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Schlaf gut, Tiger!

Summary:

Jetzt lag auf der ungenutzten Seite das Bettchen Tiger. Nicht, dass der Kater dort brav die Nacht verbringen würde, aber hin und wieder zog es ihn dorthin. Meistens schlief er jedoch in der Kuhle von Adams Hals und Schulter, den weichen Kopf gegen Adams Kinn gepresst. Ein seltsam intimer, vertrauensvoller Moment, der Adam in ihrer ersten Nacht die Luft abschnürte und Tränen in die Augen trieb. Nie hätte er gedacht, dass es mal jemanden geben könnte, der ihm so sehr vertraute und seine Nähe suchte, ihm so bedingungslose Liebe schenkte.

Notes:

Einen frohen Sonntag!

Nach wochenlanger Basteln an Szenen, Katzen-Bilder anstarren und mehr als einmal frustriert den Laptop zu klappen, ist es vollbracht: Die Fic, in der Adam eine Babykatze adoptiert ist fertig!

Weniger fluffig, als die geneigten Lesenden es bei einer Katzen-Fic erwarten würden.

Sowohl Adam als auch Leo sind psychisch hier an keinem guten Ort und tun sich - wie soll es auch anders sein- gegenseitig weh.
Da braucht es was Kleines auf vier Pfoten, um damit klar zukommen!

Ich danke dem Tatort-Saarbrücken-Discord und die Motivation durch die Sprints der letzten Wochen, ohne die ich noch lange nicht hier wäre!

Und besonders großer Dank an rekishi für den Beta-Support und die wertvollen Anmerkungen <3

Aufgrund der Überlänge kommt Teil 2 in ein paar Tagen!

Viel Spaß!

(See the end of the work for more notes.)

Chapter Text

Schlaf gut Tiger!

Die Sonne stand tief, als er von der Autobahn abfuhr und auf einem leeren Rastplatz zum Stehen kam. Bis auf das stinkende Toilettenhäuschen und ein paar in die Jahre und in den Vandalismus gekommene Bänke und Tische gab es hier nichts. Adam gähnte herzhaft und streckte sich, als er aus dem Auto stieg. Seine Beine kribbelten unangenehm vom langen Sitzen und seine Gelenke knackten, als er sie ausschüttelte. Aus der Seitentür nahm er die Colaflasche, die Moritz ihm noch vor seiner Abfahrt aus Leipzig in die Hand gedrückt hatte.

Sie hatten sich mit Vincent in Berlin getroffen und die Erinnerungen an ihre alte Studien-WG aufleben lassen. Sie hatten diese Auszeit von ihrem Alltag gebraucht, hatte doch jeder gerade sein Päckchen zu tragen. Vincent, der unter dem Verschwinden seines alten Partners litt, Moritz, dem die Versetzung nach Leipzig zwar mittlerweile gut bekam, der sich aber auch oft einsam fühlte, und er selbst hatte den größten Haufen Scheiße präsentiert. 

Die abgefuckte Situation mit seinem Vater und seinen drei Tagen in U-Haft hatten seine beiden Freunde mehr oder weniger mitbekommen, doch von dem Geld aus dem Bankraub und seinen Dummheiten hatte er erst an ihrem ersten Abend in ihrer Stammkneipe erzählt. Moritz, der nun auch keine weiße Weste hatte, was Scheiße bauen im Dienst betraf, hatte ihm einen Klaps auf den Hinterkopf verpasst. Fördert das Denkvermögen, hatte er geschimpft und ihn entsetzt angesehen. Als wüsste Adam nicht längst selbst, dass er Bockmist verzapft hatte. Nach dem Fallout mit Leo und dem Ultimatum, dass dieser ihn melden würde, wenn er das Geld nicht in den nächsten 48-Stunden übergab, war ihm sein Leben in Saarbrücken entglitten.

Das Geld hatte er den Kollegen von Raub überstellt, zusammen mit der Erklärung, dass er es zwar schon vor einiger Zeit gefunden hatte, aber er um die Unversehrtheit seiner Mutter und sich selbst fürchten musste, wenn Boris auf freien Fuß kam. Sie hatten es ihm geglaubt, aber vor einem Disziplinarverfahren und zwischenzeitlicher Suspendierung hatte es ihn nicht geschützt. Als er nach der Zwangspause in den Dienst zurückgekehrt war, hatte sich noch mehr geändert. Leo saß nicht mehr an ihrer Zweierinsel im Büro, sondern hatte sich einen Einzelplatz in einer Ecke eingerichtet. Adams Tisch war zu Pia und Esther geschoben worden, wobei Letztere ihn nur widerwillig akzeptierte und ihm, wie Leo, die meiste Zeit im Büro die kalte Schulter zeigte. Nur Pia bemühte sich um ein normales Verhältnis und weniger frostige Stimmung zwischen ihnen. Ihre Arbeit litt nicht darunter, was Adam als Erfolg verbuchte. Sicherlich würden sie ihm die Schuld geben und ihn aus dem Team entfernen, sobald es Grund zur Klage gäbe. Er war der Störfaktor und egal wie sehr er sich bemühte, er rannte gegen Wände. 

Von Esther hatte er nicht viel erwartet. Sie war ihm seit ihren ersten Tagen feindselig gestimmt. Seine Verhaftung und die Geschichte mit dem Geld hatten ihr Übriges getan. Wenigstens zu Leo war sie nun freundlicher und es war ihm ein kleiner Trost, dass er jemanden auf seiner Seite hatte. Das Privileg hatte er verspielt. 

Dabei wollte er es so gerne rückgängig machen. Die harschen Worte, die im Streit gefallen waren, zurücknehmen und Leo beweisen, dass er gar nicht der Mittelpunkt der Welt sein konnte, weil es doch in seiner Leo war. Immer war es Leo gewesen. In der Schule, im Baumhaus, selbst allein am Strand von Pattaya. Immer war da Leo als Konstante in seinem Leben gewesen. Sein Fixstern, an dem er sich auch in den entferntesten Gegenden und dunkelsten Nächten orientieren konnte. 

 

Wie hatte er das nur so kolossal an die Wand setzen können? 

 

Vincent und Moritz hatten ihm Vorschläge gemacht, die Adam zwar alle nicht hatte hören wollen, aber etwas anderes war ihm auch nicht eingefallen. Er wollte, dass es besser wurde und Leo ihm wieder vertrauen konnte. Er war sogar in Therapie gegangen, hatte sich professionell Hilfe geholt, um die Scheiße mit seinem Vater und seiner Kindheit aufzuarbeiten. Er war aus dem Bunker wieder ausgezogen, hatte sich eine große Wohnung in der Nähe des Präsidiums gesucht. Er ging regelmäßig zum Sport und traf sich dort mit einer Gruppe Männer in seinem Alter, die er vage als freundschaftliche Bekannte bezeichnen würde. 

Er versuchte sein Leben in Saarbrücken auf die Reihe zu kriegen, doch Leo sah die Bemühungen und hörte seinen Wunsch nach einem Gespräch, aber er ignorierte ihn. Und langsam ging Adam die Luft aus. Er warf jeden Tag sein Herz aufs Neue vor Leos Füße und er sah ein, dass es nicht genügte. Zu viel hatte er kaputt gemacht, als dass Leo dort anknüpfen wollen würde, wo sie vor dem Fall mit Andi Schneider aufgehört hatten. 

Adam hatte sogar auf Anraten seiner Therapeutin Leo einen Brief geschrieben und seine Gedanken und Gefühle erklärt und in ihm deutlich gemacht, wie viel Leo ihm schon immer bedeutet hatte. Er hatte Gesprächsbereitschaft signalisiert, zügelte sein Temperament, um ihn auf Arbeit das Leben nicht unnötig schwerer zu machen: keine Alleingänge, keine patzigen Worte zu Zeugen, Verdächtigen oder Kollegen. Selbst Esthers spitze Kommentare schluckte er herunter und ließ sie an sich abprallen. Alles, nur damit Leo sah, dass er sich ändern konnte und dass nicht nur Zerstörung von ihm ausging.

Sich aufgeben hatte Vincent es genannt, der das Verhalten von Leo und Adams widerstandsloses Unterordnen als Antwort darauf gar nicht gut hieß. Egal wie oft Adam beteuerte, dass er Leos Behandlung doch verdiente. Er musste für die Schmerzen büßen, die er Leo zugefügt hatte, immer und immer wieder im vollen Bewusstsein. Da war es das Mindeste, dass er das Verhalten ertrug und den Kopf gesenkt hielt. 

Unwirsch hatte Vincent die Argumente weggewischt und ihn ernst aus den schwarz geschminkten Augen angesehen, während er auf ihn einredete. Er hatte sich entschuldigt bei Leo, hat sich Hilfe gesucht und bewies jeden Tag, dass er sich ändern konnte. Mehr konnte er nicht machen, jetzt war Leo am Zug.

Am einfachsten hätte Leo es sich gemacht, wenn er um Adams Versetzung aus seinem Team gebeten hätte. Genug Gründe dafür hätte er gehabt und es war Adam ein Rätsel, warum das noch nicht geschehen war. Was wollte Leo damit bezwecken, ihn im Team zu halten, aber bei jeder Gelegenheit in die Ecke zu stellen? War es ein Test, wann er aufgab? 

