Chapter Text
Der Himmel über London blitzte aschgrau unter Regentropfen. Hinter Hausfassaden stand schon die Nacht und kroch zwischen dunkle Straßen. Die Luft roch nach Enge und Stadt. Nach Menschen.
Und nach Zigaretten.
"Sie wissen schon, dass die Dinger Sie irgendwann umbringen werden?"
Hal krauste die Nase, als er auf den kleinen Balkon trat. Kaum größer als zwei Schritt und bloß so breit, dass Snake sich an die Fassade lehnen musste, um bequem darauf zu passen.
Auch nach mehr als zwei Wochen wirkte der Anblick des legendären Soldaten in der mondänen Umgebung Londons unpassend. Als wäre ein Krieger aus der Vorzeit plötzlich in Hal's winziger Wohnung aufgetaucht. Daran änderte auch die zivile Kleidung nichts. Hal räusperte sich. Schon bereute er, überhaupt die Balkontür aufgemacht zu haben. Der Gedanke, mit Snake gemütlich einen Star Wars Marathon im Fernsehen zu sehen, erschien ihm plötzlich absurd. Es war ne blöde Idee gewesen und...
"Mmmgh", mehr sagte der Soldat nicht.
Dumm. Dumm. Dumm, summte es in Hal's Kopf. Er sollte sich umdrehen und wieder gehen. Snake wollte seine Gesellschaft offensichtlich nicht. Kein Wunder. Hal war noch nie besonders geschickt im Umgang mit Menschen gewesen. Stets befangen und irgendwie fehl am Platz. Und das bei normalen Menschen. Snake war so ziemlich das Gegenteil.
Normale Menschen gaben Hal das Gefühl, unsichtbar zu sein. Das war okay. Er hatte sich daran gewöhnt. Snake jedoch... es war wahrscheinlich so'n Supersoldaten-Ding. Dass er sich stets seiner Umgebung und aller Menschen bewusst war, selbst wenn er sie eigentlich ignorierte. Bei Snake war niemand unsichtbar. Bloß nicht willkommen.
Ein kurzes, humorloses Lachen entfuhr Snake und er drehte sich zu seinem "Mitbewohner" um, eine Hand in der Tasche der ausgewaschenen Jeans, die andere auf der Brüstung.
Ja, okay, der Soldat fand ihn wahrscheinlich total dämlich und nervig und viel zu vorhersehbar. Zu Recht. Hatte er also noch viel zu verlieren?
Hal versuchte, sich betont lässig gegen das Geländer zu lehnen, was ihm natürlich misslang.
Lässigkeit war nicht so sein Ding.
"Es läuft nachher nen Star Wars Marathon im Fernsehen. Lust ihn zu gucken?", fragte er mit ungefähr gleichem Erfolg was die Nonchalance betraf. Zu hastig stolperten die Worte von seiner Zunge. Als hofften sie, Snakes Aufmerksamkeit zu entgehen, wenn sie sich genug beeilten. Selbst ihnen schien klar zu sein, wie blöde er klang.
Fast hoffte Hal, dass Snake einfach 'Nein' sagen würde und er den Rückzug antreten konnte.
Hal wusste immer noch nicht, ob ihm die Idee gekommen war, weil er hoffte, dass es ein bisschen die Spannung zwischen ihnen nehmen würde. Dass er sich danach weniger unwohl fühlen würde. Oder ob es war, weil Snake ihm irgendwie Leid tat. Es war so offensichtlich nicht seine Welt und Hal wusste, wie einsam es sein konnte, wenn man nicht dazu passte. Natürlich hatte er keine Ahnung, ob Snake überhaupt Teil der Welt sein wollte... okay, wahrscheinlich nicht, immerhin hatte er sich nach Alaska zurückgezogen. Sehr viel weiter weg von Menschen ging gar nicht. Aber da er nun mal hier feststeckte... war es da nicht für alle leichter, wenn sie wenigstens versuchten, sich zusammenzuraufen?
Snake wandte sich zu Hal und schien im Halbdunkeln sein Gesicht deuten zu wollen. Zu welchem Ergebnis er auch immer kam, er zuckte bloß mit den Schultern und löste sich von der Hausfassade.
"Gut", antwortete er schlicht.
"Gut?", frage Hal fassungslos.
Seine Gedanken hatten Snakes "Nein" so sehr antizipiert, dass die unerwartete Realität ihn für einen Moment aus der Bahn warf. "Ich meine... gut!" stotterte Hal, unsicher, ob er sich über Snakes Antwort nun freuen sollte oder nicht. Ein Marathon! Wieso musste es unbedingt ein Marathon sein? Ein Film hätte doch genügt? So für den Anfang.
Hal richtete sich wieder aus seiner ungemütlichen Lehnposition auf und rückte seine Brille zurecht.
"Ähm. Es fängt in etwa zwanzig Minuten an... möchten Sie... ähm... Popcorn?"
Die Absurdität der ganzen Situation drängte sich Hal immer stärker auf, aber er war entschlossen, es durchzuziehen. Bis zum bitteren Ende.
Bis zu den feiernden Ewoks.
Hal liebte Star Wars und er war sicher, dass ihm die Filme helfen würden, sich zu entspannen, sobald sie einmal angefangen hatten und er zumindest in dieser Hinsicht auf vertrautem Terrain war.
Möge die Entspannung mit dir sein. Oder so.
Ein kurzes, scharfes Lächeln, das Hal nicht so recht deuten konnte, zog an Snakes Mundwinkel, bevor er aus seiner Hosentasche eine weitere verbogene Zigarette zog. Die Flamme des Feuerzeuges zuckte dunkel über sein Gesicht, bevor er den Kopf gegen die Wand sacken ließ.
"Lieber ein Bier", sagte Snake mit rauer Stimme und nahm einen Zug.
