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Mit dem Sonnenuntergang verwandelte Blüdhaven sich in eine andere Stadt. Erst jetzt kamen die tausenden Reklametafeln mit ihrem bunten Neonlicht wirklich zur Geltung und lenkten von den Problemen in den Schatten ab. Als Tourist bekam man nicht mit, wie verkommen diese Stadt eigentlich war. Zu eingenommen von stechendem Pink und kaltem Blau, bemerkte man nicht das Unheil, das in den dunklen Ecken der dreckigen Gassen lauerte.
Blüdhaven war kein Vergleich zu Gotham. Nachteinbruch in Gotham war das Monster, dass dich mit Haut und Haaren verspeiste, bevor du es bemerktest. Nachteinbruch in Blüdhaven war der feuchte, heiße Atem in deinem Nacken, der dich dazu brachte dich paranoid umzusehen, während du auf dem schnellsten Weg nach Hause liefst.
Über die letzten Jahre war die Kriminalität in Blüdhaven stark angestiegen. Jeder Dieb, Gauner und Mörder, der aus Gotham floh, kam hierher, um neuen Fuß zu fassen. Doch hier oben, auf einem der vielen Hochhäuser, konntest du vergessen, wie schlecht es den Menschen dort unten ging. So nahe am Himmel, als könnte man die Hand ausstrecken und die Wolken berühren. So weit oben, dass die leuchtenden Reklamen eins wurden und zu einem bunten Farbenspiel vermischten. Hier war Blüdhaven schön.
Zugegeben, es war kalt. Nicht nur durch die frische Nachtluft, auch durch den Regenschauer wenige Stunden zuvor. Aber der Ausblick war es wert.
Du lehntest am eisigen Metallgeländer und beugtest dich leicht vor, um direkt nach unten zu sehen. Wie viele Meter dich vom Boden trennten, war dir nicht klar, aber der Wind peitschte stark in dein Gesicht und die Geräusche des Verkehrslärms waren kaum noch zu vernehmen. Dein Herz pochte schnell, selbst ohne Höhenangst war dieser Anblick angsteinflößend. Es würde dich keinen großen Aufwand kosten, über das Geländer zu klettern. Ein einziger falscher Schritt würde dein Ende besiegeln.
Das Verlangen kribbelte in deinen Fingern. Es war nicht der Sprung, der dich reizen würde. Nein, du wolltest nicht sterben. Es war der Adrenalinrausch, der dich reizte. Dich über den Abgrund zu lehnen, die Angst zu spüren und dir der eigenen Sterblichkeit bewusst zu werden. Ein Verlangen, das dich mit säuselnder Stimme an das Geländer lockte und in die Tiefe blicken ließ.
Ein Räuspern riss dich aus deinen Gedanken. Blitzschnell hobst du deinen Kopf und sahst zur Seite. Ein paar Schritte zu deiner Rechten lehnte Nightwing am Geländer. Auf der falschen Seite, als wäre er gerade das Gebäude nach oben geklettert und nicht mit dem Aufzug hochgefahren, so wie du es einige Zeit zuvor gemacht hattest.
Wie lange stand er schon dort, ohne dass du ihn bemerkt hattest? Wie lange warst du selbst schon hier oben? Deinen von der Kälte steifen Fingern nach zu urteilen schon eine ganze Weile.
“Ist es nicht etwas zu spät für Sightseeing?”, fragte Nightwing und schenkte dir ein breites Grinsen, ehe er nach vorne über die Skyline Blüdhavens blickte.
“Zu nass und kalt auch”, erwidertest du mit ruhiger Stimme. Nightwing gab ein belustigtes Glucksen von sich.