Mit einem Seufzen warf Adam die leere Colaflasche auf den Beifahrersitz und fischte aus der Mittelkonsole die Zigarettenschachtel und das Feuerzeug. Auch wenn alles in ihm sich weigerte, musste er seinen Freunden recht geben. Der momentane Zustand mit Leo war keine Dauerlösung und wenn Leo ihre Freundschaft verständlicherweise als beendet ansah, dann hatte er es zu akzeptieren und sich etwas Neues zu suchen. Nur war er das ständige Weglaufen und Neuanfangen leid. Er hatte in Saarbrücken ankommen wollen, bei Leo, der ihn nie ganz losgelassen hatte. Doch manchmal musste man loslassen, damit man einander nicht noch mehr Schmerzen zufügte. Leo hatte das bereits verstanden und Adam musste es noch. 

Der herbe Rauch kitzelte in seiner Lunge und ließ seine kreisenden Gedanken für einen Moment zur Ruhe kommen. Er lauschte auf den vorbei brausenden Verkehr und dem leisen Gesang der Vögel in dem Waldstück hinter ihm, die gegen den Lärm anzusingen schienen. Der Schotter knirschte unter seinen weißen Sneakern, als er ein Stück auf und ab lief, während er Rauchkringel in die kühle Abendluft blies. 

Er warf die aufgerauchte Zigarette auf den Boden und trat sie mit der Fußspitze aus. Einen Moment lang zögerte er und starrte auf die Kippe im Kies, ehe er sich bückte, den Stummel aufhob und in den Mülleimer schmiss. Leo hatte immer gemeckert, wenn er die Reste seiner Zigarette achtlos in die Natur warf. Wenn er schon seine eigene Gesundheit gefährden musste, dann konnte er doch wenigstens auf die Umwelt Rücksicht nehmen.

 

Adam seufzte erneut und rieb sich über die müden Augen. Er sollte besser weiterfahren, bevor ihn die Müdigkeit völlig übermannte. 

 

Als er zu seinem Auto zurückkehren wollte, hörte er einen kläglichen Laut, der nicht zur restlichen Geräuschkulisse des Parkplatzes passen wollte. Suchend blickte er sich um und sah einen Karton unter einem der massiven Holztische stehen. Er ging näher und das Klagen wurde lauter. Vorsichtig zog er den Karton hervor und ließ ihn erschrocken los, als sich darin etwas bewegte. 

Im spärlichen Abendlicht blickten ihm sechs Paar Augen von Katzenbabys entgegen, die lautstark klagten, als Adam den Karton hochhob und auf den Tisch stellte. Er verstand nicht viel von Tieren und von Katzen schon gar nicht, aber er schätzte das Alter der Kleinen auf nicht mal zwei Monate. Sie waren winzig und würden locker zu zweit in seine Handfläche passen. Die Augen waren verkrustet und die Körper ausgemergelt, die Handtücher, die auf dem Boden lagen, waren übersät mit Kot und Urin, dessen bestialischer Gestank in seine Nase drang und ihn würgen ließ. Adam war entsetzt. Ihm sagte man gern nach, dass in seiner Brust ein Stein lag und kein Herz, aber so sehr, wie es bei diesem Anblick dort zog, konnte das nicht stimmen. 

Vorsichtig streckte er die Hand in die Karton, um zu prüfen, wie unterkühlt die Tiere waren. Unter Klagen wichen die Tiere zurück, nur ein Kitten mit grau getigerten Fell und weißen Bauch und Pfoten reckte sich ihm entgegen, umschloss mit den Vorderpranken seine Hand und presste den kleinen Kopf mit einem Wimmern gegen seine Handinnenfläche. 

“Hey, alles gut! Ich helfe euch!”, sagte er behutsam und strich mit der anderen Hand dem Tier über den Kopf, das leise maunzte. Langsam, um das kleine Wesen nicht weiter zu verschrecken, entzog er ihm die Hand, nahm den Karton hoch und trug ihm zu seinem Auto, wo er den Karton auf den Beifahrersitz abstellte. Schnell schob er den Sitz so weit nach hinten wie es ging. Aus seiner Tasche im Kofferraum fischte er ein Handtuch und ein Shirt von ihm, das er gegen die verdreckte Unterlage austauschte, ehe er den Karton vorsichtig im Fußraum platzierte und die Tür schloss. 

Seine Hände zitterten, als er auf seinem Handy nach einem Tierheim in Saarbrücken suchte, das rund um die Uhr besetzt war und Notfälle aufnahm. Er fand eins am Stadtrand, nicht weit entfernt vom Bunker. Er wählte die angegebene Nummer und nach einigen Sekunden meldete sich eine freundliche Dame am anderen Ende der Leitung. 

“Schürk hier, ich habe an einer Raststätte ausgesetzte Katzenjunge gefunden. Kann ich die bei ihnen vorbeibringen?”, brachte er sein Anliegen fast atemlos vor. Ein schweres Seufzen erklang und ein Klackern auf der Tastatur. 

“Sie sind schon der Dritte, der uns diese Woche einen solchen Fund meldet. Warum schaffen sich Menschen Haustiere an, wenn sie mit ihnen nicht umgehen können? Und dann die armen Tiere einfach aussetzen”, schimpfte die Frau und Adam schwieg betreten. Die Frau seufzte schwer.

“Kommen Sie vorbei! Wir schauen, was wir für die Tierchen machen können.”

Er warf einen Blick auf sein Navi. Er war kurz hinter Erfurt, die Hälfte der Strecke hatte er bereits trotz Abstecher nach Leipzig geschafft.

“Ich wäre in ca. vier Stunden bei ihnen!”, gab er durch, während er auf dem Display die Adresse des Tierheims eingab.

> ^..^ <

Die Temperaturen hatten sich deutlich abgekühlt, als er seinen Wagen auf den Parkplatz des Tierheims lenkte und den Motor ausstellte. Das Miauen aus dem Karton war in den letzten Stunden leiser geworden und Adam hatte sich mehrmals panisch hinüber gelehnt, ob es seinen vierbeinigen Passagieren noch gut ging. Die bunt gescheckten Kitten hatten sich zusammengerollt und schienen zu schlafen. Nur das grau getigerte Katzenkind, das aus der Schar seiner Geschwister nicht nur optisch herausstach, blickte ihm jedes Mal neugierig entgegen. Es war der Beschützer des kleinen Rudels und schien über den Schlaf der anderen zu wachen.

Ein wenig erinnerte es ihn an Leo, der ihn auch immer hatte beschützen wollen, obwohl er den Schutz selbst so dringend benötigte. Die Jungs aus ihrer Stufe konnte Adam in Schacht halten, auch die in den anderen Jahrgängen, die meinten, Leo wäre ein leichtes Opfer. Wenn Adam sich selbst schon nicht schützen konnte, dann wollte er wenigstens, dass es Leo gut ging. Im Gegenzug passte Leo auf ihn auf, wenn er verletzt und am Ende seiner Kräfte in den Wald stolperte und es an manchen Tagen nicht mal mehr hinauf ins Baumhaus schaffte. Dann saß Leo neben ihm auf dem Waldboden und lenkte ihn von den Schmerzen ab. Er fragte nicht, gab keine schlauen Ratschläge, er war einfach für Adam da. Es war so einfach gewesen, bis zu dem Tag in der Garage, der ihre Freundschaft von Grund auf verändert hatte.

Naiverweise hatte Adam bei seiner Rückkehr geglaubt, dass sie genau dort wieder ansetzen konnten. An ihrer Freundschaft, wie sie vor der Garage gewesen war, als Leo noch nicht jeden Schritt von Adam hinterfragte oder vorgeben wollte. Am Ende hatte ihn das in die Flucht geschlagen. Leo wollte zur Polizei gehen und den wahren Tathergang in der Garage schildern und die Schuld auf sich nehmen. Vielleicht würde ihm nichts passieren, er war doch noch nicht volljährig. Adam hatte es nicht riskieren können. Leo wollte selbst Polizist werden und andere Menschen schützen. Sein Freundschaftsdienst, der viel zu groß für Adam gewesen war, sollte ihm diese Chance nicht nehmen. Und so war Adam gegangen. Um Leo vor sich selbst zu schützen. Wenn er nicht aussagen konnte, würde man Leos Geschichte nicht glauben und Leo wäre sicher.

Ihm hätte bewusst sein müssen, dass ihm das  auf die Füße fallen würde. Leo hatte den Weg des Schweigens nicht noch einmal mit ihm gehen wollen. Egal wie edel Adams Absichten gewesen waren und wie sehr er Leo schützen wollte.

 

Er hatte es geschafft, doch zu welchem Preis?

 

Er warf seine Jeansjacke über den Karton, als er über den Parkplatz auf das hell erleuchtete Gebäude zu ging. Die Kleinen waren von der Bewegung aufgewacht und miauten klagenvoll in seinen Armen.

“Keine Sorge, gleich seid ihr in Sicherheit”, murmelte er ihnen zu und stieß mit der Fußspitze die Tür auf.

 

Am Empfangstresen saß eine junge Frau, deren langer Zopf locker über ihre Schultern fiel und mit grünen Strähnen durchsetzt war. Sie hatte den Kopf auf die linke Hand gestützt und schien in einem Buch zu lesen, das sie schnell beiseite schob, als Adam zu ihr trat. Ihre blauen Augen blitzten freundlich.

“Ah, der angekündigte Katzenretter!” Sie kam um den Tresen herum und nahm ihm vorsichtig den Karton aus dem Arm. Ein schwerer Seufzer entfuhr ihr beim Anblick der verängstigten Tiere. “Zum Glück ist unsere Tierärztin noch da. Sie wird sich die Bande gleich mal anschauen.” Sie richtete ihren Blick wieder auf Adam.

“Du kannst gern kurz warten, wenn du wissen willst, ob es ihnen gut geht?” Sie nickte zu einer kleinen Sitzgruppe, die wohl sonst für Besprechungen genutzt wurde. 

