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Characters:
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Language:
Deutsch
Series:
Part 7 of Notaufnahme
Stats:
Published:
2022-12-26
Words:
3,077
Chapters:
1/1
Comments:
9
Kudos:
88
Bookmarks:
1
Hits:
496

Nachher, nach dem Fest

Summary:

Adam hat Nachtschicht. Leo kann nicht schlafen. Aber er wollte schon immer die Nacht nach Weihnachten in der Notaufnahme verbringen.

Notes:

Ich habe sehr lange überlegt, ob diese Reihe noch einen Weihnachts-Teil bekommen sollte. Am Ende ist es doch weniger weihnachtlich geworden als gedacht, aber ich musste einfach in dieses Universum noch mal eintauchen.

Die Handlung setzt kurz nach "Nachher im Präsidium" an.

Work Text:

Leo dreht sich auf die andere Seite und zieht sich die Decke über die Schultern. Eigentlich ist es im Zimmer viel zu warm dafür, aber er kuschelt sich trotzdem noch tiefer ein, bis nur noch sein Gesicht herausschaut. Dann wird er eben heute Nacht schwitzen. Noch mal aufstehen, um die Heizung abzuschalten, möchte er auch nicht.

Außerdem soll Adam nachher in ein warmes Zimmer kommen, wenn er endlich von der Nachtschicht nach Hause kommt. Draußen ist es zwar nicht so kalt, aber bestimmt friert Adam trotzdem und Leo möchte es ihm so gemütlich wie möglich machen. Leo hat sowieso Spätschicht und kann es sich auch leisten, danach noch ein paar Stunden mit Adam liegen zu bleiben.

Oder er macht Frühstück. Er hat schon lange nichts Besonders mehr zum Frühstück gemacht, weil sie einfach nicht die Zeit dafür gefunden haben (und weil Leo auch nicht besonders motiviert war aufzustehen, wenn Adam mit ihm im Bett lag). Aber er hat bestimmt alle Zutaten für Pfannkuchen da. Adam würde sich bestimmt freuen.

Vielleicht wäre es noch besser, wenn er Adam von der Arbeit abholt. Er hebt den Kopf und muss sich nicht mal besonders konzentrieren, um zu hören, wie das Wasser durch die Regenrinne vor dem Fenster rauscht. Bei dem Wetter kann er Adam wohl kaum Bus fahren lassen. Erst recht nicht an Weihnachten.

Leo dreht sich auf den Rücken und starrt an die Zimmerdecke über ihm, obwohl er im Dunklen nur die groben Umrisse der Deckenlampe ausmachen kann. Wirklich interessant ist die Lampe nicht, aber schlafen kann Leo sowieso nicht. Natürlich ist Adam nicht jede Nacht bei ihm und normalerweise schläft er auch ganz gut alleine, aber heute eben nicht. Heute hätte er sich nichts mehr gewünscht, als dass Adam bei ihm bleiben und mit ihm ins Bett kommen kann.

Er hätte Adam doch nicht für das Weihnachtsessen mit zu seiner Familie nehmen sollen. Nicht weil es nicht gut gelaufen ist – eigentlich lief es sogar ziemlich perfekt. Adam hat zwar nicht viel gesagt, aber er war höflich und hat es gut hinbekommen, Interesse an der Hobby-Imkerei seines Vaters, den Lieblingskrimiserien seiner Mutter und Caros Geschichten aus dem Studium zu heucheln.

Im Gegenzug haben Leos Eltern keine peinlich Fragen gestellt, worüber Leo ziemlich erleichtert war. Er hat fast schon befürchtet, dass die Frage kommt, ob sie irgendwann auch Adams Familie besuchen, aber glücklicherweise hat niemand etwas in der Richtung erwähnt. Mit den wenigen Fragen über sein Praktikum und das Studium ist Adam gut zurechtgekommen und Leo hatte kein schlechtes Gewissen, ihn mitgebracht zu haben.