Jeder, der einige Jahre in Gotham oder Blüdhaven verbracht hat, war früher oder später einem der kleinen Vögelchen im Orbit der Fledermaus begegnet. Es gab viele Theorien über Robins Persona, aber die meisten waren sich einig, dass mehrere Personen den Mantel getragen und Nightwing die Legende gestartet hatte. Du verdanktest dein Leben vermutlich dem aktuellen Robin. Bei einem Besuch in Gotham hätte ein verückt gewordenen Geisterfahrer dich fast mit seinem Auto erwischt. Ohne Robins schnelles Eingreifen, wärst du nun wohl ein dunkler Fleck auf dem Asphalt.
Einige Freunde hatten ähnliche Geschichten zu erzählen. Von verhinderten Missetaten Kleinkrimineller bis hin zu gut durchdachten Plänen der großen Bösewichte. Jede Person, die du kanntest, hatte Erfahrungen mit der Helden-Szene gesammelt. Doch meistens blieben die Vigilanten nicht lange genug, sodass man wirklich mit ihnen sprechen konnte. Gerade die Fledermaus selbst war immer nur kurz zu sehen und verschwand, bevor man wirklich realisiert hatte, was gerade geschah. Wie eine Großstadtlegende.
“Also spät, nass und kalt. Gibt es dann einen Grund, dass du hier bist? Die Dächer Blüdhavens sind nicht immer der sicherste Ort, gerade bei Nacht.”
“Ich konnte nicht schlafen.”
Nightwing lehnte sich etwas zurück, sein Rücken bog sich problemlos über das kalte Metallgeländer. Er drehte seinen Kopf und sah dich aus der neuen Position an. Fast schon verspielt, wie man ihn aus Erzählungen und den stark verwackelten Handyvideos kannte.
“Du kannst nicht schlafen und deswegen kletterst du nachts auf ein Hochhaus?”
Du zeigtest mit dem Daumen nach hinten über deine Schulter, ohne den Blickkontakt zu brechen. “Ich hab den Aufzug genommen. Das Gebäude ist mir persönlich etwas zu hoch zum Klettern.”
Er lachte erneut, ehe er sich aufrichtete und über das Geländer auf deine Seite sprang. Er machte einen Schritt auf dich zu und zögerte. Als du nicht reagiertest, machte er zwei weitere Schritte und blieb genau neben dir stehen. Er war nahe, fast schon unangenehm, trotzdem berührte er dich nicht.
“Ist das hier nicht ein Bürogebäude? Arbeitest du hier oder darf jeder den Aufzug benutzen?”
Gab es einen Grund dafür, dass er Smalltalk mit dir führte? Hatte Nightwing nichts Wichtigeres zu tun?
“Ich kenne den Nachtwächter, David. Freund eines Freundes, weißt du? Man kann ihn mit etwas Kaffee bestechen, damit er seine Schicht überlebt.” Kurz bliebst du still, dann hobst du den Blick und schenktest dem Helden ein flaches Lächeln. “Ich weiß dein komplettes Ding ist es, Straftaten zu verhindern, aber bitte verpetzt ihn nicht? Ich komme gerne hier hoch und wenn er seinen Job verliert -”
Es war als Scherz gemeint. Natürlich kümmerte sich Nightwing nicht darum, ob ein Nachtwächter eines Bürokomplexes einer ungefährlichen Zivilistin den Aufzugschlüssen auslieh. Trotzdem hob Nightwing die Hand und tat so, als würde er mit einem unsichtbaren Reißverschluss seine Lippen verschließen. Du verdrehtest die Augen, erwiedertest jedoch sein warmes Lächeln.
“Und gibt es einen Grund, warum du nicht schlafen kannst?”, fragte er dich weiter aus und erneut stelltest du dir die Frage, was für Beweggründe er hatte, hier bei dir zu sein. Was war Nightwings Ziel?
Du dachtest etwas über deine Antwort nach. Es war nicht das erste Mal, dass du dich so spät abends auf diesem Gebäude wieder fandest. Es war irgendwie beruhigend. Wenn der Stress zu viel wurde oder deine Gedanken dich davon abhalten Schlaf zu finden, nahmst du meistens ein Taxi zu diesem Teil der Stadt und bliebst für eine Stunde, manchmal zwei.
