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Das Zugabteil

Summary:

Als der Zug anrollt, bleibt das letzte Abteil kurz hinter demBahnhof stehen. Das wäre ja kein Problem, wenn nicht bald der Gegenzug auf dem gleichen GLeis einfahren würde.

Work Text:

Es war allgemein bekannt, dass Don Camillo gerne einmal die Bedürfnisse seines Körpers hinter seinen Aufgaben anstellte und zum Beispiel lieber das Essen ausließ oder ein paar Stunden weniger schlief als seiner Arbeit nicht nachzukommen. Das passierte sogar so oft, dass es niemanden wunderte, dass sich der Pfarrer eines schönen Tages, von einer üblen Erkältung gebeutelt, aus seinem Bett quälte und dem Glöckner sagte, er würde erst am Abend wieder da sein. Als der Glöckner ihn mit hochgezogenen Augenbrauen fragte, wo er denn hinwolle, erinnerte ihn Don Camillo daran, dass der Bischof ihn in die Stadt zu einer wichtigen Konferenz bestellt hatte und er plane nicht, genau das zu verpassen.

„Aber Hochwürden!”, rief der Glöckner aus „Sie haben vierzig Grad Fieber und können sich kaum auf den Beinen halten!“

„Wenn du dir so Sorgen machst, dann kannst du mich ja zum Zug begleiten“, antwortete Don Camillo und nahm seinen Koffer. Das ließ sich der Glöckner nicht zweimal sagen, schickte eines der Kinder, die auf der Straße spielten, um seiner Frau die Nachricht zu überbringen und nahm anschließend den Koffer an sich.

„Überanstrengen Sie sich nicht schon bevor wir überhaupt am Bahnhof angekommen sind.“

Don Camillo, der sich tatsächlich nicht sonderlich sicher auf seinen Beinen fühlte, ließ es grummelnd zu und so machten sich die beiden gemeinsam zum Bahnhof auf. Dass der alte Glöckner auch nicht mehr so schnell zu Fuß unterwegs war, war Don Camillo gerade recht.

Als sie schließlich dort ankamen, ließ er sich auf eine Bank sinken, denn er fühlte sich müde und wollte nicht weiter stehen müssen. Nicht, dass am Ende noch seine Beine unter ihm einknickten und der Glöckner ihn wieder ins Bett zwingen konnte.

Trotz, dass sie so langsam gegangen waren, war doch noch viel Zeit bis zur Ankunft des Zuges. Stattdessen fuhr zuerst der Gegenzug ein. Die Lok qualmte, Leute stiegen aus, andere stiegen ein, der Schaffner sah etwas missmutig umher bis er in seine Pfeife pusten und auf die Trittleiter aufspringen konnte. Die Lok schnaufte und schaffte, ein Ruck ging durch die Wagen, der Zug rollte an. Doch irgendwas stimmte nicht so recht. Während der Zug schneller wurde, entstand eine Lücke zwischen den letzten beiden Abteilen, der immer größer und größer wurde. Schließlich kam das letzte Abteil ein paar Meter hinter dem Bahnsteig wieder zum Stehen.

Die Leute am Bahnhof stierten den Wagen an, die Leute aus dem Wagen sahen verwirrt zu den Fenstern hinaus. Für einen Moment herrschte Stille, dann kam der Bahnhofswärter aus seinem Büro herausgesprungen, das Gesicht bleich und schweißnass.

„Der Wagen muss von den Gleisen runter!“, schrie er „der nächste Zug kommt bald!“

Auf einmal war alles in Bewegung. Die Leute in dem zurückgelassenen Zugabteil rissen die Türen auf, nahmen eilig ihr Hab und Gut und schoben sich panisch zwischen den Sitzen zu den Türen hinaus und stiegen hinab auf das Feld daneben. Leute, die noch auf dem Bahnsteig gestanden hatten, sprangen hinunter, um ihnen entgegen zu kommen und den weniger Gelenkigen aus dem Wagen zu helfen.

Don Camillo war derweil von seinem Platz aufgesprungen.

„Das hilft doch nichts“, knurrte er „der Wagen muss da weg, sonst schießt der nächste Zug direkt rein. Der kleinste Schaden, der dann passieren kann, ist, dass das Abteil zerstört wird und wir hier von Trümmern beregnet werden!“

Was der größere und viel wahrscheinlichere Schaden war, brauchte er nicht zu sagen, alle wussten, dass der Gegenzug höchstwahrscheinlich entgleisen würde und die Folgen würden weitaus unschöner werden als ein Trümmerregen.

„Aber was machen?“, jammerte jemand.

„Die einzige Möglichkeit, die besteht, ist, den Wagen auf das Abstellgleis zu bekommen, bevor der Gegenzug ankommt“, antwortete der kreidebleiche Bahnhofswärter und zog mit zitternden Händen die Uhr aus der Tasche. Viel Zeit blieb nicht mehr.

