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Kies knirschte unter den Füßen des Mannes, als er beschwingten Schrittes auf das große Herrenhaus zuging. Er war diesen Weg dutzende Male zuvor gegangen, Jahre zuvor, während des Krieges, als er hier stationiert gewesen war. In den letzten zwei Jahren hatte sich scheinbar nichts an dem Anblick verändert, der ihm jetzt begegnete. Das Haus war noch dasselbe, die Ländereien lagen da in der Mittagssonne, wie sie es immer an jedem anderen Tag im Sommer getan hatten. Es war als wäre die Zeit stehen geblieben. Und obwohl der Krieg nun endlich vorüber war, war genau diese Hoffnung der treibende Grund für sein Erscheinen. Eine Veranstaltung war im Gange, ein Zusammentreffen von Soldaten, die für ihren Einsatz an der Front ausgezeichnet worden waren, hier in diesem Haus, das er für ein paar Jahre sein Zuhause hatte nennen dürfen. Und das war es gewesen, sein Zuhause. Rückblickend war seine Zeit in Button House, obwohl sie inmitten eines Krieges stattfand, die glücklichste Zeit im Leben von Captain James T. Willoughby gewesen. Und während er seinen Beruf und sein Projekt geliebt hatte, dem Charme des alten Hauses und den Ländereien verfallen gewesen war, so war es am Ende doch eine Person gewesen, die diesen Ort für ihn zu einem Zuhause hatte werden lassen.
Lieutenant Anthony P. Havers war des Captains rechte Hand gewesen. Ein kluger, großer, athletischer Mann, der eine ruhige, natürliche Autorität ausstrahlte, die nur von seinem schelmischen Humor, seiner Liebenswürdigkeit und seiner Güte übertroffen wurde. Der Captain war ihm beinahe augenblicklich verfallen, hatte sich jedoch nie erlauben dürfen diese Sentimentalität zu adressieren, handelte es sich hierbei doch um ein Verbrechen unter dem Gesetz. Und dennoch hatte er sich nie mehr als sein wahres Selbst empfunden als in den Stunden, die sie zusammen in seinem Büro damit verbracht hatten über Bauplänen zu schmieden, Protokolle zu schreiben und Berechnungen durchzuführen. Der Captain war nicht beliebt gewesen, bei den Soldaten die unter seinem Kommando gestanden hatten, sie hatten ihn als strikt, albern und pathetischen Anführer empfunden und ihn dies oft spüren lassen, aber Havers hatte diese Auffassung nie geteilt und war dem Captain schnell zu einem treuen Wegbegleiter und wahren Freund geworden, der ohne es zu wissen, des Captains ganzes Herz in Händen hielt. Es war ein schlimmer Schock für den Captain gewesen, als sich Havers an die Nordafrika Front hatte transferieren lassen um aktiv am Kriegsgeschehen teilzunehmen. Von einem Augenblick zum nächsten hatte sich James auf einmal heimatlos gefühlt, als sein Herz zusammen mit seinem Lieutenant an die Front gezogen war.
Trotz der Zeit, die seitdem vergangen war und zu des Captains eigenem Erstaunen, und gelegentlichem Verdruss, war ihm bewusst geworden, dass sein Herz noch immer nicht zu ihm zurückgekehrt war. Dass er sich immernoch wünschte, er hätte sich damals seinem Lieutenant offenbart, in der verzweifelten Hoffnung, dass all die Blicke und sanften Worte, die er bei Havers bemerkt hatte, nicht einem Hirngespinst entsprungen gewesen waren und auch wenn er die Gefühle des Captains nicht erwidert haben sollte, er diese zumindest akzeptiert und als Geheimnis bewahrt hätte.
Der Captain selbst hatte England während des Krieges nicht verlassen. Er hatte seinem Land auf seine eigene Art gedient. Eine Arbeit, die ihm zwar keine Abzeichen eingebracht hatte, auf die er dennoch stolz war. Aber nun, da die Heimgekehrten sich versammelten würde er endlich, nach 5 langen Jahren, die Gelegenheit ergreifen können um Havers Schicksal in Erfahrung zu bringen, sich vergewissern ob er überhaupt noch lebte und sollte ihm das Universum hold sein, den Mann wiedersehen, dem selbst nach all dieser Zeit immer noch sein Herz gehörte.
Man hatte ihn nicht hinein gelassen. Der junge Soldat, der am Tor stationiert gewesen war, hatte den Captain mehrfach darauf hingewiesen, dass es nur ausgezeichneten Soldaten erlaubt war, das Haus an diesem Tage zu betreten. Des Captains Einwände, dass er selbst zur Kriegszeit der leitende Kommandant gewesen war, stieß hierbei auf taube Ohren.
Er wandte sich ab.
Havers war womöglich am Leben. Er befand sich womöglich das erste Mal seit 5 Jahren in der Nähe seines ehemaligen Lieutenant.
Er würde sich nicht einfach heimschicken lassen, ohne sich zu vergewissern, was aus seinem ehemaligen Lieutenant, aus seinem Freund, geworden war.
Der Captain, der das Haus wie seine eigene Westentasche kannte, fasste einen Plan.
Er stieg durch das Fenster ein, das, ohne dass sich der Captain des vollen Ausmaßes bewusst gewesen wäre, bereits zu seiner Zeit in Button House eine beliebte Option gewesen war, um das Haus nach Eintritt der Nachtruhe ungesehen zu verlassen und wieder zu betreten. Der Einstieg bereitete ihm ein paar Schwierigkeiten, er war nicht mehr der Jüngste, aber zum Glück kam niemand um nachzusehen, als er mit einem Poltern auf dem Boden aufschlug. Der Captain rappelte sich auf. Eine große Veranstaltung wie diese würde voraussichtlich im Saal stattfinden, was bedeutete, dass der Eingang höchstwahrscheinlich durch den Vorraum geschehen würde, von dem sich die meisten Gänge in Button House abzweigten. Alles was der Captain nun noch benötigte, war ein Mittel, sich unter den Soldaten und ihren Medaillen, frei zu bewegen, ohne Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sollte sich die Nutzung der Räume in den letzten Jahren nicht drastisch geändert haben, wusste er genau welchen Weg er wählen musste, um auf seinem Weg zum Saal an einer Garderobe vorbei zu kommen. Er setzte sich vorsichtig in Bewegung, darauf bedacht, möglichst jeglichen Soldaten aus dem Weg zu gehen.
Sein Herz raste, als ihm im Gang des Gaderobenzimmers, zwei Männer entgegen kamen. Jedoch waren beide so in ihr Gespräch vertieft, dass sie dem Captain nur zu nickten, ohne weiter Kenntnis von seiner Existenz zu nehmen. Mit pochenden Herzen, als die beiden endgültig außer Sichtweise waren, betrat er das Zimmer.
