Chapter Text
Alle elf Minuten verliebt sich ein Single, denkt Percy, während er das rote Logo der Dating-App anstarrt, das sich beinahe über ihn lustig zu machen scheint und die er geöffnet hat, weil … ja, was genau erhofft er sich hier eigentlich? Percy will nicht daten, er will sich ja noch nicht einmal verlieben. Ein Single heißt nicht, dass Percy dieser Single sein muss – und er will dieser Single doch auch gar nicht sein.
Er weiß gar nicht so genau, was er sich hiervon eigentlich erhofft. Vielleicht, dass seine Mutter ihn endlich in Ruhe lässt und sich keine Sorgen mehr darüber machen muss, dass er seit Penelope in keiner Beziehung mehr gewesen ist. „Und das ist schließlich in Jahr 7 gewesen. Percy, Du bist fast dreißig, muss ich mir denn immer Sorgen machen um Dich?“ Seine Mutter soll sich keine Sorgen machen, aber er ist auch fast dreißig und kann sich selbst um seine Probleme kümmern, wenn er welche hat.
Und die Abwesenheit einer Beziehung ist nun mit Sicherheit kein Problem, auch wenn seine Mutter ihn von anderem zu überzeugen versucht. (Dass er ruhig ein paar mehr Freund*innen gebrauchen könnte, steht schließlich auf einem ganz anderen Blatt – und seine Mutter hat nicht gesagt „Such Dir Freund*innen“, was er vielleicht sogar unterschrieben hätte, sondern „Du bist schon so lang allein.“ Es war ein bemitleidendes „Beziehungslos“, das Percy davon zu überzeugen versucht, dass er „allein“ eben vielleicht doch kein ganzer Mensch ist, sondern höchstens eine Hälfte, die darauf wartet, komplett zu werden.)
Sein Bildschirm wird dunkel und er muss den Knopf an der Seite drücken, um ihn wieder aufzuwecken und sich weiter von dem roten Logo auslachen zu lassen, das ihm verspricht, Liebe neu zu entflammen und Funken sprühen zu lassen, komplett mit einem Phönix, der aus einem Berg Asche wiederaufersteht.
Das ist lächerlich, oder? Er benimmt sich absolut lächerlich, wie er hier sitzt, ein Handy in der Hand, das ihm nicht vom Ministerium in die Hand gedrückt wurde, weil er für den Mugglebeauftragten einspringen musste, während der aufgrund seines Vaterschaftsurlaubes nicht im Haus war. (Percy fragt sich immer noch, wie er vom Assistenten des Zaubereiministers irgendwie zum Mädchen für alles werden konnte, das überall im Ministerium eingesetzt wird und jegliche Urlaubsvertretung zu sein hat. Hat er sich irgendwie disqualifiziert, ein richtiges Amt verliehen zu bekommen? Hat er sich als zu multifunktional und effizient erwiesen, sodass es einfach leichter ist, ihn immer und immer wieder für kurze Zeit in andere Abteilungen einzuarbeiten, als für kurze Zeiträume befristete Arbeitsverträge aus- und fachkundiges Personal einzustellen? Ist er vielleicht einfach billiger, so ganz ohne technische Ausbildung? Sollte er sein Gehalt neu verhandeln?)
Der Bildschirm wird wieder dunkel und er weckt ihn noch einmal auf, sodass ihm der Phönix erneut entgegenblickt, unter dem zwei kleine Buttons ihn dazu auffordern, entweder einen Account zu erstellen oder sich mit einem bestehenden Account anzumelden.
Sein Finger drückt ohne sein aktives Zutun auf den oberen Knopf und er wird auf einen Bildschirm weitergeleitet, auf dem er ein paar persönliche Daten eingeben soll, die ihn unweigerlich als Accountinhaber identifizieren, damit er anschließend einen Steckbrief ausfüllen kann, der ihm dabei helfen soll, die Flammen der Liebe zu entfachen oder was auch immer.
Er tippt seinen Namen ein, seine E-Mail-Adresse (denn er hat eine E-Mail-Adresse!) und sein Passwort, das aus einem willkürlichen Mischmasch aus Klein- und Großbuchstaben, Zahlen und Sonderzeichen besteht. (Er schreibt es in sein Notizbuch, das neben ihm auf dem Schreibtisch liegt.)
Und dann muss er den Steckbrief ausfüllen, bei dem er nach den obligatorischen Fragen (Alter, sexuelle Präferenzen – Percy hasst es hier – und seinem Beruf) ins Stocken gerät, weil er einen kleinen biographischen Text über sich schreiben soll, der gleichzeitig auch noch etwas über ihn als Mensch und vielleicht sogar seinen Charakter aussagen soll.
Wer ist Percy Weasley? Und woher soll Percy das wissen?
Er legt das Handy vor sich auf den Schreibtisch und tippt ungeduldig auf das weiße Kästchen, was darauf zu warten scheint, dass er es mit Worten füllt, die seine Essenz in sich auffangen und ihn gleichzeitig irgendwie interessant und vielleicht sogar … attraktiv erscheinen lassen.
(Percy musste sich noch nie außerhalb der Schule oder der Arbeit attraktiv darstellen. Das Einzige, was bisher eine Rolle gespielt hat, war, ob er die richtigen Noten bekam oder die Regeln durchsetzte als Vertrauensschüler oder seine Arbeit zur Zufriedenheit des Zaubereiministers erledigte. Es hat sich noch nie ein Mensch damit beschäftigt, wer Percy als Person ist, wenn man von Penny absieht, die sich einen ganz genauen Blick erlaubt hat, aber ihn dann doch nicht attraktiv genug fand, um bei ihm zu bleiben. Vielleicht kann er sich selbst ja auch gar nicht attraktiv darstellen. Es gibt schließlich nur Percy Weasley als Grundlage, mit der er arbeiten kann.)
Gerade als er überlegt, ob er seinen Account nicht wieder löschen und die Website einfach schließen soll, weil er sich gar nicht mehr so sicher ist, was er sich eigentlich dabei gedacht hat, sich überhaupt erst anzumelden, klopft es an seiner Tür und er aktiviert hektisch die Tastensperre, damit nur ja keiner seiner Verwandten, die jetzt das Zimmer betreten könnten, sieht, was sich auf seinem Handy befunden hat.
„Herein?“, ruft Percy und es klingt mehr wie eine Aufforderung, die er von seinem Schreibtischstuhl im Büro aus rufen würde als eine verwirrte Frage. Er räuspert sich in der Hoffnung, dass er sich im weiteren Verlauf des Gespräches nicht ganz so geschäftsmäßig anhören wird.
Die Tür öffnet sich behutsam und das erwachsen gewordene Gesicht seiner kleinen Schwester taucht im Türspalt auf, einen vorsichtig neutral gehaltenen Ausdruck, der macht, dass er die ersten Falten, die sich von ihrer Nase zu ihren Mundwinkeln graben, zum ersten Mal richtig sehen kann. (Normalerweise fallen sie ihm nicht so sehr auf, weil Ginny so viel damit beschäftigt ist, zu lachen.)
„Hey Percy“, sagt Ginny, als hätten sie sich nicht vor ein oder zwei Stunden beim Frühstück gesehen, „was treibst Du so?“
Er runzelt die Stirn und erwidert: „Ich wüsste nicht, was Dich das angeht.“ (So viel zu freundlichen Gesprächen mit seinen Geschwistern. Er weiß nicht, warum er das nicht ausschalten kann. Jeder Kommentar, den er nicht einordnen kann, fühlt sich an, als würde ihm eine Falle gestellt werden, die jeden Moment zuschnappen kann, wenn er am wenigsten damit rechnet.)
„Es gibt gleich Mittagessen und keiner hat Dich seit dem Frühstück gesehen“, antwortet Ginny unbeirrt. (Percy hat nicht bemerkt, dass es so spät geworden ist. Wo ist die Zeit nur hin?) Ihre rechte Hand legt sich auf den Türrahmen und Percy wird ungut an ihre Mutter erinnert; als könnte Ginny jeden Moment beide Hände in die Hüften stemmen und ihn mit dem gezielten Einsatz seines gesamten Namens dazu bringen, zu bereuen, was auch immer sie glaubt, das er falsch gemacht hat. „Du arbeitest doch nicht etwa, oder?“
Das trifft ihn unerwartet. Warum sollte Ginny sich daran stören, wenn er sich Arbeit mit in den Urlaub genommen hat? (Hat er, natürlich, er kann dem Ministerium nicht einfach eine ganze Woche fernbleiben und währenddessen all den wichtigen Papierkram, der sonst auf seinem Schreibtisch verstauben würde, unberührt liegen lassen, wenn er stattdessen auch ein wenig aufholen kann, was er unter der Woche nicht mehr geschafft hat.)
„Natürlich nicht“, antwortet er, statt all diese Gedanken in Worte zu fassen, weil Ginny eine Quidditchspielerin ist und die Freuden der Bearbeitung von bürokratischem Papierkram einfach nicht kennt. (Und er hat ja wirklich nicht gearbeitet, es ist keine Lüge. Es ist nur aber auch keine gute Sache, dass er anscheinend seit dem Frühstück nichts Anderes getan hat, als auf sein Handy zu starren und seine Zeit zu vergeuden, ohne tatsächlich irgendetwas zu erreichen.)
Sein Blick schnellt zu seinem Handy und Ginnys Adleraugen entdecken sofort, was er mit seinen Fingern fest umklammert hält und an seine Handfläche drückt.
„Ist das ein Handy?“, fragt sie und die Art und Weise, wie sie es sagt, klingt so, wie sie vielleicht auch Pornoheft gesagt hätte zu ihrem präpubertären Kind oder Steuererklärung zu Harry. „Percy, was machst Du denn damit?“
Wärme breitet sich auf seinen Wangen aus und er versucht das Handy wie beiläufig auf den Schreibtisch hinter sich zu legen, aber das macht nur, dass Ginny sich noch weiter aufrichtet und einen Schritt nach vorne macht. Sie betritt sein Zimmer endlich vollständig, statt im Türrahmen herumzuhängen und halb von der Tür verdeckt mit ihm zu reden, und sie schließt die Tür hinter sich, ohne den Blick von ihm abzuwenden. Das bedeutet Ärger.
„Sei ehrlich mit mir“, sagt Ginny und sie schlägt beinahe den gleichen Ton an, den ihre Mutter immer angeschlagen hat, wenn sie versucht hat, ein Geständnis aus Percy herauszukitzeln, weil sie ganz genau wusste, dass er es ganz und gar nicht ertragen konnte, wenn sie unzufrieden mit ihm schien, „was machst Du mit einem Handy? Hast Du Charlies konfisziert? Darfst Du Handys konfiszieren? Hat Mum Dir das erlaubt? Darf ich unterm Tisch nicht mehr simsen?“
Er ist sich nicht sicher, ob sie all diese Fragen tatsächlich ernstmeint oder ob sie sich einen Spaß mit ihm erlaubt, weil ihr Gesicht einen unleserlichen Ausdruck angenommen hat, der weder von extremer Konzentration erzählt, die für das Unterdrücken einer Lachsalve sprechen würde, noch von Unruhe, die ihm zeigen würde, dass sie tatsächlich befürchtet, dass er sich ihr Handy nimmt.
