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life's a laugh and death's a joke, it's true

Summary:

Goethe und Schiller erwachen urplötzlich im heutigen Weimar. Sie kommen ungefähr so gut damit klar, wie man sich das so vorstellt.

Notes:

Diese Fic war ursprünglich eine Hausaufgabe, die aus einer Klassenfahrt nach Weimar hervorging. "Ursprünglich" bedeutet hier aber nicht, dass ich das Ganze seitdem nochmal überarbeitet habe, sondern einfach, dass sie bestimmt vier Jahre alt ist.
Meine Lehrer durften sich das hier also original so durchlesen. Ich hoffe, die Vorstellung sorgt für allgemeine Erheiterung.

I regret nothing.

Work Text:

Friedrich von Schiller schreckte in seinem Bett hoch. 

 

Nun, das war... unerwartet. Er hätte schwören können, dass diese Nacht seine letzte sein würde. Stattdessen fühlte er sich seltsam erholt—seine Lungen schmerzten nicht mehr, er verspürte keinen Hustenreiz und auch sein Kopf pochte bedeutend weniger, als er es noch gestern getan hatte. 

 

Alles in Allem fühlte Friedrich sich nicht so, als wäre er an einer schweren Lungenentzündung erkrankt—was eigentlich der Fall war.

 

Aus einem ihm unbekannten Grund lag Friedrich vollkommen bekleidet auf seiner Bettdecke, die—bis auf wenige Knitter, die durch sein Gewicht entstanden waren—makellos glatt gestrichen war.

 

Hatte Charlotte gestern sein Bett gemacht? Hatte Friedrich trotz seiner Krankheit bis spät in die Nacht an einem unvollendeten Werk gesessen und sich dann, vor Müdigkeit geschwächt, einfach in seiner Alltagskleidung auf das Bett sinken lassen und war eingeschlafen?

 

Friedrich wusste es nicht.

 

Mit einem Ächzen hob er sich aus dem Bett—und bemerkte sofort, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte. Wer in Herrgottsnamen hatte sämtliche seiner Möbel ausgetauscht?  Denn bis auf das Bett und den Schreibtisch gehörte keines von ihnen Friedrich.

 

Im Nebenzimmer wurde es noch grotesker—ein Gemälde und eine Büste von Friedrich selbst befanden sich darin, und nun wurde es ihm zu bunt.

 

Mit seiner wiederhergestellten Gesundheit fiel es Friedrich nicht schwer, die Treppen herunter zu eilen, selbst wenn alles ein wenig mehr zu knarren schien, als er es in Erinnerung hatte.

 

In den unteren Geschossen befanden sich noch mehr fremde Möbel und allerlei Dinge, die nicht ihm gehörten. Sämtliche Listen, die er über Steuern, sein Einkommen, den Erwerb des Hauses und all seine Ausgaben geführt hatte, befanden sich in Rahmen an der Wand eines weiteren Zimmers.

 

Trotz all der Dinge, die nicht hier sein sollten, gab es doch etwas, das fehlte—namentlich, Friedrichs Frau und Kinder. Normalerweise hätte ihm dies nicht allzu große Sorgen bereitet, doch der heutige Tag war seltsam genug, als dass Friedrich sich langsam anfing, Gedanken zu machen.

 

Friedrich eilte zur Tür. Ob es war, um seine Familie zu suchen, oder ob er einfach Goethe um Rat fragen wollte, wusste er selbst nicht—aber es wäre auch egal gewesen. Die Tür war verschlossen.

 

"Teufel noch eins!", fluchte Friedrich und machte kehrt, um die Hintertür zu benutzen. 

 

Zu seinem großen Erstaunen führte diese allerdings zu einem weiteren Raum—einem Raum, mit Bildern, Zitaten, Briefen und vielem mehr, das eindeutig von Friedrich stammte oder zumindest direkt mit seinem Leben in Verbindung stand.

 

Im Raum stand eine Gruppe junger Leute um eine Frau versammelt, die gerade eine Zeichnung zu erklären schien. Sämtliche Köpfe drehten sich zu Friedrich herum, als er erneut fluchte—diesmal aus Verwunderung.

 

"Was ist das denn?", fragte ein junger Mann, als er Friedrich erblickte. Sowohl seine Kleidung und seine Haare schienen ihm komplett absurd.

 

"Schiller Cosplay?", antwortete ein Mädchen mit grünem— grünem?! —Haar schulterzuckend. "Oder 'ne historische Stadtführung."