"Oh, klar", Hal nickte. Wie war er bloß auf den Gedanken gekommen, Snake könne Popcorn wollen? "Ähm. Okay"
Hal schob seine Brille zurecht, nickte noch einmal und trat zurück in die Wohnung, um sich um sein Popcorn zu kümmern und Bier aus dem Kühlschrank zu holen.
Okay, Star Wars Marathon mit Snake. Warum nicht. Wenigstens hatte er nicht mehr das super kurze Sofa aus seiner ersten Wohnung. Das war bei Jessica Glandale vielleicht praktisch gewesen, aber mit Snake neben sich... eher nicht so.
Hal schüttelte langsam den Kopf, noch immer kaum fähig zu glauben, dass Snake tatsächlich "Ja" gesagt hatte.
"Ah, perfektes Timing", rief Hal, als Snake vom Balkon wieder in die schmuddelige Zwei-Zimmer-Wohnung trat.
Hal setzte die Bierflaschen auf zwei Untersetzer, die Schüssel Popcorn dazwischen. Schon breitete sich Vorfreude in seinem Inneren aus und verdrängte einen Teil der Befangenheit. Für ihn war Star Wars ein bisschen wie nach Hause kommen. Alles war vertraut und beruhigend, er wusste was passieren würde, die Guten siegten und... und Luke und Leia fanden einander entgegen aller Wahrscheinlichkeit wieder.
Dass das der wahre Grund dafür war, weshalb die Filme ihm so viel bedeuteten, wusste niemand.
Es brauchte auch keiner zu wissen. Er war ein Nerd, klar liebte er Star Wars. Klar hatte er es immer wieder und wieder geschaut und fantasiert, ein Jedi-Ritter zu sein, Macht zu haben und sie für das Gute einzusetzen. Er, der Junge dem niemand etwas zutraute. Der Tüftler und Bastler, der doch so gerne Abenteuer bestehen wollte.
Vielleicht war er tatsächlich ein bisschen wie Luke. Zumindest ein kleines bisschen. Er hatte mehr Mut in Shadow Moses gefunden, als er je zu besessen geglaubt hatte. Er hatte sein Wissen zuletzt doch für das Gute eingesetzt. Ja, vielleicht hatte er ein bisschen was von Luke. Und wenn das so war... dann gab es vielleicht doch Hoffnung, dass er seine Leia irgendwann wieder fand.
Und endlich das Gespenst seines Vaters in seinem Kopf besiegte.
Snakes Blick flirrte zwischen den Bierflaschen hin und her, dann zum Sofa. Die Normalität der Situation schien ihn einen Moment zu verwirren. Er setzte sich an den Rand, den Arm auf der Lehne, den Rücken gegen den Stoff. Entspannt wirkte er nicht.
Vielleicht fand er die Vorstellung seltsam, etwas so Normales mit dem Typen zu tun, der sich auf der Flucht vor Frank Jaeger im Schrank versteckt, sich in die Hose gepinkelt und irgendwas von japanischen Zeichentrickserien gemurmelt hatte. Hal machte sich nichts vor. Trotz Shadow Moses und zweieinhalb geteilter Wochen in einer viel zu engen Wohnung, waren sie noch immer Fremde.
Hal versuchte, in eine bequeme Position auf dem Sofa zu rutschen, ohne Snake zu nahe zu kommen. Ob mehr aus Respekt als aus Befangenheit wusste er nicht.
Die letzten Momente irgendeines Krimis flimmerten über den Bildschirm. Ein blondes Mädchen hing schluchzend in den Armen ihres Geliebten. Hal räusperte sich.
"So... was ist Ihr liebster Star Wars Film?"
Hal war der Meinung, dass man viel über einen Menschen anhand seiner Star Wars Präferenz aussagen konnte. Er selbst mochte den Dritten am Meisten. Das Happy End war das, an dem er sich stets festgeklammert hatte, in Hoffnung darauf, dass es das gute Ende einfach geben musste, auch, wenn alles dagegen sprach. Er war ein hoffnungsloser Optimist, der ohne echte Hoffnung auf den guten Ausgang setzte.
"Wenn ich die falsche Antwort gebe, werfen Sie mich dann aus Ihrer Wohnung?"
"Natürlich nicht. Die einzige falsche Antwort wäre, wenn Sie es gar nicht mögen würden."
Auf die Idee, dass das der Fall sein könnte, kam Hal erst gar nicht. Seiner Meinung nach konnte man Star Wars nicht nicht mögen. "Außerdem würde es mir wohl kaum gelingen, Sie rauszuwerfen", fügte er mit einem verlegenen Lachen hinzu. Er zuckte mit den Schultern. "Ich war bloß neugierig."
Snake war nicht der Typ, der seine Gefühle teilte. Hal wusste kaum irgendetwas Persönliches über ihn. Er mochte Zigaretten, er kam besser mit Hunden als mit Menschen zurecht, er konnte jemanden auf 2500 Meter Entfernung umbringen. Und mit bloßen Händen.
Hal wusste, dass da noch mehr war. In Shadow Moses hatte er kurze Einblicke erhalten. Vielleicht war es das, was ihn so sehr an Snake faszinierte und gleichzeitig verunsicherte. Ein einfach gestrickter Soldat war vorhersehbar, nicht die Sorte Mensch, mit der Hal klar kam, aber niemand, über den er sich viele Gedanken machen musste. Aber Snake war anders. Die unerwartete Tiefe, die Hal in Shadow Moses erahnt hatte, machte ihn gefährlicher und interessanter.
Und Hal war neugierig.