Unschlüssig sah Adam zu ihr hinüber. Er war müde von der langen Fahrt und dem ungeplanten Rettungseinsatz. Er wollte nach Hause und in sein Bett, auch wenn er wusste, dass er eh mehr wach liegen würde als schlafen. Da konnte er auch gut und gerne noch etwas länger warten, bis sicher war, dass es den Katzenbabys gut ging.

So zuckte er mit den Schultern und ging auf die Gruppe an Plastikstühlen zu. Es war nicht so, als würde jemand Zuhause auf ihn warten. Er knüllte die Jeansjacke zusammen und stopfte sie hinter seinen Kopf, den er an die Wand lehnte. Die junge Frau lächelte ihm nochmal zu, ehe sie den Karton in ein Nachbarzimmer trug und die Tür zu fiel. 

Er musste für ein paar Augenblicke eingenickt sein, denn er schreckte hoch, als sich eine warme Hand auf seinen Unterarm legte. Die Tierpflegerin stand mit einem breiten Grinsen vor ihm. 

“Den Kleinen geht es gut, fünf Katzen und ein Kater. Sie werden durchkommen, dank deiner Hilfe!” Adam rieb sich mit den Handballen über die müden Augen und stand in einer fließenden Bewegung auf. 

 

“Die mit dem grauen Fell…?”, setzte er an und wurde von seinem eigenen Gähnen unterbrochen. Er wusste nicht mal, wohin er mit der Frage wollte, aber die Frau lachte bereits auf. 

“Ist der Kater im Wurf. Er hat argwöhnisch aufgepasst, dass seinen Schwestern nichts passiert.”

Ein kleines Lächeln zog an Adams Mundwinkeln und er sah den Kleinen vor sich, der sich mutig vor seine Geschwister gestellt hatte, als noch nicht klar war, ob Adam eine Bedrohung für sie war. Irgendwie erinnerte er ihn an jemanden. 

 

Er streifte sich seine Jacke über. Mehr konnte er für die Tiere nicht tun. Die Frau begleitete ihn zur Tür und sah ihn nachdenklich an.

“Du kannst jederzeit vorbeischauen, wenn du wissen willst, wie es ihnen geht.” Adam hob abwehrend die Hand. 

“Schon gut! Hier sind sie in guten Händen.”

 

Mit einem knappen Gruß drückte er die Tür auf und verschwand in der kühlen Nacht.

> ^..^ <

Er hatte die Nacht kein Auge zugemacht und sich unruhig von einer Seite auf die andere geworfen, das Kissen unter seinem Kopf zurecht geknautscht und es dann doch von sich geschoben. Seine Hand war immer wieder zum Handy geglitten, um das Hörbuch, das er sich angemacht hatte, noch mal anzustellen, bis der Timer erneut ablief. Seine Therapeutin hatte ihm den Tipp gegeben, dass er sich zum Einschlafen ein Hörbuch anmachen sollte, das nicht zu spannend war, aber seine Gedanken sich darauf richten ließen und nicht auf den Bildern der Vergangenheit, die gerade nachts immer wieder hochkamen. 

Es war kein Patentrezept, aber in den meisten Nächten half es ihm, wenigstens etwas Schlaf zu kriegen. Nicht in dieser, wo er abwechselnd Leo und die Katzen vor sich sah. Er musste für ein paar Minuten eingeschlafen sein, denn die Bilder, dass er den jungen Leo verschreckt in einem Pappkarton am Straßenrand findet und mit nach Hause nimmt, konnten nicht stimmen. Auch nicht, dass er zu spät kam und Leo tot dort lag, weil er nicht da gewesen war. Schweißgebadet fuhr Adam hoch, sein Brustkorb sich unter seinen gierigen Ringen nach Luft hebend. Mit einem Keuchen sackte er gegen die Rückenlehne des Bettes und rieb sich den kalten Schweiß von der Stirn. 

Er griff nach seinem Handy und rief Leos Kontakt auf. Nicht, dass er ihn anrufen wollte, aber er wollte sich für einen Augenblick versichern, dass es den erwachsenen und lebenden Leo wirklich gab. Er sah auf das kleine Profilbild und spürte, wie die Panik in ihm abebbte. Leo war sicher und lebendig. Mehr wollte er nicht. Er warf das Handy zurück auf die freie Betthälfte und ließ sich wieder in das Kissen sinken. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Wenn er die Augen schloss, sah er wieder Leo vor sich, blutend, verletzt, nicht mehr unter ihnen. Da starrte er lieber an die Wand und beobachtete die Lichtkegel, die im Verlauf der Nacht wanderten.

Als der Morgen an seinem Fenster graute, schwang er sich mit bleischweren Gliedern aus dem Bett und tappte ins Bad. Der Anblick seines Spiegelbilds hatte ihn noch nie zu Jubelschreien ansetzen lassen und an diesem Morgen erst recht nicht. Er war noch blasser als eh schon und die dunkelvioletten Augenringe sprachen für sich. Dabei hatte er in Berlin, mit Vincent und Moritz nur eine Wand entfernt, so gut geschlafen wie seit seinem Fortgehen nicht mehr. Er wünschte, man würde es ihm heute auch ansehen, damit er nicht mit blöden Kommentaren von Esther rechnen musste. 

 

Auf dem Weg ins Büro holte er eine Tüte Croissants. Zum einen, weil er selbst Hunger verspürte und zum anderen, weil es seine Kollegen vielleicht besänftigte und sie ihn mit ihren Sticheleien zu seinem übernächtigten Aussehen in Ruhe ließen. 

Ihm hätte klar sein müssen, dass sein Wunsch nicht erhört wurde. 

Esther musterte ihn abschätzig, als er das Büro betrat und die braune Bäckertüte auf dem Konferenztisch ablegte. Leo hatte nur kurz den Kopf gehoben und ihm knapp zugenickt, bevor er sich wieder seinem Computer zuwandte. Nur Pia war begeistert aufgesprungen und hatte sich eins der Croissants aus der Tüte gefischt und herzhaft hineingebissen, während sie Adam anlächelte. 

“Beste Idee zum Montag!”, brachte sie schmatzend hervor und leckte den Blätterteig von ihren Fingerspitzen. “Schönes Wochenende gehabt? Du siehst etwas fertig aus? Bist du krank?” 

Adam schüttelte den Kopf und warf seine Jacke über seinen Stuhl.

“Nur wenig Schlaf”, murmelte er und ließ sich die Sitzfläche sinken. 

Esther schnaubte spöttisch. 

“Wer feiern kann, kann auch arbeiten! Man sollte meinen, dass du das in deinem Alter weißt und besser einschätzen kannst, ob sich die Nächte um die Ohren schlagen lohnt.”

 

Er biss sich auf die Innenseite seiner Wange und rang mit sich, einen bissigen Kommentar herunterzuschlucken. Ein kurzer Blick zu Leo bestätigte ihm, dass er ähnlich wie Esther dachte und ihn nun vorwurfsvoll ansah. Adam wollte schreien, sich verteidigen, dass er ein entspanntes Wochenende hatte und nicht was auch immer getan hatte, was Esther und Leo von ihm dachten. Doch er konnte nicht mehr, die anschwellende Wut reichte nicht, um überzukochen. Am Ende würde es ihm eh nur einen Platzverweis bringen und die Genugtuung wollte er Esther nicht geben. 

So überging er ihren Kommentar und schaltete seinen Computer ein, als Pia ihm vorsichtig eine randvolle Kaffeetasse zuschob und ihm aufmunternd zu nickte. Er murmelte einen Dank und nahm vorsichtig einen Schluck. Leo hatte die Kanne gekocht, das schmeckte er sofort. Er hatte die richtige Geschmacksintensität, nicht zu stark und nicht zu schwach. So wie ihn Pia und Esther nicht hinbekamen. Er stieß ein stummes Seufzen aus und trank noch einen Schluck, während er durch seine E-Mails scrollte. 

Für eine Weile arbeiteten sie still nebeneinander her, lediglich die Geräusche aus den anderen Büros waren zu hören neben dem Klicken auf Tastaturen. Es lullte Adam ein und er rieb sich mehrmals über die müden Augen, bis ihm das Klingeln des Bereitschaftstelefons aus der Konzentration riss. Pia hatte vor einiger Zeit kichernd den Klingelton des Handys mit der Tatort-Melodie versehen, was ihr zwar einige Augenroller, aber auch Lacher eingebracht hatte. Adam hatte ganz vergessen, dass sie diese Woche Bereitschaft hatten.

 

Leo ging an das Telefon und zückte sein Notizheft, um sich die wichtigsten Infos zu notieren. Als er aufgelegt hatte, drehte er sich zu ihnen herum und wedelte mit dem Buch.

“Männliche Leiche, gefunden an der Friedenskirche.”

Er trat zu ihnen an die Insel und kurz verharrte sein Blick auf Adam, der schon sein Handy in die Hosentasche stopfte und im Begriff war aufzustehen. Er wusste, dass er dran war mit rausfahren. Irgendwann hatten sie sich ein Rotationsprinzip überlegt und laut dem war er dran -  zusammen mit Leo. 

 

Der schluckte nun schwer und rollte kaum sichtbar seine Schultern zurück.

“Esther, du fährst mit Adam zum Fundort und ihr macht dort die Erstbegehung. Pia und ich halten uns bereit, um gleich die Hinweise zu sortieren und notwendige Beschlüsse anzufordern.”

 

“Das wäre aber eure Leiche. Ich war letztes Mal schon dran.” Esther verschränkte die Arme vor der Brust und starrte Leo finster an, der nervös mit dem Kugelschreiber in seiner Hand spielte. Die Anspannung war eindeutig in seinen Schultern zu sehen und Adam fühlte sich mit einem Mal noch erschöpfter. Seine Anwesenheit sorgte nur für Spannungen und Frust im Team und vor allem bei Leo. 

