Actions

Work Header

Spring

Summary:

Dave trifft ein paar interessante Gestalten im Wartebereich der psychologischen Beratungsstelle seiner Uni
- und stellt fest, dass seine Probleme im Vergleich doch eher überschaubar sind.

 

(crossposted von fanfiktion.de; ursprünglich geschrieben vermutlich 2013/2014)

Work Text:

"... Eintausenddreihundertundelf... ... Eintausenddreihundertundvierzehn... ... Eintausenddreihundertundsiebzehn..." Ohne sein nahezu unverständliches Gemurmel zu unterbrechen, blieb Dave stehen und wandte sich dem Stuhl, neben dem er zum Halten gekommen war, zu. "... Eintausenddreihundertund-" Er stockte.

Der Stuhl war besetzt.

Hastig huschte sein Blick über die anderen die Stühle des Wartebereichs. Über die Hälfte von ihnen war noch frei, kam aber aufgrund der Entfernung nicht wirklich in Frage.
Ihm wurde unwillkürlich schlecht.
Erst recht, als der Fremde, vor dessen Sitzplatz er nach wie vor verharrte, irritiert von seinem Magazin aufschaute und ihn fragend musterte.

Dave zwang seine Mundwinkel dazu, sich zu einem Lächeln auseinanderzuziehen. "Ich weiß, das klingt jetzt komisch..." - ein bemüht leise gemurmeltes "Zwanzig... zwanzig, zwanzig... zwanzig" drängte sich an dieser Stelle unpassend zwischen seine Worte - "... aber würde es dir was ausmachen, dich umzusetzen? ... Bitte?"

Die Irritation auf dem Gesicht seines Gegenübers nahm weiter zu. Trotzdem nickte es und rückte anstandslos ein paar Stühle weiter.

Mit einem erleichtert geseufzten "Eintausenddreihundertundzwanzig!" ließ Dave sich auf dem nun nun frei gewordenen Platz nieder, schloss die Augen und genoss das Gefühl der schwindenden Anspannung in seinem Körper.

Zumindest so lange, bis er sich wieder daran erinnerte, nicht allein zu sein.


Er öffnete die Augen wieder und schenkte dem jungen Mann, den er gerade von seinem Sitzplatz vertrieben hatte und etwa auf sein eigenes Alter schätzte, ein erneutes, nun schon ehrlicheres Lächeln. "Uhm... sorry. Und danke. Für's Umsetzen."

Der Fremde erwiderte sein Lächeln und schüttelte den Kopf. "Schon okay." Er zögerte kurz. Dann streckte er Dave spontan die Hand entgegen und stellte sich vor. "Ich bin Brad. Ich, uh, hab bloß einen Freund herbegleitet."

Dave ergriff seine Hand und drückte sie kurz. "Dave." Er bemühte sich um ein kleines Grinsen, dem man nicht allzu sehr ansah, wie sehr er sich immer noch für sein Verhalten von eben schämte. "Ich hab mich selbst herbegleitet. Aber das hast du dir sicher schon denken können."

Brad zuckte bloß mit den Schultern, offensichtlich verunsichert, was er auf dieses direkte Eingeständnis eines nahezu Fremden, psychologische Hilfe zu benötigen, antworten sollte, und murmelte irgendwas vermutlich beschwichtigend gemeintes, das sich sehr nach einem "ist ja nichts dabei" anhörte.

Die Tür des Psychologischen Beratungszentrums der Universität öffnete sich und ein blauhaariger Typ in viel zu weiten Klamotten und mit Veilchen sowie einer recht frisch genähten Platzwunde über dem Auge trat heraus. Er warf dem jungen Mann mit dem Klemmbrett unter dem Arm, der ihn an die Tür begleitet hatte, noch schnell ein offensichtlich schwärmerisches Lächeln zu (das mit geröteten Wangen erwidert wurde) und wandte sich dann, die Hände in die Hosentaschen vergraben, mit vorgeschobener Unterlippe Brad zu. "Können wir? Ich hab Hunger!"

