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Das Internat

Summary:

Auf Peppones Bitte geht Don Camillo den kleinen Beppo im Internat besuchen.

Work Text:

„Den Jungen zu mir schicken? Der ist doch genau wie sein Vater, dem wird doch schon schlecht, wenn er mich nur sieht!“

Don Camillo hatte diese Worte eigentlich ernst gemeint gehabt, als er sie Peppone sagte, aber ein halbes Jahr später hatte er sich doch dazu überreden lassen, den Jungen im Internat zu besuchen. Jetzt stand er an der Treppe zum Eingang und sah Beppo mit gesenktem Kopf heruntersteigen. Als er unten angekommen war, stand er steif und wortlos da.

„Guten Morgen“, sagte Don Camillo etwas unwirsch, da der Junge nicht grüßen wollte.

„Guten Morgen“, hauchte dieser zurück. Eigentlich war Don Camillo von Peppone hergeschickt worden, um den Jungen zu rügen und ihm einzubläuen, dass sein Vater viel Geld für das Internat bezahlte, aber als er das Kind so schmächtig und dünn dort stehen sah, die Augen groß und ängstlich, da konnte er nicht länger wütend sein, dass das Kind nicht ordentlich grüßte.

„Komm“, sagte er „Gehen wir ein bisschen spazieren. Es gibt einen sehr hübschen Park hier in der  Nähe.“

Der Junge sagte nichts und folgte ihm still, gerade eine halbe Schrittlänge hinter Don Camillo, aber schnell genug, um mitzuhalten. Während sie gingen, betrachtete Don Camillo den Jungen eingehender. Er sah nicht gut aus, seine Haut wirkte blass, ja fast kränklich, seine Gliedmaßen waren dürr, selbst für ein Kind, und die großen runden Augen, die nur ein wenig umherhuschten und nie zu ihm aufsahen, waren trübe geworden wie die Augen eines alten Löwen im Zoo, der keine Hoffnung mehr auf die Freiheit hatte.

Im Park setzten sie sich auf eine Bank. Die Luft war kühl an diesem Herbsttag und bunte Blätter fielen von allen Bäumen. Erst jetzt sah Beppo auf und ließ seine Augen umherschweifen. Mal sah er hierhin, zu einem Brunnen, mal dorthin zu einem fallenden Blatt, mal an einen dritten Ort, wo ein Mann mit seinem Hund vorbeispaziert kam.

„Hör zu, Beppo“, begann Don Camillo „Dein Vater schafft hart und schwer, um das Geld für deine Ausbildung hier im Internat aufzutreiben. Für deine Geschwister hat er das nicht gemacht, sondern für dich, weil er weiß, dass du ein kluges Köpfchen bist. Was also ist falsch, dass du, wenn du hier bist, auf einmal einen Dummkopf abgibst?“

Beppo antwortete nicht. Er lehnte sich vor, faltete sich fast auf der Bank zusammen, streckte einen Arm aus und griff sich ein Blatt, das gerade vor seinen Füßen auf dem Pflaster gelandet war. Er hob es hoch und sah es an als hätte er noch nie ein Blatt gesehen.

„Guck mal“, sagte er schließlich „Wie viele Farben das hat.“

„Ja, ein sehr schönes Blatt“, antwortete Don Camillo etwas ungeduldig „Hast du mir zugehört?“

Doch der Junge tat als hörte er ihn nicht. Er sprang auf und stellte sich artig mit den Händen hinter dem Rücken vor ihn hin.

„Don Camillo, können wir zum Fluss? Da gibt es an einer Stelle ein ganz hübsches Feld. Da war ich bisher nur einmal, können wir da hin?“, fragte er. Einen Moment überlegte Don Camillo, dem Jungen nein zu sagen, aber die Augen waren von so großer Hoffnung erfüllt, dass Don Camillo nur seufzen und nicken konnte. Da lächelte der Bub und ging voraus, um ihm den Weg zu diesem hübschen Feld zu zeigen.

Das Feld stellte sich als sehr gewöhnlich heraus, etwas besonders Hübsches konnte Don Camillo nicht daran erkennen.

„Warum findest du dieses Feld denn so schön?“, fragte er den Jungen als sie die Brücke über den Fluss erreichten, die zu dem Feld führte.

„Weil es ein bisschen aussieht wie zu Hause“, antwortete Beppo „Darf ich eine kleine Runde rennen gehen?“

„Was willst du denn rennen? Kannst das nicht auf dem Pausenhof tun?“

Da wurde der Junge wieder ernst und er schüttelte den Kopf, den Blick etwas gesenkt.

„Nein, da ist kein Platz. Da sind überall nur Mauern.“

Die Stimme klang so traurig, dass es Don Camillo im Herzen wehtat, also setzte er sich auf die Mauer der Brücke und sagte dem Jungen, er solle bis zu der alten Eiche am Feldrand rennen und wieder zurückkommen. Danach müssten sie noch einmal reden.

Der Junge schoss davon wie ein Pfeil. An der Eiche machte er kehrt und kam genauso schnell zurückgerannt. Mit roten Wangen und glühenden Augen kam er vor dem Priester zum Stehen, ein breites Lächeln im Gesicht.

„Das war toll“, sagte er ihm und setzte sich auf Don Camillos Geheiß auf die Mauer.

„Ich habe es dir vorhin schon gesagt“, versuchte der Priester es erneut „Lass deinen armen Vater nicht vergebens so viel schuften. Wenn du hier auf dem Internat deinen Abschluss machst, dann kannst du später einmal studieren gehen und gut Geld verdienen. Aber sei vernünftig und schaff was. Wenn du durchfällst, dann war das alles für die Katz‘.“

Diesmal saß Beppo brav und geduldig und ließ Don Camillos Rede über sich ergehen, seinen Mantel und die dünnen Ärmchen eng um sich geschlungen. Als Don Camillo geendigt hatte, bemerkte er, wie das Kind neben ihm schlotterte.

