Work Text:
✰
┌──── GESCHICHTEN AUS DEM EBERKOPF ────┐
„Ist ja gut, Picket, wir essen erstmal was, bevor wir zu Dumbledore ins Schloss gehen um ihn Bericht zu erstatten. Der Eberkopf ist ganz in der Nähe.“ Mit Blick auf die Uhr, welche kurz vor Mitternacht stand, sagte Newt: „Aberforth hat hoffentlich noch etwas Eintopf übrig.“ Er lächelte seinen Bowtruckle an, welcher aus seiner Brusttasche lugte.
Kurze Zeit später betrat er den Eberkopf und ehe er wusste, wie ihm geschah, wurde er auch schon zu einem der Tische gezogen.
„Na Scamander, Lust auf einen kleinen Drink?“ Kettleburn hatte einen Arm um ihn gelegt.
Newt sah von Kettleburns mechanischer Hand, welche auf seiner Schulter ruhte, zu seinem Gesicht hoch. Es war dezent gerötet vom Alkoholgenuss, was den Hauch von Feuerwiskey, der aus Kettleburns Mund ausging nur bestätigte.
Kettleburn führte ihn zu einem Tisch, wo bereits Mad-Eye Moody saß, welcher ihnen entgegenrief: „Setz dich zu uns, Scamander! Nur keine falsche Bescheidenheit!“
Kettleburn platzierte Newt mit sanfter Gewalt auf einen freien Platz an ihrem Tisch.
✰
„Danke nochmal, dass Sie mir die Infos über die Chimäre gegeben haben, Professor!“, bedankte sich Newt und nippte schüchtern an seinem sahnig schäumigem Butterbier.
„Du kannst mich duzen, Newt!“, lächelte Silvanus und trank einen großen Schluck von seinem x-ten Glas Feuerwiskey. „Wir haben grade unser übliches Spiel „Für jede Verletzung einen Shot trinken“ gespielt, aber da fällt mir was ein, da ich grade unseren guten Freund Newt so ansehe… du kennst noch gar nicht die Geschichte mit der Chimäre, oder Alastor?“
Mad-Eye lachte krächzend. „Hau raus, eine schöne Geschichte bei guter Gesellschaft ist immer willkommen!“ Er fixierte Aberforth oder besser gesagt, sein magisches Auge tat dies. „Drei Feuerwiskey, Aberforth!“, raunte er in seine Richtung. Newt seufzte leise und Silvanus lachte laut auf. „Ach, komm, so lange wird’s heute nicht, versprochen, Newt!“
„Diese Versprechen kenne ich und dann sitzen wir hier bis zum Morgengrauen!“, kam es als Antwort von Newt, aber er lächelte dabei.
„Eine Chimäre also, soso…“ Mad-Eye rieb sich freudig die Hände.
Silvanus nickte. „Was meinst du, wie ich meinen Unterarm verloren habe?“
Newt, welcher Picket grade noch vom Herunterfallen vom Tisch retten konnte, klappte erschrocken der Mund auf, doch Mad-Eye lachte sich krum. „Du und deine Tierwesen, nicht wahr? Du würdest echt alles für sie tun, Silvanus, mein Bester!“
Wieder nickte Silvanus und musste schmunzeln. Seine magisch-mechanische Hand umschloss das Glas Feuerwiskey, welches er gekonnt zu seinem Mund führte und mit den Worten „Auf die vielen wundervollen Tierwesen!“ halb weg exte.
Mad-Eye und Newton taten es ihm gleich und hoben die Gläser.
„Cheers!“
„Auf die Tierwesen!“
Silvanus räusperte sich und fing an zu erzählen „Es war in Griechenland… um genauer zu sein auf einem der Berge in Griechenland… dort sah ich sie zum ersten Mal in meinem Leben… und was soll ich sagen, mir blieb die Spucke weg. Allein ihr Aussehen. Einfach einzigartig und das im wahrsten Sinne des Wortes, so ein Wesen hatte ich noch nie zuvor gesehen…
Das Wesen, welches ich aus sicherer Entfernung beobachtete, hatte war kein gewöhnliches, es hatte einen Löwenkopf, den Körper einer Ziege und den Schweif einer Schlange oder eines Drachen, das konnte ich beim ersten Mal nicht identifizieren. Ich war so fasziniert von dem Wesen, dass ich beschloss, es über Monate hinweg zu beobachten.
So auch den einen verhängnisvollen Tag im Frühling… ich ging also mit Fernglas und Notizblock bewaffnet zu meinem liebsten Aussichtsposten und wollte dieses Mal notieren, wie das Jagt- und Fressverhalten des Tierwesens, welches sich nach mehreren Wochen Beobachtung als Chimäre herausstellte, miteinander verbunden war, als ich plötzlich stehen blieb, da ich einen markerschütternden Schrei hörte. Es war vielmehr ein gigantöses Brüllen als ein Schrei und ich war wie paralysiert, das Blut gefror mir förmlich in den Adern… das musste die Chimäre sein, die ich für mich selber Karl getauft hatte, ansonsten kannte ich kein Tierwesen, welches so brüllen konnte.
