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Genau wie Peter Pan wollten sie nie erwachsen werden.
James war der Erste gewesen, der diesen Wunsch – eigentlich war es eher ein Vorschlag – laut aussprach.
„Wird es dann nicht irgendwann langweilig?“, fragte Remus und kuschelte sich weiter in die Decke ein. Denn obwohl die Erstklässler vor dem prasselnden Feuer des Gemeinschaftsraumes hockten, eingehüllt in ihre Bettdecken, war es noch immer ziemlich kalt.
„Nein, niemals!“, entgegnete James aufgebracht.
„Jedenfalls nicht, wenn man auf einer Insel wie Nimmerland lebt.“, pflichtete Sirius ihm direkt bei. Grinsend nickten die beiden sich zu.
„Und wie willst du es nach Nimmerland schaffen?“ Skeptisch blickte der Braunhaarige zwischen seinen beiden Freunden hin und her. „Schick mir einfach ne Eule, sobald du es herausgefunden hast.“
„Haha, überaus witzig, Lupin.“, schmollte Sirius vor sich hin.
„Wir können doch auch einfach hierbleiben und niemals erwachsen werden.“, schlug da Peter vor, erntete aber sofort verwirrte Blicke.
„Ich glaube, du hast nicht so ganz den Sinn von Peter Pan und seinen treuen Kumpanen verstanden.“ Der Schwarzhaarige verdrehte die Augen, was ihm ein belustigtes Grinsen von seinem besten Freund einbrachte. „Oder willst du etwa ewig zur Schule gehen?“
„Naja, so schlecht ist Hogwarts ja nicht …“, murmelte Peter enttäuscht, während er sich die Bettdecke bis unters Kinn zog.
Remus warf Sirius und James, die sich noch immer über den Jüngsten der Runde lustig machten, verstohlene Blicke zu. Er konnte Peter nämlich sehr gut verstehen. Bis in alle Ewigkeit mit seinen drei Freunden zusammen hier, auf Hogwarts, leben zu können, war die wunderbarste Vorstellung überhaupt und somit sein größter Wunsch. Das Einzige, worüber sie sich sorgen müssten, wären Hausaufgaben und Prüfungen, aber sie bekämen jeden Tag ein leckeres, warmes Essen, müssten nie wirklich aufräumen und könnten jeden Abend das Gelände unsicher machen. Vielleicht würden sie dann auch einen geheimen Weg nach Hogsmead finden.
Sie würden schlichtweg alles machen können, ohne sich um die typischen Probleme, die Erwachsene haben, sorgen zu müssen. Wie Geld, zum Beispiel. Obwohl Sirius und James sich wohl auch so nie um Geld sorgen müssten.
Leider gab es da aber einen kleinen Haken, nämlich Remus‘ eigenes kleines Geheimnis. Das müsste er den Dreien dann beichten, denn sie glaubten ihm jetzt schon nicht wirklich, dass er jeden Monat – zu Vollmond – nach Hause müsste, um seinem Vater mit seiner kranken Mutter zu helfen. Ob er ihnen einfach weis machen konnte, dass sie verflucht wurde und es zu Vollmond immer ganz schlimm wäre, sie große Schmerzen hätte und-
„Hallo!? Ganz Hogwarts an Remus Lupin!“
Eine wedelnde Hand riss den Erstklässler aus seinen Gedanken. „Man, tu die Pfote aus meinem Gesicht weg!“
„Worüber hast du nachgedacht?“, fragte Sirius und wischte sich mit besagter störender Hand einfach die kinnlangen Haare so gut es ging hinters Ohr.
„Oh, nur darüber, dass Pete eigentlich recht hat.“
„Bitte was?!“
„Ihr habt mich schon gehört.“
Aus dem Augenwinkel bemerkte Remus, wie Peter ihm dankend zulächelte.
„Bist du vollkommen übergeschnappt?“ James rutschte näher an ihn heran und blickte ihm fest in die Augen, als könne er so den geistigen Zustand seines Freundes besser einschätzen.
„Bei Merlins Bart, ihr seid manchmal einfach extrem dumm!“, meckerte Remus nur kopfschüttelnd. „Wir wären doch ein Club, wie die verlorenen Jungen. Dann können wir den ganzen Tag machen, was wir wollen. Jedenfalls, sobald der Unterricht vorbei ist.“
„Und wir wären immer beieinander und füreinander da.“, fügte Peter stolz, dass er als Einziger die Gedanken des anderen verstanden hatte, hinzu.
„Hey Sirius, ich habe da gerade eine super Idee bekommen!“
Enthusiastisch sprang James auf die Beine, wobei er fast über seine Decke stolperte und seine Brille stark verrutschte. „Wir sind ab dem heutigen Tage die, … äh …“
„Die verwunschenen Jungen?“, flüsterte Sirius schnell, um seinem besten Freund aus der Klemme zu helfen. Die Verunsicherung in seiner Stimme war nicht zu überhören; er hatte ebenfalls absolut keine Ahnung, wie sich die Jungen aus der Geschichte nannten.
