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Seit einer halben Stunde lehntest du mit verschränkten Armen an der Theke und verfolgtest den jungen Mann stillschweigend mit deinem Blick. Er hatte dich freundlich begrüßt, was du mit deinem typischen Kundenlächeln erwidertest, ehe er zwischen den Regalreihen verschwunden war.
Bei den meisten Personen, die dein Second-Hand-Buchhandel betraten, wusstest du auf den ersten Blick, wonach sie suchten. Es war ein Spiel, das du alleine spieltest. Im Stillen probiertest du zu erraten, was die Kunden kaufen würden. Welches Genre sie bevorzugten. Was für Autoren sie mochten.
Sammler auf der Suche nach begehrten Erstauflagen von seltenen Klassikern; Sparfüchse, die spannende Literatur für den kleinen Preis erleben wollten; Laufkundschaft, die aus reiner Neugier in den Laden schlenderten nachdem sie mehrere Minuten vor dem Schaufenster gestanden hatten; Bibliotheksangestellte, die probierten zerstörte Exemplare ihres Bestandes nachzukaufen, auch wenn sie längst vergriffen waren.
Doch dieser Mann war nicht mit deinen sonstigen Kunden zu vergleichen. Natürlich gab es immer wieder ungewöhnliche Kunden, die nicht deinem typischen Klientel entsprachen, doch nach mehreren Jahren im Beruf, konntest du die meisten Menschen, die deinen Laden betraten, gut einschätzen. Das hier war anders. Dieser Mann sah aus, als könnte er Superman mit seinen Oberschenkeln zerquetschen und trug eine volle Biker-Montur, was das Motorrad vor dem Geschäft erklärte. Er war etwa in deinem Alter. Definitiv kein Teenager mehr, aber es war schwer einzuschätzen, wie alt genau. Mitte bis Ende Zwanzig, vielleicht.
Er sah wie ein Schläger aus. Jeder würde dir verzeihen, dass deine erste Reaktion auf seine Anwesenheit Misstrauen war. Es wäre nicht das erste Mal, dass du in deinem Laden überfallen wurdest. Es war Gotham, du hattest schon einiges miterlebt. Warum es jemand für eine gute Idee hielt, eine Buchhandlung zu überfallen, konntest du dir jedoch bis heute nicht erklären.
Was dich allerdings davon überzeugte, dass der unbekannte Mann harmloser war, als er aussah, war sein Umgang mit den Büchern. Wenn er ein Buch aus dem Regal zog, stützte er den Buchrücken mit einer Hand und blätterte so, dass keine Knicke entstehen konnten. Jedes einzelne Buch wurde mit einer liebevollen Sorgfalt behandelt, als wären sie lebendige Wesen mit Herz und Seele.
Sollte er jetzt anfangen, mit dir über Literatur zu diskutieren, konntest du dir sicher sein, dass du träumtest.
Es wäre dir also auch zu verzeihen, dass sich dein misstrauisches Starren nach einiger Zeit in schwärmende Blicke wandelte.
Er stand mit dem Rücken zu dir und du genossest die Art und Weise, wie seine schwarze Lederjacke diese breiten Schultern betonte. Unter seinem Arm trug er einen roten Motorradhelm und als er sich umdrehte, um das Regal in seinem Rücken zu durchstöbern, konntest du sein Gesicht bestaunen. Markante Wangenknochen und der Kiefer eines griechischen Gottes standen im starken Kontrast zu vollen weichen Lippen und großen, runden Augen. Letzteres war der erste Hinweis darauf, dass er möglicherweise doch jünger war, als du zunächst vermutet hattest. Vielleicht eher Anfang Zwanzig?
Dir war bewusst, dass du deine Kunden nicht so angaffen solltest. Aber es war spät, du warst müde und da lief ein lebendiger Traum durch deinen Laden. Natürlich starrtest du. Vielleicht warst du ja auf dem Tresen eingeschlafen?
“Entschuldigung?”
Die Stimme riss dich aus deinen Gedanken und etwas überrumpelt schautest du auf. Der gutaussehende Buchliebhaber stand direkt vor der Theke. Wann war er so nahe gekommen? Die Holzdielen im gesamten Laden knarrten, es war ein altes Gebäude. Wie also hattest du ihn nicht gehört?
Hatte er dich beim Starren erwischt? Schnell setztest du dein freundlichstes Kundenlächeln auf und fragtest: “Wie kann ich helfen?”