Brad seufzte und erhob sich. "Ist nicht meine Schuld, dass du heute noch nichts gegessen hast." Er nickte Dave noch einmal zu und hob kurz die Hand zum Abschied, dann verschwand er zusammen mit dem Blauhaarigen.

"Dave Farrell?"

Dave nickte und erhob sich, darum bemüht, dem jungen Mann mit dem Klemmbrett in die Augen zu sehen anstatt die Entfernung zwischen ihnen abzuschätzen, auch wenn der Drang seine Schritte zu zählen bereits wieder zuzunehmen drohte und ihm dabei vorgaukelte, ihn von seiner Nervosität und allen möglichen und unmöglichen schrecklichen Konsequenzen bewahren zu können, wenn er sich nur auf ihn einließ.

Sein Gegenüber schien davon entweder nichts zu merken oder störte sich zumindest nicht daran und streckte ihm, wie Brad es zuvor getan hatte, die Hand entgegen. "Ich bin Chester." Er trat einen Schritt beiseite. "Komm rein und mach's dir bequem. Kann ich dir einen Kaffee oder Tee anbieten?"




"Hi."

"... Huh? Kennen wir uns?"

"Nicht wirklich, wir haben uns neulich nur mal kurz flüchtig gesehen. Hier. Du warst mit deinem Kumpel, uh, Brad hier."

Brads Kumpel - diese Woche mit giftgrünem Haar, inzwischen deutlich blasserem Veilchen, gut verheilter Platzwunde, dafür bandagierter linker Hand - nickte nur leicht und musterte Dave abschätzig. "Du bist der mit dem Zählzwang oder so nem ähnlichen Zeug, richtig?"

Dave wurde unwillkürlich ein wenig übel, auch wenn er sich damit zu beruhigen versuchte, dass es bei seinem letzten Besuch hier nun wirklich nicht schwer zu erraten gewesen war, was ihn hierher verschlagen hatte. Er nickte. "Uhm... oder so nem ähnlichen Zeug. Ja. 'Dave' tut's aber auch."

Ein kurzes Blinzeln, dann breitete sich auch schon ein schwindelerregend weiches, aufmerksames Lächeln auf den Lippen des Grünhaarigen aus. "Ich bin Mike." Er überlegte kurz und wollte gerade den Mund öffnen, um noch etwas hinzuzusetzen, als die Tür neben ihm sich öffnete und Brad heraustrat.

Als dieser Dave erblickte, richtete er den Blick unangenehm berührt zu Boden, murmelte etwas davon, dass er unten in der Mensa warten würde in Mikes Richtung, und verdrückte sich eilig.

Mike nickte zwar, seine Aufmerksamkeit lag aber bereits wieder voll und ganz auf Chester, dessen Wangen sich durch seine bloße Anwesenheit tiefrot verfärbten, während sich ein beschämtes Lächeln auf seine Lippen stahl. "Hey..."

Der Angesprochene kratzte sich ungelenk am Nacken und wandte überfordert den Blick ab, erwiderte den weich gehauchten Gruß jedoch nicht minder leise.


Dave fragte sich unwillkürlich, ob Mikes Besuche hier überhaupt einen ernst zu nehmenden Grund hatten oder ob er bloß bei seinem Freund vorbeischauen wollte.

Die Tür fiel ins Schloss.

Er war wieder allein.




"Ich, uh, komm zur Zeit mit dem Studium nicht so gut voran wie gedacht. Wollt mir ein paar Stress-Vermeidungstipps abholen. So was halt."

Dave nickte und bemühte sich, den Eindruck zu vermitteln, dass er Brad glaubte. Schließlich war es jedem selbst überlassen, was er von sich preis gab und was nicht. Er lehnte sich in dem unbequemen Stuhl zurück und ließ seinen Blick durch den Wartebereich streifen. "Ist Mike heute auch wieder da?"

Brad schmunzelte schwach und nickte. "Uhum. Seit Chester hier arbeitet kommt er jede Woche her. Vorher war's jedes Mal 'ne Katastrophe, ihn zu nem Besuch bei jemand, uh, zumindest halbwegs professionellem zu überreden."

