Chapter Text
Kapitel 1: Introitus, Kyrie, Graduale - Des Requiems erster Teil
Requiem des Morgengrauens
"Wenn der ruhige Abend die Welt begrüßte,
Der Mond das schwarze Himmelszelt mit seinem Lichte küsste,
Und ein jeder Christ in seinem Bette schliefe,
Dann erhoffte sich so einiger, dass er sich in Gottes Reich verliefe.
Doch oft ward dem Menschen nicht gegeben,
Was Gott sich für ihn wollte überlegen.
Es war der Menschen Sünde ein unschuldig' Geschöpf zu verachten,
Es zu quälen, es wegen Äußerlichkeiten auszulachen,
Bis jener Mensch in Scherben brach,
Sich nicht mehr regen wollte in dieser Schmach.
Es schmerzte wie Höllenfeuer,
Er der Welt war nicht mehr geheuer.
Hat denn Gott nicht gelernt, den Nächsten zu lieben?
Den, den ihr habt so grauenvoll vertrieben?
Den, der mit dem schlechten Gefühl im Magen, dem flauen,
Den, der euch nun verließ mit dem Requiem vom Morgengrauen?"
{𝔓𝔞𝔲𝔭𝔢𝔯𝔢𝔰 𝔠𝔬𝔪𝔪𝔦𝔩𝔦𝔱𝔬𝔫𝔢𝔰 ℭ𝔥𝔯𝔦𝔰𝔱𝔦 𝔱𝔢𝔪𝔭𝔩𝔦𝔮𝔲𝔢 𝔖𝔞𝔩𝔬𝔪𝔬𝔫𝔦𝔠𝔦 ℌ𝔦𝔢𝔯𝔬𝔰𝔬𝔩𝔶𝔪𝔦𝔱𝔞𝔫𝔦𝔰; 𝟙𝟚𝟚𝟠}
Leise und sanfte Anschläge einer alten, abgenutzten Laute erfüllten die laue Abendluft, versetzte sie mit ihren harmonischen Schwingungen und Klängen in eine zeitlose Atmosphäre, die vom goldenen, warmen Schein der Sonne umarmt wurden. Es roch nach Oliven, es roch nach Getreide, es roch nach Meer, es roch nach Rauch und dazwischen flohen die engelsgleichen Melodien einer jungen, klaren Stimme in die weite Welt hinaus, lullten die Zuhörer in ihrer Ausgeglichenheit ein, schenkten ihnen Ruhe und Verzauberung trotz der tragischen Bedeutung des Textes. Die Menschen heuchelten ihr Verständnis hin, wurden taub, wenn man ihnen die Bedeutung zu schildern versuchte, klammerten sich allein ans Bekannte, sei es der Angst oder der Gewöhnung wegen. Sie hörten nicht zu und doch lauschten sie dem Gesang des Kindes, als wäre ihnen ein Engelswesen am heutigen Tag erschienen.
Und doch zierten blutrote Flecken die Seele jenes Engels, sogen sich durch das weiße Leinen...nur blieben sie für den Menschen unsichtbar, verschwanden in der idyllischen Abendröte. Viele Jahre, geprägt von Güte sowie frevelhafter, blutiger Schuld, legten sich wie die Last eines Kreuzes auf die Schulter des Kindes, dessen Fluch die ewige Jugend, ein nahezu ewiges Gefängnis auf irdischem Boden zu sein schien. Doch auch wenn jenes Kind Furchtbares in der Welt miterlebte; es liebte die Menschen. Es blieb fromm und ehrfürchtig gegenüber Gott, es freute sich um das Lächeln das herzensgute Menschen ihm schenkten, wenn es ihnen half. Denn die Reise, die diese gottgläubigen Pilger auf ihre Schultern genommen hatten, war alles andere als einfach und vollen guten Gewissens gewesen. Die Gefahr lauerte überall, manche Menschen schafften es nicht, genug Kraft für diesen beschwerlichen Weg aufzutreiben und wurden sogar krank. Nicht zuletzt lauerten Räuber an den Wanderwegen im Gebirge.
Obwohl der Junge noch die kindliche, unschuldige Jugend ausstrahlte, die es ihm rein optisch sogar fast unmöglich machte, bereits Teil des Tempelritterordens zu sein, half der junge Blondschopf bereits tatkräftig mit. Nicht zuletzt, weil es seine Verpflichtung als unscheinbare Personifikation seines durchaus erfolgreichen Ordens - der Tempelorden - war. Jeden seiner Tage verbrachte er in der Gemeinschaft seiner Ordensleute, besuchte die vielen Gottesdienste und unterstützte teils einige Gruppen, wenn diese die Pilger ins Heilige Land eskortierten. Doch wenn ihm die wenigen Stunden Freizeit zustanden, verbrachte er sie zumeist fleißig mit dem Musizieren im Schatten der vielen Olivenbäume.