„Mach Dich nicht lächerlich, Ginevra“, sagt er also, weil das bei beiden Szenarien irgendwie passen würde. Er darf nur nicht den Fehler machen, irgendetwas zu sagen, das zu spezifisch auslegbar ist. Ambig bleiben, immer schön vage sein. „Ich werde Dich zum Mittagessen begleiten, ja?“
Um die Diskussion zu beenden, steht er auf (sein linkes Knie knackst) und wirft einen pointierten Blick auf seine kleine Schwester, bevor er an ihr vorbei zur Tür geht, um sich auf den Weg nach unten zu machen. Sie wird ihm schon folgen, denkt er, weil ihre einzige Aufgabe gewesen ist, ihn zu holen, und er klar und deutlich gezeigt hat, dass er nicht darüber sprechen möchte, dass er ein Handy besitzt und was er damit alles tut. Und Ginny ist schließlich nicht George oder Ron, die ihn aufziehen und ein bisschen gutherzig belästigen würden, weil sie viel zu neugierig wären, als dass er ihnen mit so einem einfachen Ablenkungsmanöver den Wind aus den Segeln nehmen könnte. Ginny hat Verstand und Vernunft und kann ihre Neugierde sehr wohl im Zaum halten.
Das denkt er. Wirklich. Sonst hätte er sein Handy nicht auf den Schreibtisch gelegt und wäre dann weggelaufen. Sonst wäre er nicht an Ginny vorbei zur Tür gelaufen, was ihr die perfekte Möglichkeit liefert, sich auf seinen Schreibtisch und sein Handy zu stürzen, bevor er die Chance hat, sie daran zu hindern.
„Ginny, nein!“
Aber sein Ruf kommt zu spät, sie hat bereits sein Handy entsperrt, weil er auch nach Wochen noch nicht den Nerv gefunden hat, sich ein Muster zu überlegen oder einen vierstelligen Pin-Code, weil es doch schließlich auch so eine unnötige Arbeit ist, jedes Mal wieder ein Passwort einzugeben, wenn er das Handy doch sowieso nur zuhause benutzt und da keiner ist, der sich ungefragt daran zu schaffen machen würde.
Er hätte mit seiner Familie rechnen müssen. Er hätte definitiv damit rechnen müssen, dass, wenn auch nur einer Wind von seinem Handy bekäme, er bereuen würde, es mitgenommen zu haben und so unvorsichtig gewesen zu sein.
„Ginny doch“, flüstert Ginny triumphierend, kurz bevor sie den Bildschirm herumdreht und Percy die signifikant rot-goldene Seite zeigt, auf der noch immer sein halb-ausgefüllter Steckbrief zu sehen ist, den Percy noch nicht einmal mit Bildern von sich ausgestattet hat, weil er sich nicht daran erinnern kann, dass es überhaupt Photos von ihm gibt, die nach seiner Schulzeit entstanden sind. „Was ist das?“
Ginnys Stimme vibriert beinahe vor Aufregung und Percy glaubt sogar kurz, dass er ihre Hand zittern sehen kann, aber vielleicht ist das auch nur sein Sichtfeld, das erschüttert wird bei jedem rennenden Herzschlag, den Percy in seinem Torso hämmern spüren kann.
„Ich wüsste nicht, was Dich das angeht“, antwortet Percy noch einmal, weil es sein Privatleben ist, in das Ginny gerade absolut übergriffig eindringt. „Gib mir das Telephon zurück, Ginevra.“
„Oh ho ho“, antwortet Ginny und das Grinsen, das sich auf ihren Lippen ausbreitet, ist eine Spur maliziös, vielleicht weil Percys Leid seinen Geschwistern schon immer irgendwie Freude bereitet hat – egal ob harmlose Lausbubenstreiche oder handfeste Eulenspiegeleien, die nicht immer so glimpflich für Percy ausgehen. „Es tut mir leid, aber das kann ich nicht. Percy, ich habe Gold in der Hand und Du erwartest wirklich, dass ich es einfach ruhen lasse?“ Sie zieht scharf und zischend Luft in ihre Lunge und für einen Moment hofft Percy, dass Ginnys Zähne, wenn die Welt auch nur das geringste bisschen fair wäre, gerade schmerz- und kälteempfindlich wären. Vermutlich ist dem aber nicht der Fall. „Percival Ignatius Weasley, ist das hier eine Dating-Seite?“
Percy schluckt peinlich berührt, aber der Kloß in seiner Kehle verschwindet nicht.
„Ich weiß nicht, wovon Du sprichst“, antwortet er pikiert und steckt seine Hände in die Hosentaschen, weil er sonst die Fäuste nicht verstecken könnte, in die sich seine Finger unwillkürlich verkrampft haben. „Mum erwartet uns mit Sicherheit am Esstisch.“
Das Grinsen auf Ginnys Gesicht verblasst und ein verwirrt überlegender Ausdruck legt sich stattdessen zwischen ihre Augenbrauen.
„Du kannst mit mir darüber reden, das weißt Du, oder?“, fragt Ginny leise, kleine Pausen zwischen den Wörtern machend und zu viele Vokale in die Länge dehnend. Es klingt, als würde sie mit einem wilden Tier sprechen, das jeder Zeit den letzten Nerv verlieren und fliehen oder auf Angriff gehen könnte. „Ich werde mich nicht über Dich lustig machen.“
Eine skeptisch erhobene Augenbraue und nichts als eine dünne Linie, wo sein Mund eigentlich sein sollte.
„Nein, wirklich, Percy“, sagt Ginny noch einmal mit Nachdruck und ihre triumphant erhobene Hand sinkt langsam nach unten. „Es tut mir leid, das war nicht in Ordnung. Ich hätte das nicht machen dürfen.“
Sie schüttelt den Kopf über sich selbst und aktiviert die Bildschirmsperre wieder, bevor sie das Handy ostentativ wieder auf den Schreibtisch zurücklegt. Ihre Hände finden ihren Weg unsicher vor ihren Körper und für einen Moment scheint sie nicht zu wissen, was sie damit anfangen soll, dann verschränkt sie schließlich ihre Arme vor dem Körper und fügt noch hintenan: „Ich werd's den anderen nicht erzählen, okay? Wir können einfach so tun, als hätte ich nichts gesehen.“
Vor ein paar Jahren noch hätte Percy es nicht in sich gefunden, sie ohne Zurechtweisung von dannen ziehen zu lassen, aber gerade fehlen ihm einfach die Worte, um ihr die Leviten zu lesen, also nickt er einfach und dreht sich dann um, um nach unten zu gehen, ohne noch einmal nach hinten zu schauen, um zu sehen, ob sie ihm auch folgt.
(Er hört die Treppe hinter sich knarzen und weiß, dass sie direkt hinter ihm ist.)
Es ist zweiundzwanzig Uhr und Percy hat keine Ahnung, wie es sein kann, dass er vor Ginnys Tür steht, die Hand fest um sein Handy gewickelt, als könnten ihm jeden Moment Beine wachsen, einfach nur um ihm davonzulaufen. Ob er wirklich klopfen soll, weiß er nicht, weil er sich ja noch nicht einmal sicher ist, warum er eigentlich hier ist und was er sagen würde, sollte sie die Tür öffnen.
Bedächtig hebt er seine freie Hand und ballt sie zur Faust, aber bevor sie tatsächlich das Holz berühren kann, zuckt er wieder zurück und steht dann einfach nur da, die Hand erhoben und das Herz klopfend. Er ist fast dreißig, er muss nicht zittrig nervös sein, wenn er ein Gespräch mit seiner Schwester sucht. Es gibt keinen Grund für ihn, nervös zu sein oder sich hunderte, zitternde Gedanken zu machen, die am Ende alle nicht der Realität entsprechen. (Percy hat sich vor langer Zeit damit abgefunden, dass er einfach nicht dasselbe … Einschätzungsvermögen für Situationen hat wie die anderen Mitglieder seiner Familie. Irgendwas ist bei ihm wohl gewaltig schiefgegangen, auch wenn er nicht so richtig einschätzen kann, was es ist.)
Drei kurze, scharfe, aber doch lautstärkenangemessene Klopfer gegen das Holz und Percy kann nicht sagen, was ihn dazu verleitet hat, sich endlich durchzuringen. Er könnte noch nicht einmal unter Veritaserum beschwören, dass er aktiv beschlossen hat, über seinen eigenen Schatten zu springen. Es ist einfach passiert irgendwo zwischen Selbstmitleid und Selbstvorwürfen.
Einen Moment passiert gar nichts, dann verstreichen auch ein zweiter und ein dritter Moment, die sich alle wie kleine Gewichte auf seinen Schultern anfühlen, die auch dann nicht wieder abfallen, als die Tür leise geöffnet wird und ihm das Gesicht von Harry Potter entgegenblinzelt.
„Percy?“, fragt er leise und will sich schon vor die Tür schieben, was so gar nicht in Percys Plan hineinpasst. „Kann ich Dir irgendwie helfen?“
Percy schüttelt den Kopf. „Ich wollte zu Ginny.“ Er wartet einen oder vielleicht auch zwei Herzschläge, aber er wartet nicht wirklich ab, ob Harry ihm noch irgendetwas erwidert oder nicht. „Ist Ginny da?“ Die Ungeduld in seinen Worten fühlt sich ungerechtfertigt an und er würde sie gerne alle wieder in seinen Mund zurücknehmen, aber es ist zu spät, also schiebt er nur seine Schultern nach hinten und richtet sich ein wenig mehr auf, damit Harry nur ja nicht auf die Idee kommt, dass hier irgendetwas Verdächtiges vor sich geht.
„Ja“, antwortet Harry und sein Kopf bewegt sich langsam auf und nieder, was vielleicht ein Nicken sein könnte, aber vielleicht auch einfach nur eine Geste, die verdeutlichen soll, dass er Percy gehört hat. Percy kann nie so wirklich viel mit dem anfangen, was Harry tut und sagt. „Ich hol sie, einen Moment.“
Percy nickt. (Normal und überhaupt nicht zu schnell, schließlich muss er Harrys seltsames Gehabe nicht durch eigene Anwandlungen ausgleichen. – Oh, Merlin und Morgana, Percy bereut so sehr, je einen Fuß auf dieses Stockwerk gesetzt zu haben.)
Die Tür schließt sich hinter Harry wieder und Percy muss viel zu lange warten, bis sie sich noch einmal öffnet und seine kleine Schwester preisgibt, die in ihren karierten Pyjamas viel zu sehr danach aussieht, als hätte sie sich bereits auf dem Weg ins Bett befunden. (Ist es doch schon so spät? Percy war sich so sicher, dass es eine gesellschaftlich akzeptierte Zeit sei, noch einmal zu stören. Eventuell sollte er sich da noch ein paar zusätzliche Informationen zulegen. Nicht, dass er wüsste, wen er dafür fragen könnte.)