“Nichts spezifisches, denke ich. Stress, negative Gedanken. Zu viel zu tun, zu wenig Zeit. Die hypothetischen was-wäre-wenn Szenarien im Kopf, die mich nicht in Ruhe lassen wollen.”
Erst als dir klar wurde, mit wem du sprachst, fühltest du dich etwas lächerlich. Es war Nightwing . Arbeit, Privatleben und Vigilantismus innerhalb von vierundzwanzig Stunden zu balancieren war sicherlich mehr Stress, als du jemals haben würdest. Ganz zu Schweigen von den traumatischen Ereignissen, die er tagtäglich erleben musste.
“Aber genug von mir. Was machst du hier oben? Gibt es keine Katzen aus Bäumen zu retten?”
Nightwing hatte sich während deiner Erklärung zu dir gewandt. Die Unterarme hatte er noch immer auf dem Geländer abgestützt, sein Oberkörper zeigte weiterhin Richtung Skyline, doch seine Aufmerksamkeit lag auf dir. Du warst dir sicher, dass er dich durchdringend musterte, doch durch die weißen Linsen seiner Maske, konntest du ihm nicht in die Augen sehen. Er lächelte noch immer, doch es war nicht mehr so breit wie zuvor. Er reagierte nicht einmal auf deine scherzhafte Stichelei.
“Wir können gerne über dich sprechen, wenn dir das hilft?”
Du hobst eine Augenbraue. Warum sollte es dir helfen? Natürlich war es schön, wenn sich jemand für das eigene Leben interessierte. Manchmal tat es gut, über Probleme zu sprechen. Aber das hier war Nightwing und du warst dir sicher, dass unten in den Gassen Blüdhavens Wichtigeres zu tun war, als Smalltalk mit dir hier oben zu halten.
“Warum sollte mir ein Gespräch helfen, besser schlafen zu können?”
Nightwing spannte seine Schultern an, er lächelte noch immer und trotzdem wirkte er unruhig.
“Manchmal ist alles, was man braucht, eine Person zum Reden. Wenn du nicht mit Freunden, Familie oder einem Therapeuten reden möchtest, würde eine wildfremde Person vielleicht helfen. Ich kenne dich nicht und egal was du mir erzählst, niemand wird es je erfahren. Wäre das nicht einen Versuch wert?”
Seine Stimme war seltsam ruhig. Er stoppte kurz, dann fügte er schon fast kleinlaut hinzu: “Ich bleibe gerne hier bei dir, wenn du das möchtest. Sonst kann ich auch jemanden anrufen. Vielleicht deine Eltern oder einen Lebenspartner?”
Komplett überrumpelt starrtest du ihn an. Nur langsam drangen seine Worte zu dir durch. Sein Verhalten ergab plötzlich einen Sinn. Ohne Vorwarnung begannst du laut zu lachen. Es war nicht mal wirklich witzig und doch konntest du nicht anders. Vielleicht lag es an einer Mischung aus blanker Panik und einer gesunden Menge Galgenhumor.
Es dauerte einige Sekunden, ehe du dich beruhigtest. Er wirkte noch angespannter als zuvor, seine Hände umklammerten das Geländer, als wäre er darauf vorbereitet in Aktion zu treten.
“Das ist wirklich lieb von dir, aber ich bin nicht hier oben, um zu springen.”
Es schien, als würde sich kein Muskel in seinem Körper bewegen.
“Nicht?”, fragte er vorsichtig.
“Nein”, stimmtest du ruhig zu und machtest einen Schritt vom Geländer zurück. Nightwing entspannte sich sichtlich.
“Ich bin wirklich nur hier oben, weil ich nicht schlafen kann. Genau genommen bin ich öfter hier. Einmal in der Woche, manchmal mehr, manchmal gar nicht.”
