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Characters:
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Language:
Deutsch
Series:
Part 1 of Kunst
Stats:
Published:
2023-08-07
Updated:
2023-08-07
Words:
4,689
Chapters:
1/?
Kudos:
7
Bookmarks:
1
Hits:
101

Kunst - Kapitel 1

Summary:

Als "Il Mostro" gerade eines seiner Kunstwerke vollendet hat, stößt Lecter unerwarteterweise auf einen spontan aufgetauchten Bewunderer..

Notes:

"Kunst" ist ein online geschriebenes RPG von Salai und mir - ich hoffe, daß es anderen so gut gefällt wie mir - have fun!
Das RPG hat bereits einen (evtl. vorläufigen?) Abschluß, ich werde die Kapitel nach und nach beta-lesen und hochladen.
Die Warnings werden sich nach Kapiteln zum Teil unterscheiden.

Chapter Text

Kunst

Rollen:
Kriegerprinz als Hannibal Lecter
Salai als Armand

-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-

 

Hannibal Lecter:
Montefioralle -
Ein Dorf südlich von Florenz, malerisch gelegen, mit einer kleinen Kirche, einem Weingut und einer Gaststätte, die einen durchaus guten Ruf besitzt.
Ein Dorf wie hundert andere -
Und doch wird es schon bald eine ganz besondere Berühmtheit erlangen - eine Berühmtheit, auf die seine langsam immer weniger werdenden Bewohner durchaus hätten verzichten können.
Schon bald wird Montefioralle eines der Dörfer sein, das über das zweifelhafte Privileg verfügt, Schauplatz eines der "il Mostro"-Morde geworden zu sein.
Genaugenommen sind die dazu notwendigen Morde bereits begangen. Nur die Ausführung fehlt noch, das, was der Questura erlauben wird, sie mit den anderen Verbrechen desselben Täters zu verbinden, sie in derselben Akte abzuheften.
Natürlich hätte es der Täter begrüßt, nicht einfach als das Monster bezeichnet zu werden, das er durchaus vor sich selbst zugibt, zu sein. Aber solche Dinge liegen nun einmal meistens nicht in der Hand des betreffenden Mörders, es sei denn, er wäre narzisstisch genug, sich aktiv um einen bestimmten Namen auf dem Deckel seiner Fallakte zu bemühen -
was dieser spezielle Mörder nicht ist.
Jetzt gerade ist er jedenfalls dabei, zwischen Sichtschutz gebenden Zypressen und duftenden Wildkräutern auf der Ladefläche eines offenen Lieferwagens ein weiteres Kunstwerk zu erschaffen, eine Verbeugung vor Botticelli und einem seiner bekanntesten Kunstwerke.
Der erste Versuch, dies zu tun, hatte einige Fehler und Schwächen, doch langsam wird der Künstler besser, nähert sich der Perfektion an, die er in allen Dingen von sich selbst verlangt. Endlich hat er beispielsweise eine Möglichkeit gefunden, der Haut des Mannes die bläuliche Färbung des Zephyr zu verleihen.
Leise summt der Mörder das Thema des "Frühling" vor sich hin, während er sorgfältig den Mundraum des Mannes mit Watte ausstopft, um die aufgeblasenen Backen des Windgeistes nachzuformen...

Armand:
Es war dem puren Zufall geschuldet, dass Armand sich ausgerechnet in dieser Nacht nicht im nahegelegenen Florenz aufhielt. Es tat gut, sich nach langer Zeit von Dingen umringt zu wissen, die älter waren als er selbst. Dort, wo die Zeit an alten Kirchen und Festungen vorüber ging - nicht spurlos zwar, doch deutlich langsamer - fand er eine innere Ruhe die er sonst vermisste.
Im Umland schien die Zeit gar stillzustehen, störte man sich nicht an den Strommasten. Die Wärme des Tages lag noch über den grünen Weinstöcken und die Grillen zirpten im hohen Gras der Felder, wie jeden Frühsommer seit Jahrhunderten schon. Der Geruch hingegen tauchte so plötzlich, so unerwartet auf, dass er Armand wie jähes Donnergrollen aus seinen Gedanken riss.
Das Feld wurde zu einem Ozean aus goldenen Wogen als der Wind plötzlich drehte und singend durch die hohen Halme des Korns fuhr. Fast erwartete Armand, beim nächsten Schritt auf einen toten Hasen zu treten, so deutlich konnte er die Ausdünstung riechen.
Witternd hob er den Kopf.
Kein Tierblut!
Der herbe Duft von frisch zurechtgestutzten Zypressen vermischte sich mit dem von Kornblumen und Tod. Unweit konnte Armand die Bäume im Spalier stehen sehen. Vielleicht als Wegsäumung oder als Trennung zwischen den Feldern gepflanzt ragten sie wie Speerspitzen in den Nachthimmel. Von Neugierde getrieben und durch den animalischen Trieb beflügelt setzte er sich in Bewegung.