Die Zeit ist wie im Flug vergangen. Das hat allerdings auch bedeutet, dass sich der Spielenachmittag in die Länge gezogen hat, ohne dass Leo gemerkt hat, wie spät es schon ist. Danach blieb ihnen kaum noch Zeit, bevor Adam zur Arbeit musste.

Ihm wäre es lieber gewesen, wenn sie noch einmal ausführlicher hätten reden können nach dem Besuch bei seiner Familie. Wenn Adam sich die ganze Zeit unwohl gefühlt hat, muss Leo das wissen. Mama hat ihm hinterher gesagt, dass er Adam gerne öfters mal mitbringen soll, aber das kann er schlecht zusagen, ohne zu wissen, ob Adams gute Laune beim Monopolyspielen am Wohnzimmertisch nur aufgesetzt war. Eigentlich wirkte es echt, aber Adam kann sich auch wahnsinnig gut verstellen.

Leo dreht sich auf die andere Seite. Die leuchtenden Ziffern seines Weckers blinken ihm entgegen. Es ist erst halb zwei, das heißt, es dauert noch Stunden, bis Adam endlich frei hat und nach Hause kommen kann. Sie haben nicht darüber gesprochen, aber Leo geht einfach mal davon aus, dass Adam nachher wieder zu ihm kommt. Vielleicht sollte er ihm sicherheitshalber noch mal schreiben, dass er gerne vorbeikommen kann.

Lesen wird Adam die Nachricht bestimmt nicht zeitnah. Leo lässt die Hand wieder sinken, die er schon nach dem Handy auf seinem Nachttisch ausgestreckt hat. Er möchte gar nicht wissen, wie voll es heute in der Notaufnahme wird. Nach dem ersten Weihnachtstag tauchen bestimmt jede Menge Leute dort auf, weil die Arztpraxen geschlossen sind oder weil sie es mit ihrer Familie nicht länger ausgehalten haben.

Als er Adam vorhin vor dem Krankenhaus abgesetzt hat, hat Adam ihn angelächelt und ihm gesagt, dass es ein schöner Tag war. Jetzt versucht Leo, sich dieses Lächeln wieder vor Augen zu führen. War es echt oder dachte Adam, er müsste so etwas sagen, weil er Leo gegenüber nicht schlecht über seine Familie reden möchte? Er kann sich durchaus vorstellen, dass man seine Eltern anstrengend finden kann. Caro erst recht, vor allem, nachdem sie beim Monopoly verloren hat.

Es hilft nichts. Leo wird so niemals einschlafen können. Er setzt sich auf und reibt sich mit einer Hand übers Gesicht. Vielleicht kann er sich für eine Weile auf die Couch legen und dort ein wenig dösen. Ganz so übermüdet kann er morgen schlecht arbeiten gehen, aber in diesem Bett kann er auch nicht bleiben. Nicht ohne Adam.

Was ein bisschen lächerlich ist, aber Leo ruft sich ins Gedächtnis, dass es Weihnachten ist. Das Fest der Liebe und so. Da wird er wohl das Recht haben, seinen Freund zu vermissen. Und selbst wenn nicht, bekommt es ohnehin niemand mit, solange es nur in seinem Kopf passiert.

Wieder einmal zucken seine Finger in Richtung seines Handys. Er kann sich gerade noch davon abhalten, Adam eine kitschige SMS zu schicken, dass er ihn liebt und dass das Bett sich ohne ihn viel zu groß anfühlt.

Als er aufsteht, fällt sein Blick wieder auf den Wecker. Mittlerweile ist es zwanzig vor zwei. Gegen zwei müsste Adam seine Pause haben, wenn nicht zu viel los ist. Das heißt, wenn Leo ihm jetzt eine Nachricht schickt, könnte es sein, dass er sie bald liest. Oder…

 

Als sich die Schiebetüren der Notaufnahme für ihn öffnen, kommt Leo sich doch ein bisschen blöd vor. Er umklammert die Thermoskanne und die Tupperdose etwas fester, weil sie ihm fast aus den schwitzenden Händen rutschen. Er hätte sie doch erst mal im Auto lassen sollen. Einen Rückzieher kann er jetzt aber nicht mehr machen, weil die unbekannte Frau am Empfang ihn schon gesehen hat.