Er hörte das leise Seufzen von Leo und sah den verzweifelten Blick, den er ihm zuwarf. Leo wollte nicht mit ihm rausfahren, Esther auch nicht. Hätte er sich nicht geschworen, keine Alleingänge mehr zu machen, wäre er allein zum Tatort gefahren. Doch es war gegen die Vorschrift und er wollte Leo weder noch mehr Ärger einhandeln, noch eine erneute Suspendierung vom Dienst riskieren. Er war sich nämlich nicht sicher, wie oft die Interne noch wegschauen würde, bevor sie weitgreifende Maßnahmen ergriffen. 

 

Gerade, als er vorschlagen wollte, dass er sonst im Büro blieb und dafür den Papierkram übernahm, sprang ihm Pia zur Seite. 

“Ich kann mit Adam fahren, kein Problem!”

In einer fließenden Bewegung war sie aufgestanden und streifte sich ihre Sportjacke über. Abwartend sah sie zu Leo und Esther, die immer noch nicht begeistert aussahen, die steile Falte zwischen Leos Augen war tief. 

 

Pia reckte trotzig das Kinn nach vorne.

“Was? Wollt ihr noch länger streiten, wer nicht mit Adam fahren will, oder können wir jetzt endlich loslegen?” 

Esther hatte wenigstens den Anstand verlegen zur Seite zusehen, Leo leckte sich nervös über die Lippen.

 

“Pia, du warst doch gerade erst…” 

Ein Knurren entwich ihrer Kehle, das Leo zum Schweigen brachte und Adam sich noch schlechter fühlen ließ.

“Leo, der Tote rennt uns zwar nicht mehr weg, aber die Zeit und die Spuren schon! Wenn du nicht willst, dann lass mich das jetzt übernehmen, aber entscheide dich schnell!”

 

Leos Blick wanderte ein letztes Mal zwischen Pia und ihm hin und her, ehe er sich mit einem Seufzen geschlagen gab. 

“Danke, Pia!” 

Sie schnaubte freudlos und nickte Adam zu, der ihr mit gesenktem Kopf aus dem Raum folgte. Eine Leiche war alle Male die bessere Gesellschaft, als die unterkühlte Stimmung in seinem Team. 

 

Es ging auf Mitternacht zu, als sie den ersten Durchbruch hatten und Leo anordnete, dass sie am nächsten Morgen mit frischem Kopf weitermachen würde. Um diese Uhrzeit würde er eh keinen Staatsanwalt und Richter mehr erreichen und Verdunkelungsgefahr bestand bei ihrem potenziellen Täter auch nicht. 

 

Adams Augen brannten, sein Kopf dröhnte von eindeutig zu viel Kaffee und zu wenig Schlaf. Um der Anspannung in ihrem Büro wenigstens für ein paar Stunden zu entkommen, hatte er freiwillig die Leichenschau bei Henny übernommen. Dort in der Pathologie nervte er keinen und es war auch keiner außer Henny gezwungen, mit ihm zu kommunizieren. Im Auto hatte Pia unbeholfen seinen Arm getätschelt und sich für Leos und Esthers Verhalten entschuldigt. Für einen kurzen Augenblick war Adam versucht gewesen, Pia um Rat zu fragen, was er denn noch machen sollte, damit es wieder besser wurde. Doch Adam fürchtete sich vor der Antwort, da wahrscheinlich nur sein Verschwinden Verbesserungen mit sich bringen würde. 

Als auch hinter Leo die Bürotür zufiel, er hatte ihm nur zugenickt zum Abschied, atmete Adam auf und ließ sich in seinem Stuhl ein Stück nach unten sinken, bis er seinen Kopf bequem auf der Rückenlehne ablegen konnte. Er nestelte an seiner Hosentasche und zog sein Handy hervor. Vincent hatte vor einigen Stunden schon die Bilder vom Wochenende in ihrer Gruppe geschickt und mit einem wehmütigen Lächeln sah er auf das Touri-Bild schlechthin von ihnen: glitzernde Spree, Fernsehturm und Museumsinsel und davor sie Drei Arm in Arm, die einem Passanten das Handy in die Hand gedrückt hatten. Adam stand in der Mitte, die Arme um Moritz links und Vincent rechts von ihm gelegt. Er erschrak etwas, wie entspannt und zufrieden er in diesem Moment aussah und dass er davon bereits zwei Tage später nichts mehr spürte. 

 

Mit einem tiefen Seufzen schloss er das Bild und öffnete aus Routine den Webbrowser.

Die Seite des Tierheims war noch immer geöffnet. Erst jetzt fiel ihm die Rubrik Neues Zuhause gesucht auf, die am oberen Rand der Seite eingeblendet war. Ob die Rasselband dort schon gelistet war? Er klickte sich durch die Unterseite, bis er die sechs ihm bekannten Katzengesichter sah. Die fünf Bunten reckten neugierig ihre Köpfe in Richtung der Kamera, nur der kleine Getigerte hatte den Schwanz zwischen die Beine geklemmt und sah mehr ängstlich drein als neugierig. Adams Herz zog etwas und er ertappte sich, wie er über das Display streichelte. Wie Leo damals, wenn er sich in der Schule in eine Ecke zurückzog und lieber für sich alleine war, als Angriffsfläche für andere zu sein. Nur Adam hatte er an sich herangelassen und den Jungen gezeigt, der hinter der Angst steckte - bis diese ihn wieder verschlang und 15 Jahre nicht wieder hergegeben hatte. 

Für eine kurze Zeit nach dem Gefängnis hatte er einen Leo ohne Angst und mit Stärke gesehen, die er damals in ihrer Jugend nur hatte erahnen können. Adam war begeistert von diesem strahlenden Leo gewesen und er hatte sich in diesen neu verliebt. Vielleicht war das das Problem mit ihnen. In Adams Augen waren sie nie nur Freunde gewesen, sondern immer schon mehr, auch wenn er es lange nicht zulassen konnte, um Leo zu schützen. Er war verkorkst, seine Liebe voller Dornen, an denen sich die Menschen stachen, denen er nah sein wollte. Er konnte nicht lieben, ohne zu verletzten. Leo war der beste Beweis. 

Er löschte das Display und warf das Handy seufzend auf den Tisch. Er war müde, alles tat ihm weh, doch nach Hause wollte er nicht. Dort war niemand. Niemand wartete auf ihn, niemand vermisste ihn, niemand würde nicht schlafen können, weil er nicht da war. Er war für niemand wichtig und somit war es egal, wo er heute Nacht blieb.

Sein Blick glitt zur Couch in der Ecke, die sie schon lange nicht mehr zum Übernachten genutzt hatten. Adam wusste von Pia, dass sie gern mal die Nächte durchmachte, wenn sie einen besonders kniffligen Fall hatten und sie dann dort wenigstens für wenige Stunden Schlaf fand. Doch auch das war besser geworden nach der Sache mit dem Geld und Pia schlief öfter Zuhause als hier. 

Adam stand auf und ging hinüber, um sich auf die weichen Polster fallen zu lassen. Sein Rücken ächzte, als er sich in eine bequeme Position schob und nochmal nach seinem Handy tastete. Die Seite mit dem Bild der Katzen war immer noch geöffnet. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht und er ließ das Bild offen, bis er sich bequem hingelegt hatte und die Augen schloss. Er erinnerte sie, wie die kleinen Pfoten nach ihm gegriffen haben und wie vertrauensvoll sich der kleine Körper an ihn geschmiegt hatte. Vielleicht sollte er nochmal hin und nach ihnen sehen? Blödsinn, schimpfte er sich und das Lächeln fiel in sich zusammen. Was sollte er dort im Tierheim? Er hatte die Tiere gefunden, sie in Obhut gegeben und gut war. Er brauchte sich nicht einmischen.  

 

Und doch verfolgte ihn das leise Maunzen bis in einen traumlosen Schlaf.

 

Er schreckte hoch, als das laute Zufallen einer Tür ihn aus dem Schlaf riss. Sein Handy polterte zu Boden und ein scharfer Schmerz fuhr in seinen Rücken. Das Sofa war nicht gedacht für Nächte auf ihm, in denen man Ruhe bekommen wollte. Er blinzelte in das Morgenlicht, das durch die großen Fenster hereinfiel und die Staubwolken sichtbar machte, die durch die Luft tanzten. Sein verschlafener Blick glitt zur Tür, deren Klinke Leo immer noch in der Hand hatte und vorwurfsvoll in seine Richtung sah. Großartig, er hatte sogar schlafend Leo verärgert. 

“Was machst du hier, Adam?”, knurrte Leo und durchquerte den Raum. Seine Tasche landete polternd auf seinem Tisch, direkt neben dem Bild, das ihn mit Caro an seinem letzten Geburtstag zeigte. Eine große Torte hielt er in der Hand und lachte strahlend in die Kamera.

Es war so viel Kuchen gewesen, dass er ihnen am nächsten Tag etwas davon mit ins Büro gebracht hatte. Pia und Esther hatten sich begeistert darauf gestürzt. Nur er hatte sich zurückgehalten, obwohl der Kuchen lecker aussah, doch er wusste nicht, ob er es durfte. Pia und Esther hatten für ein Geschenk zusammengelegt und unter normalen Umständen hätten sie Adam sicher gefragt, ob er sich beteiligen wollte. Was sie nicht getan hatten. 

Sein Geschenk für Leo, so wusste Adam, war ungeöffnet in den Schreibtisch gewandert. Es war ein in edles Leder gebundenes Notizbuch gewesen, mit seinen Initialen auf dem Deckel. Die Sorte von Notizbüchern, die sie als Jugendliche oft im Schaufenster des Schreibwarengeschäftes in der Innenstadt bewundert hatten. 