Der Captain, der von Augenblick zu Augenblick nervöser wurde, konnte sein Glück kaum fassen, als er an einem der Kleidungsständer eine Jacke entdeckte, an der die Medaillen noch angebracht waren.
Er entledigte sich seiner Mütze und in Windeseile, mit inzwischen zitternden Händen, versuchte er, die Medaillen von der Jacke zu lösen. Dies gelang ihm zwar nach einiger Zeit, jedoch ließ er sie daraufhin prompt fallen. Der Captain seufzte gereizt. Er hatte keine Zeit für solch kleine Unannehmlichkeiten, nicht wenn die Möglichkeit bestand, dass er innerhalb der nächsten Minuten endlich erfahren würde, ob Havers noch lebte. Gedankenverloren bückte sich der Captain, hob die Medaillen auf und brachte sie, ohne weiter auf deren Rechtmäßigkeit zu achten, an seiner eigenen Jacke an.
Er atmete einmal tief durch und begab sich dann zügig, gefüllt mit einer nervösen Energie, die es ihm unmöglich machte, sein Schritttempo weiter zu kontrollieren, in den Gang, der ihn direkt in den Vorraum des Saales führen würde.
Der Captain drosselte sein Tempo, als das Geräusch der Stimmen stetig anstieg. Die Türen zum Saal waren geöffnet, einige der Teilnehmenden standen dort bereits in kleinen Gruppen beieinander, während sich die Soldaten aus dem Vorraum, langsam dorthin begaben, manche noch in Gespräche vertieft, ein Getränk in Hand, noch dabei die letzte Zigarette zu rauchen bevor sie selbst den Saal betreten würden.
Caps Nervosität stieg. Er reckte den Hals, starrte in jedes Gesicht, bevor er einen weiteren Schritt machte. Mehr als einmal machte sein Herz einen verzweifelten Satz, als er aus dem Augenwinkel jemanden wahrnahm, dessen Größe ungefähr der von Havers entsprach, nur um sich enttäuscht abzuwenden, als das Gesicht nicht das seines Lieutenants war.
Als sich die Menge immer mehr lichtete und in den Saal hinein floss fühlte sich der Captain zittrig, als eine tiefe Verzweiflung versuchte, ihre Klauen in sein Herz zu schlagen. Was wenn Havers nicht unter ihnen war. Was wenn Havers nicht mehr unter Ihnen weilte.
Gerade wollte er einen Entschluss fassen, ob er selbst auf die Türen des Saals zusteuern sollte, als er es hörte. Glasklar wie Glocken, die durch das Toben eines Sturmes drangen.
Er kannte dieses Lachen.
Der Captain drehte sich langsam, mit zitternden Händen und trockenem Mund zu seiner Rechten, wo eine kleine Gruppe von Soldaten gerade im Inbegriff war, selbst auf den Saal zu zu steuern.
Einer der Männer, der sich so eben vom Boden erhob, einem seiner Kumpanen lachend auf half und sich dann zu voller Größe aufrichtete, streifte den Captain mit seinem Blick, nur um gleich darauf seinen Kopf herum zu reißen und, dem Captain von Angesicht zu Angesicht in einiger Entfernung gegenüberstehend, zu erstarren.
Das Herz des Captain stolperte. Havers hatte sich verändert. Vom Krieg durch eine Narbe die sich über seine linke Gesichtshälfte erstreckte gezeichnet, die markanteren Gesichtszüge und die stille Ernsthaftigkeit die er ausstrahlte, all das waren Merkmale, die der Captain wahrnahm, als er zögernd auf seinen Lieutenant zu schritt nur um nach zwei Schritten nervös zu verharren.
Er wusste nicht, was er tun oder sagen sollte, sein Kopf fühlte sich frei von Gedanken an, bis auf den einen, der in ihm widerhallte wie ein Echo. “Er lebt, er ist hier, er lebt!”
Havers gab seinen Kumpanen, die den Captain nicht bemerkt hatten, ein Handzeichen, dass sie vorgehen sollten und er nachkommen würde und als der letzte von ihnen, zusammen mit einigen Nachzüglern hinter den Türen des Saals verschwunden war, ging der ehemalige Lieutenant auf den Captain zu und kam vor ihm zum Stehen.
Die Zeit stand still.
Sie standen sich nun gegenüber, von Angesicht zu Angesicht, das erste Mal seit 5 langen Jahren, ohne dass auch nur einer der anderen Soldaten ihnen Beachtung zu schenken schien, als sie an den beiden vorbeigingen.
Havers, der den Captain mit einem kleinen, aber warmen Lächeln bedacht hatte, wartete nur darauf, ob und wer von ihnen beiden die Stille brechen würde und nutzte die Gelegenheit, die Erscheinung seines ehemaligen Captains in sich aufzunehmen, als ihm etwas auffiel, dass sein Herz sinken ließ.
Havers Augen verengten sich misstrauisch, als er ihn stirnrunzelnd ansah und seinen Blick über des Captains Uniform und die Medaillen streifen ließ.
Ehe der Captain sich versah, hatte Havers ihn mit einer Hand oberhalb seiner linken Ellenbeuge gepackt, war losgegangen und manövrierte seinen ehemaligen Captain auf diese Weise in einen der Gänge zu ihrer Rechten hinein, der zu ihrer Zeit in Button House nur von Dienstpersonal benutzt worden war, in der Hoffnung, dass dies immer noch einer Tatsache entsprach. Havers brachte ihn unweit des Vorraumes mit dem Rücken zur Wand zum stehen, und stellte sich ihm Gegenüber mit weniger Abstand, als es dem Anstand gebührte, jedoch genug, um den Captain nicht vollends aus der Bahn zu werfen. Havers reckte den Hals in die Richtung aus der sie soeben gekommen waren und als er endlich das Schließen der Saaltüren hörte, wandte er sich langsam dem Captain zu. Dieser hatte bisher nur da gestanden und sein Gegenüber erstaunt angestarrt, bei dem Versuch die vielen verschiedenen Sinneseindrücke zu ordnen, abgelenkt von der Tatsache, wie nah sie sich gegenüber standen und der Wärme, die Havers Hand auf seinen Arm ausstrahlte.
“Sir, abgesehen von der Tatsache, dass ich mich freue, sie wohlbehalten zu sehen, können Sie mir erklären, warum in Gottes Namen sie hier eingebrochen sind?”, fragte Havers, halb flüsternd, mit ernster Stimme, während er den Captain forschend betrachtete.
