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Characters:
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Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2023-03-12
Completed:
2023-03-17
Words:
18,071
Chapters:
6/6
Comments:
64
Kudos:
195
Bookmarks:
23
Hits:
2,087

Stoß für Stoß

Summary:

Adam hält Menschen gerne auf Distanz. Er mag es einfach nicht, wenn ihm jemand zu nahe kommt und in seinen persönlichen Bereich eindringt. Und er kann es echt überhaupt nicht haben, wenn andere Menschen ihn unvermittelt berühren.
Die Ausnahme zu dieser Regel ist Leo. Leo ist sicher, bei Leo muss sich Adam keine Gedanken darüber machen, dass er seine Grenzen nicht respektiert.
Doch dann bricht Leo dieses Vertrauen, und Adam muss sich plötzlich komplett neu orientieren. Gut, wenn man in einer solchen Situation eine weise Pathologin kennt, die gerne mal ihre Kaffeepause opfert, und zudem noch den bequemsten Sessel in ganz Saarbrücken ihr Eigen nennt.

Notes:

Warnung: Diese Geschichte handelt von Gewalt (der kanonischen, die Adam in der Vergangenheit geschehen ist und die hier nicht im Detail beschrieben wird) und Grenzüberschreitungen. Leo wird Adam gegenüber nicht gewalttätig, aber Ausgangspunkt der Geschichte ist eine Situation, in der ihre Grenzen einander gegenüber nicht klar abgesteckt sind. Adam interpretiert eine Handlung Leos anders, als diese gemeint war, weil Leo sich nicht bewusst ist, dass er gerade eine Grenze überschreitet.

Es wird eine Panikattacke beschrieben.

Diese Geschichte entstand aus einer Diskussion im Saabrücken-Discord. In "Herr des Waldes", als Leo Adam damit konfrontiert, dass er weiß, dass Adams Vater aus dem Koma aufgewacht ist, schubst er Adam mit beiden Händen gegen die Brust heftig nach hinten. Adam beschreibt das im Dialog etwas später als "ausrasten".
Die Diskussion entwickelte sich um den Gedanken, dass dieses heftige Schubsen für jemanden mit Adams vergangenen Erfahrungen mit Gewalt wahrscheinlich eine ganz andere Bedeutung hat, als für jemanden, der kein Opfer von Gewalt ist.
Daraus wuchs die Idee für eine Geschichte, in der Leo im Streit eine gewisse Körperlichkeit an den Tag legt, die Adam instinktiv anders wahrnimmt, und welcher Konflikt sich daraus für die beiden ergeben kann.
In der realen Welt wäre der sinnvollste Ansatz für Adam (und Leo) wohl eine Therapie. Da dies Fiktion ist, spricht Adam stattdessen mit Henny, und komplexe Probleme werden wahrscheinlich unnatürlich schnell gelöst.
Das soll diese Probleme in der Realität auf keinen Fall kleinreden.

Chapter Text

Stoß für Stoß

(1.)

 

Es passiert in der Gerichtsmedizin.

Wobei, eigentlich beginnt es schon viel früher. Viel, viel früher. Jahre früher, aber das wäre zu weit gegriffen.

An diesem Tag beginnt es im Auto auf dem Weg zur Gerichtsmedizin. Leo ist angepisst. Hauptsächlich ist es Frustration über ihren Fall, Adam weiß das. Sie sind tagelang auf dem Zahnfleisch gegangen und haben sich an dem Fall festgefressen, ohne dass sie irgendwie der Lösung näher gekommen wären.

Aber zu der generellen Frustration über die Ermittlung kommt auf jeden Fall eine gehörige Portion Frustration mit Adam. Was Adam ehrlich für eine Überreaktion hält. Es ist jetzt echt nicht das erste Mal, dass er beschlossen hat, alleine einen Zeugen zu befragen. Oder eine Zeugin, in diesem Fall. Sie alle machen das gelegentlich, besonders wenn einer von ihnen das Gefühl hat, dass ein Zeuge ihnen was verschweigt. Manchmal reagieren Leute in der Befragung komisch, oder wollen nicht mit einem bestimmten Kommissar reden. Es passiert, und Adam hatte das Gefühl, dass die Arbeitskollegin ihres Mordopfers mehr wusste, als sie ihnen sagte. Und dass sie dichtgemacht hatte, als sie sie zum ersten Mal befragt haben. Genauer gesagt, als Leo sie befragt hat.