Für einige Sekunden musterte er dich aufmerksam, dann erwiderte er dein Lächeln.
“Verkaufst du auch ausländische Literatur in der Originalsprache?”
Seine Stimme war angenehm dunkel und rau. Ein starker Gotham-Akzent, den du nur aus den ärmsten Teilen von Park Row gewohnt warst. Ungewöhnlich für einen Kunden in deinem Geschäft. Dein Laden war zwar nicht im teuren Bezirk der Stadt lokalisiert, aber Park Row war weit entfernt.
Du kanntest den Bestand förmlich auswendig, aber es war lange her, dass sich jemand nach fremdsprachiger Literatur erkundigt hatte. Sie war bei den meisten Sammlern weniger beliebt. Ein weiterer Grund, warum der junge Mann deine Aufmerksamkeit erregte. Es gab nur selten die Möglichkeit, die weniger nachgefragten Objekte zu verkaufen. Ein interessanter Wechsel zu den üblichen Anfragen.
“Wir haben eine kleine Auswahl. Gibt es eine bestimmte Sprache, die du suchst?”
Der Mann lehnte sich gegen die Theke und selbst durch die Lederjacke konnte man sehen, wie sich sein Bizeps anspannte. Sei still, Herz.
“Am liebsten wäre mir etwas in Deutsch. Französisch, Italienisch oder Arabisch wären aber auch in Ordnung.”
Du probiertest deine Überraschung zu verbergen. War das sein Ernst? Konnte der Mann wirklich all diese Sprachen sprechen?
“Da fallen mir ein paar Titel ein”, sagtest du, in Gedanken bereits den Bestand durchgehend, und wiest ihn mit einer kurzen Handbewegung zum Folgen an.
Das Geschäft war nicht groß, aber jedes der Regale war zum Bersten mit Büchern gefüllt. Es war also kein Wunder, dass er bei seinem eigenständigen Streifzug durch den Laden keine passenden Bücher entdeckt hatte. Zielgerichtet steuertest du auf ein Regal im hinteren Teil des Ladens zu und deutetest auf einen Regalboden etwas über dir, außerhalb deiner Reichweite.
“Das sind die fremdsprachigen Bücher, die wir vor Ort haben. Ich könnte einen Trittstuhl holen-”
Natürlich war dir bereits vorher aufgefallen, wie groß der Mann war, doch jetzt, wo er sich direkt neben dich stellte und problemlos das oberste Regalbrett erreichen konnte, wurde dir erst bewusst, wie immens eurer Größenunterschied war. Du reichtest ihm kaum bis zur Schulter.
Er musste sich nicht einmal auf die Zehenspitzen stellen, um die Titel entziffern zu können. Als du aufsahst, um in seine Augen zu schauen - blaugrün wie das Meer und genauso tief - fiel dir ebenfalls sein Grinsen auf.
Der Stopp mitten in deinem Satz schien ihm genau zu sagen, was du dachtest. Verlegen räuspertest du dich. Sein Grinsen wurde nur größer.
“Danke, eine Leiter sollte nicht nötig sein”, sagte er, wohlgefällig, und wandte nur langsam seinen Blick von deinem Gesicht ab, um die alten Bücher vor sich zu mustern.
Er streckte seine Hand aus und wanderte mit einem Finger über die Buchrücken. Ab und zu zog er eines hervor, ehe er es desinteressiert zurück schob.
“Suchst du nach einem Geschenk?”, erkundigtest du dich.
Du musstest einfach fragen. Womöglich war er gar nicht selbst an Büchern interessiert und suchte einfach nur für eine andere Person. Innerlich hofftest du, dass der Mädchenschwarm in deinem Laden weiterhin perfekt blieb.
“Nein, ich bin auf der Suche für mich selbst.”
Die Antwort kam nach einem kurzen Zögern. Er warf dir einen kalten Seitenblick zu, dann wandte er sich wieder dem Regal zu. Jegliche Freundlichkeit, mit der er zuvor gesprochen hatte, war erneut verschwunden. Hattest du etwas falsches gesagt?
"Wenn ich noch helfen kann, weißt du ja, wo du mich finden kannst", sagtest du, schenktest ihm ein nervöses Lächeln und deutetest in Richtung Theke.
Erneut sah er in deine Richtung und musterte dich ein paar Sekunden. Du fühltest dich, als würde er dich durchleuchten. Wenn der Mann nicht lächelte, wirkte er angsteinflößend.
