Work Text:
Der Spiegel im Waschraum des Präsidiums ist zu klein, als dass man darin viel erkennen könnte. In dem hellen Neonlicht sieht sowieso alles blass und irgendwie verzerrt aus. Esther fährt mit einer Hand über den Stoff ihres Kleides. Es fühlt sich nicht an, als ob es Falten wirft, aber sie würde sich trotzdem besser fühlen, wenn sie sich mit eigenen Augen davon überzeugen könnte, dass es richtig sitzt.
Noch besser würde es ihr wahrscheinlich gehen, wenn sie gar nicht in einem Kleid im Präsidium sein müsste, aber das steht auf einem anderen Blatt. Aus dieser Nummer kommt sie leider nicht mehr raus. Dabei soll keiner sagen, dass sie es nicht mit allen Mitteln versucht hätte.
„Moment noch“, sagt Pia auf einmal hinter ihr. Esther will sich schon zu ihr umdrehen, doch Pia hält sie an der Schulter fest. Deshalb ist sie gezwungen, sich weiter im Spiegel anzuschauen.
Ihr Make-up ist in Ordnung, auch wenn es nicht hundert Prozent professionell wirkt. Esther ist halt keine Stylistin oder so, aber für eine Party wird es hoffentlich reichen. Sie muss einfach nur darauf vertrauen, dass die Räumlichkeiten schwach genug beleuchtet sind.
Die Frisur hat Pia dagegen wirklich gut hinbekommen, wenn man bedenkt, dass sie selbst ihre Haare fast immer nur zu einem einfachen Pferdeschwanz hochbindet. Dafür hat sie Esthers Haare mit einem erstaunlichen Geschick hochgesteckt. Einige Strähnen, die zu kurz dafür waren, umrahmen ihr Gesicht, aber selbst das wirkt irgendwie kunstvoll.
Ob ihre Kopfhaut deshalb noch kribbelt, weil Pia viel zu viel Haarspray benutzt hat oder weil sie davor ständig mit ihren Fingern hindurchgefahren ist und Esther jetzt das Gefühl hat, Pias Berührungen immer noch zu spüren, kann sie nicht sagen.
Momentan gibt es sowieso wichtigere Dinge, auf die Esther sich konzentrieren sollte. Wie zum Beispiel auf die klobige Kette mit einem riesigen Klunker, die ihr gerade von Pia um den Hals gelegt wird. Eine Gänsehaut breitet sich überall dort aus, wo Pias Finger ihre Haut berühren. Das lässt sich nun einmal hierbei nicht vermeiden, sagt Esther sich. Die Gänsehaut könnte auch einfach daran liegen, dass das Metall der Kette sich im Vergleich zu Pias warmen Händen eiskalt anfühlt.
Esther muss sich ganz schnell wieder in den Griff kriegen. Sie lässt sich hier nur von einer Kollegin dabei helfen, sich auf einen Einsatz vorzubereiten. „Die Kette ist echt hässlich“, stellt sie fest und es klingt abfälliger, als sie das eigentlich beabsichtigt hat. Aber vielleicht hilft es, all ihren Hass über die bevorstehende Ermittlung auf diese blöde Kette zu projizieren.
„Stimmt.“ Pia greift noch einmal um sie herum und tippt ein paarmal auf den Anhänger, der zwischen Esthers Schlüsselbeinen ruht. „Die Farbe passt nicht zu dir. Aber was anderes konnte ich so kurzfristig nicht auftreiben.“
Es ist Esther scheißegal, ob ihr die Farbe steht oder nicht oder ob das Design aussieht wie etwas, das ihre Oma tragen würde – und nicht auf eine coole Vintage-Art. Sie überlegt gerade ernsthaft, ihre Abneigung dagegen fallenzulassen und die Kette stattdessen als ihren persönlichen Talisman für den heutigen Abend zu betrachten. Dass Pia den Anhänger noch einmal zurechtrückt und ihre warmen Finger dabei schon wieder Esthers Haut streifen, trägt nicht unwesentlich zu Esthers Entscheidungsfindung bei.
Doch dann ist Pia fertig und hört auf an der Kette (und leider auch an Esthers Hals) herumzuspielen. Sie tritt einen Schritt zurück und wirft Esther im Spiegel ein Lächeln zu. „Sieht doch gar nicht so schlecht aus, oder?“
Davon ausgehend, was Esther im Spiegel erkennen kann, sieht es sogar ziemlich gut aus. Auf jeden Fall passt es in die Rolle, die sie heute Abend spielen soll. Es ändert zwar nichts daran, dass sie sich in diesem Aufzug immer noch unwohl fühlt, aber das gehört wohl zu einer verdeckten Ermittlung dazu. „Am Outfit wird es auf jeden Fall nicht scheitern.“
Pias Lächeln im Spiegel wird eher zu einem Grinsen, kurz bevor sie sich umdreht und die Tür zum Waschraum aufstößt. „Schürk kann sich glücklich schätzen, dass er dich so ausführen darf.“
Adam sieht überhaupt nicht glücklich aus. Weder als er Esther im Flur fragt, ob sie endlich fertig ist, noch als sie zusammen im Auto sitzen auf dem Weg zu der Feier. Esther hat nicht wirklich Lust auf eine Unterhaltung, aber irgendwas muss sie sagen, um die Stille zwischen ihnen zu durchbrechen. „Wenn du nachher auch die ganze Zeit so schaust, kaufen uns auf jeden Fall alle ab, dass wir ein Paar sind.“
Wenn das überhaupt möglich ist, verfinstert sich Adams Gesicht noch mehr. „Ich hab mir das nicht ausgesucht. Ich wäre auch lieber mit Leo hier.“
Das würde passen. Die beiden hängen sowieso ständig aufeinander. „Auch als Pärchen?“ kann sie sich nicht verkneifen.