Eine nach der anderen verstummten die Grillen im Umkreis, bis der anhaltende Ton sanft in den Hintergrund trat. Die Stille war das einzige Geräusch das Armand begleitete, als er aus dem Kornfeld trat und den einsamen Wagen entdeckte. Die Scheinwerfer waren dunkel, vom Fahrer keine Spur zu sehen. Aber der Blutgeruch ballte sich hier, unterlegt von der süßen Note von Orangen und Blüten.
Armand ging an der Ladefläche entlang und blieb wie versteinert stehen.
Die gleiche Darstellung hatte er einen Tag zuvor gesehen, in der Gallerie degli Uffizi. Flora, auf der Flucht vor dem liebestollen Zephyr, in Tempera auf Holz gebannt. Diese Nymphe jedoch war ungleich lebensechter, so kalt und tot ihr Leib auch war.
Von dem Anblick gebannt trat Armand schnell ein paar Schritte zurück um das Tableau in seiner Gesamtheit betrachten zu können, dann langsam näher heran um die Details zu erforschen, ohne dass ihm der Schöpfer dieses Werks in den Sinn gekommen wäre, oder gar, dass dieser eigenwillige Künstler sich noch in der Nähe befinden könnte.
Die Winkel in denen die Glieder angeordnet waren, die Art der Heckenrosen die den Lippen der Frau entsprangen, die Anzahl der Blumen... und die Hautfarbe des Zephyr! Er streckte die Hand nach dem Fuß der männlichen Leiche aus um sich davon zu überzeugen, ob die Färbung wirklich subkutan war.

Hannibal Lecter:
Lecter hatte sich die Zeit genommen, sich nach getaner Arbeit so gut als möglich zu reinigen. Wenn er, gleich nachdem er den Lieferwagen hinunter zu dem kleinen Orangenhain am Rande des Dorfes gefahren hatte, zu Fuß zu seinem eigenen Wagen gehen würde, sollte er niemandem durch verschmutzte Kleidung oder unnötigen Blutgeruch auffallen.
Er hatte noch Zeit, sein Kunstwerk ein letztes Mal zu begutachten, ehe er sich auf den Weg machen sollte. Immerhin gab es im Dorf einige Leute, die mit den Hühnern aufstanden, und er hatte nicht die Absicht, diesen Frühaufstehern unter die Füße zu geraten.

Womit Lecter nicht gerechnet hatte, war ein unerwarteter Bewunderer, der sich bei der Ladefläche des Wagens herumtrieb, als der Mörder dorthin zurückkehrte.
Überrascht blieb er in einigen Schritten Entfernung von dem Fahrzeug stehen und beobachtete, was sich seinen Augen darbot:
Ein halbwüchsiger Junge, der ganz ruhig in Betrachtung des Dioramas versunken war. Keine Panik, nicht einmal Angst - Lecter roch nichts davon.
Eigentlich roch er sowieso verblüffend wenig, was den Jungen betraf.
Langsam trat Lecter näher, um ihn mit anderen Sinnen erfassen zu können. Er näherte sich seitlich und kam schließlich nahe genug heran, um zu sehen, daß der Junge wahrhaft schön war. Mit seinen langen Haaren erinnerte er den Mann an ein Gemälde, das er an der Wand einer halb verfallenen Kapelle in der Nähe von Greve gesehen hatte.
Neugierig blieb Lecter stehen und beschloß, den Jungen auf Italienisch anzusprechen:
"Buona sera! Du kannst gern auf die Ladefläche steigen, um es dir genauer anzusehen. Ich muß sagen, mit dem hier bin ich fast schon zufrieden.. Nur mit den Rosen bin ich noch nicht ganz glücklich..." er zögerte kurz, fuhr dann aber doch fort:
"Sag' mir - Was hältst du von dem hier?"