„Percy?“, fragt Ginny vorsichtig, nachdem sie die Tür hinter sich zugezogen hat. Auf Percys verstimmten Gesichtsausdruck hin fügt sie entschuldigend hinzu: „Die Kinder schlafen schon. Ist alles in Ordnung?“
(Oh, oh, Percy hat keine Ahnung, ob alles in Ordnung ist. Seit Ginny sein Handy in der Hand gehalten und diese vermaledeite Dating-Website darauf gesehen hat, fühlt sich gar nichts mehr in Ordnung an, obwohl sie Wort gehalten und keinem ihrer Geschwister auch nur ein Sterbenswörtchen davon gesagt hat. Ganz generell hat sie sich vorbildlich verhalten, hat sich nicht anmerken lassen, dass irgendetwas vorgefallen sein könnte, von dem die anderen wissen müssten. Und das ist irgendwo doch auch der Grund, warum Percy sich jetzt hier wiederfindet. Ginny wird ihn nicht verraten. Ginny wird sich nicht über ihn lustig machen. Und vielleicht wird Ginny ihm dabei helfen, dass irgendwann alles wieder in Ordnung ist.)
„Ja“, antwortet Percy trotzdem, dann besinnt er sich eines Besseren und zieht die Augenbrauen zusammen. „Nein.“ Beides falsche Antworten, beides aber auch nicht zu weit entfernt von der Wahrheit. Es ist beinahe ein liminaler Bereich, in dem Percy sich bewegt und der es ihm unmöglich macht, seinen Finger auf irgendetwas zu legen und mit Sicherheit eine Aussage darüber treffen zu können. Sein Mund entscheidet sich für: „Es ist nicht nicht in Ordnung“, und näher wird er der Wahrheit vermutlich auch nicht mehr kommen.
„Oh-kay“, sagt Ginny und die Art, wie sie das Wort in zwei Teile spaltet, sagt ihm, dass sie ihn für ein klitzekleines bisschen verwirrt hält oder eventuell auch aus den Angeln gehoben. (Manchmal vergisst er, dass er seinen Geschwistern einfach überhaupt nicht nahesteht und sie keine Ahnung davon haben, wie es in seinem Inneren aussieht, und dass sie all die Zweifel und Unsicherheiten gar nicht kennen, die jede seiner Handlungen und Gedanken bestimmen.) „Gibt es irgendwas, wobei ich Dir helfen kann, damit es … doch wieder in Ordnung ist? Also, so ganz und vollkommen in Ordnung?“
„Ich weiß nicht“, gibt Percy zu, während sich die Finger seiner freien Hand abwechselnd zur Faust ballen und dann ganz lang strecken – Faust, überdehnen, Faust, überdehnen, langsam und gezielt im Gegensatz zu seinem rennenden Herzen. Wie gerne wäre er irgendwo anders, nur eben nicht hier. „Ich bin gekommen, um Dich um Hilfe zu bitten.“
„Hilfe?“, wiederholt Ginny erstaunt, während sie die Arme vor der Brust verschränkt. „Wobei soll ich Dir helfen können? Du weißt, dass ich mit dem ganzen Bürokram unserer Mannschaft nichts am Hut habe, oder? Wenn Du wegen irgendwelcher Steuerbescheide oder so Fragen hast, dann musst Du Dich an unseren Coach wenden.“
Die Nase rümpfend schüttelt Percy den Kopf. „Was? Nein. Ich bin aus persönlichen Gründen hier.“
„Aus per—Was soll ich Dir denn persönlich helfen?“ Ginnys Erstaunen macht ihre Augen ganz rund und groß und es ist so unglaublich beruhigend, dass sie anscheinend keinen Gedanken an den heutigen Vormittag mehr verschwendet oder zumindest für ihn so tut, als könnte sie sich gar nicht weniger dafür interessieren.
Die Hand, mit der er noch immer das Handy umklammert hält, kommt nach oben und, als Ginnys Blick auf das schwarze Stück Elektronik fällt, scheint ihr ein Licht aufzugehen, wobei Percy sie um Hilfe bitten könnte.
„Es ist eine eher delikate Angelegenheit“, sagt Percy, weil er nicht möchte, dass sie jetzt den Mund aufmacht und etwas Unbedachtes sagt, das irgendwelche Ohren mitanhören könnten, die lieber nichts davon mitbekommen sollten. „Ich wäre Dir sehr verbunden, wenn wir einen ruhigeren Ort aufsuchen könnten, damit wir keinen Menschen stören, der seine Nachtruhe benötigt.“ Er wirft einen pointierten Blick auf die Tür, die zu Rons Zimmer führt, und Ginny nickt langsam, als hätte sie noch nicht ganz verarbeitet, was er eigentlich von ihr möchte.
Percy ist schon dabei, sich umzudrehen und sich auf den Weg in sein Zimmer oder die Küche zu machen, damit sie sich vielleicht eine Tasse Tee zubereiten können, als Ginny ihn am Ärmel festhält und die Hand hebt, um ihm Einhalt zu gebieten. Dann öffnet sie leise die Tür zu ihrem Zimmer und flüstert: „Ich bin nochmal eine Weile weg, Du musst nicht auf mich warten.“ Harry antwortet irgendetwas, das zu leise ist, als dass Percy aufschnappen könnte, was genau er sagt. „Dann geh schlafen oder lies ein Buch. Ich weiß noch nicht, wie lange ich weg bin.“ Wieder entgegnet Harry ihr irgendetwas Unverständliches, aber Percy kann sich ganz gut zusammenreimen, was es gewesen sein könnte. „Ich liebe Dich auch, träum schön.“
Und dann schließt Ginny die Tür und Percy steht allein mit ihr auf dem Flur, während sich ein Ziehen in seiner Magengegend ausbreitet, dessen auslösendes Gefühl er nicht für eine Millionen Galleonen mit einem Wort betiteln könnte. (Es ist keine Sehnsucht, auch wenn es sich verdächtig ähnlich wie Sehnen anfühlt, mit diesem Ausstrahlen bis runter in seine Zehenspitzen. Vielleicht eher Fernweh nach einer Person, die gar nicht existieren kann.)
Sie sitzen sich am Küchentisch gegenüber und Ginny rührt mit dem Löffel in ihrer Teetasse herum, ein Klack-Klack-Klack, das ihm beinahe den letzten Nerv raubt.
„Unterlass das“, sagt er, während er seine eigene Tasse mit beiden Händen fest umklammert hält und hofft, dass sie ihm nicht zerspringt, weil er so viel Kraft darauf verwendet, sich selbst zusammenzuhalten, dass die Tasse mit ein wenig mehr Pech die Leidtragende davon sein wird.
Ginny zieht den Löffel aus der Tasse und leckt ihn sauber, bevor sie ihn auf den Tisch legt und Percy alles in sich zur Ordnung rufen muss, um sie nicht noch einmal anzuherrschen, weil sie sich auch einen Unterteller hätte nehmen können, wie sich das gehört. Aber er kann es sich nicht leisten, sie zu vergraulen, indem er sie unablässlich kritisiert, kaum dass sie sich zusammen hingesetzt haben.
„Worum geht es?“, fragt Ginny dann, als die Stille zwischen ihnen zu lange anzuhalten droht. Das Handy liegt unberührt zwischen ihnen auf der Tischplatte und Percy fühlt sich wieder einmal verhöhnt von dem Gerät. „Du wirst mich ja nicht hierhergeholt haben, um mir noch einmal zu erklären, dass ich in Deine Privatsphäre eingedrungen bin und ich mich unmöglich verhalten habe. Ich weiß das und ich habe mich entschuldigt.“
Percy schüttelt den Kopf. „Nein, das ist nicht der Grund.“ Er räuspert sich und fixiert das Handy, weil er sich nicht traut, Ginny direkt ins Gesicht zu sehen. Irgendetwas liegt ihm auf der Zunge, aber er weiß einfach nicht, was es ist. Schwere Worte, die ihm in die Geschmacksknospen schneiden und sich bitter und kupfrig um seinen Gaumen legen. Er kann nicht einfach gerade mit der Wahrheit herausrücken und ihr sagen, was er von ihr braucht. Sie hat schlichtweg keinen Grund, ihm tatsächlich zu helfen, nachdem er sich so geziert hat, sie überhaupt erst in sein Treiben einzuweihen.
„Ich hätte vielleicht nicht ganz so heftig reagieren müssen“, sagt er schließlich, weil es besser ist als nichts. Es ist keine wirkliche Entschuldigung, weil er keinen Grund hat, sich zu entschuldigen, aber es ist ein Schritt auf sie zu, damit sie weiß, dass er nicht generell wütend mit ihr ist oder es ihr schrecklich nachträgt. (Obwohl er es ihr natürlich schon nachträgt. Er wird nie wieder ihre Biestigkeit unterschätzen, soweit steht schon einmal fest.) „Es war mir unangenehm, diesen Aspekt meines Lebens zu teilen, aber ich bin über die letzten Stunden zu der Erkenntnis gekommen, dass ich allein vielleicht nicht so weit komme, wie ich es gerne hätte.“
Ginnys Mund wird ganz klein, weil sie ihre Lippen unzufrieden zusammenpresst. Dann öffnet sie mit einem Plop den Mund und atmet erst einmal tief ein, bevor sie erwidert: „Es tut mir leid, aber ich kann Dir wirklich nicht dabei helfen, Frauen aufzureißen. Es gibt einfach Grenzen und das Sexleben meiner Brüder ist definitiv hinter so einer Grenze.“
Percys Mund klappt auf und für einen Moment kommt gar nichts aus ihm heraus. Ihm fällt die peinlich berührte Röte auf Ginnys Wangen auf, während er nach irgendetwas sucht, das er sagen kann.
„Ich—Ich will doch niemanden aufreißen“, spuckt er schließlich aus und er fühlt sich irgendwie dreckig, einfach nur, weil er das Wort in den Mund genommen hat. Dass manche Leute so über andere sprechen, ist ihm natürlich bewusst gewesen, aber es mit der Stimme seiner kleinen Schwester zu hören, ist einfach so fundamental falsch, dass ihm ganz anders wird.
Unangenehmes Schweigen breitet sich zwischen ihnen aus, während Percy es nicht über sich bringt, sie darüber aufzuklären, dass sie sich um sein Sexleben keine Gedanken machen muss, weil es ohnehin nicht existiert, aber das würde vermutlich auch irgendeine Grenze überschreiten, also ist es wahrscheinlich sogar besser, dass er einfach gar nichts über die Lippen bringt.
Warum Ginny nichts sagt, ist Percy nicht klar.
Sein Blick fällt auf die Tasse zwischen seinen Händen und nur ganz kurz konzentriert er sich auf die Haut an seiner Handinnenfläche, die schon zu lange an ein und derselben Stelle aufliegt und langsam beginnt, zu schmerzen. Es ist nicht direkt erdend, aber das Nächstbeste, das er finden kann.
„Mum sagt mir immer wieder, dass sie sich Sorgen macht“, sagt Percy schließlich leise, ohne den Blick von seiner Tasse abzuwenden, „weil ich seit Penny in keiner Beziehung mehr war. Und wie sonst soll ich jemanden kennenlernen? Ich bin nicht unbedingt wortgewandt oder sonderlich charmant.“
Ginnys Hände tauchen in seinem Sichtfeld auf, aber, bevor sie sich auf seine legen können, zieht er seine mitsamt Tasse zu sich, um sie daran zu hindern.