Adam antwortet nicht, sondern starrt hinunter auf seine Hände, die sich hell von dem dunklen Stoff seines Anzugs abheben. Der Anzug steht ihm erstaunlich gut, aber Esther wird einen Teufel tun, ihm das zu sagen. Vielleicht hat Leo das ohnehin schon übernommen. Adams Schweigen, was die Pärchen-Frage angeht, spricht jedenfalls Bände.
Im Grunde genommen geht es Esther aber auch nichts an. Also verbringen sie den Rest der Fahrt wieder damit sich anzuschweigen.
Der Wagen hält in der Einfahrt des Hauses, in dem die Feier stattfinden soll. Anwesen trifft es wohl eher. Esther kann von hier aus nicht einmal das komplette Ausmaß der Ländereien erkennen. Das Gebäude ist hell erleuchtet und wirkt jetzt schon viel zu voll für ihren Geschmack. Dabei wollten sie extra früh herkommen, um sich in Ruhe umsehen zu können, bevor die Feier ausartet.
Ihre Aufgabe heute Abend ist denkbar einfach: Ihr Ziel ausfindig machen und die Frau solange unter Aufsicht halten, bis sie die Party verlässt. Am Ende der Einfahrt stehen Kollegen bereit, um sie möglichst unauffällig in Gewahrsam nehmen zu können. Alles in allem nichts Weltbewegendes. Doch bei der Menge an Leuten hier könnte es schwierig werden, ihre Zielperson überhaupt zu finden.
Noch mehr Probleme ergeben sich beim Reingehen. Es ist nicht so, als ob Esther etwas gegen Adam persönlich hätte – nicht mehr. Sie hatten zwar nicht den besten Start, aber irgendwie haben sie sich aneinander gewöhnt und sich zusammengerauft. Bei ihren gemeinsamen Teamaktivitäten schaffen sie es inzwischen ganz gut, sich locker miteinander zu unterhalten, ohne sich die ganze Zeit über gegenseitig anzufahren.
Doch da sind sie eben nie alleine. Außerdem legt Adam da nicht einfach so den Arm um sie, wie er das jetzt tut, als sie vor dem Eingang stehenbleiben, um ihre Namen auf der Gästeliste abhaken zu lassen. Es ist logisch, dass Adam das macht, weil sie schließlich als Paar auftreten sollen. Trotzdem stellen sich dabei Esthers Nackenhaare auf und sie hasst alles daran.
Sie mag es einfach nicht, wenn Leute sie anfassen. Das war schon immer so. Dass sie es vorhin bei Pia noch ganz schön fand, schiebt sie schnell beiseite.
Sie ist definitiv nicht die Richtige für diesen Undercover-Einsatz. Von dem falschen Lächeln tut ihr Gesicht schon weh, aber sie kann auch nicht mit einem Gesicht wie sieben Tage Regenwetter das Haus betreten. Wäre sie doch mal an Pias Stelle gestern mit Leo hierhergefahren zur Zeugenbefragung. Dann hätte sie sich schön damit rausreden können, dass sie den Anwesenden schon als Kommissarin bekannt ist und dass es viel zu auffällig wäre, wenn sie zu dieser Feier geht.
Würde Pia sich dann an ihrer Stelle in einem hübschen Kleid durch die Menschenmenge schieben? Darüber würde Esther gerne weiter grübeln, aber leider drängt sich ihr dabei immer wieder das Bild auf, wie Pia im Gegensatz zu ihr vollkommen selbstbewusst an Adams Arm durch die Räume gleiten würde. Aus irgendeinem Grund stört sie das und sie schiebt das Bild schnell wieder weg.
Es gibt ohnehin Wichtigeres, auf das sie sich konzentrieren muss. In diesem Moment beugt sich Adam ein Stück zu ihr hinunter. „Ich hol uns was zu trinken.“
Sie hofft einfach mal, dass das bedeutet, dass er die Gegend um die Bar nach ihrer Zielperson absucht. Wenn sie alle Bereiche des Hauses bestmöglich absuchen wollen, müssen sie systematisch vorgehen. „Ich suche mal die Toiletten.“ Es ist gut genug als Ausrede, um sich etwas umschauen zu können. Dahin könnte sie Adam sowieso nicht mitnehmen. „Um zu schauen, ob unsere Verdächtige da ist“, fügt sie noch hinzu, weil Adam noch nicht überzeugt wirkt.
Der nickt aber nur. „Klar.“
Der Toilettenbereich ist leer. Auch auf dem Weg dorthin hat Esther nichts entdeckt, was ihr komisch vorgekommen wäre. Sie erlaubt sich einen kurzen Moment, um tief durchzuatmen und ihr Handy aus ihrer Handtasche zu ziehen.
Leo fragt schon nach Updates, also schickt sie ihm eine kurze Info, dass es noch nichts Neues gibt. Wahrscheinlich hat Adam ihm längst geschrieben, weil die beiden es keinen Abend ohne einander aushalten. Aber Esther will sich nicht nachsagen lassen, sie würde im Team nicht gut kommunizieren.
Nur deshalb öffnet sie auch Pias Nachricht, obwohl die gerade mit Leo in einem unauffälligen Fahrzeug sitzen müsste, das in der Nähe der Grundstückseinfahrt geparkt ist. Von daher müsste Pia von Leo sowieso alles Wichtige erfahren. Pias Nachricht an sie bezieht sich allerdings nicht wirklich auf ihren Einsatz.
Ich hoffe, ihr müsst tanzen, du und Schürk. Das würde ich zu gerne sehen.
Esther merkt, wie sich ein Lächeln auf ihr Gesicht stiehlt. Schnell steckt sie das Handy wieder weg. Antworten kann sie auch später, wenn ihr eine gute Formulierung einfällt. Sie nimmt sich aber vor, heute Abend mindestens einmal mit Adam zu tanzen, nur damit sie Pia nachher damit ärgern kann, was sie verpasst hat.
