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Das Feuer knackte, während es zusammen mit den Kerzen den Gemeinschaftsraum in warmes Licht tauchte. Doch den beiden Jungen auf dem Fußboden vor dem Kamin fiel diese gemütliche Atmosphäre schon gar nicht mehr auf; ihre Aufmerksamkeit fixierte sich einzig und allein auf die Bücher und Pergamentrollen vor ihnen.
Obwohl ausgerechnet heute Heilig Abend war, lernten sie, anstatt am kleinen Festmahl in der großen Halle teilzunehmen. Eigentlich sollten sie auch gar nicht im Gemeinschaftsraum der Gryffindors sitzen, sondern bei den Pettigrews oder Potters einen wunderschönen, entspannten Abend verbringen und sich auf den nächsten Morgen freuen - natürlich zusammen mit Peter und James. Wäre da nicht der nächste Vollmond, welcher ausgerechnet mitten in den Ferien sein musste. Remus empfand es als sicherer, sich währenddessen hier in Hogwarts aufzuhalten, an Stelle die Eltern seiner besten Freunde mit seinem 'Zustand' zu belasten. Er hasste es ja schon, sich zuhause bei seinen Eltern verwandeln zu müssen, wenn seine Mutter ihn mit Tränen in den Augen ansah, jedes Mal wenn sie ihn in den Keller sperrten.
Eben das war schließlich auch der Grund, warum er seine Feder seufzend auf das aufgerollte Pergament legte und sich seufzend durch die hellbraunen Haare fuhr.
„Alles okay, Moony?“Fragend blickte Sirius von seinem Zaubertränkebuch auf.
„Jaja, ich bin nur etwas -“
„Müde?“
Remus nickte, als er sich leicht über die Augen rieb. Dann huschte sein Blick zum Fenster. Selbst wenn der Mond noch nicht ganz voll war - genau die Mitte zwischen drei viertel und voll - spürte der Viertklässler dessen Einfluss schon jetzt. Er wurde unkonzentrierter, müder und gereizt. Seine Gedanken wanderten in Abgründe, die ihm eine durchgehende Gänsehaut bescherten.
„Was eine traumhafte Weihnacht …“, murmelte da sein Gegenüber und schlug das Schulbuch zu. Mit zusammengezogenen Brauen blickte Remus zu ihm rüber, und musste sich wirklich beherrschen, ihm keinen giftigen Kommentar um die Ohren zu schleudern. Ihm war bewusst, warum Sirius hier bei ihm und nicht bei James war. Auf der einen Seite, um nach ihm zu sehen, aber ebenfalls wegen seiner eigenen Situation zuhause, die sich von Jahr zu Jahr immer verschlechterte. Niemandem entgingen die besorgten Blicke, die Mrs. Potter dem Schwarzhaarigen bei jedem Besuch zuwarf, besonders nicht ihm selbst. „Obwohl ich Euphemia abgöttisch verehre, und Fleamont natürlich auch, halte ich das momentan einfach nicht aus. Ich will nicht, dass sie mich immerzu bemitleiden.“, hatte Sirius ihm in einer ihrer vielen Nacht-und-Nebel-Gespräche verraten.
„Hallo?! Ganz Hogwarts an Remus John Moony Lupin!“
Erschreckt zuckte der Angesprochene zusammen, als der Sirius mit einer Hand vor seinem Gesicht wedelte.
„War in Gedanken, ’tschuldige Paddy.“
Sirius lächelte daraufhin nur auf seine, wie Remus fand, liebevolle Art und strich sich die Haare hinters Ohr. „Sicher, dass es dir soweit gut geht? Immerhin ist in gut ein paar Tagen Vollmond“
„Es geht mir gut, Sirius.“, lenkte der Größere schnell ein, etwas patziger als gewollt. „Ich bin wirklich einfach nur müde. Muss an der Jahreszeit liegen, oder dem vielen Tee …“
„Dann probier es doch mal mit Kaffee.“, erwiderte Sirius nur mit hochgezogener Augenbraue, sagte aber weiter nichts dazu. Mit Remus zu diskutieren ist wie, mit einem leeren Portrait zu reden, besonders wenn er, wie jetzt eben, nicht unbedingt bester Laune zu sein schien.