Der Captain sah seinen ehemaligen Lieutenant mit großen Augen an, während sich sein Kopf rot färbte und er sich, in der Eile etwas zu erwidern, so verhaspelte, dass er sich beinahe verschluckte. “...Wie?”, brachte er fassungslos hervor.
“Zum einen, Sir, habe ich mich vornweg informiert wer zu dieser Veranstaltung geladen wurde um zu sehen ob…”, Havers unterbrach sich für einen kurzen Augenblick und schüttelte sanft seinen Kopf, bevor er erneut zum Sprechen ansetzte. “Ihr Name war nicht auf der Liste, Sir. Zum anderen kenne ich sie als Mann von höchster Genauigkeit und Sorgfalt und ich denke nicht, dass sie diese hier”, er tippte gegen die Medaillen die sich der Captain geborgt hatte, “jemals bewusst nicht ordnungsgemäß angesteckt hätten, was mich vermuten lässt, dass es ihnen nicht geläufig ist diese zu tragen was bedeuten würde, dass sie eigentlich nicht hier sein dürften. Oder liege ich etwa falsch?” Der Captain schüttelte langsam seinen Kopf. Die Scham brannte ihm auf den Wangen und in den Augen. Schrecklicher hätte er sich sein Wiedersehen mit Havers nicht vorstellen können, obgleich dieser trotz der ruhigen Ernsthaftigkeit in seiner Stimme, weder empört noch sauer zu sein schien.
“Der größte Hinweis jedoch waren diese hier”, sagte er und wischte mit seiner freien Hand sorgfältig über den Unterarm und den Bauch des Captain. Diesem stockte der Atem aufgrund der plötzlichen unerwarteten Berührung und beinahe wäre ihm ein erstickter Laut entwischt, den er in letzter Sekunde als ein Räuspern abtun konnte. Für den Bruchteil einer Sekunde zuckte ein kleines Lächeln um Havers Mundwinkel, als er dem Captain seine Hand zur Inspektion gegenüber hielt. “Ich kenne genau ein Fenster in diesem Haus, das regelmäßig dieselben Spuren aus Farbsplittern auf den Uniformen derer hinterlassen hat, die sich abends ins Dorf und wieder zurück geschlichen hatten, Sir. Und wenn ich mich nicht Recht täusche, dann hat ihr Weg sie heute Abend ebenfalls durch dieses Fenster geführt”, sagte er, bevor er sich die weißen Farbsplitter an der Außenseite seines Beines abklopfte, und diese zu Boden fielen.
Havers beugte sich etwas näher zu seinem ehemaligen Kommandanten, sein Griff weiterhin fest um dessen Arm geschlossen, und er senkte seine Stimme, beinahe verschwörerisch.
“Wenn Sie auf diese Art und Weise entdeckt werden sollten, könnte das schlimme Konsequenzen haben, Sir. Die anderen sehen es gar nicht gerne, wenn sich jemand als einer von Ihnen ausgibt. Ich habe Fälle erlebt, bei denen unbedachte Burschen ein Trinklokal nur mit gebrochenen Rippen verlassen haben, weil die falsche Person zuhörte. Dies hier…”, er tippte erneut sachte gegen die Medaillen, “...dies hier ist absolute Narrheit, Sir. Was in aller Welt haben sie sich dabei nur gedacht?”
Havers bedachte ihn mit einem Blick, der dem Captain augenblicklich klar machte, dass selbst wenn er ihn nicht vor seine Mitsoldaten zerren und beschuldigen würde, wofür er nun schon seit geraumer Zeit die Möglichkeit gehabt hätte, er dennoch eine Antwort von ihm verlangte. Caps Herz und Gedanken rasten.
"Ich...ich", stotterte er, verzweifelt bemüht, eine Erklärung, eine Ausrede, für sein Verhalten hervorzubringen, ohne sich dabei selbst zu verraten. Als er jedoch in Havers Gesicht sah, verschwanden alle Gedanken der Täuschung augenblicklich.
"Ich wollte nur...Ich meine...", er senkte den Blick unfähig den Augenkontakt zu halten als er um die richtigen Worte kämpfte, während er seine Finger beinahe unterbewusst ineinander verknotete. "Ich musste dich finden um zu sehen ob du...ob du...", platzte er stammelnd heraus, jegliche Formalitäten vergessend, während er spürte, wie seine Ohren vor Scham brannten. Havers Augen weiteten sich, während sich die Wangen des Captain dunkelrot färbten. Für ein paar Augenblicke, die dem Captain wie eine Ewigkeit vorkamen, herrschte Stille und der Captain wünschte sich nichts sehnlicher, als dass der Boden sich auftun und ihn augenblicklich mit Haut und Haaren verschlingen würde. Erst als er bemerkte, dass Havers seinen Arm sanft drückte, hob er den Blick erneut.
Die Strenge war aus dem Gesicht seines ehemaligen Lieutenants verschwunden, stattdessen sah er den Captain mit einem Ausdruck an, den dieser nicht ganz zu deuten vermochte. Es war jedoch die Sanftheit in den Augen seines Gegenübers, die des Captains Herz zum Stolpern brachte.
Havers, der den Captain nachdenklich betrachtete, traf eine Entscheidung. Er wandte seinen Blick beinahe mühsam vom Captain ab und sah einmal, mit auf und ab hüpfendem Adams Apfel, den Gang hinauf und hinab bevor er sich wieder dem Captain zuwandte und sich so nah an sein Ohr beugte, dass dieser den Atem auf seiner Haut spüren konnte. "Das kleine Eckhaus am Kirchplatz, unten im Dorf, dort logiere ich, Sir. Treffen Sie mich dort. 1800 Stunden, heute Abend. Lassen Sie uns dort reden", flüsterte er, bevor er seinen Kopf langsam zurückzog und den Captain mit einem kleinen, beinahe schüchternen Lächeln bedachte. Der Captain schluckte deutlich hörbar, woraufhin er sich peinlich berührt räusperte und mit dem Kopf nickte. Havers Lächeln wurde breiter und auch er nickte erneut, als hätten die beiden so eben einen geheimen Pakt geschlossen.
Havers richtete sich auf und nahm Haltung an. Von einem Augenblick auf den nächsten wurde er wieder zu dem Soldaten, der den Captain mit einem freundlichen, aufmerksamen und emotional distanzierten Blick ansah. "Sie sollten jetzt wirklich gehen, Sir. Ich empfehle Ihnen die Route zurück durch das Fenster und im Schutze der Hecken durch den Kräutergarten. Der Ausgang den Appleby damals entdeckt hatte liegt gänzlich unbeachtet und bietet Ihnen genug Sichtschutz."
