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Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2022-12-12
Words:
1,652
Chapters:
1/1
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12
Kudos:
50
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4
Hits:
248

You've got mail

Summary:

Nach zwei Wochen erhielt Vincent die erste Postkarte.

Work Text:

Die erste Karte traf nach zwei Wochen ein. Verwundert sah Vincent auf den gezeichneten Krebs darauf. Dann drehte er die Karte um.
'Mach dir keine Sorgen', stand da in Adams bekannter Schrift.
Mach dir keine Sorgen?! Wollte Adam ihn verarschen? Er verschwand, ohne ein Wort, ging nicht ans Telefon und meldete sich auch sonst bei niemandem. Und dann schickte er eine Karte mit dieser Nachricht?
Wütend pfefferte Vincent die Karte auf den Couchtisch, über den sie hinweg glitt, am anderen Ende herunterfiel und unter das Sofa rutschte. Dann ging er in die Küche, um sich erstmal einen Tee zu kochen.
Die letzten zwei Wochen hatte er jede freie Minute damit verbracht, nach Adam zu suchen. Er hatte jede Person, die Kontakt zu Adam hatte, aufgesucht. Auf diesem Weg hatte er sogar Adams Exfrau und Töchter kennengelernt. Doch auch die hatten nichts gewusst, was ihm weitergeholfen hätte. Außerdem war er mit Wiktor zu Adams Wohnung gefahren, auch dort gab es keinen Hinweis darauf, wohin Adam verschwunden war. Seitdem durchkämmte Vincent täglich die neuesten Meldungen in der Datenbank, immer in der Angst, dass man Adam und sein Motorrad irgendwo in einem Straßengraben fand.
Und jetzt wagte Adam es, ihm zu schreiben, er solle sich keine Sorgen machen. Wenn er auch nur einen Funken Empathie hätte, sollte ihm eigentlich klar sein, dass Vincent sich nicht nur Sorgen machte, sondern auch scheißwütend war. Ihn einfach so sitzen zu lassen, alleine in einem Kaff mit einem toten Serienmörder, den er nicht vom Springen abhalten hatte können, einem ellenlangen Bericht, den er nun alleine schreiben musste, und der Aufgabe, den anderen zu erklären, dass Adam weg war. Vielen Dank auch!

Eine Woche später fand Vincent sich auf dem Fußboden seiner Wohnung wieder, wo er nach der ersten Karte suchte, denn er hatte eine weitere Karte von Adam erhalten.
Auf der Vorderseite befand sich wieder eine Zeichnung eines Krebses.
'Ich bin OK', stand auf der Rückseite.
Zuerst war die Wut in Vincent wieder hochgekocht. War ja schön, dass Adam OK war, Vincent war definitiv nicht OK. Ohne Partner zu arbeiten war kein Zuckerschlecken, auch wenn Wiktor ihn so gut es ging unterstützte. Zusätzlich war da immer noch das schlechte Gewissen, dass er es nicht geschafft hatte, Adam zu helfen. Mal ganz davon abgesehen, dass er schlecht schlief.
Nach ein paar tiefen Atemzügen und näherer Betrachtung der Karte hatte Vincent bemerkt, dass der Poststempel aus Florenz stammte. Deshalb suchte er jetzt nach der ersten Karte, die er schließlich unter dem Sofa fand. Der erste Poststempel war aus Linz.
Vincent zog sein Handy hervor und öffnete die Karten-App. Die erste Markierung setzte er in Frankfurt Oder, die zweite in Linz und die dritte in Florenz. Anscheinend fuhr Adam nach Süden. Mehr konnte man aus den drei Punkten auf der Karte bisher nicht ableiten.

Die nächste Karte, die Vincent erhielt, zeigte einen gezeichneten Stier. Unter einen stampfenden Vorderhuf hatte Adam scheinbar eigenhändig einen kleinen Krebs gezeichnet, der Gefahr lief, zertreten zu werden. Wollte Adam ihm damit etwas sagen? Besorgt drehte Vincent die Karte um.
'Ich konnte einfach nicht mehr. Deshalb musste ich mal für eine Weile weg.'
Für eine Weile weg? Das hieß doch, dass Adam beabsichtigte, zurückzukehren.
Vincent schaute auf den Poststempel: Marseille, Südfrankreich. Also doch nicht immer weiter nach Süden oder wollte er jetzt nach Spanien? Hatte Adam seinen ursprünglich Plan geändert? Folgte er überhaupt einem Plan? Vincent setzte eine weitere Markierung auf der Landkarte.