Esther besitzt bei weitem kein Talent, was Tanzen angeht und sie befürchtet, dass es bei Adam noch schlimmer aussieht. Bei den langen Gliedmaßen ist es wahrscheinlich einfach unmöglich, sie alle gleichmäßig im Takt der Musik zu bewegen. Früher oder später werden sie bestimmt auch die Tanzfläche absuchen müssen, aber wenn sie sich dort doof anstellen, bekommt es wenigstens niemand aus dem Team mit. Eine gute Anekdote wäre es mit Sicherheit trotzdem.
Dementsprechend ist Esther etwas besser gelaunt, als sie die Toiletten verlässt und sich wieder auf die Suche nach Adam macht. Sie findet ihn in der Nähe der Bar, an eine Wand gelehnt, mit zwei Gläsern in den Händen. Sie nimmt ihm eins davon ab und will schon fragen, warum er sich hier so abseits hinstellt, bis ihr auffällt, dass man von hier einen ziemlich guten Blick über die Menge hat. Mist. Sie kann ihm schlecht sagen, dass sein Aussichtspunkt gut gewählt ist.
Sie dreht sich ein wenig zur Seite, damit es nicht ganz so offensichtlich ist, dass sie nur hier ist, um die Menschen zu beobachten. Adam und sie müssen ein verdammtes Pärchen spielen. Sie legt nicht besonders viel Wert darauf und sie hat auch keine Ahnung, wie sie sich tatsächlich verhalten würde, wenn sie einen Mann wie Adam daten würde.
Wenn sie mit jemandem hier wäre, an dem sie echtes Interesse hätte, würde sie ihr vielleicht ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht streichen. Das wäre die perfekte Gelegenheit, um sich näher zu ihr zu beugen und sie zu fragen, wie der Stand der Ermittlungen bei ihr aussieht. Wenn sie schon mal dabei ist, könnte sie danach so tun, als ob sie ihr zum Abschluss noch einen Kuss auf die Wange drückt – und warum sieht die unbekannte Frau in ihren Gedanken auf einmal verdächtig aus wie Pia?
Mit Adam neben sich fällt Esther nichts Besseres ein, als sich hoch zu recken und so zu tun, als würde sie ihm den Hemdkragen richten. Der sitzt sowieso schon perfekt, aber sie fummelt lieber an seinem Kragen herum, anstatt ihn richtig anzufassen. „Hast du was?“ fragt sie leise.
Sie spürt, wie Adams Hand sich auf ihren Rücken legt. Ein Teil davon befindet sich oberhalb ihres Kleides und sie hat das Gefühl, als ob sie Adams Berührung unangenehm in ihre Haut brennt. Warum hat er eigentlich so kalte Hände? Vielleicht will sie doch nicht mit ihm tanzen, nicht einmal, um Pia das nachher unter die Nase reiben zu können.
Adam geht so weit, den Kopf zu ihr runter zu beugen, bis ihre Gesichter nah beieinander sind. Es kann nicht angenehm für ihn sein und für Esther ist es das auch nicht. Wie gut, dass sie im Allgemeinen mit niemandem ausgeht, der so riesig ist. Pia dagegen hätte die perfekte Größe…
Aber sie schweift schon wieder ab. Adam hat ihr gerade mitgeteilt, dass es noch keine Spur von ihrer Zielperson gibt.
„Dann sollten wir uns umsehen“, ist ihre wenig intelligente Antwort. Aber immerhin nickt Adam, also kann es kein allzu dummer Vorschlag gewesen sein.
Irgendwie sind sie doch auf der Tanzfläche gelandet; noch viel früher als Esther damit gerechnet hätte. Aber alle anderen Räume des Hauses abzusuchen, hat nichts ergeben und von hier aus haben sie die meisten Partygäste gut im Blick.
Das bedeutet trotzdem nicht, dass Esther es schön findet. Dabei ist Adam im Tanzen überraschenderweise gar nicht so schlecht, aber so langsam wird ihr ein bisschen schlecht davon, dass er sie immer wieder dreht. Ihre Schuhe sind definitiv nicht fürs Tanzen ausgelegt und sie überlegt schon, ob sie die Quittung für Blasenpflaster später als Spesen einreichen kann.
Adams Hand auf ihrem Rücken wandert ein bisschen höher und die kalten Finger auf ihrer Haut lassen sie wieder einmal erschaudern. „Da ist sie.“
Sie braucht einen Moment, bis sie Adams erneute Berührung verarbeitet hat und schaltet, was er meint. „Wo?“ In der Menge von Körpern um sie herum kann sie ihre Zielperson nirgendwo entdecken, egal wie sehr sie versucht den Hals zu recken. Wenn Adam sich ein bisschen kleiner machen würde…
„Warte…“
Im nächsten Moment spürt Esther Adams Hand nicht mehr an ihrem Rücken, sondern an ihren Hüften. „Fuck, was –“ Sie krallt sich an seiner Schulter fest, über die sie sehr gut hinübersehen kann, jetzt wo er sie hochgehoben hat.
Adam Schürk hat sie einfach so hoch gehoben, als würde sie nichts wiegen und als wäre so gut wie nichts dabei. Wenn sie nicht mitten in einer Menschenmenge auf einem Undercover-Einsatz wären, hätte er jetzt schon zum zweiten Mal innerhalb dieses Jahres gebrochene Gliedmaßen. Was dieser Kerl sich einbildet…
Doch dann erkennt sie, was Adam gemeint hat. Es ist eindeutig die Frau von den Fotos, die sie im Präsidium genauestens studiert haben. „Du hast Recht“, rutscht ihr heraus, bevor sie sich darauf besinnen kann, dass sie damit nicht nur Adams Einschätzung, was die Zielperson angibt, sondern auch seiner fragwürdigen Methode Recht gibt.
Es hätte sicher eine bessere Möglichkeit gegeben, damit sie sich umsehen kann. Das wird sie Adam später auch knallhart aufzählen, aber jetzt muss sie sich erst mal darauf konzentrieren, auf ihren hohen Schuhen nicht umzukippen, als ihre Füße wieder den Boden berühren. Und darauf dass ihre Zielperson gerade aussah, als wäre sie dabei die Tanzfläche zu verlassen.