„Die verlorenen Jungen.“, gab Remus zwinkernd den richtigen Tipp.
„Ja, ganz genau. Ab dem heutigen Tage sind wir die Verlorenen Jungen von Hogwarts!“ Gekonnt schaffte James es, seinen Fehler zu überspielen. Theatralisch hüpfte er dann auf das rote Sofa und streckte einen Arm mit geballter Faust in die Höhe. Sirius klatschte zustimmend und jubelte ganz aufgeregt, bevor er es dem ebenfalls Schwarzhaarigen gleichtat und auf das Sofa sprang. Grölend tobten sie über die roten Kissen und versuchten dabei, Peter Pans Krähenruf zu imitieren.
„War es nicht eigentlich deine Idee?“, merkte Peter leise an. Wie James vor wenigen Minuten, war auch er näher an Remus herangerutscht.
Remus schüttelte den Kopf. „Es war deine.“
Lächelnd beobachtete er, wie der Kopf des Blonden dezent rot anlief. Er bekam nicht sonderlich oft Komplimente, was Remus ein wenig bedauerte.
„Das wird aber unser Geheimnis bleiben müssen. Nur du und ich kennen jetzt die echte Wahrheit.“
„Ja, James hat mal wieder seine 5 Minuten Aufmerksamkeit nötig.“
„Du meinst wohl eher seine 24 Stunden.“
„Hey, ein Gryffindor flüstert nicht so hämisch!“ Und schon landete je ein rotes Kissen in den Gesichtern der beiden Jungen auf dem Boden. Diese wechselten einen kurzen Blick, bevor sie die Kissen aufhoben und sich schreiend auf ihre Freunde stürzten. Die anfängliche Kälte des Turmes war schnell vergessen, genauso wie der Umstand, dass die Vier nicht allein waren.
Nur wenige Minuten später stapfte ein wütender Vertrauensschüler die steinerne Treppe hinunter und herrschte sie an, augenblicklich die Klappe zu halten, das Chaos im Gemeinschaftsraum zu beseitigen und dann in ihrem Schlafsaal zu verschwinden.
„Wozu hat man denn Hauselfen?“, murrte Sirius leise, weswegen der Sechstklässler ihnen obendrauf noch 5 Punkte abzog.
Als sie später endlich in ihren Betten lagen – Sirius und James schliefen tatsächlich als Erste ein – kam Remus nicht um die Frage herum, ob es ein Fehler gewesen war, ihnen die Geschichte von Peter Pan vorzulesen.
Es ist gerade einmal zwei Wochen her. Remus hatte eine seiner Vollmond-Nächte hinter sich (seine sechste auf Hogwarts) und konnte aufgrund der starken Schmerzen, welche ihn danach stets heimsuchten, nicht schlafen. Also hatte er die Spitze seines Zauberstabes mit einem Zauberspruch, den er zufällig gefunden hatte, in eine provisorische Taschenlampe verwandelt und das alte Buch aus der Schublade seines Nachtschrankes geholt. Der Einband zerfiel beinahe, während er die erste Seite aufschlug.
Früher, sogar noch bevor er gebissen wurde, hatte seine Mutter ihm die Geschichte oft zum Einschlafen vorgelesen. Dabei konnte sie ihm auch nicht wirklich sagen, wie alt diese Ausgabe sowie das Märchen waren, was die Erzählung für Remus nur noch umso mysteriöser machte. Wahrscheinlich weckte sogar ausgerechnet das seine Faszination und Liebe für alte Bücher und somit Bücher im Allgemeinen.
Durch das Licht seiner abgewandelten Taschenlampe waren irgendwann die anderen drei aufgewacht und hatten ihn vehement aufgefordert, ihnen das Buch von der ersten bis zur letzten Seite vorzulesen, wenn es doch „so abgrundtief spannend“ war (James Worte) und „sie alle um ihren wohlverdienten Schlaf brachte“ (Sirius Worte). Peter hatte sich schlichtweg auf die andere Seite gedreht und wieder die Augen geschlossen. Da er auch ein Halbblut und in einer ganz normalen Vorstadt aufgewachsen war, kannte er ‚Peter Pan‘ und dessen Abenteuer in Nimmerland bereits.
So lagen die vier Gryffindors bis in die Morgenstunden wach, drei von ihnen lauschten dabei der Stimme des Braunhaarigen. Seitdem waren Sirius und James wie besessen von dem kleinen Jungen, der eben nie erwachsen werden wollte, was offenbar an diesem Abend seinen Höhepunkt fand.
