Chapter Text
“Baumann,” meldet Esther sich leise, als sie den eingehenden Anruf auf ihrem Handy annimmt. Sie ist abgelenkt, weil sie ihren Fokus stur auf das Gebäude vor sich gerichtet hat — so wie es sein sollte — und wirft keinen genauen Blick auf die Nummer auf dem Display. Immerhin soll sie hier den Haupteingang beobachten, während eine Zivilstreife den Hintereingang überwacht.
Ihr Hauptverdächtiger wohnt hier und sie muss aufpassen.
“Frau Baumann? Gut, dass ich sie erreiche,” trällert eine Stimme fröhlich am anderen Ende der Leitung. “Ich wollte fragen, wann sie Johanna abholen.”
Schlagartig ist alle Konzentration auf ihre eigentliche Aufgabe dahin.
Mit einem panischen Blick auf die Uhr im Armaturenbrett setzt Esther sich auf. Es ist gleich sechs. Johanna müsste schon längst zuhause und gebadet sein. Fertig, um ins Bett zu gehen.
“Mein Mann-” Sie räuspert sich, weil ihr ein wüster Fluch im Hals steckt. “Mein Mann sollte sie abholen. Haben sie versucht ihn anzurufen?”
“Natürlich, es stand ja so in ihrem Elternheft, aber den können wir leider nicht erreichen. Seine Sekretärin wimmelt uns immer wieder ab,” erklärt die Kindergärtnerin, deren Stimme sie endlich zuordnen kann, immer noch freundlich, wenn auch genervt.
Was Esther total verstehen kann. Immerhin sollte sie längst Feierabend haben und nicht darauf warten müssen, dass Eltern, die es scheinbar nicht schaffen, sich abzusprechen, ihr Kind zu lange in ihrer Obhut lassen.
Das Telefon am Ohr richtet Esther ihren Blick wieder auf das Gebäude vor sich. Es ist weder alt noch wirklich neu, aber schlecht gebaut. Der Putz bröckelt an vielen Stellen ab. Die Farbe, die jemand darüber gestrichen hat hilft nicht viel, damit es besser aussieht.
In den meisten Wohnungen brennt Licht. Hier ist ein Fenster erleuchtet, dort zwei. Hinter einem sitzt eine Familie gerade beim Abendessen, hinter einem anderen flackert es, als würde der Fernseher laufen.
Das Fenster, das zur Wohnung ihres Verdächtigen gehört und das sie von hier aus sehen kann, ist dunkel. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass er zuhause ist. Was genau der Grund ist, weshalb sie hier nicht weg kann. Sie muss hierbleiben, für den Fall, dass er zurückkommt.
Aber sie muss eben auch dafür sorgen, dass ihre Tochter versorgt ist.
Esther verkneift sich einen weiteren Fluch auf sich, auf ihren Mann und auf die Tatsache, dass es schon wieder schief gegangen ist. “Ich komme,” meint sie und beendet das Telefonat nach einem kurzen Abschiedswort.
Für einen kurzen Moment erlaubt sie sich die Augen zu schließen und tief durchzuatmen.
Es ist nicht das erste Mal, dass Philippe vergisst ihre dreijährige Tochter abzuholen, auch wenn es abgesprochen war. Leider ist es auch nicht das zweite oder dritte Mal; es kommt viel zu häufig vor und immer ist es Esther, die sich dann auf die Schnelle etwas Neues überlegen muss.
Sie liebt Johanna, über alles. Ihre kleine Tochter ist ihr Augenstern, ihr Sonnenschein, der wichtigste Mensch in ihrem Leben und sie würde für sie über Leichen gehen. Aber trotzdem hat sie auch einen Job, den sie liebt und den sie gerne macht. Den sie vor allem gut machen will, was nicht geht, wenn ihr Ehemann mal wieder der Meinung ist, er müsse sich nicht an Absprachen halten.
Mit einem frustrierten Schrei — zum Glück ist sie alleine im Auto — schlägt sie auf ihr Lenkrad. Sie kann eigentlich nicht weg. Die Indizienlage gegen diesen Verdächtigen ist ziemlich eindeutig, nur stichhaltige Beweise fehlen noch. Sie soll observieren, warten, bis er nach hause kommt und ihm folgen, falls er nochmal weggeht. Ihr Teamchef und der andere Kollege im Präsidium studieren derweil Akten, um vielleicht doch noch etwas zu finden, das ihn genug belastet, um weitere Schritte einzuleiten.
