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Der Junge, der ihn begrüßt, könnte schleimiger nicht aussehen. Er ist mittelgroß und damit natürlich größer als Thorsten, dafür aber auch auffällig dünn. Sportlich, aber nicht sonderlich stark. Eher ein Läufer als ein Boxer. Der Pullover, den er über seinem Hemd trägt, lässt ihn wie ein Lateinlehrer aussehen.
Auf der Fahrt zu seinem Hotel fragt er Nika aus. Nach dem holprigen Start in ihre Zusammenarbeit hatte Thorsten keine Möglichkeit, Sebastian Bootz enger kennenzulernen. Er macht einen Witz darüber, dass Sebastian wohl nie faul gewesen ist, und Nika springt darauf an.
“Warum, weil er mit dreißig schon KHK ist?”
Thorsten schweigt und Nika lacht.
“Klingt für mich nach Karrieretyp.”
Einer, der es ganz genau haben muss und Obdachlose einkassieren will. Vielleicht will er nach ganz oben.
“Nein, bis vor einem halben Jahr hatte er eine langfristige Beziehung und ein gutes Sozialleben, soweit ich das erkennen konnte. Und er hat immer wieder von Kindern gesprochen, bis Julia ihm dann von der Schippe gesprungen ist. Ihr war das Polizei Ding unwohl, das hat sie auch nicht verheimlicht. Aber Sebastian ist ein leidenschaftlicher Polizist. Übrigens auch ein guter.”
Thorsten nickt ihr zu, als würde er ihr glauben.
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Bootz ist nicht dumm. Er macht den Vorschlag, das Bild der Leiche in die Zeitung zu stellen und wird zickig, als er merkt, dass Thorsten das mit dem Weisungsbefugnis erfunden hatte. Eins muss man ihm lassen, er lässt sich nicht einschüchtern.
Auf völlig offener Straße kommt er dann auf die Idee, sich als Paar auszugeben, um die Adoptionskontakte zu finden. Er ist unbeeindruckt von Thorstens Sticheleien, ob ihm das wohl gefallen würde. Die Spannung, die zwischen ihnen steht, beginnt Thorsten zu gefallen. Sie umkreisen sich wie zwei Hirsche vorm Kampf. Er fragt sich, wo die Druckstellen sind, wie weit Bootz mithalten kann. Es ist ein bisschen wie ein Tanz. Bootz steht mit seinem geraden Rücken und seinen zugekniffenen Augen vor ihm und lässt sich keinen Zentimeter bewegen. Thorsten hat fast Spaß daran, ihn zu testen. Thorsten kann undercover gehen, er kann vermutlich nichts besser. Er hat ein steinernes Gesicht und eine Zunge, die lügt. Dass Bootz ihn zu einem solchen Einsatz einlädt, ist ein Geschenk. Quasi ein geschenktes Tor.
Alvarez lässt sich überzeugen, ist aber sichtlich amüsiert. Vor dem Haus bleiben sie kurz stehen. Thorsten mustert den Jungen. Er sieht gut aus. Das ist Thorsten schon vorher aufgefallen, natürlich. Schon bei ihrem Handschlag. Aber hier in der Sonne, wo er sich Zeit lässt, um ihn zu betrachten, wird es ihm so richtig klar.
Hellbraune, große Augen, leichte Locken, die jugendlich in sein Gesicht fallen, das Hemd betont seine schmale Taille und die Hose seine langen Beine. Torsten kann ihn am Arm eines älteren Mannes sehen, der ihn verwöhnt und ihm den Kopf verdreht. Einzig die naive Unsicherheit in seinem Stand bringt Thorsten zum Lachen.
“Und Sie sollen jetzt mein Freund sein?” Fragt er amüsiert. Bootz zuckt unbeholfen die Schultern.
“Ja, oder?” Fragt er und es klingt fast, als fragte er ‘Warum nicht? Ist etwas an mir falsch?’ Als bräuchte er die Bestätigung, dass jemand mit ihm ein Kind adoptieren will. Thorsten erinnert sich an Nikas Bericht, von seinem geplatzten Kinderwunsch.
Auf der Couch legt Thorsten seinen Arm um Bootz’ Schulter und der lehnt sich hinein, als beruhigte ihn das. Es bringt Thorsten etwas aus dem Konzept. Die ganze Situation ist jetzt seltsam. Undercover war Thorsten allein, er konnte jede Entscheidung für sich treffen. Jede Lüge hier muss von ihnen beiden kommen. Immer wieder blickt er Bootz, um sich seine Bestätigung zu holen. Ungelenkig erfinden sie eine gemeinsame Lebenslüge über ein Haus mit acht Zimmern.
Thorsten war nie jemand, der sich in seinem falschen Leben verstrickt, er wusste immer genau, wo er wirklich hingehörte. Aber er mag diese Geschichte, die sie erzählen. Ohne seine Lederjacke sieht Bootz noch harmloser aus. Thorsten stellt ihn sich als Künstler vor, der seine Emotionen in Farben ausdrückt und öfter solche gepunkteten Hemden trägt. Die langen Beine, die sich an die Küchenzeile lehnen, während er einen morgendlichen Kaffee schlürft und einen Abschiedskuss gibt, bevor er los muss. Das hat gar nichts mit dem Künstlersein zu tun, fällt Thorsten auf.
Bootz nimmt seine Hand und hält sie fest. Seine Haut ist rau, aber angenehm warm. Er spielt mit Thorstens Fingern, streicht sanft über sie. Er will beweisen, dass ihm das hier keine Angst macht. Oder er will nur der Lüge helfen. Beides findet Thorsten irgendwie charmant. Als Bootz’ Hand am Ende auf seinem Schenkel landet, kann er nicht leugnen, dass ihm ein leichter Schauer über den Rücken fährt.
Eine Frage reißt ihn aus den Gedanken.
“Und glauben Sie, dass ihre Beziehung auch die nächsten zwanzig Jahre überdauern wird?” Fragt die Dame der Adoptionsagentur gelangweilt.
Thorsten schaut Bootz an, der zurückblickt.
Er ist jung und naiv. Aber er ist schlau, er spielt dieses Spiel überraschend gut mit, ohne jedes Anzeichen von Unwohlsein. Er hat gut ermittelt, bis jetzt, und sich nicht von Thorsten einschüchtern lassen. Sie kennen sich seit zwei Tagen, aber Thorsten realisiert, dass er den Jungen mag. Er ist ein bisschen hitzköpfig, aber Thorsten mag den Gedanken, dass sie den Fall gemeinsam weiter ermitteln werden. Er sieht keinen Grund, dass sie nicht zusammen bleiben sollten.
Bootz schaut ihn mit seinen sanften Augen an und er hat einen ganz seltsamen Blick aufgesetzt, den Thorsten nicht lesen kann. Was er wohl denkt? Dass Thorsten ein harter Hund ist, der ihn nicht an sich heran lässt? Irgendetwas sagt Thorsten, dass Bootz es mag, sich beweisen zu müssen. Ein Funke leuchtet in seinen Augen auf, für einen Moment. Bootz mustert ihn zurück und sein Blick wandert zu Thorstens Lippen. Interessant.
Als sich sein Kollege zurück zu ihrer Interviewerin dreht, ist sein Blick sicher und seine Stimme klar.
“Ja,” sagt er gleichzeitig mit Thorsten und es klingt wie ein Versprechen.