Als er jetzt neben Snake saß, fragte er sich, warum es ihm eigentlich so viel einfacher gefallen war, mit ihm zu reden, als sie noch beide in Lebensgefahr geschwebt hatten. Vielleicht weil es keine Zeit für Lügen gab, wenn man jeden Moment sterben konnte. Wenn man nebeneinander auf einem schäbigen dunkelbraunen Ledersofa saß und die Zeit lang und träge wurde, kam das Grübeln zurück. Kam die Welt mit einem Donnern zum Stehen und verlangte, dass man darüber nachdachte, was man sagte.
"Ich habe nicht alle Filme gesehen", gab Snake zu und trank aus der Bierflasche.
"Oh", zunächst war Hal überrascht und dann war er überrascht, dass er überrascht war. Vermutlich hätte er es sich denken können. Snake hatte sicherlich normalerweise keine Zeit für so etwas "Kindisches". Wer Abenteuer in der Realität erlebte, brauchte wohl keine Fiktion mehr. Plötzlich hatte Hal Angst, dass Snake die Filme albern finden würde. Dass das Urteil über die Filme zum Urteil über ihn, Hal, werden könnte.
"Oh, dann ist das ja die perfekte Gelegenheit herauszufinden, welchen Sie am liebsten mögen.", beeilte Hal sich anzufügen.
Hal versuchte, in seine Vorfreude und Begeisterung zurückzufinden, als die ersten paar Takte der wohlvertrauten Musik erklangen und die leuchtenden Buchstaben auf dem Bildschirm erschienen. Doch die plötzlich kritische Haltung, die Sorge, dass Snake die Filme nicht mögen würde, wischte den Glanz fort, der ihnen immer angehaftet hatte. Hal ertappte sich dabei, wie er Snake aus dem Augenwinkel Blicke zuwarf und versuchte, dessen Reaktion einzuschätzen.
"Wie oft haben Sie die Filme schon gesehen?", Snake lehnte sich etwas weiter in die Polster zurück.
"Uhm... gute Frage. Oft?", ein verlegenes Kichern kroch aus Hal's trockenen Kehle und er griff zur Bierflasche.
Die 100 Millionen Pfund Frage: Wie entspannt man sich neben einem Killer?
Mehr als zwei Wochen war Snake jetzt hier und Hal glaubte nicht, den Mann je wirklich gelöst gesehen zu haben. Er kannte niemanden, der so viel Kraft ausstrahlte, selbst wenn er sich nicht bewegte. Wie eine Raubkatze die jeden Moment in tödlicher Bewegung explodieren konnte. Oder eben eine schnell zuschnappende Schlange.
"Die Filme haben mir über ne schwierige Zeit geholfen. Also ja, ziemlich oft."
Hal wusste nicht, warum er das gesagt hatte. Aber irgendwo zwischen dem beruhigenden Flimmern des Fernsehers, der Dunkelheit des Zimmers und der rauchigen Anwesenheit Snakes kamen die Erinnerungen. An E.E., an chlorversetztes Wasser, das in den Lungen brennt.
Er nahm noch einen Schluck, rückte die Brille zurück auf seine Nase und atmete aus. Griff nach einer Handvoll Popcorn. Lachte.
"Ich kenne sie also ziemlich auswendig".
Die Flasche war schon fast leer, als Snake sie mit einem leisen Klacken zurück auf den Tisch stellte.
"Auswendig?"
"Naja, so gut wie." Hal zuckte mit den Schultern
Eigentlich hätte er darauf bestehen müssen, dass sie die Filme schweigend würdigten, aber Hal kannte sie tatsächlich weitgehend auswendig und Snake würde wohl ohnehin nicht in den fiktiven Weiten versinken.
Herausforderung angenommen.
Leias wütende Ansprache gegen Grand Moff Tarkin bekam er ziemlich gut hin, was Timing und Intonation anging.
Hal war es egal, dass er sich gerade ziemlich lächerlich machte. Dass sein Stolz darauf, Star Wars auswendig zu können, in Anbetracht von Snakes Talenten lachhaft war.
Hallo, mein Name ist Hal, ich kenne Filmdialoge auswendig . Und das ist mein Kumpel Snake, er kann Leute umbringen und hat ne atomare Katastrophe verhindert. Dreimal. Also wer ist jetzt cooler?
Hal schob seine störrische Brille höher und lehnte sich etwas nach vorne, als er Tarkins Antwort mitsprach. Traurig, dass er Leias Stimme besser hinbekam als Tarkins tiefe. Snake hätte nicht solche Probleme gehabt.
Snakes Lachen klang wie ein rostiger Pick Up, der jahrelang vergessen und unter einer Plane verdeckt vor einem verfallenen Farmhaus gestanden hatte. Hal zuckte zusammen, als er das Geräusch vernahm, weil es so überraschend laut war und zunächst gar nicht als Lachen identifizierbar. Wahrscheinlich hatte Snake lange keine Gelegenheit mehr zum Lachen gehabt.
"Nerd", stellte Snake trocken fest und wandte sich wieder zum Fernseher.
Hal war unsicher, ob er nun Snakes Respekt für immer verloren hatte, ob er zu weit gegangen, zu offen gewesen war.
Doch Snakes Gesicht sprach eine andere Sprache. Ja, vielleicht lachte er über ihn, aber es war kein Lachen, bei dem sich Hal unwohl fühlte. Nicht bei dem Grinsen, das Snakes Lippen verzog. Nicht bei dem scherzhaften Tonfall. Snake war nicht abgeschreckt, es amüsierte sich bloß. Und nach Shadow Moses hatten sie das beide verdient.
Star Wars als Allheilmittel wirkte immer noch.
Erleichtert atmete Hal aus.
"Schuldig im Sinne der Anklage. Aber das wusstest du doch schon--"
Oh, verdammt! Hal biss sich auf die Zunge, als ihm das "du" so einfach raus rutschte. Die Hundert Pfund Frage schien er weitgehend beantwortet zu haben, blieb die Einemillionundeins Pfund Frage: Was macht man, wenn man sich neben einem Killer zu sehr entspannt hat?