Deshalb ist er heute morgen aus einem Bauchgefühl heraus nochmal zu ihr gefahren, um sie zu befragen, so wie er schon hundert Mal zuvor alleine zu einer Zeugenbefragung gefahren ist.

So wie Leo es übrigens bestimmt auch schon hundert Mal gemacht hat.

Es gibt da nicht mal eine Regel dagegen. Ein Kriminalhauptkommissar braucht keinen Aufpasser, um einen Zeugen zu befragen.

Womit Adam jetzt nicht unbedingt gerechnet hat, war, dass ihre Zeugin sich plötzlich als ihre Täterin herausstellt, die durch Adams unangemeldeten Besuch aufgescheucht wurde und eine spektakuläre Flucht angetreten hat. Adam hat das Ganze eine recht schmerzhafte Begegnung mit dem Küchentisch der Dame beschert, in den sie ihn unsanft gestoßen hat, bevor sie wie eine Irre aus der Wohnung gerannt ist.

Er hatte jetzt mit allem gerechnet, aber nicht damit, angegriffen zu werden. Bis er sich wieder zusammengerauft hatte und aus der Wohnung raus war, ist sie schon im Auto gewesen und mit quietschenden Reifen davon gebraust. Adam hat sofort Verstärkung gerufen und eine Fahndung eingeleitet, aber die Verfolgung war sehr schnell vorbei, weil die Verdächtige die Kontrolle über ihr Fahrzeug verloren hat und einen Hang hinunter gebrettert ist.

Deshalb sind Adam und Leo jetzt auf dem Weg in die Gerichtsmedizin, und deshalb ist Leo aus irgendeinem Grund total angepisst. Adam hat keine Ahnung, warum. Er hätte ja schließlich nicht wissen können, dass ihre Zeugin die Täterin war. Oder, dass sie sich zu Tode rasen würde. Aber Leo ist offensichtlich angepisst, und die Luft im Wagen ist geladen.

Rückblickend hätte es vielleicht eine Warnung sein sollen, dass Adam auf einmal ein schlechtes Gefühl hat, so als wäre das Auto zu klein für all die negative Energie, die es anfüllt. Normalerweise ist Stille mit Leo nie unangenehm, selbst wenn sie vielleicht gerade nicht einer Meinung sind, aber heute ist da eine Spannung in der Luft, die irgendwas tief in Adam ganz unangenehm zum Mitschwingen bringt. Er rutscht ungeduldig in seinem Sitz hin und her und hofft, dass die Fahrt möglichst schnell vorbei ist.

Es dauert trotzdem genauso lange wie immer – endlose fünfzehn Minuten, bis sie das Auto auf dem Parkplatz abstellen und schweigend nebeneinander her in die Gerichtsmedizin gehen.

Selbst Henny scheint zu bemerken, dass irgendwas heute nicht stimmt. Da sind einige fragende Blicke, aber letztendlich fasst sie sich kurz und gibt ihnen die wichtigsten Fakten: ihre Verdächtige ist tot (große Überraschung) und ist durch eine stumpfe Aufprallverletzung gestorben (dito), und hatte weder Alkohol noch Drogen im Blut. Aber sie hatte ein paar Kratzer am Oberarm, und der Tote in ihrem Fall hatte Hautpartikel unter den Fingernägeln. Wenn der DNA-Abgleich stimmt, haben sie schon mal ein sehr gutes Indiz auf ihre Täterschaft und können den Fall hoffentlich bald abschließen.

Adam sagt während des gesamten Gesprächs kaum etwas. Um ehrlich zu sein, will er einfach nur noch raus hier und zurück ins Büro. Irgendwer wird die Wohnung ihrer vermeintlichen Täterin durchsuchen müssen, und er ist mittlerweile an dem Punkt angekommen, wo er das lieber freiwillig mit Esther machen würde, anstatt mit Leo zurück ins Büro zu gehen.

So weit kommt es aber gar nicht.

Sie haben die Leichenhalle gerade verlassen und angefangen, sich Richtung Ausgang zu bewegen, da schnauft Leo genervt neben ihm, und Adam hat echt genug.

"Was?" Er bleibt stehen und hebt die Arme zur Seite. "Was, Leo? Du bist pissig, seit ich vorhin aufs Revier zurückgekommen bin. Was genau passt dir nicht?"

"Was mir nicht passt ? Ist das jetzt grade dein Ernst? Du machst so einen Alleingang, und dann fragst du mich, was mein Problem ist?"

Adam versteht gar nichts mehr. "Alleingang? Was um alles in der Welt soll den das heißen? Ich hab eine Zeugin befragt."