Remus gefiel aber die Idee, sich die „verlorenen Jungen“ zu nennen. Besonders, da nur sie die wahre Bedeutung dieses Titels kannten und niemand sonst, außer vielleicht einige muggelstämmige Mitschüler.
Beruhigt schloss der Gryffindor die Augen, zufrieden mit der Erkenntnis, dass es kein Fehler war und morgen ihr erster Tag als „verlorene Jungen von Hogwarts“ beginnen würde.
-
Nun, viele Jahre später, hielt Remus das Buch wieder in den Händen und erinnerte sich daran, wer sie waren, bevor sie offiziell zu den Maraudern wurden.
Er stand in seinem Kinderzimmer, in jener schicksalhaften Halloweennacht 1981.
Alles war zerbrochen.
Lily und James waren tot, wie so viele andere seiner Freunde.
Sirius soll der Täter gewesen sein, welcher nicht nur seinen besten Freund (nein, Bruder) und dessen Frau – UND seinen eigenen Patensohn – verriet, sondern auch Peter inklusive ein Dutzend Muggel kaltblütig ermordet hat.
Harry wird ab sofort bei seiner Tante, Lilys Schwester, und deren Familie aufwachsen – bei Muggeln, welche die Zaubererwelt verabscheuten. Und bei allem, was die Rothaarige ihm über ihre Schwester erzählt hatte, war ihm vom ersten Augenblick an klar gewesen, dass der Kleine es alles andere als einfach haben wird.
Genau diese Tatsache hatte er auch gegenüber Dumbledore geäußert, noch während sie vor den Überresten des Hauses in Godric’s Hollow standen. Zwei Särge sind in genau dem Moment herausgetragen worden, sodass Remus die Augen abwenden musste. Er wollte nicht vor so vielen Menschen – Auroren und die letzten Mitglieder des Ordens – in Tränen ausbrechen.
Niemals würde er diese Nacht vergessen.
„Es war ein Fehler, Professor.“
„Nein Remus, es war genau die richtige Entscheidung.“
„Aber Sie wissen nicht, wie … wie sie sind. Lily-“ Sein Atem stockte kurz, „Lily hat mir so viel von ihrer Schwester erzählt und, … und selbst Professor McGonagall hat gesagt, dass-“
„Es spielt keine Rolle mehr. Harry wird und muss bei ihnen aufwachsen. Dort wird er sicher sein. Sie sind schließlich seine einzigen lebenden Verwandten.“
„Können Sie mir hier und jetzt versichern, dass der Sohn von James Potter und Lily Evans wohl behütet und sicher aufwachsen wird und stets zu erfahren bekommt, wie sehr seine Eltern ihn lieben?“ Wütend hatte er seinen ehemaligen Schulleiter angesehen. Er verstand nicht, wie ein so weiser Mann nur so dämlich sein konnte.
Doch Dumbledore antwortete ihm nicht, auf gar keine seiner Fragen. Remus kannte die Antworten schon längst, was ihn noch rasender vor Wut machte.
Bevor er aber drohte, an Ort und Stelle die Kontrolle über sich zu verlieren, war sein Vater erschienen, hatte ihm eine Hand auf die Schulter gelegt und apparierte mit ihm nach Hause. Seine Mutter wartete bereits zitternd in der Küche und schloss ihren Sohn in die Arme.
„Ich werde nicht lange bleiben.“, meinte dieser nur und wandte sich aus der Umarmung. „Ich … ich muss mich um die Beerdigung kümmern und sichergehen, dass Harry auf alles, was seinen Eltern gehörte, Zugriff haben wird, sobald er alt genug ist. Außerdem ist es für euch nicht sicher, wenn ich länger als nötig hierbleibe.“
Der letzte Satz galt seiner Mutter.
„Ach, mein Junge … immer nur um die anderen besorgt.“ Hope lächelte ihn traurig an. „Wir werden hier sein, wenn du etwas brauchst.“ Dann ließ sie sich kraftlos auf einen Küchenstuhl fallen. Sein Vater sagte nichts, so wie er es immer tat.
Und jetzt stand Remus nun einmal hier. Seine Kindheit, seine Jugend – sein ganzes Leben lag in Ruinen zu seinen Füßen.
Einzig und allein Erinnerungen an all die schönen Tage sind geblieben. Und es werden keine neuen mehr dazu kommen.
Schluchzend sank der junge Mann auf das Bett und vergrub den Kopf in seinen Händen.
Dennoch konnte er das bittere Lächeln nicht unterdrücken, als ihm eines schmerzlich klar wurde. Ihr Wunsch ist wahr geworden. Genau wie Peter Pan nie erwachsen werden zu wollen, ist aber nur für zwei von ihnen in Erfüllung gegangen.