Es war nicht gerade selten, dass sich dann Scharen von Schaulustigen um ihn sammelten. Selbst der ein oder andere Johanniter, mit dem der Tempelritterorden bestimmt noch ein Hühnchen zu rupfen hatte, mischte sich gerne hinzu und nicht zuletzt schlich sich eine kleine gleißend helle Gestalt heran, der das junge Talent zwar wahrnahm, doch den Sinn dahinter nicht erfasste. Wieso sollte man sich denn die kostbare freigegebene Zeit mit Gottesliedern ausschmücken, wenn es doch noch genügend zu lernen gab? Zu lernen wie die Welt funktioniert, zu lernen wie man neben dem Helfen auch genügend Stärke aufbaute, um zu schützen, was einem lieb war...Und was nützte sich der verschachtelte Ausdruck eines Liedtextes, wenn man jene Worte auch in einfacher, schnörkelloser Form wiedergeben konnte?
Nichtsdestotrotz genoss jene helle Gestalt diese Minuten erfüllt von Harmonie, hätte am liebsten selbst mitgesungen, auch wenn seine Stimme lange nicht so weich klang wie die des jungen Blondschopfes, den jeder anhimmelte. Dabei wusste niemand so recht seinen Vornamen, geschweige denn, wusste es der Albino mit der über den Kopf gezogenen Kapuze. Er kannte ihn. Ziemlich gut sogar, wenn man anmerkte, dass sie beide eine außergewöhnliche Rolle auf dieser Welt spielten. Dennoch stand zwischen ihnen eine eiserne Wand der Formalitäten, die keiner von ihnen bis jetzt zu übertreten versuchte.
Beide Burschen - ein Tempelritter und einer, dem Deutschen Orden zugehörig - trugen jedoch die Sehnsucht mit sich, einander besser kennen zu lernen. Sich als Person wahrzunehmen, vielleicht sogar gute Freunde zu werden. Doch dem war allem nicht gegeben. Etwas trennte sie auseinander. Und zwar das, was sie miteinander erst verband.
Die Rolle einer Personifikation sowie die Religion, beides schweißte sie aneinander, zeitgleich war es ein gefährlicher Dorn im Auge.
Als die Sonne ein letztes Mal hinter der hügeligen Landschaft hervorblitzte, mit ihrem goldenen Licht Bilder auf die vielen Gesichter zeichnete und der letzte Augenblick des Tages mit dem verstummen des letzten gesungenen Tones erlosch, begann die Abendröte ihr melancholisch-schönes Requiem mit majestätischen Rottönen an das Himmelszelt zu malen, bis es auch der am weitesten entfernteste Mensch mit all seiner Pracht erblicken konnte.
Die goldene Abendstunde war gerade zu Ende gegangen und die Nacht würde in Kürze über die Welt einbrechen; sie unter einem dunklen, sternbesetzten Tuch verschleiern, bis das rettende Licht der Sonnenstrahlen sie aus ihrem Schlaf erweckte. Das blonde Kindlein mit den goldenen Locken wagte noch einen letzten Blick Richtung Berge, fragte sich, ob seine Leute auch heute wieder einige Pilger ins Heilige Land eskortiert hatten, ehe er sich in aller Ruhe seinen alten Beutel und die Laute schnappte und sich wieder gewissenhaft auf den Weg zu seinem Hauptquartier machte. Bald stünde die Abendmesse und die darauffolgende Agape an, die er keinesfalls verpassen durfte. Dass der letzte Verbliebene seiner Zuhörer noch unter jenem Olivenbaum stand, angewurzelt von der Angst, die er unter einem dichten Kleid von Schein, Trug und Maskerade versteckte, bemerkte er gar nicht mehr.
***
Die Nacht war verhältnismäßig kühl. Der Wind pfiff um die Häuser, deren Licht einzig und allein Kerzen und Öllampen zugeschrieben werden konnten und dabei helle Schatten auf die Geh- und Transportwege warfen. Eine Gänsehaut überraschte den jungen Tempelritter Gabriel, ließ ihn kurz in seinem Zittern verweilen, ehe er weiter durch die leeren Gassen zog. Die Gespräche nach dem Abendmahl, das sie wie üblich in reinster Stille abhielten, hallten immer noch unaufhörlich in seinem Kopf herum, ließen ihn mit seinen Sorgen allein mit dem Geschepper seiner Ausrüstung durch die Nacht schreiten.