 

Armand:
Die Hand fuhr rasch zurück, ehe sie die tote Haut berührt hatte und verschwand noch in der Umdrehung hinter dem Rücken des Knaben, als wäre er ein Kind das man beim Naschen ertappt hatte.
Armands Blick glitt über den Fremden, neugierig, aber mit dem distanzierten Misstrauen das behütet aufgewachsenen Nachwuchs mit auf den Weg gegeben wurde, indem man ihnen Märchen erzählte. Fast hätte man den Ausdruck auf dem jungen Gesicht streng nennen können. Der Junge schwieg und hätte er es einen Herzschlag länger getan, wäre der rechte Zeitpunkt dafür vorüber gewesen, doch dann erwiderte er den Gruß artig.
"Buona sera."
Kein Blut war an dem Mann. Er trug keine erkennbare Waffe. Und doch hing ihm ein Geruch an, den Armand nicht vollends einordnen konnte. Es war etwas, von dem er wusste, dass er es kennen musste und doch irritierte es ihn. Weil es fehl am Platz wirkte.
Der Mann machte einen zu ordentlichen Eindruck. Zu sehr Gentleman als dass er zu dieser Uhrzeit irgendwo weitab der Stadt an so einem abgelegenen Ort hätte sein dürfen. Das war es. Hier war er ein leuchtendroter Blutstropfen im Schnee.
Es dauerte etwas, bis Armand seine Verwunderung über das Zusammentreffen so weit überwunden hatte, dass er antworten konnte.

Der Junge blinzelte, dann drehte er den Kopf, ohne sich jedoch die Blöße zu geben und sich von Lecter abzuwenden als er das Kunstwerk wieder in Augenschein nahm.
"Das sieht aus wie die Primavera von Botticelli", konstatierte er im naivsten Tonfall dessen er befähigt war das Offensichtliche, während er in Gedanken Worte und vor allem Tonfall wiederholte. Der Mann war zu ruhig dafür, dass man ihn mit dem Corpus Delicti erwischt hatte. Halb empört musste Armand feststellen, dass er sich belauert fühlte. Als er den Mann wieder ansah, lächelte er.
"Das ist bestimmt für eine neue Ausstellung in Florenz", beschloss er dem Fremden einen Grund für seine Gelassenheit im Angesicht zweier Leichen zu geben. Die Szene war vollkommen surreal. Warum den Umstand nicht zum Vorteil nutzen?
"Sie wirken so echt! Es muss furchtbar schwer sein so detailgetreu nach Vorlage zu arbeiten aber... die Rosen stimmen wirklich nicht."
Armand ging an der offenen Ladefläche entlang und streckte sich dann wieder um eine der bemängelten Blumen aufzulesen. Er drehte sie in den Fingern, dann hob er sie um daran zu riechen.
"Rosa Gallica… Jenny Duval", urteilte er, während er seinen Gegenüber über den Blütenkelch hinweg im Auge behielt. "Eine Züchtung aus historischen Rosen und sicherlich sehr kostspielig in der Beschaffung. Botticelli malte allerdings eine Gattung der Damaszenerrose."

Hannibal Lecter:
"Damaszenerrose!"
Lecter unterstrich den halblauten Ausruf durch ein fast schon ärgerliches Fingerschnippen. "Ich wußte, die Blütenform erinnert mich an etwas!"
Seufzend stemmte er die Hände in die Hüften und atmete tief durch, ehe er den Jungen direkt ansah.
"Du hast nicht zufällig eine Idee, wo ich zu dieser nachtschlafenden Zeit auf die Schnelle noch roséfarbene Damaszenerrosen herbekommen könnte? Es würde mich, ehrlich gesagt, gleich doppelt ärgern, jetzt, wo ich es weiß, trotzdem die falschen Blüten verwenden zu müssen...."
Ihm war, ebenso wie Armand, durchaus bewußt, wie surreal dieses Gespräch an diesem Ort und in dieser Situation war, und darüberhinaus war er sich ziemlich sicher, daß der Junge sehr wohl wußte, das es sich hier um keine Wachsfiguren handelte.
Allein dessen Anwesenheit war schon ein Unding an sich: immerhin sah er nicht aus wie ein Streuner - was also tat er mitten in der Nacht hier, mitten im Nirgendwo?
Langsam schüttelte Lecter den Kopf, während ein angedeutetes Lächeln sich auf seine Lippen legte:
"Allerdings - eingedenk der Tatsache, daß du mich hier gefunden hast - wäre es wohl auch nicht unwahrscheinlicher, daß du tatsächlich wissen könntest, wo ich welche herbekomme. Nur interessehalber - wie genau hat es sich eigentlich ergeben, daß du jetzt gerade hier bist?"

Da standen sie nun - zwei durchaus gutgekleidete Personen an einem Ort, dem weder ihre Kleidung noch ihre Konversation gerecht wurde.
Lecter in Hemd und Anzugshose mit passenden Schuhen, ein schlanker Mann mittleren Alters mit hellen Haaren und dunklen Augen, den man so eher im Foyer eines Museums oder bei einer anderen halboffiziellen Veranstaltung erwartet hätte anstatt nachts auf einem Feldweg in der Toskana.