Er schien dir nicht ganz zu glauben, also sprachst du einfach weiter. “Ich liebe Blüdhaven, aber manchmal ist es so laut . In meinem Apartment höre ich jede Sirene, jeden Schuss. Wenn es zu viel wird, komme ich hier hoch und schaue mir das Lichtspiel an. Wenn ich müde werde, dann fahre ich zurück nach Hause.”
Deine Gedanken in Worte zu fassen, war komisch. Es fühlte sich falsch an. Nightwing nickte, als würde er dich verstehen. Trotzdem platzierte er sich strategisch zwischen dir und dem Geländer. Er glaubte dir nicht.
“Ich schwöre, ich bin nicht in Gefahr. Manchmal frage ich mich einfach, wie es sich anfühlen würde zu springen. Nicht, dass ich es wirklich tun würde. Aber hier oben zu stehen und nach unten zu schauen ist einfach ein aufregendes Gefühl. Ergibt das Sinn?”
Nightwing stählte seine Schultern. Offensichtlich die falschen Worte. Du lachtest nervös.
“Schau nicht so grimmig. Du machst das doch täglich. Einfach springen und durch die Luft fliegen.”
Mittlerweile war sein Lächeln komplett von seinen schönen Lippen verschwunden.
Du seufstest. “Frag David im Foyer. Ich war schon unzählige Male hier oben. Wenn ich wirklich darüber nachdenken würde, dann wäre ich heute nicht hier. Ich kann wirklich einfach nur nicht schlafen. Es ist lieb, dass du dir Sorgen um mich machst. Aber ich bin mir sicher, das dort unten Menschen dringender deine Hilfe benötigen als ich.”
Du deutetest mit deinen Händen nach unten zu den Straßen.
Nightwing schien über deine Worte nachzudenken. Dieses Mal war die Stille unangenehm und obwohl sie nicht lange anhielt, fühlten sich die Sekunden unendlich an. Endlich sagte er wieder etwas.
“Vielleicht ist dein Leben nicht in Gefahr, aber Schlafstörungen sind auch ernst zu nehmen.”
Du lachtest leise. “Ein wenig heuchlerisch, meinst du nicht? Willst du mir sagen, wie viele Stunden Schlaf du diese Woche hattest?”
Er zuckte mit den Schultern. “So viel, dass ich weiß wie schlecht Schlafmangel ist.”
“Ich bin mir sicher, dass es da draußen einen Helden gibt, dessen Fähigkeit Schlafen ist.”
Nightwing schmunzelte über deine Aussage und du warst froh, dass er nicht mehr so grimmig schaute. Trotzdem erlaubte er dir den offensichtlichen Themenwechsel nicht.
“Mag sein, aber soweit ich weis, ist das nicht deine Fähigkeit. Du solltest nach Hause fahren.”
Smalltalk mit Nightwing war spaßig, du konntest dir problemlos vorstellen, Stunden hier oben mit ihm zu verbringen und einfach nur zu reden. Gerne würdest du den Mann unter der Maske näher kennenlernen. Trotzdem fühltest du dich schlecht, dass er hier bei dir war und nicht unschuldigen Opfern da unten half. Er würde nicht gehen, solange du noch auf dem Dach standest und du wolltest ihn nicht unnötig aufhalten.
“Wenn ich für heute nach Hause fahre, kannst du dich dann wieder auf deine Arbeit konzentrieren?”
“Wahrscheinlich. Wirst du in den nächsten Tagen trotzdem wieder hier sein?”
“Wahrscheinlich”, stimmtest du zu. “Trotzdem danke fürs Vorbeischauen.”
Sein Blick verfolgte dich, bis die Tür des Aufzuges sich hinter deinem Rücken geschlossen hatte.
Über die nächsten Monate tauchte Nightwing immer wieder auf dem Dach auf. Manchmal vergingen Wochen zwischen den Treffen, andere Male besuchte er dich mehrere Nächte hintereinander. Früher hatten die nächtlichen Besuche auf dem Dach nur bedeutet, dass du am nächsten Tag wieder unter chronischem Schlafmangel leiden würdest. Nun war es billige Therapie. Nightwing konnte dich mit wenigen Worten zum Lachen bringen. Seine Erzählungen von heroischen Abenteuern und faszinierenden Freunden lenkten dich immer ab. Seine Nähe war angenehm, die Gespräche spannend.