"Du hast dir auch nicht wirklich Mühe gegeben, das vor mir zu verbergen".
Hal atmete erleichtert ein, lachte verlegen und schob sich die Brille zurecht. "Nein, da bin ich wohl nicht so gut drin."
Du lebst noch. Gratulation.
Vielleicht wurde das ja doch noch was mit dieser seltsamen Partnerschaft und Wohngemeinschaft.
Er seufzte. "Nicht so gut wie im Dialoge auswendig lernen und mitsprechen. Wobei das andere wahrscheinlich praktischer wäre."
Hal nahm sich noch eine Handvoll Popcorn und drehte ein süß-pappiges Stück gedankenverloren zwischen Daumen und Zeigefinger.
Ein Nerd zu sein machte meistens alles schwieriger. Vor allem, wenn man noch dazu ein Otaku war. Sci Fi ging vielleicht grad noch, aber Animes im Original mit Untertiteln? So etwas schauten nur Verrückte. Seine Kindheit wäre vielleicht einfacher gewesen, hätte er es besser verbergen können. Aber ein Kind mit Brille, das schlauer als alle anderen war - die Lehrer oft mit eingeschlossen - und das sich für japanische Popkultur interessierte... nein, so jemand wurde nicht zu den Kindergeburtstagen im Schwimmbad eingeladen.
Schwimmbad. Glitschige Kacheln warm von der Sonne, gleißendes Licht das in die Augen sticht, der beißende Geruch von Chlor...
Hal kniff die Augen zusammen, als blau flackerndes Licht über seine Lider zu zucken begann und alles unscharf zu werden drohte.
Einatmen. Ausatmen. Tu es oder lass es, es gibt kein Versuchen. Einatmen. Ausatmen.
Hal öffnete die Augsen erneut und erfasste rasch, an welcher Stelle im Film sie sich inzwischen befanden, um wieder in vertraute Bahnen zurück zu finden.
"Man weiß nie, wozu man unnützes Wissen braucht", Snake schaute ebenfalls auf den Bildschirm
Hal schnaubte und schob sich einige Stücke Popcorn in den Mund. Klar, sein Star Wars Wissen würde ihm bestimmt von Nutzen sein. Irgendwann. Im Kampf gegen die atomare Bedrohung. Er musste nur den Todesstern aufspüren, den Schwachpunkt finden... und dann Snake reinschicken, damit er die eigentliche Arbeit erledigte.
Hal warf dem Mann neben sich einen kurzen Blick zu. Hier saßen sie, sahen Star Wars und versuchten, sich zu entspannen. Und irgendwann, wenn Hal genügend Hinweise gesammelt hatte, würde er Snake bitten, seinen Tarnanzug wieder anzuziehen und auf die nächste Mission zu gehen. Eine Mission, die ebenso gefährlich werden könnte wie Shadow Moses. Vielleicht sogar noch gefährlicher.
Hal's Kiefermuskulatur spannte sich an, als ihm bewusst wurde, dass es gut möglich war, dass er Snake irgendwann in den Tod schicken würde. Hatte er wirklich das Recht dazu? Seine Pläne waren es, welche die Welt bedrohten. Snake hatte damit nichts zu tun. Es war nicht seine Verantwortung.
Aber Hal brauchte Snake. Ohne ihn hatte er keine Chance, das wusste er.
Irgendwann, gegen Ende des ersten Films und zweieinhalb Bier später, schien Snake sogar so etwas wie eine Phase leichter Entspannung erreicht zu haben. Zumindest insofern, als dass sein Kopf schwer gegen die Rückenlehne presste und sein Ellbogen im abgenutzten Leder versank. Ab und an schleuderte er dem Film ein leises, zustimmendes "Mmgh" entgegen. Schien ein bisschen Sympathien für Han Solo zu entwickeln.
"Wieso Star Wars?", fragte er unvermittelt in einen stillen Dialog hinein.
"Was?" Hal tauchte aus seiner fiktionalen Vertiefung wieder aus. "Oh..."
Es war eine gute Frage, eine berechtigte und irgendwie auch eine, die er hätte erwarten können. Trotzdem wusste er nicht sofort eine Antwort.
Warum liebte man etwas? Mögen? Ja okay, das war eine andere Sache. Da konnten rationale Beweggründe hervorgeholt werden. Aber Liebe war irrational. Doch das konnte er Snake wohl schlecht sagen. Wie konnte es jemand verstehen, der nicht selbst die kribbelnde Mischung aus Aufgeregtheit und Vertrautem spürte, wenn er John Williams Marsch für Darth Vader hörte? Wie könnte er Snake all die Gründe aufzählen, warum er diese drei Filme so sehr liebte, ohne lächerlich zu klingen?
"Ich... ich weiß nicht."
Hal rieb sich mit einem klebrigen Zeigefinger über die gerunzelte Stirn.
"Ich mag das Universum. Die Vielfalt. Das es egal ist, wie man aussieht und ob einen jeder versteht. Die Freiheit des Alls, die Aufregung. All diese Möglichkeiten. Unendliche Mannigfaltigkeit in unendlicher Kombination. Okay, das war jetzt aus Star Trek aber es passt. Klar mag ich die Geschichte, auch wenn sie eigentlich simpel ist. Ich mag, dass die scheinbar schwachen Figuren mit zu den stärksten gehören oder gehören werden. Leia, Luke... ich mag den Humor und das beruhigende Happy End. Bei der Musik kriege ich Gänsehaut. Star Wars war der erste Film mit Dolby Surround Sound, das war im Kino einfach... ich weiß nicht... sowas komplett Neues und Aufregendes."
Er verriet nicht, warum ihn die Geschichte von Luke und Leia besonders ansprach. Wahrscheinlich hatte er sowieso schon zu viel gesagt.
