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Peppone hätte es besser wissen müssen. Er hätte nicht halten sollen, einfach weiterfahren, so tun als hätte er ihn nicht gesehen. Aber es hatte erst geregnet und obwohl er nichts lieber wollte, als wieder nach Hause zu kommen, tat ihm der Priester leid, der da mit eingezogenem Kopf und regennassem Schirm von einem Bein auf das andere trat. Also hielt er an und ließ ihn einsteigen.
Er hätte es wirklich nicht tun sollen. Denn es handelte sich bei dem Priester um niemand anderen als Don Camillo. Und sobald dieser saß, begann er schon, einen Spruch nach dem anderen loszulassen.
Andererseits; Don Camillo hätte es merken sollen. Er hätte es merken sollen in dem Moment als Peppone seinen Wagen stoppte und ihn wortlos einsteigen ließ. Er hätte es merken müssen, als Peppone ihm auf den ersten Spruch schon nicht antwortete.
„Ist das ein russisches Modell?“
Peppone biss die Zähne aufeinander, dass sie knirschten und sah starr geradeaus. Er hatte nicht die Kraft zu antworten, aber das hieß noch lange nicht, dass es ihn nicht störte. Eher das Gegenteil. Seit Tagen schlief er nur wenige Stunden jede Nacht und tagsüber rackerte er sich nur ab. Überall gab es etwas zu tun, alle Welt wollte mit ihm reden oder ihn bei der Organisation von irgendeiner zufälligen Sache dabei haben, als könnte Brusco nicht auch einmal eine Entscheidung ohne ihn fällen. Wofür hatte man dann einen Stellvertreter, wenn dieser doch jedes Mal zu einem gerannt kam, um wegen jeder Kleinigkeit nach der Meinung zu fragen?
Bei all dem war Peppone’s Geduld schon stark angeschlagen. Don Camillo konnte dem mit seinen Sprüchen wirklich nur Schaden hinzufügen.
„Wollt ihr die dann in ganz Italien verkaufen, wenn ihr das mit der Wahl schafft?“
Peppone trat heftig auf die Bremse, aber konnte sich im letzten Moment davon abhalten entweder laut zu fluchen oder seine Fäuste sprechen zu lassen. Er sah nicht, dass Don Camillo über das plötzliche Anhalten etwas überrascht und auch ein wenig besorgt aussah.
„Raus“, war alles, was er über die Lippen brachte, während er das Lenkrad umgriff bis die Knöchel weiß hervortraten, aber Don Camillo machte keine Anstalten sich zu bewegen.
„Was?“, fragte Don Camillo dümmlich. Das war’s.
„Raus, sagte ich“, blaffte Peppone ihn an „Seit Tagen mach ich kaum ein Auge zu, hetze von einer Sache zur nächsten und jetzt, wo ich so nett bin, Sie in meinem Wagen mitzunehmen, fällt Ihnen nichts Besseres ein, als mir Ihre dummen Sprüche an den Kopf zu werfen? Haben Sie niemand anderen in Ihrem Leben, dem Sie mit Ihrer miserablen Kreativität auf den Geist gehen können?“
Don Camillo sah ihn überrumpelt an, aber er hatte keine Zeit, ein Wort von sich zu geben, ehe Peppone weitermachte.
„Wissen Sie was? Mir reicht’s. In einer Woche werde ich in Rom sein und Sie nie wieder sehen müssen, aber wenn ich von Ihnen bis dahin nur ein einziges Wort noch zu hören bekomme oder auch nur einen einzigen Rockzipfel sehen muss, dann werde ich zum Priestermörder! Und diesmal mein ich’s ernst!“
Diesmal war Don Camillo schlau genug, nichts weiter von sich zu geben. Wäre er ein anderer Mann gewesen und Peppone nicht Peppone, so hätte sich Don Camillo nun entschuldigt, aber stattdessen öffnete er nur mit gesenktem Blick die Beifahrertür, nahm seinen Koffer und stieg aus. Als er die geöffnete Tür noch in der Hand hielt, zögerte er noch einen Moment und Peppone wünschte sich einen Moment nichts lieber, als ihn mit einem kräftigen Schlag zu Boden zu strecken und einfach wegzufahren, doch da gab Don Camillo leise, fast schüchtern etwas von sich.
„Viele Grüße an Ihre Frau, Herr Abgeordneter.“
Maria. Seine gute Maria. Der Stress des Wahlkampfes nagte allen an den Nerven, vor allem an ihren, die es ja eigentlich keine gute Idee fand, dass er sich überhaupt hatte aufstellen lassen. Sie hatten sich in letzter Zeit schon oft genug darüber gestritten.
Und doch. Peppone war froh, sie an seiner Seite zu haben. Mit einem knappen Nicken an Don Camillo fuhr er weiter.
Er hätte es wissen müssen, dass ihm heute der Kragen platzen würde.