Du wusstest nicht, wer sich hinter der Maske verbarg. Für Spekulationen gab es zu wenig Ansatzpunkte. Er war vorsichtig mit den Informationen, die er preisgab. Alles, was er dir sagte, war in mehrere Lagen von Anonymität verhüllt. Auf der einen Seite wusstest du, dass er mehrere Geschwister hatte, was er an ihnen liebte und was ihn zur Weißglut brachte, auf der anderen Seite wusstest du nicht einmal sein Alter.
Aber er hatte es bereits bei eurem ersten Treffen gesagt. Manchmal war es einfacher, sich einer wildfremden Person anzuvertrauen. Wenn du nicht wissen durftest wer er war, würdest du ihm auch keine Hinweise auf dich geben. Trotzdem erzähltest du ihm von deinem Leben. Ungenaue Erzählungen über deine Arbeit oder Anekdoten über Freunde und Familie.
Doch im Gegensatz zu ihm war dein Leben langweilig. Immer wenn du nicht mehr wusstest, was du erzählen konntest, fand er ein spannendes neues Thema. Nightwing war schon so lange ein Vigilante, ein Held, dass er in einer einzigen Woche mehr erlebt hatte, als du dein ganzes Leben lang. Er würde immer eine Geschichte finden, um die Stille zu füllen.
Sein nächtliches Leben war auch der Grund, warum die meisten eurer Treffen nicht lange dauerten. Im besten Fall musste er einfach seine Patrouille fortführen, im schlimmsten Fall wurde er zu einer Notsituation gerufen.
Jedes Mal wenn er dich alleine auf dem Dach zurückließ, fühltest du dich einsamer als vor seinem Besuch. Jedes Mal spürtest du die Angst, dass es euer letztes Treffen gewesen sein könnte. Jedes Mal, wenn du im Aufzug standest und die Zahlen auf der Anzeige vorbeirasen sahst, hofftest du, dass er auftauchen würde.
Du warst nicht mehr auf dem Dach, weil du keinen Schlaf finden konntest.
Mit zwei großen Bechern Tankstellen-Kaffee in der Hand, drucktest du die Glastür zum Bürogebäude auf und steuertest auf die Theke zu. David, dein Freund und Nachtwächter des Bürokomplexes, hatte die Füße auf die Granitplatte gelegt und blätterte in einem Automagazin auf seinem Schoß.
“Möchtest du einen neuen Wagen?”, fragtest du nur und reichtest ihm einen der Pappbecher.
“Warum? Willst du mir noch was anderes neben Kaffee kaufen?”
Du verdrehtest die Augen. “Dafür müsstest du mir weitaus mehr geben als einen Aufzugschlüssel.”
David wackelte nur gespielt anzüglich mit den Augenbrauen, ehe er einen Schluck schwarzen Kaffee nahm und stöhnte, als wäre überteuerter, wässriger Kaffee von der Tankstelle das Beste, was ihm passieren konnte.
“Keine Sorge, Sugar Mama, Kaffee reicht mir.” Obwohl es fast unmöglich schien, wurde sein freches Grinsen noch eine Spur breiter. “Ich will Nightwing ja nicht eifersüchtig machen.”
Aus Schock ließest du fast deinen Kaffee fallen und öffnetest mehrfach den Mund, um etwas zu erwidern, fandest jedoch nicht die passenden Worte. David wartete, bis du deine Stimme wieder fandest.
“Wie kommst du denn auf Nightwing?” Du lachtest nervös.
David drehte den Computerbildschirm vor sich auf der Theke in deine Richtung und präsentierte die Liveübertragung verschiedener Überwachungskameras im Bürogebäude. Ein Video zeigte das leere Dach.
“Oh”, sagtest du kleinlaut.