"Eine Täterin ." Leos Augen funkeln wütend im Licht der Neonröhren, und so langsam glaubt Adam, dass er irgendwo falsch abgebogen ist und in der Twilight Zone gelandet ist.

"Nein, eine Zeugin. Eine Zeugin, die bei ihrer ersten Befragung durch dich komplett dicht gemacht hat, die aber irgendwas verheimlicht hat."

"Ja, dass sie die verdammte Täterin ist! Und tauchst einfach so bei ihr auf, ohne Verstärkung..."

"Müssen wir uns jetzt seit Neustem für Zeugenbefragungen pärchenweise aufstellen und an den Händen halten?"

"Ohne Verstärkung", wiederholt Leo und macht einen Schritt auf ihn zu. Adam macht einen unbewussten Schritt zurück und fühlt die kalte Wand des Korridors gegen seinen Rücken drücken. "Und ohne irgendjemandem im Büro Bescheid zu sagen. Kein Mensch wusste, wo du bist, Adam."

Adams Mund fühlt sich trocken an, und sein Herz beginnt, in seiner Brust zu hämmern. Leo ist zu nah, und redet sich in Rage über etwas, das sie beide schon hundertmal gemacht haben, etwas, das vorher nie ein Problem war, und Adam wird das jetzt nicht so einfach auf sich sitzen lassen.

"Weil du dich jedes Mal brav abmeldest, wenn du spontan einer Spur nachgehst. Jetzt sei nicht so ein verdammter Heuchler, Leo! Ich hab heute nichts gemacht, was ich nicht schon hunderte Male vorher gemacht habe. Dass die so durchdreht hätte ich echt nicht ahnen können."

"So, wie sie dich überrumpelt hat offensichtlich nicht. Kannst von Glück sagen, dass sie nicht bewaffnet war!"

Leos Reaktion steht in keinerlei Verhältnis zu dem, was heute passiert ist. Ja, Ziel ist es immer, den Täter lebend zu kriegen, aber es war jetzt nicht Adams Schuld, dass die Frau sich lieber mit dem Auto zu Tode gerannt hat, als sich verhaften zu lassen. Adam sollte angepisst sein, dass Leo hier so ein Fass aufmacht. Er ist angepisst, aber da ist noch ein anderes Gefühl tief in seiner Magengrube, das den Ärger überlagert. Ein Gefühl wie Unruhe, nur schlimmer.

Er muss hier raus.

"Und ich war unbewaffnet, oder was? Leo, ich mach den Job auch nicht erst seit gestern. Ich weiß schon, wie ich mich in so einer Situation zu verhalten habe!"

Er macht einen Schritt zur Seite, will an Leo vorbei, doch der packt ihn auf einmal an der Schulter. Der Griff ist nicht fest (zu fest, viel zu fest), aber Adams instinktive Reaktion ist dennoch, seine Schulter mit einem Ruck loszureißen. Er macht einen Schritt zurück, aber da ist wieder die Wand.

Er geht einen Schritt zur Seite, um mehr Distanz zwischen Leo und sich zu schaffen, aber der rückt sofort nach und lässt keinen Abstand zu. Es ist alles zu viel, zu nah,

"Adam, verdammt nochmal. Kannst du einmal einfach was annehmen ohne gleich Kontra zu geben? Was ist so schwer daran? Keine Alleingänge, und lass jemanden wissen, dass du dich gerade in Gefahr begibst, mehr will ich doch gar nicht!"

"Ich brauche keinen verdammten Babysitter, Leo!"

"Und ich will nicht, dass beim nächsten Mal du derjenige bist, der bei Henny auf dem Obduktionstisch landet, ist das so schwer zu verstehen?"

Die Worte hallen im leeren Flur nach, aber sie kommen bei Adam nicht an. Das einzige, was ankommt, ist, wie Leo den Arm hebt und die Schulter zurückzieht, und ab da überzieht Adam eine eisige Kälte, die alles andere überlagert.

Die Reaktion ist instinktiv. Er erstarrt (nur nicht bewegen, nur nicht weglaufen, nur nicht wehren, das macht alles nur noch schlimmer), sieht wie in Zeitlupe dabei zu, wie Leos Hand auf ihn zuschnellt, und wartet auf den Schmerz. Der Schmerz kommt immer, egal was er tut.

Diesmal kommt er nicht.

Leos Hand trifft ihn nicht.

Leo schlägt seine Handfläche wütend gegen die Wand neben Adams Kopf und dreht sich dann weg, stapft den Flur entlang und verschwindet um die Ecke.