Als ersten Reflex hätte er Leo das Buch am liebsten wieder weggenommen und zurückgebracht. Schamesrot hatten seine Wangen gebrannt, als Leo das Buch mit ausdrucksloser Miene verschwinden ließ. Er kam mit Ablehnung klar, musste er schon sein ganzes Leben, doch Leos Verhalten verletzte ihn mehr, als es je eine Gürtelschnalle gekonnt hätte. 

 

“Ich habe dich was gefragt, Adam!”, riss Leos schneidende Stimme ihn aus seinen Gedanken. Seufzend rappelte er sich von der Couch hoch und strich sich gähnend die Haare aus dem Gesicht. Er würde dringend duschen und Zähne putzen gehen müssen, bevor die Kolleginnen kamen. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass er noch eine Stunde Zeit hatte und Leo nur viel zu früh im Präsidium war.

“Ich bin gestern Abend hier eingeschlafen”, nuschelte er gähnend und ging an Leo vorbei zu seinem Schreibtisch. Im untersten Fach lag wieder die Sporttasche, nur dieses Mal ohne Geld und dafür mit frischen Wechselsachen. Etwas, das er sich von Leo abgeschaut hatte, nachdem sie Platzregen bei einer Tatortbegehung erwischt hatte und er den ganzen restlichen Nachmittag in seiner nassen Jeans festsaß. 

 

“Das kannst du nicht bringen, Adam! Du hast nach Feierabend nicht hier zu sein! Ich habe euch gestern nach Hause geschickt. Muss ich bei dir alles als eine Dienstanweisung formulieren? Wobei, nicht mal an die würdest du dich halten.”

Adam schloss die Augen und lehnte seine Stirn an die Kante seines Tisches, vor dem er hockte. Er wollte schreien, aber kein Laut entkam ihm, nur ein verzweifeltes leises Lachen, von dem er hoffte, dass Leo es nicht hörte. Er zog die Tasche hervor, schulterte sie und richtete sich auf. 

“Es wird nicht wieder vorkommen”, versprach er leise und sah auf seine Fußspitzen. Eine leise Stimme in ihm wollte sich gegen Leos Worte wehren, ihm Paroli bieten, dass er sich doch seit Monaten nun an jede Anweisung von ihm hielt und versuchte alles richtig zu machen. War es denn wirklich seine Schuld, dass immer das Gegenteil der Fall zu sein schien? Doch er schluckte die Worte runter, die ihm auf der Zunge lagen. Für Leo, wie er sich sagte.

Beim Hinausgehen sah er Leos verkniffenen Gesichtsausdruck, der auf ihm und der Tasche lag und am liebsten hätte Adam ihm einen Spruch gedrückt, konnte er doch Leos Gedanken hören. Doch wozu gegen Leo kämpfen, wenn er schon lange verloren hatte und nur noch da war, weil gehen noch mehr schmerzen würde.

 

Nach der Dusche in den Umkleiden der Dienstsporträume fühlte er sich besser. Er legte einen kurzen Stopp auf dem Raucherdach ein, bevor er zurück ins Büro ging. Leo hatte in ihrer gemeinsamen Nachrichtengruppe geschrieben, dass die Teambesprechung um neun Uhr sein würde. Die verbleibenden zwanzig Minuten konnte er noch für eine schnelle Zigarette nutzen. 

Er hatte die Länge einer Zigarette genutzt und die aufgelaufenen Nachrichten von Vincent und Moritz beantwortet. Letzterer regte sich darüber auf, dass der lange Arm seiner Mutter auch bis Leipzig reichte und ihm das Leben schwer zu machen schien. Seit das Musterbeispiel von einem Sohn im Gefängnis saß, krittelte sie an ihm herum, dass er bei der Soko sein Talent verschwendete und doch bitte mehr Ehrgeiz zeigen sollte. 

 

>> Als würde mich jemand mit der Personalakte wollen!

Adam hatte gegrinst und seine Zigarette ausgedrückt. Vielleicht sollten sie Drei irgendwo ihre eigene Polizeidirektion aufbauen und nur Typen wie sie einstellen. Das Explode-Gif von Vincent und die lachenden Emojis von Moritz waren Antwort genug auf seinen Vorschlag.

 

Zehn Minuten vor dem Beginn der Besprechung betrat er das Büro und fand Pia und Esther schon an ihren Plätzen vor, wo sie im Stakkato auf die Tastaturen tippten. Leo stand an ihrer Pinnwand und sortierte die Hinweise, damit sie eine schlüssige Beweiskette ergaben. Der Drucker zu Adams Linken sprang an und Esther hechtete dorthin, um die Blätter herauszunehmen. 

 

“Ich fahre dann noch mal zu Henny, Leo und lasse mir das alles auf Richtigkeit bestätigen.” Sie schnappte sich ihre Tasche und stürmte an ihnen vorbei. 

Verwirrt sah Adam ihr nach und dann zu Pia, die ihn betreten ansah. 

“Wir haben die Besprechung ohne dich gemacht und die Aufgaben verteilt”, flüsterte sie und er sah an ihrem Blick, dass ihr das Vorgehen von Leo und Esther auch nicht schmeckte. 

 

Die Information war eine kalte Dusche für Adam und er sah auf Leo, der mit dem Rücken zu ihm stand und keine Anstalten machte, ihn dann wenigstens in die ihm zugeteilte Aufgabe einzuweihen. Seine Schultern fielen nach vorn. Wäre er doch besser gleich wieder hierher gekommen, dann hätte sie Leo nicht noch weiter über ihn ärgern müssen. 

“Und, was soll ich machen?”, fragte er leise Pia, die mit den Schultern zuckte. 

 

“Dir haben sie keine gegeben, es ist alles verteilt. Ich wollte auf dich warten, aber Leo…” Sie seufzte. “Schreib’ am besten deinen Bericht.”

Er warf seine Tasche auf den Boden und setzte sich an seinen Schreibtisch, um den Rechner zähneknirschend hochzufahren. Pia rollte zu ihm heran.

“Du kannst jederzeit zum Chef gehen und das Verhalten anzeigen, das weißt du?” 

Adam ruckte mit dem Kopf, das man als Zustimmung interpretieren konnte. Das wusste er, aber er würde es nicht machen. Er wollte nicht noch mehr Schwierigkeiten bereiten.

 

Er hatte die Vorlage des Berichtes geöffnet und die ersten Zeilen geschrieben, als Leo an seinen Tisch trat. Überrascht blickte Adam auf und auf die verschränkten Arme vor Leos Brust. Die Muskeln zeichneten sich deutlich ab und Adam schluckte gegen das trockene Gefühl in seiner Kehle an. Jegliche Bewunderung fiel aber in sich zusammen, als Leo sich räusperte und die Aufmerksamkeit auf sein Gesicht lenkte. 

 

“Eine Sache noch Adam: Du schläfst nicht mehr hier im Büro, wenn es nicht absolut notwendig für den Fall ist, dass wir Nachtschichten machen. Ich brauche ein ausgeruhtes Team, das klar denken und handeln kann. Hast du mich verstanden?”

Adam nickte und Leo brummte kurz, ehe er sich abwandte. Mitleidig sah Pia ihn an, doch er ignorierte ihren Blick und griff nach seinem Handy, das nur noch einen geringen Akkustand anzeigte. Vielleicht konnte er nachher kurz Vincent anrufen und ein wenig Ablenkung bekommen. Die Geschichten, die sein Freund von den Vorkommnissen im Deutsch-Polnischen Kommissariat erzählte, würden ihn auf andere Gedanken bringen, als dass er Pia recht geben müsste. Leos Verhalten ihm gegenüber müsste normalerweise längst Thema bei den Vorgesetzten sein. Das konnte er Leo nicht auch noch antun. Dann war er eben der Prügelknabe, das kannte er doch schon und verdiente es auch nicht besser.

Er klickte auf den Browser und die Seite des Tierheims baute sich auf. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er die Katzen sah und am liebsten würde er sich gegen die Stirn schlagen, weil sechs Katzenbabys es schafften ihn mehr aufzumuntern, als seine Umgebung.

 

Bevor er Vincent schrieb, speicherte er das Foto. Dann könnte er es sich immer wieder ansehen. 

> ^..^ <

Adam nestelte nervös an dem Saum seiner Jeansjacke, während er das Flachdachgebäude auf der anderen Straßenseite taxierte. Er hörte das Bellen der Hunde in in den Zwingern, das in dieser ruhigen Gegend fast gespenstisch klang. Vor einigen Wochen war ihm nicht aufgefallen, wie weitläufig und unpersönlich das Gelände des städtischen Tierheims war. Ob er es dann übers Herz gebracht hätte, die Kittens hierzulassen, mochte er jetzt nicht mehr sagen. Zumindest die Frau an der Anmeldung war freundlich gewesen. Falls sie heute nicht da war, würde er wieder umdrehen und es an einem anderen Tag nochmal probieren.

Er hatte sowieso keine Ahnung, was er hier machte. Er hatte noch nie den Wunsch nach einem Haustier verspürt. Sein Vater hatte ihm das mit dem Rottweiler nachhaltig abtrainiert. Vermutlich war er nach den ganzen Vorfällen mit Leo und dem Geld einfach nur einsam und sehnte sich nach einem Lebewesen, das ihn mögen könnte. Das warme Gefühl, das ihn durchströmte, als sich der kleine getigerte Kater an seine Hand geklammert hatte, wurde er auch nach nun drei Wochen nicht los. Er musste wissen, wie es dem kleinen Racker heute ging und ob er vielleicht schon ein liebevolles neues Zuhause hatte.