"Aber bringt das denn überhaupt was? Ich mein... also, kann jetzt auch nur an mir liegen, aber so wirklich professionell scheint die Beziehung der beiden nun nicht gerade zu sein..."

Brad winkte gelassen ab. "Ich würd das nicht so ernst nehmen. Mike flirtet allgemein gerne, und das mit so ziemlich allem und jedem. Das geht in der Regel schnell vorbei."

Dave verkniff sich den Kommentar, dass er sich eigentlich mehr Gedanken um Chesters Fähigkeit, unter diesen Umständen seinen Job auf die Reihe zu kriegen, machte und weniger um Mikes Sicht auf das Ganze.




Daves Blick wanderte von Brad, der an diesem Tag nicht nur blass sondern regelrecht fahl wirkte, und dessen Blick stumpf auf seinen locker auf seinem Schoß gefalteten Händen lag, zu Mike, der mit übergroßen glänzenden Augen und rosigen Wangen den Ring an seiner Hand betrachtete. Die vormals grünen Haare leuchteten diesmal in einem knalligen Rot und zum ersten Mal schien keine neue Verletzung zu seiner ohnehin schon fragwürdigen Sammlung an Blessuren hinzugekommen zu sein.
"Na dann... Glückwunsch, huh?"

Mikes Strahlen wurde nur noch breiter. Ohne den Blick von seinem erst wenige Tage alten Ehering abzuwenden, nickte er und rutschte dabei ein wenig auf seinem Stuhl hin und her, ein abwesendes "Danke" vor sich hinmurmelnd. Erst das Brummen seines Handys schaffte es, den Bann, den das glänzende Stück Metall an seinem Finger auf ihn auszuüben schien, zu brechen. Voll freudiger Erwartung überflog er die Nachricht, die er soeben erhalten hatte.
Keine zwei Sekunden später hatte seine Miene sich jedoch auch schon in einen Ausdruck bitterlichster Enttäuschung verwandelt. Ein schweres Schlucken, ein nicht wirklich erfolgreich unterdrücktes Schniefen, dann erhob er sich auch schon, warf sein Handy auf Brads Schoß und stürmte in Richtung der Toiletten davon.

Brad griff mit leerer Miene nach dem Handy, studierte dessen Anzeige und legte es dann auf Mikes leeren Stuhl.

"Was ist los?"

Er seufzte. "Überraschenderweise ist seine Mutter nicht so wirklich begeistert davon, dass er mal eben spontan in Vegas einen Typen, den er seit gerade mal einem Monat kennt und von dem sie bisher noch nie was gehört hat, geheiratet hat."

Dave runzelte die Stirn. "Aber so, wie er da reagiert, muss sie ihm das ja ziemlich... nun ja, harsch mitgeteilt haben..."

"Nicht wirklich. Aber das ist halt Mike. Der ist eben ein bisschen... nennen wir's dramatisch. Vermutlich malt er sich gerade aus, dass er enterbt wurde und seine Familie seine einzig wahre große Liebe vermutlich nie akzeptieren wird, so wie sie ihn nie akzeptieren werden, sollten sie je erfahren, wie er wirklich ist... bla... bla bla... bla... und so weiter. Irgendwie so was halt." Brad zuckte mit den Schultern. "Gib ihm ne Woche. Dann wird er sich wieder beruhigt haben."

Die Tür öffnete sich.

Chesters überglückliches Strahlen ließ Dave für einen kurzen Augenblick fast schon so etwas wie Mitleid mit dem frisch Vermählten empfinden, auch wenn er nicht so recht bestimmen konnte, warum.




"Vor 'nem halben Jahr erst hat Mike Brad einen Antrag gemacht. Als er Nein gesagt hat, hätte er sich fast umgebracht. Mike jetzt, nicht Brad. Ich hab Brad gesagt, er soll sich 'nen anderen Mitbewohner suchen, wenn sie eh nicht mehr zusammen sind, aber er meint, irgendwer muss ja ein bisschen auf Mike aufpassen und wenn nicht er, wer dann? Wär ja nicht so, als gab es sonst viel, worin er nützlich wäre... also, hat er gesagt."