Adam bekommt davon nichts mit.

Er hört nur das Wummern seines eigenen Pulsschlags in seinen Ohren. Sein Blickfeld verengt sich, bis er nur noch die hässliche graugrüne Wand des Flurs sieht, und selbst dieser Ausschnitt zu einem strukturlosen Fabrklecks verschwimmt. Seine Brust ist eng, als würde ihm jemand den Brustkorb einschnüren, und egal wie hart er arbeitet, wie sehr er es versucht, er kann einfach nicht genug Luft in seine Lungen bekommen.

Aber er braucht Luft, sonst muss er ersticken, er muss hier raus, so schnell wie möglich, draußen wird es besser sein, draußen ist jede Menge Luft, nicht wie hier in dem stickigen Keller. Er muss nur rauskommen, dann wird schon alles gut werden. Er muss raus hier, aber seine Muskeln gehorchen ihm nicht, seine Beine sind taub und nutzlos und brechen unter ihm zusammen, und er kriegt keine Luft.

Wie mit dem Froschgift.

Er kann nicht atmen und sich nicht bewegen, aber er kann das nicht nochmal durchstehen. Er muss atmen, muss raus hier , aber er kann nicht atmen. Er fühlt, wie sein Shirt vor Schweiß an ihm klebt, obwohl ihm eiskalt ist, aber das ist alles egal, weil er nicht atmen kann. Er muss nach draußen, wo Luft ist, aber draußen ist irgendwo auch Leo, und bei dem Gedanken schnürt sich das eiserne Band um seine Brust nur noch enger. Wenn er nicht bald atmet, wird er hier elendig verrecken.

Da hätte die Drecksau bestimmt ihre Freude dran.

Adam Schürk, elendiglich verreckt im Kellerkorridor.

Adam Schürk, die ewige Enttäuschung.

Adam Schürk, sogar im Tod ein Schwächling, dem einfach die Lunge und dann das Herz aufgeben, weil er vergessen hat, wie man atmet.

"Herr Schürk."

Adam, der nie für irgendwas zunutze war, dem niemand eine Träne nachweint, wenn er hier kläglich verreckt.

"Adam."

Adam Schürk, der sogar Leo wütend genug macht, dass er ausholt.

Er versucht immer noch verzweifelt, Luft einzusaugen, aber da ist nichts.

"...durch die Nase..."

Keine Luft.

"...und aus durch den Mund..."

Das Band lockert sich etwas, aber er will immer noch rennen und kann sich nicht bewegen. Er muss hier weg, aber er kann sich einfach immer noch nicht bewegen.

"Ein durch die Nase..."

Durch die Nase zu atmen geht etwas besser. Nicht gut. Aber da ist Luft. Vielleicht muss er ja doch nicht sterben.

"...sechs, sieben, und jetzt langsam durch den Mund ausatmen."

Ausatmen kann er, aber die Angst ist so groß, dass der nächste Atemzug schon wieder nicht klappt.

"...durch die Nase, eins, zwei, drei, vier, und jetzt die Luft anhalten..."

Er weiß nicht, wo die Stimme herkommt, aber das Zählen hilft. Es ist einfacher wenn er zählt.

Einatmen. Eins, zwei, drei, vier

Luft anhalten. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben

Ausatmen. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht

Zählen kann er. Zählen macht Sinn. Wenn er zählt, kann er atmen.

Das Band um seine Brust lockert sich noch ein klein wenig. Vielleicht muss er ja doch nicht sterben.

"Sehr gut. Das machen Sie sehr gut. Einfach genauso weiter atmen."

Er kennt die Stimme. Er kann nicht sagen, wem sie gehört, aber er kennt sie, und es ist eine gute Stimme. Keine Stimme, die die Angst verschlimmert.

"Sie haben eine Panikattacke. Das fühlt sich furchtbar an, aber ich verspreche Ihnen, das geht vorbei. Einfach weiter atmen, langsam und bewusst. Einatmen durch die Nase, Luft anhalten, ausatmen durch den Mund."

Adam kann nicht sagen, wie lange so dasitzt und einfach verzweifelt vor sich hin atmet. Aber irgendwann, nach einer gefühlten Ewigkeit, wird es besser. Er kann atmen. Sein Herz wummert immer noch in seiner Brust, aber er kann atmen. Langsam öffnet er die Augen und blinzelt gegen das grelle Neonlicht.

