Work Text:
Wer hätte gedacht, dass nach diesem Fall, der durchaus turbulent war, ein so toller Ausblick auf Phryne warten würde. Sie konnte es noch immer kaum glauben, dass Jack sie zum Walzer aufgefordert hatte. Sie wusste schon seit langem, dass Sie sich zu ihm hingezogen fühlte, jedoch widerstand er jedem ihrer Versuche, einen Schritt weiter zu gehen, mit seiner stoischen Gelassenheit. Dabei wusste Phryne ganz genau, dass es ihm ähnlich erging wie ihr. Vielleicht würde er heute seine Zurückhaltung endlich aufgeben? Schließlich war die Einladung zum Tanz von ihm ausgegangen und sie würde es nur schwer ertragen können, wenn ihr Tanz so endete, wie all ihre anderen Begegnungen und nächtlichen Beisammensein: ohne dass er das tat was sie und auch er, da war sich Phryne sicher, sich sehnlichst wünschten. Sie war schließlich keine außergewöhnliche Detektivin, wenn sie dies nicht bemerkt hätte. Vielleicht würde sie die Sache selbst in die Hand nehmen müssen? Wenn sie weiterhin auf ihn warten würde, könnte es durchaus sein, dass sie alt und grau wäre, bevor Jack sich entschied, seine Selbstbeherrschung aufzugeben.
Phryne betrat den Ballsaal und konnte ihn an der rechten Seite des Plattenspielers entdecken. Sie war äußerst neugierig, welches Stück er ausgewählt hatte. Die Melodie kannte sie nicht, jedoch gefiel ihr was sie hörte und stellte erneut fest, das Jack in solchen Dingen außerordentlich guten Geschmack besaß. Der Dreivierteltakt des Musikstückes ließ keinen Zweifel daran, dass die beiden den Twilightwalzer tanzen würden. Phryne ging näher auf ihn zu und in diesem Moment drehte sich Jack zu ihr herum. Seine durchdringenden blauen Augen musterten sie und ein leichtes Lächeln umspielte seine Augen und Mundwinkel.
"Schön, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind."
Er kam ihr irgendwie verändert vor. Sie fühlte sich etwas verunsichert und überspielte diese Tatsache mit ihrer üblichen Koketterie:
"Selbstverständlich. Das konnte ich mir nicht entgehen lassen. Aber ich muss Sie warnen." Sie machte eine einladende Geste:
"Ich habe mit den besten Walzer getanzt. Französischen Präsidenten, englischen Prinzen, amerikanischen Filmstars." Sie fügte diesem Satz, nach einer wohlüberlegten Pause, noch ein schalkhaftes Lächeln hinzu. Seine Antwort ließ nicht lange auf sich warten:
"Soll mich das in irgendeiner Art und Weise verunsichern?" konterte er in gewohnter Weise und zog sie zu sich heran, um den Tanz zu beginnen. Er war ein sehr guter Tänzer, was Phryne in mehr als einer Hinsicht überraschte. Sie tanzten elegant über das Parkett und sie konnte ihn nah an ihrem Ohr sagen hören:
"Ich glaube, ich kann mit all den aufgeführten Personen mühelos mithalten." Ein süffisantes Lächeln begleitete seinen Satz.
Phryne beschloss ihn ein wenig aus der Reserve zu locken:
"Meine Mutter verliebte sich Hals über Kopf in meinen Vater beim Twilightwalzer." Sie machte eine Pause und ließ das Gesagte auf Jack wirken. Leider blieb die erhoffte Reaktion aus. Er ließ sich einfach nicht in die Karten schauen. Also würde sie ihn noch weiter triezen.
"So ein Walzer ist eine ernste Sache." Phryne ließ den nächsten Satz so beiläufig wie möglich einfließen.
"So ernst, dass sie nicht mehr Herrin ihrer Sinne war." Jack wirbelte Phryne als Antwort darauf mit einer geschmeidigen Bewegung um die eigene Achse und ließ sie anschließend wieder in seine Arme zurück gleiten.
Die beiden waren sich nun näher als vorher und blickten sich tief in die Augen.
"Nicht vorzustellen, was geschehen wäre, wenn Sie an diesem Abend nicht meinem Nichtsnutz von Vater verfallen wäre."
