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Gerrit

Summary:

Gerrit steht in Kalifornien am Deich, als sein Handy klingelt. Er steht oft hier und blickt auf die Nordsee hinaus, wenn er einsam ist. Und um die Jahreszeit ist er das oft. Die Möwen umkreisen laut schreiend die Buhne vor ihm. Ab und zu fliegt eine zu ihm, wie um zu kontrollieren, ob Gerrit tatsächlich immer noch kein Essen dabei hat. Sie sind von den Touristen verwöhnt, die hier am Campingplatz oder in einem der Ferienhäuser übernachten.

Er kennt die Nummer. Sonne&Mond steht am Display. Die Anwälte aus Köln. Die beiden Fae, die in Deutschland etwas zu sagen haben, obwohl sie nur als Anwälte fungieren und keine Richter sind.

Gerrit geht ran und grüßt erst mal mit einem mürrischen "Moin". Sollen die beiden Schmocks ruhig wissen, dass sie nerven.

Notes:

Wahrscheinlich kann man die Geschichte auch lesen, wenn man Die Jäger im Schatten nicht gelesen hat. Manche Dinge machen aber mehr Sinn bzw. sind leichter verständlich, wenn die Geschichten in der korrekten Reihenfolge gelesen werden. Außerdem enthält diese Geschichte Spoiler für Die Jäger im Schatten.

Chapter Text

Gerrit steht in Kalifornien am Deich, als sein Handy klingelt. Er steht oft hier und blickt auf die Nordsee hinaus, wenn er einsam ist. Und um die Jahreszeit ist er das oft. Die Möwen umkreisen laut schreiend die Buhne vor ihm. Ab und zu fliegt eine zu ihm, wie um zu kontrollieren, ob Gerrit tatsächlich immer noch kein Essen dabei hat. Sie sind von den Touristen verwöhnt, die hier am Campingplatz oder in einem der Ferienhäuser übernachten.

Um diese Jahreszeit ist der Strand meistens verlassen. Auch heute liegt niemand im Sand, es gibt keine kleinen Kinder, die mit Schaufel und Eimer bewaffnet Kunstwerke bauen und die Strandkörbe stehen alle in Reih und Glied draußen auf der Promenade.

Er kennt die Nummer. Sonne&Mond steht am Display. Die Anwälte aus Köln. Die beiden Fae, die in Deutschland etwas zu sagen haben, obwohl sie nur als Anwälte fungieren und keine Richter sind.

Gerrit geht ran und grüßt erst mal mit einem mürrischen "Moin". Sollen die beiden Schmocks ruhig wissen, dass sie nerven.

Eine Frauenstimme meldet sich. Wahrscheinlich die Sekretärin. "Heute um 12:30 fährt ein ICE von Kiel nach Köln. Ein Ticket in der 1. Klasse liegt am Schalter bereit. Wohnung und City Ticket für Köln sind organisiert. Die Versetzung wurde schon in die Wege geleitet. Weitere Anweisungen und Einzelheiten werden mit dem Ticket zusammen ausgehändigt. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag."

"Etwas Zeit um mein Backbeermus zu packen hätte ich schon gern", grummelt Gerrit und steckt das Handy wieder in seine Jackentasche.

Zum Glück hat Gerrit nicht allzu viel Zeug. Von den meisten Besitztümern hat er sich nach Weyands Tod getrennt. Zu viele Erinnerungen. Und als er hierher nach Kiel gezogen ist, konnte er überhaupt nur sehr wenig mitnehmen.