Aber der Schwarzhaarige kannte seinen Gegenüber, der seine Feder wieder nahm und sich über sein eigenes Schulbuch beugte, mittlerweile ziemlich gut. Selbstverständlich gab er die Wahrheit nicht zu, um dem Älteren nicht noch mehr Sorgen zu bereiten. So ist Remus nun einmal, dachte er nur und schlug ebenfalls sein Buch wieder auf. Er stellt sich immer an letzter Stelle …
Etwas mehr als eine halbe Stunde flog an ihnen vorbei, in der die beiden schweigend weitere Seiten lasen, während sie sich Notizen machten. Immerhin begann die Prüfungsphase kurz nach den Ferien, Weihnachten und Vollmond hin oder her. Es fiel Remus aber zunehmend schwerer, sich auf die Worte und Buchstaben zu konzentrieren; sie verschwammen immer wieder vor seinen Augen, ein unangenehmes Pochen breitete sich allmählich in seinem Schädel aus, bis er es nicht mehr ausspielt und sich die Handballen auf die Augen presste.
„Moony?“, harkte Sirius sofort nach, steckte seine Feder in das kleine schwarze Tintenfässchen.
„Ich, ähm, ich denke, dass ich jetzt schlafen gehe.“, meinte sein bester Freund leise, räumte seine Utensilien zusammen und stand schwerfällig auf. „Gute Nacht, Padfoot.“
Eine Antwort wartete er gar nicht mehr ab, sondern trottete einfach nur die steinerne Wendeltreppe zu ihrem Schlafsaal empor. Dort war es viel kälter als im Gemeinschaftsraum, was ihn aber nicht störte.
Mit verzweifeltem Blick setzte er sich auf sein Bett und vergrub sofort den Kopf in seinen Händen.
Als er Sekunden später wieder aufsah, sammelten sich Tränen in seinen Augen. Energisch versuchte er sie wegzublinzeln, wischte sich zusätzlich noch mit dem Ärmel seines Pullis über die Augen. Nein, er würde nicht weinen. Es gibt viel schlimmeres. Wie zum Beispiel, dass sein Bett offensichtlich das Einzige zu sein schien, was, ironischer Weise, in Mondschein gebadet wurde.
-
Mitfühlend sah Sirius seinem besten Freund hinterher, wie er mit hängenden Schultern die Wendeltreppe hochschlich. Es brach ihm das Herz, einen so selbstlosen und gutherzigen Menschen wie ihn so traurig und erschöpft zu sehen. Ändern konnte er es aber nicht. Leider. Remus war eben ein Werwolf und würde sich in den nächsten Tagen am Vollmond verwandeln. Sirius, sowie die anderen beiden Rumtreiber, würden es am liebsten ändern und ihm das Leben ermöglichen, was er mehr als nur verdiente, hätten sie die Macht dazu.
Das Einzige, was sie für ihn tun können, ist ihm beizustehen.
In Gedanken den Mond verfluchend, räumte er schließlich auch seine Sachen zusammen; ohne Remus machte es keinen Spaß zu lernen. Dabei blieb sein Blick an dem kleinen Tintenfässchen hängen und ein erneuter Stich fuhr durch seine Brust. Seine Initialen „S.O.B.“ waren in geschwungener Schrift auf den Deckel eingraviert. Sein Bruder, Regulus, besaß ebenfalls ein solches Fässchen - natürlich handgemacht und äußerst teuer. Ihre Eltern wollten schließlich nur das Beste für ihre Söhne - die Stammhalter der noblen Familie Black - wenn es sich um materielle Dinge handelte. Aber Liebe, Respekt und Vertrauen kann man sich nicht erkaufen, vor allem nicht nach all dem, was in den letzten Jahren passiert ist.
Sirius schüttelte rasch den Kopf, wodurch seine schwarzen Locken wie wild umherflogen, um die aufkommenden Gedanken abzuwehren.
Er bereute es in keinster Weise, Weihnachten nicht mit seiner Familie zu verbringen. Allerhöchstens für seinen Bruder tat es ihm leid, doch, was sollte er noch tun? Das Band, was die Brüder in ihrer Kindheit immer zusammenhielt, verblasste mit der Zeit. Sie wechselten kaum ein Wort mehr, weder in der Schule, noch in den Sommerferien zuhause.
War dieser Ort überhaupt noch sein „zuhause“?
Nein, Hogwarts und seine Freunde sind sein zuhause. Der Grimmauldplace ist nie ein solcher Ort für ihn gewesen.
Bei diesem Gedanken huschte sein Blick zu dem kleinen Plattenspieler, welcher auf dem Kaminsims stand. Ein Weihnachtsgeschenk der Potters zu seinem 14. Geburtstag, nachdem er so begeistert von James’ gewesen ist. Plötzlich formte sich ein zweiter Gedanke, vielmehr eine Idee, in seinem Kopf. Und obwohl Sirius sich geschworen hatte, es nie wieder zu tun, erhob er sich entschlossen, schnappet sich das Gerät sowie eine Schallplatte und lief die Treppen zum Schlafsaal hoch. Remus würde eh noch nicht schlafen, das wusste er ganz genau.