„Du kannst Dir das falsche Mitleid sparen, ich bin nicht hier, damit dem langweiligen, langweiligen Percy ein Krumen Empathie geschenkt wird“, fährt er fort, während er seinen Rücken durchdrückt und die Schultern geraderückt. Er macht eine unwirsche Winkbewegung mit seiner Hand. „Ich bin hier, weil—“, er dreht den Bildschirm so, dass Ginny sehen kann, dass er dieselbe Seite noch immer geöffnet hat, die sie am Vormittag gesehen hat, und weckt das Handy dann auf, „—weil ich einen Weg finden muss, nicht so langweilig zu sein, dass sich erst gar niemand mit mir unterhalten will.“
Die Worte klingen beinahe unberührt, dieselbe affektierte Gleichgültigkeit, die Percy in jüngeren Jahren an den Tag gelegt hat, wenn sich das Gespräch um irgendetwas Anderes als das Ministerium gedreht hat. Aber es tut auch gut, endlich mal einem seiner Geschwister ins Gesicht zu sagen, dass er weiß, was sie hinter seinem Rücken gestikulieren, wenn er am Tisch den Mund aufmacht, was sie in ihren Tonfall einfließen lassen, wenn sie entnervt seinen Namen ausstoßen, und was unausgesprochen zwischen ihnen schwebt, weil sie sich sowieso alle einig sind und nicht darüber zu sprechen brauchen, dass Percy der langweiligste und nervenreizendste Weasley ist, der jemals existiert hat.
Er hebt seinen Blick, um Ginny in die Augen zu sehen und ihr nicht auch noch die letzte Oberhand zu überlassen. Sie hat bereits, dass er zugegeben hat, in der Dating-Welt komplett aufgeschmissen zu sein, und das Eingeständnis, dass er seinen Platz in der Familie kennt. Er wird ihr nicht auch noch geben, dass er den Kopf einzieht und ihr zeigt, wie sehr es ihn eigentlich doch verletzt, dass kein einziges seiner Geschwister je auf seiner Seite zu stehen scheint.
„Oh, Percy“, sagt Ginny, es ist beinahe ein Seufzen, und da liegt eine Qualität in ihrer Stimme, mit der er absolut nichts anfangen kann. „Ich—“ Sie unterbricht sich selbst, um trocken zu schlucken und auf ihre Hände zu sehen, die zwischen ihnen auf der Tischplatte liegen. „Okay. Was auch immer ich für Dich tun kann.“
Er deutet auf das Handy zwischen ihnen, bevor er es sich anders überlegen kann, und sagt: „Mach mich weniger langweilig.“
Ginny öffnet den Mund, aber dann schüttelt sie den Kopf und schließt ihren Mund wieder, ohne irgendetwas gesagt zu haben. Sie greift nach dem Telephon und sieht sich an, was er bereits in den Steckbrief eingetragen hat, was im Prinzip gar nichts ist. (Er hat sich extra noch einmal alles genau angesehen, ob seine ‚sexuellen Präferenzen‘ auf der Seite sichtbar ist, aber er hat nichts entdecken können. Es hätte ihm gerade noch gefehlt, dass Ginny noch mehr über ihn erfährt, als zwingend notwendig ist.)
„Da steht nicht besonders viel“, stellt Ginny fest. „Ist das letzte Buch, das Du gelesen hast, wirklich Der Einsatz von Pseudoambivalenz im Rechtssystem der Riesen? Was soll das überhaupt bedeuten?“
Percy holt tief Luft, weil es auf der einen Seite keine kurze Antwort ist und auf der anderen Seite so schrecklich interessant, dass er sich sicher ist, dass er, wenn er erst einmal anfängt, darüber zu sprechen, es nicht in sich haben wird, einfach wieder damit aufzuhören. Er beginnt: „Letztendlich ist es eine komparative Analyse zwischen den ambivalenzintoleranten Gesinnungshaltungen der partizipierenden Verhandlungsparteien und den tatsächlich formulierten und adressierten Spannungszuständen der ausgedrückten—“
„Okay“, fällt Ginny ihm ins Wort. „Ich versteh schon.“
Der Mund schnappt ihm so schnell zu, dass seine Zähne aufeinandertreffen und er den Ruck bis in die Haarspitzen spürt. Er hat es schon wieder getan, nicht wahr? Er ist langweilig und ätzend und hat mal wieder nicht verstanden, dass nicht jeder daher gesagte Kommentar eine Einladung ist, detaillierte Antworten zu liefern. Vielleicht hätte Ginny lieber Eine juristische Monographie gehört oder am besten gleich gar nichts.
Seine Schultern sinken ein Stück nach unten und alle Luft entweicht aus seiner Lunge, während er beobachtet, wie Ginny die Augenbrauen zusammenzieht und die Zunge zwischen die Lippen steckt, als müsste sie ganz angestrengt darüber nachdenken, wie sie Percy am besten anpreist. (Muss sie vermutlich auch. Percy hat selbst lange genug versucht, einen Text über sich zu verfassen, der nicht langweiliger Eigenbrötler mit Isolationstendenzen und Antwortschwierigkeiten schreit, und ist gewaltig daran gescheitert. Warum sollte es Ginny einfacher fallen als ihm?)
Zähflüssig ziehen die Sekunden an Percy vorbei und er weiß nicht so recht, was er mit sich anfangen soll, weil Ginny nicht schreibt, aber immer wieder auf den Bildschirm tippt, um ihn daran zu hindern, in den Ruhemodus zu gehen. Ihre Nasenspitze zuckt und sie gibt ein kleines Geräusch von sich, das beinahe wie ein Schnauben klingt, aber vielleicht liegt das auch nur daran, dass noch immer ihre Zunge zwischen ihren Lippen steckt.
Percy fühlt sich, als wäre sein Inneres zum Zerreißen gespannt, und bevor er sich davon abhalten kann, spuckt er aus: „Wenn Dir nichts einfällt, dann können wir es bleiben lassen. Du musst Dich nicht verkünsteln.“ Aber der unbeeindruckte Blick, den sie ihm zuwirft, bringt ihn dazu, zurückzuweichen und sich selbst auf die Zunge zu beißen, bevor ihm noch mehr fatalistische Worte über die Lippen kommen.
„Darum geht es nicht“, sagt Ginny schließlich und für einen Moment sieht sie von ihrer eigenen kalten Zunge beleidigt aus. „Würde ich eine Bio für mich schreiben, müsste ich auch überlegen. Gib mir noch einen Moment.“ Percy nickt wortlos, damit er sie nicht stattdessen noch einmal auffordert, es bleiben zu lassen.
Letztendlich muss er gar nicht mehr lange warten, bis sie beginnt, mit wild entschlossener Konzentration auf seinem Handy herumzutippen, nur innehaltend, um ihm einen abschätzenden Blick zuzuwerfen.
„Okay“, sagt Ginny nach ein paar weiteren Minuten, das Handy in den Händen wiegend und anscheinend noch einmal nachsehend, ob sie alles zu ihrer Zufriedenheit ausgefüllt hat. „Ich denke, das ist es. Willst Du es lesen?“
Sein Blick zuckt nach unten auf das Gerät und wieder nach oben in ihr offenes Gesicht, versucht den fragenden Ausdruck irgendwie positiv oder negativ einzuordnen, aber er scheitert, weil dieses Keine gute Beziehung zu seinen Geschwistern haben nun einmal leider in beide Richtungen Schwierigkeiten mit sich bringt. Trotz jahrzehntelanger Erfahrung kann er noch immer nicht einschätzen, wann sie ihn versuchen, aufs Kreuz zu legen, und wann sie tatsächlich ernsthaft an seinem Wohlergehen interessiert sind.
„Nein?“, sagt Percy, auch wenn es sich mehr wie eine Frage anhört, kaum dass es aus seinem Mund heraus ist. „Ich vertraue Dir“, auch wenn es ihn unendliche Mühe kostet, ihr das Telephon nicht aus der Hand zu ziehen und jedes Wort in sich aufzusaugen, das sie eingetippt hat, und ihr stattdessen auch noch ein solches Eingeständnis zu machen.
„Du wirst es Dir in Deinem Zimmer sofort ansehen, sobald ich außer Hörweite bin, oder?“, fragt Ginny und es könnte sowohl eine bloße Feststellung als auch eine amüsierte Spitze gegen ihn sein, er weiß es nicht. „Du musst Dich nicht zurückhalten, ich weiß, dass Du gern … die Kontrolle hast.“
Percy klappt der Mund auf. Entrüstet erwidert er: „Ich muss nicht immer die Kontrolle haben“, obwohl das Jucken in seinen Fingerspitzen immer größer wird, das Telephon an sich zu nehmen und zu überprüfen, was seine Schwester geschrieben hat.
„Das hab ich nicht gesagt, Percy“, sagt Ginny, aber sie wissen beide, dass sie es gemeint hat. „Ich würde Dich auch keinen Vorstellungstext über mich schreiben lassen, ohne ihn noch einmal durchgelesen zu haben. Das ist vollkommen normal.“
Ihr Beschwichtigungsversuch klingt falsch, trifft falsch direkt dorthin, wo sein Herz sein sollte, heute aber nur das Echo eines klopfenden Spechts ist. Natürlich würde sie ihm nicht zutrauen, genug Gutes über sie sagen zu können, als dass es ihm erlaubt wäre, so etwas für sie zu tun. Wenn sie überhaupt auf einen Weasley zurückgreifen müsste, wären da immer noch vier Brüder, die weitaus geeigneter wären als er. Ihm fehlt sogar das Vermögen, den Normalheitsgrad sozialer Interaktionen einschätzen zu können. Er versteht das, aber er kann zumindest einmal das Bild ins Wanken bringen, das Ginny und alle anderen von ihm zu haben scheinen.
Er muss nicht die Kontrolle haben. Er ist absolut in der Lage, Kontrolle abzugeben. Ohne ins Schwitzen zu geraten oder das Bedürfnis zu bekommen, an dem empfindlichen Bereich zwischen Daumen und Handrücken zu kratzen, als hätte ihn eine bösartige Mücke gleich mehrfach beißend gestochen.
„Nein“, sagt Percy also mit fester Stimme und genug Trotz, um sich selbst beinahe zu überzeugen, „das ist in Ordnung so.“
Ginnys Augenbrauen treffen sich wieder in der Mitte ihres Gesichts und sie scheint nicht zu wissen, was sie mit dieser Ansage anfangen soll. (Nicht, dass sie damit alleine wäre.) Als Percy aber keine Anstalten macht, seine Antwort zu ändern, nickt sie langsam und sagt: „Wir brauchen ein Photo von Dir.“
„Ein Photo?“ Merlin, Percy hat es nicht darauf angelegt, dass seine Stimme nach der Hälfte des Wortes bricht und eine Quarz nach oben rutscht, aber nun ist es passiert und Ginny sieht ihn wieder mit einem berechnenden Blick an.
