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Der Lärm aus dem Glockenturm war alles was Peppone zu hören brauchte, um sofort beunruhigt die Ruder wieder aufzunehmen und sein Boot auf den Durchgang zum Glockenturm zu steuern. Was für ein lustiges Bild es doch sein musste, hatte er sich gerade eben noch gedacht, dass er mit einem Boot in die Kirche fuhr, die Bänke trieben im Wasser und er bahnte sich einen Weg zwischen ihnen zum Hochaltar.
Aber nun fragte er sich stattdessen, was da heruntergebrochen sein musste, dass es so ein Getöse veranstaltete. Die Tür zum Turm stand glücklicherweise offen und er ruderte schnell hinein, um sich umzusehen. Das Erste, was er sah, war Don Camillo. Don Camillo, der regungslos, auf dem Bauch liegend und mit dem Kopf unter Wasser langsam auf ihn zu trieb.
„Don Camillo!“, keuchte Peppone erschrocken auf und wand sich aus seinem Boot, bevor er sich überhaupt wirklich überlegt hatte, was er tun wollte. Das Wasser stand glücklicherweise nicht sonderlich hoch hier drin und wie in anderen Gebäuden gab es hier auch keine Strömung. Schnell watete er durch das Wasser und packte Don Camillo an den Schultern, um ihn umzudrehen.
Doch als er ihn packte, sah er etwas: Blut klebte in den Haaren. Nicht sonderlich viel, sodass man es kaum bemerkte, aber es war doch da, und Peppone schluckte schwer. Mit ein paar kräftigen Bewegungen manövrierte er Don Camillo in sein Boot und lehnte sich über ihn.
„Hochwürden?“, fragte er leise. Don Camillo zeigte keine Regung, aber seinen Atem konnte Peppone ausmachen, etwas, dass ihn erleichtert aufatmen ließ und er presste eine Hand gegen die nasse Wange. „Machen Sie mir doch nicht so einen Blödsinn. Wir brauchen Sie doch noch.“
Er hätte wahrscheinlich noch weitergesprochen, doch in dem Moment erklang von der Treppe, die in den Turm zu den Glocken hinaufführte, eine Stimme.
„Sie haben nicht zufällig noch einen Platz für mich frei, Herr Bürgermeister?“
Peppone fuhr herum. Am Treppenabsatz, gerade so, dass das Wasser nicht hinreichte, stand der alte Spiletti, eingewickelt in dicke Winterkleidung.
„Sie leben ja immer noch“, brach es aus Peppone heraus, bevor er sich zurückhalten konnte. Der alte Mann grinste stolz.
„Ich habe beschlossen, nicht eher zu sterben bis die Flut vorbei ist!“
Peppone nickte bedächtig und watete zu dem alten Mann herüber, um ihn hochzuheben wie eine Puppe und ihn zum Boot hinüber zu tragen, wo er ihn aus reinen Gleichgewichtsgründen an das andere Ende des Bootes setzte, während Spiletti ihm erzählte, wie er so kräftig geläutet hatte, dass ein Teil des Gemäuers herausgebrochen und auf Don Camillo gestürzt war.
Schließlich hievte sich Peppone selbst wieder in das Boot, nahm die Ruder auf und bugsierte das Boot in das Hauptschiff der Kirche, wo er dem Jesuskreuz des Hochaltars zunickte und dann die Kirche durch das offene Haupttor verließ.
Während er ruderte, nahm er keine Sekunde lang den Blick von Don Camillo, welcher sich langsam rührte. Er öffnete die Augen nicht, aber er murmelte etwas vor sich hin, also nahm Peppone ihn an der Schulter und rüttelte ein wenig.
„Don Camillo“, versuchte er den anderen zum Aufwachen zu bewegen „Herr Pfarrer, ich bin es, Peppone.“
„Dieser Mensch im Paradies, oh Herr?“, murmelte Don Camillo „Das muss ein Irrtum sein.“
Damit öffnete er schwerfällig seine Augen und wandte etwas unbeholfen den Kopf von einer Seite zur anderen. Peppone konnte ein kleines, erleichtertes Lächeln nicht unterdrücken. Man denke sich bloß, was passiert wäre wenn er nicht in der Nähe gewesen wäre und den Tumult nicht gehört hätte! Dann wären sie jetzt ohne Priester dagestanden…
„Aber in Boscaccio sind wir auch nicht?“, fragte Don Camillo.
„Doch“, antwortete Peppone etwas besorgt, denn der Pfarrer schien seine Umgebung, welche zugegebenermaßen im Moment überflutet war, aber sonst wie üblich aussah, nicht wiederzuerkennen. „Wir sind gerade auf dem Feld der Esposito Familie, schauen Sie, dort sind die Apfelbäume.“
Etwas umständlich stemmte sich Don Camillo hoch, um sich von einer Seite auf die andere Seite zu wenden und schließlich über den Bootsrand in das Wasser hinunterzusehen.
„Tatsache“, sagte er schließlich. Dann blieb sein Blick hinter Peppone hängen und seine Augen wurden rund „der alte Spiletti!“
Peppone kniff wenig erfreut die Augen ein Stück zusammen, denn dass sich Don Camillo nicht mehr an das ganze Theater erinnern konnte, das der alte Spiletti so veranstaltet hatte und immer noch veranstaltete, konnte nichts Gutes bedeuten. Vielleicht wusste der Spiletti trotz seines hohen Alters und des schwächer werdenden Gedächtnisses noch etwas dazu.
„Jaja“, plapperte da der alte Arzt los „Ich bin auch noch da. Haben Sie mich schon vermisst? Ich habe mich jetzt entschieden, nicht eher zu gehen bis diese Flut vorbei ist.“
Don Camillo rieb sich den Kopf und warf Peppone einen verwunderten Blick zu, der ihn mit einem Schulterzucken beantwortete. Als er seine Hand wieder sinken ließ, klebte etwas Blut an den Fingerspitzen, doch er bemerkte es nicht.
„Ich könnte schwören, dass ich ihm schon die letzte Ölung gegeben habe“, murmelte er.
„Nur weil Sie irgendjemanden einbalsamiert haben, heißt das noch lange nicht, dass dieser jemand jetzt auch tot sein muss.“
„Würde das so funktionieren, dann hätte ich mit euch Knalltüten viel weniger Probleme“, schoss Don Camillo zurück und Peppone entschied, dass es dem werten Herrn Pfarrer doch nicht ganz so übel gehen konnte, wenn er zwar sein Heimatdorf nicht auf den ersten Blick wiedererkennen konnte, aber dafür noch wusste, mit wem er sich zu streiten hatte.
„Das nennt sich dann politisch motivierter Mord“, antwortete er also und reichte Don Camillo eine trockene Decke, in welche sich dieser einwickelte, gegen das Boot zurücksank und augenblicklich entschlummerte. Peppone nahm derweil die Ruder wieder auf und brachte das Boot mit präzisen Armzügen auf Kurs Richtung Damm.