„Wir müssen hinterher“, zischt sie Adam zu und zupft sich ihr Kleid zurecht, das natürlich bei dieser dummen Aktion verrutscht ist. Sie hofft sehr, dass es für Außenstehende nicht allzu seltsam ausgesehen hat.
Als Adam nicht sofort reagiert, greift sie nach seiner Hand. Wenn er schon mit ihr tanzen und sie hochheben darf, wird er sie fürs Händchen halten hoffentlich nicht direkt umbringen. Außerdem kann sie ihn so mitziehen in die Richtung, in die ihre Zielperson gerade verschwunden ist.
Sie enden vor einer Tür, die genau dann ins Schloss fällt, als sie um die Ecke biegen. Der Gang grenzt an den großen Wohnbereich, der für die Feier zur Tanzfläche umfunktioniert worden ist, aber hinter der Ecke wirkt es beinahe ruhig. Die Musik dringt zwar weiter zu ihnen hervor, aber es scheint sich niemand anderes hierher zu verirren.
Esther lässt Adams Hand los, sobald sie sich versichert hat, dass sie außer Sichtweite sind. „Was machen wir jetzt?“ Sie nickt zu der verschlossenen Tür.
Adam zuckt nur mit den Schultern. „Wir haben sie gefunden, oder nicht?“
„Sind wir uns sicher, dass sie da drin ist?“ flüstert Esther. Sie müssen immer noch die Kollegen verständigen, sobald die Frau die Party verlässt, aber ewig hier warten können sie nicht. Der Gang, in dem sie sich befinden, ist zwar nicht einsehbar, aber falls sich doch jemand hierher verirrt, werden sie auffallen. Außerdem kann es auch sein, dass sie sich geirrt haben und dass die Zielperson vielleicht doch irgendwo anders hin als hier diese Tür verschwunden ist.
„Keine Ahnung. Lass uns mal nachschauen.“
„Was…?“ Sie kommt nicht dazu, ihren Satz zu beenden, geschweige denn irgendwie zu reagieren, bevor Adams Hand schon auf der Türklinke liegt. So ein Scheiß. Genau deswegen arbeitet sie nicht gerne mit Adam zusammen; weil er viel zu unberechenbar ist und ständig irgendwelchen Mist abzieht, ohne es vorher anzusprechen.
Sie hat keine Ahnung, wie Leo es mit ihm aushält und sie tippt darauf, dass es nur ihrer wie auch immer geratenen gegenseitigen Sympathie geschuldet ist, dass Adam noch keinen Verweis in seiner Akte hat. Im Gegensatz zu Leo will Esther allerdings auf keinen Fall mit Adam ins Bett und sie hat nicht vor, ihm das hier einfach durchgehen zu lassen. Doch für den Moment muss sie ihren Ärger wohl herunterschlucken, während sie gedanklich schon eine Nachricht an Pia formuliert, in der sie sich darüber auskotzt, dass man mit Adam einfach nicht arbeiten kann.
Aber erst einmal muss sie genau das tun – mit ihm zusammenarbeiten und so tun, als wäre all das genau geplant gewesen. Glücklicherweise schafft sie es gerade noch, sich näher neben ihn zu stellen und einen Arm um ihn zu legen, bevor die Tür sich vollständig öffnet.
Drei Paar Augen blicken ihnen entgegen und Esther lehnt sich instinktiv noch etwas näher an Adam. „Ups“, sagt sie eine Spur lauter als nötig und dreht ihr Gesicht gegen Adams Schulter, damit bloß keiner sieht, wie gequält sie guckt, während sie so tut, als würde sie kichern.
Sie merkt, wie Adam sich neben ihr anspannt, aber das hier ist er selbst Schuld. Wenn er nur hier rumsteht, kauft es ihnen niemand ab, dass sie nicht zum Rumschnüffeln hier sind.
„Wir haben nur einen Ort gesucht, wo wir etwas ungestört sein können.“ Sie grinst und schaut zu Adam hinauf, bevor sie sich wieder den Leuten im Raum zuwendet. Es ist eindeutig ihre Zielperson, die sich dort mit zwei Männern unterhält. „Aber hier ist wohl schon besetzt.“
Wieder kichert sie und geht sogar so weit, eine Hand auf Adams Brust zu legen. Wenigstens scheint ihn das endlich dazu zu bringen, zu reagieren. Sein „Sorry“ klingt ziemlich überzeugend angetrunken und als hätte man ihn in einem peinlichen Moment erwischt.
Aufatmen kann Esther allerdings erst, als sich die Tür vor ihnen wieder schließt. Sofort lässt sie von Adam ab und geht einige Schritte weiter. Er folgt ihr und kommt ihr dabei so nahe, dass ihre Haut schaut wieder so unangenehm kribbelt. „Was war das denn?“ fragt er und besitzt dabei allen Ernstes die Dreistigkeit, vorwurfsvoll zu klingen.
„Was war was? Was hätte ich denn machen sollen, wenn du uns da einfach ohne Plan ans Messer lieferst?“ Esther zückt ihr Handy, bevor sie sich noch richtig reinsteigern kann, obwohl sie Adam am liebsten hier und jetzt angeschrien hätte.
Eine Nachricht an Pia zu tippen hilft ihr, sich wenigstens ein bisschen zu beruhigen, auch wenn Adam ihr dabei schon wieder viel zu nahe kommt, um auf dem Display mitlesen zu können. Am liebsten würde sie ihn anmeckern, dass das privat ist, bis ihr wieder auffällt, dass sie im Dienst sind und dass es vielleicht ganz sinnvoll ist, Adam daran teilhaben zu lassen, wenn sie dem Rest des Teams mitteilt, dass sie die Zielperson ausfindig gemacht haben.