„Dann spannen wir ein paar Pferde davor“, meinte jemand anderes, doch wurde er schnell von einer dritten Person belehrt, dass das einzige Pferd, das zur Verfügung stehen könnte, vor zehn Minuten als Ersatz des neuen Postautos angefordert worden war. Es wurde einen Moment lang über das Postauto geschimpft, das die schlechte Angewohnheit hatte, regelmäßig seinen Dienst zu verweigern, doch als man sah, was der Dorfpfarrer tat, verstummte man und hielt gespannt die Luft an.

Don Camillo war kurz entschlossen von dem Bahnsteig auf das Gleis hinuntergestiegen und zu dem Zugabteil gelaufen. Mit einem Seil, das er sich kurz von seinem Sitznachbarn auf der Bank geliehen hatte, band er sich zwei Schlaufen, die er an den Puffern befestigte. Die beiden Schlaufen legte er sich um die Schultern.

„Herr!“, murmelte er, als er sich in die Schlaufen legte und die Schuhe in das Gleisbett grub. Schweiß rann ihm innerhalb weniger Augenblicke die Stirn herunter. Das Seil knarzte, das Metall stöhnte und Don Camillo keuchte, aber ganz langsam kam Bewegung hinein.

„Herr!“, röchelte Don Camillo. Seine Beine zitterten und seine Sicht begann zu schwimmen. „Hilf mir!“

„Hochwürden!“, brüllte da eine Stimme vom Bahnsteig her. Don Camillo drehte sich nicht um. Er war sich noch nicht einmal sicher, ob er die Stimme wirklich gehört hatte oder sie sich nur einen Moment lang eingebildet hatte, doch plötzlich wurde das Ziehen leichter. Es war, als hätte der Wagen wieder Fahrt bekommen.

Aus der Ferne war das schrille Pfeifen des Gegenzuges zu hören und Don Camillo spürte die Angst kalt in seinem Magen. Mit neuer Kraft hängte er sich in die Schlaufen und zwang seine Beine dazu, ihm zu gehorchen. Noch ein paar Meter mehr und der Wagen rollte langsam auf das Abstellgleis, gerade so, dass die Weiche wieder umgestellt werden konnte und der andere Zug problemlos vorbeirollen würde.

Don Camillo ließ sich erschöpft auf das Gleisbett sinken, denn seine Beine konnten sein Gewicht nicht mehr halten. Das Zugabteil war aus dem Weg geschafft und die Gefahr gebannt. Keinen Finger wollte er mehr rühren. In seinem Blickfeld tanzten schwarze Punkte und er fixierte einen besonders seltsam geformten Stein vor sich, um das Gefühl von sich drehendem Grund wieder loszuwerden.

„Hochwürden“, kam da die Stimme wieder, diesmal von der Seite und er sah langsam auf. Dort stand Peppone, schwer auf dem Puffer lehnend und genauso schweißgebadet wie Don Camillo selbst.

„Was machen Sie wieder für Sachen! Zu denken, Sie könnten ein ganzes Abteil alleine ziehen!“, schimpfte er los, aber es klang atemlos. Nur langsam drang all das zu Don Camillo durch.

„Du hast geholfen?“, fragte er schwach.

„Natürlich!“, knurrte Peppone „Soll ich Sie etwa von einem Zug überfahren lassen?“

Damit streckte er eine Hand aus und half Don Camillo aufzustehen. Den ersten Schritt schaffte der Pfarrer alleine, doch schon beim zweiten gaben seine Beine nach und er sackte in sich zusammen.

„Hochwürden!“, rief Peppone aus, als er ihn auffing. Da erst schien er die glasigen Augen und die heißen Wangen zu bemerken „Sie sind krank!“

„Und?“, antwortete Don Camillo, dem es gar nicht gefiel, sich an Peppone festhalten zu müssen, um den Weg zum Bahnsteig zurückzuschaffen, wo die Leute sie jubelnd begrüßten.

„Eines Tages bringen Sie sich noch selbst um, Sie Sturkopf!“, murrte Peppone.

„Da bin ich ja in guter Gesellschaft bei dir“, antwortete der Pfarrer und schob sich umständlich auf den Bahnsteig hinauf, wo er von dem Glöckner am Arm gepackt wurde.

„He!“, sagte er, als er bemerkte, wie man versuchte, ihn zum Bahnhof hinaus zu bugsieren „Was tust du denn, ich muss zum Zug!“

„Hochwürden“, antwortete Glöckner „Sie haben gerade mit vierzig Grad Fieber einen enormen Kraftakt hingelegt. Würde ich Sie jetzt in die Stadt fahren lassen, dann müssten Sie dort wahrscheinlich im Krankhaus übernachten.“

Don Camillo wollte sich von ihm losreißen und ihm seinen Koffer entwenden, doch fand er sich plötzlich von der anderen Seite ebenfalls am Arm gepackt. Es war Peppone, der ihn mit grimmiger Miene festhielt.

„Hochwürden, Sie sind die letzten zwanzig Meter mehr mit den Füßen anderer Leute gelaufen als Ihren eigenen. Es ist besser, wenn Sie heimgehen.“