“Danke. Ich melde mich.”
Das war ein mehr als eindeutiges Ende eures Gespräches.
Während der nächsten halben Stunde, lag deine volle Aufmerksamkeit fast ausschließlich auf dem Fremden. Nur wenn ein anderer Kunde eine Frage hatte oder etwas kaufte, schafftest du es, deinen Blick von ihm zu lösen. Jedes Mal, wenn er dich beim Starren erwischte, wandest du beschämt den Blick ab.
“Ich würde gerne zahlen”, sagte eine Stimme zu deiner Rechten.
Du zucktest stark zusammen und dein Kopf schnellte zur Seite. Da stand Mister Tall-Dark-and-Handsom mit einem Gesichtsausdruck, der drei Tage Regenwetter versprach. Er legte ein einzelnes Bucher auf den Tresen. Erneut hatte er sich angeschlichen, ohne dass du ihn bemerkt hattest. Wie schaffte er es, den quietschenden Dielen zu entgehen?
Mit einer Hand auf deiner Brust, lachtest du leise auf. “Was bist du, ein Ninja?”
Seine generve Mine wich einem leichten Lächeln. Du konntest ihn echt nicht einschätzen. Erst freundlich, dann genervt, dann wieder zufrieden? Lag es an dir? Oder hatte er einfach nur Resting-Bitch-Face-Syndrom, das in starkem Kontrast zu einem wundervollen Lächeln stand?
“Sorry. Wollte dich nicht erschrecken.”
Du winktest die Entschuldigung ab scanntest das Bucher ein. Die Leiden des jungen Werther.
“Ich probiere immer zu erraten, was meine Kunden kaufen werden. Bei dir war ich mir echt unsicher, aber hiermit habe ich nicht gerechnet!”, sagtest du mit einem ehrlichen Lachen. Der Mann war eine wirkliche Überraschung. Im positiven Sinne.
Anstatt auf deine Aussage einzugehen, verzogen sich seine Mundwinkel leicht nach unten.
“Hast du noch ältere Literatur? Erstauflagen?”, fragte er. Harter Themenwechsel, aber okay.
Du nicktest zur Antwort. Zwar war dein Bestand in der Hinsicht nicht groß - du warst kein Antiquariat und meistens verkauftest du die teuren Objekte übers Internet besser, als im Laden -, aber immer mal wieder kamst du in den Besitz von Erstauflagen von weniger nachgefragten Büchern. Jüngere Literatur, aber trotz allem Sammlerstücke.
“Ein paar Erstauflagen habe ich, nur nicht vor Ort. Die Lagerbedingungen sind in diesem Gebäude nicht gegeben. Du kannst mir sagen, ob du etwas bestimmtes suchst oder gibst mir deine E-Mailadresse, dann kann ich dir eine Liste mit meinem Bestand zukommen lassen. Aber Erstauflagen sind teuer, bist du dir sicher, dass du nach so etwas suchst?”
Als nach einigen Momenten keine Antwort kam, sahst du Fragen zu dem Mann auf. Wut brannte in seinen Augen. Überrascht machtest du einen Schritt zurück.
“Was ist dein verdammtes Problem? Ich verstehe dich nicht. Erst starrst du mich an, als würde ich etwas klauen wollen. Okay, es ist Gotham, ich sehe nicht gerade freundlich aus. Kann ich verstehen. Dann schaust du mich an, als würdest du mich ausziehen wollen und sofort darauf zweifelst du an meiner Intelligenz? Dann schmachtest du mich wieder an und dann sagst du, ich sehe nicht aus, wie jemand, der so etwas lesen kann. Lachst über mich? Und jetzt nimmst du an, dass ich arm bin. Warum? Wegen meinem Akzent? Meinem Aussehen?”
Er knallte einen Hundert Dollar Schein auf den Tresen. “Fick dich und deine Vorurteile.”
Mit den scharfen Worten schnappte er sich die Bücher, verließ den Laden und fuhr unter tosendem Gebrumm mit seinem Motorrad davon.
Zurück ließ er zu viel Geld für ein einzelnes Buch und eine zitternden Verkäuferin. Was zum Teufel war gerade passiert?
Du warst dir sicher, dass du den literaturliebhabenden Fremden niemals wiedersehen würdest. Gotham war groß und freiwillig würde er nie wieder auch nur einen Fuß in deinen Laden setzen. Dennoch wünschtest du dir eine Chance, dich bei ihm entschuldigen zu können.