Sie begrüßt ihn mit einem freundlichen „Wie kann ich Ihnen helfen?“, aber Leo hat nur Augen für Adam, der hinten in einer Ecke sitzt und in diesem Moment vom Computer zu ihm aufschaut.

„Leo!“ Adams Stuhl rollt zurück und trifft mit einem dumpfen Knall auf der anderen Seite der kleinen Kabine auf einen Aktenschrank. Adam drängt sich neben seine Kollegin an den Tresen. „Ist alles okay?“

„Klar.“ Leo muss sich einmal räuspern. Seine Stimme klingt belegt. Er greift die Thermoskanne etwas fester, damit sie ihm bloß nicht runterfällt. „Ich dachte nur…“ Er hat keine Ahnung, was er sich dabei gedacht hat, außer dass er nicht schlafen konnte und dass er Adam unbedingt sehen musste.

Sein Blick huscht zu Adams Kollegin, die ihn neugierig mustert. Von ihrem Platz hinter dem Empfangstresen kann sie nur seine Winterjacke sehen, aber Leo wünscht sich trotzdem, er hätte sich Jeans angezogen anstatt einer Jogginghose. Wieso war er nicht darauf vorbereitet, dass jemand anderes mit Adam hier sein könnte? Dann hätte er sich das mit Sicherheit anders überlegt, noch bevor er losgefahren ist.

Leo schluckt. Jetzt ist er schon mal hier. Er muss einfach nur hoffen, dass es im Nachhinein für Adam nicht zu peinlich wird, weil sein anhänglicher Freund einfach ohne Ankündigung hier aufgetaucht ist. „Ich hab dir was mitgebracht.“ Er stellt die Thermoskanne und die Keksdose auf dem Empfangstresen ab. „Weil du doch nichts zu essen für die Pause mitgenommen hast.“

Wahrscheinlich hätte das Abendessen, das Leos Mutter ihnen vorgesetzt hat, auch bis zum Ende von Adams Schicht vorgehalten, aber Adams Augen scheinen förmlich aufzuleuchten, als er die Keksdose sieht. „Weihnachtsplätzchen?“

„Ja.“ Leo schiebt die Dose etwas weiter zu ihm hinüber. „Ich hab bei meinen Eltern noch ein paar mitgenommen.“ Immerhin hat Adam die, die er mal ins Präsidium mitgenommen hat, bestimmt längst vertilgt. Leos Mutter war so begeistert, dass Adam ihre Kekse so gerne mochte, dass es nicht viel gebraucht hat, um sie zu überreden, noch eine Ladung mehr zu backen.

Adam scheint einen Blick mit seiner Kollegin zu wechseln. Er öffnet die Keksdose, nimmt zwei heraus und legt sie hinter dem Tresen auf ihrem Schreibtisch ab. „Du hast doch nichts dagegen, wenn ich jetzt schon meine Pause mache, oder?“

Außer Leo steht gerade niemand am Empfang an, aber es braucht einen weiteren Blick und noch zwei Kekse mehr auf ihrem Schreibtisch, bis sie endlich lächelt und nickt. „Na klar, geht schon. Aber sei pünktlich wieder hier, ja?“

„Natürlich. Kein Problem.“

Leo würde nicht sagen, dass er den Atem angehalten hat, aber es fühlt sich trotzdem an, als ob sich ein Gewicht von seiner Lunge löst, als Adam hinter dem Empfangstresen hervor kommt. Leo schnappt sich die Keksdose und seine Thermoskanne und folgt ihm in das Gewirr von Gängen hinein.

