Work Text:
Chesters Blick huschte verstohlen über den Körper seines besten Freundes, der gerade dabei war, sich seiner von der Show verschwitzten Kleidung zu entledigen.
Weich glänzendes, schwarzes Haar.
Nahezu unmerklich gerunzelte Stirn.
Lange dichte Wimpern.
Tiefbraune, fast schon schwarze, ausdrucksstarke Augen.
Eine gerade Nase.
Volle Lippen.
Frisch gestutzter Vollbart.
Große, feingliedrige Hände.
Die Hüften geringfügig breiter als die Taille; nicht zu weich und kurvig, um feminin zu wirken, allerdings auch nicht kantig, muskulös, zu maskulin.
Kleiner Hintern.
Und lange, schlanke Beine...
Chester kam nicht umhin, festzustellen, dass Mikes aktueller, etwas körperbetonterer Kleidungsstil ihm bedeutend besser stand als die weiten Hosen und eher unförmigen Kapuzenpullis, die er noch vor ein paar Jahren getragen hatte. Vielleicht wirkte er aber auch einfach deshalb attraktiver, weil er sich inzwischen mit seiner Figur abgefunden hatte; seinen Körper nicht mehr versteckte, dessen schlanke Form er mit der Zeit dann doch noch zu akzeptieren, vielleicht sogar zu lieben gelernt hatte.
Überhaupt schien Mike endlich mit sich und der Welt ins Reine gekommen zu sein.
Er war mit den Jahren ruhiger geworden. Nicht zwangsläufig weniger emotional, aber geduldiger, aufmerksamer, nachdenklicher, offener. Reifer eben. Erwachsener. Wie sie alle.
Verantwortungsbewusster außerdem.
Früher war er zwar auch schon recht erfolgreich mit der ihm zugeteilten Verantwortung klargekommen, hatte sich allerdings auch oft überstürzt mehr aufgehalst, als ein normaler Mensch bewältigen konnte, und wäre mehr als einmal fast daran zerbrochen, hätten seine Freunde ihn nicht unterstützt.
Heute ließ er den Dingen ihren Lauf und schämte sich nicht mehr dafür, auch mal um Hilfe bitten zu müssen. Er hatte gelernt, dass er sich nicht selbst um alles kümmern musste, um zum gewünschten Ergebnis zu kommen, gelernt, anderen Menschen zu vertrauen.
Otis hatte ihn schließlich auch noch gelehrt, sich selbst und seinen eigenen Instinkten zu vertrauen. Einfach das zu tun, was sich richtig und natürlich anfühlte, anstatt über alle möglichen und unmöglichen Zweifel und Ratschläge irgendwelcher Fremder zu grübeln.
Mike hatte offensichtlich Frieden mit sich geschlossen.
Und der Mann, der aus ihm geworden war, hatte mehr Anziehungskraft auf Chester, als der Junge, den er vor über 13 Jahren kennengelernt hatte, je besessen hatte. Er war talentiert, diszipliniert, selbstbewusst, sanft, gerne auch mal albern, wann immer es notwendig war jedoch ernst und konzentriert, intelligent, und zwar nicht direkt bescheiden, allerdings sorgten die hohen Ansprüche, die er an sich selbst stellte, dafür, dass er trotz allem auf dem Teppich blieb.
Kurzum: In Chesters Augen war Mike perfekt.
Und in Anbetracht der harmonischen Ehe die er führte, seiner wohlerzogenen Kinder, die er über alles liebte, seines vertrauenswürdigen und liebevollen, intimen Freundeskreises, und der erfolgreichen Band, der er angehörte, war auch Mikes Leben einfach nur perfekt.
Die Tatsache, dass er seinen besten Freund am Vorabend dabei erwischt hatte, nach der Show Kokain zu schnupfen, wirkte für ihn also wie ein neonpinker Klecks mitten im Gesicht der Mona Lisa.
Es passte nicht ins Bild, es gehörte nicht dazu, es machte nicht einmal Sinn.
Inzwischen zweifelte er daran, ob er sich das Ganze vielleicht nicht auch einfach nur eingebildet hatte.
Mike konnte genauso gut etwas völlig anderes gemacht haben.
Allein. Im Badezimmer ihrer Garderobe.
