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Der Alkohol löste ein wohlig-warmes Gefühl in Peters Bauch aus. Es war das erste Mal, dass er betrunken war, doch er war der Meinung, dass er sich an das Gefühl gewöhnen konnte. Für ein paar Stunden gab es keine Kelly in seinem Kopf, keinen ungelösten Kriminalfall und keinen Leistungsdruck. Er fühlte sich… leicht. Die Musik, die aus dem hinteren Teil des Schrottplatzes drang, hallte in seinem Kopf wider. Irgendein Popsong, den vermutlich eines der Mädchen ausgesucht hatte.
Er setzte sich auf die Stufen der Zentrale. Die Ruhe war angenehm. Er war ganz allein, alle anderen drückten sich in der Nähe der Musik herum. Doch Peter brauchte einen Moment allein, um seine Gedanken zu sortieren, was sich aufgrund der derzeitigen Trägheit seines Kopfes als gar nicht so einfach herausstellte.
Schritte knirschten auf dem Schotter, und Peter drückte sich gegen die Tür der Zentrale, in der Hoffnung, nicht entdeckt zu werden. Doch zu spät.
„Pete, bist du das?“ Bob trat in das Licht des Baustrahlers, der den Vorplatz der Zentrale erleuchtete. Er hatte sein Shirt aufgeknöpft, sodass ein schwarzes Unterhemd zu sehen war und seine Haare waren merklich verstrubbelter als zu dem Zeitpunkt, an dem Peter seinen besten Freund zuletzt gesehen hatte.
„Hier bin ich.“, sagte Peter. Er blickte auf seine Knie. Bob sah so wunderbar aus, noch schöner als sonst und im Gegensatz zu ihm schien er eine gute Zeit auf der Party zu haben.
„Bist du vor Kelly geflohen?“
„Ein bisschen. Ich brauchte nur etwas Ruhe.“
Bob trat einen Schritt zurück. „Oh. Soll ich gehen?“
Erschrocken schreckte Peter auf. Das Letze, das er wollte, war, das Bob wieder zurück zu den anderen ging, wo Liz, oder eines der anderen Mädchen, vielleicht mit ihm tanzen würden. „Nein – geh nicht.“
Bob forderte ihn auf zur Seite zu rutschen und setzte sich neben ihn. Peter konnte den Arm seines Freundes an seinem eigenen spüren, und, wie dessen Atem sich auf Peters Haut anfühlte. Er roch ein bisschen nach Alkohol, aber das störte nicht.
„Warum bist du nicht bei den anderen?“, fragte er und blickte in Bobs Gesicht.
„Hab mich ein bisschen fehl am Platz gefühlt. Und ich hab die Musik nicht mehr ausgehalten, sie wollten mir das Aux-Kabel nicht überlassen.“ Peter musste lachen.
„Mensch, so schlimm?“ Bob nickte in gespieltem Ernst, bis sein Mund sich zu einem Grinsen verzog. „Mach doch hier Musik an.“
Überrascht blickte Bob auf und erwiderte: „Sicher? Ich will dich nicht langweilen oder so… Außerdem wolltest du Ruhe.“
„Du langweilst mich nie. Und ich mag deine Musik.“
Der Alkohol machte Reden mit Bob ganz einfach, das Richtige sagen schien viel unkomplizierter als sonst. Normalerweise brachte Peter keine zwei Sätze am Stück heraus, wenn er mit seinem besten Freund alleine war.
Dieser errötete. Er errötete. Das konnte nur der Alkohol sein. Er zog sein Handy aus der Hosentasche und tippte einige Zeit darauf herum, bis die ersten Klänge eines von Bobs Lieblingssongs durch die Nacht hallten.
„Das ist von Queen, oder?“, fragte Peter.
„Stimmt. Woher weißt du das?“, erwiderte Bob beeindruckt.
„Man muss ehrlich gesagt kein solcher Musik-Nerd sein wie du, um Queen zu kennen. Außerdem läuft in deinem Auto 24/7 nur Queen.“
„Stimmt. Ich hab vor Ewigkeiten ein paar alte Kassetten von Queen hier bei Titus gefunden, es sind die einzigen, die ich besitze. Und mein Käfer nimmt, wie du weißt, nur Kassetten. Der Song heißt Good old-fashioned Loverboy.“
Passt zu dir. Darauf gab es eine Weile nichts zu sagen, deswegen schwiegen sie. Es war kein ungemütliches Schweigen, und Peter war selten so froh gewesen, einfach nur neben einer Person zu sitzen.