Snake schien er ein bisschen überrumpelt. Überrumpelt von Otacons offensichtlicher Leidenschaft. Er blieb stumm. Darauf hätte er vorbereitet sein müssen. Einen Nerd nach seinem Lieblingsfilm fragen...? Keine gute Idee, wenn man das Schweigen bevorzugte.
Hal biss sich auf die Unterlippe. Snakes Mangel an Antwort war leicht beunruhigend. Er schluckte und unbewusst wanderte seine Hand nach oben, um die perfekt sitzende Brille zurecht zu rücken.
"Also... du kannst ruhig zugeben, wenn du's blöd findest. Ich schmeiß dich nicht raus und nehm's nicht persönlich."
Würde er zwar, aber das musste Snake nicht wissen.
"Du musst's sagen, wenn du aufhören willst."
Ein leises, dunkles Lachen drückte sich aus Snakes Kehle, kaum hörbar. Langsam rollte er seine Schultern zurück, ein leises Knacken, lehnte die Arme auf die Sofarückenlehne, die Augen starr auf den Fernseher gerichtet.
"Selbst wenn", der Spott in seiner Stimme war nicht wirklich verborgen "Immerhin ist die Prinzessin heiß."
Leia ... ja klar... das war's was die anderen immer noch am besten verstehen konnten. Dass man die Prinzessin heiß fand und die Filme deswegen guckte.
Hal schluckte den leicht bitteren Geschmack der Enttäuschung herunter. Natürlich fand Snake Leia heiß. Jeder fand Leia heiß!
Warum hatte er nur je erwartet, dass es bei Snake anders sein würde, dass er vielleicht mehr sah, als nur eine heiße Tussi, die rumschoss.
Es war nicht Snakes Schuld, dass Hal sich in die Verteidigungsrolle gedrängt fühlte, wenn irgendwer Leia auf ihr Äußeres reduzierte. Sie war so viel mehr als nur das. Aber die meisten sahen das nicht.
Leia war seine erste große Liebe gewesen und deswegen fühlte er sich besitzergreifend, wenn es um sie ging, fühlte sich eifersüchtig. Irrationaler Weise kam ihm der Gedanke, dass Leia Snake sicherlich vorziehen würde, auch wenn der nicht ganz so charmant war wie Han. Okay, gar nicht.
Genauso frustrierend war er allemal.
Hal zwang sich zu einem schwachen Lächeln.
"Klar, das ist sie. Du wirst Freude am Dritten haben..."
Spätestens nach dem Slave-Bikini-Outfit war Leias Schicksal als Hot Space Babe auf immer besiegelt gewesen. Sie hatte sicherlich als Wichsvorlage für eine ganze Generation von Jungs gedient. Auch für Hal, wofür er sich immer noch schämte. Er versuchte, sein schlechtes Gewissen damit zu beruhigen, dass er sich einredete, immerhin mehr als nur ihren Körper an ihr zu schätzten.
"Bestimmt", murmelte Snake. Vielleicht hatte er mitbekommen, dass er Hal enttäuscht hatte.
Die zwei Männer versanken im Schweigen, im Flimmern des Fernsehers, im Kreischen der Laserpistolen. Hal hätte froh sein sollen, dass er den Film nun aufmerksam schauen konnte, aber seltsamer Weise sehnte er sich nach dem Gespräch zurück , sogar nach Snakes rauem, rostigen Lachen. Denn für einen Moment, da hatte es sich richtig angefühlt, so als würden Freunde auf der Couch 'nen netten Abend verbringen. Nicht zwei Halbfremde, die doch zusammen durch die Hölle gegangen waren, die wussten welche Badgewohnheiten der jeweils andere hatte, welche Frühstücksvorlieben.
Hal verfolge, wie Luke bei Yoda lernte, wie Leia und Han bei Lando Calrissian in der Wolkenstadt Zuflucht fanden und verraten wurden, und schließlich wie Han in Karbonit eingefroren wurde und Luke seine Hand verlor.
"Das war so ziemlich der beschissenste Cliffhanger aller Zeiten", brach Hal endlich das Schweigen, als der Abspann des zweiten Films in ewigen Namenreihen vorbei rollte.
"Nichts überbietet die Cliffhanger in James Bond", murmelte Snake.
Snake war James Bond Fan?! Okay, vielleicht nicht gerade Fan aber... Wahrscheinlich hätte ihn das nicht überraschen sollen. Immerhin gab es da Frauen. Und Action. Hal war trotzdem verwirrt... inzwischen war er bereit gewesen zu glauben, dass Snake einfach generell keine Ahnung von Popkultur hatte, weil der arme Mann neben seinem ganzen Training keine Zeit für so etwas hatte.
Die Verwunderung über Snakes plötzliches Outing als James Bond Gucker lief jedoch nur in einem kleinen Teilbereich seines Gehirns ab. Der wesentliche größere spuckte ohne Nachdenken aus: "Aber da musste man doch nicht drei verdammte Jahre warten, bis man erfährt, ob Han gerettet werden kann!"
In seiner Empörung über diesen mangelhaften Vergleich schob er sich die Brille beinahe mit einem Stück Popcorn nach oben, bevor er es bemerkte und es böse anstarrte, als habe es sich heimlich in seine Hand geschlichen. Er warf es in den Mund und schluckte ohne zu Kauen runter. "DREI JAHRE!!!"
"Ich bin nicht sehr geduldig" knurrte Snake und rollte seinen Kopf zur Seite, um Hal anzusehen. "Mir haben drei Sekunden Cliffhanger schon gereicht. Vermutlich hätte ich diesen Lucas längst umgebracht, wenn ich Star Wars Fan wäre." Sein Lächeln wurde eine Spur bitter, aber er drehte sich nicht weg.
