Chapter Text
HHHHH
„Ich hasse ihn so sehr!“
Walter, Henrys enger Freund und Mitbewohner warf die Tür zu ihrem Zimmer mit einem lauten Knall hinter sich zu und ließ sich völlig erschöpft und missmutig auf sein Bett fallen. Etwas musste den armen Kerl völlig aus der Bahn geworfen haben. Besorgt legte Henry sein Handy aus der Hand und wandte sich seinem Freund zu.
Man musste kein Einstein sein, um zu wissen, wen Walter meinte. „Was hat Vincent nun schon wieder verbrochen?“
Überrascht sah Walter zu seinem Freund hinüber. „Volltreffer! Wie bist du nur so schnell darauf gekommen?“ Henry verdrehte die Augen und fragte blasiert: „Wer ist wohl aktuell der am hassenswerteste Typ hier in Hillerska?“
Der bemitleidenswerte Anblick seines Freundes stimmte ihn aber gleich weicher. „Was ist passiert?“, fragte er in einem mitfühlenderen Tonfall.
Walter drückte seinen Kopf in sein Kissen und murmelte: „Er hat als neuer Kapitän einen Wettbewerb veranstaltet, wer noch mit bei dem Indoor-Ruderwettbewerb mit Granhuld ins Team darf. 17 Kilometer Waldlauf. Vorher hat er mich noch vor allen furchtbar beleidigt. Ich wäre zurückgeblieben.“
„Du hast dir das doch nicht etwa gefallen lassen, oder?“ Walter steckte seinen Kopf tiefer in sein Kissen und sagte nichts dazu. Also hatte er sich nicht getraut, Vincent etwas zu erwidern. Armer Walter … Es war nicht ok, wie sich Vincent gegenüber den jüngeren Mitschülern aufführte. Walter war nicht der beste Schüler, aber musste man ihm das jedes Mal unter die Nase reiben? Außerdem hatte er in den letzten Monaten einen kräftigen Wachstumsschub gehabt. Wahrscheinlich war er mittlerweile größer als Vincent selbst.
Henry konnte sich noch gut erinnern, wie er Walter im Frühling beim Tag der offenen Tür der Hillerska-Schule das erste Mal gesehen hatte. Er sah jünger als seine 16 Jahre aus. Aber das strahlende Lächeln und die vor Freude funkelnden braunen Augen, als Henry einen lahmen Witz machte, hatten ihn sofort für Walter erwärmt. Sein Gesicht war damals noch etwas kindlich, aber es war sehr hübsch. Sie hatten sich schnell entschlossen, einen kleinen gemeinsamen Rundgang ohne ihre Familien über das Gelände zu machen. Die immense Peinlichkeit, als sein Vater und Walters Mutter sich leicht verlegen begrüßten und sich den Ehepartnern als ihre längst vergangene Jugendliebe vorstellten, ließ beide eilig die Flucht ergreifen. Sie waren nach diesem Tag über den Sommer in Kontakt geblieben und waren glücklich, dass sie bei Schulbeginn im Wohnheim Mitbewohner wurden.
Henry wünschte, er könnte etwas für Walter tun. Ob er es übergriffig finden würde, wenn er einfach den Arm um ihn legen und ihm sagen würde, ‚alles wird wieder gut‘? Schwer abzuschätzen … Sie waren in den Monaten, in denen sie sich ein Wohnheimzimmer teilten, doch recht vertraut miteinander geworden. Enge Freunde. Aber vor körperlichen Berührungen scheute sich Henry. Was wäre, wenn er es zu schön finden würde? Walter gefiel ihm sehr. Innen und Außen.
Er war sich sicher, dass Walter ihn sehr gern hatte, aber mehr war sicherlich nicht drin.
Henry überlegte … In der Vergangenheit war es eine erfolgreiche Strategie gewesen, um Walters Stimmung zu verbessern, ihm etwas aus seiner eisernen Reserve an Süßigkeiten anzubieten. Einen Versuch war es wert. Er ging zu seinem Schrank und holte die Schachtel mit Walters Lieblingspralinen hervor.