„Das sah aus, als ob sie etwas unterschreibt.“
„Was?“ Esther tippt zweimal daneben und nicht mal die Autokorrektur kann ihre miserable Rechtschreibung noch retten. Kann Adam nicht einmal die Klappe halten? In den letzten zwei Minuten hat sich ihre Wut auf ihn kaum gelegt und sie braucht noch mindestens weitere fünf Minuten, bis sie wieder in der Lage ist, ihn nicht sofort anzufauchen, wenn sie mit ihm redet.
„Da waren Unterlagen. Wenn sie die jetzt unterschreibt, ist sie danach bestimmt nicht mehr lange hier. Lass mich mal –“
Esther kann gar nicht so schnell reagieren, wie ihr kalte Finger das Handy aus der Hand schnappen. Adam fängt sofort an zu tippen und scheint dabei eine sehr ausführliche Beschreibung der beiden Männer zu liefern, mit denen ihre Zielperson sich in dem Raum aufhält.
Wenn Esther gerade (oder auch generell) etwas besser auf Adam zu sprechen wäre, könnte sie ihn dafür loben, wie viel er sich in der kurzen Zeit gemerkt hat. So verdreht sie aber einfach nur die Augen und lehnt sich sicherheitshalber noch ein Stück von ihm weg. Es ist besser, als hier im Gang auszurasten. „Hast du kein eigenes Handy?“
Adam tippt einfach unberührt weiter, ohne sie anzuschauen. „Wir müssen –“ fängt er an, aber weiter kommt er nicht. Die Tür öffnet sich und Esther hat einen kurzen Augenblick der Panik, weil sie sich immer noch keine Tarnung überlegt haben. In ihrem Kopf schwimmen die Optionen durcheinander. Wenn sie gerade wirklich in den Raum hereingeplatzt wären, weil sie nach einem Ort gesucht hätten, um ungestört zu sein…
Adams Kiefermuskel zuckt und Esther weiß schon, was gleich kommen wird. Was kommen muss, aber sie spürt trotzdem, wie ihr ein eiskalter Schauer über den Rücken rinnt, als Adams Hand sich wieder auf ihren Rücken legt. Er drängt sich so nah an sie, dass man das Handy hoffentlich nicht mehr sieht, das er immer noch in der anderen Hand hält. „Tu so, als würden wir knutschen.“
Die Aufforderung hätte Esther nicht gebraucht und es laut ausgesprochen zu hören, macht es irgendwie nur noch schlimmer. Wahrscheinlich kann sie froh sein, dass Adam nicht wirklich knutschen will, sondern nur so tun als ob, aber besser fühlt sie sich damit nicht, als er sie aus seinen harten blauen Augen anschaut.
Er ist viel zu nah. Adams Atem streift ihr Gesicht und er dreht sich, um noch ein bisschen mehr von ihr zu verdecken. Was würde sie jetzt tun, wenn sie Adam wirklich küssen wollte? Vielleicht die Augen schließen? Sich auf die Zehenspitzen stellen, wenn sie nicht eh schon in diesen unglaublich hohen High Heels rumlaufen würde?
Am Ende legt sie eine Hand in Adams Nacken und hofft, dass es irgendwie überzeugend wirkt und dass er sie hinterher nicht dafür umbringen wird. Unberechenbar ist er eben immer noch, obwohl das hier sein verdammter Vorschlag war. Im Grunde genommen ist Adam sowieso alles Schuld, weil er eben darauf bestanden hat, diese blöde Tür aufzureißen.
Dass sie sich vielleicht vorher einen Plan hätten überlegen sollen, schiebt sie geschickt beiseite. Lieber krallt sie ihre andere Hand in Adams Jackett, als hätte sie gerade wirklich viel Spaß dabei.
Nachdem sich die Tür geöffnet hat, haben sie Schritte gehört, die aber ziemlich schnell wieder verstummt sind. Ob die drei sie wohl beobachten? Ob sie hören, dass Adam allen Ernstes stöhnt, als ob sie kurz davor wären, hier im Gang gleich eine Pornoshow abzuliefern?
Doch in dem Moment gehen die Schritte weiter, an ihnen vorbei und entfernen sich dann. „Der Wagen steht in der Garage. Unser bester, vollgetankt, wie du gesagt hast. Ich habe…“
„Und die zwei?“ Die Frauenstimme klingt schneidend, aber immerhin erkennt Esther eine gewisse Ähnlichkeit zu den Tonaufnahmen, die ihnen zugespielt worden sind. Sie wagt es kaum zu atmen aus Angst, etwas zu verpassen. Bewegen kann sie sich auch nicht, weil jede kleinste Regung sie nur noch näher zu Adam bringen würde. Wenn sie ihn hier tatsächlich aus Versehen küssen würde, würde sie das wahrscheinlich ihr ganzes Leben lang verfolgen.
„Die kriegen doch sowieso nichts mit.“
Die Frau lacht gekünstelt. Das nächste, was sie sagt, bekommt Esther nicht mehr mit, aber das ist vielleicht egal. Die wichtigsten Informationen haben sie und sie würde ebenfalls in sich hineinlachen, wenn sie sich nicht bewusst wäre, wie nah Adam und sie sich immer noch stehen.
Mit einem Ruck befreit sie sich aus seinem Griff und stößt ihn gleich noch einmal weg, nur um sicherzugehen. „Sieht so aus, als würde sie sich auf den Weg machen.“
Adam nickt. Er fährt sich mit einer Hand durch die Haare und zerstört damit die Frisur, die jemand vor ihrer Abfahrt hierher sorgsam zurechtgezupft haben muss. „Wegen…“ Er macht eine vage Handbewegung zwischen ihnen.
