachsenen achteten.
„Soll ich auch dir wie den Kindern eine Geschichte erzählen? Man hat mir gesagt, das könne ich ganz gut. Also dann lass mich dir von einem Studenten erzählen. Jener Student ließ sich bei einer reichen Familie, den Mobeis, als Babysitter anstellen, um etwas Geld dazuzuverdienen. Die Eltern des kleinen Jungens, um den er sich kümmerte, lernte er nie kennen. Vielleicht waren sie verstorben, vielleicht auf ständigen Dienstreisen, vielleicht hatten sie ihren Sohn auch einfach vergessen. Ich weiß nicht, was davon die schlimmste Option gewesen wäre. Jedenfalls lebte der Junge bei seinem Onkel in einer Villa am Stadtrand.
Jeden Montag würde der Student vorbeikommen, ein paar Stunden mit dem Jungen spielen und ihm etwas von seinem kärglichen Englisch beibringen, das er selbst nicht ganz beherrschte, während der Onkel irgendwelche Besorgungen vorzunehmen hatte. Der Junge war sehr still, ja beinahe kühl, doch mit der Zeit wärmte er auf. Er lachte nicht, aber er lächelte manchmal. Er äußerte, was er machen wollte, was er mochte und was nicht. Mit jeder Woche lernte der Student ihn besser kennen. An einem Abend kehrte er uneingeladen zu der Villa zurück. Es war der Geburtstag des Jungen und er wollte ihm ein selbst gebasteltes Holzflugzeug schenken. Als er ankam… als er ankam, brannte Licht im oberen Stockwerk. Man konnte eine Stimme schreien hören. Wütend. Eine bekannte Stimme. Und dann schrie eine zweite, eine Kinderstimme. Schmerz. Ich… der Student lief nach oben und schnappte sich den Jungen. Dann rannte er, bis er seine eigene Wohnung erreicht hatte. Erst dort verständigte er das Sozialamt, welchem er den Jungen übergab.
Die Schatten der Zeit räkelten sich und das Leben zog in Bahnen, doch jede Bahn führte wieder vorbei an der Villa und dem Jungen und der Student hielt es letztlich nicht mehr aus. Er fragte an den Sozialämtern herum, solange bis eine freundliche Dame ihm mitleidig den neuen Wohnort des Kindes nannte. Vermutlich hielt sie ihn für den viel zu jungen Vater. Und so fand sich der Student in einem Seitenhof einer Seitengasse eines Seitenstadtteils, den niemand kennt und niemand sieht, und bei so vielen einsamen Kindern. Er ist nie wieder weggegangen. Wie könnte er, wenn es so viele hilfeschreiende Formulare auszufüllen, so viele Spielzeuge zu reparieren, so viele zu kleine Pflaster auf zu große Wunden aufzukleben gibt? Wie könnte er, wenn der Junge, wie die Erzieher ihm berichteten, nach Monaten das erste Mal lächelte?“
Viel hatte Shen Yuan erwartet, sollten seine ewigen Kommentare Antwort erhalten, Entrüstung, Ausflüchte, Scham, doch nicht eine weitere Geschichte, diese so anders als die zuvor gelesene.
„Warum erzählst du mir all das?“, fragte er und wunderte sich dann selbst, wie stark ein verstörtes Zittern seine Stimme verzerrte. Vermutlich mimte er nur die Nervosität seines Gegenübers, redete er sich zu.
„Du hast mir vorhin gesagt, ich hätte nur eine Welt erschaffen sollen, statt dem Internet und den Kindern rivalisierende Versionen vorzulegen. Wäre es nach meiner Wahl gegangen, hätte ich das.“
„Und den Kindern Pornographie vorgelesen?“
„Und der Welt eine Kindergeschichte gezeigt.“
Shen Yuan wollte widersprechen, aus PIDW könne nie eine Kindergeschichte werden, doch unvermittelt sah er einen kleinen Jungen im Wasser treiben, eine arme Wäscherin, einen strengen Meister. Kein Sex, keine übertriebene Gewalt, keine anderen Monster als die, die das Leben einem vorsetzt. Der Anfang von PIDW hätte durchaus eine Kindergeschichte sein können. Erst, als die Geschichte Luo Binghes sich schon auf seine spätere Jugend zubewegte, war das Buch graduell erwachsener geworden. Das Buch war insgesamt immer noch scheußlich, aber in den ersten Kapiteln war es selbst für seine hehren Ansprüche nicht zu schlecht gewesen.
„PIDW war als Kindergeschichte geplant?“, fragte er ungläubig. Shang Qinghua kratzte sich verlegen am Nacken. Erst jetzt viel Shen Yuan auf, wie viele Gesten der Selbstberuhigung sein Gegenüber aufbrachte. Ständig waren seine Hände in Bewegung, sprangen mal da und mal dort hin, streichelten im Vorbeiziehen einander, einen Oberschenkel oder eine Schläfe. Waren all diese Gesten nur seine normale Körpersprache oder hatte der Autor Angst vor seinem Kritiker?
„PIDW war gar nicht geplant“, antwortete Shang Qinghua unumwunden, „als ich begonnen habe, die Geschichte, die ich den Kindern Abend für Abend erzählt habe, ins Internet zu stellen, war sie nur als ein kleiner Nebenverdienst für jemanden geplant, der eine Arbeit ausführte, für die er nie eingestellt wurde. Der Student ist kein offizieller Erzieher, an den besten Tagen ist er eine Hilfe, an den schlechtesten ist er selbst ein Waisenkind, das versorgt werden muss. Ich wollte so gern etwas zurückgeben.