Wahrscheinlich sollte er sich den Weg zurück zum Eingang einprägen, aber wirklich darauf konzentrieren kann er sich nicht. Nicht nur, weil er Adam leider in der blassen Pflegeruniform ziemlich gut aussehend findet, sondern auch, weil Adam nach seinem Arm gegriffen hat, sobald sie außer Sichtweite waren.

Er wünscht sich sofort, dass er nicht beide Hände voll hätte, damit sie Händchen halten könnten. Adam würde das bestimmt auch wollen, nun wo die Gänge um sie herum leer sind. Es wäre auf jeden Fall noch besser als jetzt, wo er Adams Finger an seinem Ellbogen durch seine Jacke hindurch nicht einmal richtig spüren kann.

Auf einmal biegt Adam abrupt ab und zieht ihn durch eine Tür, auf der Nur für Personal steht. Obwohl sie sich noch im Krankenhaus befindet, wirkt es hier irgendwie ruhiger. Die Schließfächer an den Wänden und der Tisch in der Mitte des Raumes sehen nicht gerade gemütlich aus, aber es wird schon gehen. Hauptsache, sie sind für eine Weile alleine.

„Was machst du hier?“ Adam ist in der Mitte des Raumes stehen geblieben und hat die Arme vor der Brust verschränkt.

Eben hat er noch gelächelt, aber jetzt wirkt er nicht mehr so glücklich. Herzukommen war wahrscheinlich doch eine dumme Idee, aber jetzt kommt Leo da nicht mehr raus.

Er stellt die Thermoskanne und die Kekse auf dem Tisch ab. Für einen Moment konzentriert er sich darauf, die Dose genau parallel zur Tischkante anzurichten, bevor er wieder zu Adam aufschaut. Eine Ausrede hat er allerdings immer noch nicht, also muss er es wohl mit der Wahrheit versuchen. „Ich hab dich vermisst.“

„Du hast mich vermisst?“

Etwas hilflos hebt Leo die Schultern. „Wir hatten gar keine richtige Zeit zu zweit. Nur wir beide.“

„Leo.“ Adam seufzt. Am liebsten würde Leo alles ungeschehen machen und sofort wieder gehen. Er dachte, Adam würde sich freuen – doch dann lösen sich Adams verschränkte Arme plötzlich und Leo findet sich in einer festen Umarmung wieder.

„Ich hab nicht viel Zeit“, murmelt Adam gegen seine Schulter.

„Egal.“ Leo ist alles egal, solange er Adam im Arm halten darf. Schlagartig bereut er es kein bisschen mehr, dass er hergekommen ist. Selbst wenn Adam jetzt sofort wieder zurück zum Empfang müsste, hätte es sich gelohnt.

Er möchte Adam gar nicht loslassen und lockert ihre Umarmung nur, damit Adam den Reißverschluss seiner Winterjacke herunterziehen kann. Er spürt Adams kalte Hände an seinem Rücken und lässt sein Kinn auf Adams Schulter senken.

Selbst wenn er immer noch nicht genau weiß, was Adam von der Weihnachtsfeier mit seiner Familie gehalten hat, kann er sich immerhin sicher sein, dass zwischen ihnen alles in Ordnung ist. Sonst würde Adam ihn nicht so festhalten und sich so an ihn lehnen, als ob er möchte, dass Leo ihn auffängt.

„War es anstrengend heute?“ fragt Leo leise. Er streichelt sanft an Adams Rücken auf und ab, wie er das machen würde, wenn sie zuhause wären. Dort auf der Couch oder in seinem Bett wäre es noch schöner, aber hier geht es auch.

„Nur ein bisschen. Wir –“

„Oh. Sorry.“

Bei der fremden Stimme zuckt Leo zusammen. Adam lässt ihn los und macht einen Schritt nach hinten. Leo möchte ihn nicht gehen lassen, aber in Anbetracht der Tatsache, dass die Frau an der Tür sie beide anstarrt, ist es vielleicht besser so. Es ist nicht so, dass sie hier etwas Verbotenes getan haben – jedenfalls hofft Leo, dass es nicht verboten ist, dass Adam ihn hergebracht hat.