Hal schluckte. "Ich werd's mir merken." Er wusste es - glaubte? - wusste - dass Snake nur einen Scherz machte und doch konnte er den Anflug von Nervosität nicht unterdrücken, der in seine Stimme gekrochen war. Snake konnte seine Worte wahr machen.
"Bei dir Pizza zu liefern, muss echt die Hölle sein. Und ich dachte immer, Soldaten hätten Geduld. Wolf meinte das jedenfalls..."
Hal zog eine Grimasse und schalt sich selbst dafür, dass er mit Shadow Moses und Wolf angefangen hatte.
In seinem Kopf hallte die eigene, weinerliche, verzweifelte Stimme wider, die Snake anflehte, Wolf zu verschonen. Natürlich hatte er es nicht getan. Hatte es nicht gekonnt.
"Ich bin kein Scharfschütze." Es war einfach nur eine Feststellung. Ruhig und leise. So als würde es alles erklären. Und dass, obwohl Wolf und er nicht unbedingt verschieden gewesen waren. Dieser Drang, frei zu sein. Niemandem zu folgen. Und doch war Snake hier. Auf der Suche nach neuen Missionen nach neuen Herausforderungen. Nach neuen Aufträgen. Snake starrte Hal noch immer an.
Hitze stieg in seinen Wangen auf.
"Entschuldigung... ich hätte... ich hätte das nicht ansprechen sollen. Es tut mir Leid." Die Worte stolperten hastig über seine Lippen. "Das war so dumm von mir."
Hal verbarg das Gesicht in seinen Händen, wollte sich vor diesem Blick verstecken, vor den unlesbaren Zügen des Soldaten.
Er war einfach nur DER GRÖSSTE IDIOT ALLER ZEITEN. Er hatte doch nur ein bisschen entspannen wollen.
Nicht über Shadow Moses reden.
Das war die unausgesprochene Regel Nummer Eins in ihrem seltsamen kleinen Haushalt.
Über die Metal Gear Technologie und ihre weitere Mission ja, aber über nichts, was auf der Insel passiert war.
"Es tut mir Leid, Snake", Hal tauchte aus seinen Händen wieder hervor, mit Worten und Augen um Verzeihung bittend.
Snake war nicht erpicht darauf, über Shadow Moses zu reden. Das war offensichtlich. Aber es überraschte Hal, dass diese unsichtbare Wand aus Verbitterung und rauem Zorn nicht herunterklappte.
"Lass uns einfach den Film weiter schauen", auch seine Stimme überraschte Hal. Er hatte beinahe erwartet, dass er kalt klingen würde. Vielleicht auch zornig. Abweisend. Aber stattdessen bliebt er verdächtig ruhig.
Hal blickte Snake einen Moment länger an, wartete auf irgendein Zeichen, auf ein Verschließen des Gesichts, auf Wut, auf Bitterkeit, auf Resignation. Aber in Snakes Gesicht ließ sich nicht lesen.
"Okay." Es kam leiser heraus als gewollt. "Danke," schob Hal hinterher und wusste kaum wofür. Dafür, dass Snake ihm nicht die Kehle zudrückte, nicht sauer auf ihn war, weil er so dumm und unvorsichtig war. Vielleicht auch dafür, dass Snake hier war. Nicht bloß, dass er mit ihm Star Wars guckte, sondern, dass er seinen einsamen Rückzugsort verlassen hatte um ihm zu helfen.
Hal wurde auf einmal klar, dass er sich in den zwei Wochen, seit Snake sein Angebot - oder eher, seine Bitte - angenommen hatte, nicht bedankt hatte. Er hatte "Oh, gut" gestammelt, erleichtert, als der Soldat zusagte. Und dann hatte er sich in Erklärungen der Pläne und des Stands der Informationen geflüchtet.
Das erste Mal Danke hatte er gesagt, als Snake mit dem Einkauf zurück kam und es war ein geistesabwesendes Genuschel gewesen, während er über Plänen grübelte.
Hal warf ihm einen weiteren Seitenblick zu. "Wirklich, danke, Snake."
"Du kannst mir danken, wenn diese Pläne vom Schwarzmarkt verschwunden sind."
"Okay, das tue ich. Versprochen." Hal mochte nicht viel über Snake wissen, aber dass der Soldat es nicht leiden konnte, wenn man ihm dankte, das hatte er mitgekriegt. Snake war ein Held, egal, wie sehr er sich dagegen sträubte, aber er wollte nicht, dass man ihn so behandelte. Er machte nur seinen Job. Wahrscheinlich war das der Grund, warum Snake ihm nie dafür gedankt hatte, dass er ihm und Meryl die Flucht ermöglichen wollte, indem er sich mit der Basis zusammen in die Luft sprengen ließ. Nicht, dass Hal sehnsüchtig auf nette Worte wartete. Snake hatte nicht darum gebeten, es war Hal's Entscheidung gewesen. Genauso wie es Snakes Job gewesen war, Hal zu retten.
"Ich schmeiße sogar noch ne Flasche Scotch dazu. Okay, vielleicht wird's auch nur ne Pizza... je nach meiner finanziellen Lage zu dem Zeitpunkt."
Hal's Blick wurde vom Fernseher wieder angezogen. "Oh, aber jetzt kommt Slave-Bikini-Leia!"
Snakes Mund verzog sich zu einem kleinen Lächeln und er wandte sich dem Fernseher zu.