„Willst du tanzen?“ Bob sprach so schnell, dass Peter ihn fast überhört hätte. Sein Magen überschlug sich und auf einmal hatte er große Mühe, einen einzigen, einigermaßen klaren Gedanken zu fassen.
„Hier?“, fragte er, angestrengt, nicht zu überrascht und aufgeregt zu klingen.
„Glaub mir, Queen ist großartig zum Tanzen.“ Bob hörte sich fast schüchtern an, als ob er einen Rückzieher machen wollte.
„Warum nicht?“, meinte Peter.
Bob erhöhte die Lautstärke seines Handys und stand wie elektrisiert auf. Er zog ihn nach oben. Sich an der Hand haltend hüpften sie zu der Melodie des Lieds. Bob sang ein wenig.
Ooh, let me feel your heartbeat
Ooh, ooh, can you feel my love heat?
Come on and sit on my hot-seat of love
And tell me how do you feel right after all
I'd like for you and I to go romancing
Say the word, your wish is my command
Peter drehte Bob im Kreis. Er musste lachen, als der Kleinere einen Knicks machte, wofür dieser allerdings das Singen unterbrechen musste. Bobs Hand war warm und fühlte sich sicher an. Tanzen war eigentlich die einzige Sportart, deren Sinnhaftigkeit Peter nie begreiflich gewesen war. Doch mit Bobs Hand in seiner und im Dunkeln, wo sie niemand sehen konnte, fühlte es sich auf einmal ganz leicht an. Sofern man ihr Herumgealbere überhaupt Tanzen nennen konnte.
Das Lied endete und ein neues begann. Es war langsamer als das vorherige und klang ein wenig melancholisch. Bob griff nach Peters freier Hand und trat, als ob er es gar nicht merken würde, näher an ihn heran. Peter löste seine andere Hand aus Bobs Griff und legte sie auf dessen Schulter. Er konnte den Oberkörper des anderen an seinem eigenen spüren. Bob lehnte seinen Kopf an Peters Schulter und blickte nach oben in den sternklaren Himmel.
Es fühlte sich gut an, ihm so nahe zu sein. Nicht, dass Peter nicht schon oft darüber nachgedacht hatte, wie es sein musste, intim mit Bob zu sein. In seiner Vorstellung war es dabei stets ebenfalls dunkel gewesen, da hörten die Gemeinsamkeiten allerdings auch schon auf.
„Wie heißt der Song?“, flüsterte er.
„Space Oddity.“, sagte Bob. „Es geht um einen Typen, der alleine ins All fliegt und die Menschen hinter sich lässt.“
Das klang ziemlich einsam, zumindest Peters Meinung nach. Aber das Lied passte zu Bob, er konnte nicht sagen, ob es traurig oder fröhlich war. Bobs heller Haarschopf leuchtete in der Dunkelheit und die Gläser seiner Brille spiegelten sich in dem spärlichen Licht des Strahlers.
Hatte Kelly sich so gefühlt, als sie zu ersten Mal mit ihm getanzt hatte? Kelly. Kurz kam Peter sich schuldig vor, dann fiel ihm ein, dass sie sich getrennt hatten. Außerdem war es doch nur Bob, mit dem er tanzte. Warum sollte er nicht mit seinem besten Freund tanzen? Just Bros being Bros. Er hatte schon früher mit Justus oder Bob getanzt und er war sich ziemlich sicher, dass Bobs Herz nicht so laut gegen seine Brust hämmerte wie sein eigenes. Er wollte nicht, dass das Lied endete, er wollte nicht, dass sie wieder zu den anderen zurückgehen würden, wo es laut war, wo keine alten Rockklassiker liefen und wo Bob nicht seine Hand hielt.
Der Kleinere zog Peter näher an sich heran und schlang die Arme um seinen Hals. Peter legte vorsichtig seine Hände an Bobs Hüften, wie er es bei Kelly gemacht hatte. Nur dass er sich bei Kelly immer sicher gewesen war, was er als nächstes hatte tun müssen, wie er mit ihr tanzen oder reden sollte. Bei Bob war er sich mit nichts sicher, aber das war ok so.