Der Captain nickte nur, irritiert durch den plötzlichen Wandel in Havers, sich jedoch vollkommen bewusst, dass Havers Recht hatte. Sie standen hier nun schon viel zu lange und mit jeder Minute, die verging wurde die Gefahr größer, dass man sie entdecken könnte.
Just in diesem Augenblick, beinahe als wolle das Universum Ihnen einen bösen Streich spielen, hörten sie, wie sich die Türen zum Saal öffneten.
"Havers?", rief eine Stimme, die Havers sofort als die von Major Gilchrist erkannte, mit dem er an der Front Seite an Seite gekämpft hatte. Havers wurde von den anderen dekorierten Soldaten seines Regiments erwartet, die sich bereits die letzte Viertelstunde gewundert hatten wo er abgeblieben war und die daraufhin Gilchrist losgeschickt hatten um ihn zu lokalisieren und zurück zu den Feierlichkeiten zu führen.
Havers Kopf wirbelte herum in Richtung der Stimme und er und der Captain erstarrten gleichermaßen, als sie angespannt lauschten, ob diesen Worten auch Schritte folgen würden. Als sie diese vernahmen, warf Havers dem Ende des Ganges einen gehetzten Blick zu, fast als könne Gilchchrist genau erahnen, wo er sich befand und würde jeden Augenblick um die Ecke treten.
"Havers?" fragte Gilchrist erneut, der in der Mitte des Vorraumes stehen geblieben war und von seinem Standpunkt aus in die Gänge zu seiner linken spähte.
Havers wendete sich ruckartig an den Captain um ihn endlich zum Gehen zu bewegen.
"Teddy, ich meine es, bitte geh jetzt, bevor sie dich entdecken", brachte er eilig heraus, als sich die Schritte wieder in Bewegung setzten. Dem Captain stockte der Atem.
Havers war der einzige gewesen, dem er eines Abends bei ein paar Gläsern Whiskey erzählt hatte, dass sein Zweitname Theodore war und dass man in die ersten paar Jahre seinen jungen Lebens Teddy gerufen hatte, bis er angefangen hatte sich mit den Königinnen und Königen zu beschäftigen und fortan darauf bestanden hatte nur noch mit seinem königlichen Vornamen James angesprochen zu werden. Havers hatte ihn bei dieser Geschichte mit einem Blick bedacht, den der Captain nicht hatte deuten können und hatte mit einem verstohlenen, nahezu verzückten, Lächeln den Namen wiederholt als würde er den Kindheits-Spitznamen seinen Vorgesetzten auf der Zunge kosten wie eine seltene Delikatesse.
Havers, dem die soeben gesagten Worte heraus geschlüpft waren, bevor er sich hatte bremsen können, bedachte sein Gegenüber mit geröteten Wangen, bevor er ihn erneut, dieses Mal mit angemessener Formalität und einem sanftem Blick zum Gehen drängte. "Bitte, Sir, es ist so schön Sie wiederzusehen, aber Sie müssen jetzt wirklich gehen. Vergessen Sie nicht, das kleine Eckhaus am Kirchplatz. 1800 Stunden, heute Abend." Er drückte den Arm des Captains erneut sanft, bevor er endgültig seine Hand entfernte und sich endgültig zum Gehen wandte, seine Uniform sowie seine Gesichtszüge glättete und auf Gilchrist zu schritt, bereit sich zu den, auf ihn wartenden, Soldaten zu gesellen, als wäre die Begegnung so eben nie geschehen.
James, der langsam das Gefühl bekam, wieder in sich selbst anzukommen, sah ihm hinterher, bevor er sich endlich fasste, hastig umdrehte und den ihm von Havers unterbreiteten Fluchtweg mit laut klopfendem Herzen antrat.
Jedoch war nicht die drohende Gefahr einer Entdeckung seines unbefugten Eindringens der Grund für sein Herzrasen. Er konnte immer noch die Wärme die von Havers Hand ausgegangen war an seinem Arm spüren wie einen geisterhaften Abdruck, der dort verweilen wollte. Havers lebte. Er hatte ihn gesehen, mit ihm gesprochen und was ihm wie das größte Wunder von allen erschien, Havers wollte ihn sehen. "Das kleine Eckhaus am Kirchplatz 1800 Stunden", murmelte er leise vor sich hin, als er mühsam, mit knackenden Knochen durch das Fenster stieg und sich durch die dicht bewachsenen von Hecken umzäunten Kräutergärten stahl, sich durch den versteckten Ausgang schlich und die Straße hinunterging, bis Button Haus nur noch eine Silhouette hinter ihm am Horizont darstellte. "1800 Stunden, heute Abend", war der einzige klare Gedanke, den er dabei fassen konnte.
Es war Abend. Die Sonne warf ihre letzten Strahlen über den Himmel und tauchte den Horizont in helles Rosa. Die Glocke des Kirchturms läutete mit ihrem tiefen, nachhallenden Gong und lies jeden in ihrer Nähe wissen, dass eine Viertelstunde vergangen war seit es sechs Uhr geschlagen hatte. In der kleinen Wohnung unter dem Dach jedoch hätten Höllenglocken das Ende der Welt einläuten können, es wäre unbemerkt geblieben. Alles was dort zu hören war, war das Scharren von Füßen, das Rascheln von Kleidung und das schwere Schnaufen zweier Männer, die trotz des wenigen Sauerstoffs ihren verzweifelten Kuss nicht lösen wollten, beinahe aus Angst der andere würde sich in Luft auflösen sobald sie auch nur ein bisschen Abstand gewannen. Es war kein sanfter Kuss. Hände verkrallt in der Kleidung des anderen, Hände in Haaren und im Nacken um den anderen näher heranzuziehen und dort zu halten, Münder die hart aufeinander trafen und keine Sanftheit erahnen ließen. Es war das Ringen zweier Ertrinkender, die versuchten sich inmitten eines Krieges etwas Zeit zu stehlen, von der Welt, von Gott oder womöglich vom Teufel höchstpersönlich.
James war nicht genau sicher, wie es dazu gekommen war. Noch vor zwanzig Minuten war er mit zu Fäusten geballten Händen in einem Türeingang gestanden, verzweifelt bemüht, das Zittern seiner Hände zu unterdrücken. Havers lebte. Er hatte ihn hierher gebeten. Er würde mit ihm reden können. Sollte er ihm beichten, was er für ihn empfand, selbst nach all dieser Zeit? Oder war es besser dieses Geheimnis mit ins Grab zu nehmen? Er würde es wahrscheinlich nicht verstehen, aber was wenn er es tat? Und über was wollte Havers mit ihm reden?