Das Packen ist also in wenigen Stunden erledigt. Ein großer Koffer und ein Rucksack. Damit ist Gerrit in Kiel angekommen, damit verlässt er es wieder. Die Möwen kreisen immer noch, als er ein letztes Mal den Deichweg entlang marschiert.

~~~

Während er in Hamburg auf seinen Anschlusszug nach Köln wartet, hat Gerrit genug Zeit, um das Kuvert zu öffnen, das mit seinem Ticket auf ihn gewartet hat. Er ist es gewohnt, Anweisungen auszuführen. Seit er aus Bjørnø By weg ist, war es nie anders. Erst als Rechtspfleger in Flensburg und dann als Staatsanwalt in Kiel. Die Rechtsprechung in Deutschland ist fest in der Hand der Fae und er, als kleines Rad, hat zu gehorchen.

Offenbar wird dieses kleine Rad jetzt in Köln benötigt. Gerrit liest das Informationsschreiben und seine Anweisungen, aber seine neue Aufgabe verwirrt ihn. Er hätte erwartet, irgendwann weiter aufzusteigen, vielleicht in den nächsten Jahren bei der Generalstaatsanwaltschaft zu landen. Aber jetzt, in Köln, da soll er als Berater fungieren. Gerrit ist mäßig begeistert.

Köln ist so ganz anders als Kiel, Flensburg oder jeder andere Ort an der Ostsee, den Gerrit kennt. Er vermisst den Geruch des Meeres schon in dem Moment, in dem er aus dem Zug steigt. Es ist hier wärmer. Der Wind fehlt. Und die Möwen. Gerrit hasst Köln schon jetzt.

Sonne & Mond haben für Gerrit eine Wohnung organisiert. Das Haus sieht gar nicht mal so fürchterlich aus, wie er erwartet hat. Modern. Aus rotem Backstein. Im Erdgeschoss Eigengärten, die Wohnungen darüber alle mit Balkonen und Loggien. Weisse Zierelemente, hübsche Fenster. Die Gegend ist ruhig, das Wohnhaus liegt direkt an den Pollerwiesen. Und das Rheinufer ist in Blickweite. Hier fühlt sich Köln beinahe erträglich an.

Die Wohnung selbst ist angenehm groß. Mit zwei Balkonen, Whirlpool und Fußbodenheizung im zweiten Stock. Sie ist mehr oder weniger geschmackvoll eingerichtet. Das weiß-rote Bad und Klo findet Gerrit hart an der Schmerzgrenze, aber sonst ist es eine angenehme Mischung aus gemütlich und elegant.

Die Küche ist riesig und in strahlendem Weiß gehalten. Für Arbeitsplatte und Akzente hingegen wurde eine rotes Holz mit starker Maserung gewählt. Am Esstisch können locker acht Personen sitzen und haben einen schönen Blick in den weitläufigen, grünen Hinterhof. 

Die Farbgestaltung setzt sich auch im Wohnzimmer fort. Eine Wand ist mit dem rötlichen Holz ausgekleidet, aus dem auch der Couchtisch gefertigt ist. Zumindest großteils, denn in der Mitte ist ein weisser Bereich, der das Möbelstück gleich viel moderner wirken lässt. Spätestens jetzt ist sich Gerrit sicher, dass hier ein Profi am Werk war. 

Die breite samtene Sitzlandschaft mit mehreren geflochtenen Übertöpfen links und rechts davon, in denen große, grüne Pflanzen stecken und der direkt vorm Fenster an der Fassade angebrachter Pflanztrog reichen aus, dass Gerrit zum ersten Mal seit er heute aufgestanden ist, lächelt. 

Gerrit überlegt, was er in den Pflanztrog setzen könnte, während er aus dem Fenster auf den Rhein blickt. Für Pilze ist es zu hell, aber vielleicht… was hätte Weyand gewählt? Glockenblumen und Eisenkraut. Vielleicht auch Farn. Mal sehen, ob er etwas davon hier in einem Laden kaufen kann.

~~~

Das Wochenende über ist Gerrit damit beschäftigt, den Pflanztrog zu befüllen. Teilweise sind schon zarte, violette Blüten an den kräftigen Pflänzchen, die er gekauft hat. Als er fertig ist, steckt er noch ein Windrad in die Mitte. Es dreht sich langsam in der sanften Brise. Weyand wäre davon begeistert gewesen.

Außerdem nutzt er die Zeit, um sich die Gegend anzusehen. Der Rhein ist zwar nicht das Meer, aber in knappen zwanzig Minuten ist er zu Fuß am Deutzer Hafen. Das wird wohl für eine Weile seine Heimat sein. Besser, er freundet sich rasch mit der Situation und der Gegend an.

Gerrit geht gerne am Rheinufer spazieren. Das Gras steht hoch und ungeschnitten und wiegt sich im Wind. Hinter ihm ist eine Wiese, auf der Jugendliche lautstark Fußball spielen, als Gerrit am zweiten Abend einfach nur am Ufer steht und den Himmel betrachtet. Hier ist es schön grün. Man merkt Köln die Großstadt gar nicht so richtig an.