Es konnte alles mögliche gewesen sein, was da auf den ersten Blick wie weißes Pulver ausgesehen hatte. In eine lange, dünne Linie zusammen geschoben, auf der kleinen Ablagefläche zwischen Waschbecken und Spiegel. Vielleicht Medikamente, die Mikes Magen nicht wirklich vertrug, und weil er Angst vor Spritzen hatte, blieb ihm nichts anderes übrig, als sie fein zu mahlen und sie sich durch einen breiten stabilen Plastiktrinkhalm durch die Nase zu ziehen.
Heimlich...
Chester, der eigentlich deshalb noch einmal zurückgekehrt war, weil er seine Armbanduhr im Badezimmer vergessen hatte, hatte sich lautlos wieder abgewandt und auf den Weg zu dem Van gemacht, der ihn, Dave und Mike gleich in ihr Hotel bringen würde.
Auf die Frage, wo ihr Allroundgenie denn blieb, konnte er bloß mit einem Schulterzucken antworten.
Keine fünf Minuten später, als er gerade abwesend Dave dabei zuhörte, wie er die Geschenke, die sie beim Meet&Greet vor der Show bekommen hatten, der Reihe nach durchging und amüsiert kommentierte, kam Mike dann auch schon nach. Er entschuldigte sich mit einem breiten, aufrichtigen Lächeln dafür, sie warten gelassen zu haben, stieg ein, drückte Chester seine Armbanduhr in die Hand, und schnallte sich an.
Chester murmelte bloß ein leises "Danke" und verbrachte die Fahrt damit, den Fremden, den er eigentlich für seinen besten Freund gehalten hatte, immer wieder unauffällig zu mustern. Doch die Bewegung des Wagens und die unzureichende Innenbeleuchtung machten es unmöglich, einen Blick auf Mikes Pupillen zu erhaschen oder beurteilen zu können, ob seine Hände zitterten.
Mike wirkte wie immer. Oder zumindest so, wie nach jeder Show dieser Tour, vielleicht auch schon der letzten und vorletzten Tour. Chester wusste es nicht genau, und das jagte ihm einen kalten Schauer über den Rücken.
Aber wie gesagt, inzwischen war er sich nicht einmal mehr sicher, was er da am Vortag nun eigentlich gesehen hatte.
Zumal Mike sich auch weiterhin völlig normal verhielt.
Er lachte über Daves neckende Kommentare, diskutierte mit aufmerksamem Blick die Setlist mit Brad und Rob, zog ein nachdenkliches, interessiertes Gesicht, als Joe ihm ein paar neue Ideen für die folgende Show mitteilte, und schenkte ihm, Chester, sein stolzestes Lächeln, das - aller Besorgnis zum Trotz - unwillkürlich ein bisschen zu viel Blut in seine Wangen steigen ließ, und dafür sorgte, dass auch seine Miene sich in ein Lächeln verwandelte. Es fühlte sich schön an, Mike stolz machen zu können und er war dankbar, in einer Band mit ihm sein zu dürfen. Mikes Talent und Engagement hatten ihn seit jeher schon immer zu Höchstleistungen angespornt.
Vermutlich hatte er sich das Kokain wirklich nur eingebildet.
~
Gelegentlich begleitete Chester denjenigen aus der Crew, der ausgelost wurde, sich um die dreckigen Klamotten aller zu kümmern, in den nächstgelegenen Waschsalon.
Teilweise um beim Waschen zu helfen, teilweise um sicherheitshalber ein Auge auf seine eigenen Sachen zu haben, und teilweise um sich einfach in Ruhe ein bisschen zu unterhalten.
Runterzukommen.
Etwas normales zu tun, was ihn für eine Weile vergessen ließ, dass er ein millionenschwerer, weltweit bekannter Rockstar war.
Außerdem machte es ihm allgemein Spaß, die Crew hier und da zu unterstützen, und wenn er bloß einen Haufen Kabel von einer Seite der Bühne zur anderen trug, um jemandem ein bisschen Arbeit abzunehmen. Er kam nicht oft dazu, aber wenn er es tat, dann genoss er es auch.
