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Category:
Fandom:
Character:
Additional Tags:
Language:
Deutsch
Series:
Part 14 of Schwarzes Glas (eine Oneshot-Sammlung)
Stats:
Published:
2015-09-30
Completed:
2016-11-13
Words:
1,624
Chapters:
2/2
Kudos:
2
Hits:
19

Amerika

Summary:

Mike ist ein guter Mensch.
Und die Leute, die ihm und seiner Band treu sind, sind es sicher auch.

*

Zwei Oneshots, die von Mikes SocialMedia-Präsenz und diversen US-amerikanischen politischen Entwicklungen in den mid-2010s inspiriert wurden.

 

(crossposted von fanfiktion.de; ursprünglich hochgeladen ~2015 und November 2016)

Chapter Text

Mike ist ein guter Mensch.

Wann immer er von einem der inzwischen beinahe täglich in seinem Land vorkommenden Fällen von Polizeibrutalität hört, ist er empört. Er findet es schrecklich, dass Leute nach wie vor aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert, bedroht, zu Boden gedrückt, getreten und inzwischen auch immer häufiger direkt erschossen werden.

Hin und wieder schwebt sein Daumen nur wenige Millimeter über dem Retweet-Button unter einem der Einträge, die einer seiner Freunde gerade zu dem Thema auf Twitter geteilt hat. Ab und an hat er auch schon selbst Einträge dazu verfasst, in denen er klar macht, auf welcher Seite er in dieser Angelegenheit steht.
Veröffentlicht hat er sie aber nie und auch nichts in dieser Hinsicht geteilt.

Er macht schließlich Musik - das ist es, wofür die Leute ihm auf den sozialen Netzwerken folgen. Er will niemanden vor den Kopf stoßen. Außerdem hat seine Frau vor einigen Tagen bereits einen Eintrag mit dem #BlackLivesMatter Hashtag geteilt. Die Leute werden sich sicher denken können, dass seine Meinung ihrer entspricht.
Außerdem würde es zu unnötigen Diskussionen mit Chester führen, für den Polizisten (wie einst sein Vater und nun sein großer Bruder) nach wie vor Helden darstellen; die Männer in Uniform, die in den vergangenen Monaten mehr denn je regelrecht Jagdsaison auf die schwarze Bevölkerung eröffnet haben, sind in seinen Augen Ausnahmefälle. Außerdem findet er, dass jedes Leben wichtig ist, schließlich hat niemand es so wirklich leicht und fast jeder wird wegen irgendwas diskriminiert.

Mike äußert sich dazu nicht. Er will sich nicht streiten. Und ein winziger Teil von ihm hofft so sehr, dass Chester Recht hat, dass er es manchmal fast selbst glaubt. Aber nur fast.

Chester ist kein schlechter Mensch, sonst wäre er schließlich nicht einer von Mikes engsten Freunden.

Und Mike ist ein guter Mensch.

Als er erfährt, dass in seinem Land auf einen Schlag in sämtlichen Bundesstaaten die gleichgeschlechtliche Ehe legalisiert wird, stehen ihm Tränen in den Augen.
Er ist mit einer wunderbaren Frau verheiratet mit der er drei großartige Kinder hat, aber es hätte auch anders kommen können.
In Collegezeiten hatte er sich häufiger gefragt, was wäre, wenn aus den gelegentlichen Dates und kurzen Affären mit dem einen oder anderen Kommilitonen mehr werden würde. Was, wenn die kurze Verknalltheit sich zu Liebe entwickelte? Auf beiden Seiten? Er wusste damals schon, dass er irgendwann Kinder haben wollte. Wie sollte das mit einem anderen Mann funktionieren? Was würden seine Großeltern sagen? Würde es irgendwann weh tun, von seinem Partner immer nur als "mein Freund" und nie als "mein Mann" sprechen zu können, selbst wenn sie vorhatten den Rest ihres Lebens zusammen zu verbringen?

Wieder schwebt sein Daumen über dem Retweet-Button, diesmal unter einem Eintrag von Anna.

In seinem Kopf kreist die Frage, wie es ihm wohl damals als Teenager gegangen wäre, wenn er erfahren hätte, dass sein Lieblingskünstler auf seiner Seite war - dass es ihm vielleicht sogar ganz genauso ging und das Geschlecht keine große Rolle dabei spielte, in wen er sich verlieben konnte. Er muss unwillkürlich schwer schlucken. Ihm fehlen die Worte für den Unterschied, den dieses Wissen damals für ihn bedeutet hätte.

Aber da ist auch Chester in seinem Kopf, der bereits einmal in einem LPU-Chat offen gesagt hat, dass es ihm egal ist, wer mit wem zusammen ist, so lange alle Beteiligten damit glücklich sind.
Dass er allerdings findet, dass es trotzdem einen Unterschied zwischen "richtiger Ehe" und "Homo-Ehe" geben sollte, hat er bisher nur offline im engsten Famlien- und Freundeskreis zugegeben.
Natürlich ist er für freie Liebe, gegen Diskriminierung, und wer schwul ist soll halt schwul sein und alle, die sich dagegen äußern, sind scheiße (und Lesben sind ja sowieso mal ziemlich sexy).
Aber die Ehe ist ja nun schon irgendwo etwas Heiliges, immerhin schließt man sie vor Gott, und die Vorstellung, dass zwei Partner gleichen Geschlechts sich trauen lassen, am besten noch kirchlich, behagt ihm nicht so ganz. Es nimmt dem, was er und seine Frau haben, etwas weg, auch wenn er nicht wirklich in Worte fassen kann was genau.

Mike will dieses Gespräch nicht noch einmal führen müssen.

Selbst jetzt, Jahre später, zieht es noch unangenehm in seiner Brust, wenn er daran zurückdenkt. Vermutlich gerade weil Chester einer seiner engsten Freunde ist und weiß, dass Mike nicht nur auf Frauen steht... und das nichts, aber auch gar nichts an seiner Meinung ändert.
Nach eigener Aussage liebt er Mike so sehr, wie man einen besten Freund nur lieben kann "ohne dass es irgendwo schwul wird". Trotzdem ist da ein Teil von Mike, an dem dieser nichts ändern kann, der ihn und seine Beziehung zu Talinda zu bedrohen scheint, obwohl er nichts mit ihr zu tun hat.

Nein, das muss Mike sich nicht noch einmal antun.

Er verzichtet darauf, Annas Beitrag zu teilen und bedankt sich lieber bei den Fans, die vor ein paar Stunden das letzte Linkin Park Konzert besucht haben. Sie und all die anderen, die ihn und seine Band mögen, werden sich auch so denken können, dass er kein homophobes Arschloch ist.

Mike ist ein guter Mensch.

Und die Leute, die ihm und seiner Band treu sind, sind es sicher auch.