Über Adam Wangen zieht sich eine leichte Rotfärbung. Er hat noch nichts gesagt und sich nur von Leo weggedreht. Je länger sie nur so hier herumstehen, desto peinlicher wird es. Leider fällt Leo nichts ein, was er sagen könnte, um die Situation zu zerstreuen.

„Ich müsste nur kurz an den Schrank. Ich wollte euch gar nicht stören.“

Leo geht zur Seite, damit sie sich an ihnen vorbeischieben kann. Adam hat wieder die Arme vor der Brust verschränkt. „Er hat mir nur Kekse vorbeigebracht.“

Die Frau dreht sich wieder um und streicht sich ihr Oberteil glatt. „Das ist aber nett.“

Leo versucht, ihr Lächeln zu erwidern, auch wenn es wahrscheinlich viel zu angestrengt wirkt. Es fällt von seinen Lippen, sobald sich die Tür wieder hinter ihr schließt. Er hätte auch vorher darauf kommen können, dass sie hier zwar alleine sind, aber dass jeden Moment jemand hereinkommen könnte. Gut dass er nicht dem flüchtigen Gedanken gefolgt ist, der ihn dazu überreden wollte, Adam für eine kurze Knutscherei gegen die Reihe an Schließfächern zu drücken.

Er wäre wahrscheinlich schon wieder dabei, sich in irgendetwas hineinzusteigern, wenn er nicht Adams Hand wieder an seinem Rücken unter seiner Jacke spüren könnte.

„Ich find’s auch echt nett“, sagt Adam direkt neben seinem Ohr. Sein Gesicht ist noch leicht gerötet, aber er sieht nicht so aus, als ob er Leo gleich rausschmeißen wird, damit sie nicht von noch mehr Kollegen erwischt werden. Im Gegenteil, er lehnt sich sogar kurz für Leo, um ihm einen Kuss auf die Lippen zu drücken.

Lange dauert der Kuss nicht und er hat nichts mit Leos Fantasien von vorhin zu tun. Aber es hilft, Leos Sorgen zu zerstreuen. Ihm wird ein bisschen wärmer, wenn auch nicht so warm wie in Adams Umarmung. Doch das setzen sie vielleicht tatsächlich besser zuhause fort.

Mittlerweile hat Adam sowieso die Keksdose geöffnet und sich einen von den Keksen in den Mund gesteckt. „Und was ist das?“ Er deutet auf die Thermoskanne.

„Kakao.“ Leo kommt etwas näher und öffnet die Kanne für ihn. „Ich dachte, das passt zu den Keksen?“

Diesmal besteht kein Zweifel daran, dass Adams Lächeln echt ist. „Das passt perfekt.“

 

Glücklicherweise werden sie nicht mehr gestört. Leo könnte wahrscheinlich ewig mit Adam an diesem Tisch sitzen bleiben und mitten in der Nacht Kekse futtern. So viel Zeit haben sie allerdings nicht.

„Ich muss wieder nach vorne.“

Adam sieht nicht so aus, als ob er wieder aufstehen möchte, also kommt Leo ihm zuvor. Er hält Adam eine Hand hin, um ihm hoch zu helfen (und um seine Hand danach noch ein bisschen länger als nötig festzuhalten, während er mit der anderen den Deckel auf die Keksdose macht). Von der Arbeit abhalten möchte er Adam aber auch nicht.

Als sie wieder beim Empfang ankommen, ist immer noch nicht viel los. Adams Kollegin kommentiert es nicht, dass sie streng genommen zwei Minuten länger als die erlaubt halbe Stunde gebraucht haben. Stattdessen verabschiedet sie sich in ihre eigene Pause.