„Was Süßes Walter? Vielleicht baut dich das wieder auf?“, fragte er lächelnd und wedelte mit der Schachtel.
„Du hast noch welche?“ Interessiert setze Walter sich in seinem Bett auf. Sein erfreutes Lächeln war so niedlich.
Henry schmolz dahin. „Ich hatte sie für besondere Gelegenheiten aufgehoben“, sagte er und setzte sich zu seinem Freund.
Walter seufzte. „Ich dachte, wir hätten die letzte Schachtel aufgegessen, als Fredrika meine Balleinladung abgelehnt hatte?“
„Mutter hatte eine im letzten Paket dazugelegt.“ Nachdem er festgestellt hatte, dass Walters Gemütslage durch Süßigkeiten aufgehellt werden konnte, ließ er sich von seiner Familie immer Nachschub mitgeben. Er musste den wissenden, amüsierten Blick seiner Mutter ertragen, aber es war die Peinlichkeit wert, wenn es Walter wieder zum Lächeln brachte. Er war ein sensibler Junge, für den wahrscheinlich eine Eliteinternatsschule nicht das Richtige war. Aber Henry würde diesen Gedanken niemals laut äußern. Walter war für ihn unverzichtbar. Er würde alles tun, damit Walter die 3 Jahre hier durchhielt. Er selbst ertrug diese Schule nur, wenn sein Freund bei ihm war. Gemeinsam würden sie das durchstehen.
WWWWW
Ach, was war das süß von Henry. Walter steckte eine Praline in seinen Mund und genoss den exquisiten Geschmack der Schokolade. Ob Henrys Familie wusste, dass ein Großteil der Süßigkeiten, die sie Henry mitgaben, in seinem, Walters, Mund landeten? Bei seinem letzten Besuch bei Henrys Familie in den Weihnachtsferien hatte eine Schachtel der Pralinen als Betthupferl auf seiner Seite des Bettes in Henrys Zimmer gestanden. Sie waren alle wieder so nett zu ihm gewesen. Manchmal hatte er den Verdacht, dass sie dachten, Henry und er wären ein Ding. Aber dem war nicht so. Es war vom ersten Moment an Sympathie zwischen ihnen gewesen, aber romantisch würde da nie etwas laufen. Henry war nur an Mädchen interessiert.
Manchmal fragte sich Walter, ob er Henry nicht zu gern hatte. Die körperliche Anziehung machte die Sache nicht besser. Er versuchte sich immer schnell von diesen Gedanken abzulenken, in dem er Mädchen nachjagte, bisher aber leider nur mit bescheidenem Erfolg. Der jüngste Jahrgang der Jungen hatte es schwer, bei den Mädchen zu punkten.
„Wie ist der Test denn ausgegangen?“, fragte Henry. Walter lächelte stolz. „Ich habe es ins Team geschafft.“ Henry jubelte und umarmte ihn spontan voller Freude. „Ich wusste es! Du hast so hart trainiert und bist so viel stärker geworden.“ Walter errötete. Henry fand, dass er Muskeln zugelegt hatte? Sein dummes Herz schlug aufgeregt schneller.
„Geht es dir wieder besser?“
„Hmmh, Danke fürs Aufmuntern“, murmelte Walter mit vollem Mund.
„Bin ich froh, dass ich nicht mehr im Ruderteam bin. Dieser Kim Jong-un von Schweden geht mir mächtig auf die Nerven. Seine Aktion gestern im Gemeinschaftsraum war einfach nur unterirdisch. Danke noch mal, dass du mich verteidigt hast.“
„Gern geschehen.“
Wenn es um Henry ging, fand er den Mut, Vincent anzugehen. Warum dann nicht für sich selbst? Walter verweilte in Gedanken bei dem Vorfall von gestern im Gemeinschaftsraum. Der arme Henry hatte gestöhnt, wie schwer es war, ein Sonett als Balleinladung zu dichten. Die Empfehlung von Vincent, ein Dickpic zu versenden, damit Henry wenigstens weiß, warum er eine Ablehnung bekommt, war unglaublich beleidigend gewesen.