Und dann war er plötzlich vor ihm gestanden. Älter, ernster, vom Krieg gezeichnet, aber mit dem selben schelmischen Blitzen in den Augen, als er ihm sagte, dass er ihn vom Fenster aus gesehen hatte und ob er nicht hochkommen wollte? Und der Captain war ihm gefolgt, nervöser denn je, den Kopf voller widersprüchlicher Gedanken, die ihn anschrien und alle gehört werden wollten. "Ich hoffe es geht mit den Treppen, Sir. Ich habe leider nur eine Wohnung im obersten Geschoss bekommen. Die Aussicht ist zwar wundervoll, aber ich weiß noch was für Probleme Ihnen Ihre Knie immer gemacht haben." Bei diesen Worten zündete ein kleiner Funke in des Captains Brust. Havers war wie immer besorgt um ihn und nahm auf ihn Acht, wie er es früher unzählige Male getan hatte. Als der Captain jedoch bemerkte, wie formell er nun wieder angesprochen wurde, erlosch der Funke und hinterließ nichts als bitteren Rauch in seinem Brustkorb. Und dann war er plötzlich in der kleinen Wohnung gestanden. Hatte die kleine Kochzeile begutachtet, den kleinen Esstisch daneben, den Sessel neben dem kleinen Regal und das kleine Bett unter der Dachschräge und er war sich plötzlich vorgekommen wie ein Eindringling. Er hatte aus dem Fenster gesehen und die Aussicht bewundert, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, unfähig Havers ins Gesicht zu sehen aus Angst er würde sich verraten. Hatte versucht, ein unbefangenes Gespräch zu führen über den neuen Rang seines ehemaligen Lieutenants, darüber was er selbst während den letzten Kriegsjahren getan hatte, über gemeinsame Bekannte und deren Schicksale. Als er nichts weiter zu berichten fand und zum wiederholten Male die "wirklich fantastische Aussicht" bewunderte und sich dabei wie ein Idiot vorkam, ging Havers langsam aus der Küchenzeile, hinter der er die meiste Zeit der Unterhaltung gestanden hatte, und stellte sich neben ihn. Sie waren schon einmal so nebeneinander an einem Fenster gestanden und es hatte das Leben des Captain vollkommen aus der Bahn geworfen. Der Captain, immer noch von dieser Erinnerung geplagt, wandte sich ihm zu, nervös darüber was Havers ihm nun wohl sagen würde, innerlich jedoch auf das Schlimmste gefasst, jedoch ohne eine genaue Vorstellung davon, was das Schlimmste beinhalten könnte. Was er nicht erwartet hatte, war seinen eigenen Namen zu hören, geflüstert wie ein stilles Gebet. "James." Und da war es, dieses Lächeln zusammen mit diesem flehenden Blick, der ihn herausforderte, nein vielmehr anflehte, endlich zu verstehen. Der Captain hatte kaum Zeit einen klaren Gedanken zu fassen als er er den Blick mit großen Augen erwiderte, bevor er innerhalb des Bruchteils einer Sekunde an Havers Körper gezogen wurde -oder war er auf ihn zugegangen?- und sich wie aus Reflex an ihm festklammerte als würde sein Leben davon abhängen, während ihre Münder endlich, hungrig und ausgezehrt, miteinander kollidierten.
Und nun herrschte Leere in James Gedanken. Er hatte Angst erwartet oder zumindest Bedenken, aber alles was seinen Kopf füllte war das Gefühl von Anthonys Lippen auf seinen, die Wärme die von ihm ausging, das Rauschen in seinen eigenen Ohren und das Hämmern zweier Herzen, das er deutlich an seinem Brustkorb spüren konnte, unklar darüber welcher Herzschlag zu welchem der Zweien gehörte. Er nahm auch wahr, dass er sich rückwärts bewegte, gesteuert von Anthony, der darauf zu achten schien, dass er sich nicht am Mobiliar stieß oder gar stolperte. James registrierte erst was dies bedeutete als seine Knie auf die Bettkante trafen und er sich plötzlich sitzend darauf befand, schwer schnaufend und irritiert durch den plötzlich fehlenden Kontakt auf seinen Lippen. Er sah nach oben und sein Herz machte einen Sprung. Sein damals immer so perfekter Lieutenant befand sich nun in einem Zustand der Unordnung, die nun endgültig die Grenze zwischen dem Soldaten und dem Mann verschwimmen ließ. Das sonst so sorgfältig gekämmte Haar stand an manchen Stellen in Strähnen ab, sein Hemd war zerknittert und verschoben und sogar aus der Hose gerutscht, einen Streifen seines Bauchs offenbarend. Cap konnte nicht drumherum fasziniert zu starren. Er hatte dies getan, er hatte diese Spuren hinterlassen und Havers hatte es zugelassen, sein Verhalten sogar erwidert. Gerade als James sich wunderte was ihm noch erlaubt werden würde, welche Geschenke er der Welt noch aus den Händen wringen könnte -dürfte er wohl die Hand ausstrecken und Anthony berühren - merkte er, dass ein Blick auf ihm ruhte und ihn wieder in der Situation verankerte. James hob langsam den Kopf und sein Blick traf Anthonys, der ihn sanft und fragend, beinahe flehend, aus dunklen Augen ansah, während sein Adamsapfel nervös auf und ab hüpfte, während er auf etwas zu warten schien.
Anthony, der bereits vor Jahren das grundlegende Wesen seines Captain erkannt hatte, hatte sich kaum Beherrschen können als er diesen Kuss initiiert hatte und für einige Augenblicke hatte ihn die Angst erfasst, James durch sein forsches Vorgehen vertrieben zu haben. Aber James hatte ihn mehr als nur überrascht als er es ihm mit barer Münze zurückgezahlt hatte. Doch nun war es etwas anderes. Anthony kannte James. Er wollte, dass er sich sicher und bereit fühlte. Deswegen würde er sich zurückhalten und James all die Kontrolle überlassen, bis dieser ihn bat sie zu übernehmen. Und wenn er es nicht tat, nun, der Kuss allein war Anthony bereits wie ein Wunder erschienen und vielleicht war es weise das Glück nicht herauszufordern. Jedoch konnte er nicht anders als dort zu stehen, zu starren und auf James Erlaubnis zu hoffen, mehr zu tun als ihn nur dieses eine Mal zu küssen.
Oh.