“Oh”, echote David, sein Grinsen nur noch breiter.
Als klar wurde, dass du nichts weiter sagen würdest, drehte David den Bildschirm wieder in seine Richtung.
Fast schon beiläufig fragte er: “Wusstest du, dass er hier unten war, um Fragen zu stellen?”
Deine offensichtliche Überraschung war ihm Antwort genug, also erzählte er einfach weiter.
“Ja, wirklich. Er ist einfach durch den Eingang gekommen, hat mich gefragt, ob ich David bin und wollte wissen, ob du öfter hier bist. Meinte etwas davon, dass er sich um dich sorgen würde. Als würdest du dich in der nächsten Sekunde vom Dach stürzen. Es hat etwas gedauert, aber ich glaube, ich konnte ihn davon überzeugen, dass du nicht hier bist, um dich umzubringen.”
Zu wissen, dass Nightwing sich nach dir erkundigt hatte, löste ein Gefühl in dir aus, das schwer in Worte zu fassen war.
“Du grinst gerade wie ein verliebtes Schulmädchen”, stellte David fest.
Du grummeltest: “Gib mir lieber den Schlüssel.”
Lautes, hemmungsloses Lachen verfolgte dich bis zum Aufzug. Du probiertest dir nicht anmerken zu lassen, wie peinlich berührt du warst. David war ein guter Freund. Du konntest dich kaum an das erste Mal erinnern, dass du nachts in der Lobby aufgetaucht warst. Ihr hattet euch Stunden unterhalten, ehe er dir den Aufzugschlüssel in die Hand gedrückt hatte und meinte, dass der Ausblick bei Nacht fantastisch sei.
David hatte recht behalten und als du das nächste Mal vorbeigekommen warst, brachtest du ihm einen Kaffee mit. Nun war es wie eine stille Abmachung. Er fragte nicht, warum du nicht schlafen konntest und im Austausch für einen Kaffee gab er dir den Aufzugschlüssel. David könnte dafür seinen Job verlieren, doch in all der Zeit, die du schon her kamst, war noch nie etwas passiert. Die Nachtschichten waren ruhig und solange du vor dem Arbeitsbeginn verschwunden warst, würde niemand nachfragen.
Als der Aufzug sich auf dem Dach öffnete, warst du froh über den warmen Kaffeebecher in deiner Hand. Der Wind war scharf und schneidend auf dieser Höhe. Doch eingewickelt in eine dicke Jacke und einen flauschigen Schal, war die Kälte erträglich.
Du schlendertest über das Dach Richtung Geländer und lehntest dich an das eiskalte Metall. Selbst durch die dicke Jacke spürtest du die Kälte.
Ein leises Surren ertönte. Du konntest das Geräusch nicht zuordnen, doch es wurde rasch lauter. Ein Schrei entfloh deinen Lippen, als eine Art Metallklaue sich direkt zwischen deinen Fingern um das Geländer wickelte. Du taumeltest ein paar Schritte zurück und wedeltest mit den Armen, um dein Gleichgewicht zu halten. Du konntest dich zwar auf den Beinen halten, aber dein Kaffeebecher flog durch die Luft und verteilte seinen Inhalt über den Boden.
Sekunden später erschien Nightwing und schwang sich grazil über das Geländer. Fast als hätte die Schwerkraft keine Macht über den Mann.
“Hi! Lang nicht gesehen”, grüßte er, offensichtlich amüsiert über deine Reaktion.
War er schon länger hier gewesen und hatte lediglich darauf gewartet, dass du ans Geländer tratest? Er wirkte wie jemand, der gerne einen dramatischen Auftritt hinlegte. Du warfst ihm einen genervten Blick zu und als er keine Antwort bekam, fiel sein Blick schließlich auf den Becher.
“War ich das? Das tut mir leid!”
Er fuhr mit einer Hand durch seine wilden schwarzen Haare und wirkte wirklich beschämt. Bevor du ihm versprechen konntest, dass es nicht schlimm war, sprach er einfach weiter.