Henry dachte anscheinend auch gerade daran, wenn auch aus einem anderen Blickwinkel: „Hast du schon mal ein Dickpic versendet?“, hörte er seinen Freund fragen. Walter schlug entsetzt die Hände vors Gesicht.
„Nein, natürlich nicht!“, sagte er heiß errötend. Er war relativ spät in die Pubertät gekommen und kämpfte noch mit vielen Unsicherheiten bezüglich seines Körpers. Die Pornofilme, die er ab und zu sah, hatten sein Selbstbewusstsein weiter untergraben, wenn er auch statistisch gesehen, wie er recherchiert hatte, mit seiner Anatomie zufrieden sein sollte.
„Du etwa?“ Henry kicherte. „Meiner Freundin aus den Sommerferien …“ Diese Freundin war, wie Walter wusste, seit Wochen Geschichte. Henri hatte gemeint, dass sie beleidigt gewesen war, dass er Walter in den Herbstferien mit nach Hause gebracht und ihr nicht die gesamte Zeit gewidmet hatte. Walter war, wenn er sich auch innerlich für seine Selbstsucht schämte, zufrieden mit dieser Entwicklung. Er hatte Henry wieder für sich allein. Bis Henri auf die Idee kam, Stella sein Sonett als Balleinladung in ihren Spind zu legen.
„Hat Stella deine Einladung zum Ball angenommen?“, fragte er leicht angespannt. Henry verzog sein Gesicht missmutig. „Sie hat nein gesagt. Sie will mit ihren Freundinnen hingehen. Angeblich ist es antifeministisch, dass nur die Männer Briefe schreiben … Deswegen hat bestimmt auch Fredrika deine Einladung abgelehnt“ Walter seufzte traurig. „Blöde Pute. Sie sollte dankbar sein, dass sie überhaupt jemand einlädt.“
„Wenn es mit den Mädchen nicht geklappt hat, gehen wir beide eben zusammen hin!“, sagte er. Walter lächelte ihn dankbar an. „Das wird sicher Spaß machen.“ Für den Moment war er glücklich. Er versuchte, sich zu beruhigen. Es war ja nicht so, dass Henry ihn zum Ball eingeladen hatte. Es war nur ein Zusammensein von sehr engen Freunden.
Ganz konnte er noch nicht das Thema Einladungen von Mädchen verlassen. Henry auch nicht. „Wie hätte eigentlich eine Einladung aussehen sollen, die die Mädchen annehmen würden? Ich hätte eine Einladung angenommen, wenn mir jemand Datum und Uhrzeit auf einem Schmierzettel zugesteckt hätte.“
Walter kicherte. „Vielleicht hättest du doch Vincents Tipp berücksichtigen sollen. Vielleicht kein Nacktfoto, aber das vom Strand aus deinem Sommerurlaub auf deinem Insta - Stella hätte deine Einladung zum Ball angenommen. Oder sie wüsste wenigstens, was sie verpasst.“ Walter kniff sich kurz. Das klang jetzt doch etwas schräg, da er es laut gesagt hatte. Aber es war die Wahrheit. Henry war von Kopf bis Fuß schön und das Bild am Strand nur in seinen Badeshorts … Irgendwie nahm der Gedanke an dieses wundervolle Bild ihrem Zusammensein gerade etwas die Unschuld. Walter riss sich zusammen.
„Vincent hätte mit sowas definitiv keinen Erfolg, so dürr, wie er seit einiger Zeit ist, die Spitznase.“ Henry prustete übermütig los.
„Manchmal möchte ich ihn einfach nur an seinen großen Ohren aus dem Speisesaal schleifen.“
„Schade, dass sein Haar so kurz ist. Man kann ihn nicht daran ziehen“, spann Walter diesen Gedanken weiter.