Ihm war das Thema bekannt, immerhin kursierte es schon seit Monaten in der Stadt herum und selbst Johannes, der den Johanniterorden verkörperte, sprach gefühlt Tag und Nacht über dieses eine massiv bewegende Thema. Dass ein engstirniger Heide, eine Schwarzmagierin sowie ein schneeweißer, kleiner Teufel die gesamte Stadt in Aufruhr versetzten und das Pech, Schuld an der misslungenen Ernte und dem verschmutzten Brunnenwasser zu haben, seit man sie beschuldigte, war eines der vielen Gerüchten, die herumgingen. Die Menschen verabscheuten sie. Sie verabscheuten sie aus der Angst vor dem Unbekannten und glaubten jedem Gerücht, das ihnen auf die Nase gebunden wurde, da sie es selbst nicht besser wussten und blind dem anderen trauten. Doch besonders jenes Teufelskind mit den Augen als Tor zur Hölle hatte ihre Aufmerksamkeit erregt. Seit die Mythen und die Unruhe zunahmen, schien sich auch der weiße Teufel zurückgezogen zu haben, wurde aber hin und wieder von Passanten erspäht. Zur selben Zeit jedoch, schien sich besonders der Deutsche Orden zurückzuziehen. Es wirkte durchaus verdächtig, dass man nichts mehr von seiner Personifikation hörte, die doch erst vor so kurzer Zeit einen Aufschwung erhalten hatte und neben der Spitalgemeinschaft nun auch als Ritterorden umherziehen durfte.
Ein kalter Luftzug streifte an den Ohren Gabriels vorbei, brachte ihn zum Zittern. Obwohl der Winter üblicherweise sehr mild ausfiel und es sicherlich auch in dieser Nacht nicht einmal unter zehn Grad Celsius haben konnte, überraschte es den Jungen immer wieder wie kalt es doch im Vergleich zum Tag wurde. Er hatte Glück, seine weiße Kutte mit dem rubinroten Kreuz tragen zu dürfen, ansonsten würden die Windstöße wie eisiger Atem an seiner Haut lecken und ihm eine Gänsehaut nach der anderen über den Rücken jagen.
Warum musste er überhaupt diesen eng beieinander gebauten Distrikt der Stadt patrouillieren, wenn es weit und breit nichts gab, was er als aufrichtig bedrohlich oder störend empfinden konnte? Diese gezielte Suche nach dem Teufelskind, die seit Anfang der Woche von beiderlei, Johanniter und Templer, in Gang gesetzt wurde, endete jeden einzelnen Tag mit Fehlschlägen. Wieso sollte ein Kind außerdem zu so später Stunde noch durch die engen Passagen schleichen? Es ergab keinen Sinn. Warum sollte er weitersuchen?
Die Stunden vergingen und Gabriel traf niemanden außer seine eigenen Leute oder den ein oder anderen Johanniter, dem er mit großer Missgunst entgegenkommen wäre, wenn dieser eine abfällige Bemerkung parat gehabt hätte. Es herrschte durchgehend dicke Luft zwischen Gabriel und Johannes, was sich im Endeffekt auch auf ihre Orden ausgewirkt hatte, die sich am liebsten Tag und Nacht beinahe an die Gurgel gehen würden, wenn da ihnen nicht das fünfte Gebot im Weg stünde. Diese ständig anhaltende Rivalität zwischen den beiden hatte bereits den ein oder anderen miesen Konflikt herbeigerufen, den man nur schwer wieder unter Kontrolle bringen konnte. Und dennoch waren sie nun dazu verdonnert gemeinsam wieder für Ruhe in dieser idyllischen Kleinstadt im Gebirge zu sorgen.
Eine Ruhe, die es eigentlich bereits gab, wären da nicht diese Ängste im Weg.
Es durfte mittlerweile schon gegen Mitternacht sein und nicht einmal der kleinste Mucks trat hinter den dünnsten, morschesten Schlitzen der Türangeln hervor. Der Mond versteckte sich hinter den Wolken und die Sterne waren ebenfalls von der Bildfläche verschwunden. Die Zeit schien still zu stehen; die Welt war leblos und kalt. Lediglich sein eigener, leiser Atem war für ihn hörbar, was ihm etwas mulmig zumute machte. Der Knoten in seinem Magen wurde schwerer, gar wilder, und brachte sein Herz zum Rasen.