James spüre wie seine Wangen sich rot färbten, er jedoch, zu seinem großen Erstaunen, nicht wie erwartet von Unsicherheit oder von einem Gefühl der Besorgnis, dass er etwas falsch verstehen, etwas falsch machen könnte, erfasst wurde. Vielmehr spürte er eine ruhige Gewissheit in sich. Er wollte dies. Mehr als er jemals etwas in seinem Leben gewollt hatte. "Bitte", hörte er sich selbst hauchen bevor er sich räusperte um seiner Stimme ihre Stärke zurück zu geben, "bitte, Anthony." Ein kleiner Schritt, der sich so groß, beinahe anmaßend in seinem Kopf anfühlte. Er war es gewohnt Befehle zu geben, nicht gewohnt war er es nach Dingen zu fragen, die er sich ersehnte. Und als hätte er ein Zauberwort ausgesprochen beugte sich Havers ruckartig zu ihm herunter und küsste ihn erneut fieberhaft, mit einer Hitze, die jegliche Gedanken aus James Kopf vertrieb. Alles was er noch wahrnahm war das Gefühl von Händem die an seinen Klamotten zerrten, von Stoff unter den seinen, den er verzweifelt zu entfernen versuchte, von dem plötzlichen kühlen Windhauch der ihn beinahe verletzlich zurück ließ, kurz bevor die Flammen erneut an ihm leckten als Haut auf Haut traf und er die Matratze in seinem Rücken spürte. Sie waren keine Ertrinkenden mehr. Sie waren Feuer, Flamme und Scheiterhaufen zugleich. James von dieser Feuersbrunst überwältigt und sich plötzlich dem ganzen Ausmaß seiner Blöße bewusst, löste den Kuss in dem sie sich befanden, schnappte nach Luft und presste seine Hand gegen Havers nackte Brust, der über ihm lag, um ihn nur für einen Moment auf Abstand zu halten, während er nach Luft rang. Anthony hielt inne und lächelte, selbst außer Atem, auf ihn herab. "Ich...Ich...Entschuldige, ich," fing James an doch Havers unterbrach ihn. "Du musst dich nicht entschuldigen Teddy. Es ist ein bisschen überwältigend nicht wahr? Ich kann dir gar nicht erzählen wie oft ich davon geträumt habe dich auf diese Weise in Armen zu halten. Wir müssen nicht...", er korrigierte sich, "sag mir was du möchtest und ich werde der glücklichste Mensch auf Erden sein, ganz gleich was es ist." Mit diesen Worten strich er eine Hand über die Wange des Captain und presste einen sanften Kuss auf dessen Lippen, beinahe nicht mehr als einen Hauch, als James den Widerstand seiner Hand verminderte. Auf keinen Fall wollte Anthony etwas tun für das James nicht bereit war und das er bereuen könnte.
James dachte über seine Worte nach, über all die Jahre in denen er seinen Lieutenant strahlen gesehen, und sich nach seinem Licht verzehrt hatte. Über die dunklen Jahre die sie getrennt verbracht hatten, sich jeden Tag fragend ob Havers Licht an der Front bereits erloschen war. Darüber wie der Funke in seinem Inneren an diesem Abend zu einem Feuer geworden war, dass er weder zu löschen vermochte, noch tilgen wollte. Wer wusste schon wie viel Zeit ihnen blieb. Vielleicht wäre dies ihre einzige Nacht, ein einmaliges Zusammentreffen zweier Himmelskörper deren Zusammenprall eine Supernova auslöste. Sollte dies der Fall sein, sollte ihnen das Schicksal nicht mehr zugestehen als diese einzige Nacht dann, so beschloss James, wollte er brennen.
Er ergriff Anthonys Hand und fokussierte seinen Blick darauf, überzeugt dass er die nächsten Worte nicht herausbringen würde, sollte er Havers dabei in die Augen sehen. "Ni...nimm mich", stotterte er mit feuerroten Wangen. "Liebe mich", dachte er.
Und Anthony, sein wunderschöner Anthony, fing an zu strahlen, schürte die Funken und riss ihn mit sich, bis um sie herum die Welt in Flammen detonierte.
Die Welt erhob sich aus der Asche.
Havers lag auf dem Rücken, die Augen geschlossen, sein Gesicht James zugewandt während die Finger seiner rechten Hand über James Flanke strichen und dort Kreise malten. James, der beinahe auf dem Bauch und teilweise auf Anthony lag, sein rechtes Bein, wegen der Enge des Bettes, über Anthonys Beine drapiert hatte, nutze seine erhöhte Position um Havers Gesicht im Mondlicht, dass durch das Fenster fiel, zu studieren und von der ihm nahen Seite mit sanften Küssen zu bedecken. Havers zu erschöpft und glückselig, rührte sich nicht und lächelte versonnen über die Zuwendung die ihm zuteil wurde. Als James erst seine Stirn und dann seine Nasenspitze küsste gab er ein verträumtes "mmm" von sich und grinste, was James dazu veranlasste sich seinen Lippen zuzuwenden. Er küsste ihn liebevoll und brachte langsam seine Hand an Anthonys linke Wange. Havers erstarrte. An manchen Tagen war es ihm beinahe möglich die Existenz der Narben zu vergessen, die nun seine linke Gesichtshälfte zierten, aber nun, da James innegehalten hatte und Anthony seinen prüfenden Blick auf ihnen spürte, fragte er sich für ein paar schreckliche Sekunden, ob sein ehemaliger Captain die Texturen in seinem Gesicht befremdlich, vielleicht sogar abstoßend finden könnte. Anthony hielt beinahe den Atem an und wartete mit zusammengepressten Augenlidern was nun passieren würde, als James sanft und federleicht begann die Narben mit seinen Fingern nachzufahren als würde es sich um Linien einer unbekannten Landkarte handeln, die er zu ergründen versuchte. Havers ließ ihn gewähren und als er merkte, dass sich James in dieser Tätigkeit zu verlieren schien, entspannte er sich selbst etwas, als würde ihm der Captain die Sorgen aus dem Gesicht streichen. Er drückte sein Gesicht in James Handfläche und hauchte einen Kuss auf seinen Handballen, jedoch nagte die Unsicherheit in ihm und nach einigen Minuten fasste er einen Entschluss.
"Und?" Havers öffnete die Augen und bedachte den gedankenverlorenen Captain mit einem schelmischen Lächeln.
"Findest du mich nun fürchterlich entstellt und ganz und gar schrecklich anzusehen?" Nur der Schatten der bei diesen Worten über sein Gesicht huschte ließ erahnen, dass er durch die Leichtigkeit in seiner Stimme weit tiefgehendere Gedanken zu verstecken versuchte.
Dies riss den Captain aus seiner Starre und er sah Havers nahezu geschockt an.