Armand:
Indem er an die Seite der Flora getreten war, hatte der Junge wie unbemerkt die Breite der Ladefläche zwischen sie gebracht. Eine kümmerliche Deckung, aber gewiss besser als keine zu haben.
Er spielte mit der Rose, drehte sie zwischen den Fingern und betrachtete das Bild, das nahezu der Perfektion gereichte - bis auf das entscheidende Detail.
Das Lächeln des Mannes gefiel Armand. Viel zu gut sogar. Es war auf eine Art vertrauenserweckend, die ihm pure Gänsehaut bescherte.
"Ein ehrliches Versehen. Ich bin am Nachmittag unter den Weinreben eingeschlafen und viel zu spät aufgewacht. Da wollte ich eine Abkürzung durch die Felder nehmen."
Dort, wo er sich einen neuen Pfad durch das Korn gebahnt hatte, waren die Halme geknickt und verrieten seinen Weg querfeldein. Wäre er weiter gegangen, er wäre auf der Landstraße binnen weniger als zwanzig Minuten bis nach Montefioralle zurück gekommen. In der Ferne konnte man die Ortschaft auf ihrem Hügel ruhen sehen. Der Kirchturm wurde nächtens von unten angestrahlt und war nicht zu übersehen.
"Was die Rosen betrifft... ich könnte unter Umständen wissen, wo man die richtige Gattung findet, aber ob mir das zum Vorteil gereicht?"
Jetzt wo er linkerhand der Komposition stand, machte sich eine gewisse Ähnlichkeit zum Merkur aus der originalen Primavera bemerkbar. Wenngleich er zierlicher von Gestalt und gewiss kleiner war, die Farbe der Locken und die sanften Züge gemahnten unweigerlich an Botticellis Hand.

 

Hannibal Lecter:
Ein rascher Blick bestätigte, daß der Junge durch das Feld gekommen war - nichts weiter.
Tatsache blieb, daß das zufällige Zusammentreffen aller Umstände immer noch ans Lächerliche grenzen würde. Lecter glaubte nicht an solche Zufälle.
Woran er glaubte, war an Gelegenheiten. Und das Zusammentreffen mit diesem Jungen schien sich in mehr als einer Hinsicht als eine solche zu präsentieren.
Entspannt lehnte der Mann sich mit den Unterarmen auf die Seitenwand der Ladefläche und sah Armand über die Orangenblätter hinweg fragend an:
"Nun - wie könnte ich es denn anstellen, daß dein 'Vorteil' groß genug wäre, daß du mir binnen der nächsten zwei Stunden zu diesen Rosen verhelfen könntest?
Leider habe ich nur ein sehr kleines Zeitfenster - das Diorama sollte noch vor dem Sonnenaufgang an Ort und Stelle sein - es stellt sozusagen eine Überraschung dar - einmal davon abgesehen, daß die Pflanzen sich nur eine relativ kurze Zeit in dieser Form halten werden - ich möchte sie ungern mit Haarspray oder ähnlichem besprühen, da dies den Geruch verderben würde."
Natürlich gäbe der Junge ein entzückendes Herzstück für ein weiteres Detail der "Primavera" ab -
Allerdings sah Lecter sich wenig gewillt, einen so interessanten Jungen auf diese Art einfach zu vergeuden. Zuvor wollte er mehr über ihn herausfinden, und er fürchtete, daß dies ihn weiter als Rohmaterial disqualifizieren würde. Der Junge hatte Verstand und Witz - selten genug in diesen Tagen. Und Lecter haßte - außer Unhöflichkeit - wenige Dinge mehr als Verschwendung.

 

Armand:
"Oh, das ist ganz simpel", versicherte er mit Unschuldsmiene. Jeder an seiner Stelle hätte dem offensichtlichen Mörder des Paares eine Garantie dafür abverlangt, dass ihn kein ähnliches Schicksal befiel, sobald er seinen Nutzen eingebüßt hatte.
"Ich möchte das Endergebnis sehen", teilte der Junge Lecter stattdessen nüchtern mit und ließ die Rose zurück auf die Ladefläche fallen.
"Und ich fürchte, dass ich Ihre Pläne ein wenig durcheinander bringe, wenn Sie nicht gewillt sind einen neuen Versuch zu unternehmen. Die Damaszenerrosen, die Sie benötigen, wachsen am Rand von Florenz und ich bin nicht sicher, ob die Strecke in dem gegebenen Zeitfenster zu schaffen ist. Sie scheinen schon einen Ort irgendwo in der Nähe für die Ausstellung geplant zu haben. Bis zum Friedhof San Miniato al Monte sind es gut eineinhalb Stunden Fahrt..."
Damit hatte der Junge seinen einzigen Trumpf ausgespielt und nichts mehr in der Hand, das ihn dazu befähigt hätte, mit Lecter um sein Leben zu schachern. Dabei wirkte er weder naiv noch dumm.