Leo sollte nach Hause fahren, aber er kann sich noch nicht dazu bringen, Adam hier alleine zu lassen. Zuhause wartet sowieso nur sein leeres Bett auf ihn, das inzwischen bestimmt ganz kalt ist und in dem er ohne Adam ohnehin nicht schlafen kann. Er stützt sich mit den Ellbogen auf dem Empfangstresen ab. „Ich könnte noch eine Weile bleiben?“

Adam schaut von den Papieren auf, die er gerade durchgeschaut hat. „Sicher? Wenn gleich wieder Leute kommen, kann ich mich nicht um dich kümmern.“

Leo kann das Lächeln nicht unterdrücken, das sich auf seinem Gesicht ausbreitet. „Ich kann mich schon um mich selber kümmern. Wenn jemand kommt, setze ich mich einfach hin.“ Er nickt in Richtung der Stühle im Wartebereich.

Für einen Moment befürchtet er, dass Adam ihn wegschickt und er weiß nicht genau, was er dann machen soll. Wahrscheinlich würde er einfach nur im Auto auf dem Parkplatz warten, bis Adams Schicht vorbei ist. Aber dann schaut Adam sich einmal um, bevor er über den Tresen greift und kurz Leos Schulter drückt. „Vielleicht noch ein paar Minuten?“

 

*

 

Der Strom an neuen Besuchern und Leuten, die ihn mit dummen Fragen nerven, ist schon viel zu lange nicht abgerissen. Als Adam endlich einen Moment zum Durchatmen bekommt, ist eine Kollegin von der Frühschicht schon da. Während Nele an ihrem Kaffee nippt und die Formulare der Nacht sortiert, aktualisiert Adam noch schnell die Liste der Personen, die noch im Wartebereich sitzen.

„War viel los?“ erkundigt Nele sich und schaut ihm über die Schulter.

„Siehst du ja selbst.“ Adam speichert die Liste ab und vergewissert sich, dass der Rest seines Arbeitsplatzes aufgeräumt genug ist, dass er ihn der Kollegin überlassen kann.

„Und was ist mit dem?“

Er will schon unauffällig die Augen verdrehen, weil er vermutet, dass sie den Kerl meint, der seit zwei Stunden hier ist und in dieser Zeit schon neunmal nachgefragt hat, wann er endlich drankommt, obwohl es ihm augenscheinlich ziemlich gut zu gehen scheint. Doch dann bemerkt er, dass sie gar nicht auf den Mann deutet, der ausnahmsweise still mit einer Zeitschrift in der Hand in einer Ecke sitzt.

Adam folgt ihrem Blick und spürt schon, wie ihm wieder einmal die Hitze in die Wangen steigt. Leos Kopf lehnt hinten an der Wand. Er sitzt schon seit einer Weile so da, bewegungslos und mit geschlossenen Augen. Wenn es nicht so voll gewesen wäre, wäre Adam gerne einmal an ihm vorbeigelaufen, um zu horchen, ob er schnarcht. Oder um ihm vorsichtig die Haare aus der Stirn zu streichen, die schon verstrubbelt aussahen, als er hier angekommen ist, aber jetzt noch zerzauster wirken.

Doch Adam war zu beschäftigt dafür, was vielleicht sogar ganz gut war, weil er Leo so nicht aus Versehen wecken konnte. Nach Hause gefahren wäre Leo sowieso nicht, egal wie oft Adam ihm gesagt hätte, dass er nicht unbedingt bleiben muss. Aber jetzt ist Adam endlich fertig, was bedeutet, dass auch Leo nicht länger hier ausharren muss.

Es klirrt leise, als Nele irgendwo hinter ihm noch einmal ihren Kaffee umrührt. Adam erinnert sich, dass sie ihn etwas gefragt hat.

Er ist ziemlich froh, dass er mit dem Rücken zu ihr steht und dass sie deshalb nicht sehen kann, wie blöd er lächelt, als Leo leicht das Gesicht verzieht und versucht, sich im Schlaf auf seinem Stuhl zur Seite zu drehen. „Der gehört zu mir.“

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