Esther überlegt kurz, ob sie Hölzer anrufen soll. Sie kennt ihn jetzt schon seit er vor einem halben Jahr von der Drogenfahndung in ihr Team der Mordkommission gewechselt ist und das Einzige, das sie von ihm weiß ist, dass er kein Privatleben zu haben scheint. Esther arbeitet schon viel, aber er ist noch länger im Büro, selbst am Wochenende und an Feiertagen.
Erst dachte sie, er will sich einfach seinen Platz im Team verdienen. Zeigen, dass er bereit ist, Mehrarbeit zu leisten. Nur scheint er nicht das geringste Interesse am Team an sich zu haben.
Nicht nur darum kann sie ihn nicht anrufen, will sie auch gar nicht. Er mag zwar ein fähiger Ermittler sein, aber warm geworden ist sie trotzdem nicht mit ihm. Was nicht nur an ihr liegt; er hält schließlich auch alle um sich herum auf Abstand.
Sie muss das also selbst regeln.
Zuerst ruft sie ihre Mutter an. Sie ist Anrufe wie diesen bereits gewöhnt und freut sich zum Glück immer, wenn sie auf Johanna aufpassen kann. Das Gästezimmer in ihrem Haus ist mittlerweile voll ausgestattet, damit Mama spontan ein paar Tage bei ihnen übernachten kann, wenn Esther oder Philippe zu sehr beruflich eingespannt sind.
Esthers Mutter ist gerade dabei sich Abendessen zu kochen. Sie verspricht genug zu machen, damit Johanna auch noch davon satt wird wenn Esther sie gleich vorbeibringt.
Als nächstes greift sie zu dem Funkgerät, das sie mit den Kollegen im anderen Wagen verbindet. Ihnen zu erklären, warum einer von ihnen für eine Stunde ihre Position übernehmen muss, ohne ihr privates Drama auszubreiten, ist schon schwieriger. Aber sie verspricht, auf ihrem Rückweg Pizza und Kaffee mitzubringen, also stimmen sie letztendlich zu.
Was sie unter sich tratschen, das kann Esther sich denken. Sie hat die Kommentare schon von genug Leuten gehört.
Was macht sie als Frau in diesem Beruf? Hätte sie sich nicht einen anderen suchen können? Vor allem mit einem Kleinkind ist das doch nicht vereinbar. Was, wenn ihr etwas passiert? Und wenn sie ihre Probleme zuhause nicht geregelt bekommt, dann muss sie halt in den Innendienst, bis Johanna alt genug ist, um auch mal ein paar Stunden alleine zu bleiben.
Dass ihre Karriere dann vorbei ist, schwingt natürlich mit. Unterschwellig, aber laut genug, dass Esther es deutlich hören kann. Wenn sie die nächsten zwölf Jahre hinter dem Schreibtisch sitzt, dann bleibt sie dort bis zur Rente und das will sie auf gar keinen Fall.
Auf dem Weg zum Kindergarten flucht sie weiter vor sich hin, unterdrückt die Tränen, die die Wut ihr in die Augen treibt. Es sollte kein Problem sein. Sie und Philippe haben Absprachen . Ihnen beiden ist ihr Job wichtig, aber Johanna ist eben wichtiger.
Natürlich kann es sein, dass etwas dazwischen kommt. Esther findet auch nicht immer sofort Ersatz, wenn eine Festnahme länger dauert oder muss Johanna noch für ein paar Stunden zu ihrer Mutter bringen, damit sie nochmal zurück ins Büro fahren kann, aber sie sagt immer Bescheid, kümmert sich, dass es trotzdem irgendwie funktioniert. seitens Philippe kommt es immer häufiger vor, dass er sich nicht an die Vereinbarungen hält und einfach nicht zu erreichen ist.
Heute morgen am Küchentisch hat er ihnen beiden noch hoch und heilig versprochen, dass er Johanna aus dem Kindergarten abholen wird. Er wollte sogar schon ein bisschen früher da sein, damit sie auf dem Heimweg noch ein Eis essen gehen können. Auf seinem Handy hat er Esther gezeigt, dass er sich den ganzen Nachmittag geblockt hat, um Zeit mit seiner Tochter zu verbringen.
Es hätte funktionieren sollen. Sie hatte zugestimmt, die Observierung zu machen, weil sie davon ausgegangen ist, dass es funktionieren würde. Wenn sie in ihrem Beruf weiterkommen will, dann kann sie nicht immer nur das Aktenwälzen übernehmen.