Hannibal Lecter:
Einige Momente stand Lecter ruhig da und überlegte. Es widerstrebte ihm, jetzt plötzlich in unangemessene Hektik auszubrechen und eventuell dabei entweder zu riskieren, entdeckt zu werden oder - was noch schlimmer wäre - das Kunstwerk zu verschlimmbessern, falls die im Augenblick zur Verfügung stehenden Damaszenerrosen seinen Ansprüchen nicht genügten.
Nein, das einzig Vernünftige war wohl, dieses Mal noch die falschen - aber nichtsdestotrotz ebenso vollkommenen - Blüten zu belassen und beim nächsten Versuch auch dieses Detail noch harmonisch einzufügen.

Überraschend geschickt schwang der Mann sich auf die Ladefläche, ohne das Arrangement in Unordnung zu bringen, und kümmerte sich um die letzten Details, einschließlich dem erneuten Arrangieren der Rosenblätter, die er mit einem besonderen Leim ein letztes Mal fixierte.
Nach einem abschließenden Blick über das Gesamtkunstwerk wandte er sich, die Hände nun in den Hosentaschen, noch auf der Ladefläche stehend, an den Jungen:
"Ich fürchte, das bedeutet, daß ich es für dieses Mal damit gut sein lassen muß. Sehen wir es als einen Schritt auf dem Weg zur Perfektion an und beginnen zu einem späteren Zeitpunkt von neuem - mit den richtigen Rosen.
Ich sollte dies nur nicht zu schnell folgen lassen, immerhin sollte jedes Werk für sich wirken und nicht zur Dutzendware verkommen...
Was natürlich voraussetzt, daß du nicht beabsichtigst, mich von meinem nächsten Versuch abzubringen oder ihn auf andere Art zu verhindern..?"
Lecter machte aus dem letzten Satz eine Frage. Immerhin könnte der Junge ja gewillt sein, weitere Liebespaare vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren.

Armand:
Der Junge wich nicht zurück, aber seine Wimpern flirrten, weil er zu schnell, zu heftig blinzelte in dem Moment als Lecter so behände wie eine Raubkatze auf die Ladefläche hinaufsprang. Kein Mann, der einen so teuren Anzug mit dermaßen kerzengerader Haltung trug sollte sich darin so leichtfüßig bewegen können!
Armand konnte erneut den Duft von Orangenblüten, Rosen und stockendem Blut aufwirbeln fühlen als der Mann nach den Rosen griff um sie wieder zu seiner Zufriedenheit zu arrangieren und dabei bedenklich nahe kam. Er... mochte das Aftershave. Es war unaufdringlich, fast wie ein Geist.
"Ich glaube nicht, dass ich das könnte", antwortete der Rothaarige nachdenklich, als spielte er gerade im Kopf einige Szenarien dieser Art durch.
Er hatte weder den Namen des Mannes, noch wusste er wo er ihn finden sollte. Er könnte der Polizei höchstens eine Personenbeschreibung abgeben - und dann? Die Erfolgschancen, jemanden damit ausfindig zu machen, waren nahezu lächerlich gering.
"Die Rosen wachsen direkt im Friedhof, hinter dem Glockenturm an der Mauer, nicht in den aufsteigenden Terrassen voller Gräber davor. Dort wurden einst eine Reihe von Bischöfen beerdigt. Inzwischen gibt es die Gräber nicht mehr, aber die Rosen wachsen unverändert. Es muss dieselbe Gattung sein, die zu Botticellis Zeit blühte."
Außerdem, und Armand wollte es nicht laut zugeben, war er vollkommen fasziniert.
"Darf ich fragen: warum nur ein Detail? Warum nicht die ganze Primavera nachstellen?"

