Chapter Text
'Was ist Liebe?'
Die Worte fühlten sich an wie ein Schlag in den Magen. Die dicke Schrift an der Tafel lachte mir entgegen oder lachte sie mich aus? Warum gerade jetzt?
Die ganze Zeit über war die Liebe nie ein Thema im Unterricht gewesen und jetzt plötzlich musste es dieses Thema sein. Gerade jetzt wo mein Leben wegen der Liebe den Bach runter ging und es sich anfühlte als ob nichts je wieder so sein würde wie vorher. Ich hatte Noah geküsst. Meinen besten Freund. Wie konnte ich nur so dumm sein? Aber in diesem Moment hatte es sich so richtig angefühlt und ich hatte das Gefühl als ob da wirklich mehr zwischen uns war als nur Freundschaft. Diese Hoffnung hatte Noah recht schnell zerstört und obwohl er versuchte so normal wie möglich mit mir umzugehen und so tat als ob das mit dem Kuss keine große Sache war, fühlte es sich alles so falsch und schmerzhaft an. Ich konnte es nicht ignorieren das ich mehr für ihn empfand aber ich wollte auch nicht alles noch mehr kaputt machen.
Noah war kein Mensch der viel über Gefühle redete oder diese oft zeigte, dennoch hatte es in den letzten Monaten Momente gegeben in denen er sich mir gegenüber geöffnet hatte und ich eine andere, mehr verletzliche Seite von ihm gesehen habe. Das Verhältnis zu seinen Eltern war schwierig, also wunderte es mich nicht warum er lieber dicht machte und keine Gefühle zuließ. Nur bei Freddy, seinem Hund, und mir gegenüber hatte er welche gezeigt, doch seit dem Kuss war er wieder verschlossener und mehr auf Abstand auch wenn er um Normalität zwischen uns bemüht war. Keine Ahnung wie lange das gut gehen würde bis einer von uns beiden, wohl eher ich, die Normalität zerstören würde da es so schwer war die Gefühle irgendwo zu verschließen und wieder einfach nur der beste Freund zu sein.
"Was ist Liebe?" Wiederholte die Lehrerin die Worte an der Tafel und ich wollte meinen Kopf am liebsten hart auf die Tischplatte knallen lassen. Vielleicht würde eine Gehirnerschütterung helfen und ich könnte das ganze Thema und meine Gefühle für Noah einfach vergessen. Da ich aber auch keine Aufmerksamkeit auf mich ziehen wollte, vergaß ich die Idee schnell wieder und schaute einfach aus dem Fenster. Ablenkung würde eventuell auch helfen. Draußen schien die Sonne und der Himmel war blau. Ein paar Schüler die wohl gerade keinen Unterricht hatten genossen das schöne Wetter, quatschten oder kümmerten sich um Hausaufgaben. Ich musste plötzlich daran denken wie oft ich mit Noah da draußen gesessen hatte und wir über den Film, banale Dinge oder einfach über nichts gesprochen haben.
"Ich bin sicher jeder definiert das Wort Liebe anders, hat einen anderen Bezug zu dem Thema und ich freue mich darauf in den nächsten Stunden mit euch darüber zu reden und tiefer in die Thematik einzutauchen. Nicht wahr Colin?" Die Stimme der Lehrerin riss mich aus meinen Gedanken. Ich hatte nichts von ihren Worten mitbekommen bis sie meinen Namen gesagt hatte. Peinlich berührt schaute ich sie an und versuchte irgendwie aus der Sache herauszukommen. Verdammt. Was hatte sie gesagt? Ich spürte die Blicke meiner Mitschüler, auch die von Joel und natürlich auch von Noah auf mir. Der verwirrte Blick von Noah reichte aus um mich wieder an den Kuss zu erinnern. Auch danach hatte er mich so angeschaut. Wenn nicht sogar noch ein bisschen verwirrter.
"Colin was ist denn heute los? Du bis doch sonst immer so aufmerksam. Da ich das so nicht von dir kenne werde nich heute nochmal ein Auge zudrücken. Nächstes mal wartet eine kleine extra Arbeit auf dich." Ihre Stimme klang streng aber auch gerecht. Sie hatte ja recht. Sonst war ich eigentlich immer ziemlich aufmerksam im Unterricht aber heute war das einfach nicht möglich. Erst recht nicht seitdem ich dieses Thema an der Tafel gelesen hatte. "Danke." Sagte ich nur leise. "Kommt nicht wieder vor." Das war sowas von gelogen aber sie schien es zu glauben und wendete sich wieder dem Unterricht zu. Solange mir die Sache mit Noah noch im Kopf war würde es wohl unmöglich sein mich zu konzentrieren.
