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who dares to love forever?

Summary:

Wenn es nach Cotta gehen würde, würde es heute in Strömen regnen, aber natürlich konnte seine Laune keinen Einfluss auf so etwas nehmen. Andererseits, Regen hätte ihn auch nur an jenen ersten Tag erinnert, an den Abend am Strand, als-

Notes:

(See the end of the work for notes.)

Work Text:

Als Cottas Wecker klingelte, stand er schon seit einer Weile am Fenster und hatte dabei zugesehen, wie das dunkle Nachtblau des Himmels über Rocky Beach von strahlendem Orange des Morgens vertrieben wurde.

Mit einer schnellen Bewegung schaltete er den Wecker aus, das Piepsen ging ihm schon nach dem ersten Ton auf die Nerven - zu laut, zu schrill, zu durchdringend.

Er ließ sich auf die Bettkante fallen, starrte noch einen Moment länger durchs Fenster. Natürlich war heute schönstes Wetter. Wenn es nach ihm gehen würde, würde es heute in Strömen regnen, aber natürlich konnte seine Laune keinen Einfluss auf so etwas nehmen. Andererseits, Regen hätte ihn auch nur an jenen ersten Tag erinnert, an den Abend am Strand, als-

Er verbot sich, den Gedanken zuende zu führen.

Schwerfällig erhob er sich wieder, zog sich umständlich an. Die Hemdknöpfe machten ihm mehr Probleme als üblich, seine Finger schienen ihm nicht ganz gehorchen zu wollen.

Langsam ging er die Treppe hinunter ins Erdgeschoss, erleichtert, dass Caroline noch nicht wach war.

Bubbles strich um seine Beine, also hockte Cotta sich hin vergrub erst seine Hände, dann auch sein Gesicht in dem weichen, orangen Fell.

Irgendwo hinter seinen Augen konnte er die Tränen prickeln spüren, entfernt und doch viel zu nah an der Oberfläche, drängte sie mit aller Macht zurück.

Zwang sich, den Kater wieder loszulassen und ihm stattdessen Futter hinzustellen.

Kochte sich Kaffee, griff nach kurzem Zögern nach dem teuren Kaffeepulver, das ganz hinten im Schrank stand. An dem kitschigen Porzellanbecher mit dem Eifelturm darauf schaute er jedoch lieber konzentriert vorbei; das wäre mehr, als er heute ertragen konnte.

Mit der Tasse in der Hand ging er auf die Terrasse hinaus, trank seinen Kaffee langsamer als sonst, bekämpfte das Bedürfnis, sich eine Zigarette anzustecken.

Aber er hatte das Rauchen schon lange aufgeben, hatte eine Sucht gegen die andere eingetauscht, aber der Kaffee zerstörte ihm wenigstens nicht die Lungen.

Als der Becher leer war konnte er es nicht länger hinauszögern, auch wenn er sich bedeutend lieber den ganzen Tag im Bett verkriechen würde, anstatt zur Arbeit gehen und so tun zu müssen, als wäre nichts los.

Kaum hatte er den Motor seines Wagens gestartet, ertönte aus dem Radio Queens Who Wants to Live Forever und mit einem Fluch schob Cotta hastig die erstbeste CD in die Anlage, die er in die Finger bekam. Aber es war schon zu spät, er wusste, dass er dieses Lied den Rest des Tages nicht mehr aus dem Kopf kriegen würde.

Irgendwie schaffte er es durch seinen Dienst, vergrub sich so tief wie möglich in seinen Akten – davon, immerhin, hatte er ja mehr als genug – und wenn er noch etwas knurriger und kürzer angebunden war als sonst, dann kommentierte das zumindest niemand.

Trotzdem atmete er auf, sobald er wieder im Auto saß. Caroline hatte heute Theaterprobe, sodass er sich bis zum späten Abend vollkommen in sich zurückziehen konnte, ohne, dass sie etwas dazu sagte oder sich sorgte, weil er nur dasitzen, Wein trinken und dieselbe Schallplatte wieder und wieder hören würde.

Als er auf die Auffahrt einbog, bemerkte er das Paket, das vor der Haustür abgestellt worden war, und sein Herz setzte einen Schlag aus.