Hannibal Lecter:
Vorsichtig verließ Lecter die Ladefläche, während er dem Jungen aufmerksam zuhörte.
Er liebte die Modulation der Stimme, deren Klangfarbe und die Andeutung gleich mehrerer Akzente, einer davon definitiv nicht aus einer Romanischen Sprache.
Außerdem gefiel ihm, wie der Junge dachte - vielleicht, weil er ihn von dem, was er bisher gehört hatte, ein wenig an sich selbst erinnerte.
Lecter ging um den hinteren Teil des Wagens herum, näherte sich so seinem Gesprächspartner, blieb jedoch in einigen Schritten Entfernung stehen - nahe genug, um ihn genauer in Augenschein nehmen zu können, jedoch weit genug entfernt, um noch seinen personal space zu respektieren.
Mit einem Nicken nahm er die Informationen über den Standort der Rosen zur Kenntnis - hielt allerdings kurz inne, als der Junge den Vorschlag über das ganze Gemälde machte.
Ein erfreutes Lächeln huschte über das Gesicht des Mannes, während er kurz über seine Antwort nachdachte.
"Ich fürchte, zum aktuellen Zeitpunkt verfüge ich nicht über die Mittel, ein derart großes Projekt auf die Beine zu stellen", erwiderte er schließlich, nicht ohne Bedauern.
Er hatte diese Option gedanklich durchgespielt, mußte sie jedoch eingedenk der diversen sich präsentierenden Schwierigkeiten, die sich aus dem Ausmaß des Unterfangens ergeben würden, zugunsten des einfacher zu reproduzierenden Bildausschnittes verwerfen: Zwischen zwei Opfern und den ansonsten notwendigen acht lag dann doch eine gewisse Differenz des Aufwandes - was schon mit dem Problem ausreichenden Platzes begann.
"Aber grundsätzlich wäre es das gewesen, was mir eigentlich vorgeschwebt hatte... Ich schätze, wenn ich es in diesem Rahmen hätte umsetzen können, wäre inzwischen eventuell auch jemandem aufgefallen, um was es sich bei meinen Dioramen eigentlich handelt..."
Lecter konnte nicht verhindern, daß er bei dem letzten Kommentar leicht irritiert und etwas enttäuscht klang. Herrgott, immerhin war man hier in der Toskana, gewissermaßen in Spuckreichweite der Uffizien in Florenz!

Armand:
Ein leises Zucken ging durch die Oberlippe des Jungen. Die Andeutung eines Lächelns, oder aber der Anflug eines Zähnefletschens. Beides kam nicht zustande. Aber er blinzelte erst wieder, als Lecter stehen geblieben war und offensichtlich vorhatte die höfliche Distanz beizubehalten.
Der Knabe musste ein rechtes Biest sein, wenn man seine Kaltschnäuzigkeit im Angesicht eines Mordes bedachte und er hatte gewiss das Potential, gefährlich zu werden, wäre da nicht die augenscheinliche Problematik seines jungen Alters. Das Funkeln in seinen sanften Rehaugen sprach von Begeisterung über das verkannte Werk.
Und Armand war gewiss nicht scheu darin, sie auch zu äußern.
"Ich verstehe nicht, wie die Intention dahinter an jemandem verloren gehen sollte?", echauffierte er sich und verschränkte die Arme vor der Brust, den Kopf zur Seite geneigt so dass die Arterie zwischen den Locken zum Vorschein kam und die schnelle Bewegung unter der Haut seine Erregung darüber verriet.
"Der göttliche Schaffensakt des Künstlers, zur Vollendung gebracht im einzigen Medium, das der Perfektion wahrhaft gerecht werden kann... weil kein Pinselstrich, keine Photographie, ja nicht einmal eine Skulptur je so naturgetreu sein könnte! Die tiefste Verbeugung vor dem Original- und, um ganz ehrlich zu sein, die Übertrumpfung des Sujets."
Armand hatte sich in Rage geredet und wirkte mit einem Mal verlegen als er sich selbst reden hörte. Er strich sich das lange Haar zurück, holte tief Luft und schnaubte leise.
"Ich... sollte die Vorversuche vermutlich kennen?" Tatsächlich war der Schrecken, der die Toskana seit geraumer Zeit in Atem hielt, bislang vollkommen an ihm vorbeigegangen.