Mit einem Tippen auf den Bildschirm, mit dem sie vermutlich seinen Steckbrief irreversibel(?) abgeschickt hat, erwidert sie: „Na ja, wie soll man sich sonst ein Bild von Dir machen? Ha, Wortspiel nicht beabsichtigt. Ich meine ja nur, die meisten Menschen wollen eben sehen, wen sie da vor sich haben, wenn sie ein Gespräch beginnen.“
„Ich denke nicht, dass das notwendig ist“, entgegnet Percy pikiert.
„Doch.“
Ginnys Tonfall lässt keine Diskussion zu und Percy sieht sich dazu gezwungen, etwas kleinlauter als zuvor zu gestehen: „Ich glaube nicht, dass es Photos neueren Datums von mir gibt.“
„Okay“, gibt Ginny erstaunlicherweise nach. Oder zumindest glaubt Percy, dass sie nachgibt, aber dann tippt sie auf irgendetwas und steht von ihrem Stuhl auf, um sich neben ihn auf die Bank zu quetschen, wobei sie ihn ohne Schwierigkeiten von seinem Platz auf den nächsten schiebt.
„Hey!“
Aber sie lässt sich gar nicht beirren, sondern zupft stattdessen an ihren Haaren herum, bis sie einigermaßen zufrieden ist, obwohl Percy keinen Unterschied zu vorher erkennen kann. Dann dreht sie sich zu ihm um und beginnt, an seinen Haaren herumzuzupfen und seine Brille nach oben zu schieben, als könnte sie damit noch irgendetwas an ihm retten.
Mit roten Wangen versucht er ihre Hand von seinem Kopf wegzuschubsen, aber sie weicht immer wieder aus und grinst ihn sogar noch frech an, bis sie schließlich von ihm ablässt und sich stattdessen ganz nah an ihn heranlehnt, sodass ihm ihre Schulter in die Rippen drückt.
„Was machst Du denn?“, stößt er irgendwann aus und Ginny wirft ihm einen weiteren grinsenden Blick zu, bevor sie erwidert: „Wir machen ein Photo zusammen, ist doch klar. Bis wir dazu kommen, ein oder zwei andere zu finden, dann können wir die einfach austauschen. Stell Dich nicht so an, ich bin extra um den Tisch gekommen, damit Du nicht allein drauf sein musst.“
Immer noch rot um Nase und Wangen gibt Percy nach, weil er weiß, dass Ginny sich Flausen so schnell nicht aus dem Kopf waschen lässt. Irgendwo müssen alle Weasleys doch auch eine Sache gemeinsam haben, oder?
Ginny dreht das Handy so, dass sie ihr Antlitz im Bildschirm spiegelverkehrt sehen können, und richtet noch ein paar Haarsträhnen hier und da, bis sie zufrieden ist, und lächelt dann in die Kamera, nur um anschließend innezuhalten und ihm einen Blick aus dem Augenwinkel zuzuwerfen. Sie zischt: „Guck doch nicht so verkniffen“, und stößt ihm den Ellenbogen in die Seite.
„Ich schaue ganz normal“, zischt Percy zurück.
„Guck anders“, befiehlt Ginny und lächelt wieder in die Kamera. Bei ihr sieht es so leicht aus, aber als Percy dasselbe versucht, kommt er sich nur wie eine griechische Komödienmaske vor, die die groteske Imitation eines Lächelns abbildet. Es sieht nicht natürlich aus wie bei Ginny, nicht echt. Sie seufzt. „Was ist so schwer, Percy?“
Er zuckt zurück und etwas, das wie Reue aussieht, macht sich auf Ginnys Gesicht breit.
„Sorry, ich meine nur, es muss ja kein Zahnpasta-Werbelächeln sein. Nur so ein bisschen die Mundwinkel heben“, korrigiert sie sich und er lehnt sich wieder an ihre Schulter. „Es muss doch was geben, was Dich zum Lächeln bringt. Wie, keine Ahnung, Paragraphen oder die nächste Steuererklärung.“
Ginny sieht ihn mit so viel Ernsthaftigkeit in den Augen an, dass er für einen Moment nicht einmal beleidigt sein kann, weil es so absurd ist, was sie denkt, was ihn glücklich macht. Er lacht ungläubig.
„Was?“ Seine Stimme klingt wieder viel zu hoch. „Was denkst Du eigentlich, was ich in meiner Freizeit so tue?“
Sie zuckt mit den Schultern. „Bücher über die Rechte von Amphibien lesen.“
Noch mehr ungläubiges Lachen rutscht aus ihm heraus und irgendwie scheint es Ginny geradezu anzustecken, weil sie ebenfalls mit dem Kichern beginnt und schließlich richtig loslacht. Ihre freie Hand trifft auf seinen Oberschenkel und er kann sich nicht erinnern, ob er mit irgendeinem seiner Geschwister je so einen Moment hatte. (Vielleicht mit Bill vor viel zu langer, langer Zeit. Aber auch das scheint Percy weit hergeholt.)
„Es ging um Pseudoambivalenz im Riesen-Recht”, stößt Percy aus und seine Backen schmerzen ein bisschen, weil er es einfach nicht gewohnt ist, zu lachen. (Nicht nicht mehr, sondern einfach nur nicht.)
„Ich weiß doch auch nicht“, stößt sie schließlich aus, während ihr Kopf sachte gegen seinen Kiefer stößt. „Du erzählst nie, was Du so treibst.“
Der Kommentar bringt ihn wieder in die Wirklichkeit zurück, wo jeder seiner Zeitvertreibe als lästige Anekdote angesehen wird, die ertragen werden muss, um danach wieder zu erheiternden Themen zurückkehren zu können.
Er räuspert sich. Dann sagt er: „Es ist ja auch nicht wichtig“, weil er irgendwann gelernt hat, dass es das wirklich nicht ist. Ihr Gesicht sagt ihm, dass er nicht die Antwort gegeben hat, die sie gerne gehabt hätte, aber ihm ist auch nicht klar, was er stattdessen hätte sagen können.
Er sagt: „Lass uns zu der Sache zurückkehren, wegen der wir hier sind.“
Aber Ginny winkt ab und erwidert: „Ich hab schon alles, was ich brauche.“ Und tatsächlich sind da auf dem Bildschirm plötzlich mehrere Schnappschüsse, auf denen Ginny und er sich ansehen, die Mundwinkel nach oben gezogen und ein Glänzen in den Augen, das vermutlich nur von der Deckenlampe kommt, aber auf uneingeweihte Betrachter*innen vermutlich wie der Funke des Lebens aussieht. Plötzlich wirkt die Röte auf Percys Wangen nicht mehr wie ein Zeichen von Unwohlsein und Überforderung, sondern wie die gesunde Röte eines Menschen, der es gewohnt ist, viel zu lachen und dabei alles zu geben.
Es ist das schönste Bild, das er je von sich gesehen hat, obwohl es sich noch nicht einmal bewegt. (Oder vielleicht, gerade weil es sich nicht bewegt. Ein Moment, eingefroren und unabänderlich gebannt.) Es fühlt sich wie eine Lüge an.
„Ich mag das“, sagt Ginny, während sie eins der Bilder auswählt und Percy das Handy entgegenhält. Sie ist immer noch nicht zurückgewichen oder hat sich wieder auf die andere Seite des Tisches gesetzt. „Deine Augen sind ein bisschen zu, aber ich mag Deine Ausstrahlung.“ Vermutlich, weil der Mann auf dem Photo so gar nichts mit Percy gemein hat.
„Okay“, sagt Percy leise, obwohl er keine Präferenz für irgendeins der Bilder hat. „Dann ist es das wohl.“
Er ignoriert, dass sie beide ihre Pyjamas tragen und es offensichtlich ist, dass sie das Bild nachts in einer unaufgeräumten Küche aufgenommen haben, und nichts an dem Photo Percy Weasley schreit, weil das schließlich irgendwie auch der Sinn und Zweck der Sache ist, nicht wahr? Er hat Ginny gesagt, dass sie ihn weniger langweilig machen soll, und das hat sie zweifellos getan.
„Du bist startklar, würde ich mal sagen“, sagt Ginny dann und drückt ihm das Telephon in die Hand, die lose und unnütz auf der Tischfläche herumgelegen hat, und sie schenkt ihm ein Lächeln, das ihn beinahe glauben machen könnte, dass sie gerne hier mit ihm ist.
„Oh, nein, warte!“
Plötzlich ist das Handy wieder in Ginnys Hand und sie tippt darauf herum, markiert alle Bilder von ihnen und schickt sie schließlich mit einem triumphierenden Gesichtsausdruck an eine Nummer, die sie aus dem Gedächtnis eintippt.
Er reagiert viel zu spät, weswegen sein Versuch, ihr das Handy abzunehmen, auch gelingt. Er ruft aus: „Was soll das?“, viel zu laut für die stille Küche um diese Uhrzeit, und er kann schon wieder spüren, wie Unruhe und ein bisschen Wut sich in seinem Körper breitmachen, während er tatenlos danebensitzt und sich dabei zusehen muss, wie ihm seine Haut zu eng wird.
Ginny scheint nichts davon zu bemerken und zuckt nur mit den Schultern, während sie antwortet: „Du hättest sie mir ja niemals geschickt, also hab ich’s selbst gemacht. Es sind gute Photos.“
Was soll er mit dieser Aussage machen?
„Du hast ein Handy?“, kommt als nächstes über seine Lippen, langsam weiß er nicht mehr, wo ihm der Kopf steht. (Wusste er irgendwann heute schon einmal, wo ihm der Kopf steht? Der Tag kommt ihm schon so unendlich lang und mit so viel Unsicherheit und Verwirrung gefüllt vor, dass es ihm locker für eine ganze Woche gereicht hätte und trotzdem noch zu viel gewesen wäre.)
Ein weiteres Schulterzucken. „Ach, Harry will, dass die Kinder in einen Mugglekindergarten und anschließend auf eine Muggleschule gehen, bis sie alt genug sind, um nach Hogwarts zu gehen, also sollte ich bis dahin all die Dinge lernen, die Mugglemütter eben so können müssen. Alle Mugglemütter haben ein Handy. Es ist ein Fakt. Aber es ist ganz nett. Wir können uns unterm Tisch simsen, wenn die Mamis mal wieder richtige Mamis sind.“
Was auch immer mal wieder richtige Mamis sein bedeutet. Percy nickt verwirrt und Ginny lächelt ihn an, als teilten sie einen unfassbar lustigen Witz miteinander.
„Ich werde mal Mums Photoalben durchblättern und sehen, ob ich noch andere Bilder finde“, sagt Ginny dann. „Aber Harry wartet vermutlich und Albus schläft momentan zwar durch, aber weckt uns zu den schlimmsten Uhrzeiten, also sollte ich mich langsam hinlegen. Es war—“ sie unterbricht sich, um Percy noch einmal richtig ins Gesicht zu sehen „—wirklich nett, Percy. Danke, dass ich Dir helfen durfte.“
Sie presst einen sanften Kuss gegen seine Wange und rutscht dann von der Sitzbank herunter, um auf leisen Sohlen nach oben zu ihrem Mann und ihren Kindern zu verschwinden. Seine Hand kommt ohne sein Zutun nach oben und berührt die Stelle, an der ihre Lippen für den Hauch einer Sekunde auflagen, ungläubig.