Zum Glück erlöste mich die Klingel von meiner Qual und ohne weiter auf Joel oder Noah zu achten, stopfte ich meine Sachen in meinen Rucksack und stürmte aus dem Raum. Gerade war ich wirklich nicht in der Stimmung für Joel's Fragen warum ich nicht auf den Unterricht achtete. Ich bezweifelte zwar das dieses Thema sonderlich nützlich für seine berufliche Zukunft war aber Joel wollte in jedem Fach perfekt sein, also machte er keine Ausnahmen. Der Gedanke wie sich jemand wie Joel mit dem Thema Liebe auseinandersetzen würde brachte mich jetzt doch ein bisschen zum grinsen an diesem ansonsten schrecklichen Tag. Er war einfach nicht der Typ den ich mir verliebt vorstellen konnte. Er würde wahrscheinlich analysieren ob das ganze einen wirtschaftlichen Nutzen für ihn haben würde oder ob es ihn zu sehr von seinem Business ablenken würde und er mit Problemen zu rechnen hatte.
Ich verließ das Schulgebäude. Die warme Mittagssonne empfing mich und ich atmete einmal tief durch. Nur noch zwei Stunden und ich würde für den rest des Tages von der Schule erlöst sein. Bis jetzt hatte ich auch noch keine Hausaufgaben zu erledigen. Vielleicht war das Leben heute doch ein bisschen gnädig zu mir und hasste mich nicht komplett nach dem Desaster mit dem Kuss. Ich setzte mich auf eine der Bänke und wollte nur einen Moment für mich bevor ich noch zwei Stunden mit Noah in einem Raum verbringen musste. Zum Glück würde er wenigstens nicht neben mir sitzen. Ich denke nicht das ich das heute ertragen könnte. Es wäre einfach zu viel Nähe und ich brauchte den Abstand bis mein blödes Herz verstanden hatte das wir uns Noah aus dem Kopf schlagen mussten um nicht doch noch den Rest der noch von unserer Freundschaft übrig war zu ruinieren.
Plötzlich leuchtete mein Handy mit einer neuen Nachricht auf. Eigentlich wollte ich das gerade nicht beachten aber vielleicht war es Julia. Ich hatte sie seit dem Frühstück nicht mehr gesehen und schon da hatte sie mich komisch angeschaut. Als meine beste Freundin war es einfach für sie zu erkennen wenn etwas mit mir nicht stimmte, egal wie sehr ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen. Es würde nicht mehr lange dauern und sie würde mich in die Mangel nehmen und nicht locker lassen bis ich ihr alles gesagt hatte was mich beschäftigt und das würde wohl oder übel bedeuten ihr von dem Kuss erzählen zu müssen und das ich mir jetzt vorkam wie der totale Vollidiot, da ich Noah's Verhalten wohl total falsch gedeutet hatte. Ich zog das Handy aus der Tasche. Julia jetzt zu ignorieren würde es nur schlimmer machen, denn sie würde nicht locker lassen und der Terror mit noch mehr Nachrichten würde beginnen. Da ich bereits eine Ermahnung heute im Unterricht kassiert hatte, konnte ich mir nicht auch noch ein klingelndes Handy leisten. Im Lehrerzimmer hatte es sich sicher schon herumgesprochen das ich heute nicht zu gebrauchen war. Die Stunde gerade eben war nämlich nicht die erste Stunde heute in der ich aus dem Fenster geschaut hatte um mich abzulenken oder über mögliche Krankheiten oder Gedächtnisverlust nachzudenken um meine Gefühle zu vergessen.
Mein Blick auf das Display stellte sich jedoch als großer Fehler heraus, denn es war nicht Julia deren Nachricht erschien, sonder es war Noah. Mehr Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Immer wenn ich an ihn dachte war da dieses Kribbeln aber auch der Schmerz der Zurückweisung. Warum war das alles so schwer? Wir hatten so viele Momente zusammen und wenn ich bei ihm war fühlte ich mich sicher. Als er seinen Kopf auf meine Schulter gelegt hatte konnte ich spüren das er mir auch vertraut, denn so nah kam er keinem anderen hier und auch keinem anderen gegenüber hatte er sich geöffnet. Da war doch ein Funke gewesen. In diesem Moment. Oder in dem Moment in dem wir gemeinsam die Wand angestarrt hatten. Vielleicht war ich aber auch einfach nur dumm und hatte keine Ahnung von Funken oder Gefühlen oder auch Liebe generell. Alles was ich an Beziehungen vorzuweisen hatte war die Sache mit Julia und das war nun wirklich keine Liebe gewesen. Das wusste ich jetzt. Was ich bei Noah fühlte hatte ich bei Julia nie gefühlt. Sie war wirklich nur meine beste Freundin. Noah hingegen war mehr als das. Es war einfach schwer zu definieren. Vielleicht brauchte ich das Thema im Unterricht doch um Liebe endlich definieren zu können.