Sein Schweigen störte Hal nicht, ermöglichte ihm vielmehr, wieder in den Film abzutauchen und Leia anzufeuern, als sie Jabba the Hut, Jabba den Widerlichen, mit ihrer eigenen Kette erwürgte. Er mochte die perfide Ironie, dass Jabba Leia selbst die Waffe geliefert hatte, die ihn schlussendlich zerstörte. Für Hal war dieser Sieg über den Unterdrücker bedeutungsvoller als Lukes Sieg über Darth Vader mithilfe der Macht. Nicht, dass er den Kampf nicht ebenfalls liebte, aber Luke war im Zuge seiner Ausbildung in schwer erreichbare Ferne gerückt, die Macht machte ihn stark und... naja... mächtig... aber er war nicht mehr der gleiche Farmerjunge von Beginn des Films, mit dem man sich gut identifizieren konnte. Leia blieb eigentlich immer die gleiche. Sie machte aus wenig viel und ließ sich von niemandem unterkriegen oder etwas sagen, nur weil er mehr Macht als sie besaß. Hal wünschte sich, mehr wie sie sein zu können - und die Tatsache, dass er sich mit einem Mädchen identifizieren konnte, vereinfachte seine Beziehung zu der Figur nicht gerade. Oder seinen Stand als Nerd, als Mann, der nur das appetitliche Fleisch sehen sollte.
Hal bemerkte nicht, wie dem Soldaten neben ihm die Lider immer schwerer wurden, wie dessen Atem ruhiger und langsamer ging. Erst als Luke und Leia sich gefunden hatten, die Ewoks genau wie der Rest der Galaxie den Sieg gegen das Imperium feierten und der Geist Anakins neben die von Obi-Wan und Yoda trat, warf er einen Blick zu seinem Mitbewohner hinüber um abzuschätzen, wie ihm die Filme wohl gefallen hatten.
Snakes Gesicht war gegen die hohe Rückenlehne des abgewetzten Sofas gelehnt, Augen geschlossen und der Mund leicht geöffnet. Die muskulöse Brust unter dem T-Shirt hob und senkte sich gleichmäßig.
Der Super-Soldat schlief.
Er schläft!
Hal konnte sich nicht entsinnen, wann er Snake zum letzten Mal schlafen gesehen hatte, ob er es überhaupt je getan hatte. Er wusste, dass Snake nicht viel schlafen konnte, da er viel zu oft nachts durch die Wohnung schlich, nur durch das leise Ploppen des Bierverschlusses oder das Glimmen einer Zigarette auf dem Balkon wahrnehmbar in den Schatten der Wohnung. Ein oder zwei Mal hatte er unterdrückte Laute aus Snakes Zimmer vernommen auf einem nächtlichen Klogang und hatte daraus geschlossen, dass Snake an Albträumen litt. Es wunderte ihn nicht, nach allem, was er durchgemacht hatte.
Auch jetzt zeugte die Anspannung auf dessen Zügen nicht von einem ruhigen Schlaf. Aber es schien wie ein Wunder, dass er überhaupt weggenickt war. Entweder war er durch die kurzen Nächte inzwischen so übermüdet, dass der Schlaf ihn in einem schwachen Augenblick übermannt hatte. Oder aber er hatte sich irgendwann und unbemerkt neben Hal entspannt und vertraute ihm genug, um in seiner Gegenwart auf stete Kontrolle und Wachsamkeit zu verzichten. Hal hoffte das letztere und glaubte an ersteres.
Vorsichtig griff er nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus. Als er sich langsam erhob, wünschte er sich, seine Gelenke würden nicht so knacken, dass er geschmeidig und sicher in seinen Bewegungen war, wie ein schleichender Soldat und nicht der unbeholfene Computernerd, der sich unwohl im eigenen Körper fühlte. Er wollte Snake nicht wecken.
Irgendwie brachte er es zustande, sich vollkommen zu erheben und mit einer Hand nach der Decke auf seiner Armlehne zu langen. Eigentlich mochte er es, sich beim Fernsehen darunter zu kuscheln, aber für einen "Männerabend" auf der Couch war es ihm unangemessen geschienen.
Hal starrte Snake einen Augenblick lang einfach nur an.
Okay, entweder wacht er gleich auf und erwürgt mich, bevor er realisiert dass ich es bin oder...
Hal schaffte es die Decke halbwegs über der schlafenden Gestalt Snakes auszubreiten. Ohne getötet zu werden.
Puh!Er atmete erleichtert auf, schob sich langsam am Couchtisch vorbei und versuchte, leisen Schrittes in Richtung Bad zu gehen.
Snake schreckte auf.
Sein Kopf schien einen Moment zu brauchen, um mit dem Instinkt mitzuhalten.
Sein Körper war verkrampft, war aufgesprungen, hatte sich das Knie am Sofatisch gestoßen. Bierflaschen klirrten.
Snake starrte auf seine Hände, abwehrbereit erhoben. Seine Finger zitterten.
Er ballte die Fäuste, machte einen Halbschritt nach vorn, verfing sich mit den Füßen in der Decke.
Seine Stirn runzelte sich, als er auf den Stoff auf seinen Beinen blickte.
"JESUS!" Hal war so heftig zusammen gezuckt , dass er die Balance verlor und gegen den Türrahmen taumelte. Fast. Fast hätte er es aus dem Zimmer geschafft, ohne einen Laut zu machen. Aber Snakes plötzliches Aufwachen, der unerwartete Laut in seinem Rücken hatte sein Herz in Overdrive versetzt. Adrenalin schoss ihm durch die Adern und erreichte als Rauschen seine Ohren.
Snakes übermüdetes Gehirn schien mehr als die normalen Millisekunden zu brauchen, um die Situation zu entschlüsseln. Das Sofa. Der Fernseher. Die Decke. Der Nerd.
Er ließ die Hände sinken.
"Otacon!", seine Stimme war rau.
"Snake" Hal dehnte die Silben des Namens, unsicher geworden. "Du bist eingeschlafen. Ich wollte dich nicht stören." Hal stand noch immer halb zum Ausgang gedreht bei der Tür. Er sah, dass Snake verwirrt war. Eine kurze Schlafperiode konnte desorientierender wirken, weil der Geist aus der falschen Phase zurück an die Oberfläche tauchte. Das Problem des Sekundenschlafs bei Autofahrern. Das Problem vom Einnicken bei eingeschaltetem Fernseher. Das Problem von übermüdeten Soldaten im Kampf.