Esther verschränkt die Arme vor der Brust. Auf einmal fühlt sie sich noch mehr unwohl als vorhin, als Adam ihr so nahe war. „Das war dienstlich notwendig. Wir haben nur dadurch die notwendigen Infos bekommen.“
Für einen kurzen Moment wirkt Adam so, als ob er noch etwas sagen wollte, aber dann nickt er nur und drückt ihr das Handy in die Hand, das er immer noch festgehalten hat. „Ich schreib mal Leo.“
Natürlich, wie immer. Wahrscheinlich hat Adam die ganze Zeit an Leo gedacht. Insofern kann sie nur erleichtert darüber sein, dass sie sich nicht geküsst haben. Es hätte ihr gerade noch gefehlt, Adam dabei Leos Namen stöhnen hören zu müssen. Allein dieser Gedanke sorgt dafür, dass ihr „Okay“ ziemlich gequält klingt.
Adam zieht die Augenbrauen zusammen und lässt das Handy sinken, aber er sagt nichts weiter. „Lass uns mal ein Fenster finden. Vielleicht können wir sehen, welcher Wagen als nächstes die Garage verlässt. Um eine Beschreibung durchzugeben.“
Ein Fenster finden sie nicht, also zieht Esther Adam kurzerhand nach draußen. Er hat wieder ihre Hand genommen, aber nicht, ohne sie vorher mit einem langen Blick anzuschauen, bis sie genickt hat. Es ändert ja nichts; sie müssen immer noch ihre Tarnung aufrechterhalten und das ist ein guter Weg, sich in der Menschenmenge nicht zu verlieren. Im Vergleich zu einem Fast-Kuss kann Esther auch mit ein bisschen Händchenhalten leben.
Draußen werden sie sofort von einem kalten Wind erfasst. Die Luft ist in der Nacht merklich abgekühlt und Esther ärgert sich ein bisschen, dass sie zu dem Kleid keine passende Jacke mitgenommen hat. Aber von hier aus haben sie einen freien Blick auf das Garagentor, das sich ein Stück vom Haus entfernt befindet. Wenn sie Glück haben, können sie gleich sehen, wie ihre Zielperson das Gelänge verlässt und dann auch endlich nach Hause fahren und diese Scharade beenden.
„Hier.“
Esther wendet den Blick von der Garage ab, nur um zu sehen, dass Adam ihr sein Jackett hinhält.
„Denkst du, ich bin so blöd und merke nicht, dass du frierst?“
Die Worte klingen nicht wirklich freundlich, aber da ist immer noch das Jackett, das er ihr anbietet und das vermutlich deutlich angenehmer ist, als weiterhin hier in der kalten Luft zu stehen. Also verkneift sie sich den spitzen Spruch, der ihr schon auf der Zunge liegt und nimmt es ihm ab. „Danke.“
Das Jackett ist tatsächlich angenehm warm, obwohl es ihr viel zu groß ist. Aber vor allem ist es deutlich netter, als sie von Adam je erwartet hätte. Erst recht, nachdem sie vor einigen Minuten noch in einer ziemlich blöden Situation gefangen waren.
Im Vergleich zur Hinfahrt kommt ihr dieses Schweigen fast schon angenehm vor, während sie darauf warten, dass etwas passiert. Kurz überlegt sie, ob sie noch etwas wegen vorhin sagen soll, aber dann entscheidet sie sich doch dagegen. Wahrscheinlich ist es am besten, wenn sie das Thema begraben und nie wieder darüber reden. Dann kommt sie auch nie wieder in die Verlegenheit darüber nachdenken zu müssen, was wohl passiert wäre, wenn Adam sie da drinnen wirklich geküsst hätte.
Das Garagentor geht endlich auf und ein dunkler Sportwagen fährt durch das Tor. Esther atmet erleichtert auf. Hiernach können sie zwar auch nicht mehr tun als zu warten, aber die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie bald gehen können, sobald dem restlichen Team außerhalb des Geländes der Zugriff gelungen ist.
„Sollen wir wieder reingehen?“ fragt Adam irgendwann, nachdem die Rücklichter des Wagens schon längst in der Dunkelheit verschwunden sind.
Esther schüttelt nur den Kopf. Langsam wird ihr wieder kalt, aber ihr steht auch nicht wirklich der Sinn danach, wieder zur Party zurückzukehren und dort noch einmal zu tanzen oder so zu tun, als hätten sie Spaß, zusammen, als Paar. Dann denkt sie nur wieder an den Fast-Kuss und ihr wird ein bisschen schlecht. So ist es definitiv besser, wenn sie einfach nur nebeneinander stehen können und nicht reden müssen.
Wenn Adam nicht redet, ist er ihr fast sympathisch, aber das wird sie nicht laut sagen. Jedenfalls nicht heute. Er hätte so schon fast ihre Ermittlungen versaut und sie wird sich sicher nicht dafür bedanken, dass er es am Ende doch noch irgendwie gerettet hat.
Dafür wird sie ihm bei ihrem nächsten gemeinsamen Fall vielleicht öfter mal sagen, dass er die Fresse halten soll. Darin ist er ja schließlich auch nicht schlecht und eventuell freut sie sich schon ein bisschen darauf, sein Gesicht dabei zu sehen. Nach diesem Abend ist er ihr eindeutig etwas schuldig.
Im Auto schweigen sie weiter. Leo hat Adam angerufen (natürlich hat er das), um ihnen mitzuteilen, dass sie die Zielperson erfolgreich in Gewahrsam genommen haben und dass sie die Party verlassen können, wenn sie möchten. Als ob einer von ihnen Wert darauf gelegt hätte, länger hierzubleiben als nötig.
Inzwischen rauschen schon wieder die Lichter der Stadt an ihnen vorbei. Esther kann es kaum erwarten, aus ihren Schuhen und aus diesem blöden Kleid rauszukommen. Adam geht es mit seinem Anzug wahrscheinlich ähnlich, wenn man bedenkt, dass er sonst immer mit seiner Jeansjacke und den Turnschuhen verwachsen ist.
„Das war doch gar nicht so schlimm, oder?“ fragt Adam plötzlich, als sie schon in die Straße einbiegen, die sie zum Präsidium führt.