 

Adam atmete tief durch und überquerte die Straße, bevor ihn der Mut wieder verließ.

Die Luft war stickig und warm, als er das Gebäude betrat und sein Herz einen erleichterten Salto machte beim Anblick der grünen Haare hinter dem Tresen. Dieselbe junge Frau wie letztes Mal strahlte ihm entgegen und lehnte sich mit den Unterarmen auf den Tresen. 

 

“Na schau einer an! Unser Katzenretter! Was treibt dich hierher? Noch mehr arme Seelen, die du heldenhaft gerettet hast?” 

Er stieß ein lachendes Schnauben aus und spürte, wie die Anspannung von ihm fiel. Er ging auf den Tresen zu und lehnte sich ebenfalls auf die weiße Oberfläche. 

 

“Nein, aber ich würde gern wissen, was aus den Kleinen geworden ist!”

Überrascht hob die junge Frau beide Augenbrauen. 

“Das kommt nicht alle Tage vor, dass sich der Finder nach den Findelkindern erkundigt. Die meisten geben sie ab und freuen sich, dass die Tiere nicht elendig sterben mussten. Aber ehrliches Interesse an ihrem Verbleib haben die Wenigsten. Vor allem hätte ich das dir nicht zugetraut.” 

 

Adam spürte, wie sein Gesicht warm wurde und zuckte verlegen mit den Schultern. 

“Mich interessiert es halt”, murmelte er kleinlaut und die junge Frau brummte verstehend, ehe sie sich dem Computer zuwandte und nach einer Information zu suchen schien.

 

“Fünf der sechs Kittens sind bereits vermittelt. Wir behalten sie noch bis Ende nächster Woche bei uns. Dann sind sie 12 Wochen alt und würden auch normalerweise von der Mutter entwöhnt werden. Die Zeit wollen wir ihnen noch geben mit ihrer Amme.”

 

Adams Kopf ruckte hoch und er runzelte fragend die Stirn.

“Amme?”

 

Die Frau lächelte breit.

“Ja, wir hatten, kurz bevor du mit den armen Würmchen aufgetaucht bist, erst eine Katze bekommen, die wenige Tage vorher zwei Junge geworfen hatte. Sie hatte genug Milch und hat die Rasselbande bereitwillig adoptiert. Andernfalls ist das ein vierundzwanzig Stunden Job. Den können wir hier gar nicht personell stemmen. Die Kleinen hatten also doppelt Glück in der Nacht.”

 

Ein warmes Gefühl stieg bei ihren Worten in ihm auf und er lächelte sie scheu an. Er hatte dafür gesorgt, dass die kleinen schutzlosen Wesen eine Zukunft hatten. Er brachte also doch nicht nur Kummer in die Welt. 

 

Er schüttelte den Gedanken ab und räusperte sich schnell. Ein wichtiges Detail war ihm gerade an ihren Worten aufgefallen.

“Sagtest du fünf von sechs? Was ist mit dem Sechsten?”

 

Die Frau seufzte schwer. 

“Den will keiner. Der einzige Kater in dem Wurf, von der Fellfärbung auch nicht so spektakulär wie seine Schwestern und auch nach drei Wochen bei uns noch wahnsinnig scheu. Er trinkt, aber hochnehmen oder streicheln lässt er sich nicht. Damit ist er schwer vermittelbar, weil alle lieber eine Schmusekatze, als ein traumatisiertes Wesen wollen.” 

 

Adams Herz zog sich schmerzvoll zusammen. Das Gefühl kannte er nur zu gut. Keiner hatte es je lange mit ihm ausgehalten. Wenn sie von seinem Ballast erfuhren, waren sie meist weg gewesen. Nur Moritz und Vincent hielten es bis heute mit ihm aus. Selbst Leo hatte er erfolgreich vergrault mit seiner Art.

 

“Kann ich ihn sehen?”, kamen die Worte beinahe stolpernd von seinen Lippen und wurden mit einem breiten Lächeln belohnt.

“Na dann komm mal mit und schau dir die Rasselbande an.”

 

Die Kinderstation war in einem ruhigen, kleinen Raum, am Ende eines langen Ganges. Die Tür war mit einer Holzwand gesichert, über die sie sich lehnen mussten. Im Inneren des Zimmers tobten acht Katzenbabys ausgelassen umher, während die Ammenkatze auf dem Kratzbaum thronte und ihre sowie die Adoptivkinder überwachte. 

 

Adams Blick wanderte über die Kleinen, doch den getigerten Kater konnte er nicht ausmachen.

“Nächste Woche werden sie abgeholt. Ich werde den Radau hier echt vermissen.”

 

“Wie läuft so eine Adoption eigentlich ab? Müssen die Interessenten besondere Voraussetzungen haben?” Adam konnte seinen Blick nicht von der Meute abwenden, die so viel kräftiger und größer aussah als noch vor ein paar Wochen.

“Wir gucken uns die Leute schon genau an, führen Gespräche mit ihnen, wie viel Erfahrung sie mitbringen und wie ihre Wohnsituation ist. Wir geben sie nur an Menschen, bei denen wir sicher sind, dass sie sich gut um sie kümmern können und die bereit sind, dass Schutzgeld zu zahlen.”

Fragend neigte Adam den Kopf zu ihr. 

“Damit sie nicht in ein paar Wochen wieder bei uns landen, wenn sie merken, dass das Halten einer Katze doch viel mehr Arbeit ist als gedacht. Da erkennt man dann nochmal das echte Interesse und Bereitschaft, der Katze eine neues Zuhause zu geben”, erklärte sie lächelnd. 

 

Adam nickte verstehend und wandte sich wieder dem Raum zu.

“Wo ist der kleine Getigerte eigentlich?” 

 

Die junge Frau schob sich neben ihn und ließ suchend ihren Blick über die Katzenkinder wandern, bevor sie ihn in die Seite stupste. “Da hinten, in der kleinen Höhle.”

Adam kniff die Augen zusammen. Tatsächlich sah er aus einer kleinen Filzkugel Schnurrhaare hervorblitzen und grüne Augen, die ängstlich hinaus sahen. 

 

“Ruf ihn doch mal”, ermutigte ihn die Frau mit einem Augenzwinkern und Adam sah sie mit gerunzelter Stirn an. 

“Hat er denn einen Namen?”

 

Sie grinste ihn breit an. “Na Tiger! Liegt doch auf der Hand!”

Der kleine Kater reckte neugierig den Kopf aus der Filzhöhle und sein rosa Näschen schnupperte prüfend. Adam räusperte sich.

“Hey, Tiger?”

Er kam sich albern vor, doch die Tierpflegerin nickte aufmunternd. 

“Ich bin’s!”

Na toll, dachte Adam sich, als könnte der Kater damit was anfangen. Es schien jedoch zu funktionieren, denn die Frau neben machte leise Oh, als sich der kleine getigerte Körper vorsichtig aus der Höhle herausschob und in ihre Richtung tapste. 

 

Sie griff an ihm vorbei nach dem Riegel, den Adam bisher nicht bemerkt hatte, und öffnete das Tor. “Schauen wir mal, ob er sich von dir streicheln lässt.”

 

Die aufgeregte Schar stürmte auf sie zu, doch Adams Augen waren nur auf den kleinen Kater gerichtet, der an Ort und Stelle verharrte, als seine Geschwister an ihm vorbei stürmten. 

“Na Tiger, trau dich”, flüsterte Adam und streckte wie damals auf dem Rastplatz seine Hand aus. Der Kater kam näher und reckte prüfend seinen Kopf zu seiner Hand. Die Schnurrhaare kitzelten an seinen Handflächen und kurz zuckten seine Finger, bis sich der Kleine auf seine Hinterpfoten setzte und mit seinen Vorderpfoten seine Hand umschloss, um sich an ihr zu reiben. Adam spürte einen dicken Kloß in seinem Hals anschwellen und behutsam streichelte er ihm das Köpfchen.

“Na Kumpel, hast du mich wieder erkannt?”, murmelte er und spürte das vibrierende Schnurren an seinen Fingern. “Das heißt wohl ja?”, kicherte er und war selbst überrascht, wie leicht er sich in diesem Augenblick fühlte. Dieser kleine Moment der Zuneigung war mehr, als er die letzten Monate erfahren hatte. Er hatte nie besonders emotionale Beziehungen. Manchmal war es für wenige Wochen nett gewesen, nicht allein zu sein und jemand zu haben. Doch wenn es vorbei war, war es auch in Ordnung und er vermisste nichts. Mit Leo wäre es anders gewesen und erst seit Leo nicht mehr mit ihm sprach und er in dieser ihm so vertrauten, aber dennoch fremden Stadt allein war, fühlte er die Leere, die sich seit seiner Flucht in ihm ausgebreitet hatte, umso intensiver.

“Man sagt, dass nicht der Mensch sich die Katze aussucht, sondern die Katze sich den Menschen. Und ich glaube, ihr beide seid wie füreinander geschaffen!”, sagte die Pflegerin sanft neben ihm. 

Sie war in die Hocke gegangen und drei Katzenkinder turnten auf ihr herum, spielten mit der Spitze ihres Zopfes fangen und ließen sich ausgiebig kraulen. In dem kurzen Moment der Ablenkung hatte Tiger zum Sprung angesetzt und bohrte seine dünnen Krallen nun in Adams Unterarm, während er sich hochhangelte. Behutsam half Adam den kleinen Wesen nach und nahm ihn hoch an die Brust, wo er sich mit einem leisen Maunzen an seine Brust schmiegte. Adam schluckte schwer und blinzelte gegen die plötzlich aufsteigenden Tränen an. Seit wann war er denn so sentimental? 

“Aber ich kann doch nicht…ich meine, ich würde doch eure Bedingungen gar nicht erfüllen. Ich hatte nie Katzen, ich bin bei der Kripo und bei schwierigen Fällen manchmal tagelang nicht Zuhause. Wie soll ich mich da um ihn kümmern?”

Er wollte keinesfalls, dass der Kleine vernachlässigt wurde und allein und verängstigt in der Wohnung saß. Er kannte das Gefühl aus seiner Kindheit zur Genüge, wenn man allein und auf sich gestellt war, weil die Menschen, die sich um einen kümmern sollten, einfach tagelang wegblieben oder sich nicht für ihn interessierten. 

 

Die Tierpflegerin sah ihn durchdringend an.

“Keine Freundin oder Freund, der sich kümmern kann?”

Adam schüttelte den Kopf. Er hatte in Saarbrücken niemand außer Leo und der war auch keine Option mehr. Schnell wandte er sich ab und sah auf das Fellknäuel in seinen Armen herunter, der sich ausgiebig zu putzen schien. Alles in ihm schrie danach, ihn mit nach Hause zu nehmen, damit sie beide nicht mehr alleine waren. 

“Ich arbeite nur halbtags hier im Tierheim. Ich könnte auf ihn aufpassen, wenn du arbeiten musst. In dem Alter sollten sie nicht länger als zwei Stunden allein sein. In ein paar Monaten gehen dann schon mal fünf und noch später dann auch acht Stunden. Bis dahin könnte ich deine Catsitterin sein.”

 

Adams Nacken knackte unheilvoll, so ruckartig drehte er den Kopf zu ihr. Sie lächelte ihn sanft an. “Ich bin übrigens Linda!” 

Sie reichte ihm die Hand und perplex schlug Adam ein. 

“Adam”, nuschelte er und Linda drückte kurz seine Hand. 

“Also was ist? Bekommt Tiger bei dir ein Zuhause?”

> ^..^ <

Am Montagmorgen betrat er nach einer weiteren schlaflosen Nacht ihr Büro. Sie hatten am Wochenende Bereitschaft gehabt. Anscheinend war das Glück ihnen mal hold gewesen und keine Leiche war aufgetaucht. Unter normalen Umständen hätte Adam versucht, so viel Schlaf wie möglich nachzuholen und sein chronisches Defizit wenigstens ansatzweise in den Griff zu kriegen. Vor ein paar Monaten hätte er sich vielleicht auch mit Leo getroffen und mit ihm auf seinem Balkon gesessen, Tapas von ihrem Lieblingsspanier auf dem Tisch zwischen ihnen und die Gesellschaft des anderen genossen. Wie hatte er das nur so leichtfertig aufs Spiel setzen können? Und warum gelang es ihm nicht, zurück zu Leo zu finden? Jetzt hatte er das Wochenende mit Fahrten zu Tierbedarfsläden und Möbelhäusern verbracht, um die Wohnung für seinen neuen Mitbewohner bezugsfertig zu machen.

Sein ehemals bester Freund saß bereits an seinem Tisch, als Adam ihr Büro betrat. Pia und Esther waren noch nicht da. Kurz blickte Leo auf und bei dem kühlen Blick fror Adam trotz spätsommerlicher Hitze. Sein Morgengruß blieb unbeantwortet. Adam sackten die Schultern nach vorn und er schloss für einen Moment die Augen. Wenn sie allein waren, bemühte sich Leo nicht mal mehr um ein Mindestmaß an Höflichkeit. Worte wechselten sie meist nur in Anwesenheit ihrer beiden Kolleginnen, egal wie oft Adam es versuchte. Er rannte gegen eine eisige Mauer aus Schweigen. 

Seine Finger bebten, als er das Formular für die Bewilligung von Urlaub aus der Ablage zog. Er wusste, dass es spontan war und sie Urlaub nur mit angemessenem Vorlauf nehmen durften. Adam hoffte einfach, dass es Leo recht sein würde, wenn er ihn drei Wochen nicht sehen musste. Er atmete tief durch, bevor er den Kugelschreiber ansetzte  und die benötigten Felder ausfüllte. Das Kratzen der Mine auf dem Papier war neben dem Klicken von Leos Maus das einzige Geräusch im Raum. Er setzte seine Unterschrift auf das Papier und legte den Stift beiseite. 

 

“Leo?”, fragte er vorsichtig und bekam ein Brummen zur Antwort. Adam straffte seine Schultern und ging um seinen Schreibtisch herum zu Leos in der Ecke. 

“Ich weiß, es ist kurzfristig, aber ich bräuchte ab Freitag drei Wochen Urlaub. Mit Resturlaub und Überstunden sollte das kein Problem sein”, ratterte er herunter und legte das Formular vor Leo auf den Schreibtisch. Mit finsteren Blick sah er auf das Schriftstück hinab.

 

“Fällt dir ja früh ein! Mal wieder Geld ausgebuddelt, das du verstecken musst?” Sein Ton war schneidend und vor ein paar Wochen hätte Adam noch liebend gern die Konfrontation mit Leos Wut gesucht. Doch davon spürte er nichts mehr, nur noch die Leere, die sich Freitagabend für einen winzigen Augenblick gefüllt hatte. So blieb er schweigend neben Leos Tisch stehen und vermied es ihn anzusehen, bis dieser resigniert seufzte. 

“Ist wohl besser so”, murmelte er und setzte seinerseits die Unterschrift auf das Papier. 

Ihre Blicke trafen sich, als er Adam das Formular reichte und für einen Wimpernschlag lang hielten sie einander mit den Augen fest. Für einen kurzen Moment fiel Leos eiserne Maske und Adam sah Unsicherheit und Angst in seinen Augen aufblitzen.

“Haust du wieder ab?” Seine Stimme war tonlos und heiser. Adam schüttelte den Kopf und wandte sich dann ab. Nein, noch wollte er das nicht, würde es doch bedeuten, die Hoffnung auf Leo endgültig aufzugeben.

 

An seinem Platz drehte er sich noch mal zu Leo, der ihn weiterhin nachdenklich-besorgt ansah. Doch ehe etwas sagen konnte, ging die Bürotür auf und Pia stürmte gut gelaunt herein. 

> ^..^ <

Adam konnte nicht erwarten, dass es endlich Freitag wurde. Vor ein paar Monaten noch hatte es bedeutet, dass ein entspanntes Wochenende mit Leo vor ihm lag, wenn er Zeit hatte oder an dem er sich ohne schlechtes Gewissen einigeln konnte. Seit der Sache mit dem Geld sahen seine Wochenenden anders aus. Er half seiner Mutter am Haus, wenn er es sich gar nicht anders vermeiden ließ und ihm in seiner Wohnung die Decke auf den Kopf fiel. Oder er streifte durch den Wald hinter dem Bunker und wanderte die Plätze ab, mit denen er glückliche Erinnerungen an Leo verband. Selbst der alte Angelplatz war sein liebster Zufluchtsort, auch wenn ihm immer noch ein Schauer über den Rücken fuhr und er jeden Augenblick das SEK aus dem Gebüsch stürmen sah. Er hängte sich an die glücklichen Erinnerungen, an die vergangenen Momente, da seine Zukunft gerade nichts für ihn bereithielt. 

Wenigstens das würde sich mit dem Einzug von Tiger ändern. Vincent und Moritz hatten sich vor Freude am Telefon beinahe überschlagen, als er ihnen von seinen Plänen erzählt und ein Foto des Katers geschickt hat. Seitdem teilten sie regelmäßig Katzentipps und Videos, die sie im Netz fanden und von denen sie glaubten, dass sie ihm gefallen könnten.

Die letzten Tage hatte er sich abends mit den Vorbereitungen abgelenkt. Linda hatte ihm eine Liste geschrieben und ihm Tipps gegeben, welche Ausstattung er wirklich brauchte und was nur Spielereien waren. Auch hatte sie ihm qualitativ bessere Alternativen empfohlen, damit er nicht doppelt kaufte am Ende. 

Der riesige Kratzbaum, der ein Umräumen seines Wohnzimmers erfordert hatte, war ein Kampf gewesen und Adam hatte wüste Beschimpfungen über das Teil regnen lassen, bis es endlich stand und einen stabilen Eindruck machte. Nichts wollte Adam weniger, als dass das Ding umkippte und Tiger irgendwie verletzte. Von der Couch aus blockierte der Kratzbaum nun zwar die Sicht auf den Balkon, aber er hatte Lindas Rat befolgt und den besten Ort ausgewählt, von dem Tiger sein Revier überblicken konnte. 

Das Katzenklo hatte er in einer kleinen Bank im Flur versteckt. Er hatte bei Recherchen nach diskreten Lösungen für Katzenklos diese Vorrichtung entdeckt. Die Bank war zu beiden Seiten offen, so dass das Tier leicht rein und raus kam, aber von Blicken geschützt war. Den Deckel konnte man abnehmen und so das Klo schnell reinigen. Die perfekte Lösung, wie es Adam schien, denn er wollte auch nicht, dass Tiger ihm bei seinen Toilettengängen zusah. Nur hielt sich sein handwerkliches Geschick in Grenzen, als dass er es hätte selbst basteln können, aber auf Ebay-Kleinanzeigen hatte jemand genau so ein Teil zum Abholen angeboten, das auch für Jungtiere die ideale Einstiegshöhe hatte.

Einen ganzen Abend hatte er mit der Auswahl des idealen Futterplatzes verbracht und beobachtet, welche Plätze in der Wohnung er regelmäßig ansteuerte. Die galt es demnach zu vermeiden und einen möglichst ungestörten Ort fernab des Katzenklos zu finden. Am Ende hatte er den Mülleimer in der Küche in eine andere Ecke geschoben, um dort den Futterplatz herzurichten. Adam hatte sogar einen orthopädischen Fressnapf gekauft, der mit Tiger mitwachsen konnte. Der Kater würde es deutlich komfortabler als er beim Essen haben. 

 

Auch das Futter, das er im Tierheim bekam und wohl gut vertrug, hatte er bereits eingekauft und sich ein Abo eingerichtet, das ihn regelmäßig damit versorgte. 

 

Nach Feierabend am Freitag verabschiedete er sich als Erster und lediglich Pia wünschte ihm mit einem ehrlichen Lächeln einen schönen Urlaub und er solle doch Bilder schicken. Sie ging davon aus, dass Adam wegfuhr. Wer würde schon freiwillig drei Wochen Urlaub nehmen und das nicht für eine ausgiebige Fernreise nutzen. Adam hatte mit keiner Silbe den wahren Grund genannt. 

 

Es hätte eh niemanden interessiert. 

So lächelte er ihr zu, ignorierte Esthers spitzen Kommentar, dass sie ihm gern seine Sachen vorbeibringen kann, wenn er sich hier nicht mehr blicken lassen will, und traute sich nicht Leo anzusehen, der ihn mit zusammengepressten Lippen da saß. 

 

Zwei Stunden später stellte er die Transportbox im Flur ab und die Anspannung wich aus seinen Gliedern, von der er gar nicht gewusst hatte, wie sehr sie ihn in ihren Klauen gehalten hatte. Tiger streckte zaghaft seine Nase heraus und schnupperte neugierig.

Die nächsten drei Wochen würde er sich nur auf Tiger konzentrieren und ihm hier ein sicheres Zuhause gestalten. 

Sein Handy und auch die Kontakte seiner Kolleginnen stellte er auf stumm. Er wollte nichts von ihnen sehen oder hören, weder dienstlich noch privat, auch wenn sich Letzteres seit dem letzten Sommer auf ein Minimum reduziert hatte. Auch der Chat mit Leo war mehr oder weniger einseitig, bis sich in ihm nur noch dienstliche Informationen fanden, die Leo als sein Vorgesetzter wissen musste: Krankmeldungen, Stau auf der Rückfahrt nach einer Befragung und selbst die blieben meist unkommentiert.  Für Leo würde er dennoch immer erreichbar sein. Kein zweites Mal würde er den Fehler machen und wortlos verschwinden, auch wenn Leo ihm das zutraute. 

Kurz starrte Adam auf das kleine Profilbild an Leos Kontakt. Wie zufrieden er an Caros Seite in die Kamera strahlte. Er hatte das Gespräch mit Pia nur überhört, dass seine Mutter ihren 60. Geburtstag groß gefeiert und sie alle sich herausgeputzt hatten. Wie gern hätte Adam das aus der Nähe gesehen und nicht nur auf diesem winzigen Bild. So hatte er nur schweigend seinen Bericht tippen und den Gesprächen lauschen können. 

 

Er vermisste ihre Freundschaft.

 

Den aufsteigenden Kloß schluckte er schwer herunter und ließ das Handy in seinen Schoß sinken.

Tiger hatte sich zwischenzeitlich aus seiner Box heraus getraut und seine kleinen Krallen klackerten auf dem Parkett, als er vom Flur ins Wohnzimmer kam, wo Adam es sich auf der Couch gemütlich gemacht hatte. Linda hatte ihm geraten, Tiger den nötigen Freiraum zu geben, um sein neues Zuhause zu erkunden, aber dennoch in der Nähe zu sein. Nun schien es ihm, als würde der kleine Kater seine Einrichtung kritisch mustern und abwägen, ob er hier bleiben wollte. Als er am Sofa ankam, blieb er davor hocken und maunzte leise, bis Adam seine Hand ausstreckte und ihm nach oben half. Die kleinen Pfoten bohrten sich in seinen Oberkörper, als er es sich auf ihm gemütlich machte und sich auf seiner Brust einrollte. Die hellen Augen sahen ihn schläfrig an und er gähnte, bevor er den Kopf auf seine Pfoten legte und einschlief. 

Ein warmes Gefühl strömte durch seinen Körper und mit einem seligen Lächeln griff er nach seinem Handy, das neben ihm auf den Polstern lag und schoss ein Foto von dem schlafenden Kerlchen. Vincents und Moritz Reaktion kam umgehend und bestand aus einer Reihe Emojis mit Herzchen Augen. Für einen Moment überlegte Adam, das Bild auch an Leo zu schicken, vielleicht würde ein Katzenbild das Eis zwischen ihnen brechen und ihm die Versicherung geben, dass er gerade nicht dabei war zu verschwinden.

Er öffnete ihren Chat und kaute auf seiner Unterlippe. Tiger reckte sich im Schlaf auf seinem Bauch und streckte die Pfoten von sich. Mit einem Seufzen schloss Adam den Chat wieder. Er wusste ja nicht mal, ob Leo nicht auf Katzenhaare allergisch war.

> ^..^ <

Ihr Zusammenleben pendelte sich schnell ein und schon nach der ersten Woche konnte Adam sich ein Leben ohne den kleinen Flauschball nicht mehr vorstellen. Sein Tagesablauf bekam durch ihn Struktur. Er konnte die Uhr danach stellen, wann Tiger Hunger bekam, wann er schlief und wann seine fünf Minuten einsetzten. Letztere hatten ihn das erste Mal einen Schrecken eingejagt, als der Kater wild durch die Wohnung zu rennen begann und seinen eigenen Schatten jagte. Zum Glück war Linda gerade da gewesen, die ihm lachend erklärte, dass das bei kleinen Katzen normal war und von alleine verflog. Er konnte dem etwas entgegenwirken, wenn er darauf achtete, ihn tagsüber durch Spiele auszulasten. 

Und damit hatte Adam keine Probleme. Er konnte Stunden damit verbringen, auf dem Boden seines Wohnzimmers zu sitzen und Spielzeugmäuse und Schnüre durch die Gegend zu werfen, damit Tiger ihnen nachjagte. Am Ende ihrer ersten Woche traf auch ein Paket von Moritz und Vincent ein, die sich als “Onkels” dazu verpflichtet sahen, den Kleinen mit Spielzeug zu überhäufen. Dass Tiger den Karton am Ende spannender gefunden hatte als den Inhalt, verschwieg Adam ihnen.

Linda kam alle zwei Tage vorbei, damit Tiger sich an sie in seinem neuen Revier gewöhnte. Sobald Adam wieder arbeiten ging, würde sie tagsüber ein paar Stunden auf ihn aufpassen und ihn in dieser Zeit mit Futter und Streicheleinheiten versorgen. Adam war froh, die junge Frau an seiner Seite zu haben, die er mit Fragen zur Katzenerziehung bombardieren konnte und mit der er auch sonst auf einer Wellenlänge lag. Beide hatten sie eine eher schwierige Kindheit gehabt und kamen mit Tieren oft besser klar als mit anderen Menschen. Parallel zur Arbeit im Tierheim studierte Linda Tiermedizin, aber hatte sich gerade ein Urlaubssemester genommen, um sich vermehrt um ihre mentale Gesundheit zu kümmern. Die Nähe von Tieren half ihr dabei und wie Adam bald schon feststellen musste, half sie auch ihm.

In ihrer ersten Nacht hatte er noch konsequent sein und das andauernde Miauen von Tiger ignorieren  wollen, der vor seinem Bett saß und herzzerreißend klagte. Auch wenn man es Adam gern unterstellte, er hatte kein Herz aus Stein und der kleine Kater ihn vom ersten Augenblick um die kleine Tatze gewickelt. Und wen sollte es stören, wenn Tiger mit in seinem Bett schlief? 

Für ein paar Wochen, vielleicht auch Monate nach seiner Entlassung aus der U-Haft, hatte er die Hoffnung gehabt, dass Leo und er sich näher kamen und auf der anderen Seite des Bettes bald jemand lag. Er hatte sogar regelmäßig das Bettzeug gewechselt und darauf geachtet, dass er identische Bezüge hatte, damit er vorbereitet war, falls es so weit war und er Leo in sein Bett einladen konnte. Der Traum war wie eine Seifenblase zerplatzt und das zweite Set Bettwäsche in eine Box ganz unten im Schrank gewandert. 

Jetzt lag auf der ungenutzten Seite das Bettchen von Tiger. Nicht, dass der Kater dort brav die Nacht verbringen würde, aber hin und wieder zog es ihn dorthin. Meistens schlief er jedoch in der Kuhle von Adams Hals und Schulter, den weichen Kopf gegen Adams Kinn gepresst. Ein seltsam intimer, vertrauensvoller Moment, der Adam in ihrer ersten Nacht die Luft abschnürte und Tränen in die Augen trieb. Nie hätte er gedacht, dass es mal jemanden geben könnte, der ihm so sehr vertraute und seine Nähe suchte, ihm so bedingungslose Liebe schenkte. 

Ein kleines Seufzen war Tiger entwichen, bevor er einschlief und Adam hatte noch eine ganze Weile selig lächelnd den leisen Geräuschen gelauscht, die er von sich gab. 

Es war ein Ritual geworden, dass Adam es sich bequem machte und sobald er entspannt da lag, Tiger angetapst kam und seinen Platz an seiner Seite beanspruchte. Bevor er das Licht löschte, drückte er einen Kuss auf den weichen Kopf und flüsterte: 

„Schlaf gut, Tiger!“ 

Oft bildete er sich das leise Miauen, als Antwort nicht nur ein.