"Schon gut, ich kann dir morgen erzählen, wie es ausgegangen ist. Du hast länger ausgehalten, als ich gedacht hätte", fügte er mit einem Lächeln hinzu.
Erst langsam schien sich die Unordnung in Snakes Kopf zu legen, in seinen Bewegungen. Fahrig fuhr er sich mit der Hand über die Bartstoppeln. "Gut", sagte er einsilbig. Nachdenklich hob er die Decke auf und faltete sie mit präzisen Bewegungen.
War es ihm... peinlich? Hätte er Snake nicht zudecken sollen? Aber so etwas machte man doch als Partner-in-Crime/Mitbewohner/...Freund?
Hal wollte es sich kaum eingestehen, aber er hoffte tatsächlich auf Snakes Freundschaft, irgendwann. Er war viel zu beeindruckt von ihm, von seinen Fähigkeiten, der schieren Präsenz, die er ausstrahlte, als dass er es nicht gewollt hätte. Ja, vielleicht war es auch ein klein bisschen, weil Snake für ihn ein Held war, sein Held, der ihn gerettet hatte. Nur ein kleines bisschen. Würde sich nicht jeder andere auch wünschen, dass der Held ihn mochte? Dass er selbst zum Goofy Sidekick wurde? Irgendwie war er das ja schon. Er mochte Snake, auch wenn es ihm selbst seltsam vorkam. Snake war an nichts interessiert, das Hal wichtig war - abgesehen vom Stoppen Metal Gears. Er war nicht gesprächig und seine physische Form war so einschüchternd, dass Minderwertigkeitskomplexe kaum ausbleiben konnten. Es wäre besser für sein Selbstwertgefühl gewesen, wenn Snake nicht die Angewohnheit gehabt hätte, so häufig ohne Shirt rumzulaufen. Ob nach dem Training, vor oder nach der Dusche, nach dem Aufstehen... scheinbar immer. Doch Snake schaffte es, diese körperliche Überlegenheit nicht auch noch herauszustellen. Es gab kein Angeben mit Muckis und Protzen und Bizeps anspannen. Snake hielt sich fit, weil sein Überleben davon abhing. Abgesehen davon, schien er es kaum zu bemerken. Und Hal's unscheinbaren Körperbau nahm er genauso selbstverständlich hin. Kein mitleidiger, kein abfälliger Blick. Obwohl Hal ihn auch nicht durch hemdloses Herumlaufen provozierte... es gab Grenzen. Snake war nicht wie die Sporttypen am College, die Hal kannte. Wenn Snake die schweren Tüten beim Einkaufen trug, dann tat er es, weil es logisch war, nicht aus Mitleid oder aus Angeberei. Es machte das Zusammenleben zumindest ein bisschen einfacher und angenehmer.
Und dann war da noch diese andere Ebene, die Hal in Shadow Moses in den Tiefen des Soldaten erblickt hatte. Snake war kein dummer Befehlsempfänger. Nur stumpf und stur. Er war ein hochintelligenter Mann, trotz all seiner Muskeln, und Hal respektierte Intelligenz. Selbst wenn diese Intelligenz von seiner abwich, so konnte er sie doch erkennen. Mit Oberflächlichkeit konnte Hal nichts anfangen, ihn interessierte das Innere. Und Snake hatte mehr Tiefen als der Ozean. Ein Puzzle, das den Forscher in Hal reizte, das entschlüsselt werden wollte.
Der Wunsch nach Anerkennung paarte sich mit Neugierde und heraus kam ein Sehnen nach Freundschaft, das Hal lange nicht mehr so verspürt hatte.
Snake strich die Decke akkurat auf der Sofalehne grade. Vielleicht nur, um einen Augenblick länger nichts sagen zu müssen.
Mit den Armen vor der Brust lief er an Hal vorbei zu seiner Zimmertür.
"Gute Nacht", die Hand auf der Klinke.
"Gute Nacht, Snake", flüsterte Hal, doch seine leise Stimme wurde in der Leere des Raums verschluckt. Er starrte auf die verschlossene Tür zu Snakes Zimmer und fragte sich, was in dem Mann wohl gerade vorging. Vielleicht war es nur die Müdigkeit, vielleicht war es das Gefühl, fehl am Platze zu sein in diesem normalen, gewöhnlichen, kleinen Wohnzimmer in London. London, eine der größten Metropolen der Welt, in der die Menschen jeden Tag um Platz kämpften und sich über die Bürgersteige und Straßen schoben.
Traurigkeit überkam Hal bei dem Gedanken. Er wollte es Snake leichter machen, aber er wusste nicht wie. Alles was es hier gab, waren Einladungen zum gemütlichen Filmegucken, Decken über schlafende Körper gelegt, Tee und Weetabix am Morgen, Popcorn und Bier in der Nacht. Der Lärm der Familie über ihnen, das Piano der Seniorin unter ihnen, das Geschrei des Pärchens neben ihnen (Sex und Streit schienen sich in regelmäßigen Schüben abzuwechseln). Nichts hiervon war Snakes Welt, nichts schien weiter von Shadow Moses und dem Kampf gegen eine atomare Bedrohung entfernt. Aus diesem Grund hatte Hal sich hier niedergelassen. Wenn er schon die Welt zu retten versuchte, dann konnte er sich doch wenigstens an ihrer verrückten Normalität erfreuen, solange es diese noch gab. Das hier war nicht die Welt der Soldaten, sondern der Banker und Geschäftsleute, der Penner und Kriminellen, der Kleinbürger und verzweifelten Singles auf der Jagd.
Die Stadt der Nerds.