„Er sollte dauerhaft geknebelt werden, damit er endlich aufhört, seinen Bullshit abzusondern.“
„Ich wünschte, er würde mal so richtig blamiert werden. Vor der gesamten Schülerschaft. Gedemütigt, wie er andere demütigt.“
Walter fuhr hoch. „Das wünsche ich mir auch!“ Sie gaben sich ein High five und grinsten sich an. „Komm, lass uns überlegen, wie wir es anstellen.“ Aufgeregt über diesen Gedanken setzten sich die beiden Jungen an ihren Schreibtisch.
Sie versuchten zu analysieren, an welcher Stelle Vincent angreifbar war. Er zeigte so gut wie nie Schwächen. Weder im Sport noch bei seinen Schulleistungen. Auf den Mund gefallen war er auch nicht. Er schien vor niemanden Respekt zu haben. Nicht mal von Wilhelms Position ließ er sich einschüchtern. Wenn er ein Privatleben hatte, hielt er es streng privat.
„Hat er ein Date zum Ball?“
„Er soll es bei Maria versucht haben, tuschelten gestern die Mädchen bei den Workies. Sie hat wohl abgelehnt.“
„Also hat er kein Date für den Ball.“ Walter lächelte zufrieden.
„Es passiert den Besten …“, warf Henry kichernd ein. „Das wird ihn wurmen.“
„Das reicht mir nicht. Das ist nur, was der Hälfte der Jungen hier passiert ist, nachdem die Mädchen plötzlich gegen die Tradition der Einladung der Jungen revoltierten.“
„Vielleicht können wir das zu unserem Vorteil nutzen …“, überlegte Henry. „Wir könnten ihm einen Fakebrief mit einer Einladung in den Spind legen. Als ob ein aufrührerisches Mädchen einen Jungen einlädt. So geschrieben, dass er gleich errät, welches Mädchen es ist und wenn er dann auf sie zugeht, um die Einladung anzunehmen, würde er eine Abfuhr vor allen Anwesenden bekommen.“
„Was für eine fiese Idee, Henry.“ Walter drückte Henry in spontaner Begeisterung kurz an sich.
„Aber, wen sollen wir als potentielle Absenderin nehmen? Eingebildet, wie er ist, würde er auch nicht jede nehmen.“
„Keine Ahnung, wer sein Typ ist.“ Walter überlegte. „Maria hat dunkles, langes Haar.“
„Hmmh … Single und dunkles langes Haar … und kein Problem, unverblümt ihre Meinung vor einem Typen des 3. Jahrgangs zu sagen …“
„Maddie!“, kam es zeitgleich aus ihren Mündern. „Erinnerst du dich, wie schlecht der arme Nils nach seinem Hook-up mit ihr nach Willes Willkommensparty bei ihr weggekommen ist? Hat er je wieder ein Date hier bekommen?“ Beide kicherten. „Das wird episch!“
Henry stand auf und holte seinen Laptop. „Wir müssten etwas auf Englisch schreiben. Da würde er schon einen ersten Hinweis bekommen.“
„Sie steht auf so esoterischen Scheiß …“
„Wir müssten irgendetwas finden, was sie gut an ihm finden kann …“
Walter seufzte. „… damit ist es offiziell: Wir sind gescheitert …“
„Wir geben nicht auf“, sagte Henry streng. „Was ist an ihm anders wie bei anderen?“
„Seine beschissene Personality?“ Henry kicherte. „Mal ernst …“ Beide Jungen überlegten angestrengt.
„Ruf mal die Fotos von der Schulwebsite auf.“ Walter sah sich das Foto von Vincent genau an. „Er hat eine ungewöhnliche Augenfarbe … hellblau. Gibt es einen Edelstein, der diese Farbe hat?“
„Meine Mutter hat ein Collier mit Steinen in dieser Farbe. Es war neulich in einer Societyzeitschrift abgebildet, als sie es zu einem Staatsbankett im Schloss getragen hat.“ Er googelte danach. „Da ist es: Aquamarine! Hier ist auch noch eine Beschreibung der Steine, die wir nutzen können.“
Inspiriert formulierten die beiden Jungen einen kurzen Brief und beschlossen, ihn noch vor dem Abendessen in Vincents Spind im Schulhaus zu stecken. Zufrieden lächelten sie sich an. Rache ist Blutwurst!