Sofort rief er sich zur Ordnung. Sicherlich hatte Caroline irgendetwas bestellt, von dem sie ihm nichts erzählt hatte. Sicherlich hatte es nichts zu bedeuten.

Trotzdem fiel es ihm unerwartet schwer, aus dem Auto zu steigen und die wenigen Schritte hinüber zur Tür zu gehen.

Schon aus einigen Metern Entfernung erkannte er das Logo eines örtlichen Blumenladens.

Er blieb stehen, schloss die Augen.

Es konnte nicht sein.

Nur eine einzige Person würde ihm an diesem Datum Blumen schicken – hatte es in der Vergangenheit regelmäßig getan, immer an diesem Tag. Doch es konnte nicht sein. Das war unmöglich.

Tief holte er Luft, ging die letzten Meter zur Haustür.

Öffnete sie, hob das Päckchen auf und nahm es mit nach drinnen.

Holte sein Handy aus der Tasche, suchte die Nummer des Ladens heraus und wählte sie.

Ein fröhliche Frauenstimme meldete sich am anderen Ende, brachte ihn mit ihrer guten Laune noch mehr aus dem Konzept, als er es ohnehin schon war.

„Guten Tag“, zwang er hervor, seine Stimme gepresst und heiser, „Ich habe Blumen erhalten und ich muss wissen, wer den Auftrag dazu gegeben hat.“

„Natürlich“, flötete die Frau, „Wenn Sie mir Ihren Namen und Ihre Adresse geben, schaue ich im System nach, ob ich die Information herausgeben darf!“

Cottas ganzer Körper fühlte sich taub an, während er ihr mechanisch die Daten durchgab.

Wenn sich hier irgendjemand einen schlechten Scherz mit ihm erlaubt hatte-

„Die Blumen stammen vom gleichen Absender wie in den letzten Jahren“, erklärte die Frau.

Schwer ließ Cotta sich auf die Treppenstufen fallen.

„Aber das kann nicht sein“, brachte er heraus, kaum mehr als ein Flüstern. „Aber das kann nicht sein, er ist-“ Wieder dieses Prickeln hinter seinen Augen. „Er ist tot.“

Das letzte Wort ging ihm kaum über die Lippen.

Auch wenn es bereits ein halbes Jahr her war, so recht hatte er es noch immer nicht verarbeitet.

Dass Victor tot war. Dieses Mal wirklich. Unumstößlich. Nachweislich. Erschossen bei einem versuchten Einbruch.

„Oh“, machte die Frau am anderen Ende der Leitung leise. „Das tut mir leid.“ Das Klicken einer Tastatur drang an Cottas Ohr. Dann sagte sie: „So wie es aussieht, ist der Auftrag die ersten drei Mal einzeln erteilt worden. Aber vor fünf Jahren wurde... naja, ein Dauerauftrag eingerichtet, der etliche Jahre im Voraus bezahlt worden ist. Ich habe hier die Notiz, dass der Text auf der Karte im Vorfeld festgelegt worden ist, aber bisher jedes Jahr kurz vorher telefonisch geändert wurde, sodass Sie dieses Jahr quasi zum ersten Mal den eigentlich geplanten Text erhalten haben, und-“

„Danke“, fiel Cotta ihr ins Wort, würgte die Erklärung ab. Er konnte jetzt nicht weiter zuhören, es war auch so schon zu viel.

Zu wissen, dass Victor veranlasst hatte, dass Cotta auch noch über seinen Tod hinaus Blumen von ihm erhalten würde, immer an diesem Datum, dem Jahrestag ihrer ersten Begegnung.

„Vielen Dank und einen schönen Tag noch“, zwang er sich zu sagen, legte auf, ehe sie noch etwas erwidern konnte.

Starrte das Paket an.

Bisher hatten die Karten immer einen mal mehr, mal weniger liebevoll-ironischen Spruch beinhaltet. Doch dieses Mal war es eine Nachricht, die Victor ihm noch aus dem Jenseits zukommen lassen wollte, und er hatte Angst davor, sie zu lesen.