Hannibal Lecter:
Gerade, als Hannibal immer klarer erkannte, daß er in dem Jungen nicht bloß ein Kind, sondern ein verwandtes Raubtier vor sich hatte, überraschte ihn der Halbwüchsige erneut:
Seine leidenschaftliche Verteidigung von Lecters Kunstwerk klang ebenfalls nicht nach einem Kind - es sei denn, das Kind hätte sich exzessiv mit der Philosophie der Malerei beschäftigt.
"Oh, ich würde mich niemals über einen Meister wie Botticelli stellen", wehrte Hannibal automatisch mit leicht gehobenen Händen ab, während er den Jungen gleichzeitig mit den Augen verschlang. Die Kombination an diesen besonderen, für ihn ansprechenden Eigenschaften schien speziell für ihn zusammengestellt - was ihn gleichzeitig bezauberte und ihn zur Vorsicht mahnte.
"Heutzutage gibt es jedoch leider viel zu viele Menschen, die einen Mangel an Bildung als etwas Erstrebenswertes ansehen und die Kunst selbst als geradezu kriminelle Zeitverschwendung..." - Lecter zögerte einen Moment, fuhr dann jedoch fort:
"Ich persönlich habe es mir ja auf die Fahnen geschrieben, sich derartige Ignoranz wenn möglich nicht weiterverbreiten zu lassen..."
Unwillkürlich warf er einen Blick zur Ladefläche hinüber:
"Ich werde meistens etwas ungehalten, wenn Kunst und Kultur gering geschätzt werden.. besonders, wenn ich neben solchen Individuen in einem wirklich ganz ausgezeichneten Konzert zu sitzen das ausgesprochene Pech habe..." - um seine Mundwinkel zuckte es kurz - "...sagen wir einfach, es finden sich immer geeignete Rohmaterialien, aus denen man mit etwas Anstrengung noch etwas künstlerisch Wertvolles schaffen kann, wenn man etwas Zeit und Mühe nicht scheut...
Dies hier ist mein viertes Werk zu diesem Thema... und ja, falls du in der letzten Zeit nicht außer Landes warst, hätte dir eine gewisse Unruhe, die meine Kunst verursacht hat, wohl nicht entgehen können..."

Armand:
Der hingegen sonnte sich praktisch unter den Blicken. Armands narzisstische Seite kam darunter zum Vorschein und ein durchaus selbstgefälliger Zug bildete sich um den blassen Mund.
"Waste not", sprach Armand das Ressentiment laut aus, das dem Mann zuvor durch den Kopf gegangen war und lächelte dabei ein wenig andächtig. Es lag ein fremder Akzent in der englischen Aussprache, der nicht vom Italienischen abstammte.
Es klang irritierend französisch in der Untermalung. Um genau zu sein klang es wie etwas, das man in Louisiana hören mochte.
"So geht es mir auch. Ich verachte bornierte Dummheit. Ganz besonders, wenn damit auch noch geprahlt wird."
Außerdem verfügte der Knabe über ein antiquiertes Vokabular, das nicht zu seinem Alter passen wollte.
"Wie sind sie denn gestorben?", wollte er aus dem Blauen heraus wissen. Die Formulierung klang im Vergleich dazu seltsam kindlich, gerade wenn man den Ausbruch von eben bedachte. Es klang nach einem friedlichen Entschlafen, nicht nach gewaltsamem Tod. Darunter lag eine andere Frage: Warum sie? Nach welchen Kriterien waren sie ausgewählt worden?
"Ich sehe keine Wunden. Aber es riecht nach Blut!"

Hannibal Lecter:
"Erschossen"
- die Antwort kam so natürlich, als unterhielten sie sich über die Art und Weise ein Gericht zuzubereiten.
"Es sollte schnell gehen und keine offensichtlichen Wunden hinterlassen. Eine kleinkalibrige Pistole und gezielte Wahl der Eintrittsstelle in den Körper... wobei der intensivere Blutgeruch vermutlich der Tatsache geschuldet ist, daß ich beide aufschneiden mußte, um an ihre inneren Organe heranzukommen..."
Lecter fand es angemessen, nun etwas näher an den Jungen heranzutreten. Immer noch musterte er ihn intensiv, doch nun konnte Armand auch erkennen, daß der Mann - witterte. Er versuchte offensichtlich, durch den Geruch des Jungen weitere Einzelheiten über ihn herauszufinden - und stellte fest, daß dieser nicht wie ein Mensch roch.
"...stammt deine Familie eigentlich hier aus der Gegend?" fragte Hannibal scheinbar zusammenhangslos. "Es gibt da ein Wandgemälde in einer kleinen Privatkapelle in Greve - für einen der Engel scheint einer deiner Vorfahren Modell gestanden zu haben... ein überaus bemerkenswertes Kunstwerk, möchte ich in diesem Zusammenhang anmerken... Ich weiß nicht, ob du das Bild kennst..?"
Er legte leicht den Kopf schief, wie, um Armand aus einem anderen Blickwinkel betrachten zu können.