VVVVV
Selbstbewusst schritt Vincent auf dem Flur des Schulhauses voran und öffnete sein Fach. Nächste Stunde stand Physik an. Nicht sein Paradefach, aber mit Fleiß hatte er bisher immer eine gute Note erreicht. Freude hatte er allerdings nicht daran. Aber es war Wissen, das er für die Offizierslaufbahn benötigte. Außerdem war ein guter Abschluss Pflicht für einen Klintskog. Und seine Pflicht würde er erfüllen. Seine Familie sollte stolz auf ihn sein. Die anerkennenden Worte seines Vaters neulich, als er es geschafft hatte, August als Präfekt auszubooten, hatten ihm gutgetan. Seinem Vater nach hatte ihre Familie an den vordersten Plätzen der schwedischen Gesellschaft zu stehen. Vincent hatte nach der Meinung seines Vaters bisher nicht genug getan, sich durchzusetzen. Das würde sich jetzt ändern. Endlich war er in der Position, die Linie im Forest Ridge House und im Ruderteam vorzugeben. Wie es sich für einen Klintskog gehört.
Wie kam der Brief in sein Fach? Er fächelte misstrauisch mit dem Brief in Richtung seiner Nase. Kein auffälliger Duft. Als Präfekt und Kapitän des Ruderteams war er sich bewusst, dass die jüngeren Schüler gerne Scherze machten. Vorsichtig öffnete er den Brief. Ein einzelnes Blatt mit einem kurzen Gedicht lag darin.
Aquamarines - fascinating stones, beautiful and deep like the sea.
Just like your eyes.
I want to look into your eyes while dancing.
Make me happy and come with me to the ball.
Das war jetzt doch etwas überraschend. Seit wann luden Mädchen die Jungen ein? Oder vielleicht war es ein Junge? Den Gedanken verwarf er gleich wieder. Ein Coming Out eines Mitschülers war wenig wahrscheinlich. Außerdem konnte er sich nicht vorstellen, dass ihn jemand für einen männlichen Partner zugänglich hielt. Seine Gedanken wurden unterbrochen durch das Grundrauschen uninteressanter weiblicher Unterhaltung.
„Fuck the patriarchy!“, tönte es gerade aggressiv aus einer anderen Ecke des Raumes. Er schaute in die Richtung der Lärmverursachung und ein überhebliches Lächeln stahl sich in sein Gesicht. Sicher, Madison. Sie würde alt aussehen, wenn ihr schwerreicher Daddy nicht hier für alles bezahlen würde ….sowie für ihre esoterischen Spinnereien. Nils konnte froh sein, dass er dieser Kugel ausgewichen war. Egal, wie hübsch und hot dieses Mädchen war: Ihr unangepasstes Benehmen war sehr abschreckend.
Röte schlich sich in seine Wangen, als der Groschen fiel: Englische Sprache, Esoterik, unangepasstes Verhalten => Madison McCoy.
Bei Wilhelms Willkommensparty hatte er neben Nils gestanden und sie hatte, ohne auch nur seine Existenz anzuerkennen, einfach Nils angesprochen und zum Tanzen weggezogen. Als ob er Luft gewesen wäre. Gut … Nils war ein wirklich schöner Mann und sehr umgänglich. Trotzdem … So übersehen zu werden … Es hatte ihn gekränkt. Anscheinend war ihr letzten Endes doch noch aufgegangen, dass er ein guter Fang war.
Unter anderen Umständen hätte er den Brief einfach ignoriert. Aber er hatte immer noch kein Date für den Valentinstagsball.