Nun, wie du weißt, ging der Plan besser auf als gedacht und PIDW entstand. Nur mussten dafür einige Kompromisse eingegangen werden. Es stört mich nicht, es ist nur eine Arbeit wie jede andere auch, die man manchmal mag, manchmal nicht, aber immer weitermacht, da die Gesellschaft Regelmäßigkeit verlangt. Doch die richtige Geschichte, die die mir und den Menschen, die mich kümmern, am Herzen liegt, ist nicht PIDW, es ist die Kindergeschichte. Und die kann uns niemand verändern.“
„Aber selbst dann ist mir unverständlich, wie sich die Geschichte zu dem Quatsch entwickeln konnte, den du ins Internet stellst. Wie konntest du dich so weit von der, wie du denkst, ‚guten‘ Geschichte entfernen?“
Airplane lachte sein zittriges, sprunghaftes Lachen, während sein Blick über die Kinder schweifte. Luo Binghe und Shen Qingqiu schrien sich gerade an, mutmaßlich wegen eines zerbrochenen Stockes, das eben noch als Schwert gedient hatte. Yue Qingyuan stand schweigend dabei, während die Liu-Geschwister sich mit der lebensgefährlichen Rutsche vergnügten. Die Rutschbahn schaukelte angsterregend hin und her, obwohl Liu Qingge die Treppe festhielt, während seine Schwester hinaufkletterte und sich dann auf der kleinen Sitzfläche kurz ausbalancierte. Airplane hatte die beiden auch bemerkt, doch noch ehe er sich erheben und schlimmeres verhindern konnte, ließ sich Liu Mingyan nach unten schlittern. Unter dem sich aufbäumenden Lappen vor ihrem Gesicht konnte man kurz ein milchzahniges Grinsen und eine unzählbare Anzahl entstellender Narben sehen, die sich über ihr ganzes Gesicht zogen. Das Mädchen, das vermutlich Ning Yingying war, schaukelte immer noch verträumt vor sich hin. In ihren Augen lag etwas Der-Welt-Entrücktes, als sehe sie gar nicht, was um sie geschehe. Es war der Blick einer Kranken.
„Ich kann dir nicht zustimmen“, erwiderte Shang Qinghua, sich aus seiner halb erhobenen Position wieder auf die Parkbank setzend, „PIDW mag nicht sein, was ich geplant habe, auch nicht, was ich wollte, doch es enthält alles Wichtige. Es enthält einen Luo Binghe, der den wenn auch widerwilligen Respekt seiner Mitmenschen besitzt, einen starken Eisdämon Mobei Jun, dem niemand etwas anhaben kann, eine Ning Yingying, die ein fröhliches und aufgewecktes Kind ist, einen Yue Qingyuan, der seinen jüngeren Freund, mit dem er so viel durchgemacht hat, immer beschützt, wenn auch auf unkonventionelle Weise, eine Liu Mingyan, die sich niemals für ihr Gesicht schämen muss, die ihren Schleier aus freiem Willen und mit Stolz trägt. Das war, was die Kinder brauchten, und manchmal denke ich, die Leser im Internet brauchen dasselbe. Eine Geschichte, die vielleicht nicht gut ist, aber doch etwas besser als die Welt, durch die wir wandeln.“
In dem Moment kam Ning Yingying zu Shang Qinghua, um sich an ihn zu schmiegen. Shen Yuan konnte jetzt ihre Gesichtszüge besser betrachten, ihren leicht offenstehenden Mund, das etwas verquollene Gesicht. Trisomie 21, schätzte er. Sie zitterte offen in ihrem dünnen T-Shirt, bis Shang Qinghua sie aufhob und an sich schmiegte.
„Kommt, Kinder. Es wird dunkel, der Akku des Laptops ist fast runter und ich brauche einen Ort mit Internet, um das nächste Kapitel hochzuladen.“
„Auf Wiedersehen“, wandte er sich dann an Shen Yuan, aber leise und wieder mit diesem müden, müden Lächeln, gemischt mit dem leicht zitternden Lachen, als wüsste er genau, dass das Wiedersehen nie stattfinden würde. Wer würde sich denn ein zweites Mal an so einen gottverlassenen Ort verlaufen?
"Du bist immer noch ein scheußlicher Autor, der sich einen Dreck um literarische Ansprüche und seine Leser schert", antwortete Shen Yuan, doch in seinen eigenen Ohren klang die Erwiderung schwach, beinahe flehend für etwas, von dem er selbst nicht wusste, dass er es suchte.
"Wenn ihr mir egal wärt, warum habe ich dich dann nicht ignoriert", entgegnete Shang Qinghua und verließ Shen Yuan, dessen Inneres sich nun erst recht anfühlte, als zerrisse es Stück für Stück und sänke in den Boden der anonymen Stadt, die ihn aufsog, verdaute und vergaß.
Lange lief er noch durch die Stadt, bis er zu seiner Wohnung zurückfand. Er schob eine schnelle Mahlzeit in die Mikrowelle und zog sich dann in eine Decke zurück, um das nächste Kapitel von PIDW zu lesen, das wie zu erwarten erschienen war. Doch konzentrieren konnte er sich nicht. Immer wieder erinnerte er sich daran, dass die Geschichte, die er las, nicht die eigentliche, nicht die ursprüngliche Erzählung war, dass die Wahrheit vielmehr in den Betten eines Waisenhauses irgendwo in den Tiefen der Stadt schlummerte. Am nächsten Tag begab er sich zum Sozialamt.