Sie waren noch so jung, sie beide. Mit sechsundzwanzig heiraten und in ein Haus ziehen, das war schon deutlich schneller, als jeder ihrer Pläne es vorhergesehen hat. Doch es hat sich richtig angefühlt. Aber ein Kind im Jahr darauf?
Weder Esther noch Philippe hatten ihre Karriere zurückstellen wollen, weil das erste Kind früher gekommen ist, als geplant. Aber es verlangt Kompromisse auf beiden Seiten und in letzter Zeit ist sie es, die mehr und mehr einstecken muss.
Die Kindergärtnerin — Sabine — erwartet sie schon vor dem verschlossenen Tor. Sie hält Johannas Hand, die mit Sack und Pack neben ihr steht und geduldig darauf wartet, dass jemand sie abholt und endlich nach hause bringt.
Was dieses ständige zu späte abholen und scheinbare Vergessenwerden mit Johanna anstellt, das will sich Esther gar nicht erst vorstellen. Sie vergisst ihre Tochter ja auch gar nicht, verlässt sich nur auf ihren Mann, auf den kein Verlass ist. Aber trotzdem wird das Spuren hinterlassen auf der Seele dieses kleinen Wesens, für das sie verantwortlich ist.
Kurz tauchen Bilder vor ihrem inneren Auge auf, die sie längst verdrängt hat. Ihre Mutter gehetzt und verschwitzt, mit einem Lächeln, das Esther als warm beschreiben würde. Ein Lächeln, dass sie heute als aufegsetzt erkennt, weil sie jetzt nachempfinden kann, wie sie sich gefühlt haben muss.
Für den Moment, muss sie diese Gedanken zurückstellen. Das ist ein Problem, mit dem sie sich in Zukunft auseinandersetzen muss. Jetzt muss sie eine fröhliche Miene aufsetzen uns so tun, als würde es ihr keinen Stich versetzen, dass Johanna das einzige Kind ist, das noch abgeholt werden muss.
Natürlich, denn eigentlich ist die Kita schon längst geschlossen.
Mit einem weiteren unterdrückten Fluch stellt Esther den Motor ab und öffnet die Tür. Sie setzt ein breites Lächeln auf, damit Johanna gar nicht erst merkt, dass etwas nicht stimmt. Genauso, wie ihre Mama auch ein Lächeln aufgesetzt hat.
Esther geht auf die Knie, fängt ihre Tochter auf, als sie sich ihr in die Arme wirft und sofort damit beginnt, ihr alles über ihren aufregenden Tag zu erzählen. Wie immer, wenn sie Johanna in ihren Armen hält, geht es ihr gleich ein bisschen besser und ein Teil der Wut verpufft.
Sie arbeitet ja auch so viel, um ihrer Tochter ein gutes Beispiel zu sein. Weil sie will, dass Johanna weiß, dass sie all ihren Träumen folgen kann. Dass sie nicht hinter einem Schreibtisch feststecken muss, wenn sie das nicht will.
“Na los, ab ins Auto, Mäuschen,” flüstert sie ihr verschwörerisch ins Ohr. “Dann mach ich kurz das Blaulicht an bevor wir fahren.”
Johanna nickt begeistert und macht sich sofort daran, auf den Rücksitz zu klettern. Es gibt Esther einen Moment sich mit Sabine auszutauschen.
“Es tut mir wirklich, wirklich leid,” beginnt sie sich zu entschuldigen. “Mein Mann-”
“Schon okay,” meint die Kindergärtnerin mit einem offensichtlich gezwungenen Lächeln. “Kann ja mal vorkommen.”
Der Vorwurf, dass es eben nicht nur mal vorkommt, sondern immer häufiger, schwingt deutlich in ihrer Stimme mit und Esther wundert sich, warum sie nicht ungehaltener wird. Sie hätte es ja verdient. Und nur weil sie zum Sommerfest in den letzten Jahren einen Streifenwagen für die Kinder organisiert hat, sollte sie nicht einfach so davonkommen.
“Danke auf jeden Fall,” antwortet sie, weil sie sich damit auf der sicheren Seite wähnt. “Ich spreche nochmal mit meinem Mann, damit er das nächste Mal auch wirklich daran denkt.”
“Maaaaaama!” tönt es aus dem Auto hinter ihr, bevor sie noch weitere Versprechungen machen kann und auch Sabine schultert ihren Rucksack höher. Sie wünscht Esther einen guten Abend und winkt Johanna nochmal durch die Scheibe zu, bevor sie um die Ecke verschwindet.