Du hattest echt scheiße gebaut. Am Anfang hattest du nicht genau verstanden, warum er plötzlich ausgerastet war. Doch seine wutentbrannte Flucht war über einen Monat her und seitdem hattest du genug Zeit damit verbracht, über den Tag nachzudenken. Dein Verhalten, auch wenn unbeabsichtigt, war eine absolute Katastrophe gewesen. Jede deiner Fragen, jede deiner Handlungen hatte er falsch interpretiert. Du hattest ihn nie beleidigen wollen, aber rückblickend könntest du verstehen, warum er es falsch aufgefasst hatte.
Und da war er. In einem BatBurger auf der anderen Straßenseite. Rein zufällig hattest du den Blick schweifen lassen und ihn im Fenster gesehen. Er saß mit mehreren Personen an einem Tisch, während sie sich lebhaft unterhielten.
Du könntest weitergehen. Ihn in Frieden den Tag mit seinen Freunden genießen lassen. Er wirkte so glücklich, mit einem leichten Grinsen auf den Lippen, entspannt zurückgelehnt, während er den ausschweifenden Erzählungen eines anderen schwarzhaarigen Mannes folgte.
Du solltest ihn in Ruhe lassen, aber dein schlechtes Gewissen nagte bereits über einen Monat an dir. Selbst wenn er dich anschreien sollte - du wolltest zumindest probieren, dich zu entschuldigen.
Deine Beine setzen sich ohne Erlaubnis in Bewegung. Du quertest die stark befahrene Straße und drücktest die Tür zum BatBurger auf, bevor die Angst aufholen konnte.
Mit sicheren Schritten bewegtes du dich auf den Tisch zu. Gott, die Personen waren alle absolut umwerfend. Hatte der gutaussehende Fremde nur noch besser aussehende Freunde? Eine Versammlung von Models, vielleicht.
Auf halbem Weg zum Tisch hoben mehrere der Personen ihren Kopf und sahen dich mit freundlichen, aber misstrauischen Blicken an. Erstes war unerwartet für Gotham-Verhältnisse. Letzteres war das mindeste, was du erwartete hattest.
Als der gutaussehende Fremde den Kopf hob, verdunkelte sich seine Miene jedoch schlagartig. Verständlich, aber angsteinflößend. Du schlucktest die aufkommende Unsicherheit herunter und kamst vor der Gruppe zum Stehen.
“Kann ich kurz mit dir sprechen?”, fragtest du. Ein kurzer Seitenblick zu den anderen Personen am Tisch. “Allein?”
Alle Blicke wanderten zwischen dir und dem Mann hin und her. Die Aufmerksamkeit machte dich nur noch nervöser. Anstatt aufzustehen und dir zu folgen oder dir zu sagen, dass du dich verziehen solltest, verschränkte er die Arme vor der Brust und sah dich mit einem kalten Blick an.
Obwohl er saß und zu dir aufschauen musste, fühltest du dich unglaublich winzig.
“Alles was du mir sagen willst, kannst du genau hier tun.”
Du schlucktest eine großen Kloß Nervosität in deinem Hals hinunter. Alle Blicke lagen auf dir, musterte dich mit einer Mischung aus Argwohn und Neugier.
“Es tut mir leid!”, sagtest du mit fester Stimme, etwas zu laut für den kleinen Raum. Bevor du erneut den Mut verlieren konntest, begannst du mit deiner weitläufigen Erklärung.
“Ich habe zuerst nicht verstanden, warum du so wütend warst. Ganz ehrlich, ich verstehe es noch immer nicht so ganz. Ich weiß nur, dass ich dich verletzt habe. Du musst mir glauben, dass das nicht meine Absicht war. Die ganze Situation? Ein riesiges Missverständnis! Zugegeben, am Anfang habe ich dich im Auge behalten, weil du nach Problemen aussahst und ich schon mehrfach überfallen wurde. Also ja, das war ein Vorurteil von mir. Aber danach habe ich nur versucht, Smalltalk zu führen! Ich habe dich angestarrt, weil du verdammt heiß bist und Bücher magst. Ich dachte, ich träume. Ich meine, wo finde ich sonst so einen Mann? Du bist einfach absolut mein Typ und dann baue ich einen so unglaublich großen Mist. Ich wollte mich seit dem Vorfall bei dir entschuldigen und dann sehe ich dich zufällig hier sitzen und jetzt sind wir hier und-”
Du schautest in die Runde. Dein Herz schlug dir bis zum Hals. Alle starrten dich mit großen Augen an. Ein großer schwarzhaariger Mann verkniff sich das Lachen und hielt sich eine Hand vor den Mund. Ein blondes Mädchen hielt unauffällig ein Handy über der Tischplatte und filmte dich. Der unbekannte Fremde saß mit weit aufgerissenen Augen auf seinem Platz, Mund leicht geöffnet, als wollte er etwas sagen, wusste aber nicht was. Unangenehmer konnte die Situation gar nicht werden.