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Die alte Tür quietschte etwas, als der Schwarzhaarige sie mühsam aufdrückte; mit beiden Händen voll, stellte sich das als doch recht anstrengendes Unterfangen heraus.
Sofort sah er zu Remus, der geknickt auf seinem Bett, umhüllt von Mondlicht, hockte.
Mit zwei großen Schritten stand Sirius vor seinem eigenen Bett, stellte den Plattenspieler auf den Nachttisch und legte die betreffende Platte auf. Einmal kurz mit dem Zauberstab geschwungen, um den Spieler einzuschalten, und schon erklangen die ersten Töne ihres derzeitigen Lieblingsliedes.
Erst da rührte sich Remus.
„Mama take this badge off me … I can’t use it anymore …“
Wieder füllten sich die Augen des Braunhaarigen mit Tränen. Irgendwo gemein, fand er, während er sie erneut energisch wegwischte. Sirius wusste schließlich, was ihm dieses Lied bedeutete.
Eben genannter seufzte kurz mit geschlossenen Augen und fuhr sich durch die Haare, trat dann aber mit ausgestreckter Hand vor seinen besten Freund. „Darf ich um diesen Tanz bitten?“
Verwirrt starrte Remus erst auf die Hand, dann hoch zu Sirius und wieder zurück. „Ich kann nicht tanzen …“, murmelte er schließlich und blickte mit leicht glühenden Wangen zur Seite.
„Ich zeig’s dir, so schwer ist das eigentlich gar nicht.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, zog Sirius den Größeren auf die Beine, legte erst dessen Arme um seinen Hals, anschließend seine auf Remus’ Hüfte. Nur wenige Zentimeter trennten sie deshalb.
„Ist das okay?“, hauchte der Schwarzhaarige. Remus nickte nur, sein Herz hämmerte aus unerklärlichen Gründen in seinem Brustkorb.
„Folge mir einfach und konzentriere dich nur auf das Hier und Jetzt.“, flüsterte Sirius noch, bevor er sich langsam in Bewegung setzte und seinen Gegenüber zaghaft führte. Dieser tat wie ihm geheißen, sodass die beiden Gryffindors Sekunden später durch den Schlafsaal tanzten, ohne dabei den Blick von den Augen des anderen abzuwenden.
„Mama put my guns in the ground … I can’t shoot them anymore …“
„Meintest du nicht, du würdest nie wieder in deinem Leben tanzen wollen?“ Die Frage war schneller ausgesprochen, als Remus sie gedacht hatte. Sirius schmunzelte kurz bei der Erinnerung, wie er sich im vergangenen Schuljahr bei seinen Freunden über den aufgezwungenen Tanzunterricht beschwerte.
„Für dich mache ich gerne eine Ausnahme, Moony.“
„Knock, knock, knocking on heaven’s door … knock, knock, knocking on heaven’s door …“
Irgendwie war es schon ziemlich kitschig gewesen; die beiden tanzten eng miteinander, gebadet im Mondlicht, zu ihrem gemeinsamen Lieblingslied, bemerkten so nicht, wie nah sie sich kamen, bis ihre Nasenspitzen sich beinahe berührten.
Verzaubert von den Augen des Gegenübers bemerkten sie auch nicht, dass das Lied sich langsam dem Ende neigte.
Sirius war nie aufgefallen, wie Remus’ Augen in den verschiedensten Braun-, Grün- und Goldtönen funkelten, fiel helles Licht auf sie. Auch der schmale, dünne, glühende Kreis um die schwarze Iris, ein klares Zeichen für Remus’ Geheimnis, schimmerte jetzt deutlicher denn je.
Remus ertrank ebenfalls in den unendlichen Tiefen der grauen Augen des Schwarzhaarigen. Ihm schien, als wären sie Ozeane, deren magischen Anziehungskraft er sich nicht entziehen konnte. Und sie spiegelten das Wesen seines Gegenübers so unbeschreiblich gut wider; liebenswert, witzig, frech, draufgängerisch, arrogant und mutig, aber auch achtsam, verletzlich und nachdenklich. Seiten, welche Sirius nur seinen Freunden zeigte.
Remus’ Hände wanderten von Sirius’ Nacken zu seinen Schultern, um ihn in eine Umarmung zu ziehen und seinen Kopf in der Halsbeuge seines besten Freundes zu vergraben. Sein Gegenüber erwiderte die Umarmung augenblicklich, schlang die Arme um die Mitte des Braunhaarigen, sodass nun nicht einmal mehr ein Stück Pergament, geschweige denn ein Luftzug, zwischen sie passte.
„Danke, Padfoot …“, flüsterte der Größere, was dem Schwarzhaarigen eine leichte Gänsehaut bescherte.
„Für dich immer, Moony.“, erwiderte Sirius nur und schloss die Augen.