"So schrecklich?" fragte Havers, bemüht einen scherzhaften Ton beizubehalten, als sein Adamsapfel in seiner üblichen Weise auf und ab hüpfte und dem Captain dadurch seine Nervosität offenbarte. James Blick wurde sanft, als er seine Hand von dem Narbengewebe nahm, sie auf Anthonys Brustkorb legte und seinen Kopf hob, als würde er das Gesicht seines Geliebten zum ersten Mal eingehend betrachten.
Er räusperte sich.
"Im Gegenteil, sie lassen dich ausgesprochen verwegen aussehen. Wie einen Kriegshelden, ein klares Zeichen deines Heldenmuts", sagte James nahezu schwärmerisch.
Havers warf seinen Kopf in den Nacken und ließ ein kurzes, bellendes Lachen ertönen, dass James erröten ließ.
Er wusste, dass er nicht immer die richtigen Worte fand, vor allem nicht in einer Situation die sich mehr wie ein Traum als die Wirklichkeit anfühlte, aber seine Worte waren aufrichtig gewesen und er befürchtete, dass Anthony nun über ihn lachte.
"Oh Teddy, mein wunderbarer Teddy", sagte dieser liebevoll als er James Gesichtsausdruck bemerkte, beugte sich zu ihm und drückte ihm einen Kuss auf die gerötete Wange.
"Verzeih, ich habe nicht über dich gelacht. Es ist nur...", er seufzte tief und die Schatten kehrten auf sein Gesicht zurück.
"Mein Heldenmut, manchmal frage ich mich, was er mir gebracht hat", sagte er langsam als seine Augen glasig wurden und sein Blick sich auf die Wand richtete, während sich vor seinen Augen Bilder abspielten, die er für immer vergessen wollte.
Erst die beruhigende Stimme die ihm beruhigend zuflüsterte und das sanfte Streicheln von Teddys Hand über seinen Brustkorb zog ihn langsam zurück ins Hier und Jetzt. Sein glasiger Blick wurde klarer als er ihn auf den Mann, der in seinen Armen lag und besorgt zu ihm aufsah, richtete.
Havers lächelte ihn betrübt an, legte seine Hand auf die des Captain und drückte diese beschwichtigend.
"Allerdings wenn jemand von uns beiden Heldenmut bewiesen hat, dann warst du es."
Der Captain runzelte die Stirn und setzte gerade an um zu widersprechen als er Anthonys bittenden Blick auffing und so schloss er seinen Mund wieder und schluckte seine Worte bevor sie seine Lippen verlassen konnten.
"Ich meine es Ernst, Teddy. Einer der Gedanken, die mich dort drüben am Leben gehalten hat war , dass, sollte ich überleben und heimkehren, zurückkommen und dich suchen würde. Dir sagen was ich für dich empfinde. Aber als es endlich soweit war und ich endlich wieder auf englischem Boden stand, hat mich jeglicher Mut verlassen. Die Vorstellung nur ein kaltes Grab vorzufinden oder schlimmer noch dich inmitten einer glücklichen Familie, an der Seite deiner Ehefrau und umzingelt von euren Kindern. Beides erschien mir unerträglich. Beinahe so unerträglich wie der Gedanke, dass ich dein Verhalten fehlgedeutet haben könnte, mir deine Blicke eingebildet habe, dass ich einfach nur ein Gesicht von vielen geworden bin, die du mit der Zeit vergessen hast. Das hätte ich nicht ertragen können."
James gab einen entrüsteten Laut von sich und setzte an ihm zu widersprechen, doch Havers kam ihm erneut zuvor.
"Aber dann standest du vor mir, mit falsch angesteckter Medaille und Farbsplittern auf deiner Uniform. Und du hast mich angesehen wie früher, als wären die letzten 5 Jahre nie geschehen. Da habe ich es gewusst."
Der Captain der unbewusst den Atem angehalten hatte und dessen Herz in seiner Brust raste, holte bemüht ruhig Luft und unterbrach ihn dieses Mal.
"Was...was hast du gewusst?", fragte er vorsichtig.
Havers lächelte ihn an und warf ihm einen Blick zu der dem Captain beinahe vollends den Atem stahl und seine knarrenden Knie weich werden ließ.
"Dass ich es war den du gesucht hast. Und siehe da, du hast mich gefunden", sagte er mit einem schelmischen Funkeln in den Augen, bevor er James in einen innigen Kuss zog, der diesen prompt erwiderte. Dieses Mal gab es kein Ertrinken, keine Feuersbrunst, die alles in Schutt und Asche legte; die Welt blieb unversehrt. Dieses Mal waren sie es, die sich im Licht auflösten, deren Grenzen verschwammen bis sie schließlich vollkommen miteinander verschmolzen.
Und das Licht des Morgens begrüßte einen neuen Tag.
James und Anthony erwachten, eng umschlungen, als die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster fielen und auf ihre Gesichter traf.
Anthony, der hinter James lag, presste sein Gesicht in dessen Rücken und gab ein müdes Grummeln von sich, welches Teddy zum Kichern brachte. Er selber war schon vor geraumer Zeit wach geworden, aber hatte es nicht gewagt sich zu bewegen, zu wundervoll war das Gefühl auf diese Art und Weise gehalten zu werden, und Anthony war das frühe Aufstehen schon immer schwerer gefallen als ihm selbst.
"Guten Morgen", wisperte er sanft und musste Lächeln als seine Worte von einem weiteren Grummeln und einem sanften Kuss zwischen seine Schulterblätter quittiert wurde. James legte eine Hand auf den Arm der seine Mitte umschlang und drehte sich sachte auf den Rücken, sodass Anthony sich nicht mehr vor den Sonnenstrahlen verstecken konnte und ihn stattdessen ansah. Er hatte die Zeit die er nun schon wach war mit Nachgrübeln verbracht und sehnte sich beinahe so sehr nach einem Gespräch wie er sich nach einem weiteren Kuss von Anthony sehnte.
"Guten Morgen", gab dieser gerade gähnend zurück, als er sich des Ausdrucks auf James Gesicht bewusst wurde.
"Ist alles in Ordnung, Teddy?", fragte er, leicht verunsichert, bevor er sich den Schlaf aus den Augen rieb.
James konnte nur mit geröteten Wangen fahrig nicken, er war zu nervös um zu antworten, überschlug sich sein Gehirn doch beinahe bei dem verzweifelten Versuch in Worte zu fassen, was er Anthony unterbreiten wollte.
"Du siehst ein bisschen...ereifert aus, Teddy. Gibt es einen bestim..." Weiter kam er nicht mit seinen Worten.
"Bleib bei mir!", platze es aus James heraus, der sich gerade vollends zu Anthony gedreht hatte und ihm nun Gesicht zu Gesicht gegenüber lag.
Havers hielt erstaunt in seinem Satz inne.
"Ich meine", korrigierte James sich rasch, "komm mit mir...bitte." Nicht in der Lage Havers ins Gesicht zu blicken, aus Angst den Mut zu verlieren, fuhr er hektisch fort: "Ich hatte schon länger vor aufs Land zu ziehen. Wir könnten ein Häuschen kaufen oder ein Haus, falls du das lieber möchtest, Hölle, ich würde dir sogar einen Palast bauen! Aber bitte komm mit mir. Wir könnten zusammen leben, jede Nacht nebeneinander einschlafen und jeden Morgen nebeneinander aufwachen. Ich weiß, das mag dir alles viel zu schnell erscheinen, aber welche Wahl bleibt denn für Menschen wie uns? Bleib bei mir. Ich bitte dich, Anthony. Ich würde es nicht ertragen dich noch einmal zu verlieren. Und wenn wir uns unser Lebtag verstecken müssen und jede gemeinsame Stunde stehlen müssen, bitte, lass es uns wenigstens versuchen!"
Der Captain musste nach Luft schnappen und als er merkte, dass er keine Worte mehr fand um etwas hinzuzufügen, wagte er es seinen Blick zu heben und Anthony ins Gesicht zu sehen.
"Ja", sagte dieser einfach.
James blinzelte schnell als sein Gehirn das Gesagte verarbeitete.
"Ja?", fragte er verwirrt. Er wusste nicht was genau er erwartet hatte aber ein einfaches "Ja" war ihm nicht als mögliche Option eingefallen. Er hatte bestenfalls mit einem "Ich möchte, aber wir können nicht" gerechnet und schlimmstenfalls mit einer strikten Ablehnung, nun da sie ihren Hunger nach dem anderen bereits zweimal gestillt hatten. Aber ein "Ja"?
Havers grinste ihn nun breit an, bevor er lachend James Gesicht in beide Hände nahm und ihm mehrere Küsse auf den verdutzten Mund drückte.
"Oh Teddy, mein lieber, wundervoller Teddy", flüsterte er, als er seine Stirn gegen der seines Geliebten ruhen ließ. "Es wird vermutlich nicht einfach werden. Ich bin nicht mehr der Selbe, musst du wissen." Er legte seinen Zeigefinger auf James Lippen um ihn von einem Einwand abzuhalten und seine Sätze zu beenden. James verstand, schloss den Mund und verlegte sich aufs zuhören.
"Was wahrscheinlich jedoch auch bedeutet, dass ich dich nie mehr nur noch aus der Ferne lieben kann, jetzt da ich weiß wie es ist dich in meinen Armen zu halten. Und wir haben schon so viel Zeit verloren. Also ja. Wenn du mich wirklich bei dir willst, dann ja, lass es uns versuchen."
-20 Jahre später-
Die junge Frau stand in ihrem Garten in der Nähe des Zaunes und grub einige Karotten für das Mittagessen aus. Sie hatte vor einen Eintopf zu kochen, jetzt da die Temperaturen etwas gefallen waren und ihr Mann, nach einem Vormittag auf den Feldern etwas herzhaftes zu Essen benötigte. Als sie ihrer Meinung nach genug Gemüse geerntet hatte, erhob sie sich langsam und nickte den beiden Spaziergängern freundlich zu, die auf dem Feldweg, der an ihrem Garten vorbeilief, entlang gingen. Sie kannte die beiden und wusste, dass sie in der Nähe wohnten und an den meisten Tagen hielten die beiden am Zaun inne und sie führten zusammen einen kleinen Plausch. Dass sie ihr heute nur zugenickt hatten, lag vermutlich daran, dass sie gerade gehört hatte, wie die Tür zum Garten ins Schloss gefallen war, bevor nach ein paar schweren Schritten, ihr Mann seine Arme von hinten um sie schlang und sie in eine Umarmung zog. "Na?", sagte er grinsend als er ihr einen Kuss auf die Backe drückte, der sie kichern ließ. "Na?", erwiderte sie fröhlich, immer noch den beiden alten Herren hinterher sehend, die beide mit den Armen hinter dem Rücken verschränkt nebeneinander her gingen, stets auf einen Mindestabstand bedacht, und einander auf verschiedene Vogelarten hinwiesen.
Ihr Mann folgte ihrem Blick interessiert. "Haben dich wieder unsere beiden Feen besucht?", fragte er neckisch. Sie haute ihm spielerisch auf den Arm.
"Ich wünschte du würdest sie nicht immer so nennen, Rob", sagte sie. Rob grinste.
"Ja ich weiß, sie sind zwei reizende alte Knaben und bleiben für gewöhnlich unter sich und stören doch niemanden", wiederholte er was er schon so oft von seiner Maggie gehört hatte, lächelnd.
Dann fiel ihm ein was ihm neulich Tom im Pub berichtet hatte.
"Wusstest du, dass sie beide Soldaten waren? Im Krieg? Daher stammen auch die Narben, Nordafrika Front, angeblich. Kam zurück mit einer Medaille für Heldenmut, einem Gesicht voller Narben und es heißt, dass der andere wohl früher sein Captain gewesen ist, der ihn nach dem Krieg gesucht hat. Konnte wohl nicht länger ohne ihn sein. Dann sind sie hierher gezogen und seitdem unzertrennlich."
Maggies Mund formte ein erstauntes "O". Sie hatte bisher über einiges mit den beiden geredet, über das Wetter, den Garten, Literatur aber bisher niemals etwas derart Persönliches in Erfahrung gebracht oder es auch nur versucht.
"Wie romantisch, eine verbotene Liebe, wie in den Büchern, genau vor unseren Augen, Rob."
Rob schnaubte amüsiert. Das war etwas was er so sehr an seiner Frau liebte, ihr unerschütterlicher Gefallen an kitschiger Romantik und fester Glauben an die eine wahre Liebe.
Sie reckte den Hals um den Pärchen nachzusehen, dass jetzt nur noch zwei weit entfernte Punkte darstellte.
"Glaubst du, sie sind glücklich, trotz allem, meine ich?"
Rob überlegte für einen Moment. Er hatte nicht wirklich etwas gegen die beiden alten Knaben, die wie Maggie sagte immer respektvoll waren und niemanden störten, und was hinter verschlossenen Türen vor sich ging, ging nur die beiden etwas an. Wenn er überlegte wie es wäre in einem Krieg kämpfen zu müssen, schreckliche Dinge zu sehen und dabei weit weg von seiner Maggie zu sein, wurde ihm ganz schwer ums Herz.
"Weißt du was? Ich hoffe es für sie", gab er kleinlaut zu, bevor er sie, nach einem weiteren Kuss, mit strahlenden Augen fragte, wann es Mittagessen gebe.