Esther gewährt sich einen letzten, tiefen Atemzug, bevor sie ihr Lächeln wieder auf seinen Platz rückt und sich ihrer Tochter zuwendet. Das Anschnallen im Kindersitz klappt zwar schon ziemlich gut, aber nachsehen muss sie trotzdem.
Und dann hat sie ihr ja auch noch das Blaulicht versprochen.
So leise wie sie kann schließt Esther am nächsten Morgen die Haustür auf. Sie will niemanden wecken, der noch schlafen kann, nur weil sie bis gerade noch auf Arbeit war.
Bis in die frühen Morgenstunden hat sich nichts bei ihrem Hauptverdächtigen getan und sie ist dementsprechend frustriert. Eine Verhaftung hätte ihre vom Vortag übrig gebliebene schlechte Laune deutlich verbessert und sichergestellt, dass sie Philippe nicht den Kopf abreißen wird, sobald sie ihn in die Finger bekommt.
Was schneller ist, als sie dachte, als das Licht im Flur angeht, ohne dass sie auf den Schalter gedrückt hat.
Esther blinzelt gegen die plötzliche Helligkeit an und versucht nicht zu Fluchen, weil ihr der Schmerz in die müden Augen fährt. Hölzer hat sie vor einer halben Stunde abgelöst und sie hat keine Ahnung, wieso er es nicht wie geplant einer Streife überlassen hat. Er war ja auch die ganze Nacht über wach — sie hat die E-Mails, um es zu beweisen — und muss hundemüde sein.
Aber darüber kann sie sich später wundern, da ihr gerade erst einmal ihr Mann gegenübersteht und sie anlächelt, als wäre alles in bester Ordnung. “Warum ist deine Mutter hier?” fragt er und kommt Esther nahe genug, um ihr einen Kuss auf die Wange zu drücken.
Esther weicht zurück und blick ihn sprachlos an.“Warum- Echt jetzt?” zischt sie ihn an und bemüht sich möglichst leise zu sein, damit sie Johanna und ihre Mama nicht wecken.
Die hat am Vorabend mit einer Stiege voller Essen und einer Tasche zum Übernachten schon vor ihrer Haustür gestanden, als Esther mit Johanna auf der Rückbank vorgefahren ist. Sie hat sogar für Esther und die Kollegen von der Streife noch Fresspakete gepackt, damit sie während der Nachtschicht nicht Hunger leiden müssen.
Ihre Worte, aber immerhin besser als kalte Pizza vom türkischen Italiener an der Ecke.
Philippe lässt sich von ihr in die Küche ziehen, wo sie ungestört sein sollten. “Was denn?” fragt er und guckt sie aus großen, unschuldigen Rehaugen an.
Esther starrt zurück und wartet vergeblich darauf, dass bei ihm der Groschen fällt. “Du wolltest sie gestern abholen?” erinnert sie ihn genervt, als er nur weiter abwartend dasteht. “Wir haben darüber gesprochen, gestern früh zum Frühstück. Dann vergisst du sie einfach und gehst nicht mal an dein Handy?”
Seine Augen werden womöglich noch größer. “ Merde, ” flucht er, bevor er einen Schritt auf zu zu macht und ihr die Hände beruhigend auf die Schultern legt. “Liebling, es tut mir leid. Ich versuche schon seit Wochen diesen Investor zu erreichen und gestern habe ich ihn endlich ans Telefon bekommen,” erklärt er sich. “Da konnte ich nicht einfach-”
“Ja, ja, schon klar,” unterbricht sie ihn. Sie hat diese Ausrede schon hunderte Male gehört. Vielleicht sollte er sie einfach auf Band sprechen und sich den Atem sparen. “Deine Investoren sind wichtig. Das verstehe ich ja. Aber Johanna ist auch wichtig,” erinnert sie ihn. “Du kannst sie nicht einfach stehen lassen.”
Für einen Moment nickt er zustimmend und wirkt ehrlich betrübt, bevor er fragt: “Du konntest sie doch aber abholen, oder?”
Am liebsten würde Esther schreien. Ja, offensichtlich hat sie ihre Tochter nicht die ganze Nacht lang alleine vor dem Kindergarten stehen lassen, aber das ist auch gar nicht der Punkt. Sie hätte sie gar nicht abholen sollen .
“Ja, und musste dafür eine Observierung ohne die nötigen Leute lassen,” faucht sie ihn an. “Weißt du was für ein Glück es war, dass nichts passiert ist, während ich sie und meine Mutter eingesammelt habe?”