“Ich schulde dir jetzt einen Kaffee. Nightwing-Lieferung wann immer du willst, wohin du willst. Ich bringe dir deine Bestellung schneller als jeder Lieferdienst.”
"Superhelden-Lieferdienst ist eine Marktlücke. Du könntest Millionen verdienen”, antwortest du lächeln und fügtest mit einem Zwinkern hinzu, “Aber es gibt einfachere Möglichkeiten an meine Adresse zu kommen.”
Nightwing lachte überrascht. "Das werde ich im Hinterkopf behalten."
Er lehnte sich mit dem Rücken an das Geländer. “Kannst du wieder nicht schlafen?”
“Hast du wieder nichts Besseres zu tun?”
“Was könnte ich Besseres zu tun haben, als einen romantischen Ausblick mit einer hübschen Frau zu genießen?”
Du verzogst dein Gesicht und er lachte. “Zu viel?”
“Ich kann mir nicht vorstellen, dass solche Sprüche wirklich ziehen”, sagtest du schließlich und kamst auf ihn zu, um dich neben ihm an das Geländer zu lehnen.
“Du wärst erstaunt! Ich bin beliebt bei den Frauen.” Seine Augen glitzerten verschmitzt. “Und Männern.”
Bei jeder anderen Person hättest du diese Aussage für arrogant gehalten. Doch bei ihm klang es nur nach gesundem Selbstbewusstsein, nicht nach Narzissmus. Langsam ließest du deinen Blick über den Mann neben dir wandern. Mit diesem Körper hatte Nightwing jedes Recht selbstbewusst zu sein. Und dieser Hintern erst. Als du zurück in sein Gesicht blicktest, grinste er breiter als sonst. Wenn das überhaupt möglich war.
“Lass dir versichert sein, das liegt nicht an deinen Flirtversuchen. Ich habe selten schlimmere Sprüche gehört.”
Bestürzt drückte er sich eine Hand auf die Brust, lehnte sich theatralisch von dir weg, als hätten deine Worte ihm physische Schmerzen zugefügt.
“Oh, diese Schmach. Wie wird mein Stolz die Zurückweisung verkraften können? Ich könnte dir auch sagen, wie hübsch deine Augen im Mondlicht aussehen.”
Du gabst ein unschönes Schnauben von dir, das in ein leises Lachen überging. Nightwing war ein Performer durch und durch.
“Okay, mein Flirten ist schrecklich. Verstanden. Aber hast du mich nicht gerade mehr oder weniger in deine Wohnung eingeladen?”, fragte er.
“Ich weiß nicht, wovon du redest”, antwortest du mit gespielter Unschuld. “Wenn ich dich irgendwohin einladen sollte, würdest du es wissen und müsstest nicht nachfragen.”
Du lächeltest ihn breit an und ihr schautet euch einige Zeit in die Augen, ehe du nach vorne blicktest und dich auf die Skyline konzentriertes.
Nicht zum ersten Mal fragtest du dich, warum Nightwing hier war. Das erste Treffen war offensichtlich. Er hatte versucht, eine Tragödie zu verhindern. Eine lange Zeit hattest du angenommen, dass er genau aus diesem Grund immer wieder bei dir auftauchte. Wie ein Routinecheck, nur um zu sehen, dass du noch immer am Leben warst. Doch eure Gespräche fühlten sich so viel tiefgehender an als das.
Deine Gedanken wanderten zu Davids Worten.
“Ich habe gehört, dass du dich nach mir erkundigt hast”, sagtest du langsam. “Konnte David dich davon überzeugen, dass ich mich nicht vom Dach stürzen will?”
Nightwing musterte ebenfalls die Skyline von Blüdhaven. Er wirkte etwas ernster als zuvor.
“Er war sehr überzeugend, ja. Danach bin ich trotzdem noch ein paar Mal hierher gekommen, nur um sicher zu gehen, dass er sich nicht irrt.”
“Und jetzt?”