 

"Auf jeden Fall ist es beeindruckend gut getroffen.", fügte ein weiteres Mädchen hinzu, bevor sie sich allesamt zurück zu der Frau drehten, die das Sagen zu haben schien.

 

Vollkommen verwirrt und ohne ein weiteres Wort zu sagen, floh Friedrich durch die Tür auf der anderen Seite des Raumes und lief weiter, bis er eine Art Eingangshalle aus Glas erreichte. 

 

Auch draußen auf der Straße hatte sich vieles urplötzlich verändert. Obwohl die Esplanade noch immer so breit war, wie zuvor, hieß sie jetzt Schillerstraße. Neben Friedrichs Haus befand sich ein italienisches Restaurant, welches gut besucht war, und gegenüber lag ein Geschäft namens Thalia—offenbar ein Buchladen.

 

Entgeistert drehte sich Friedrich um seine eigene Achse. Was war mit Weimar geschehen? Warum war sein Haus ein Museum? Wo war—

 

Goethe. Er brauchte Goethe.

 

In wenigen Minuten hatte Friedrich die Esplanade hinter sich gelassen, den Frauenplan überquert und begann, an die Tür von Goethes Haus zu hämmern. Obwohl sich nichts an der Eingangstür tat, öffnete sich bald das Tor für Kutschen, welches sich nur wenige Meter weiter links befand.

 

"Könnten Sie bitte damit aufhören?", rief der junge Mann, welcher herausgetreten war. "Dieses Haus steht unter Denkmalschutz. Wenn Sie es besichtigen wollen, können Sie sich gerne Karten kaufen—der Eingang ist hier." Er deutete auf das Tor hinter sich.

 

Friedrich verschluckte sich fast an seiner eigenen Spucke. "Keinen müden Heller werde ich bezahlen, nur um das Haus des Herrn von Goethe zu besuchen!"

 

Hatte Goethe sich etwa endlich einen Sinn für Humor zugelegt? Sollte dies ein Scherz sein?

 

Doch Goethe hätte wohl kaum die ganze Stadt umgestaltet und binnen einer Nacht einen neuen Kleidungsstil unter dem Volk verbreitet. Sein Einfluss war groß, ja—doch bei weitem nicht so groß.

 

Was war hier nur los?

 

Die Antwort auf diese Frage präsentierte sich Friedrich fast sofort—eine Zeitung, die der Wind quer über den Frauenplan geweht hatte, kam vor Friedrich zur Ruhe. Völlig entgeistert nahm er das darauf gedruckte Datum wahr.

 

Der 10. Mai 2019.

 


 

Zur gleichen Zeit befand sich Johann in einer ähnlichen Situation. Er war aufgewacht, hatte sich gewundert, warum ein Seil als Absperrung vor beiden Eingängen zu seinem Schlafraum hing und hatte sich dann auf die Suche nach Christiane gemacht, welche aber unauffindbar gewesen war. August war ebenso verschollen.

 

Als Johann in seinen Innenhof getreten war, hatte da eine Gruppe alter Menschen gestanden. Voller Verwunderung hatte er kein Wort herausgebracht, als sie sich an ihm vorbei in sein eigenes Treppenhaus gequetscht hatten. Stattdessen war er nur kopfschüttelnd durch die offene Tür auf der anderen Seite des Innenhofs gegangen, wo er den nächsten Schock erlitt.

 

Was war das denn?! Wie sah es denn hier aus?

 

Eine junge Frau mit einem Namensschild an ihrer Bluse—Julia Maiwald—hatte ihn gefragt, ob er zur historischen Stadtführung gehöre.

 

"Das will ich doch kaum hoffen, junge Dame," hatte er mit erhobener Augenbraue erwidert und seine Verwirrung gekonnt überspielt. "Ich mag nicht mehr der Jüngste sein, doch ich bin wahrlich noch nicht alt genug, um als historisch bezeichnet zu werden."

 

Das hatte die gute Frau so verwirrt, dass sie nur Kopfschüttelnd gegangen war.

 

Jetzt stand Johann in einem Haus, das zwar ihm gehörte, aber irgendwie auch nicht, und er hatte keinen blassen Schimmer, was zum Henker er nun tun sollte.

 

Wenige Sekunden später war ein gedämpftes Pochen zu hören und als ein Mann—der wohl ebenso hier arbeitete wie die junge Frau—das Tor öffnete, um den Störenfried zur Ruhe zu bitten, konnte Johann plötzlich eine ihm wohlbekannte Stimme vernehmen.