Dave kannte den Kerl nicht, der Mike diesmal zu seinem fragwürdigen Termin bei der Beratungsstelle begleitete. Und wenn er sich seine ausdruckslose Miene so ansah, als die Tür plötzlich aufgerissen wurde und ein offensichtlich heulender Mike aus ihr herausstürmte, dem ein nicht minder tränenüberströmter Chester noch die Hälfte des Ganges entlang folgte, ehe seine Kräfte ihn im Stich ließen und er sich gegen die Wand sinken ließ und sich mit den Händen über das Gesicht fuhr, dann hatte er auch kein allzu großes Bedürfnis, ihn näher kennen zu lernen.

Der seltsame Kerl klopfte ihm kurz aufmunternd(?) auf den Rücken, erhob sich, und trottete davon.

Nach kurzem Zögern erhob Dave sich ebenfalls und näherte sich auf leisen Sohlen Chester.
(18 Schritte trennten sie. Aber 18 war eine gute Zahl.)
Er blieb eine Weile abwartend vor ihm stehen... und ging dann neben ihm in die Hocke und legte den Arm um ihn.

Chester ließ sich kraftlos gegen ihn sinken und bat beschämt und unterdrückt schluchzend darum, ihren Termin zu verschieben. Auf die Frage, ob er ihm erzählen wollte, was vorgefallen waren, wurden seine Schluchzer augenblicklich heftiger und alles, was von seiner Antwort bei Dave ankam, waren zerrissene Satzfetzen wie "andere Farbe für die Couch", "glaubt mir nicht" und "will ihn nicht verlieren".




Mikes Gesicht schob sich in das wackelige, mit einer Handykamera aufgenommene Bild.
Das laute blecherne Rauschen des Windes übertönte seine Stimme beinahe.

Dave musste sich ziemlich konzentrieren, überhaupt irgendetwas zu verstehen.

'Nachdem das mit den Tabletten vor zwei Wochen nicht geklappt hat, probiert Brad diesmal was anderes.'

Das Bild wackelte wieder heftiger, während die Kamera sich auf die Gestalt, die ein Stück entfernt auf einem Brückengeländer saß, richtete.

'Brad? Hab ich versucht, dich abzuhalten?'
'Fick dich, Mike...' (Dave konnte nicht wirklich verstehen, was Brad geantwortete hatte, aber er ging einfach mal von dem aus, was er selbst auf so eine bescheuerte Frage antworten würde)
Mike seufzte und schob sein Gesicht wieder ins Bild. 'Nur für's Protokoll: Ich hab es versucht! Und ich werd's auch gleich wieder versuchen. Ich wollt nur... na ja, 'ne Erinnerung behalten?'


Joe (wie sich der komische Kerl, der Dave vergangene Woche schon viel zu viele Dinge erzählt hatte, die er eigentlich nie wissen wollte, inzwischen vorgestellt hatte) pausierte das Video. "Den Rest willst du nicht sehen."

Dave konnte sich nicht einmal erinnern zugestimmt zu haben, überhaupt irgendwas von diesem Video sehen zu wollen.

"Jedenfalls war's das jetzt mit Brad. Diesmal hat's geklappt. War sein vierter Versuch." Joe ließ das Handy in seiner Hosentasche verschwinden. "War übrigens nicht wegen Mike, das ging schon länger. Mike war halt nur nicht... na ja, die gesündeste Gesellschaft für ihn."

"... Und nun?"

Joe zuckte mit den Schultern. "Nun werd ich Chester erstmal davon erzählen, dass Brad nicht wiederkommt und Mike grad im Krankenhaus liegt, weil er sich gestern Abend schon wieder die Treppe runtergeworfen hat, diesmal aber 'n bisschen blöder als sonst unten aufgekommen ist."

Dave nickte bloß bedächtig.
Schwieg eine Weile.
Stand schließlich auf, ging eintausenddreihundertundzwanzig Schritte, setzte sich in seinen Wagen und machte sich auf den Weg in eine andere Beratungsstelle, die ihm ein Kommilitone am Morgen empfohlen hatte.

Series this work belongs to: