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Rating:
Archive Warning:
Category:
Fandoms:
Language:
Deutsch
Series:
Part 2 of Kunst
Stats:
Published:
2023-08-12
Updated:
2023-08-12
Words:
11,708
Chapters:
1/?
Kudos:
4
Hits:
30

Kunst - Kapitel 2

Summary:

Ein Vampir und ein Kannibale, die sich an einem öffentlichen Ort beim Essen unterhalten und sich immer mehr ihrer Gemeinsamkeiten bewußt werden..

Notes:

Zweites Kapitel des RPGs "Kunst", das ich mit Salai zusammen geschrieben habe. Weitere folgen, sobald ich sie beta-gelesen habe.

Chapter Text

Kunst

Rollen:
Kriegerprinz als Hannibal Lecter
Salai als Armand

-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-

 

II

Armand:
Armand hatte sich für den späten Abend verabredet. 21 Uhr war in Italien gottlob eine akzeptable Zeit für ein Abendessen und eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang sollte ihm genügen.
Der Himmel war noch bedenklich hell als er das alte Grab verließ. Die Überreste des eigentlichen Besitzers hatte er in die Fetzen dessen halb zersetzten Kleidung eingewickelt und in eine Nische gelegt. Viel mehr als Knochensplitter und Staub waren ohnehin nicht mehr vorhanden gewesen.
Das Panorama der Stadt ertrank hinter den Fassaden der Häuser als er den Hügel hinab ging und über die Brücke der Goldschmiede ging, unter der der Arno träge dahinfloss.
Er folgte der langen Mauer der Uffizien und trat zwischen dem Palazzo Vecchio und der Loggia dei Lanzi auf den Platz. Irgendwo spielte Musik. Der Platz war noch voll von Touristen und Liebespaaren. Gegenüber des Palazzos, am anderen Ende der Piazza, hatte man Tische im Freien aufgestellt. Die weißen Tücher bewegten sich leicht in der Brise die vom Arno herauf wehte und die Flammen der Teelichter flackern ließ.
"Ich habe mich leider ein wenig verspätet." Die junge Stimme kam aus Lecters totem Winkel und war das Erste, das Armands Anwesenheit verriet.
Ein schlanker Arm erschien über der Schulter des Mannes. Weißer Stoff, der über dem Handgelenk in einem dunkelblauen Ärmelaufschlag mit weißen Streifen darauf mündete. Die Hand hielt eine einzelne Blume, deren Blätter zur Mitte hin an Farbe gewannen. Die Rose war vom Strauch gebrochen, nicht geschnitten worden. Dabei sah sie aus, als hätte man sie direkt aus Botticellis Primavera herausgepickt. Der Duft überdeckte den der Tulpen, die jeden der Tische schmückten.

Hannibal Lecter:
Als Lecter sich an diesem Abend zurechtgemacht hatte, war Neugier eine seiner stärksten Emotionen gewesen: Würde der Junge überhaupt auftauchen? Würde er, so er dies tat, halb bereuen, gekommen zu sein? Oder würde er sich ebenso neugierig wie er selbst auf dieses zweite Treffen herausstellen?
Hannibal hatte sich daran gewöhnt, offen für alle Möglichkeiten an eine Sache heranzugehen und sich so auf alles vorbereitet zu wissen.
In diesem Falle bedeutete dies, daß er einen leichten Anzug in einem kalten Beigeton angelegt hatte, mit einem Hemd in gedeckten Bordeaux und einer dunkleren Krawatte mit Webmuster. Wie Lecter es bevorzugte, war auch dieser Anzug eher auf Körperform zugeschnitten, ohne jedoch seine Bewegungsfreiheit zu beschränken.
Nach kurzer Überlegung hatte auch er beschlossen, zumindest ein kleines Präsent bei der Hand zu haben - immerhin hatte die erste Begegnung zwischen ihnen einen auf eine gewisse Weise sehr intimen Charakter besessen.

Überraschenderweise war das erste, was er von dem Jungen wahrnahm, als dieser tatsächlich auftauchte, nicht - wie sonst häufig - dessen Geruch, sondern seine Stimme. Es war geradezu faszinierend, wie wenig Eigengeruch von ihm ausging, selbst, wenn es nicht jene vollkommene Abwesenheit war, die Süsskind in seinem Roman "Das Parfüm" beschrieben hat.
Insofern war Hannibal froh, diese Vorwarnung durch die Stimme des Jungen bekommen zu haben, ehe dessen Arm in seinem Gesichtsfeld auftauchte. Zwar verfügte Lecter über eine außerordentliche Selbstbeherrschung, doch war er sich ziemlich sicher, das einem Jungen, der so sehr auf Details achtete wie dieser, seine unwillkürliche Anspannung aufgefallen wäre.
Wie die Dinge lagen, nahm er die Blume mit einem Lächeln entgegen, ohne sich jedoch zuerst dem Jungen selbst zuzuwenden. Stattdessen führte er die Rose zum Gesicht, um den Duft besser genießen zu können, schloß dabei für einen Moment die Augen:
"Exquisit! Ich bin dir zu großem Dank verpflichtet - Selbst wenn niemand sonst mein nächstes Werk zu schätzen wissen wird, so wird es mir genügen, daß zumindest zwei Personen dies sehr wohl tun werden."
Damit sah er nun doch zu dem Jungen auf und bedeutete ihm mit einer Geste, Platz zu nehmen:
"Bitte setz' dich - und eine kleine Verspätung wird immer verziehen, wenn sie in guter Manier eingestanden wird."
Die Rose fand einen vorübergehenden Platz in der kleinen Vase auf dem Tisch, wo sie einen interessanten Kontrast zu den Tulpen bildete, die bereits darin steckten.
Mit einem Lächeln zog Lecter eine kleine Orange mit einem Stück Zweig daran aus der Tasche, an dem zwei frische Orangenblüten befestigt waren - ein Arrangement, das Armand bereits vertraut sein müßte - und reichte sie dem Jungen:
"Es freut mich, daß du deine Meinung nicht noch einmal geändert hast - es wäre durchaus verständlich gewesen."

Armand:
Armand ließ die Blume los als der andere danach griff und nutzte den Moment um das Profil des Mannes zu betrachten. Er hatte die vergangenen Tage damit verbracht sich ein wenig schlau zu machen. Die Mordserie war überraschenderweise wirklich bislang komplett an ihm vorüber gegangen und so hatte sich ihm eine Vielzahl von Zeitungsartikeln und Geschichten zum Nachholen geboten.
Zweimal die Hälfte davon war mit garstigen Details versehen. Also ganz nach seinem Geschmack.

"Danke. Ich wäre eher da gewesen. Aber ich wollte es mir nicht nehmen lassen nach den Blumen zu sehen."
Er trat um den Tisch herum, kaum dass Lecter die Aufforderung ausgesprochen hatte, setzte sich auf den Stuhl ihm gegenüber und bot damit einen ersten Blick auf seine Kleiderwahl.
Der Junge besaß offenbar einen sehr distinguierten Sinn für Humor: Er trug einen Matrosenanzug der Bleyle-Manufaktur. Weiß, mit dunkelblauen Streifen am Kragen und dunklem Tuch.
Das wäre an sich kein besonders aufmersamkeitserregendes Detail gewesen, bis auf die Tatsache, dass er darin äußerst adrett aussah und wie der wohlerzogene Sohn reicher Eltern anmutete.
Wäre da nur nicht der kleine aber feine Umstand gewesen, dass das Kleidungsstück exakt jenem aus Viscontis ‚Tod in Venedig‘ -Verfilmung entsprach.
Es war ein kokettes Zwinkern in Lecters Richtung. Fast schon anmaßend. In aller Öffentlichkeit und gleichzeitig so gekonnt getarnt, dass es nur für ihn bestimmt war.
Das Ganze ohne ein Wort gesprochen zu haben.
"Oh, für mich? Wie hübsch!" Aber anstatt die Orange zu nehmen schob der Junge die Vase zur Seite um das Feld zu ebnen.
"Warum denn? Ich fand unser letztes Gespräch mehr als anregend", sagte er dann und griff nach dem Präsent, während er Lecter ansah. Er nahm die Orange dabei zwischen die Finger, anstatt es sich in die Hand legen zu lassen oder nach dem Stiel zu fassen und damit einer Berührung auszuweichen.

Hannibal Lecter:
Lecter ließ die Berührung wie selbstverständlich zu, nahm sowohl die weiche Haut als auch die seltsame Härte darunter und die überraschende Kühle wahr, ohne sie jedoch vorerst zu kommentieren. Sein Lächeln bekam eine leicht spöttischen Note:
"Oh, ganz offensichtlich bist du nicht der Ansicht, ich könnte eine Gefahr für dich darstellen... Ich frage mich, ob im Gegenteil dazu vielleicht ich mir Sorgen machen sollte... Ich hoffe doch, du hast nicht vor, dich von mir ‚Tadzio‘ nennen zu lassen und erwartest von mir, daß ich dir nächstens heimlich durch die Stadt folge?
Ich fürchte nämlich, selbst wenn die Altersdifferenz ungefähr stimmen würde, so würde ich doch einen schlechten Verehrer abgeben. Ich interessiere mich da eher für deinen Verstand als bloß für dein - zweifellos vorhandenes - gutes Aussehen...."
Lecter lehnte sich etwas auf seinem Stuhl zurück und nahm sich die Zeit, die Erscheinung des Jungen deutlicher ins Auge zu fassen.
Er ähnelte dem Tadzio aus dem Film tatsächlich etwas - auch, wenn das Haar definitiv dunkler und kastanienrot war.
Allerdings hatte dieser Junge hier definitiv mehr Charisma, und die Ausstrahlung war die eines um einiges aktiveren Charakters.

 

Armand:
"Was denn? Hier? In der Öffentlichkeit?", gab der Junge mit einem selbstsicheren Lächeln zu bedenken und klickte leise mit der Zunge an den Zähnen. Auf dem Feld hatte er wahrlich reservierter gewirkt als jetzt, wo ein kleines Schwadron von Kellnern um sie herum nach bestem Bemühen versuchten den Gästen alle Wünsche von den Augen abzulesen.
"Nein... in Venedig hätte das vielleicht seinen Reiz gehabt."
Das Lächeln gewann an ehrlicher Wärme. Den gewünschten Effekt erzielt zu haben machte den Jungen vergnügt.
"Mein Name lautet auch nicht Tadzio", lachte er. Im Licht der erhellten Piazza gab es nichts mehr, das als Maske hätte dienen können. "Ich bin nur noch nicht sicher, ob ich ihn verraten möchte."
Seinerseits hatte er jetzt einen Namen für den Mann. Aber er bezweifelte, dass dieser sich von "Il Mostro" geschmeichelt fühlen würde.

Hannibal Lecter:
"Nun - immerhin könnte ich dir nach unserem Treffen folgen, um dich erst dann abzugreifen - wenn ich etwas derartiges vorhätte. Diese Möglichkeit hätte ich nicht gehabt, wenn du diesem Treffen ferngeblieben wärest..."
Lecters Blick war - nicht lauernd. Eher von außerordentlicher Intensität, gepaart mit Neugier.
"Und - ja, in Venedig hätte das in der Tat einen besonderen Reiz besessen. Nur, daß die Qualität des Verfolgens vermutlich eine andere gewesen wäre. Eher ... wie eine spielerische Jagd vielleicht..."
Hannibal lehnte sich wieder nach vorn, stützte sich mit den Unterarmen auf dem Tisch auf, die Hände übereinandergelegt, und sah Armand ruhig an:
"Mir ist übrigens durchaus klar, daß du mir nicht unbedingt deinen echten Namen preisgeben möchtest...Warum nennst du mir nicht einfach einen anderen, mit dem ich dich anreden soll? Ich bin schon länger hier in der Stadt, also kann ich dir sagen, daß man mich hier als Dr. Hannibal Lecter kennt. Du wirst es ohnehin spätestens hören, wenn wir - wie du vorgeschlagen hast - später noch die Uffizien besuchen."

Armand:
"Wenn Sie etwas derartiges vorgehabt hätten, wäre unser erstes Treffen die beste Chance dazu gewesen. Und ich bin unversehrt." Ein Schulterzucken.
Entweder war der Selbsterhaltungstrieb des Rothaarigen praktisch nonexistent, oder er vertraute ohne Weiteres darauf, dass Lecter wirklich der Gentleman war, den er nach außen trug. In jedem Falle war es psychologisch gesehen mehr als interessant.
Ein Schmunzeln flatterte über die jungen Züge, und Armand zupfte nachdenklich an dem Arrangement, das Lecter ihm geschenkt hatte. Er musste sich auf die Zungenspitze beißen um sich die Frage zu verkneifen, welchen Ausgang so eine gespielte Jagd wohl haben würde und sah wieder auf.
"..." Er war versucht Botticellis Vornamen zu nennen: Sandro. Allerdings mochte er die Klangfarbe nicht.
"Dann dürfen Sie mich Arséne nennen, Dottore", beschloss er. Den Namen hatte er eine Zeit lang in Paris und später in London getragen. Eines seiner liebsten Pseudonyme. Allerdings war er heutzutage zu ungewöhnlich um wirklich davon Gebrauch zu machen. Also warum nicht?
Der Junge öffnete gerade den Mund um noch etwas zu sagen, vielleicht um eine Frage zu stellen, als ein Kellner in Livrée an den Tisch kam um sich nach ihren Wünschen zu erkundigen.
Armand, der noch keinen Blick in die Karte geworfen hatte, sah kurz unschlüssig zu der ledergebundenen Kladde.
"Ich denke, ich lasse mich überraschen", sagte er dann mit einem auffordernden Blick auf Lecter. In akzentfreiem Französisch.

Hannibal Lecter:
Wieder huschte ein flüchtiges Lächeln über Lecters Gesicht:
"Vielleicht bin ich ja ein Spieler und wollte dir bloß eine sportliche Chance geben", schlug er vor, als wäre es nur ein eher unwichtiger Punkt in ihrer Unterhaltung; "oder vielleicht hätte ich mich erst jetzt zu einer Handlungsweise entschlossen, derer ich mir letzte Woche noch unsicher war. Aber wie auch immer - spätestens morgen wirst du jedenfalls genau wissen, ob du dich nun in mir getäuscht hast oder nicht - nicht wahr?"
Bei der Nennung des französischen Namens schien Hannibal leicht amüsiert, kommentierte ihn jedoch nicht, sondern nickte nur und sprach den Namen kurz aus, wie, um ihn auf der Zunge zu schmecken: "Arséne... Es freut mich, dich kennenzulernen..."

Als der Kellner zu ihnen trat, nahm Hannibal den Wechsel in Arsénes Sprache auf, bedeutete dem Mann, sich einen Augenblick zu gedulden und wandte sich dann ohne Hast, ebenfalls in fließendem Französisch, an sein Gegenüber:
"Nun, dazu sollte ich zumindest wissen, ob dir der Sinn nach Süßem oder Herzhaftem steht, und wie groß dein Appetit ist - oder, ob es etwas gibt, was in deinem Speiseplan vollkommen ausscheidet, aus welchen Gründen auch immer."

Armand:
"Hm", summte der Junge als er die Möglichkeit in Betracht zog. "Vielleicht habe ich ja eine Absicherung?"
Worum genau es sich dabei handeln könnte, verriet er jedoch nicht.
"Dann wird es wohl wirklich darauf hinauslaufen."

Armand hielt ein vergnügtes Lachen zurück und die Hand kurz vor den Mund. Der Mann war wirklich ein Unikat!
Der Junge schüttelte kurz den Kopf als müsse er einen Gedanken abwerfen, dann legte er die Hände mit verflochtenen Fingern über die Orange.
"Ich bin immer hungrig", war das erste, das er darauf zu antworten wusste. Sobald er dieses Mal aufsah, zogen sich seine Pupillen sichtbar zusammen. Mehr, als die Flamme des Teelichts verantworten konnte.
"Ich gestehe, ich bin kompliziert." Nun, damit war er nicht alleine. Die Küche arbeitete jede Bestellung akribisch ab. Sonderwünsche wurden in jedem Fall berücksichtigt, Alternativen geboten wo Kompromisse nicht in Frage kamen.
"Aber mich würde interessieren, wie Ihre Einschätzung meiner Vorlieben aussieht. Nichts weiter. Wollen Sie nicht nachsichtig mit mir sein und das Spiel erlauben? Vollkommen wertfrei, versteht sich."
Mit einem charmanten Lächeln neigte er den Kopf.
"Ich bin neugierig, Dottore."

Hannibal Lecter:
"Eine Herausforderung..."
Das Lächeln auf Hannibal Gesicht trat deutlicher hervor, der Glanz in seinen braunen Augen vertiefte sich.
Kurz nahm er sich Zeit, den Jungen ein letztes Mal zu mustern, ehe er sich an den Kellner wandte. Er wußte, daß man in diesem Café so ziemlich alles bestellen konnte, und was die Küche nicht hergab, würde man in einer angemessenen Zeit heranzuschaffen wissen - mit nur ganz wenigen, zum Teil dem Gesetz, zum Teil der schieren Verfügbarkeit geschuldeten Ausnahmen.
Da er jedoch den Service nicht allzu sehr überbeanspruchen wollte, und da es sich nicht auszahlte, als allzu schwieriger Gast wahrgenommen zu werden, entschied sich Lecter für etwas eher schlichtes, doch raffiniertes, etwas, das sättigen würde und gleichzeitig mehreren Dingen Rechnung trug:
Saftiges Rinderfilet mit einer Cumberland-Sauce, Prinzessinenkartoffeln und gebratenen Waldpilzen, dazu einen Rotwein und zum Dessert Sanguinaccio mit Fruchtsalat. Er bestellte für sie beide dasselbe und behielt den Jungen - Arséne dabei halb im Blick, um seine Reaktion auf die Bestellung wahrzunehmen und eventuell noch darauf reagieren zu können. Dennoch wirkte Hannibal bei der Bestellung weder zögerlich noch unsicher, so, als wäre es durchaus normal, daß der Junge entweder vollkommen einverstanden wäre oder andererseits ihm widersprechen würde.

Armand:
Für einen Mann seines geistigen Niveaus musste jede Art von Herausforderung ersehnte Abwechslung versprechen. Armand lächelte undurchdringlich während er zuhörte. Er mochte die Aussprache Lecters. Nichts daran war falsch, aber manchmal mischte sich flüchtig eine ferne Klangfarbe unter seiner Stimme, die zeigte, dass Italienisch nicht seine Muttersprache war, ohne dabei zu verraten, woher er kam.
Kurz gesagt, der Mann hätte ihm ein ganzes Kochbuch von den Entrées bis zu den Desserts vorlesen können und Armand hätte ihm aufmerksam zugehört.
"Sehr entschlussfreudig, Dottore", bemerkte er vergnügt, nachdem er den Kellner ohne einen Kommentar zur Bestellung hatte ziehen lassen und legte endlich die Orange zur Seite, unter die Vase mit der einzelnen Damaszenerrose darin.
"Sie haben nicht einmal gezögert", bemerkte er und es klang ein wenig beeindruckt. "Erkenne ich dahinter Selbstsicherheit im Bezug auf Ihre Menschenkenntnis?"

Hannibal Lecter:
Hannibal wandte dem Jungen wieder seine vollständige Aufmerksamkeit zu. Dessen Kommentare hätten auch ohne weiteres darauf hinweisen können, daß er Lecter für einen arroganten Egozentriker hielt, der glaubte, nach wenigen Stunden schon alles über sein Gegenüber zu wissen... Nun - eventuell hatte er da nicht gänzlich Unrecht, doch Hannibal gab sich niemals der Illusion hin, alles über irgendjemanden aus seiner Bekanntschaft zu wissen - das wäre ein exzellentes Rezept für Desaster gewesen, gerade in seinem besonderen Falle.
"Ich habe zu Beginn darüber nachgedacht, was dir heute Abend zusagen könnte - und das, was mit daraufhin spontan in den Sinn gekommen ist, habe ich bestellt... Vermutlich war es eine Mischung von dem, wie ich dich einschätze, dem, was zu diesem Abend passen würde und dem, was mir heute abend selbst gefallen würde, zu essen... Ich hoffe doch, es hat deine Zustimmung getroffen?"
Die Art, wie der Junge ihn ansah, faszinierte ihn: ein ähnlich beobachtend-lauernder, jedoch ebenso faszinierter Gesichtsausdruck, der durchaus auch Wohlwollen beinhalten mochte.
Hannibal lehnte sich etwas zurück, er spürte, wie sein eigener Blick sich schärfte, sich mehr auf die Details im Gesicht des Jungen zu konzentrieren begann:
"...was würdest du übrigens dazu sagen, wenn ich dich zeichnen wollen würde? Wärest du interessiert?"
Er wußte nicht genau, wo diese Frage hergekommen war - nur, daß sie der Wahrheit entsprach...

Armand:
"Oh, absolut", beteuerte der Junge und ließ sich zum ersten mal, seitdem er saß, auf dem Stuhl gegen die Rückenlehne nach hinten sinken um bequemer zu sitzen. Fast ein bisschen in Imitation seines Dates. In Armands Falle bedeutete das allerdings, dass er aufrecht sitzend die Kante des Stuhls in den Kniekehlen hatte und die Füße gerade noch so den Boden berührte.
"Die Zusammensetzung klang wohlüberlegt." Viel mehr konnte er dazu kaum sagen. Er war wirklich gespannt darauf zu sehen, was aus der Küche kommen würde. Insbesondere der Namen des Nachtisches stachelte seine Neugierde an. Aber alles zu seiner Zeit.
"Ich würde sagen, dass ich mich geschmeichelt fühlen würde. Zu inspirieren ist eines der wohl größten Komplimente."
Der Rothaarige strich sich kurz die Locken zurecht, die bis über die Schultern fielen, als ginge es schon darum zu posieren.
"Sie wollten mir noch die Skizze aus der Kapelle in Greve zeigen?", erinnerte er sich plötzlich und sein Blick huschte über Hannibal, als erwarte er, dass er sie aus dem Revers zauberte.

Hannibal Lecter:
Unwillkürlich mußte Hannibal lächeln, als der Junge sich in Pose warf - offensichtlich war es nicht das erstemal, daß jemand dieses Anliegen an ihn heran trug, oder daß er es angenommen hätte - was Lecter nicht wirklich überraschte. Die Schönheit des Jungen war offenkundig, zu offensichtlich um jemandem zu entgehen, der zu seinem eigenen Vergnügen oder professionell Menschen auf Papier oder Leinwand abbildete.
"Nun - das ist etwas, was dir sicherlich nicht fremd sein dürfte", zog er Arséne gutgelaunt auf, während er sich kurz zur Seite neigte, um nach einer Umhängetasche zu greifen, die er gegen eines der Tischbeine gelehnt hatte.
Dieser Tasche entnahm er nun einen ledergebundenen Skizzenblock, den er rasch durchblätterte, ehe er ihn an einer bestimmten Stelle aufschlug.
Die eine Seite zeigte Bleistiftskizzen von Details der Wandgemälde einer Kirche oder Kapelle - hier eine Studie eines Heiligen oder Engels, dort einige überraschend lebensecht dargestellte Tiere in einem Garten - und dann, auf der anderen Seite, war da eine unglaublich akribisch ausgearbeitete Abbildung eines jungen Hirten mit gelocktem, schulterlangem Haar und den feinen Zügen des Jungen, der Lecter nun gegenübersaß, im Nachhinein liebevoll mit Tusche ausgeführt und vorsichtig mit Aquarellstift koloriert.
Schweigend legte Hannibal die Kladde vor Arséne auf den Tisch und musterte ihn mit einem halben Lächeln, das auszusagen schien: ‚wir wissen doch beide, daß du dieses Bild nicht zum erstenmal siehst!‘

Armand:
Armand schob Serviette und Besteck weit genug zur Seite um dem Skizzenbuch Platz zu bieten, dann beugte er sich vor und zog es vorsichtig an den Ecken näher heran.
Sein Blick flirrte kurz über die verschiedenen Skizzen, dann wurde er unweigerlich von der aquarellierten Zeichnung angezogen. Ein Atemzug verstrich, der Junge rührte sich nicht. Er starrte auf die Seite, ohne zu blinzeln. Nur das leichte Flackern des Teelichts schuf die Illusion von Bewegung.
Armand kannte das Portrait wirklich. Er wusste nur nicht mehr genau ob es eine Skizze unter vielen oder ein ausgestaltetes Werk von Marius gewesen war.
Kurz hob er den Blick. Nur die Augen, ohne den Kopf zu bewegen. Er suchte Lecters Blick, lehnte sich dann etwas zurück und hob die Kladde am unteren Ende an um die Zeichnung zu untersuchen.
"Eine sehr ruhige Hand, Dottore." Schräg gekippt sah man die Tuschelinien sich vom Papier abheben, während die Farben im Kerzenschein leicht changierten und heller wurden, bis er die Feinheiten betrachten konnte.
"Darf ich mir den Rest auch ansehen?", fragte er, die Finger schon zwischen die Seiten geschoben um sie umzublättern, während er Hannibal in die Augen sah.

Hannibal Lecter:
Lecter nickte, ohne den Blick von Armand zu wenden, und forderte ihn mit einer angedeuteten Geste auf, den Skizzenblock ruhig durchzusehen.
Es waren darin die unterschiedlichsten Skizzen und weiter ausgeführten Zeichnungen zu finden, Bleistift, Tusche, Kohle und Aquarell, von Landschaften, von Gebäuden und Architekturdetails über Stilleben, Portraits und Aktzeichnungen bis zu Skizzen zu Gemälden, Friesen und Fresken, die er gesehen hatte.
Gerade für das geschulte Auge war deutlich zu erkennen, daß derjenige, der dies angefertigt hatte, nicht nur über einen guten Blick, sondern auch über Technik, eine ruhige Hand und Talent verfügte. Dabei war den Bildern eine Armand beängstigend vertraute Akribie zu Eigen, die er von seinem eigenen Meister kannte: wer dies gezeichnet hatte, war ein Perfektionist und hatte die Geduld, selbst an einer Skizze so lange zu verharren, bis er mit dem Ergebnis vollkommen zufrieden war.
Während der Junge sich die Skizzen ansah, lehnte Lecter sich entspannt zurück und war es zufrieden, das Gesicht seines Gegenübers zu betrachten, während dieser sich in die verschiedenen Zeichnungen vertiefte.

Armand:
Armand konnte sehen, dass der Zeichner den Bleistift mit einem Skalpell angespitzt haben musste. Die Feinheiten einer reinen Bleistiftzeichnung waren zu präzise um auf eine andere Art entstanden zu sein. Das... oder nicht von Menschenhand gemacht.
Der Junge zog die Kladde an sich, hob sie dann wie ein Kind auf seinen Arm und zog sich auf dem Stuhl zurück.

Als der Kellner kam, war der Rotschopf so darin versunken, dass er zusammenfuhr als ein Teller vor ihm abgestellt wurde.
Er sah kurz irritiert auf, zurück auf die aufgeschlagene Seite, ehe er begriff, was um ihn herum geschah und die Geste ihm gegolten hatte.
Langsam schloss er das Skizzenbuch und behielt es in seinen Händen auf dem Schoß, währen aufgetragen wurde und man sich erkundigte, ob die Herrschaften noch etwas anderes benötigten.
Vollkommen desinteressiert starrte er am Essen vorbei, in die Kerzenflamme. Wenn man es nicht besser wüsste, so hätte man behaupten müssen, dass er verstört wirkte, wo er doch im Angesicht der Leichen ruhig gewesen war. Ein Hauch von Röte lag über Nasensteg und Wangen. Vielleicht Resultat der Aktzeichnungen.
“Ihr wart in Venedig?“
Ein scharfer Blick, der nicht zur Honigsüße seiner Stimme und dem Lächeln passen wollte.

Hannibal Lecter:
Dem Doktor war nicht entgangen, daß sich die Stimmung des Jungen gewandelt hatte, daß er nun weniger selbstsicher wirkte - eine neue, interessante Facette.
Um ihm Gelegenheit zu geben, sich wieder zu fangen, griff Lecter schon einmal nach dem Weinglas und nahm sich einige Momente, das Bouquet des Getränkes zu genießen.
"Wie hätte ich bei meiner Reise durch Italien Venedig aussparen können? Es gibt dort ein paar wirklich erstaunlich gut erhaltene Gebäude von großer Schönheit... und andere, die zwar im Zerfall begriffen sind, aber in einigen ihrer inneren Räume noch unerwartet übrig gebliebene Kunstschätze bergen... Die Skizze, die du vorhin länger angesehen hast - dieses Panorama mit dem Urwald und den vielen Tieren - das war in einem halb niedergebrannten Palazzo in einem geheimen inneren Raum, den ich bloß entdeckt habe, weil eine der Wände inzwischen eingebrochen war... Wenn du mich fragst, so stammt das Gemälde vom selben Künstler wie das in der Kapelle in Greve... Ein Maler, der damals laut einigen Quellen als Ketzer verbrannt wurde - und laut anderen deshalb, weil er für sein Talent dem Teufel seine Seele verkauft haben soll..."
Lecter seufzte. "Ich frage mich, warum künstlerisches Talent immer mit Gottlosigkeit in Verbindung gebracht werden muß..."

Armand:
Armand atmete tief ein, hielt die Luft einige Sekunden lang an und schluckte hinunter, was ihm wie bittere Galle auf der Zunge lag. Dass er eine veraltete Form der Ansprache gewählt hatte als er aus der Betrachtung aufgeschreckt war, war ihm zu spät aufgefallen und er hoffte, dass Dr. Lecter es nicht bemerkt hatte.
"Ich hätte nicht gedacht, dass es ein Fresko wäre. Es sah mehr nach einer Szene aus einer Illumination aus, nur realistischer. Sehr detailreich", sagte er also und seine Finger glitten am Rand des Leders entlang, zögerten, dann reichte er es Lecter zurück anstatt es nochmal aufzuschlagen und sich dem plötzlichen Gefühl von freiem Fall auszusetzen, das ihn bei dem bekannten Anblick überkommen war.
"Es gibt Quellen zu dem Maler?" Alles in ihm schrie, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Aber die Frage war heraus, ehe er sich hätte bremsen können.
"Hat er auch einen Namen?"
Warum Greve? Und vor allem wann? Er selbst war wohl in Florenz gewesen, zur Blütezeit der Künstler, und war Botticelli vorgestellt worden. Dem berühmten Mann, der unter Savonarolas Einfluss Bildnisse verbrannt hatte, deren Szenen von Marius inspiriert worden waren. Er konnte sich kaum mehr daran erinnern, so lange lag es zurück. Aber irgendwie machte alles auf seltsame Art und Weise Sinn.
Armand bemerkte, dass er wieder in Gedanken zu versinken drohte und zwang sich darum Lecters Augen zu suchen und den Blick zu halten um sich zu erden.
"Weil es inspiriert, vielleicht? Weil der Künstler es beeinflusst und lenkt? Weil er etwas aus dem Nichts schafft und das zu tun nur Gott zustehen sollte?", schlug er vor.

Hannibal Lecter:
Lecter schnaubte halb amüsiert, halb abfällig durch die Nase:
"Nach meiner Erfahrung ist Gott eher daran interessiert, Dinge zu zerstören, als neue zu erschaffen - ich fürchte, diese Bestrebungen hat er nach der Erschaffung der Welt als zu unbefriedigend aufgegeben..." - er schüttelte den Kopf, lächelte dann entschuldigend: "Verzeih - aber ich fürchte, ich habe nicht gerade die beste Meinung vom christlichen Gott...
Sprechen wir doch lieber von diesem, zugegeben ziemlich mysteriösen, Maler... Eine durchaus interessante Person, und eine, der man wie einem Phantom durch verschiedenste Zeitzeugenberichte nachjagen muß. Es gibt unglaublich wenige tatsächliche Quellen, dafür, daß sein Stil so einzigartig für die Zeit war und Werke, die sich an das seine anlehnten, in der Folge beinahe ebenso skandalträchtig waren. Sein Name wird mit Marius di Roma oder der lateinisierten Version davon angegeben.. Ehrlich gesagt gibt es immer noch Leute, die behaupten, alle ihm zugeschriebenen Werke seien Fälschungen, weil sein Stil für die Zeit so ungewöhnlich ist... Wobei der Raum in dem venezianischen Palazzo dann jedoch überhaupt keinen Sinn machen würde..."
Hannibal unterbrach sich, bedeutete dem Jungen, zuzugreifen:
"Aber wir sollten jetzt essen, bevor es noch kalt wird - das wäre wirklich eine Schande!.."
Sorgfältig verstaute er sein Skizzenbuch wieder, ehe er sich dem Essen zuwandte:
"Es ist übrigens faszinierend, für wie viele Dinge du dich zu interessieren scheinst - Kunst, Sprachen..." - ein kurzes Lächeln huschte über seine Züge - "..du erinnerst mich fast ein wenig an mich selbst, wenn ich ehrlich sein soll..."

 

Armand:
Je länger Lecter redete, desto mehr schien der Blick der honigfarbenen Augen durch ihn hindurch zu gehen, ohne sich von seinen eigenen Augen zu lösen. Sie schienen etwas in der Schwärze der Pupillen zu suchen. Vielleicht ein Abbild dessen, was er sonst noch gesehen hatte, auf seinen Reisen.
Aber er hörte zu. Jedes Wort davon nahm er auf und als der Mann schließlich endete, sah er nachdenklich auf den Teller hinab, auf dem das Filetstück auf einem Salatbett neben einem kleinen Glastöpfchen mit der Cumberlandsauce lag.
"Mir geht es nicht anders, Dottore." Klang er neckend? Ein wenig vielleicht.
"Sprachen fliegen mir zu. Jede gleicht einem Gesangsstück. Wenn man zu imitieren weiß hat man kaum Mühe dabei sich eine Sprache anzueignen. Außerdem... romanische Sprachen kann man praktisch in einen Topf werfen. Sobald man eine beherrscht, versteht man die Anderen. Wenigstens in ihren Grundzügen."
Dass er neben Italienisch und Französisch auch noch Englisch, Latein, Altgriechisch, Russisch, Spanisch, ein paar Brocken veraltetes Ungarisch beherrschte, musste er nicht unbedingt offenbaren. Einzig Deutsch bereitete ihm Probleme. Er hatte das Gefühl, dass die Sprache sich jedes Vierteljahrhundert eine neue Tücke einfallen ließ um ihn zu frustrieren. Louis hatte ihn damit aufgezogen als sie eine Weile lang zusammen in Preußen gelebt hatten. Er war nie wirklich warm damit geworden.
"Kunst... Kunst ist eine Form von Egozentrik. Der Künstler malt aus eigenem Bestreben. Ob für Geld, für Ansehen oder für sich spielt dabei keine Rolle. Der Betrachter wiederum... er macht sich das Bild zu eigen. In dem Moment in dem er Kunst betrachtet, nimmt er für sich, was er nehmen will. Euphorie, Neid, Zorn, Trauer... Es liegt jeder Form von Kunst zugrunde. Auch... wenn ich finde, dass die Moderne Kunst ihre Existenzberechtigung vor allem aus der Philosophie zieht und mir zuwider ist."
Er griff nach dem Glas mit der rot schimmernden Sauce um daran zu riechen.
"Worin erinnere ich Sie an sich selbst, Dottore?"

Hannibal Lecter:
"Was die Romanischen Sprachen anbetrifft, stimme ich dir zu", erwiderte Lecter, während er zu essen begann. " Und ich muß noch hinzufügen, daß es allgemein mit jeder neuen Sprache etwas einfacher wird, sie zu lernen, da heutzutage im Endeffekt alle modernen Sprachen Anleihen voneinander aufweisen..."
Er teilte seine Aufmerksamkeit nun gerecht zwischen dem Essen und seinem Gegenüber auf, suchte immer wieder den Augenkontakt mit dem Jungen, fast, als wolle er ihm weiter seine Sicherheit zurückgeben.
"Was die Kunst anbetrifft, so könnte man, Oscar Wilde folgend, noch einen Schritt weitergehen und sagen, der Künstler mache sich außerdem das Motiv zu eigen und stelle seine eigenen Gefühle in dessen Gewande dar...
Mit der Modernen Kunst kann ich, ehrlich gesagt, ebenfalls nur wenig anfangen. Meine Liebe gehört der Schönheit und Ästhetik, und in moderner Malerei oder Dichtung ist, fürchte ich, von beidem nur noch bedauerlich wenig aufzufinden... Man könnte sagen, daß ich allgemein ein eher altmodischer Mensch bin -
Vielleicht vermute ich ja, daß es sich mit dir ähnlich verhält...
Das und der Hunger nach Wissen, die Neugier und die Nichtakzeptanz von Grenzen dessen, was getan werden sollte... Wenn ich mich nicht täusche, ist das eine weitere Sache, die wir gemeinsam haben..."
Hier unterbrach Lecter kurz seinen Redefluß, ehe er Armand wieder direkt in die Augen sah:
"Das, und noch etwas - die überraschende Abwesenheit von Angst und das Wissen darum, das Unaussprechliche überstanden zu haben, mit dem diese offensichtlich häufig einhergeht... Klingt das vertraut, oder habe ich mich da getäuscht?"
Für den Moment hatte Lecter aufgehört, zu essen, um sich ganz auf Armands Reaktion konzentrieren zu können.

 

Armand:
"Hm." Ein Schulterzucken.
"Ich mochte Wilde." Den Autor, ebenso wie sein Werk. Er war manchmal zwar ein wenig blasiert gewesen, aber erfrischend frei von der Prüderie seiner Zeitgenossen.
"Sich das Motiv zu eigen zu machen. Ist es das, was Sie mit Ihrem Werk verfolgen?", erkundigte er sich und neigte wieder den Kopf, wie um einen neuen Blickwinkel zu erhalten, in der Hoffnung einen neue Facette an dem Mann zu finden.
"Das klingt mir nach dem Streben nach Macht. Danach, Einfluss auf etwas auszuüben. Es seiner Herrschaft zu unterwerfen. Im weitesten Sinne gesprochen."
Armand drehte das kleine Gefäß wie fasziniert von der Tiefe der Farbe, dann stellte er es zurück auf seinen Teller und sah Lecter prüfend an. Ein Zögern.
"Das klingt wirklich sehr vertraut, Dottore."
Der Mann schien in ihm zu lesen. Armand fand es auf exquisite Art beunruhigend.
"Eine Frage: in welchem Feld der Medizin sind Sie tätig? Sie machen auf mich nicht den Eindruck eines Allgemeinmediziners. Nicht mit ihrer Liebe zum Detail. Sie haben doch gewiss ein spezielles Feld für sich entdeckt? Neurologie, vielleicht? Die Skizzen sprechen für die präzise Hand eines Chirurgen."
Und die Tatsache, dass er den Toten Organe entnommen hatte. Was ein wenig an Jack the Ripper erinnern mochte. Wäre der Tatort nicht so vollkommen anders, so sauber gewesen.

Hannibal Lecter:
"Nun - ein wenig mehr Selbsterhaltungstrieb hätte ihm sicherlich gut angestanden..." kam Lecters Erwiderung, begleitet von einem Schulterzucken.
Armands nächste Frage ließ ihn erneut innehalten. Sich das Motiv zu Eigen machen...
Langsam schüttelte er den Kopf. "Nein... In meinem Falle war es wohl eher der Wunsch, das Motiv in einem anderen Medium zu reproduzieren... Das, und..." - er runzelte die Stirn - "...du könntest, denke ich, recht haben - ein Leben zu nehmen ist immerhin die ultimative Annäherung an göttliche Macht - von der Tatsache abgesehen, daß man sich dadurch - und durch das Nehmen von Trophäen - als derjenige etabliert, der an der Spitze der Nahrungskette steht..."
Dies schien dem Doktor durchaus wichtig zu sein, zumindest hörte es sich so an.
Nachdenklich beobachtete er, wie der Junge die Schale mit der Sauce wieder auf den Teller stellte und wurde erst durch die nächste Frage wieder aus seinen Gedanken gerissen.
"In der Tat bin ich ausgebildeter Chirurg. Es gibt wenig genug Ärzte, die sowohl das Geschick als auch das Mindset dazu haben, in dieser doch sehr aufreibenden Sparte zu praktizieren.. " - wieder zeigte sich ein kurzes Lächeln auf seinem Gesicht - "ich muß dir schon lassen - du hast ein Talent dafür, die Dinge zu durchschauen..."

Armand:
"Ausgebildet... aber nicht praktizierend?" Eine weitere Vermutung.
"Ich denke, dass es mehr ist als das. Am Ende ist der Tod der höchste aller Herrscher. Egal welchen Göttern man huldigt, ob einem oder einer Vielzahl, oder ob man keinem Glauben angehört. Der Tod ist die mächtigste Instanz über einem Menschen."
Der Teller blieb unberührt. Sowohl das englisch gebratene Fleisch als auch die vegetarischen Beilagen, die Kartoffeln und die Waldpilze. Das Thema der Organentnahme an Mordopfern in Gegenwart des Delinquenten war vielleicht nicht allzu angetan den Appetit anzuregen.
"Sich seinen Mantel überzuwerfen bedeutet demnach diese Macht an sich zu nehmen. Ein interessanter Gedanken. Sich über das Göttliche zu erheben, indem man den Kern alles Menschlichen - das Leben selbst - zum Spielball seiner Laune macht. Der einzige Unterschied zum Göttlichen wäre dann... der schöpferische Akt. Und Kunst ist nichts anderes als das, nicht wahr? Ein Akt der Schöpfung."
Armand musste sich bremsen und hielt inne, ehe er die Überlegung noch weiterstricken konnte. Vielleicht verrannte er sich gerade in einer Theorie, aber im Grunde unterstellte er Lecter eine sehr große Portion an Selbstverliebtheit.
Allerdings klang es aus seinem Munde durchaus wie eine Schmeichelei. Immerhin hatte er ihm praktisch gerade einen ketzerischen Platz in der Hierarchie der Weltordnung zugestanden.
Der Mann war ein Raubtier und Armand ertappte sich beim Schwärmen. Plötzlich verlegen griff er nach dem Weinglas, mehr um seinen Händen etwas zu tun zu geben als um so zu tun als würde er daran nippen.

Hannibal Lecter:
"Auch praktizierend" korrigierte Lecter die Vermutung des Jungen. "Und damit ebenfalls in gewisser Weise Herr über Leben und Tod..."
Er griff nach seinem eigenen Weinglas und trank einen Schluck.
"Allerdings würde ich das Leben nicht als den Kern alles Menschlichen bezeichnen. Pflanzen leben. Ungeziefer und Schweine leben. Insofern hat das Leben nicht sehr viel mit Menschsein oder Menschlichkeit zu tun...
Sollte es tatsächlich eine Seele geben - dann wäre sie das wohl. Nicht der Wille. Der Wille ist etwas sehr viel älteres, das wenig mit dem zu tun hat, was wir als menschlich bezeichnen würden..."
Lecters Stimme hatte sich bei dieser Rede gewandelt, war kälter und härter geworden, seine Augen hatten an Wärme eingebüßt: dieser Mann wußte, von was er da redete, und im Augenblick schien es genau dieser unmenschliche Wille zu sein, der gerade aus ihm sprach.

Armand:
Armand nickte nachdenklich, dann ein wenig bekräftigender während er den Worten nachhing.
"Aber es ist das, was allen gemeinsam ist."
Inzwischen war es wahrhaftig dunkel geworden. Auf der Piazza della Signoria gab es mehrere Scheinwerfer, mit denen die Kunstwerke in der Loggia und die Nachbildung Michelangelos David angestrahlt wurden. Aus dem Rivoire floss goldenes Licht, aber es war die Flamme zwischen ihnen auf dem Tisch, die ein lebhaftes Funkeln in die Augen des Knaben zauberte.
Die passgenaue Kleidung, das ordentliche Haar, seine ganze Haltung... Der Mann im Anzug mochte vielleicht in gerade diesem Augenblick in einigem Radius konkurrenzfrei darin sein was das makellose Erscheinungsbild anbelangte. Trotzdem war etwas an seiner Ausstrahlung, das Armand als grundsätzlich Animalisch bezeichnet hätte. Eine Frage drängte sich ihm auf.
"Und wie denken Sie über den Instinkt, Dottore?"
Er lächelte.

Hannibal Lecter:
Die Kerze ließ die dunkelbraunen Augen des Doktors etwas heller erscheinen - doch das, was in der Mitte der Pupillen aufzuleuchten schien, wirkte nicht, als wäre es der Flamme auf dem Tisch geschuldet. Kleine, rote Zwillingsfunken schienen dort zu glühen, wo sie keine Berechtigung hatten.
Der Schatten eines Lächelns glitt erneut über Lecters Gesicht, als er auf die Frage antwortete:
"Der Instinkt ist allen Lebewesen gemeinsam, die geistig gesund und lebenstauglich sind - allen, die nicht überzivilisiert wurden und sich so weit von dem entfernt haben, was sie ursprünglich ausmachte, daß sie nach den Gesetzen der Evolution auf der Strecke bleiben würden. Und wenn Instinkt und Wille Hand in Hand gehen, gibt es kaum etwas, was das betreffende Lebewesen noch aufhalten könnte..."
Lecter schob die letzte Gabel seines Essens in den Mund und genoß den Rest des vorzüglichen Hauptganges, während er Armand anblickte, interessiert über dessen Ansicht zu diesem Thema.

Armand:
Armand blinzelte als er den ungewöhnlichen Effekt bemerkte und verlagerte seine Position dezent zur Seite hin um zu sehen, ob er einer optischen Täuschung aufsaß oder ob die Retina des Mannes das Licht zurückwarf, wie man es manchmal auf Fotos sah.
"Ich halte den Instinkt für etwas Essentielles. Allerdings denke ich auch, dass er inzwischen bei vielen Menschen so verkümmert ist, dass er nur noch in Extremsituationen seinen ursprünglichen Zweck erfüllt. Die Gesellschaft ist zu verkopft. Menschen tendieren dazu Warnsignale zu hinterfragen, ehe sie danach handeln."
Das ließ sich vor allem bei der Jagd beobachten. Das Unwohlsein, wenn der animalische Teil das Raubtier bemerkte. Der Kampf des Bewusstseins mit der kreatürlichen Angst, ohne dass die Quelle einer Gefahr ersichtlich wäre. Amand war es im letzten Jahrzehnt erst ein paar Mal passiert, dass seine ausgesuchte Beute beim ersten mulmigen Gefühl die Beine in die Hand genommen hatte, anstatt auszuharren und zu versuchen mit Vernunft an die Sache heran zu gehen.
"Nicht, dass ich es besser wüsste. Die Neugierde ist ein schlimmes Laster..."

Hannibal Lecter:
"Oh, ich bin der Meinung, daß es durchaus möglich ist, seine Instinkte zu kultivieren und zu schärfen, bis sie wieder in voller Stärke vorhanden sind", widersprach Lecter seinem Gegenüber. "Natürlich ist Notwendigkeit der beste Lehrmeister, doch sicher nicht der einzige.."
Er nahm noch einen Schluck Wein, ehe er Armand amüsiert musterte:
"Und ich denke nicht, daß Neugier etwas mit verkümmerten Instinkten zu tun hat - es werden lediglich die Prioritäten anders gesetzt.
Ich kann es durchaus verstehen, wenn jemand die Gefahr zwar wittert, aber trotzdem beschließt, sich in eine bestimmte Situation zu begeben - entweder, weil er der Meinung ist, daß er stark genug ist, dieser Gefahr zu begegnen, oder weil er findet, daß es das Risiko auf jeden Fall wert ist...."
Als Armand seine Position geändert hatte, waren die roten Punkte aus Lecters Augen verschwunden -
Er mußte sich die Sache wohl doch eingebildet haben...

Armand:
‚Notwendigkeit?‘ Etwas an der Art des Jungen Lecter anzusehen veränderte sich subtil. Man mochte es Vorsicht nennen. Etwas, der er bisher in den Wind geschlagen hatte.
"Neugierde macht unvorsichtig", meinte er nachdenklich. Vielleicht sprach gerade Selbstreflektion aus ihm. Besonders bedacht war er ganz bestimmt nicht gewesen. Weder beim Letzten, noch bei ihrem jetzigen Treffen. Arséne schien eine entscheidende Portion Selbsterhaltungstrieb zu fehlen. Oder ein fatales Maß an Neugierde zu besitzen.
Was es auch war, das Endresultat war dasselbe: Er saß mit einem Mann am Tisch, von dem er wusste, dass er mehr als gefährlich war.
"Das haben Sie sehr schön gesagt, Dottore", sagte er jedoch vergnügt.
Einer der Kellner hatte mit Verwunderung den einen leeren und den vollen Teller gesichtet und kam an den Tisch um sich zu erkundigen, ob alles zu ihrer Zufriedenheit sei.
"Doch, doch. Es ist alles in Ordnung. Ich denke aber, dass ich lieber den Nachtisch hätte." Armand schenkte Lecter ein Lächeln und lehnte sich mit dem Glas in der Hand zurück um dem Kellner genug Platz zu geben als er die Teller abräumte. Was der Mann wohl davon hielt?

Hannibal Lecter:
Es war Lecter aufgefallen, daß der Junge nicht, wie die meisten Menschen, die keinen Hunger hatten, oder ihr Essen nicht mochten, es zumindest auf dem Teller herumgeschoben hatte. Nein - vielmehr hatte er die Speise als solche so vollkommen ignoriert, als bestünde sie aus Wachs oder Kunststoff - wenn auch eventuell die Sorte, die mit Geruchsstoffen versetzt war... Auf jedenfall jedoch eine weitere Merkwürdigkeit, die es im Gedächtnis zu behalten lohnte.
"Also würdest du dich selbst als unvorsichtig bezeichnen?" fragte Lecter, nachdem der Kellner abgetragen hatte; "...oder hast du dabei von mir gesprochen? Immerhin bin ich ein gewisses Risiko damit eingegangen, mich auf dieses Treffen hier einzulassen. Aber wie gesagt - kalkulierte Risiken einzugehen zeichnet eine Person noch nicht als Draufgänger aus - nicht, solange die Kalkulation realistisch ist..."
Nun, da das Essen vom Tisch war, wurde Hannibals Blick noch etwas intensiver, jedoch nicht unhöflich - nur interessiert:
"Aber da wir gerade von Neugier sprechen: Was ‚genau‘ hat dich motiviert, dich heute mit mir zu treffen - kannst du mir das sagen?"

Armand:
"Hm", summte Armand und dachte einen Augenblick lang über die Frage nach. Sein Blick senkte sich langsam, glitt über Lecters Hals, blieb kurz am Knoten der Krawatte hängen, dann zog er sich zurück, über den Tisch, bis zum Weinglas in seiner Hand.
"Ein bisschen was von beidem, wenn Sie mich so fragen. Natürlich möchte sich niemand rundheraus als leichtsinnig bezeichnen... aber herzukommen war in gewisser Weise genau das." In beide Richtungen. Aber bislang konnte er nun wirklich nicht klagen.
"Ich denke, es ein kalkuliertes Risiko zu nennen gefällt mir. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich zuletzt so ein ansprechendes Gespräch geführt habe. Demnach bereue ich nichts."
Das Weinglas fand seinen Platz wieder auf dem Tisch.
"Was meine Motivation anbelangt, so könnte ich nun natürlich einfach die Neugierde vorschieben. Aber das wäre nicht ganz richtig. Es war die Langeweile."
Wie zuvor das kleine Behältnis mit der feinen Sauce stellte der Junge es exakt dorthin, wo es zuvor gewesen war und einen kaum zu erkennenden Abdruck auf dem Tischtuch hinterlassen hatte. Dann lag der Blick wieder auf Lecter.
"Und Ihr Charisma, Dottore."

Hannibal Lecter:
Während Arséne redete, war Lecters Miene ernst geworden - der letzte Punkt in der Aufzählung entlockte dem Doktor jedoch ein ehrlich geschmeicheltes Lächeln: inzwischen glaubte er, den Jungen gut genug einschätzen zu können, um zu wissen, daß dieser das Kompliment ernst meinte.
"Ich kann mir vorstellen, daß du es nicht leicht haben dürftest, jemanden zu finden, mit dem du auf deinem Niveau reden kannst, ohne daß der andere, eingedenk deines jugendlichen Aussehens, irgendeine Form von Abwehrreaktion durchexerziert... Auch ich habe dich als einen Jungen automatisch mit " du" angesprochen - allerdings bin ich davon ausgegangen, daß du mich korrigiert hättest, wäre dies nicht angemessen oder dir nicht recht gewesen...
Nach deinem Verhalten, dem Stand deiner Bildung und deiner Körperbeherrschung zu schließen würde ich sagen, daß du schon einiges erlebt haben mußt, was dich von anderen deines augenscheinlich Alters abhebt... Was man, in einem gewissen Rahmen, auch über mich hätte sagen können, als ich in diesem Alter war...."
Die schwache Andeutung eines Lächelns geisterte über seine Züge, eines sehr anderen Lächelns als dem zuvor:
"Allerdings wurde ich damals nur überaus selten von der Geißel der Langeweile heimgesucht...
Vielleicht kennen wir uns ja irgendwann einmal gut genug, daß wir uns gegenseitig von diesen prägenden Erfahrungen unseres Lebens erzählen können..."
Um sie herum ging das Leben weiter, mit all den Geräuschen, Bewegungen und Veränderungen von Farben und Gerüchen, die es ausmachte.
Der Tisch dieser zwei so unterschiedlichen Personen schien jedoch außerhalb davon zu stehen - wie ein Flußarm, in dem das Wasser stand, während der Strom unbeeindruckt weiter seinem Lauf folgte, eine Insel der Ruhe.
Hannibal genoß diese Ruhe. Er hielt nicht viel davon, immer in Bewegung zu bleiben, oder sich ständig neuen Reizen aussetzen zu müssen. Er nahm sich gerne Zeit - besonders, wenn sein Gesprächspartner derart interessant war.

 

Armand:
"Ich störe mich nicht daran", versicherte er sanft.
War es falsch sich so wohl zu fühlen? Armand schämte sich fast dabei, sich einzugestehen, dass ihm die reine Gegenwart des Mannes auf sonderbare Art gut tat. Es fiel ihm zunehmend schwerer, ihr Umfeld nicht einfach vollkommen auszublenden. Alles um sie herum verkam zu Hintergrundgeräuschen, als wären sie von Glas umgeben. Inzwischen hatte sich auch seine innere Unruhe gelegt.
"Ich würde mich freuen, wenn wir Gelegenheit fänden, das Thema zu vertiefen, ja. Nicht heute. Aber vielleicht bald."
Am liebsten hätte er gleich nachgehakt, hätte Lecter nicht noch die Prämisse einer längeren Bekanntschaft angefügt. Aber es hatte schon im Vagen so geklungen, als wäre es kein Gespräch für ihr aktuelles Umfeld.
Nun, auch gut. Damit hatten sie sich im Grunde schon für ein zukünftiges Treffen entschieden. Der Gedanke vertröstete Armand, auch wenn es ihm schwer fiel, sich zu zügeln.
"Wir scheinen wirklich einiges an Gemeinsamkeiten zu haben -"
Die Feststellung wurde von dem Kellner unterbrochen, der zuvor ihre Teller mitgenommen hatte und jetzt den Nachtisch vor ihnen abstellte.
Eine kleine Falte bildete sich zwischen den Augenbrauen des Jungen als er die dunkle Süßigkeit vor sich skeptisch beäugte und damit dem Dessert mehr Aufmerksamkeit als dem Hauptgang schenkte.

Hannibal Lecter:
Lecter konnte das Interesse des Jungen spüren, den Wunsch, jetzt schon mehr zu erfahren und mehr zu erzählen.
Hannibal jedoch war gezwungenermaßen ein sehr privater Mensch, und Einzelheiten über seine Vergangenheit wurden vorsichtig abgewogen, ehe sie mit anderen geteilt wurden. Es wäre nicht fair gewesen, zu erwarten, daß Arséne ihm private Dinge erzählte, ohne auch etwas dafür zurückzubekommen.
Gerade wollte er dem Jungen zustimmen, da auch er glaubte, daß es da einige Gemeinsamkeiten gab, als der Kellner mit dem Nachtisch zu ihnen trat.
Hannibal konnte nicht anders, als über Arsénes kritischen Blick auf die Süßspeise zu lächeln.
"Der Hauptbestandteil von Sanguinaccio ist, neben der Schokolade, Rinder- oder Schweineblut... Ich hoffe doch, daß diese Tatsache deinem Appetit auf Süßes keinen Abbruch tut..?"
Mit leicht schräg gestellten Kopf musterte Lecter sein Gegenüber, die Augenbrauen leicht gehoben, gespannt, ob der Junge auch das Dessert unberührt lassen würde.

Armand:
Der Knabe zog den kleinen Teller mit dem kunstvoll angerichteten Dessert sachte näher um es zu inspizieren.
Kurz hob er den Blick und schien unentschlossen über Lecters Erklärung nachzusinnen, dann nahm er den Löffel. Zuvor hatte der Junge das Besteck nicht einmal angerührt.
"Ich schätze, es kann nicht schaden zu probieren."
Er hielt nochmal inne, legte den Löffel wieder weg und nahm sich die Zeit die Früchte eine nach der anderen von der dunklen Oberfläche zu picken und die Garnitur fein säuberlich neben dem Schälchen auf den Unterteller zu legen.
"Also dann..."
Er zog die Spitze des Löffels durch das Sanguinaccio Dolce, bis er ungefähr zur Hälfte voll war, dann verschwand er ohne Umschweife hinter den vollen Lippen und kam praktisch sauber wieder hervor.
Der Junge saß kurz still da, dann kniff er die Augen zusammen, schüttelte sich mit krauser Nase.
"Rind", stellte er fest, legte den Löffel fort und griff nach der Serviette. Kurz erschien die Zungenspitze zwischen den Lippen, als versuche er den Geschmack loszuwerden.
"Leider nicht mein Fall." Er lächelte entschuldigend und schob die Süßspeise mit spitzen Fingern zur Seite.
"Ich hoffe, Sie lassen es sich darob nicht verderben."

Hannibal Lecter:
Lecters Amüsement steigerte sich bei Arsénes Reaktion auf die Süßspeise.
"Nicht dein Fall?" fragte er, halb aus Scherz und halb im Ernst, "und was davon? Das Dessert oder das Rinderblut?"
Immer noch ruhten seine Blicke auf dem Jungen. Jeder, der Lecters Geheimnis kannte, hätte gewußt, daß diese Frage einen versteckten Unterton haben mußte.

Armand:
Ähnlich hätten Kinder auf den ersten Bissen in eine Zitronenscheibe reagiert. Selbst jetzt, wo sich der Geschmack längst hätte verflüchtigen müssen, sah man noch eine Spur von Ekel im Gesicht des Knaben.
"Schwer zu sagen."
Armand überlegte ernsthaft, ob es das Tierblut war, oder die anderen Komponenten in der Süßspeise, die ihn abstießen.
"Ich weiß nicht, was sonst noch drin ist."
Was ihm neben dem Geschmack auf der Zunge lag war eine Erklärung, von der er sich nicht sicher war, ob sie für menschliche Ohren nicht seltsam klingen musste. Den direkten Vergleich zu anderen Desserts konnte er schließlich nicht ziehen und es war so lange her, dass er zuletzt normales Essen probiert hatte, dass er sich nicht mehr daran erinnern konnte, was der Kontext dazu gewesen war.
"Das B- Es schmeckt... alt?"
Für Menschen war es noch sehr frisch, da das Tier erst am Morgen geschlachtet worden und das Blut vom Metzger direkt im Kühlschrank des Riviera gelandet war. Für den Vampir jedoch eindeutig zu alt und noch dazu von einem Tier.
Dass man vom Blut an sich neben Zucker, Schokolade und Gewürz kaum mehr etwas schmeckte, wenn man nicht gerade über Lecters Gaumen verfügte, und viele den Unterschied zwischen Schwein und Rind erst recht nicht bemerkt hätten, wusste Armand schlicht und ergreifend nicht und es kam ihm auch nicht der Gedanken. Wieso sollte man sonst Blut verwenden, wenn man es am Ende ohnehin nicht mehr herausschmeckte?
Er für seinen Teil tat es. Sehr deutlich sogar.

Hannibal Lecter:
Lecters Augenbrauen hoben sich noch etwas weiter. Eine interessante Antwort.
In einem Haus mit einer derart guten Küche war das Blut keinen Tag alt und das Dessert wurde frisch zubereitet. Andererseits wirkte Arséne nicht so, als würde er sich etwas aus den Fingern saugen, sondern als meine er, was er sagte.
Ohne Eile begann Hannibal zu essen, befand den Nachtisch für sich durchaus annehmbar, wenn auch nicht exzellent (das Blut ging geschmacklich etwas unter) und nahm sich Zeit, die Worte seiner Antwort zu wählen:
"Im Großen und Ganzen besteht Sanguinaccio Dolce außer aus Blut aus Sahne, Milch und Zucker - zusätzliche Gewürze sollten dabei den Geschmack unterstreichen, nicht überdecken... Dieses hier ist für meinen Geschmack etwas zu süß - einmal davon abgesehen, daß ich anderes Blut bevorzugen würde..."
Lecter ließ eine kurze Pause, ehe er etwas leiser anfügte:
"Wie frisch müßte das Blut denn sein, damit du es tolerabel finden würdest?"

Armand:
Armand betrachtete dennoch interessiert die dunkle Masse in dem Schälchen während Lecter ihm die Bestandteile auflistete. Als der Mann selbst meinte, dass es ihm zu süß sei, zuckten die Mundwinkel des Knaben kurz nach oben. Er hatte gerade noch denselben Gedanken gehegt. Das Protein sollte noch verträglich gewesen sein. Was den Zucker, Zimt, Nelken und so fort anbelangte, war er sich nicht sicher.
"Ich..." Der Junge merkte auf als Lecter sagte, dass er anderes Blut bevorzugen würde, die Lippen leicht geöffnet. Sein Blick wanderte kurz zwischen dem Löffel und Lecters Lippen hin und zurück, dann suchte er seine Augen. Er wirkte ein wenig blass um die Nase.
Die Worte ‚So frisch wie möglich‘ lagen ihm auf der Zunge. Aber das war eine Antwort, die so offensichtlich schien, dass er plötzlich Zweifel daran hatte, ob er die Frage richtig verstanden hatte.
‚Warm‘, drängte sich ihm als Antwort auf. Das Schweigen dauerte einen Herzschlag zu lange, bevor der Junge ebenso leise sagte:
"Lebendig."

Hannibal Lecter:
Langsam schob sich Hannibal einen weiteren Löffel der Süßspeise in den Mund, jedoch ohne den Blick von Arséne zu wenden.
"Mmh.. da wäre es fast eine Herausforderung, ein Sanguinaccio zuzubereiten, das deinen Beifall finden würde..."
Er zögerte kurz, ehe er fortfuhr, leckte sich kurz über die Lippen, als wolle er die restlichen Spuren der Schokoladencreme beseitigen, die dort noch verblieben waren. Sein Blick war nachdenklich, aber erneut schienen diese roten Funken in seinen Augen aufzuglimmen, ein dunkles Amüsement über einen Scherz, der nur für Arséne und ihn bestimmt war:
"Und welche Sorte Blut würdest du bevorzugen?" kam die nächste Frage, noch etwas intimer als die Vorhergehende. "Ich denke, wir wissen beide, daß ich durchaus auch willens und in der Lage wäre, Ausgefalleneres bereitzustellen.."
Wieder hatte die Situation einen surrealen Charakter angenommen: Da saß dieser gutgekleidete Herr, der ganz offensichtlich der Oberschicht angehörte, und unterhielt sich im angenehmen Plauderton darüber, Menschenblut frisch von der Ader für eine Süßspeise abzuzapfen - oder zumindest konnte man aus seiner Redeweise genau diesen Schluß ziehen.

 

Armand:
Der Rothaarige war ein wirklich äußerst aufmerksamer Zuhörer. Das hieß, zumindest nahm er den Blick nicht einmal von seinem Gegenüber und immer wieder blieb er an dessen Lippen hängen. Armand mochte ihre Form. Ein wenig ungewöhnlich und markant, aber sehr ästhetisch ansprechend. Er beobachtete ihre Bewegung als Hannibal eine Frage stellte, die verfänglicher kaum hätte sein können.
"Nachdem mir das Rind nicht zugesagt hat wäre Schweineblut wohl die nächste Wahl gewesen, nicht wahr?"
Es benötigte das Hintergrundwissen zu ihrer ersten Begegnung um dem Subtext ihrer Unterhaltung folgen zu können und Armand liebte es ein derartiges Gespräch in der Öffentlichkeit zu führen.
Wie riskant war es wohl, das Angebot anzunehmen?
Armand zögerte nicht.
"Wenn es ausgefallen sein darf, dann vielleicht ‚cabrit sans cor‘?", antwortete der Junge schließlich mit einem Lächeln, das einer Heiligenstatue angestanden hätte und damit vorzüglich in den Kontext ihrer Unterhaltung passte. Ziege ohne Hörner war nicht zuletzt eine alte Bezeichnung für Menschenopfer.

Hannibal Lecter:
Jede der Reaktionen des Jungen seit ihrer ersten Begegnung hatte Hannibal darin bestärkt, hier vielleicht jemanden gefunden zu haben, der den Menschen im Allgemeinen gegenüber eine ähnliche Einstellung hatte wie er selbst. Es hatte einige Hinweise auf unterschiedlichste Parallelen zwischen ihnen gegeben - höhere Intelligenz, eine gewisse Kaltschnäuzigkeit gegenüber dem Tod anderer, die Fähigkeit, Schönheit im moralisch Grotesken zu erkennen...
Dies alles hatte sie bis zu diesem Punkt in der Unterhaltung geführt, einem Punkt, an dem sie ihre Unmenschlichkeit dem anderen gegenüber offenlegten.
Überrascht erkannte Lecter, daß er nicht nur dazu bereit war, sondern, daß er es begrüßte, diesen Schritt tun zu können. -
Nun, im Prinzip sehnte sich doch jeder danach, gekannt zu werden, als das, was er war, angenommen von einem Gegenüber, dem man dasselbe entgegenbrachte. Es war etwas an diesem Satz aus der Bibel: ‚Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei‘... - der Mensch nicht, und jene, die nicht als solche angesehen wurden, ebenso, würde Hannibal hinzufügen.
Und nun saß da dieser kaum halbwüchsige Junge, der wirkte, wie aus einem Gemälde entstiegen - der aussah, als sei er aus einem Gemälde entstiegen, das Hannibal im letzten Jahr gesehen hatte - und unterhielt sich mit ihm ganz zwanglos über Dinge, die niemand, dem er bisher begegnet war, verstanden hätte: ein jugendlicher Mephisto, sein gefallener Schutzengel vielleicht.
Hannibal spürte, daß er hier seine natürliche Vorsicht aufgeben würde, um - wie dieser Junge - ein kalkuliertes Risiko einzugehen.
Wieder zuckte es leicht um seine Mundwinkel, als er weiterhin in das täuschend unschuldige Gesicht seines Gegenübers blickte:
"Oh, Schweine gibt es derart viele auf dieser Welt - das wäre wohl kaum etwas für den ausgefallenen Geschmack, den man mir nachsagt... ‚cabrit sans cor‘ dagegen... Nun, gerade selten ist das wohl auch nicht, doch interessanter in der Jagd, und sicherlich vielseitiger im Geschmack..."
Wieder nahm er einen Löffel voll der dunklen Creme und schob ihn sich in den Mund, während er im Geiste den Unterschied im Geschmack heraufbeschwor, den ein Sanguinaccio Dolce seiner eigenen Kreation ausmachen würde: eine weniger rein süße Note, die zusätzlichen Untertöne durch die Wahl anderen Blutes, das Fehlen des bitteren Beigeschmackes, der durch dessen Zerfall bedingt war, das alles abgerundet durch ein anderes Mischverhältnis von Milch und Sahne..
Das Lächeln in seinem Gesicht wurde ausgeprägter:
"Ich denke, ich würde das wirklich gerne für dich versuchen, Arséne - ich liebe kulinarische Herausforderungen!"
Zum erstenmal hatte er nun den Namen des Jungen in der Konversation verwendet, ihn bewußt ausgesprochen, Arséne beim Namen genannt - etwas, was den Worten des Doktors eine zusätzliche Intimität verlieh, mehr noch als die Art, wie sein Blick den des Jungen gehalten hatte.

Armand:
Das samtweiche Timbre der dunklen Stimme hatte magische Anziehungskraft auf Armand. Es war nicht nur der Inhalt ihrer Konversation, der ihn fesselte wie schon viel zu lange nicht mehr. Es war die Ausstrahlung seines Gegenübers. Er hatte nicht gelogen als er Lecter freimütig erklärte, dass dessen Charisma nicht unschuldig an seinem Erscheinen zu ihrer Verabredung gewesen war.
Das junge Gesicht erhellte sich, als der Mann seine Zustimmung bekundete.
"Das ist das zweite Mal, dass Sie von Jagd sprechen, Dottore. Irgendwann müssen Sie mir mehr von dieser speziellen Vorliebe verraten. Wenn man es so nennen darf."
Wie ging ein Mensch wohl auf Menschenfang? Wäre es nicht in höchstem Maße unhöflich gewesen, Armand hätte hier und jetzt eine Demonstration noch in der heutigen Nacht erbeten. Allerdings hätte das ein Ende ihrer Unterhaltung bedeutet und er war trotz unbändiger Neugierde nicht dazu bereit, diese schon aufzugeben.
Er hatte im Laufe der Jahrhunderte eine Vielzahl von Morden beobachtet. Aber eine Jagd war etwas anderes. Eine Jagd hatte ein anderes Ziel als den reinen Tod des Opfers. Eine Jagd endete nicht damit. Nicht in letzter Konsequenz. Das war der entscheidende, grundlegende Unterschied.
Der Junge neigte wieder den Kopf. Es schien eine Angewohnheit zu sein, die sich dann bemerkbar machte wenn er etwas interessantes sah oder auch hörte und sich näher darauf konzentrierte. Dieses Mal hatte sich der Klang des Namens aus fremdem Mund die Reaktion verdient.
"Vorsicht, Dottore. Sie machen sich am Ende noch Umstände und ich bin nicht für meine Dankbarkeit bekannt. Wenn Sie das Risiko eingehen wollen, werde ich Sie gewiss nicht davon abhalten.
Eine faire Warnung: wenn Sie anfangen mich zu verwöhnen, müssen Sie auch damit rechnen, dass meine hedonistische Seite zum Vorschein kommen wird und ich möchte mir das nicht zum Vorwurf machen lassen, wenn es so weit ist..."
Wenn es so weit ist. Nicht ‚sollte es soweit kommen‘.
Ein koketter Augenaufschlag begleitete die Worte und verlieh der Aussage ein gewisses Maß an Leumund. Der Knabe musste guten Grund dafür haben ein Bedenken einzubringen, wo es so offensichtlich war, dass er genau das wollte, was ihm angeboten wurde.
Auf eigenartige Weise klang es nach einer indirekten Warnung nicht mehr abzubeißen als man kauen konnte.

Hannibal Lecter:
Ein Mann, der Hannibals Intellekt und seine Vorliebe für Ästhetik und ausgesuchte Schönheit hatte, konnte vermutlich nicht anders, als sich von jemandem wie Armand angezogen zu fühlen. Und da dies nicht das Ende von dem darstellte, was den Doktor ausmachte, hatte dies in diesem speziellen Falle im Gegensatz zu den sonstigen Bekanntschaften des Vampires einmal nicht die unweigerliche Konnotation einer Jäger-und-Beute-Konstellation. Hannibal Lecter war nicht weniger ein Raubtier als Armand, und beide dieser Raubtiere wußten auf einer instinktiven Ebene sehr wohl vom Wesen des anderen.
Als der Junge geendet hatte, lehnte sich Hannibal leicht zurück, ohne jedoch den Löffel aus der Hand zu legen.
"Die Jagd..." kurz senkte sich sein Blick auf die Dessertschale, ein Moment, in dem er wieder seine Worte abzuwägen schien, ehe sein Blick wiederum den Armands fand:
"Wenn wir über die Jagd sprechen, mußt du dabei vor allem eines verstehen - daß sie für mich niemals den Zweck an sich darstellt, wie zum Beispiel bei einer modernen Fuchsjagd. Der Zweck ist immer, das Wild zu stellen, zu fangen und zu töten, auch, um sich schlußendlich im Idealfalle an ihm zu nähren.
Es mag sein, das dies - je nach Situation - nicht immer möglich ist, doch es ist etwas, was ich bei jeder Jagd im Hinterkopf behalte.
Auf jeden Fall gibt es ‚immer‘ einen Grund für die Jagd. Und der ist entweder die Notwendigkeit oder - im weitesten Sinne - eine Vision... wie zum Beispiel in diesem Falle ein Dessert zu kreieren, das deine wohlwollende Zustimmung finden würde."
Wieder huschte ein Lächeln über Lecters Züge:
"Was ich im Nachhinein erwarte, ist nicht Dankbarkeit von dir - diese wäre vielleicht eher ein erfreuliches zusätzliches Resultat.
Im Gegensatz dazu würde ich natürlich darauf hoffen, daß der von mir zubereitete Nachtisch den Effekt auf dich hat, den ich beabsichtige. Und selbst, wenn dies nicht der Fall wäre, so hätte ich als Ergebnis immer noch ein perfektes Sanguinaccio Dolce, das ich selbst genießen könnte. Und ich selbst bin auch nichts weniger als ein Hedonist, wenn auch zugegebenermaßen ein überraschend zurückgenommener, der seine Vorlieben in Maßen auszuleben weiß und niemals seine Selbstbeherrschung außer Acht läßt..."
Erneut beugte er sich etwas vor, um einen weiteren Löffel von seinem nun fast aufgegessenen Nachtisch zu nehmen.
"Ganz generell tendiere ich niemals dazu, anderen einen Vorwurf daraus zu machen, wenn sie ihre ureigenste Natur ausleben. Ich bin jedoch ebenfalls durchaus versiert darin, sie aufzuhalten, wenn es darum geht, meine eigenen Interessen dem entgegenzusetzen."
Auch in Hannibals Blick lag nun eine sanfte Warnung, unterstützt durch das kaum merkliche Zwillingsglühen im Herzen der dunkelbraunen Augen.

 

Armand:
"Ich mag Ihre Einstellung, Dr. Lecter. In allen der genannten Belange. Vielleicht sogar ein wenig zu sehr."
Wie zuvor Hannibal bediente der Knabe sich endlich auch des Namens seines Gegenübers, wenngleich er den Titel und die höfliche Anrede beibehielt.
Da war er wieder. Der gelangweilte Sohn reicher Eltern aus gutem Haus, wie er da in seinem makellosen Matrosenanzug und tadelloser Haltung saß. Auf der Suche nach Ablenkung und dabei entweder einfach unvorsichtig oder gleichmütig darin, wie sich das Vergnügen gestaltete und sei es noch so kurzfristig, ungesund oder riskant.
"Ich hingegen muss gestehen, dass es mir schwer fällt, Maß zu halten. Es ist keine Frage des ‚Könnens‘, verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Es gibt jedoch durchaus Situationen in denen ich schlicht nicht ‚will‘."
Der Rothaarige lehnte sich leicht nach vorne als er den Widerschein erneut bemerkte und wirkte für einen flüchtigen Augenblick lang in mehr als nur Ausdruck und Haltung wie eine Katze, wenn sie die Ohren spitzte. Mehr noch wie eine jagende Katze die zum Sprung ansetzte. Der Eindruck war so schnell verschwunden, dass er sich nicht vollkommen mit dem Bewusstsein fassen ließ. So rasch wie er gekommen war, war der Moment vorüber. Nur die Pupillen des Knaben, die sich dezent zusammenzogen um neu zu fokussieren, verrieten, dass es keine bloße Einbildung gewesen war.
Genauso, wie er jetzt sicher war, dass er den Schimmer tatsächlich gesehen hatte, auch wenn er die Quelle wieder nicht finden konnte.
"Dann ist es also beschlossen? Dass wir uns wiedersehen werden, meine ich."

Hannibal Lecter:
"Die Einstellung eines wehrhaften Geschöpfes, das noch über gute Instinkte und einen ausreichenden Selbsterhaltungstrieb verfügt", faßte Lecter zusammen und nickte. "Was das betrifft, bin ich allerdings nicht der Meinung, daß man zulassen sollte, daß einem dabei die Moral in die Quere kommt - im Schnitt gibt es nämlich niemanden, der einem diese Anstrengung danken würde.
Und was diese Sache mit der fehlenden Zurückhaltung angeht - nun, das ist schon immer das Privileg der Jugend gewesen, nicht wahr? Und mit deinem Aussehen, Auftreten und Charme würdest du auch noch mit einem Mord davonkommen, würde ich einmal annehmen..."

Als Arsénes Körpersprache sich veränderte, reagierte Lecter scheinbar instinktiv darauf. Auch er beugte sich etwas mehr nach vorne, schob die Schultern vor und stützte die Hände auf den Tisch, reckte das Kinn etwas vor, um den Jungen besser im Blick halten zu können.
Überraschenderweise beschleunigte sich jedoch weder sein Atem noch seine Herzrate - nur seine Augen verengten sich um eine Nuance, ruhten jedoch weiter auf Armands Gesicht. Dafür verharrte der Doktor allerdings noch einige Minuten länger in der Abwehrhaltung, entspannte sich nur langsam wieder.
"Von meiner Seite zumindest steht einem weiteren Treffen nichts im Wege", kam die Erwiderung in einem leichten Tonfall, der Lecters Anspannung nur Sekunden zuvor Lügen strafte. "Ich würde mich freuen, wenn wir unser kleines Kochprojekt demnächst verwirklichen könnten... Nenne mir einen Ort und eine Zeit, und ich werde alles dafür vorzubereiten wissen."

Armand:
"Moral... ist meiner Meinung nach ohnehin ein sehr subjektiver Gegenstand. Nicht wahr?"
Der Junge lachte geschmeichelt und griff nach der Orange, die er geschenkt bekommen hatte. Der Klang war süß wie eine Arie. Hell, rund und klar und erntete ihm ein paar Blicke von benachbarten Tischen, die vor allem von Paaren belegt waren. Die Aufmerksamkeit verließ sie jedoch fast augenblicklich wieder.
"Die Theorie sollte man vielleicht irgendwann auf die Probe stellen, Dottore."

Interessant.
Armand war es gewohnt, dass Leute zurückwichen, sofern sie die notwendigen Instinkte besaßen um wenigstens zu erahnen, was sich hinter seiner Fassade aus augenscheinlich physischer Unterlegenheit und dem jungen Gesicht verbarg.
"Aber, aber. Ich hatte zuletzt den Ort gewählt. Warum wechseln wir uns nicht ab und Sie entscheiden einen Treffpunkt für das nächste Mal? Ich schlage lediglich den selben Wochentag und dieselbe Uhrzeit vor. Allerdings weiß ich nicht, was sie für Ihr Projekt benötigen und daran sollte es nicht scheitern."

Hannibal Lecter:
"Die Vorstellung von dem, was moralisch vertretbar oder eben verwerflich ist, hängt immer von den Faktoren der Zeit, des Kulturkreises und der gesellschaftlichen Schicht ab", stimmte Lecter zu, "dementsprechend ist es wohl offensichtlich, wie subjektiv auch die Begriffe von "Gut" und "Böse" eigentlich sind..."
Er hatte die Hände wieder vom Tisch genommen und schabte nun den Rest des Nachtisches aus der Dessertschale. "Aber wenn wir uns noch häufiger sehen sollten, ergibt sich sicher eine Gelegenheit für ein derartiges Experiment..."

Er runzelte kurz überlegend die Stirn. "Nächste Woche... Doch, da habe ich ebenfalls Zeit... und der Ort...?"
Sein Gesicht hellte sich auf, ehe er Arséne eine Adresse in der Innenstadt nannte, die zu einem der kleineren Palazzos in der Stadt gehörte. "Wäre das angemessen? Der Palazzo hat ein überaus gemütliches und wohlproportioniertes Speisezimmer, das mit ein paar wunderschönen Wandgemälden geschmückt ist. Allein dafür schon würde es sich für dich lohnen, nächste Woche dort hin zu kommen..."

Armand:
"Im Grunde ist man sich selbst der Maßstab. Aber da man selbst der Mittelpunkt ist, um den sich das eigene Leben dreht, wäre alles andere seltsam, nehme ich an." Armand nickte langsam zustimmend und zugleich bedacht. Er konnte kaum widersprechen.
Dann blinzelte er als wäre er aus einem Traum aufgewacht. Er überlegte, ob er den genannten Palazzo schon einmal von innen gesehen hatte. Der Name war zumindest bekannt, aber Armand konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern jemals Fuß hineingesetzt zu haben. Nun, umso interessanter.
"Gewiss doch. Ich sagte doch schon, dass ich neugierig bin. So eine Gelegenheit kann ich mir doch nicht entgehen lassen, Dottore."
Das Gespräch neigte sich dem Ende zu, und obwohl er sich noch stundenlang hätte weiterunterhalten können, war er ein wenig erleichtert. Er hatte kaum etwas von dem Dessert probiert, aber allmählich steigerte sich sein Unwohlsein so weit, dass er es nicht einfach ignorieren konnte.
"Ich hoffe Sie verzeihen mir, aber fürchte, dass ich die Besichtigung der Uffizien verschieben muss. Ich sollte demnächst besser aufbrechen." Ein abrupter Wechsel. Der Knabe war schon zu beginn blass gewesen. Inzwischen wirkte er sogar ein wenig fahl, so gut man es bei den Lichtverhältnissen beurteilen konnte.
Armand fühlte eine unbestimmte Trägheit in sich keimen. Totes Blut! Natürlich, was denn auch sonst? Es war eine leichtfertige Dummheit gewesen und doch hatte er der Versuchung nachgegeben, ohne lange darüber nachzudenken.

Hannibal Lecter:
Einem aufmerksamen Beobachter wie Lecter konnte nicht entgehen, daß mit dem Jungen etwas nicht in Ordnung war. Besorgt beugte sich der Doktor etwas vor und faßte Arséne genauer ins Auge:
"Es war etwas an dem Dessert - oder? Oder war der Grund, daß du nichts gegessen hast, daß es dir zuvor schon nicht gut ging?" - Er schüttelte leicht den Kopf: "Du hättest doch etwas sagen können - ich hätte sicher nicht von dir verlangt, etwas zu essen, wenn du es ohnehin im Magen hast!"

Armand:
"Aber nicht doch, Dottore." Der Junge lehnte sich seinerseits nach hinten.
"Ich bin sicher, dass die Küche auf Qualität Wert legt. Es war lediglich nicht nach meinem Geschmack. Ich sagte doch bereits, dass ich kompliziert bin. Außerdem: Ihnen geht es doch blendend", wehrte der Junge ab. Es war schließlich nicht so als hätte der Mann ihm den Löffel an die Lippen geführt oder darauf beharrt.
"Ich bin müde." Das entsprach der Wahrheit. Um genauer zu sein fühlte er sich träge und merkte, wie die Konzentration ihm langsam entglitt. Keine gute Kombination, wenn man sich einem Raubtier gegenüber sah.
"Ich möchte nicht unhöflich sein, aber ich fürchte, einer längeren Unterhaltung könnte ich nicht mit der Aufmerksamkeit folgen, die ich Ihnen zugestehen möchte."

Hannibal Lecter:
Lecter schüttele langsam den Kopf:
"Meine Vermutung wäre auch eher gewesen, daß sich bei dir irgendeine Art von Unverträglichkeit manifestiert hätte..
Aber wie auch immer - ich würde dir ja anbieten, dich nach Hause zu fahren, doch denke ich, ein derartiges Ausmaß an Vertrauen deinerseits wäre wohl etwas verfrüht. Allerdings könnte ich dir anbieten, dich bis zum nächsten Taxistand zu begleiten - nur für den Fall, daß sich dein Unwohlsein doch noch verschlimmert."
Es hatte wirklich den Anschein, als mache sich der Doktor Sorgen um Arséne - als würde es ihm wirklich ein Anliegen sein, den Jungen sicher auf seinem Heimweg zu wissen.

Armand:
"Keine, derer ich mir nicht bewusst wäre." Er lächelte beschwichtigend.
"Wenn Sie darauf bestehen mich ein Stück weit zu begleiten werde ich mich nicht dagegen sträuben. Aber ich denke nicht, dass das notwendig sein wird, Dottore. Danke für Ihre Fürsorge."

Der Kellner hatte indes gesehen, dass sie mit dem Dessert soweit fertig zu sein schienen und kam ein drittes Mal an den Tisch um abzutragen und sich gleichzeitig danach zu erkundigen, ob es noch ein Espresso sein dürfte und ob sie soweit zufrieden waren.
Armand überließ es Lecter die Rechnung zu verlangen und warf einen raschen Blick über die Schulter. Hinter dem Palazzo Vecchio gelegen konnte er San Miniato al Monte nicht erspähen. Allerdings konnte er die Distanz einschätzen und überlegte, ob er in seinem Zustand nicht lieber einen Unterschlupf am diesseitigen Ufer des Arno suchen sollte. Es gab genügend Kirchen in denen er ungestört bleiben würde.

Hannibal Lecter:
"Ich fürchte, das muß ich" erwiderte Lecter mit einem raschen Lächeln, ehe er sich um die Rechnung kümmerte und auch ein angemessenes Trinkgeld nicht vergaß. Der Junge mochte zwar über seine Jahre hinaus intelligent und wehrhaft sein - dennoch war er immer noch ein Junge, und Hannibal hatte nicht vor, eine derart interessante Persönlichkeit an einen unglücklichen Zufall zu verlieren.
Dementsprechend nickte er Armand zu und erhob sich selbst, den Jungen unauffällig beobachtend, ob er beim Aufstehen Probleme haben sollte:
"Und? Wo soll es lang gehen? Für einen Spaziergang durch das nächtliche Florenz bin ich jederzeit zu haben..."

Armand:
Armand schlug sich wacker. Als er sich erhob gab es kein Anzeichen von Schwäche. Er schwankte nicht, er stockte nicht und musste nicht nach Balance suchen.
Er hielt den Orangenzweig und wartete, bis Dr. Lecter seine Tasche aufgelesen hatte, dann suchte er sich einen Pfad zwischen den Tischen hindurch bis auf den Platz. Während ihrer intensiven Unterhaltung hatte er sich weitgehend geleert. Auf den Stufen der Loggia saßen noch ein paar Gestalten und hie und da schlenderten Paare.
"Dann sollten wir das Panorama nutzen, nicht wahr?" Armand wandte San Miniato den Rücken zu und wartete darauf, dass der Mann aufschloss, dann lenkte er seine Schritte in Richtung des Doms. Eine Weile lang ging er schweigend an seiner Seite einher.
"Ihnen ist bewusst, dass ich Sie bald bitten werde umzukehren?", fragte er dann nach ein paar Minuten sanft als sie Orsanmichele hinter sich gelassen hatten und der Turm namens Campanile di Giotto allmählich über den Dächern sichtbar wurde.
"Einen Wolf führt man schließlich nicht zum Schafstall."

Hannibal Lecter:
"Natürlich" - der Doktor nickte kaum merklich. '"Wenn du dich erinnerst, hatte ich etwas derartiges selbst schon erwähnt - und deshalb angeregt, dich bis zum nächsten Taxistand zu begleiten."
Hannibal schien ein instinktives Gespür für das richtige Schritt-Tempo zu besitzen, mühelos paßte er sich Armands Geschwindigkeit an, hielt dabei genug Abstand, um keine falsche Vertraulichkeit zu simulieren. Er würde den Jungen genau so lange begleiten, wie dieser es wünschte - mehr gab es dazu nicht zu sagen.

Armand:
"Ihre Gesellschaft ist sehr angenehm, Dottore." Der Junge sah ihn nicht an, aber er lächelte.
Selbst nach dem langen Abend und der Intimität ihrer Gespräche war der Mann ihm noch ein Mysterium. Armand war mehr als einmal versucht gewesen einen kurzen Blick in die Gedanken des Anderen zu riskieren. Aber das war etwas, das er nicht nur aus reiner Höflichkeit vermied. Nein. Das hier wollte er sich nicht verderben und manchmal war Neugierde schöner, wenn sie erhalten blieb.

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