 

So schnell er konnte eilte Johann zu dem Tor, trat heraus auf den Frauenplan und um den Mann herum—

 

—und kollidierte prompt mit Schiller.

 

"Sackerment!", rief Goethe, als ihn Schillers Ellbogen direkt am Nasenbein traf. "Gute Güte, Schiller, halten Sie Ihre Extremitäten unter Kontrolle!"

 

"Goethe!" Schiller ließ fast die Zeitung fallen. "Um Himmels Willen, es tut mir leid! Was tun Sie hier?"

 

"Was ich hier mache?", fragte Goethe verdutzt, sich immer noch die Nase haltend. "Es ist mein Haus, man sollte denken, Sie wüssten am besten, warum ich hier bin."

 

"Das ist nicht das Problem.", erwiderte Schiller und hielt Goethe die bunt bedruckte Zeitung vor das Gesicht. Er tippte auf das Datum. "Mir scheint, wir sind über zweihundert Jahre in die Zukunft gereist, mein Freund."

 

Goethe fühlte sich, als hätte man ihm sämtliche Luft aus den Lungen gepresst. Geschockt nahm er die Hand von seinem Gesicht weg, um die Zeitung näher betrachten zu können. Er setzte an, um etwas zu sagen, doch seine Lippen bewegten sich, ohne einen Ton hervorzubringen.

 

Schiller seufzte und senkte die Zeitung. "Ich sehe, wir sind einer Meinung. Was schlagen Sie vor, zu tun?"

 

Im Endeffekt entschlossen sie sich, das neue Weimar zu erkunden. Vom Aufbau hatte sich nicht viel verändert, doch viele Häuser waren umgebaut worden, sodass sie zu großen Teilen aus Glas und Metall bestanden, und beherbergten nun neue Geschäfte, Restaurants und Museen.

 

Auf der Esplanade wurden die beiden mehrmals aufgehalten, da junge Leute ein sogenanntes "Selfie" mit ihnen machen wollten. Weder Johann noch Friedrich hatten auch nur den blassesten Schimmer, worum es sich dabei handelte, doch um der Höflichkeit Willen folgten sie schlicht und einfach der Devise "Stur lächeln und winken!" als ihnen handgroße Spiegel vor die Nase gehalten wurden, die ihre Spiegelbilder einfingen.

 

Um dem Tumult zu entkommen, flohen die beiden wenige Minuten später kurzerhand in einen Buchladen, wo es ihren Erfahrungen nach stets recht ruhig zuging. Das schien glücklicherweise selbst im 21. Jahrhundert noch der Fall zu sein.

 

"Ich befürchte, unsere Nachnamen sind berühmt geworden.", schmunzelte Friedrich, als ihm die Klassikabteilung des Ladens ins Auge fiel. Mit einem anerkennenden Pfeifen zog er ein dünnes Buch aus dem Regal. "Faust I—nun sieh mal einer an, alter Freund, Sie haben es also tatsächlich noch geschafft, Ihr Lebenswerk zu vollenden. Sie haben sogar noch einen zweiten Teil geschrieben."

 

Er wollte Goethe das Buch reichen und hielt seinen Arm in dessen Richtung, während er mit der anderen Hand weitere Bücher aus dem Regal zog, sie kurz begutachtete und sie dann wieder zurück an ihren Platz schob. Als Goethe auch drei Bücher später noch nicht reagiert hatte, hob Friedrich verwirrt seinen Blick—nur um einen Moment später mit einem leicht peinlichen Kreischen, welches sich ungefähr drei Oktaven über seiner üblichen Tonlage befand, zurückzuschrecken.

 

Denn neben ihm stand nicht Goethe—das heißt, es war schon Goethe, nur eben ein lebensgroßer Pappaufsteller des Mannes.

 

Friedrich jonglierte für einige Sekunden mit den Büchern, die ihm aus den Händen zu fallen drohten, bevor er sie wieder in den Griff bekam. Er packte sich an die Brust, wo sein Herz panisch schlug. Friedrich war normalerweise nicht allzu schreckhaft, doch der Papp-Goethe hätte beinahe das vollbracht, an dem zahlreiche chronische Krankheiten bis dato gescheitert waren.

 

Er atmete tief durch und stellte die Bücher dorthin zurück, wo er sie hergenommen hatte.

 

Friedrich wollte sich gerade umdrehen, um den echten Goethe zu suchen, als ihm eine Idee kam. Mit nachdenklich zusammengekniffenen Augen schaute Friedrich dem Pappaufsteller für ein paar Sekunden ins Gesicht, bevor er dem Impuls nachgab und ihn hochhob.