Nach einer weiteren Woche öffnete Vincent voller Vorfreude seinen Briefkasten und fand eine Karte aus La Rochelle an der Westküste Frankreichs mit einem weinenden Krebs darauf vor. War etwas Schlimmes passiert? Ging es Adam nicht gut?
'Es tut mir leid, dass ich dich verletzt habe', las Vincent.
Ah, deshalb der weinende Krebs. Machte sich Adam also doch Vorwürfe. Vincent hatte sich nun fünf Wochen den Kopf über die Ereignisse zerbrochen. Manchmal drängte sich noch die Wut in den Vordergrund, aber die meiste Zeit verbrachte er mittlerweile damit, Adam zu vermissen und sich zu wünschen, dass er endlich zurückkam. Gleichzeitig machte es ihn wahnsinnig, dass er keine Möglichkeit hatte, Adam zu kontaktieren. So musste er sich mit den einzelnen Sätzen auf den Karten zufrieden geben.

Bisher hatte Vincent niemandem von den Karten erzählt, nicht einmal Wiktor. Ob der wohl auch Karten von Adam geschickt bekam? Wenn ja, behielt er das für sich. Wenn nicht, wäre er sicher enttäuscht, sollte Vincent ihm von seiner regelmäßigen Post erzählen. Deshalb beschloss Vincent, dass die Karten auch weiterhin sein Geheimnis bleiben würden.

Die Zeichnung auf der nächsten Karte entlockte Vincent ein Lächeln. Ein kleiner Krebs streckte einem Pferd einen riesigen Blumenstrauß entgegen, von dem dies beherzt abbiss.
'Bitte vergib mir!', stand auf der anderen Seite.
Vincents Lächeln wurde sanfter. Das hatte er doch bereits.
Die Karte war in Le Havre gestempelt. Adam bewegte sich nun eindeutig in Richtung Norden.

Als Vincent in der nächsten Woche keine Karte im Briefkasten vorfand, nahm er zuerst an, dass die Post sie wohl erst einen Tag später zustellen würde. Doch als auch am Tag darauf keine Karte kam, nistete sich ein ungutes Gefühl in seinem Bauch ein. Jeden der folgenden Tage kontrollierte er mehrmals täglich seinen Briefkasten, fragte schließlich sogar seine Nachbarn, ob diese vielleicht eine Karte in ihrem Briefkasten gehabt hatten. Keiner hatte etwas bekommen.
Daraufhin checkte Vincent akribisch alle Meldungen aus Nordfrankreich, besorgt, dass Adam etwas zugestoßen war, aber auch dort fand er nichts.
Nach einer Woche angespannten Wartens erhielt Vincent endlich eine neue Karte. Abgebildet war ein Krebs unter der Dusche. Verwirrt las Vincent, was Adam geschrieben hatte: 'Mein Therapeut sagt, ich bin jetzt clean.'
Adam hatte sich einen Therapeuten gesucht? Das hatte Vincent wirklich nicht erwartet. Trotzdem war er froh darüber und vielleicht erklärte das auch, warum die Karte so lange auf sich warten lassen hatte.
Der Poststempel stammte aus Luxemburg. Es schien so, als wenn Adam in Richtung Heimat unterwegs war.

Zu Vincents Beruhigung kam die nächste Karte wieder pünktlich eine Woche später an. Dieses Mal war ein Krebs auf einem Motorrad abgebildet. Hinter einem Zaun standen Pferde und sahen herüber. So langsam fragte Vincent sich wirklich, wo Adam diese Karten immer auftrieb. Das waren ja schließlich keine alltäglichen Motive. Oder waren das alles Adams Zeichnungen? Er drehte die Karte um.
'Bin gerade mein erstes Rennen seit Langem gefahren. Schade, dass du nicht dabei warst.'
Die längste Nachricht bisher und sie kam aus Lelystad in den Niederlanden.