Um gar nicht vom Stechen in seiner Brust übermannt zu werden, summte er leise eine Melodie vor sich hin, konzentrierte sich auf die einzelnen Noten, die Pausen sowie die Längen, Höhen und Tiefen, die das bekannte Lied mit sich brachten. Er stellte sich die Töne auf seiner Laute vor, wie sie in der Nacht durch jede Straßenecke hallten und ohne Worte Gelassenheit und Ruhe weitergaben. Sein inneres Auge sah die zufriedenen Gesichter der Menschen, bemerkte Johannes' Augenrollen und nicht zuletzt ein kleines weißes Licht im Augenwinkel, das mit der Geschwindigkeit eines Augenzwinkerns wieder von der Bildfläche erlosch.
Gabriel blieb stehen, schüttelte seinen Kopf und lehnte sich für kurze Zeit an der kühlen Hauswand aus Lehm an. Eine kurze Trinkpause würde er sich wohl erlauben dürfen, weswegen er sich flott seine abgenutzte Lederflasche aus dem Beutel holte und einen großzügigen Schluck nahm. Erst jetzt bemerkte er, wie durstig er geworden war und wie ihn die Müdigkeit und Sehnsucht nach Schlaf langsam einholte. Aber er musste wach bleiben; aufmerksam und vorsichtig.
Als er erneut in seinem Beutel herumkramte, um die Flasche wieder zu verstauen, streiften seine Finger altes Pergamentpapier, das er zunächst nicht einmal wahrgenommen hatte. Gabriel holte es heraus, faltete es auseinander, um zu sehen, was sich dahinter verbarg, nur um dann ein heftiges Pochen in seinem Brustkorb zu spüren. Ehrfürchtig betrachtete er das Pergament, erkannte die witzige Karikatur, die er vor wenigen Jahren auf einer übrig gebliebenen Seite skizziert hatte. Ein schwaches Grinsen zeichnete sich auf sein Gesicht. Auch, wenn er die Mängel in der Zeichnung sofort ausfindig machen konnte, war die Aussage des Bildes gut erkennbar. Es zeigte drei kleine Ritter, einer war nur schlampig in einer Ecke hingefetzt worden. Womöglich kam er auch nur der Fairness halber auf das Blatt, da der Fokus im Zentrum lag, wo die zwei Ritterknaben mit ihren Schwertern nebeneinander standen und ein breites Lächeln auf ihren Gesichtern trugen. Ein einziger Blick auf das Haar des rechten Ritters, verriet Gabriel, dass er sich selbst gezeichnet hatte. Seine verwuschelten Haare, die Mütter im Dorf liebevoll-spöttisch als "Flügelchen" wegen der fast unmöglichen Form bezeichneten, waren immerhin zu seinem Markenzeichen geworden. Der Ritter zu seiner Linken hatte kurzes, wildes Haar und trug einen ähnlichen Umhang wie Gabriel. Es hätte jeder mögliche Ritter sein können, aber Gabriel wusste, dass es außer Gilbert - der Deutsche Orden - niemand anderes sein konnte.
Aus dem schwachen Grinsen wurde ein bitteres Lächeln. Er hatte ihn schon so lange nicht mehr gesehen und das obwohl er bestimmt noch im Königreich Jerusalem verweilte. Ob er Gabriel genauso vermisste wie er ihn? Geschweige denn, ob er von selbst Gabriels Vornamen herausgefunden hatte, so wie dieser es auch durch ein Gespräch über Gilbert getan hatte? Oder war er ihm immer noch unter der formalen Distanz bekannt? Es wäre ein schlechter Zeitpunkt gewesen, zuzugeben, dass ihn die Welle der Sehnsucht geschnappt hatte und ihn in ihren tiefen Fluten gefangen hielt, jegliche kostbare Luft verweigernd, bis er in seiner Einsamkeit endgültig versank und im ständigen Gedenken seine letzten Luftreserven aushauchte. Wenn seine Ordensleute über seine Grenzen übertretende Sympathie gegenüber einen anderen Jungen etwas herausfanden, wäre er in kürzester Zeit der Sodomie zugeschrieben und fiele dem nächstbesten Todesurteil zum Opfer, das ihn jedoch nur für kurze Zeit ausknocken könnte, bevor er vom Schmerz betäubt wieder aufstehen würde.
Es wäre schlicht und einfach ein verzwicktes Kreuz gewesen, das ihm in den Nacken fiel und ihm eine tiefe Wunde ins Fleisch schnitt.