Besonders überzeugt klingt er nicht. „Nicht so schlimm?“ hakt Esther nach. Sie hätte sich deutlich schönere Dinge für ihre Abendgestaltung vorstellen können als zu arbeiten. Vor allem wenn Arbeiten beinhaltet, mit Adam zu tanzen und sich fast von ihm küssen zu lassen. Das würde sie nicht unbedingt als nicht so schlimm bezeichnen, selbst wenn der Abend gerade ganz okay zu enden scheint.
Adams Schnauben klingt schon fast wie ein Lachen, obwohl Esther sich sicher ist, dass ihn außer Leo hier noch nie jemand zum Lachen gebracht hat; und selbst das ist ziemlich selten. „Na ja…“ lenkt er ein. „Wie wäre es, wenn wir jetzt einen Pakt schließen? Falls wir noch mal in diese Situation kommen, täuscht einer von uns eine Erkrankung vor. Egal was, Hauptsache wir kommen da irgendwie raus.“
Esther schaut für einen Moment auf die Hand, die Adam ihr entgegenstreckt. Der Wagen kommt gerade zu einem Halt. Es ist eigentlich nicht ihre Art, aber es passt zu den Entwicklungen des heutigen Abends.
Diesmal findet sie es nicht mehr so schlimm, dass Adams Hand kalt ist, als sie einschlägt. „Deal.“
Pia nimmt sie oben im Büro im Empfang. Sie legt sofort die Akte ab, die sie noch in der Hand gehalten hat und kommt ihnen entgegen. „Leo ist schon im Verhörraum. Ich wollte gerade –“
„Lass mal. Ich geh mal gucken, ob er was braucht.“
Normalerweise würde Esther mit den Augen rollen, so schnell wie Adam sich die Akte geschnappt hat und damit verschwunden ist, aber heute kann sei ihm das ausnahmsweise durchgehen lassen. Sie hat sowieso keine Lust, sich jetzt vom Auto direkt in den Verhörraum zu begeben. Die beiden haben das schon im Griff, hofft sie jedenfalls.
Pia scheint es auch nicht besonders eilig zu haben, den Kollegen zur Seite zu eilen. Sie lehnt sich gegen ihren Schreibtisch zurück und behält Esther dabei die ganze Zeit im Auge. „Und, wie war’s?“
Esther senkt den Kopf und fängt an, an ihrer Halskette herumzufummeln. Während der Party hat sie sie kaum bemerkt, aber gerade kommt sie ihr wie ein riesiger Störfaktor vor, den sie sofort loswerden muss. „Definitiv ein Erlebnis“, murmelt sie, weil sie keine Ahnung hat, wie sie den Abend sonst beschreiben sollte.
„Warte, ich helf‘ dir.“ Pias Finger schieben ihre zur Seite und Esther muss wieder einmal den Atem anhalten, als Pia ein paar Haarsträhnen zur Seite schiebt und sich dann an dem Verschluss der Kette zu schaffen macht. „Du solltest nach Hause fahren. Wir können hier heute wahrscheinlich eh nicht mehr viel machen.“
Esther kann gar nicht daran denken, alleine in ihre kalte Wohnung zu fahren, solange Pias warme Finger über ihren Nacken streichen. Dauert das mit der Kette wirklich so lange? „Ich könnte eh nicht schlafen. Nach dem heutigen Abend hätte ich wahrscheinlich Albträume.“
Pia scheint endlich mit der Kette fertig zu sein und Esther spürt, wie das Gewicht um ihren Hals verschwindet. Leider tun Pias Finger das auch und sie kommt wieder um sie herum, um sie anzugrinsen. „Was, musstest du doch mit Schürk tanzen, und war es so schlimm?“
An das Tanzen hat Esther schon gar nicht mehr gedacht. Vielleicht hätte sie es schlimmer gefunden, wenn es nicht direkt danach von anderen Ereignissen überschattet worden wäre. „Lieber träume ich vom Tanzen anstatt davon, Schürk zu küssen.“
„Ihr habt euch geküsst?“ Pias Stimme ist so laut, dass sie fast durch den Raum zu hallen scheint. Esther hofft sehr, dass sich zu dieser Uhrzeit niemand außer ihnen mehr im Büro aufhält. Sie hatte wirklich nicht vor, dass derartige Gerüchte die Runde machen.
„Nein“, zischt sie, um das sofort klarzustellen. „Nur fast. Und nur, um unsere Tarnung aufrechtzuerhalten.“
„Ach, dann ist ja gut.“ Pia grinst wieder. „Sonst wäre Leo sicherlich eifersüchtig geworden, und das wollen wir ja nicht.“
Das ist Esther ziemlich egal. Leo sollte erwachsen genug sein, zwischen einem Undercover-Kuss und einem richtigen zu unterscheiden. Und er sollte auch genug Menschenkenntnis besitzen um zu wissen, dass zwischen Esther und Adam das Gegenteil von Anziehung besteht. Selbst nachdem sie heute Abend offiziell für ein paar Stunden ein Paar waren. „Ich wollte da eigentlich auch nicht genauer drüber nachdenken.“
„Hm… vielleicht brauchst du einfach Ablenkung.“
„Ablenkung?“ Esther ist gerade schon abgelenkt von dem wahnsinnig guten Gefühl, ihre Schuhe von den Füßen kicken zu können. Der raue Teppich fühlt sich im Vergleich dazu richtig angenehm an.
„Klar. Küss einfach jemand anderen und schon denkst du nicht mehr an Schürk.“
Wenn Pia das so sagt, klingt es tatsächlich ziemlich einfach. Das Problem ist nur, dass Esther schon ziemlich lange niemanden mehr hatte, den sie einfach so hätte küssen können, um sich abzulenken. „Wo soll ich denn jetzt so plötzlich jemanden dafür finden?“
Pia zuckt nur mit den Schultern. Sie trägt wieder mal eine ihrer Sportjacken und Esther ist ein bisschen neidisch, weil ihr das gerade echt lieber wäre als dieses verdammte Abendkleid. Dabei würden diese Jacken ihr garantiert niemals so gut stehen wie Pia. Vor allem wenn die Jacke ihr so von der Schulter rutscht und den Blick auf ihr Schlüsselbein und das Tanktop darunter freigibt.