„Was ist?“, fragte er ihn „Ist dir kalt?“

Beppo nickte. Einen Moment überlegte Don Camillo, was er tun sollte, aber dann öffnete er seinen eigenen Umhang und legte ihn Beppo um die Schultern.

„Hier, Kind. Zieh das an bevor du dich noch erkältest.“

„W-wird d-dir dann n-nicht auch k-kalt?“, fragte Beppo. Don Camillo schüttelte den Kopf.

„Nein, ich bin groß, ich friere nicht so schnell wie du. Und außerdem habe ich ja noch meinen Mantel.“

Da lächelte der Junge und wickelte den übergroßen Umhang enger um sich.

„Danke“, murmelte er in den Stoff. Don Camillo nickte wortlos und gemeinsam wanderten sie über das Feld, das den Jungen so sehr an sein Heimatdorf erinnerte. Gegen Nachmittag gingen sie in die Stadt zurück, denn um fünf Uhr schloss das Internat die Pforten und bis dahin musste der Junge wieder dort sein.

„Don Camillo?“, fragte Beppo, als sie bei einem Stand vorbeikamen, an welchem gebrannte Mandeln verkauft wurden. „Darf ich eine kleine Tüte davon haben?“

Wieder konnte Don Camillo den flehenden Kinderaugen nicht wiederstehen, also ging er zu dem Händler hin und kaufte ihm eine große Tüte gebrannter Mandeln ab. Beppo strahlte auf und er wollte nach der Tüte greifen, doch Don Camillo hielt sie weit hoch, sodass er sie nicht erreichen konnte.

„Ich halte die Tüte, du passt auf, dass du meinen Umhang nicht verlierst. Und lang du nicht mit den Handschuhen in die Tüte, sonst wirst du überall Fussel haben und deine Handschuhe werden kleben.“

Der Junge gehorchte und zog einen Handschuh aus, den er brav in eine Jackentasche steckte, sodass er ihn nicht verlieren konnte, bevor er in die Tüte griff und sich eine gebrannte Mandel herausnahm.

„Vielen Dank, Hochwürden“, sagte er und blickte noch etwas scheu zu dem Hünen auf, doch Don Camillo dachte sich, dass er ihn überhaupt ansah, hatte viel zu bedeuten, zumal er den Morgen damit begonnen hatte, auf das Pflasterstein zu stieren und keinen Guten Morgen zu wünschen.

Während sie die Mandeln aßen, schlenderten sie zu dem Eingang des Internats zurück, doch an der letzten Straßenecke zupfte Beppo an Don Camillos Ärmel.

„Muss ich denn wirklich zurück?“, fragte er.

„Ja“, antwortete Don Camillo „Dein Vater will, dass du einen guten Abschluss machst und zur Universität gehen kannst.“

„Das will ich aber nicht“, sagte da Beppo auf einmal.

„So? Was willst du denn dann?“

„Ich will Bauer werden!“

Don Camillo seufzte.

„Das Thema hattest du mit deinem Vater doch schon. Versuch wenigstens, im Internat gute Noten zu bekommen, ja?“

Beppo nickte, aber er wirkte unglücklich. Vor dem Eingang angekommen, nahm er den Umhang des Priesters wieder von seinen Schultern, gab ihn an seinen Besitzer zurück und lehnte freundlich die gebrannten Mandeln ab.

„Aber du wolltest sie doch haben?“, wunderte sich Don Camillo.

„Ja“, erklärte Beppo „Aber wenn ich sie jetzt mit hineinnehme, dann werden sie mir abgenommen. Man wird nämlich durchsucht.“

Don Camillo seufzte, denn er hatte über den Tag zu verstehen gelernt, warum Beppo anfangs so kränklich und bleich gewirkt hatte. Dieses Internat glich mehr einem Gefängnis als einer Schule und dem Jungen fehlten die weiten offenen Felder, die Wäldchen und der Fluss mit seinen Seitenarmen, in welchen es sich sommers so gut baden ließ.

Der Bub verabschiedete sich höflich und stieg die Treppen hinauf, während Don Camillo grübelnd vor dem Eingang stehen blieb.

Plötzlich hörte er von einem Fenster nicht unweit ein Geräusch. Als er aufsah, fand er hinter den Gittern Beppo, der das Fenster geöffnet hatte und zu ihm herauslugte.

„Wenn Sie mir die Mandeln geben wollen…“, meinte er und streckte ein dünnes Händchen durch das Gitter. Doch statt die Mandeln hinaufzureichen, griff Don Camillo nach den Gitterstäben.

Ein paar Minuten später war Don Camillo auf dem Weg zum Bahnhof, Beppo in seinen Umhang eingewickelt in seinen Armen liegend. Die Augen des Jungen leuchteten.

„Wir fahren heim?“, wollte er wissen.

„Ja, mein Kind“, antwortete Don Camillo und schlang seine Arme enger um ihn.

Am Bahnhof fragte niemand nach dem Kind in den Armen eines hünenhaften Priesters, das nicht mehr aufhören wollte zu sprechen und über alles und jeden reden zu können schien. Don Camillo lauschte und war froh, den Jungen wieder so zu erleben, wie er ihn aus dem Dorf kannte.

Die überschäumende Freude und das unendliche Reden hatten den Jungen bald schon erschöpft und während sie bei Boscaccio aus dem Zug stiegen, entschlief Beppo in Don Camillos Armen.