Da hockt jemand vor ihm. Nicht nah. Weit genug weg, dass ihre Präsenz nicht bedrohlich ist, sondern ein paar Schritte den Flur runter, und an die gegenüberliegende Wand gelehnt.

Henny Wenzel.

Sie sitzt in der Hocke, Hände auf den Knien abgelegt, und beobachtet ihn aufmerksam, macht aber keinerlei Anstalten, sich ihm zu nähern. Als er sie anblickt, lächelte sie sanft.

"Hallo Herr Schürk. Sind Sie wieder bei mir?"

Adam kann nur vor sich hin keuchen und die Worte über sich rieseln lassen. Da ist gerade zu viel los in seinem Kopf, er kann so eine Frage jetzt nicht beantworten.

Henny nickt langsam. "Okay, wir gehen das ganz langsam an. Sie sind auf dem Gang in der Gerichtsmedizin. Sie hatten eine Panikattacke, aber das Schlimmste ist überstanden. Es wird noch etwas dauern, bis sie sich wieder besser fühlen, aber ich verspreche Ihnen, dass Sie hier sicher sind."

Sicher ist gut. Mit sicher kann er arbeiten. Sicher ist eine gute Ausgangslage. Sicher heißt, er kann atmen und muss nicht rennen, obwohl der Drang immer noch da ist, das Band um seine Brust immer noch anliegt, nur nicht mehr so eng, dass es ihm die Luft abschnürt.

"Was sehen Sie?"

Die Frage ist so absurd, dass Adam einen Moment braucht, um sie zu verdauen.

"Was?"

Es überrascht ihn, wie rau und krächzend seine Stimme ist. Sein Mund ist unglaublich trocken.

"Sagen Sie mir, was Sie sehen. Hier, im Flur. Nennen Sie mir drei Dinge."

Adam hat keine Idee, was das Ganze hier soll. Aber Henny hockt immer noch erwartungsvoll vor ihm und lässt ihn nicht aus den Augen, und er mag Henny echt gerne, also kann er ihr wohl den Gefallen tun.

Nicht, dass es hier viel zu sehen gäbe.

"Den Feuerlöscher. Sie. Den Heizkörper."

Es ist keine wirklich beeindruckende Auswahl, aber Henny nickt und lächelt ihn an. "Sehr gut. Und was hören Sie?"

Immer noch das Wummern seines Herzens in seinem Kopf, aber zumindest nicht mehr so dröhnend wie vorhin. Und wahrscheinlich ist das keine gute Antwort auf Hennys Frage.

"Die Neonröhre brummt. Eine Wasserleitung rauscht irgendwo in der Wand." Er horcht noch einen Moment, aber ganz ehrlich ist da sonst nichts, das er heraushören kann. "Sonst nichts."

Henny nickt nochmal. "Fühlen Sie sich etwas besser?"

Seltsamerweise lautet die Antwort ja. Nicht gut, aber auch nicht mehr so, als müsse er jeden Moment verrecken.

"Ja."

"Sehr gut. Es wird wahrscheinlich noch etwas dauern, bis Sie sich wieder ganz normal fühlen, aber wenn Sie es sich zutrauen, können wir mal probieren, Sie wieder in die Senkrechte zu bekommen. Der Boden ist bestimmt weder sonderlich warm noch bequem."

Adam nickt, weil Worte und längere Sätze immer noch nach keiner guten Idee klingen. Aber Henny hat recht, der Boden ist sowohl kalt als auch unbequem, und so nimmt Adam sich eine Sekunde, um sich zu sortieren, und stemmt sich auf die Beine. Er muss sich an der Wand abstützen, und für ein paar Sekunden fühlt sein Kopf sich schwindelig leicht an, aber dann steht er wieder auf seinen eigenen zwei Beinen. Das ist doch zumindest schon mal etwas.

Henny steht ebenfalls wieder auf - viel flüssiger und weniger angestrengt als Adam - und geht zu einer Tür ein paar Meter den Flur runter. Sie öffnet die Tür und bedeutet ihm mit einem Kopfnicken, ihr zu folgen.

Um ehrlich zu sein ist Adam hauptsächlich froh, im Moment selbst keine Entscheidungen treffen zu müssen. Wenn Henny möchte, dass er mitkommt, dann kann er das tun.

Der Raum stellt sich als ein Büro heraus. Hennys Büro, wahrscheinlich. Adam ist zwar noch nie hier gewesen, aber vermutlich muss sie doch ab und an mal ein Gespräch mit Hinterbliebenen führen, oder mit anderen Personen, die nicht unbedingt in der Leichenhalle neben dem Obduktionstisch stehen möchten.