Die Karte, die in der folgenden Woche eintraf, zog Vincent sofort in ihren Bann. Die Vorderseite zierte eine kolorierte Zeichnung von einem Krebs und einem Pferd, die nebeneinander am Strand standen und in die untergehende Sonne schauten.
Auf die Rückseite hatte Adam geschrieben: 'Ich vermisse dich.'
"Ich vermisse dich auch", sprach Vincent in seine leere Wohnung und wischte sich dabei eine Tränen aus dem Augenwinkel. Er hatte jetzt schon so oft gedacht, dass Adam zurückkam, dass er sich kaum traute, auf den Poststempel zu schauen. Hamburg. Das war so nah wie kein anderer Ort, von dem Adam ihm geschrieben hatte. Vincent markierte Hamburg auf der Landkarte. Dann fiel ihm etwas auf: Wenn man alle Markierungen der Reihe nach auf der Karte miteinander verband, ergab sich... Nein, das konnte nicht sein. War das ein Zufall oder hatte Adam das geplant? Vielleicht war das alles nur Wunschdenken, aber für Vincent sah Adams Reiseroute aus wie ein Herz. War das ein versteckter Hinweis? Das würde auch bedeuten, dass Adams nächste Station wirklich Frankfurt war. Die Frage war nur, wann? In einer Woche, wenn normalerweise die nächste Karte ankommen würde?

Die nächsten Tage saß Vincent wie auf glühenden Kohlen. Er war so unkonzentriert bei der Arbeit, dass er sogar mehrfach gefragt wurde, ob bei ihm alles OK sei, was er immer mit einem beiläufigen "Ja, klar" beantwortete.
Trotz seiner Erwartungshaltung überraschte ihn das Klingeln an der Tür am Samstagabend. War das Adam? Nervös strich er sich die Haare aus der Stirn, während er zur Tür ging.
Vorsichtshalber warf er einen Blick durch den Spion. Dann schrie er begeistert auf, riss die Tür auf und sprang Adam praktisch in die Arme. Der taumelte überrumpelt ein paar Schritte zurück, bevor er sein Gleichgewicht wieder erlangte und die Arme um Vincent legte. Vincent vergrub sein Gesicht in Adams Halsbeuge, atmete tief ein. Adam war zurück!
Nach einer halben Ewigkeit, die Vincent immer noch zu kurz vorkam, lösten sie sich voneinander, sodass sie sich ansehen konnten. Sie hatten sich jetzt fast drei Monate nicht gesehen.
"Hi", sagte Vincent.
"Hi."
"Willst du reinkommen?"
Adam nickte und trat hinter Vincent in die Wohnung. Direkt nachdem Vincent die Tür geschlossen und Adam seine Jacke ausgezogen hatte, griff Vincent nach Adams Hand und zog ihn hinter sich her ins Wohnzimmer und auf das Sofa. Selbst dort ließ er Adams Hand nicht los, spielte stattdessen mit den Fingern, während er ihn ansah.
"Du siehst gut aus", stellte Vincent fest und, bevor Adam etwas darauf antworten konnte, fuhr er fort: "Ich hab dich vermisst!"
"Ich dich auch", sagte Adam.
Dann sah er den Ausdruck der Landkarte mit den Markierungen auf dem Tisch liegen. Vincent hatte die Punkte mit einem roten Stift miteinander verbunden.
"Ich sehe, du hast meinen Hinweis verstanden?", stellte Adam fest.
Vincent folgte seinem Blick.
"Ich war mir nicht ganz sicher, ob das Absicht war oder ich mir das nur einbilde, weil ich das gerne so hätte", gab er zu.
Adam wandte sich wieder Vincent zu, legte ihm eine Hand auf die Schulter.
"Das war volle Absicht und ich bin nur zurückgekommen, um deine Antwort zu hören. Egal wie deine Antwort ausfällt, ich werde nicht wieder in den Polizeidienst zurückkehren, sondern mir einen anderen Job suchen. Aber ich würde gerne hier bei dir bleiben."
Wow, die Gespräche mit dem Therapeuten hatten aber so einiges bewirkt, stellte Vincent fest. Jetzt hatte er das Gefühl, er wäre derjenige, der seine Emotionen nicht ausdrücken konnte. So nickte er bloß, lehnte sich vor und wartete darauf, dass Adam ihm zu einem Kuss entgegen kam, was dieser bereitwillig tat.