“Jetzt bin ich mir ziemlich sicher, dass du nicht in Gefahr bist.”
Du wandtest dich zu Nightwing und suchtest seinen Blick. Es war schwer seine Emotionen durch die Maske zu erkennen. Du probiertest es trotzdem.
“Warum kommst du dann trotzdem noch?”
“Willst du, dass ich nicht mehr vorbeischaue?” Er lachte.
War das Nervosität? Vielleicht. Aber es war definitiv ein schwacher Versuch der Frage auszuweichen.
“Das habe ich nicht gesagt, Nightwing. Beantworte die Frage”, fordertest du ruhig.
Er drehte sich ebenfalls zu dir und stellte sich aufrecht hin. “Ich unterhalte mich gerne mit dir.”
Vielleicht war es das pinke Neonlicht einer der tausenden Reklametafeln, aber du warst dir fast sicher, eine leichte Röte auf seinen Wangen zu entdecken. Dein Herz flatterte leicht. Du sammeltest all deinen Mut für die folgenden Worte.
“Wenn ich mich richtig erinnere, schuldest du mir einen Kaffee. Ich mag das Café auf der Main Street. Nachts soll es dort sehr ruhig sein. Wenn also ein, sagen wir mal, Vigilante vorbeischauen sollte, gibt es wenig Kunden, die ihn sehen könnten. Und ich bin mir sicher, dass die übermüdete studentische Hilfskraft hinter der Theke sich für nichts mehr interessiert, als die aufgeschobene Hausarbeit. Solange man Trinkgeld gibt.”
Dein Herz pochte bis in deinen Hals. In jeder Sekunde, in der Nightwing still blieb, wurde dein Mund trockener. Hattest du die Situation falsch interpretiert?
“Mit mir in Verbindung gebracht zu werden ist gefährlich und ich kann dir nicht verraten, wer ich bin. Meine Geheimidentität schützt mehr als nur mich selbst”, antwortete er schließlich. Seine Stimme war flach, aber es war keine direkte Ablehnung. Zumindest noch nicht.
“Ich bin mir sicher, dass du Nightwing als Name für den Barista angeben kannst. Vielleicht schreiben sie dich sogar richtig.”
Er schmunzelte leicht und du sahst seine Amüsierung als Bestätigung, um weiter zu sprechen.
“Außerdem kennst du meinen Namen auch nicht. Es wäre ein romantisches Treffen als anonyme Freunde. Wenn du willst, trage ich auch eine Maske. Etwas Kinky für meinen Geschmack, aber dir gefällt es offensichtlich und ich bin immer offen für neue Erlebnisse.”
Dein Wortschwall brachte Nightwing schließlich zum Lachen. Laut und ehrlich. Du konntest nicht anders, als mit einzustimmen.
“Es könnte vielleicht sein, dass David deinen Namen erwähnt hat”, sagte er schließlich.
So wie er es sagte, klang es, als wüsste er weit aus mehr über dich, als nur deinen Namen. Du wusstest nicht, worüber du empörter warst. Die Tatsache, dass David hinter deinem Rücken über dich sprach, dass Nightwing sehr wahrscheinlich über dich recherchiert hatte, oder, dass er dich weiterhin in Ungewissheit schmoren ließ.
Als du den Mund öffnetest, um dich zu beschweren, sagte er leise deinen Namen. Du stopptest und sahst ihn hoffnungsvoll an.
“Wie wäre es, wenn der Nightwing-Lieferdienst den Kaffee deiner Wahl nächsten Freitag gegen Mitternacht für ein kleines Rendezvous auf dem Dack hierher bringen würde? Für den Anfang weniger Augenzeugen.”
Dir fiel mindestens eine Person ein, die eurem Rendezvous gespannt zuschauen würde. Aber mit der müsstest du später noch mal ein paar Worte wechseln.
“Nur für den Anfang?”, fragtest du.
Nightwing nickte und du lächeltest zufrieden.
“Das würde mir gefallen.”