Dora, eine Cousine aus seiner mütterlichen Ahnenlinie, die hier den 2. Jahrgang besuchte und in Manor House wohnte, hatte ihm gesteckt, dass Maria sich über seine Einladung totgelacht hatte und definitiv nicht annehmen würde. Sein Stolz war verletzt. Er hatte wochenlang versucht, nett zu ihr zu sein und hatte gehofft, wenn er Präfekt würde und die Privilegien des ältesten Jahrgangs wiederherstellen würde, dies Eindruck auf Maria macht. Sie hatte laut Dora die Einladung von Sven angenommen. Der Loser hatte gestern das Ziel beim Lauf zur Qualifikation ins Ruderteam als Letzter erreicht. Sogar Walter war viel besser gewesen.
Vielleicht war es ein Glück, dass Madison ihm den Brief geschrieben hatte, dann hätte er ein Date für den Ball. Ok, ok, er würde annehmen und hoffen, dass er den Abend ohne Blamage ihrerseits überstehen würde.
Er atmete tief durch. Feige war ein Klintskog nicht! Er scannte den Raum ab und fand sie an einem Tisch mit Fredrika sitzend. Selbstbewussten Schrittes steuerte er auf sie zu.
„Madison …“ Er schwang selbstgefällig lächelnd den Brief in seiner Hand. „Vielen Dank. Das hast du sehr schön formuliert. Ich begleite dich gern.“ Er genoss die Blicke der Umstehenden. Ja, eines der hübschesten Mädchen hier hatte ihm eine Einladung zum Ball in sein Fach gelegt … Warum aber blickte Madison ihn an, als ob sie an seinem Verstand zweifelte?
MMMMM
Madison saß an ihrem bevorzugten Tisch, mit dem Rücken an der Wand und schaute in die Runde. Walter und Henry lachten über etwas. Was nur war gerade so lustig? Ihr Blick fiel auf Vincent, der vor ihr stand und einen Brief schwenkte. Was er sagte, machte keinen Sinn. Sie sollte ihm eine Einladung zum Ball geschickt haben? Nahm er Drogen? Prüfend schaute sie ihm in die Augen. Hmmh … Seine Pupillen waren normal groß … Wow, die Farbe seiner Augen war schön. Sie sah kurz einen schockierten Ausdruck darin, als ihm aufging, dass jemand ihn hereingelegt hatte. Mitschüler mussten ihm einen üblen Streich gespielt haben. Als ob sie jemals den Kontakt zu Vincent suchen würde …. Er gehörte nicht zu ihrem Beuteschema. Kurz kam trotzdem Mitleid mit ihm bei ihr auf. Er dachte tatsächlich, dass sie ihn zum Ball eingeladen hatte.
Es überraschte sie, dass er in Betracht zog, die vermeintliche Einladung anzunehmen. Er war ein Traditionalist und hatte in den letzten Wochen aktiv versucht, die Macht der Drittklässler zu stabilisieren, nachdem August geschwächelt hatte. Sie hätte ihm nicht zugetraut, dass er so progressiv wäre, die Einladung einer Frau anzunehmen. Darum ging es doch bei ihrer Revolte. Dass auch Mädchen Einladungsbriefe abgeben konnten.
Wenn sie jetzt der Verabredung zustimmte, gäbe es einen Präzedenzfall. Einen Präzedenzfall, bei dem der aktuelle Präfekt des renommiertesten Hauses in dieser Schule involviert war. Sie überlegte kurz und beschloss, sich für den guten Zweck zu opfern. Frauenrechtlerinnen auf der ganzen Welt hatten große persönliche Opfer gebracht, um für die Rechte der Frauen zu kämpfen. Sie würde Vincent af Klintskog einen Abend ertragen müssen … - nicht toll, aber sie würde es überleben.
Sie lächelte ihn vorsichtig an. „Dann haben wir ein Date. Kommst du kurz mit raus, um alles zu besprechen …“ Beim Herausgehen sah sie aus den Augenwinkeln die enttäuschten Gesichter von Henry und Walter. Sehr durchsichtig … Sie würde sich die Beiden später vornehmen …
VVVVV
Sie setzten sich an einen der Tische draußen. Er fühlte sich unbehaglich und hatte Mühe, seine unruhigen Gliedmaßen stillzuhalten. Misstrauisch sah er sie an und verschränkte seine Arme vor der Brust. Aber er würde nicht zurückweichen. Einer Konfrontation auszuweichen war noch nie im Bereich seiner Möglichkeiten gewesen.