„Schade“, meint Pia, aber Esther ist sich nicht sicher, ob sie das auch so meint. Viel kann sie sowieso nicht darüber nachdenken, weil Pia sich zu ihr beugt und Esther sich darauf konzentrieren muss, ihr nicht die Haarsträhne hinters Ohr zu streichen, die sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst hat. „Zeigst du mir, wie das war, mit euch beiden? Jetzt bin ich irgendwie neugierig.“
Eigentlich will Esther gar nicht weiter darüber nachdenken, aber es ist nun einmal Pia, der sie nie einen Wunsch abschlagen kann. „Von mir aus.“
Ein bisschen seltsam ist es schon, ihre Hand zu nehmen und sie mit sich zu ziehen, bis sie mit dem Rücken zur Wand steht, aber vielleicht ist das okay. Pia hört auf jeden Fall nicht auf zu lächeln oder unterbricht sie um klarzustellen, dass sie das nicht so gemeint hat.
Im Gegenteil. „Wo soll ich damit hin?“ Sie wedelt mit einer Hand vor Esthers Gesicht in der Luft herum.
Am liebsten würde Esther darüber lachen, wie absurd diese Situation ist. So zu tun, als würde sie mit Adam knutschen, ist das eine; es mit Pia nachzustellen etwas ganz anderes. Aber da der heutige Tag ohnehin schon seltsam genug war, kann sie es auch ausnutzen. Und wenn es nur ist, um Pias Neugier zu befriedigen.
„Hier.“ Sie greift nach Pias Hand und legt sie auf ihre Hüfte. Ihre eigenen Hände landen in Pias Nacken. Sie muss sie nicht ganz so weit zu sich herunterziehen wie Adam, aber trotzdem ist sie beinahe überrascht, wie nah Pias Gesicht ihrem plötzlich ist.
„So?“ fragt Pia leise.
Esther kann nur noch nicken. Sie hat keine Ahnung, wie sie sich in diese Situation gebracht hat und sie weiß nur, dass sie nicht wüsste, wie sie jetzt wieder hier rauskommt. Eigentlich möchte sie das auch gar nicht.
„Hm…“ Pias Atem streift ihr Gesicht und dann liegen Pias Lippen plötzlich auf ihren.
Esther ist viel zu perplex, um irgendwie zu reagieren. Bis sie sich wieder rühren kann, hat Pia den Kuss längst wieder unterbrochen. „Denkst du jetzt immer noch daran, Schürk zu küssen?“
Daran hat Esther schon seit einer gefühlten Ewigkeit keinen einzigen Gedanken mehr verschwendet. In ihrem Kopf ist für nichts mehr Platz außer für Pia und die Tatsache, dass Pia sie geküsst hat. Einfach so. „Nein“, ist alles, was sie dazu sagen kann.
„Gut.“ Sie kann nicht erkennen, ob Pia immer noch lächelt, aber es fühlt sich definitiv so an, als ihre Lippen sich wieder treffen.
Vielleicht tut Esther das auch, obwohl es beim Küssen etwas hinderlich ist. So langsam hat sie den Verdacht, dass das hier nicht mehr alleine darauf beruht, die Situation bei ihrem Undercover-Einsatz nachzustellen. Wenn sie gewusst hätte… aber das kann ihr egal sein, solange Pia sie weiter küsst und ihre Finger wieder an Esthers Hals entlang wandern und ihre Haut kribbeln lassen.
Das Kribbeln hört schlagartig auf, als Pia sich plötzlich von ihr löst. „Du solltest wirklich nach Hause fahren.“
Die Aussage trifft Esther wie ein Schlag und erschüttert sie in den Vorstellungen, die sich gerade schon in ihrem Kopf ausgebreitet haben. Wenn das jetzt ein nett gemeinter Korb sein soll… Aber warum sollte Pia dann immer noch so vor ihr stehen, mit geröteten Wangen und leicht geöffneten Lippen und warmen Händen, die auf Esthers Schultern liegen?
„Ich mein nur…“ Pias Unterlippe verschwindet für einen Moment zwischen ihren Zähnen, bevor sie sie wieder freilässt. „Du hattest einen echt anstrengenden Abend.“
„Das stimmt.“ Gehen möchte Esther eigentlich trotzdem nicht. Erst recht nicht, wenn das bedeutet, Pia und den Kollegen die ganze Arbeit zu überlassen. Sie muss sich daran erinnern, dass sie immer noch im Büro sind, auch wenn es sich in den letzten Minuten nicht so angefühlt hat. „Und was ist mit dir?“
„Ich hab eigentlich auch genug für heute. Die Jungs kriegen das schon hin.“ Wieder zuckt Pia mit den Schultern und Esther muss sich darauf fokussieren, dass sie jetzt nicht ihre Sportjacke zurechtzupfen darf. „Außerdem braucht du ja zuhause vielleicht jemanden, der dir aus dem Kleid hilft…?“
Oh. Daran hätte Esther gar nicht gedacht. Wenn das so ist, möchte sie vielleicht doch ganz gerne nach Hause fahren. Ein Verhör werden Adam und Leo wohl auch ohne ihre Aufsicht hinbekommen und sie haben wirklich schon genug Überstunden eingelegt. „Das kann gut sein, dass ich dabei Hilfe brauche.“ Sie hat es zwar ganz gut geschafft, alleine in das Kleid rein zu kommen, aber wenn Pia schon so nett ist, ihre Hilfe anzubieten, wird Esther das sicher nicht ausschlagen.
Als Pia ihre Hand nimmt und sie in Richtung Ausgang zieht, fühlt sich das so viel besser an, als sich von Adam durch die Menschenmenge auf der Tanzfläche ziehen zu lassen.
Das ist aber wirklich das letzte Mal heute Nacht, dass Esther an Adam denken muss.