Ich atmete nochmal tief durch und öffnete dann den Chat mit Noah um seine Nachricht zu lesen. Was würde er denn jetzt von mir wollen? Wahrscheinlich nur eine Nachricht um sich zu erkundigen ob alles okay bei mir war nach meiner schnellen Flucht am Ende der Stunde.
Noah: Joel denkt du bist krank weil du heute nichts sagst im Unterricht. Er nervt jetzt mich. Im ernst jetzt, können wir nochmal reden? Heute nach dem Unterricht?
Natürlich schob er Joel vor aber ich konnte mir gut vorstellen das Joel sich wirklich solche Gedanken machte. Für ihn war es nicht normal wenn ein guter Schüler sich mal nicht am Unterricht beteiligte. Egal wie banal das Thema auch war. Dennoch wollte auch er mit mir reden. Ich spürte einen Funken Hoffnung aufkeimen tief in mir aber ich zerquetschte ihn bevor er die chance hatte zu wachsen. Noah würde seine Meinung nicht geändert haben und mir plötzlich seine Liebe gestehen. Er wollte wahrscheinlich nur unsere Freundschaft retten. Wenn das alles war was er wollte, Freundschaft, dann wusste ich das ich es akzeptieren musste oder ich würde ihn ganz verlieren und das konnte ich mir einfach nicht vorstellen. Er war mir einfach zu wichtig und neben Julia der einzige bei dem ich einfach ich selbst sein konnte.
Noah: Colin? Ignorierst du mich jetzt?
Die zweite Nachricht erschien im Chat. Er hatte wohl gesehen das ich Online war und die erste Nachricht bereits gelesen hatte. Wahrscheinlich zwang ihn Joel nun zu einer zweiten Nachricht. Ich fuhr mir mit meiner freien Hand durch die Haare. Meine Locken sahen heute einfach nur schrecklich aus, da ich mir heute morgen keine sonderliche Mühe gegeben hatte irgendwie halbwegs okay auszusehen. Ich schob es einfach auf die schlaflose Nacht welche ich hatte da mein Kopf voll war mit Gedanken an Noah. Sein Blick nach dem Kuss hatte sich in meinem Gedächtnis eingebrannt und ließ mich nicht los. So viel Verwirrung gemischt mir Schock.
Endlich gab ich ihm eine Antwort. Die Pause würde gleich vorbei sein und ich würde ihn im Klassenraum wiedersehen, daher war es besser eine Antwort zu schicken bevor er mich vielleicht Ansprechen würde. Im Klassenraum würde ich das jetzt echt nicht packen und erst recht nicht vor Joel der mir nur einen Vortrag halten würde wie wichtig es doch ist im Unterricht aufzupassen und danach schwere Krankheiten bei mir versuchen auszuschließen die mein Denken und Bewusstsein verändern könnten.
Ich: Okay, können wir machen. Nach der Schule im Zimmer.
Kurz nachdem ich die Nachricht geschickt hatte, hatte er sie auch schon gelesen. Wahrscheinlich war er bereits im Klassenraum und mit seinem Handy beschäftigt. In weniger als zwei Minuten würde es klingeln.
Noah: Danke.
Kam als Antwort nur Sekunden später und ich steckte mein Handy zurück in meine Jackentasche bevor ich nach meinem Rucksack griff. Ich würde rennen müssen um noch pünklich zum Unterricht zu kommen. Eigentlich war es jetzt sinnlos mich in den Raum zu setzen, denn jetzt würde ich mich erst recht nicht konzentrieren können. Jetzt waren meine Gedanken erst recht bei Noah und mein Kopf machte sich darüber Gedanken was er wohl später sagen würde. Natürlich rechnete ich mit nichts was mein Herz noch vor dem brechen retten würde, denn es war bereits angeknackst aber meine Gedanken wollten mir trotdem keine Pause geben. Verdammter Noah! Verdammte Gefühle! Warum konnte nicht einfach alles so bleiben wie es war? Unsere Freundschaft war perfekt. Gefühle sind definitv etwas was man so leicht hassen konnte, besonders wenn sie sinnlos waren.
Schnell schüttelte ich den Kopf um wenigstens ein paar Gedanken zu verdrängen und dann rannte ich los. In einer Minute würde es klingeln und zu spät kommen konnte ich mir heute echt nicht mehr leisten.