 

"Hey, Goethe!", rief Friedrich grinsend, als er mit dessen Papp-Gegenstück im Arm durch den Buchladen marschierte. Goethe hatte es anscheinend in die Abteilung für Biografien verschlagen, wo er gerade durch ein Buch namens Freddie Mercury und Ich blätterte.

 

Goethe hob nur langsam seinen Blick, offenbar recht interessiert an dem Geschriebenen, doch als ihm der Pappaufsteller auffiel, zuckte er regelrecht zurück.

 

"Gute Güte, Schiller, wo haben Sie diese Monstrosität aufgetrieben?"

 

Friedrich blinzelte und schaute von Goethe zu Papp-Goethe. "Das sind Sie."

 

"Dessen bin ich mir bewusst."

 

"...Richtig." 

 

Vollends verwirrt, aber nicht gewillt, nachzufragen, stellte Friedrich den Pappaufsteller ab, klopfte ihm mit einem Kopfschütteln auf die Schulter und wandte sich dann ebenfalls den Biografien zu.

 

Einen Moment später wünschte er bereits, er hätte es nicht getan. Aufgrund seiner Größe fiel Friedrich sofort ein Buch ins Auge, welches Goethe wohl nicht gesehen haben konnte. Er konnte förmlich spüren, wie sein Gesicht rot anlief, als er es aus dem Regal nahm und anfing, darin herumzublättern.

 

"Was haben Sie da?", fragte Goethe interessiert und beugte sich zu ihm, um einen Blick auf den Inhalt zu werfen.

 

Sofort klappte Friedrich das Buch wieder zu. "Nichts!", rief er und klang dabei sicherlich wie eine Kröte mit Verstopfungen.

 

"Ach, haben Sie sich nicht so!", grummelte Goethe gutmütig und pflückte Friedrich das Buch kurz entschlossen aus der Hand. Nach einem kurzen Blick auf den Titel lief auch er rot an. "Oh. Ich verstehe."

 

Tja, ein Buch namens War Goethe Schillers Flöte? war möglicherweise nichts, mit dem man als Mann des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts konfrontiert werden wollte.

 

"Es impliziert im Übrigen genau das, wonach es klingt.", meinte Schiller mit einem verlegenen Räuspern und starrte stur nach oben an die Decke.

 

"Ich verstehe.", wiederholte Goethe und klappte dann mit einem Hüsteln das Buch wieder zu. "Richtig. Nun, ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber ich habe für heute genug Bücher gesehen."

 

Friedrich nickte zustimmend, froh, einer peinlichen Konversation über ihre Freundschaft und Gefühle entgangen zu sein. "Was halten Sie davon, wenn wir nachsehen, ob das Theater noch steht?"

 

Das Theater stand in der Tat noch. Und davor eine weitere Ungeheuerlichkeit.

 

"Was in aller Herrgottsnamen ist das?!", rief Schiller schon fast, absolut entsetzt.

 

Goethe kniff nur kritisch die Augen zusammen.

 

"Ich kann nicht glauben, dass sie tatsächlich—", zeterte Schiller weiter.

 

Goethe fing an zu schmunzeln.

 

"Meine Größe war das einzige, in dem ich Sie übertroffen habe und jetzt—!"

 

"Nun, wenigstens hat er Sie gut getroffen.", meinte Goethe schulterzuckend.

 

"Ist das Ihr Ernst?! Das ist alles, was Sie zu sagen haben?", fragte Schiller mit einem ungläubigen Blick zu Goethe.

 

Der grinste verhalten. "Schauen Sie es sich doch einmal genauer an. Der Mantel, die Weste, Ihre Knöpfe. Es ist genau das, was Sie gerade anhaben. Und—", er trat einen Schritt näher an Schiller heran und begann, ihm die Weste aufzuknöpfen— "Sie haben es genauso wenig wie das Denkmal geschafft, Ihre Kleidung ordentlich zu tragen, Friedrich. Hier muss ein Loch gefüllt werden—ein Knopfloch, natürlich." Goethe knöpfte die Weste ordentlich wieder zu und klopfte Friedrich dann mit einem Zwinkern auf die Brust.

 

"Und seien Sie dem armen Schöpfer des Denkmals nicht allzu böse.", fügte er schmunzelnd hinzu. "Die fehlenden zehn Zentimeter kommen schon von mir."