Das Wichtigste zuerst: „Warum hast du zugestimmt? So wie du reagiert hast, hast du den Brief anscheinend nicht geschrieben.“
„Gib ihn mir mal …“ Vincent reichte ihr den Briefbogen. Sie überflog die wenigen Zeilen des Briefes und verdrehte die Augen. „Diesen unerträglichen Mist hätte ich niemals geschrieben. Es reimt sich nicht einmal! Aquamarinblaue Augen … Zeig mal!“. Ungeniert schaute sie ihm noch mal ins Gesicht. „Na ja, so ungefähr. Aber definitiv das Attraktivste an dir.“
MMMMM
Sein Gesichtsausdruck ging von freundlich auf undurchdringlich. Er schien das nicht als Kompliment zu sehen.
„Befriedige doch bitte meine Neugierde. Warum hast du einer Verabredung zugestimmt …“, wiederholte er sich. „… wenn du eigentlich niemals mit mir hingehen würdest?“ Sie überlegte.
„Du warst prinzipiell bereit, die Einladung eines Mädchens anzunehmen. Endlich mal jemand, der die alte Hillerskatradition, dass nur die Jungen das dürfen, bricht. Alle haben es gesehen. Wir bringen damit Hillerska ins 21. Jahrhundert!“ Sie strahlte ihn begeistert an und überlegte, ob sie das mit dem Mitleid noch erwähnen sollte. Aber er war schon genug beleidigt, dass er für sie nicht der Schönste war. Madison beschloss großzügig, es gut sein zu lassen.
Er sah sie nachdenklich an. „Eigentlich macht es auch so mehr Sinn“, sagte er in dem ihm eigenen überheblichen Tonfall. „Letztendlich entscheidet doch das Mädchen, ob es will oder nicht. Umgedreht gibt es eher ein „Ja“. Die Männer würden sich die potentielle Peinlichkeit ersparen, abgewiesen zu werden“, meinte er. Sie nickte zustimmend.
Maria fiel ihr ein. Wie sie sich über Vincents Brief lustig gemacht hatte. Das war schon gemein. Es brauchte Mut und Selbstbewusstsein, ein Mädchen einzuladen. Schuldbewusst fiel ihr ein, dass auch sie ihre Briefe lauthals ihren Freundinnen vorgelesen hatte und sie alle sich auf Kosten der unbekannten Jungen amüsiert hatten. Vielleicht sollte sie den Abend mit Vincent auch als eine Art Buße für ihre eigene Herzlosigkeit sehen. Sie würde sich jedenfalls anstrengen, Vincent den Abend gut aussehen zu lassen. Sollte Maria sehen, was sie verpasst hat.
VVVVV
„Ich hole dich morgen ab. 20:00 Uhr? Welche Zimmernummer hast du?“
Vincent erschrak. Das würde für Aufsehen auf dem Flur der Drittklässler sorgen. Ging es nicht diskreter? „Ähh, die Jungs wollten bei mir noch etwas vorglühen … Ich werde dich danach abholen.“
„Nein, nein, ich lade dich ein und hole dich dann auch ab. Es macht mir nichts aus, noch ein wenig mit den Jungs und dir in deinem Zimmer abzuhängen, bis der Ball beginnt.“ Ihr entschlossener Blick verriet ihm, dass er auf verlorenem Posten kämpfte.
Er gab auf. „Zimmer 36“.
„Ok, dann bis morgen!“ Sie schenkte ihm ein Lächeln und ging ihrer Wege.
Vincent atmete erleichtert auf. Das war ja noch einmal gut gegangen. Vielleicht war sie ein wenig anstrengend, aber sie hatte ihn vor einer Blamage bewahrt. Dankbar nahm er sich vor, sich als ihr Begleiter von seiner besten Seite zu zeigen. Ob es in ihren Augen antiquiert wäre, wenn er ihr Blumen schickt?