Er hatte schlicht und ergreifend Angst, auch wenn er selbst nicht so genau wusste, wieso.

Langsam, ganz langsam stand er auf, ging zur Kommode hinüber, wo er das Päckchen abgestellt hatte.

Öffnete den Karton, musste schlucken, als er erkannte, dass es die gleichen Blumen waren wie jedes Jahr, der Anblick so schmerzhaft vertraut.

Rote und rosafarbene Kamelien und Nelken, umgeben von Farn und Schafgarbe.

Er war sich sicher, dass das Arrangement etwas bedeutete, doch er hatte sich nie getraut, nachzulesen.

Mit zitternden Fingern griff er nach dem Kärtchen, das an dem Strauß hing.

Mon amour est immortel.

Cottas Französisch war miserabel, aber das, das konnte er gerade noch übersetzen.

Jetzt konnte er die Tränen, die er schon den ganzen Tag bekämpft hatte, endgültig nicht mehr zurückhalten.

Schwer fielen sie auf die Blumen, er machte sich nicht die Mühe, sie sich aus dem Gesicht zu wischen.

Victor hatte seine Zuneigung stets mit Gesten gezeigt, mit kleinen Geschenken und gemeinsam verbrachter Zeit. So wortgewandt er auch gewesen war, seine Gefühle ehrlich auszudrücken schien ihm oft schwer gefallen zu sein.

In den zehn Jahren, die seit ihrer ersten Begegnung vergangen waren, genau zehn Jahre, hatte Cotta ihn das Wort Liebe nicht einmal verwenden hören.

Damit war er zurecht gekommen, er selbst hatte es auch höchstens im Dunkeln leise gegen Victors Haut oder in seine Haare geflüstert, unsicher, ob er überhaupt gehört werden wollte.

Doch es jetzt vor sich zu sehen, jetzt, wo es zu spät war, und zu wissen, dass Victor genau diese Nachricht bereits fünf Jahre zuvor veranlasst hatte, traf ihn wie ein Schlag in den Magen.

Seine Finger umklammerten die kleine Karte, zerdrückten sie, aber das war nicht wichtig, schließlich war die Handschrift nicht Victors, der physische Gegenstand zählte nicht halb so viel wie die Worte selbst.

„Ich liebe dich auch“, entschlüpfte es ihm.

Nun wischte er sich doch mit dem Handrücken über die Augen, richtete den Blick nach oben, zur Decke, als könnte er durch sie hindurch bis in den Himmel schauen, als gäbe es dort oben einen tatsächlichen Ort, an den die Seelen Verstorbener gingen, als könnte Victor ihn hören, wenn er es nur intensiv genug versuchte.

„Warum konntest du mir das nicht sagen, als du noch hier warst?“ Er wollte anklagend klingen, wütend sein, doch stattdessen kam es erstickt heraus, verzweifelt.

Wieder sah er die Blumen an, wollte sie halb durch den Raum werfen, doch er brachte es nicht über sich.

Stattdessen stand er eine ganze Weile einfach nur da, starrte auf das Arrangement, das Victor für ihn zusammengestellt hatte, bis irgendwann Bubbles zu ihm kam, mit dem Kopf gegen sein Bein stieß, ihn aus seiner Starre riss.

Als Caroline nach Hause kam, hatte Cotta immer noch nichts gegessen, doch zumindest hatte er die Blumen in Wasser gestellt und sich mit einem Glas Wein auf das Sofa gesetzt, streichelte abwesend Bubbles‘ Fell, während er blicklos auf den Schallplattenspieler starrte, auf dem sich die Platte drehte, die Victor ihm Jahre zuvor aus Florenz mitgebracht hatte.

Notes:

Ich weiß, ich weiß, ich hab gestern erst gesagt, dass ich wohl erstmal nicht zum schreiben kommen werde, aber dann habe ich diesen Post gesehen und uh. Dann ist das hier passiert.
Ja, die Blumen-Bedeutung habe ich nachgeschlagen, ich hoffe, Google hat mich nicht angelogen. Und Dank an Alin dafür, noch mal über das Französisch drüber geguckt zu haben <3