Dein letztes Schamgefühl über Bord werfen, fokussierst Du deinen Blick auf den Fremden. Das hier war deine letzte und einzige Chance. Was sollte schon großartig passieren? Er schreit dich an?
“Ich schulde dir dreiundneunzig Dollar und fünf Cent. Das sind eine Menge BatBurger Meals. Oder einige Tassen voll Kaffee. Vielleicht ein Abendessen für zwei in einem guten Restaurant? Du könntest mir ausführlich erklären, was ich alles falsches gesagt habe.”
Du fühltest die Schamesröte in dein Gesicht steigen, weigertest dich jemand anderes am Tisch anzuschauen, außer den fremden Literaturliebhaber. Auch er war knallrot im Gesicht, seine Lippen bewegten sich, als probierte er Worte zu Formen, die nicht über seine Zunge rollen wollten.
Einige Momente verstrichen. Weder er noch seine Freunde sagten etwas. Der komplette Raum war still. Dein Schamgefühl gewann den inneren Kampf.
“Okay, verstanden. Entschuldigung für die Störung!”
Du machtest auf dem Absatz kehrt und verliest das Restaurant mit schnellen Schritten.
Das war mit Abstand das peinlichste, das du jemals getan hattest. Eine Abfuhr wäre nicht mal das Problem, aber die Blamage dabei von einer kompletten Freundesgruppe beobachtet zu werden? Die Tränen unterdrückend, suchtest du so schnell wie möglich die Flucht.
Weit kamst du nicht. Nur ein paar Gebäude die Straße nach unten, rief eine aufgeregte Stimme hinter dir: "Hey, Moment mal!”
Du erkanntest seine Stimme sofort und beschleunigtes deine Schritte. Was auch immer er dir noch zu sagen hatte - es konnte nicht gut sein. Nur wenige Sekunden später überholte er dich mit einem kurzen Sprint und blieb vor dir stehen. Du stopptest auf dem Weg, was einige Passanten mit groben Bemerkungen kommentierten. Der fremde zeigte ein paar vorbeilaufenden Personen den Mittelfinger, dann sah er dich besorgt an.
“Sorry. Du hast mich gerade etwas überrumpelt. Lass uns nochmal von vorne starten. Mein Name ist Jason. Und du bist?”
Verwirrt sagst du zu ihm auf. Damit hattest du definitiv nicht gerechnet. Zögerlich nanntest du ihm deinen Namen.
“Hi”, sagte er, gefolgt von deinem Namen. Jede Silbe vorsichtig betont, als probierte er den Klang zu schmecken. Dein Name klang so verlockend von seinen Lippen. Das warme Lächeln, das er dir danach schenkte, brachte dein Herz zum Flattern.
“Es tut mir unglaublich leid, dass ich laut geworden bin. Egal ob ich Recht oder Unrecht habe, ich hätte niemals schreien sollen. Ich habe überreagiert und meinen Frust an dir ausgelassen. Absolut untypisch für mich. Ich hatte einen schlechten Tag, du hast ein paar wunde Punkte getroffen. Ich hätte noch mal vorbeikommen sollen, um mich zu entschuldigen, aber ich habe angenommen, dass du den verrückten Kunden nicht noch mal sehen wollen würdest.”
Er fuhr sich verlegen mit einer Hand durch die Haare. Du bestauntest die Schamesröte auf seinen Wangen. Die komplette Situation war ihm offensichtlich ebenso unangenehm wie dir. Es war wirklich süß.
“Also, um auf dein Angebot zurückzukommen”, murmelte er zögerlich, “Ein Abendessen zum Reden wäre fantastisch.”
Jeder Mensch hatte Vorurteile, das wusstest du. Hoffentlich würde euer erstes gemeinsames Date viele Missverständnisse aus dem Weg räumen.