Vor ein paar Jahren noch hatte er sich, statt zu helfen oder sich auch nur die Mühe zu machen, die Leute, die für sie arbeiteten, wirklich kennen zu lernen, lieber mit einem Joint und ein oder zwei oder sechs Bieren in irgendeine Ecke verzogen und in Selbstmitleid gesuhlt.
Während Maurice am Automaten stand, die notwendigen Maschinen bezahlte und mit Waschpulver und Weichspüler lud, sortierte Chester die dreckigen Klamotten in Weiß, Bunt und Schwarz.
Nachdem die großen Reisetaschen der Crew leer waren, ging er durch die Rucksäcke und Beutel, die seine Bandkollegen ihm mitgegeben hatten.
Bei Mikes Sachen angekommen zog er unwillkürlich die Stirn etwas in Falten.
Er konnte nicht genau bestimmen, was es war, aber irgendetwas machte ihn nervös, als er den Rucksack seines besten Freundes öffnete. Etwas störte ihn. Sein erster Gedanke war, dass er hier immerhin Mikes Dreckwäsche in den Händen hielt. Dreckwäsche war nun mal dreckig und roch auch eher selten angenehm, es war nur normal, sich ungern damit zu befassen, speziell, wenn es nicht die eigene war. Allerdings hatte zum Beispiel Brads Wäsche ihn nicht so...
Abgestoßen.
Chester warf einen kurzen prüfenden Blick zu Maurice, der allerdings immer noch damit beschäftigt war, die Maschinen zu laden.
Nach kurzem Zögern führte er schließlich das blaue Shirt, das Mike am Abend zuvor nach der Show angezogen hatte, an seine Nase.
Ausgeschwitzter Alkohol.
Wenn es einen Geruch gab, der dafür sorgte, dass sich Chesters Nackenhaare aufstellten, dann war es der süßlich dumpfe Geruch ausgeschwitzten Alkohols, der ihn unweigerlich gedanklich einige Jahre zurück warf, als er selbst nahezu jeden Tag danach gestunken hatte. Egal, wie oft er damals duschte, Deodorant auf seine Haut rieseln ließ und egal, wie viel Aftershave er auch benutzte, er war ihn nie ganz losgeworden und nahezu jeden Morgen aufs Neue mit ihm aufgewacht. Immer dann, wenn er sich am Abend zuvor nicht nur ein oder zwei Bier, sondern gleich eine halbe oder ganze Flasche Whiskey gegönnt hatte.
Mikes Hemd roch nach jemandem, der sich vor dem Schlafengehen eine halbe Flasche Schnaps reingezogen hatte und dann betrunken in seinen Klamotten eingeschlafen war.
Chester spürte einen brennend-bitteren Geschmack in seiner Speiseröhre aufsteigen und legte das Hemd langsam auf den Buntwäschehaufen, auf den es hingehörte.
Die restlichen Sachen sortierte er mehr oder weniger automatisch, ohne auch nur noch darauf zu achten, wem was gehörte.
Das flaue Gefühl in seinem Magen blieb weiter bestehen, auch dann noch, als die Wäsche bereits in der Maschine rotierte und er und Maurice die Wartezeit nutzten, um sich eine Straßenecke weiter am Zeitungsstand ein wenig umzusehen.
Als sie etwa anderthalb Stunden später ins Hotel zurückkehrten und er seinen Bandkollegen ihre nun angenehm duftende und liebevoll von ihm zusammengelegte Wäsche brachte, saß Mike im Schneidersitz auf dem Bett, seinen Laptop vor sich, und skypte gerade mit Anna und den Kindern. Auf dem Nachttisch neben ihm standen ein großer, frisch selbstgemachter Smoothie und eine kleine, zur Hälfte geleerte Schüssel Salat. Er schenkte seinem besten Freund ein kurzes Lächeln und ein leises "Danke", dann wandte er sich wieder seiner Familie zu.
Chester erwiderte das Lächeln knapp und machte sich daran, seine eigene Wäsche vom Rucksack zurück in seinen Koffer zu packen, wobei er es sich nicht nehmen ließ, immer wieder kurze Blicke in Richtung des anderen zu werfen.