Der Raum ist funktionell eingerichtet, mit einem großen Schreibtisch an einer Seite und einer kleinen Sitzgruppe rechts von der Tür. Henny deutet auf die braunen Kunstledersessel, und Adam lässt sich dankbar in einen davon fallen. Stehen und Gehen sind anstrengender, als sie sein sollten, und er fühlt sich immer noch, als wäre alles um ihn herum irgendwie gedämpft, als hätte er sich unter einer Decke vor der Realität versteckt.

Henny deutet auf eine Verbindungstür neben dem Schreibtisch, die in den Nachbarraum führt.

"Sie sollten sich noch ein wenig Zeit nehmen, um sich zu erholen. Bleiben Sie einfach hier sitzen. Ich hole Ihnen mal ein Wasser."

Adam nickt. Es scheint die einzige Bewegung zu sein, die er momentan verlässlich ausführen kann, egal wie dümmlich er sich fühlt. Aber Wasser klingt gut. Sein Mund ist wie ausgedörrt. Vielleicht fällt ihm das Sprechen ja leichter, wenn er etwas trinkt.

Henny verschwindet in den benachbarten Raum, und Adam ist zum ersten Mal seit der Sache im Flur alleine. Er atmet lange und wackelig aus.

Eine Panikattacke.

Ist ja klar, dass nur er sowas hinkriegt, und auf dem Flur der Gerichtsmedizin eine verdammte Panikattacke bekommt. Japsend auf dem Hosenboden, wie ein kleines Kind. Und warum? (Weil Leo zum Schlag ausgeholt hat.) Weil er sich nicht unter Kontrolle hat. Sein Vater ist tot, und es ist schon lange her, dass er seinen Schlägen ausgeliefert war. Er muss nicht zucken, nur weil jemand (Leo. Es war Leo) ausholt. Niemand schlägt ihn mehr (Leo hat die Wand geschlagen. Die Wand neben seinem Kopf. Leo hat ausgeholt, und Adam hat aufgehört, zu denken).

Erbärmlich.

Er hat einen totalen Zusammenbruch, bloß weil jemand (Leo) neben ihm zuckt. Absolut armselig.

Es ist Jahre her, dass Adam ständig auf der Hut sein musste, dass jede Bewegung eine potentielle Bedrohung dargestellt hat. Jahre! Er hatte das verdammt nochmal unter Kontrolle, und jetzt reicht ein einziges Zucken, um ihn wieder in das wimmerne Kind zu verwandeln, das die Arme über dem Kopf zusammenschlägt und die Hiebe auf sich einprasseln lässt.

Er ist Mitte dreißig, er sollte sich besser unter Kontrolle haben.

Irgendwo im Hintergrund hört er Stimmen, aber er kann nicht hören, wer da spricht oder was gesagt wird. Vielleicht irgendwelche Institutsmitarbeiter auf dem Weg in den Feierabend. Das wäre ja noch die Krönung gewesen, wenn ihn irgendjemand außer Henny im Flur gefunden hätte. Aber vielleicht ist es auch Henny, die sich da mit jemandem unterhält. ("Ich mach gleich Feierabend, ich muss nur noch schnell den Schürk versorgen, das Weichei ist auf dem Flur umgekippt.") Er könnte es ihr nicht verdenken.

Sie hätte ja Recht.

Adam lehnt sich mit einem Seufzer nach vorne und vergräbt das Gesicht in den Händen. Was für eine Scheiße.

Er schaut erst auf, als sich Schritte nähern und Henny wieder in den Raum kommt. Sie hat eine Flasche Wasser in der Hand, die sie ihm hinhält. Sobald Adam die Flasche gegriffen hat, geht sie um den Schreibtisch herum und setzt sich in ihren Bürostuhl.

Irgendwie ist die Anordnung beruhigend, die Tür ist nur ein paar Schritte entfernt, und zwischen Henny und ihm ist der Schreibtisch. Es gibt für ihn einen direkten Weg zur Tür, und das gerade sehr wichtig. Es ist kein bewusst formulierter Gedanke, aber Adam fühlt, wie sein Pulsschlag sich weiter beruhigt.

"Im Sinne voller Transparenz: auf dem Flur bin ich gerade Kommissar Hölzer begegnet, der Sie gesucht hat. Ich habe mir herausgenommen, ihm zu sagen, dass ich noch Ihre Hilfe mit einigen Details im Lehmann-Fall brauche, und Sie danach auf dem Heimweg mit in die Stadt nehme. Wenn ich mir da zu viel herausgenommen habe, ist er bestimmt noch auf dem Parkplatz und wartet auf Sie, wenn Sie ihn kurz anrufen."