Gerrit kommt zu dem Schluss, dass irgendjemand bei Sonne & Mond wohl einen ziemlich vollständigen Akt über ihn angelegt hat. Das alles sind schon eigenartig viele Dinge, die zufällig seinen Geschmack treffen.

Apropos Geschmack. Ob es hier in Köln auch anständiges Essen gibt? Tatsächlich wird Gerrit fündig. Knappe zwanzig Minuten zu Fuß gibt es ein Fischlokal, das ihn ein wenig an die Heimat erinnert. Eine Holzhütte in Weiß und Blau gestrichen mit unzähligen Tischen und Sesseln drum rum. Teilweise überdacht, die meisten Plätze aber nur mit Sonnenschirmen geschützt.

Die Auswahl ist dann… mau. Ja, es gibt Fisch, aber nur sehr begrenzt. Und auch dieses Kölsch ist nicht so gut, wie alle immer behaupten. Erst mit Cola gespritzt wird es erträglich. Aber Gerrit hat beschlossen, sich heute seine gute Laune nicht vermiesen zu lassen. Also isst er eine geräucherte Forelle mit Fritten und redet sich ein, dass ein 'Drecksack' gar nicht so schlecht schmeckt.

Am Sonntag bekommt Gerrit eine E-Mail mit zusätzlichen Infos. Das Team, mit dem er arbeiten soll, von dem er ein Teil werden soll.

Der Teamleiter scheint ein unentschlossener Halb-Asiate zu sein. Gerrit liest stirnrunzelnd den Werdegang. Warum jemand mit diesen Sprachkenntnissen zur Polizei gegangen ist, ist ihm nicht klar. Handschriftlich ist der Vermerk "Schattentänzer" am Ende des Lebenslaufs hinzugefügt. Gerrit hebt überrascht beide Augenbrauen. Das sagt sogar ihm etwas. Ein Anwender also. Langsam klingt diese Sondereinheit doch interessant.

Dann gibt es noch eine zweite Person. Der Lebenslauf weist große Lücken auf. Er beginnt eigentlich erst mit dem Eintritt in die Polizeischule in Berlin. Viktor Zephyr. Der Name sagt Gerrit nichts. Aber der Name seines Lehrmeisters sehr wohl. Alexander Schachner. Der Magier hat offenbar beide Männer ausgebildet. 

Gerrit kratzt sich nachdenklich das Kinn. Das heißt, auch der zweite Kerl ist ein Anwender. Oder gar ein Vollmagier.

Auch hier gibt es einen handschriftlichen Vermerk. 'Jäger'. Gerrit läuft es kalt den Rücken hinunter und er muss an Weyand denken. Warum 'Jäger'? Heisst das, der Kerl hat früher für die Jäger gearbeitet? Würde die großen Lücken in seinem Lebenslauf erklären. Wie sie den wohl umgedreht haben…

~~~

Das Landgericht in Kiel, in dem er gearbeitet hat, war ein heimeliger Bau aus roten Ziegeln in einer unaufgeregten und grünen Gegend. Hier in Köln hat Gerrit das Gefühl, mitten auf der Autobahn zu stehen. Es sind viel zu viele Autos auf der Straße und der Vorplatz des Polizeipräsidiums ist mit unzähligen Steinen gepflastert. Grün gibt es hier vor allem auf dem brach liegenden Grundstück gegenüber in Form von Unkraut, das spärlich und verhungert in dem sandigen Boden ums Überleben kämpft. Schön ist anders.

Gerrit verzieht das Gesicht und geht in den unpersönlichen, abweisenden Bau. Auch das ganze Glas macht das Gebäude nicht freundlicher. Drinnen wird er von zwei jungen Beamten am Empfang gegrüßt. Sie sind ekelhaft freundlich, aber sie geben Gerrit rasch die Auskunft, die er braucht. Mit dem Aufzug hinauf in den vierten Stock. Dann den Gang entlang, bis zum Büro ganz am Ende. Tür 403. Das würde er schon finden. Hoffentlich sind wenigstens die Beamten, mit denen er zusammenarbeiten sollte, nett. Bei Anwendern und Vollmagiern kann man das nie so genau wissen.

Das zu Zimmer 403 gehörige Schild ist noch unbefüllt. Gerrit öffnet die Türe - und versteht plötzlich, was der Vermerk 'Jäger' wirklich bedeutet. Und sein Instinkt übernimmt.