Das kleine Icon, das nur die schematische Darstellung einer Person ist, blickt ihm jedes Mal, wenn er die Seite öffnet, entgegen und fordert ihn wortlos dazu auf, sich sein Profil anzusehen und zu überprüfen, dass Ginny ihm keine Peinlichkeiten oder gar nett gemeinte Beleidigungen in die Bio geschrieben hat. Aber er hält sich zurück und er hält stand, nicht, weil Ginny jemals erfahren würde, dass er nachgesehen hat, sondern weil er sich irgendwie selbst beweisen muss, dass er auch nur ein einziges Mal die Ruhe bewahren kann und nicht die Kontrolle an sich reißen muss. Also sieht er nicht nach und starrt stattdessen auf das kleine Icon, weil er auch zu nervös ist, sich die Profile von anderen Menschen anzusehen, obwohl das genau die Sache ist, die er eigentlich tun sollte und für die er ja überhaupt erst hier gelandet ist.
Die Sache ist nur, dass er noch einen ganzen weiteren Tag im Fuchsbau ist und er sich schrecklich unhöflich fände, sich tatsächlich einmal umzublicken, nur um dann niemanden anzuschreiben oder es doch zu tun und dann in die Verlegenheit zu kommen, nicht antworten zu können, weil er in Familienaktivitäten involviert wird.
Nein, es ist einfach sicherer, wenn er sich der ganzen Sache erst wieder widmet, wenn er daheim ist und sich mit dem viel zu kleinen Bildschirm auf seiner Couch zusammenrollt, während er sich Profil um Profil fragt, wie er dorthin gekommen ist und was ihn dazu verleitet, nicht einfach doch sofort wieder aufzugeben.
Ginny lässt sich nach dem Abendessen neben Percy auf die Bank fallen und hievt ein Photoalbum auf den Tisch, das Percy noch nie zuvor gesehen hat. George und Bill werfen zwar einen neugierigen Blick zu ihnen herüber, wenden ihn aber gleich wieder ab, als sie entdecken, was Ginny und Percy sich da gemeinsam ansehen. (Ron und Charlie sind gleich nach dem Essen mit Hermione nach draußen verschwunden, während Harry ihnen sehnsüchtige Blicke hinterhergeworfen hat, bevor er sich wieder seinen Kindern – und de facto auch Hermiones und Rons Kindern – zugewandt hat. Fleur unterhält sich mit Arthur und Molly in der Küche und Percy hat für einen Moment Schwierigkeiten, zu rekonstruieren, wie sie alle nur an diesen winzig kleinen Tisch gepasst haben.)
„So“, sagt Ginny und schlägt das große Album auf, „das sind die neuesten Photos, die Mum von uns hat. Da wird ja auch eins von Dir mit drin sein.“
„Ich bezweifle es“, erwidert Percy und er meint es gar nicht so selbstbemitleidend, wie es vielleicht klingt. Es ist schließlich nicht Mollys Schuld, dass er jeder Kamera aus dem Weg geht, die in seine Richtung zeigen könnte.
Ginny winkt ab: „Papperlapapp“, und beginnt, durch das Album zu blättern, vorbei an dutzenden Bildern seiner lächelnden Geschwister und Neffen und Nichten, während von ihm selbst jede Spur fehlt.
Es ist ein bisschen ernüchternd, seinen Platz in der Familie so deutlich vor Augen geführt zu bekommen, wenn alle möglichen Beziehungskonstellationen auf Film gebannt auftauchen, nur keine mit ihm. (Er kann sich an einige der Ortschaften im Hintergrund nicht einmal erinnern, vielleicht weil er sie noch nie betreten hat, vielleicht weil seine Gedanken immer woanders sind, wenn er sich mit seiner Familie umgibt.)
„Ha!“, ruft Ginny plötzlich triumphant aus und ihr Finger tippt auf ein Photo, auf dem Percy mit Oliver Wood zu sehen ist, gerade so als hätten sie nicht zufällig nebeneinandergestanden, wie das manchmal auf Feierlichkeiten eben so passiert, sondern als hätten sie sich freiwillig und absichtlich zueinandergesellt, um den Abend miteinander zu verbringen. Irgendwas in Percys Magengegend zieht bei dem Gedanken zusammen und er wendet seinen Blick hektisch wieder ab, um stattdessen Ginny anzusehen. „Das ist perfekt, oder?“
Bevor er seine Meinung zu dem Bild kundgeben kann (nicht perfekt), hat Ginny bereits ihr eigenes Telephon aus der Tasche gezogen und ein Bild von der bewegten Photographie gemacht, um es im Anschluss an Percy weiterzuleiten. (Er weiß nicht, was ihn an der ganzen Situation mehr verwirrt. Die Tatsache, dass sie beide reinblütig sind und keine Muggelkindheit hatten, wie Ginnys Kinder sie haben werden, aber beide im Besitz eines Mobiltelephons sind, als hätten sie besonders viele Muggelfreund*innen, mit denen sie Kontakt halten müssten, oder der Fakt, dass es gerade er aus ihrer Familie ist, der mit Ginny hier sitzt und in Eintracht eins der Familienalbum durchblättert. Das alles ist so schrecklich absurd und surreal.)
„Aber das wird es doch noch nicht gewesen sein“, murmelt Ginny leise, während sie weiter durch das Album blättert, aber egal, wie sehr sie sich auch bemüht, sie kann nun eben auch nicht finden, was nicht existiert. Und es gibt keine Bilder von Percy, so ist das einfach. „Wenn ich gewusst hätte, dass Du immer gleich verschwindest, wenn jemand eine Kamera zückt, hätte ich Dich öfter festgehalten. Das wird nie wieder vorkommen, hörst Du?“
Sie dreht sich zu ihm um, nachdem sie das Album zugeschlagen hat, und fixiert ihn mit einem strengen Blick, von dem Percy denkt, dass er Wunder bei ihren Kindern bewirken wird, wenn sie erst einmal alt genug sind, um genau solche Sittenstrolche zu sein, wie ihr Vater es als Kind gewesen ist. Bei Percy bewirkt er nicht ganz so viel, weil Ginny seine kleine Schwester ist und Einschüchterungstaktiken einfach nicht so gut funktionieren, wenn Du so viel älter bist und ihre gesamte Kindheit miterlebt hast.
„Sollen wir noch ein Photo machen?“, fragt Ginny plötzlich und Percy ist sich nicht sicher, ob er auf ihren Kamerakommentar von vorher eingehen soll, also tut er es nicht, weil seine Antwort ihr mit Sicherheit sowieso nicht gefallen hätte.
Er zuckt die Achseln und sagt: „Nein, das passt so schon.“
„Ich denke, wir sollten ein Photo machen“, erwidert Ginny und steht auf, die Knie durchdrückend und für einen Moment vornübergebeugt, bevor sie sich in die Länge reckt und ein paar sorgenerregende Knackser aus ihrem Rücken kommen. „Na komm.“ Sie streckt ihre Hand nach ihm aus und beinahe benommen greift er danach, um sich aufhelfen zu lassen.
Auf dem Weg zur Hoftür ruft Ginny über ihre Schulter zu ihrem Mann: „Du hast alles unter Kontrolle, Schatz?“, und ignoriert sein etwas panisches: „Lässt Du mich etwa allein?“
Percy kann sich nicht an das letzte Mal erinnern, als irgendjemand seine Hand ergriffen und ihn einfach mit sich gezogen hat. Er weiß nicht, ob es jemals passiert ist. (Dann denkt er an das Bild, das als ungelesene Nachricht auf seinem Handy wartet, und dann denkt er natürlich an Oliver, weil Oliver das ein oder andere Mal sein Handgelenk fest umklammert hielt, um ihn zum Quidditchfeld zu ziehen, als könnte es nichts Wichtigeres für sie beide geben, als das Spiel rechtzeitig zu erreichen. Und er denkt auch daran, dass Oliver manchmal in seiner Aufregung vergessen hat, seine Hand wieder loszulassen. Vielleicht ist das hier genauso eine Sache und Ginny würde ihn nicht immer noch festhalten, wenn sie tatsächlich merken würde, dass sie es tut.)
„Sollten wir keine Jacken anziehen?“, fragt Percy atemlos, als sie die graue Dezemberkälte draußen betreten und in die Schuhe schlüpfen, die nass vom Schnee draußen unter dem Vordach gestanden haben.
Ginny winkt ab. „Ach i-wo, wir sind ja nicht ewig hier draußen. Harry würde mir nie verzeihen, wenn ich ihn zu lange mit all den Kindern allein lasse. Ich glaube, Fleur hat Victoire und Dominique ebenfalls bei ihm gelassen.“ Ein Lachen bricht aus ihr heraus.
„Kann—“ Percy unterbricht sich und schluckt „—schafft Harry das? Solltest Du wieder reingehen?“
Ginny schnaubt. „Bitte. Harry macht Andeutungen, dass er ein drittes Kind will, und nachdem ich zwei von drei Trimestern mit Albus bettlägerig war, hab ich erstmal die Schnauze voll von Kindern und Schwangerschaften. Ich hab auch mal ein bisschen Spaß verdient.“
Bei dem Gedanken, dass Ginny Spaß daran haben könnte, ihre Zeit mit ihm zu verbringen, steigt Percy die Hitze in die Wangen, bis er sich daran erinnert, dass sie selbst gesagt hat, dass sie sechs Monate nicht aufstehen und herumlaufen durfte, und die Geburt ja gerade erst ein paar wenige Monate her ist. Percy ist nur einfach ein klitzekleines bisschen unterhaltsamer als Babys. (Er kann nicht glauben, dass er vergessen hat, dass Ginny so lange außer Gefecht gewesen ist, weil es Komplikationen in ihrer Schwangerschaft gab. Irgendwo klingelt etwas, weil Mum ihm vermutlich erzählt hat, dass sie sich über einen Besuch freuen würde, weil sie doch so wenig zu tun habe, aber er erinnert sich vor allem daran, wie er beschlossen hat, Ginny nicht zu besuchen, weil sie mit Sicherheit Besseres zu tun hat, als ihn zu sehen.)
Percy sagt nichts, sondern folgt ihr einfach ins offene Feld hinter dem Haus, bis sie ohne Vorwarnung stehen bleibt, sich einmal im Kreis dreht (wobei sie [gezwungenermaßen?] seine Hand loslässt) und ausruft: „Das ist perfekt.“
„Ich glaube, Deine Ansprüche sind erheblich gesunken, seit Du Dich nur noch mit Kleinkindern umgibst“, erwidert Percy skeptisch und Ginny reagiert mit einem Lachen, bevor sie ihm einen Ellenbogen spielerisch in die Seite stößt.