Allein der Gedanke daran, Leo jetzt gegenüber zu treten, lässt Adams Puls wieder hochschnellen, und er schüttelt schnell den Kopf. Lieber würde er zu Fuß zurück in die Stadt laufen.

"Nein, schon okay. Danke."

Sein Mund ist komplett ausgedörrt, und er öffnet schnell die Flasche und setzt sie an die Lippen. Das Wasser ist kalt und fühlt sich wunderbar an, und Adam muss sich zwingen, nicht gleich die ganze Flasche runterzustürzen. Fehlt noch, dass er sich hier beim Trinken komplett einsaut, das wäre die Krönung der Peinlichkeiten. Und das würde er Henny lieber ersparen, sie hat wirklich schon genug für ihn getan. Das mit dem Lehmann-Fall war eine gute Idee. Der war ein total chaotisches Durcheinander letzten Monat gewesen, das er alleine mit Pia und Esther aufdröseln musste, weil Leo eine komplette Woche mit Grippe außer Gefecht gesetzt war. Leo weiß nur, dass der Fall kompliziert war, er hat ja die Berichte gelesen, aber er hat keinen Grund zu hinterfragen, warum Henny Adam nochmal wegen Details für den Abschlussbericht sprechen möchte.

Adam trinkt, und Henny beobachtet ihn ein paar Momente, bevor sie die Stille bricht.

"Falls es Sie beruhigt, spreche ich es mal explizit aus: ich unterliege der ärztlichen Schweigepflicht. Soweit es mich betrifft, habe ich Ihnen heute medizinische Unterstützung geleistet und möchte mich jetzt lediglich vergewissern, dass Sie sich erholt haben und ich Sie guten Gewissens sich selbst überlassen kann. Nichts von dem, was passiert ist, wird diesen Raum verlassen."

Adam weiß, dass Henny keine Tratschtante ist, aber es beruhigt ihn trotzdem, es ausgesprochen zu hören. Die Kollegen zerreißen sich ohnehin schon genug das Maul über ihn, da muss er ja nicht noch Öl ins Feuer gießen.

"Ich bin natürlich mit Ihrer medizinischen Vorgeschichte nicht vertraut. Falls das Ihre erste Panikattacke war, sollten Sie wissen, dass das noch etwas nachklingen kann. Enge in der Brust, rasender Puls, Kribbeln in den Armen und Beinen, das Gefühl von Hitze oder Kälte, das ist alles normal und sollte mit der Zeit besser werden. Wenn Sie merken, dass es wieder schlimmer wird, versuchen Sie, sich wieder auf Ihre Atmung zu konzentrieren. Bei manchen funktioniert Ablenkung, wenn sie eine Attacke kommen fühlen."

"Deshalb also das Quiz vorhin im Flur", unterbricht Adam sie. Henny nickt mit einem Lächeln.

"Einen Versuch war es wert. Die Konzentration auf etwas komplett anderes, etwas sehr Banales zu lenken, kann helfen, von der Angst abzulenken und die Attacke in Schach zu halten. Und es scheint ja auch funktioniert zu haben, Herr Schürk."

"Adam." Irgendwie ist die Unterscheidung gerade wichtig. Immerhin hat sie ihn wimmernd auf dem Flur gefunden, da kann man sich immerhin mit dem Vornamen ansprechen.

"Nur, wenn Sie mich auch Henny nennen. Eine Sache gibt es noch, von der ich möchte, dass Sie sie sich merken."

Sie wartet, bis Adam aufhört, seine Hände anzustarren, und sie ansieht.

"Die Angst während einer Panikattacke ist echt. Panikattacken haben Gründe und Auslöser, und sie sind nichts, wofür man sich schämen muss. Und vor allem: Panikattacken sind furchtbar und beängstigend, aber sie gehen vorbei. Währenddessen mag man sich so fühlen, als würde man gleich sterben, aber das wird nicht passieren."

Adam stöhnt und lehnt sich im Sessel zurück, das Gesicht hinter den Händen verborgen. "Ich habe keinerlei Bedürfnis, das Ganze nochmal durchzumachen."

"Das liegt leider nicht immer in unserer Hand. Mit reiner Willenskraft allein kann man Panikattacken leider nicht vermeiden."

"Sind Sie sicher, dass Sie nicht Ihr Fachgebiet verfehlt haben?"