Mal sehen, ob sich Jack damit aus der Deckung wagen würde. Er blieb stehen und somit hörten sie auch auf zu tanzen. Sein Blick schien geradewegs durch sie hindurch zu gehen, als er zu einer Antwort ansetzte. Jedoch konnte er sein Lächeln bei bei dem nachfolgenden Satz nicht verbergen, weswegen dieser nicht so ernst und feierlich wirkte, wie ursprünglich geplant:
"Nun dann," er zog sie noch ein Stück weiter an sich.
"Gäbe es keine Phryne Fisher." Er begann wieder zu tanzen und zog sie mit sich. Jack konnte dabei ein Grinsen nicht unterdrücken. Sie wusste nun auf einmal, warum er ihr so verändert vorkam. Jack wirkte heute wie befreit. Er wirbelte sie immer weiter durch den Raum und manchmal so dicht an sich heran, dass nicht mehr viel zwischen sie passte. Jedoch brachte Jack im nächsten Moment wieder genug Platz zwischen sich und Phryne.
Allmählich fragte sie sich, was er mit der ganzen Sache bezwecken wollte. Nach reiflicher Überlegung kam sie nur zu einem Ergebnis:
Jack wollte sie ebenfalls aus der Reserve locken.
Also war er endlich bereit, einen Schritt weiter zu gehen und das nicht nur beim Tanzen.
Das konnte er haben, schließlich führten sie dieses Hin und Her im wahrsten Sinne des Wortes schon viel zu lange auf. Phryne wollte endlich wissen, woran sie bei ihm war. Nur wie sie es anstellen sollte, dazu fehlte ihr im Moment noch die zündende Idee.
Das sollte sich jedoch im nächsten Moment ändern. Jack zog sie nach einer Figur wieder zu sich zurück, um weiter zu tanzen. Jedoch waren sie sich, so fern das möglich war, noch näher als vorher. Wenn jetzt keine perfekte Gelegenheit wäre, dann würde sie wahrscheinlich nicht mehr so schnell wiederkehren. Sie wollte den ersten Schritt machen, schließlich war sie eine moderne Frau. Außerdem hatte sie die Befürchtung, dass sie auf Jack sonst lange warten konnte.
Er machte immer noch keine Anstalten, etwas an dem Zustand, in dem sie sich gerade befanden, zu ändern, was Phryne langsam aber sicher mit einer Wut erfüllte, die sie so heftig nicht erwartet hatte. Ihr nächster Satz kam daher fordernder über ihre Lippen als sie beabsichtigt hatte:
"Um Himmels Willen, Jack!"
Mit einer geschickten Bewegung legte sie ihre Hand an sein Revers, zog ihn zu sich heran und küsste ihn. Jedoch nur für einen Moment, da sie beide vor Überraschung sehr schnell voneinander zurückgewichen waren. Die Musik hatte ebenfalls aufgehört zu spielen und es herrschte auf einmal Stille im Tanzsaal.
Jacks Miene war in diesem Moment unergründlich. Auch Phryne war sichtlich überrascht. Sie hatte es also endlich getan und konnte nun die ganze Situation nicht richtig einordnen. Wirklich viel Zeit, um über ihre impulsive Tat nachzudenken, hatte sie jedoch nicht. Denn Jack kam mit großen Schritten auf sie zu, zog sie behutsam, ja fast schon zärtlich, an ihn heran und küsste sie. Als sich ihre Lippen nun trafen, war die Überraschung bei beiden gewichen und durch ein Verlangen ersetzt worden, welches sich viel zu lange nicht hatte Bahn brechen dürfen. Er hatte seine Arme eng um sie geschlossen und hielt sie fest an sich gedrückt. Phryne hingegen legte ihre Arme über seine Schultern und drückte ihn noch näher an sich.
Sie hatte in ihrem Leben schon unzählige Männer geküsst, jedoch fühlte sich dieser Kuss anders, geradezu besonders an. Seine tiefen Gefühle für sie konnte sie spüren und auch die unterdrückte Leidenschaft, die sich nun ihren Weg an die Oberfläche bahnte. Er intensivierte den Kuss und fuhr mit seiner rechten Hand langsam ihren Rücken hinauf, was Phryne einen wohligen Schauer über denselbigen jagte. Oben angekommen, legte er seine Hand in ihr Gesicht und fuhr an ihrem Kinn sanft auf und ab. Jeder von ihnen gab sich ganz der Berührung des anderen hin.
Keiner von beiden konnte sagen, wie lange sie schon so da standen und die Nähe des anderen genossen. Schließlich lösten sie sich voneinander und blickten sich mit einem Lächeln an. Nun war alles gesagt, was es zu sagen gab.