„Ich mein’s ernst, wart’s nur ab“, widerspricht Ginny und legt beide ihre Hände auf seine Schultern, um ihn in Position zu bringen. Sie schiebt ihn nach links und rechts, dreht ihn um fünfundvierzig Grad und zupft wieder an seinen Haaren herum, bis sie einen Schritt von ihm zurücktritt und, nach einem kurzen Blick von seinen Haar- über seine Finger- zu seinen Zehenspitzen, beschließt, dass sie zufrieden ist mit dem, was sie sieht.
Dann stiefelt sie ein paar weitere Schritte zurück, den Rücken immer in Richtung des Hauses gewandt, und ruft: „Und jetzt, mach was!“
„Was soll ich machen?“, ruft Percy zurück, während er nicht wirklich wagt, sich zu bewegen, weil sie sich bestimmt etwas dabei gedacht hat, als sie ihn positioniert hat wie eine Schaufensterpuppe.
Ginny zuckt die Achseln und ruft: „Irgendwas!“, bevor sie mit einem Lachen ihr Handy zückt und ihn durch ihre 2-Megapixel-Kamera betrachtet, als wäre er ein Model für Mollys weihnachtliche Weasley-Pullover, das sich am besten gleich einmal durch den Schnee wälzt, um viel zu kalte, aber dafür vielleicht ästhetisch ansprechende Werbeaufnahmen zu liefern.
Als Percy einfach … nichts tut (so wie Ginny es eigentlich hätte erwarten können), zieht Ginny ihren Zauberstab aus ihrer hinteren Hosentasche (Harry hat so einen schlechten Einfluss auf sie!) und richtet ihn auf eine Stelle über Percys Kopf, bevor sie ein paar Worte murmelt, die er nicht verstehen kann, obwohl sie eigentlich gar nicht so weit weg von ihm ist.
Bevor Percy nachfragen kann, was Ginny getan hat, oder er sich vielleicht doch noch darüber beschweren kann, dass es fürchterlich kalt ist und er gerne wieder nach drinnen gehen würde, trifft ihn etwas kaltes Nasses auf der Wange und er dreht erstaunt den Kopf nach oben, nur um eine Miniaturwolke zu entdecken, die sich genau über seinem Kopf gebildet hat und dicke, flauschige Flocken auf ihn herabschneien lässt.
Eine Flocke landet auf seiner anderen Wange, eine weitere auf seinem linken Brillenglas, seiner Nasenspitze und seiner leicht geöffneten Unterlippe.
Er dreht den Kopf zu Ginny und will gerade fragen, was sie sich dabei gedacht hat, als sie mit einem Grinsen das Telephon hin- und herbewegt und ausruft: „Hab’s! Wir können wieder rein, es ist arktisch kalt hier draußen.“
Aber anstatt sich sofort umzudrehen und nach drinnen zu verschwinden, wartet sie, bis er neben ihr ankommt, und hält ihm dann das Photo unter die Nase.
„Klasse, oder?“, sagt sie und Percy kommt nicht umhin, sich einzugestehen, dass es ein furchtbar ästhetisches Photo ist, das eher zu einem Bill oder vielleicht noch einem Charlie passt, aber mit Sicherheit nicht zu einem Percy. Er kommt sich fremd vor auf allen diesen Bildern, als wäre das eine andere Person, die nur zufällig so aussieht wie er und auch noch seinen Namen trägt. Er fühlt sich, als könnte er seiner Mutter diese Bilder zeigen und sie würde fragen, welcher seiner Brüder seine Brille gestohlen hat, und ob sie ihm Hausarrest dafür erteilen soll. (Weil Mum das tun würde, obwohl sie kein einziges Kind mehr hat, das jung genug dafür ist.)
„Du solltest das Mum schenken“, sagt Ginny als nächstes, weil sie überhaupt nicht mitbekommen hat, welche Zwiespältigkeiten sich in seinem Inneren mal wieder abspielen. „Sie würde sich bestimmt freuen, wenn sie endlich ein richtiges Bild von Dir hätte. Und das von uns gleich mit. Es sind gute Bilder.“
„Vielleicht“, erwidert Percy, während sich die Röte von seinen Wangen aus ihren Weg über seine Ohren und unter seinen Hemdkragen bahnt.
Sich endlich den möglichen Profilen auf der Website zuzuwenden, ist nicht das Erste, das er macht, kaum dass er wieder daheim ist. Er räumt seine Tasche aus, sobald er zurückgefloht ist, und er setzt Wasser auf, weil es so spät am Abend ist, dass es sich eigentlich gar nicht lohnt, mehr zu tun, als sich mit einem guten Buch in seinen Sessel zu setzen und sich mit einer Tasse heißen Tees von den Strapazen eines Familienweihnachtsfestes zu erholen.
Aber letztendlich ist es doch das Erste, das er macht, kaum dass er sich zurückgelehnt und einmal tief durchgeatmet hat.
Es ist keine Riesenauswahl, der Markt für Single-Zauberer, die sich nicht (ausschließlich) zu Hexen hingezogen fühlen, ist klein und Percy wird sich mit Sicherheit nicht mit irgendwelchen Jungzauberern abgeben, die gerade erst ihren Abschluss in der Tasche haben. Percy sucht etwas Langfristiges, etwas mit Substanz. Percy sucht einen Partner, den er vielleicht, eventuell, irgendwann seinen Eltern wird vorstellen können. (Sollte er jemals den Mut aufbringen, ihnen zu erzählen, dass er ihnen vermutlich niemals Enkelkinder schenken wird.)
Percy klickt ein paar Profile an, auf dem ihm gutaussehende Männer die Zeit seines Lebens versprechen, und klickt schnell wieder weiter, weil das alles nicht so klingt wie das, was er wirklich möchte. (Und vielleicht auch braucht.)
Da sind ein paar Zauberer in seinem Alter und ein bisschen darüber, aber die meisten sind doch mindestens zwei Jahre jünger als er und Percy weiß nicht, was die richtige Etikette wäre, wie viele Jahre zwischen ihnen liegen dürfen, damit er sich nicht raubtierhaft und übergriffig fühlen muss oder unangemessen alt. (Die meisten Paare, die er kennt, ja sogar die meisten aus seiner Familie, haben sich in ihrer Schulzeit kennengelernt, und der größte Altersunterschied beträgt vielleicht etwas mehr als ein Jahr. Ist das der gesamte Rahmen, in dem er sich bewegen darf?)
Frustriert schließt Percy die Website und wirft den Kopf in den Nacken. Er hat sich das alles so viel einfacher vorgestellt.
Beinahe vergisst er, dass er sich einen Account bei Ashes of Love gemacht hat, weil er sich einfach nicht traut, auf die Seite zurückzukehren und das zu tun, wofür er sich überhaupt erst angemeldet hat.
Beinahe aber nur, weil ihm jedes Mal, wenn er den Browser öffnet, das Logo der Website anklagend entgegenblickt und er schnell das Handy wieder ausmacht, weil er nicht weiß, was er sonst tun soll.
Percy ist gerade dabei, sich einen Tee zu kochen und seinen Feierabend allein auf seiner Couch zu verbringen, als ihm sein Kamin verkündet, dass ihn ein Gespräch erwartet, das er mit einigem Widerwillen im Herzen annimmt. Ginnys müde Gesicht erscheint in der Glut und Percy tritt einen überraschten Schritt zurück. Außer seiner Mutter versucht ihn kein Mensch je über den Kamin zu erreichen, und er kann sich auch keinen Grund ausmalen, warum Ginny ihn aus dem Nichts heraus kontaktieren sollte.
„Percy!“, ruft Ginny aus, kaum dass sie sein Gesicht sehen kann. „Ich brauche Deine Hilfe.“
Percys Finger bewegt sich nach oben und er zeigt auf sich selbst, ein verwirrtes: „Ich?“ auf den Lippen, während die Glut-Ginny erleichtert aufseufzt.
„Ich sterbe vor Langeweile und wenn ich mir noch eine einzige Mami-Story darüber anhören muss, welche Flaschen gerade wieder durch den Sicherheitstest gefallen sind, dann reiße ich mir alle Haare aus oder hexe Harry in die nächste Woche“, schimpft Ginny, während Percy nichts Anderes tun kann, als sie anzusehen und die steile, wütende Falte zwischen ihren Augenbrauen anzustarren, die er ganz gut von seinem eigenen Gesicht kennt. (Wer hätte gedacht, dass Wut auf ihrer beider Gesicht so gleich aussehen kann?) „Seine Teambesprechungen müssen auch immer auf die Mamikreise fallen, oder?“ Percy öffnet seinen Mund, aber Ginny spricht einfach weiter. „Ja, ich weiß, ich weiß, er macht es ja nicht mit Absicht, aber ich langweile mich so.“
Ihr Redefluss stoppt abrupt und sie sieht ihn mit großen Augen an, als wäre es an ihm, den nächsten Gesprächsstein ins Rollen zu bringen. Also macht Percy: „Ähm“, unter Ginnys wachsamen Augen und er sagt: „Das tut mir leid?“
„Ja, ja“, winkt Ginny ab. „Arme Ginny, buhu, dann haben wir das ja abgehakt. Und jetzt lass mich stellvertretend durch Dich leben, erzähl mir von Deinen Abentändeleien.“
„Meinen … meinen was?“, fragt Percy. Das ganze Gespräch ist ihm zu hoch, wie Quantenphysik während eines Fiebertraums. (Nicht, dass ihm im gesundem Zustand Quantenphysik so viel mehr liegen würde, aber seinem kühlen Kopf fehlt meist die Leichtigkeit und Surrealität des Träumens.)
Ginny seufzt, als wäre Percy der schwierige Konversationspartner von ihnen beiden. (Percy kann sich noch nicht einmal darüber freuen, dass ausnahmsweise nicht er derjenige ist, der das wackelige Kartenhaus, das jede seiner Konversationen darstellt, zum Einstürzen bringt.)
„Deinen Tändelei-Abenteuern. Deinen Abentändeleien. Was auch immer Du auf Deiner Dating-Seite so erlebst”, führt Ginny aus mit einer Geduld, mit der anderen ihren Kindern nach dem fünften Mal noch einmal erklären würden, dass sie keine Eiscreme zum Abendessen haben dürfen. „Seit den Kindern habe ich kein eigenes Leben mehr und das musst Du jetzt wohl für mich führen, weil alle anderen Leute, die ich kenne, auch nur mit ihren Kindern Zuhause sitzen. Mir fehlen die Aufregung und die Abenteuer, die eine neue Liebe so mit sich bringen. Also, bitte, lass mich an Deinen teilhaben.”
Percy starrt sie an, schluckt einmal um den Kloß in seinem Hals herum, ohne dass es etwas bewirken würde, und erwidert dann peinlich berührt: „Ich habe … Ich habe noch mit niemandem geschrieben.“
Theatralisch den Mund aufgerissen und die Augenbrauen beinahe bis zum Haaransatz gezogen starrt Ginny zurück. Für einen Moment sagt sie gar nichts. Vielleicht, weil sie glaubt, dass er dann von sich aus weitersprechen wird, aber Percy hat alles Notwendige gesagt und zumindest für jetzt findet er keine weiteren Worte in sich.