Armand:
Um genau zu sein, war Armand einfach nicht warm genug als dass sein Eigengeruch durch die Körperwärme auch nur über die knappe Distanz transportiert worden wäre, so lange mehr als eine Armeslänge zwischen ihnen war.
So viel hatte er mit den Leichen gemeinsam. Nur, dass die Note von einsetzendem Verfall fehlte.
Auf der olfaktorischen Ebene war er praktisch ein Geist. Es musste jedes Raubtier mehr als irritieren, wenn es auf seinen Geruchssinn setzte.
Die Augen des Jungen wurden schmal als die Frage persönlichen Charakter annahm. Zumindest ähnlich intim, wie sich über einen Mord zu unterhalten.
"Ein Teil davon, ja", meinte er mit einem Schulterzucken. "Wenn es eine Privatkapelle ist, habe ich es eher nicht gesehen. Nicht, dass ich mich erinnern könnte. Ich war ein paar Jahre lang in den Staaten und bin erst vor Kurzem wieder nach Italien gekommen."
Armand kopierte die Haltung des Mannes, ein wenig spöttisch vielleicht und sein Blick huschte noch einmal flink wie ein Sperling über die Gestalt seines Gegenüber.
"Und Sie? Ihr Italienisch ist ausgezeichnet, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass Sie andere Wurzeln haben."

Hannibal Lecter:
"Wenn es dich interessiert, kann ich dir zumindest eine Zeichnung von dem Gemälde zeigen, die ich letztes Jahr angefertigt habe. Ich würde ohnehin vorschlagen, daß wir uns in näherer Zukunft noch einmal treffen - um über Kunst und andere Dinge zu reden... Und, um deine Frage zu beantworten, ich stamme ursprünglich aus Litauen, auch wenn ich seither viel herumgekommen bin. Nach Amerika hat es mich allerdings bisher noch nicht verschlagen, auch, wenn ich einmal einen kurzen Abstecher nach Kanada machen mußte, um eine persönliche Angelegenheit zu regeln..."
Als die Turmuhr der nahen Kirche schlug, hob Lecter leicht den Kopf, hierbei wiederum an ein sicherndes Tier erinnernd. Kurz huschte ein Ausdruck des Bedauerns über die feinen, scharf definierten Züge, ehe sich Lecter dem Jungen wieder zuwandte:
"Ich fürchte, mir läuft gerade etwas die Zeit davon... Wie ist das - möchtest du mich begleiten oder hättest du Interesse, dich mit mir in den nächsten Tagen auf einen Kaffee oder einen kleinen Imbiß zu treffen? Ich würde mich freuen, mich noch etwas mehr mit dir unterhalten zu können..."

Armand:
Armand überlegte noch, ob er das Angebot ausschlagen sollte. Er nahm zumindest an, dass es sich bei dem Fresko um eine Zeichnung nach einem von Marius' Kartons handeln könnte. Immerhin war zu seiner Zeit noch kopiert worden, ohne dass man sich dabei im Künstlerstolz verletzt gefühlt hatte. Es war also vorstellbar, dass es in Greve ein Portrait von ihm gab, von dem er bislang nichts gewusst hatte.
Und die Neugierde war ein fürchterliches Laster.
"Oh", machte er leise vor Überraschung und ließ darüber das Thema unter den Tisch fallen. "Litauen? Das... hätte ich niemals erraten."
Das warf unendlich viele neue Fragen auf. Armand wusste gar nicht, welche er zuerst stellen sollte. Er bemerkte, wie der Blick des Mannes über ihn hinweg glitt, fuhr dann beim Klang der Glocke tatsächlich zusammen, wie er es über den Anblick der Szene hätte tun sollen und wirkte, als hätte man ihn aus einer Verzauberung aufgeschreckt.
"Wie wäre es mit dem Rivoire vor dem Palazzo Vecchio, in... einer Woche?"
Das Café war exklusiv und der Mann würde dort gewiss nicht weiter ins Auge fallen. Gleichzeitig wurde es von vielen Touristen überschwemmt und es bot genügend Privatsphäre, außerdem:
"Am ersten Sonntag im Monat ist der Eintritt in alle Museen frei und nach dem heutigen Abend möchte ich unbedingt noch einmal in die Uffizien. Gerne in Begleitung."
Außerdem wäre das Museum die halbe Nacht lang geöffnet.

Hannibal Lecter:
Bei der Nennung des Cafés hob Lecter leicht die Augenbrauen - der Junge schien einen ausgewählten Geschmack zu besitzen - oder zumindest über genug Geld verfügen zu können, um sich einiges zu leisten. Nun - ihm sollte das recht sein, er schätzte das Café vor allem für seine ausgezeichneten Kuchen und die heiße Schokolade.
"Das klingt doch vielversprechend", erwiderte er schließlich lächelnd, begleitet von einem leichten Kopfnicken, "- und eine Woche bietet genug Zeit, unsere Begegnung sich etwas setzen zu lassen. Welche Uhrzeit wäre dir denn recht? Ich richte mich da gern ganz nach dir."
Auch, wenn Hannibal zuvor gesagt hatte, daß er in Eile sei, ließ er sich jetzt davon nichts anmerken. Offensichtlich wollte er nicht, daß der Junge sich zu irgendetwas gedrängt fühlte.

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