“Ich dachte ihr dürft nicht alleine observieren,” meint er und versucht sie an sich zu ziehen. “Hast du keine Kollegen, die mal schnell-”
Esther schüttelt ihn ab und muss sich zusammenreißen, nicht mit der Schranktür zu knallen, als sie sich ein Glas nimmt. “Darum geht es nicht, Philippe,” unterbricht sie ihn wieder. “Es war abgemacht, dass du sie abholst. Ich kann meine Arbeit nicht immer auf Kollegen abwälzen.”
Sie will ihre Arbeit auch nicht an Kollegen abgeben. Sie liebt ihren Job. Und Philippe ist immerhin genauso für Johanna verantwortlich wie sie. Eigentlich sollten sie ein Team sein, sollte Esther sich auf ihn verlassen können, aber dem ist immer weniger so.
Für einen Moment ist es stumm in der Küche und sie lauscht dem Wasser, wie es in das Glas fließt. Am liebsten würde sie damit um sich werfen, schreien, etwas kaputt machen. Sie ist so müde und will einfach nur ins Bett und ein bisschen Schlaf nachholen, aber sie weiß, das wird nicht passieren.
Wenn Philippe schon hier steht, um diese Uhrzeit, dann wird er sicher zu früh ins Büro fahren, um Johanna unterwegs noch im Kindergarten abzusetzen. Also bleibt es wieder an Esther hängen, das zu erledigen. Da braucht sie gar nicht erst zu versuchen vorher noch ein bisschen zu schlafen, selbst wenn sie das Frühstück ihrer Mutter überlassen könnte.
Esther versucht das Positive daran zu sehen: mit Johanna zu frühstücken ist immer lustig und wenn sie eh schon einmal wach ist, dann kann sie auch etwas Besonderes vorbereiten, dass ihre Tochter hoffentlich vergessen lässt, dass sie gestern so lange darauf warten musste, abgeholt zu werden. Dann kann sie sich noch mit ihrer eigenen Mama austauschen und sich auf dem Rückweg vom Kindergarten noch nach dem aktuellen Stand bei Hölzer erkundigen.
Dann kann sie nachher auch besser schlafen, zumindest für eine Weile.
Philippe legt eine warme Hand um ihr Handgelenk und zieht. Er zieht so lange, bis Esther ihre Abwehrhaltung aufgibt und sich von ihm in die Arme nehmen lässt. Sie zwingt sich durchzuatmen und ihre steifen Schultern zu entspannen.
Es gelingt ihr nur bedingt. Sie ist immer noch todmüde.
“Tut mir leid, Liebling,” murmelt Philippe und legt sein Kinn auf ihrem Scheitel ab. “Ich hab’ Mist gebaut. Das weiß ich, wirklich.”
Esther nickt und lässt sich ein wenig mehr noch gegen ihn fallen. Sie hat immer an ihm geschätzt, dass er seine Verfehlungen offen zugeben kann. Viele ihrer Exfreunde, männlichen Bekannten oder Vorgesetzten konnten das nicht und dann hat sie sich immer gefühlt, als würde sie sich diese Sachen nur einbilden. Als wäre sie zu empfindlich und nicht gemacht für das Leben, dass sie sich ausgesucht hat.
Aber nicht Philippe. Er kann sich entschuldigen. Auch wenn er manchmal ein paar Anläufe braucht, um aus seinen Fehlern zu lernen.
“Es kommt nicht wieder vor,” verspricht er ihr jetzt und streicht mit einer großen, warmen Hand über ihren Rücken. “Nächstes Mal wenn so ein wichtiger Anruf dazwischen kommt, hole ich sie erst ab. Ich kann auch von hier aus arbeiten.”
“Danke,” flüstert sie in den feinen Stoff seines Hemdes. Am liebsten würde sie jetzt und hier direkt einschlafen.
“Nicht dafür,” antwortet er ihr ebenso leise. “Ich muss mich doch um meine zwei Lieblingsfrauen kümmern.”
Ein leichtes Lächeln schleicht sich auf Esthers Lippen. Es klingt schön, wie er es sagt. Das tut er immer. Und sie glaubt ihm.
Sie weiß nicht, wie lange sie da stehen und sie sich einfach nur von ihrem Mann im Arm halten lässt. Lange genug auf jeden Fall, dass ihre Lider schwer werden, bis Philippe sie aus den Gedanken reißt.
“Und jetzt sag: habt ihr den Bösewicht geschnappt?” fragt er und löst sich von ihr, um zur Kaffeemaschine zu gehen.
Esther schiebt ihm eine zweite Tasse zu. Wenn sie jetzt back to business sind, dann braucht sie auch einen.