Kopfschüttelnd steckte er das Bild wieder in den Beutel. Er hatte keine Zeit, um unnötig lange herumzustehen und nichts zu tun, wenn er doch eigentlich eine Aufgabe zu erfüllen hatte. Doch kaum entfernte er sich von der Wand, erklangen plötzlich rasche, leichte Fußspuren in der nächsten Gasse und Gabriel erstarrte zunächst, bevor er sich zutraute nachzusehen. Ein Augenblick genügte aus, um die auffällige, weiße Kleidung mit dem schwarzen Kreuz zu erkennen, bevor das Kind, das sich darunter befand, so schnell wie möglich in die nächste Ecke abbog und Gabriel keine Chance hatte, zu reagieren. Aber er wusste, dass es Gilbert gewesen sein musste. Er kannte kein anderes Kind in seiner Größe, dessen Rang hoch genug war, um bereits jene Kleidung zu tragen.
Gabriel wollte schon zu ihm, ihm folgen und ihn endlich ansprechen, doch seine Beine hatten nachgegeben und bewegten sich keinen Zentimeter. Der Boden schien zu wippen, das Knistern der Fackeln sowie das Wirrwarr an Stimmen nahm jede Sekunde zu. Knirschende Kieselsteine wurden zur Seite getreten und Staub hob vom Boden ab. Und als Gabriel sich umdrehte und die Gesichter seiner Ritter sowie die des Johanniterordens sah, drehte es ihm den Magen um. Er hörte seinen Puls als Rauschen in seinen Ohren, öffnete den Mund einen Spalt, um überhaupt atmen zu können. Denn die Luft blieb ihm weg, sein Hals war gänzlich zugeschnürt und seine Augen weiteten sich, als er endlich die Wärme der Fackeln an seiner Haut streifen spürte.
Sie rannten vorbei.
In die Richtung, in die Gilbert verschwunden war.
Sein Herz setzte für den Bruchteil einer Sekunde aus, die Welt verlief in Zeitlupe.
Erst, als ihm der verachtende Blick Johannes' ins Auge stach und ihn mit einem Schlag aus der Paralyse holte, begriff er es endlich.
Sie suchten ihn.
Sie suchten den weißen Teufel in seinem Freund, dem Deutschen Orden.
Sie suchten Gilbert.
Und mit dem Ende dieser Suche...mit dem Ende seiner Rennerei begebe er sich in die Gefahr, einem langwierigen, qualvollen Prozess zum Opfer zu fallen. Einem Prozess, der ihm auch noch nach jahrhundertelangem Warten ins Unterbewusstsein eindrang und ihm Schaden hinzufügte. Immer und immer mehr, bis es seine Psyche in tausende Scherben zerbrach, nach dem das Traumata sich so dringend verzehrte.
Doch Gabriel ertrug es nicht.
Diesen einen Kelch.
Diesen einen verdammten Kelch dieser langwierigen, fast unendlichen Zeit, die sie hier auf dieser korrupten, sündigen, jedoch auch wunderschönen Welt verbrachten...er sollte an ihm vorüberziehen.
Wenn auch nur dieses eine Mal.
Und wenn Gabriel damit mit tugendhaftem Frevel und blutverschmierten Händen aus Gottes heiligem Kelch nippen würde und seine Seele mit unverzeihlichen Sünden befleckte, um Gilbert davor zu bewahren.
Er würde es aus eigenem Willen tun.
Aus dem Willen, den Gott ihm gegeben hatte.
Demselben Gott, der doch eigentlich um Nächstenliebe bat; der vielfach zeigte, einander nicht zu verurteilen.
Handelte davon nicht sein Lied? Dieses eine, namenlose Requiem, das sich genau in dieser Nacht wie eine Blume zerstreute, zur Wirklichkeit wurde...
Deshalb rannte er.
Er rannte als gäbe es kein Morgen mehr.
Immer weiter in die dunkle Nacht hinein, hoffend, vor den anderen Templern und Johannitern bei Gilbert zu sein...Hoffend, dass die Ordensgemeinschaft ihm vergebe, dass er sich ihren Regeln und Gebote widersetzte. Denn er würde gegen jegliche Vernunft handeln, nicht seinem Verstandes Willen folgen, sondern seinem törichten, schwachen und ignoranten Herzen.
Für was hätte er es denn sonst erhalten, wenn er diesem nicht vertrauen dürfte?
Er musste weiter.
Er musste vorangehen schneller sein als das Licht, das die Dunkelheit der Nacht durchbrach.
Und er wagte nun den nächsten Schritt nach vorn, jenseits der von Vorschriften geregelten Welt, die er kannte.
***