Mikes Augen funkelten regelrecht, während sie groß und aufmerksam verfolgten, was auf dem Bildschirm passierte. Hin und wieder schnitt er Grimassen, woraufhin vergnügtes Kinderlachen aus den Laptoplautsprechern drang, dann unterhielt er sich wieder ruhig, wenn auch weiterhin sanft lächelnd, manchmal schmunzelnd, ab und an regelrecht flirtend mit seiner Frau.
Chester wusste nicht, ob er jemals zuvor jemanden gesehen hatte, der so aufrichtig und aus tiefster Seele glücklich auf ihn gewirkt hatte.
Er verstand die Welt nicht mehr.
~
Es dauerte nicht lange, bis Chester die Regelmäßigkeit bemerkte, in der Mike sich nach der Show am Van verspätete.
Exakt drei Mal die Woche. Nicht häufiger und nicht seltener. Egal, ob sie vier oder sieben Auftritte innerhalb einer Woche hatten, Mike kam immer genau drei Mal als letzter am Van an. Und das immer an den Tagen, an denen er am Morgen auch schon zu spät zum Frühstück aufgetaucht war.
Die Hemden und Shirts, die er am jeweiligen Tag zuvor als letztes getragen hatte, trug er nie ein zweites Mal, ohne sie noch einmal waschen lassen zu haben.
Das machte (über einen Zeitraum von zwei aufeinanderfolgenden Wochen, gefolgt von einer Woche minutiöser Pünktlichkeit, bevor alles wieder von vorn begann) drei Tage die Woche Kokain und die restlichen vier Tage Rum.
Zumindest ging Chester davon aus, dass Rum Mikes bevorzugter K.O.-Tropfen war. Beim Einkaufen hatte er aus den Augenwinkeln seinen bemüht unauffälligen Blick zur entsprechenden Ecke des Schnapsregals bemerkt, an dem sie mit ihrem mit Obst, Salat, Energydrinks und Wasser vollgepackten Wagen auf dem Weg zur Kasse vorbeigekommen waren.
Chester hatte daraufhin, wenn auch weiter das Ende der Schlange vor ihnen fixierend, den beiläufigsten Ton, dessen er fähig war, angeschlagen, und fast schon heiter gemurmelt: "Vor zehn Jahren hätt ich an dem Regal eben noch mal Halt gemacht und mich mit Jack Daniel's eingedeckt. Gerade hätt ich echt Bock, heute Abend vielleicht ins Kino oder so zu gehen, aber damals hätt ich vermutlich eher Bock gehabt, dich einzuladen, dir mit mir gemeinsam die Kante zu geben. Aber du hättest eh abgelehnt. Darum hab ich's nie gemacht."
Mike hatte ihn einen Moment lang nachdenklich gemustert. Dann gelächelt. "Kino klingt nicht schlecht."
~
"Warum?"
Mike, der gerade dabei war, das Waschbecken von dem Blut zu befreien, das die vergangenen fünf Minuten aus seiner Nase auf die weiße Keramik getropft war, zuckte erschrocken zusammen.
Chester legte den Kopf etwas schief und trat näher.
Mikes Pupillen waren so stark geweitet, dass von der sie umgebenden tiefbraunen Iris kaum noch etwas zu sehen war. Er schien einen Moment zu überlegen, ob er die Situation, in der er erwischt worden war, abstreiten sollte, aber da seine Kreditkarte und das Plastikröhrchen, an dem noch ein kleiner Rest Kokain haftete, nach wie vor in Chesters Blickfeld lagen, entschied er sich schließlich dagegen und befeuchtete stattdessen bloß ein bisschen Klopapier, um sich sorgsam das getrocknete Blut von der Nase zu wischen.
Und zuckte leicht mit den Schultern.
"Langeweile."
Er seufzte, packte seine Sachen zusammen, klopfte seinem besten Freund im Vorbeigehen noch mal freundschaftlich auf den Rücken, und ließ ihn dann auch schon mit einem "Du warst übrigens echt gut heute, hast dich mal wieder selbst übertroffen" allein zurück.
Chester konnte ihm bloß mit leicht geöffnetem Mund und fassungslosen Blick hinterher starren.
Bis er verstand.
Mike hatte alles erreicht, was er je hatte erreichen wollen.
Sein Leben war perfekt.
Er war perfekt.
Und nach erreichter Perfektion kam nun mal nicht mehr viel.
Höchstens Langeweile.