„Warum?“, ruft Ginny aus, bevor sie sich hektisch umdreht und kurz horcht, ob sie eins der Kinder geweckt hat. Dann sacken ihre angespannten Schultern in Erleichterung wieder nach unten und sie fährt leiser fort: „Warum nicht? Du hattest ewig Zeit!“
„Weihnachten ist gerade eine Woche her!“ Percy ist sich nicht sicher, warum er seiner kleinen Schwester plötzlich Rede und Antwort stehen muss. „Ich verstehe auch nicht, was Dich das alles angeht.“
Der Ausdruck auf Ginnys Gesicht könnte beinahe Verletztheit sein. Das ergibt doch keinen Sinn, was hat Ginny für einen Grund (und vor allem Berechtigung), ihn mit Fragen zu durchlöchern und in seinem Privatleben herumzuschnüffeln? Fünfundzwanzig Jahre ist Percy durch sein Leben gegangen, ohne dass Ginny sich sonderlich für ihn interessiert hätte – Merlin, sie hat sich ja noch nicht ein Mal von sich aus bei ihm gemeldet, was in Ordnung ist, weil er sich ja auch nicht bei ihr meldet, weil sie einfach nicht diese Art Beziehung zueinander haben. Sie ist seine kleine Schwester und er ist einer von viel zu vielen Brüdern, der sich nie richtig benehmen kann, aber nicht auf dieselbe liebenswerte Weise wie seine Geschwister, sondern auf die Art und Weise, dass sie sich lieber fern von ihm hält oder ein bisschen über ihn lacht, statt sich mit ihm auseinanderzusetzen.
„Ich dachte irgendwie—“, beginnt Ginny, aber Percy unterbricht sie hitzig: „Du hast falsch gedacht. Ich bin nicht zu Deiner persönlichen Unterhaltung hier.“
Da ist wieder diese Qualität in ihrem Blick, mit der Percy so gar nichts anfangen kann. Ein Blick, der nahe an Mitleid oder vielleicht Bedauern dran ist, aber doch nicht exakt eins von beidem. Sie seufzt brunnentief und mit hängenden Schultern.
„Ich weiß nicht, was ich gedacht hab“, sagt Ginny dann, den Blick abgewendet, während sie die Schultern beinahe bis zu den Ohren zieht, aber Percy hat das Gefühl, dass das überhaupt nicht das ist, was Ginny meint. „Ich werde … Ich werde Dich in Ruhe lassen.“
Percy horcht auf. „Okay.“ Es fühlt sich absolut nicht an wie ein Sieg. Warum fühlt es sich nicht an wie ein Sieg?
„Ich werde Dich nicht mehr danach fragen“, sagt Ginny dann schließlich, als müsste sie sich selbst mehr davon überzeugen als ihn. „Aber Percy, Du solltest wirklich mit jemandem schreiben. Es wird doch einen Grund gegeben haben, warum Du Dich überhaupt erst angemeldet hast.“
(Vielleicht denken sie gerade beide nicht an Mum.)
Als Percy nichts erwidert, verabschiedet Ginny sich mit einem unzufriedenen Zug um die Lippen und lässt ihn mit einem unguten Gefühl in der Magengegend allein in seiner Wohnung zurück.
Für einen Moment geschieht gar nichts, die oppressive Stille leerer Räumlichkeiten wiegt schwer auf Percys Schultern und er würde so viel darum geben, die Anwesenheit einer anderen Person spüren zu können, auch wenn ihm der Sinn so gar nicht nach Gesprächen steht. Dann dreht er sich um und geht in die Küche, um den Herd noch einmal anzuschalten, weil sein Wasser die achtzig Grad, die es für eine ordentliche Tasse Tees bräuchte, unterschritten hat.
Was bildet Ginny sich ein?, will Percy fragen, aber da ist niemand, an den er die Frage richten könnte, also geht er stattdessen mit seiner Tasse zur Couch, um sich mit seinem Buch zusammenzurollen, was kein Problem darstellt, weil das Möbel groß genug für zwei wäre, aber da niemand ist, der sich zu ihm gesellen könnte. Und als der Autor zum vierten Mal einen Verweis auf einen veralteten und, gelinde gesagt, faktisch absolut falschen Artikel macht, ist da immer noch niemand, mit dem er diese Unmöglichkeit teilen kann.
Und das ist der Moment, in dem irgendwas in Percy bricht. Vielleicht sein Widerwille, vielleicht sein Stolz, aber vielleicht auch einfach das bodenlose Gefäß, in das er seit Jahren alle Unzufriedenheit über seine Einsamkeit gegossen hat. Und er greift nach seinem Handy, weil er schlicht und ergreifend nicht der Typ ist, nach draußen zu gehen und sich in der echten Welt zu probieren.
Sein Browser ist noch immer auf der Dating-Seite geöffnet und trotz der langen Zeit ist er noch immer eingeloggt. Der kleine Briefumschlag auf seinem Profil verkündet ihm zehn Nachrichten, die ungelesen in seinem Postfach auf ihn warten, und es ist einerlei, wessen er sich zuerst annimmt, also tippt er darauf und liest sich durch eindeutige Angebote, die ihm die Ohren brennen lassen, und nichtssagende Begrüßungen, die er halblebig erwidert, bis er inmitten der fragwürdigen und ziellosen Gesprächsfetzen eine Nachricht findet, die wie ein Einhorn in einer Herde Pferde heraussticht.
Percy Weasley, steht da, kein Hallo oder Wie geht's? und Morgana sei Dank ohne Frage nach kurzweiligen Stelldicheins, die ihm in diesem Fall wohl nicht nur die Schamesröte ins Gesicht, sondern auch die Wut ins Herz getrieben hätte. Lediglich sein voller Name, der keinem Menschen auf dieser Seite bekannt sein dürfte, weil Percy ihn nirgendwo angegeben hat. Ihm wird ein bisschen kalt.
Percy tippt auf das Profil, ein zwiespältiges Gefühl von Unruhe und Neugierde in seiner Brust, und er wird zu der klitzekleinen Version eines Photos weitergeleitet, auf dem ein junger Mann zu sehen ist, der offensichtlich zu den Lotteriegewinnern gehört, was gutaussehende Gene angeht. Obwohl (oder gerade weil?) das Bild so klein ist und so unglaublich verpixelt, sehen Percy warme, braune Augen entgegen, die von einem strahlenden, grübchenbestückten Lachen ganz klein geworden sind. (Percys Wangen werden nicht aus Scham ganz heiß.) Dann reißt Percy sich los und liest den kleinen biographischen Text von Roger, der anscheinend drei ganze Jahre jünger ist als Percy und damit eindeutig viel zu viel zu jung.
Ich bin Frühstückstee-am-Abend-Trinker, Buckel-im-Wald-Bezwinger, Jacke-wenn-es-kalt-ist-Verleiher, Schlechte-Filme-Gucker, Brettspiel-Spieler und Enthusiast für Dinge, die mit K anfangen: Kaffee, Kühe und Kocktails zum Beispiel. Ich bin pflegeintensiv, wärmeresistent und geliebt von Müttern. Mein Horoskop sagt, dass unsere erste Begegnung magisch wird.
Nichts hieran klingt so, als könnte sich Percy mit der Person hinter dem Profil verstehen, und alles daran klingt so, als könnte sich die Person hinter dem Profil niemals mit Percy verstehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ihn tatsächlich ein Mensch gefunden hat, der ihn kennt und der ihm dennoch etwas Gutes will, ist verschwindend gering. Percy macht sich nicht unbedingt Freund*innen.
Das alles ist kein Geheimnis und Percy ist sich dem vollkommen bewusst, aber trotzdem findet er sich plötzlich auf dem Nachrichtenverlauf wieder, der ihm noch immer nur zwei Worte präsentiert, und er sieht sich quasi selbst dabei zu, wie er mit zittrigen Fingern Ja? tippt und die Nachricht abschickt, bevor er es sich anders überlegen kann.
Vielleicht ist das Fragezeichen zu viel gewesen, vielleicht hätte Percy sich einfach doch niemals auf der Seite anmelden sollen, weil er dann nie in die Verlegenheit gekommen wäre, von seiner Schwester und nun von einem ihm vollkommen Fremden dabei erwischt zu werden und damit irgendwie in Antwortzwang gekommen zu sein. Er könnte noch immer in segensreicher Einsamkeit am Abend auf seiner Couch sitzen und sich fragen, ob er sich eine Katze zulegen soll, damit zumindest die Illusion von Gesellschaft entsteht, nur um den Gedanken im nächsten Moment zu verwerfen, weil er sich nicht jeden Tag ein ganzes Fell von seiner Kleidung zupfen möchte, um präsentabel für die Arbeit zu erscheinen.
Bevor Percy sich noch weiter in seinen Karussellgedanken verstricken kann, die ihn in ein paar Stunden voller Dormeligkeit wieder ausgespuckt hätten, bewegen sich die zwei Nachrichten auf seinem Bildschirm nach oben und eine dritte erscheint am unteren Rand seines Bildschirms.
Du hast mir in der vierten Klasse zehn Punkte Abzug erteilt, weil Du mich eine halbe Stunde nach Sperrstunde vor dem Gemeinschaftsraum erwischt hast.
Das ist … keine der Optionen, die Percy sich, während er ein bisschen im Selbstmitleid gebadet hat, in seinem Hinterkopf überlegt hat. Er hätte eher mit einem direkten Stoß vor den Kopf gerechnet. Nicht damit, dass ihm jemand, an den er keinerlei Erinnerungen zu haben scheint, ein beinahe dreizehn Jahre lang verjährtes Ärgernis vorhalten würde. Er versucht sich daran zu erinnern, ob er sich an eine derartige Begegnung in seinem siebenten Jahr erinnern kann, aber zwischen zahllosen Gesichtern namenloser Regelbrecher*innen und unzählbaren Schrecken bleibt wohl einfach kein Platz für Roger.
Sirius Black galt als gesuchter Mörder, Du hast Dir den Punktabzug wohl selbst zuzuschreiben.
Ich hatte mich verlaufen.
Wenn Du Dich nach vier Jahren noch immer auf dem Weg zu Deinem Gemeinschaftsraum verlaufen hast, dann hätte ich Dir vielleicht mehr als zehn Punkte abziehen sollen.
Ich habe nicht gesagt, dass es mein Gemeinschaftsraum war.
Percy hält inne, die Finger über der viel zu kleinen Tastatur schwebend und unsicher, wie er weiter vorgehen soll. Ihm liegen viele Antwortmöglichkeiten auf der Zunge, von denen keine einzige die richtige zu sein scheint. Nur Reibungspotential und etwaige Fettnäpfchen, die zu Krisenherden expandieren können. Keine einzige Aussage, die nicht auch von einem Vertrauensschüler stammen könnte. (Da ist nun einmal kein Charme wie Bills in ihm oder derselbe Änigmatismus, den Charlie zur Schau stellen kann. Nicht Georges Leichtfüßigkeit im Gesprächsballett oder Rons warme und einladende Art.)
Also aktiviert er die Bildschirmsperre und legt das Handy mit klopfendem Herzen zur Seite.