Henny rollt mit den Augen, aber der Ausdruck in ihrem Blick ist nachsichtig.

"Es ist wahr, dass meine Patienten meist nur über ihre Körper zu mir sprechen. Aber das heißt nicht, dass ich nicht an den psychologischen Aspekt der Medizin glaube."

Adam reibt sich die Hände über das Gesicht und lehnt sich dann mit einem langen Seufzer wieder nach vorne.

"Auf jeden Fall tut es mir leid, dass Sie das Ganze mit ansehen mussten. Es war wirklich keine Glanzstunde. Danke für Ihre Hilfe."

Henny zuckt mit den Schultern. "Alles menschlich, Adam. Und ich werde Sie nicht zwingen, mir irgendwas darüber zu erzählen, was das Ganze ausgelöst hat. Aber wenn Sie reden wollen, habe ich ein offenes Ohr."

Adam bezweifelt ernsthaft, dass er jemals von sich aus das Bedürfnis haben wird, über Persönliches zu sprechen, aber er weiß, dass Henny das Angebot aus hehren Gründen gemacht hat.

"Danke, Henny. Aber ich habe schon einen Therapeuten, der daran verzweifelt, dass ich ungern rede. Und Sie kann ich sogar leiden, da will ich Sie ungern in dieselbe unangenehme Situation drücken, wenn es nicht mal ihr Job ist."

Henny scheint nicht überrascht zu sein, aber das hat Adam auch gar nicht erwartet. Polizisten sind im Allgemeinen ziemlich große Klatschtanten, und Adam ist klar, dass der Flurfunk so einiges über ihn zu berichten hat. Zu viel Privates ist im Zuge seiner Verhaftung öffentlich geworden, und das kann er nie wieder einfangen und zurück in die dunkle, fest verschlossene Kiste stecken, in die es gehört. Der Tod seines Vaters, seine Verhaftung – und im Zuge dessen wahrscheinlich viel zu viele Details über seine Kindheit – sowie danach die ganze Geschichte mit den Banküberfällen und dem Geldfund.

Adam weiß, dass genug über ihn geredet wird, und da wo das Halbwissen nicht alles abdeckt, wird bestimmt auch fröhlich dazu erfunden. Dass ihm nach der ganzen Geschichte dringlich nahegelegt wurde, die Ereignisse mit einem Psychologen aufzuarbeiten (Natürlich ganz in Ihrem Sinne, Herr Schürk, wir wollen vermeiden, dass irgendwer das in zukünftigen Fällen instrumentalisiert. Wir wollen nur sicherstellen, dass wir da alle Eventualitäten bedacht haben und eine Freistellung nicht notwendig ist), ist ganz bestimmt schon genauso Teil des Flurfunks wie alles andere.

Nicht, dass Adam diese Termine beim Psychologen mit Begeisterung wahrnimmt. Er schiebt sie jedes Mal auf, solange es geht, nutzt jede sich bietende Ausrede, um Termine zu verschieben, und wenn er dann doch bei Dr. Franke in der Praxis landet, weil er es nicht weiter aufschieben kann, übt er sich in Schweigen. Adam ist kein Experte, aber effektive Therapie ist das bestimmt nicht.

Henny lässt sich aber nicht von seinen Worten beeindrucken. Sie lächelt ihn nur an.

"In meiner persönlichen Erfahrung macht es einen großen Unterschied, ob man zur Therapie lediglich auftaucht, oder ob man wirklich hingeht. Und es ist völlig legitim, den Therapeuten zu wechseln, wenn man merkt, dass da keine Basis ist. Aber mein Angebot war kein professionelles, sondern das eines freundlichen, offenen Ohres. Das übrigens unbegrenzt gültig ist."

Adam weiß nicht so recht, wie er damit umgehen soll.

"Danke."

Es scheint die richtige Antwort zu sein, denn Henny lächelt ihn erneut an und holt dann eine riesengroße Schultertasche aus den Tiefen unter dem Schreibtisch hervor.

"Gut. Wollen wir dann? Ich habe Feierabend, und wenn ich mich recht entsinne, habe ich Ihnen versprochen, Sie wieder mit in die Stadt zu nehmen. Außer natürlich, Sie wollen tatsächlich noch den Lehmann-Fall besprechen."

"Auf keinen Fall!"

Adam hievt sich aus dem überraschend bequemen Sessel hoch und ist froh, dass seine Beine sich wieder halbwegs stabil anfühlen, als er Henny aus dem Büro folgt.

Feierabend klingt gut.