„Was ist dann passiert? Erzähl weiter!“, drängte ihn Mad-Eye, dessen magisches Auge Newtons Demiguise fixierte, der sich direkt neben ihn auf den Stuhl gesetzt hatte und scheinbar mehr als aufmerksam der Geschichte von Kettleburn lauschte. Sein weißes Fell schimmerte silbern im Schein des Kaminsfeuers. Niemand außer Mad-Eye schien ihn zu sehen, was wohl an seinem magischen Auge lag. Der Demiguise lächelte Mad-Eye an und Mad-Eye hob erschrocken eine Augenbraue. Muss der Alkohol sein, dachte er für sich und widmete seine Aufmerksamkeit wieder seinem guten Freund Silvanus zu, welcher sehr trinkfest zu sein schien.
„Moment… lass mich nur ein Schlückchen trinken. … Nachdem ich den ersten Schock verdaut hatte, rannte ich los und konnte meinen Augen nicht trauen… Die Chimäre war kein Karl… es war eine Karla, denn sie hatte in ihrem Nest plötzlich Eier – und ich dachte, das wäre nur ihr Bett, wo sie schlief… Naja… das Traurige kommt noch… Karla konnte plötzlich nicht mehr brüllen und ich wusste nicht warum, als ich plötzlich eine Stimme hörte. Jemand schrie Crucio und Karla wand sich lautlos vor Schmerz und selbst ich hatte Schmerzen bei dem Anblick…
Dieser Jemand setzte wieder zum Zaubern an, doch dieses Mal kam ich ihm mit einem Depulso zuvor. Es stellte sich heraus, dass es ein Wilderer war, der durch mein Depulso weggeschleudert wurde und mit ihm noch etwas anderes… Blei… Ich traute meinen Augen nicht. Deshalb konnte die Chimära nicht mehr Brüllen. Der Wilderer hatte ihr Blei in den Rachen gekippt, damit es schmilzt und sie daran erstickt… Er wollte wohl die Eier von Karla klauen und verhökern…“
„Warte… Blei im Rachen? Warum spuckte sie es nicht einfach aus?“
Silvanus atmete kurz aus. Der Teil der Geschichte ging ihn sehr nahe, was auch Mad-Eye bemerkte. Er knuffte ihn sehr sanft auf den menschlichen Oberarm. „Zauberer können echt grausam sein… Gut, dass es Leute, wie dich gibt, Silvanus! Nun was hat es mit dem Blei auf sich?“
Silvanus lächelte leicht und trank ein paar große Schlucke, ehe er fortfuhr: „Danke, Alastor… Nun… Karla war kurz vorm Ersticken, wegen dem Blei in ihrer Kehle… Und da haben wir auch schon das Problem; Die Kehle eine Chimäre ist so heiß, dass sie selbst Blei zum Schmelzen bringt…“
„Woher weißt du denn sowas?“, fragte Mad-Eye begierig und auch Newt hielt gespannt den Atem an und beugte sich interessiert vor.
„Als ich bemerkt hatte, um was es sich für ein Tierwesen handelte, besorgte ich mir Unterlagen darüber… direkt von Dumbledore.“, sagte Silvanus leise und noch leiser kam ein „Wow…“ von Newt.
Mad-Eye bedeutete Silvanus mit seinem Glas in der Hand weiter zu erzählen. Silvanus nickte und holte tief Luft:
„Ich hastete auf die Chimäre zu und rammte ihr meinen Arm in den Schlund… Das Blei war Merlin sei Dank noch nicht ganz geschmolzen, ich konnte es packen, aber… das war auch das letzte was ich packen konnte, denn… auf einmal lag ich rücklings auf dem Boden, neben mir mein Arm mit dem Bleiklumpen in der Hand. Ich… konnte es kaum fassen… Neben mir lag mein Arm, neben mir! Ich konnte noch einen Blick auf die Chimäre erhaschen, welche sich verbeugte, ehe ich das Bewusstsein verlor und im St. Mungos wieder zu mir kam.“
„Nicht zu fassen…“ Newt stockte der Atem.
„Warum hat sie sich verbeugt?“, fragte Mad-Eye, der Mund halb auf vor Erstaunen.
„Ich denke, sie hat sich bedankt, dass ich sie vom Blei befreit habe!“
„Ein dreifaches Hoch auf dich, Silvanus!“, kam es von Newt. Sie stießen auf Silvanus Heldentat an.
„Und wie bist du nun im St. Mungo gelandet? Ich meine, der vermaledeite Wilderer war es wohl kaum, oder?“
„Ich kann mir das nur so erklären, dass die Chimäre mich vor dem St. Mungos abgesetzt hatte…“
Mad-Eye staunte nicht schlecht. „Meinst du, dass das so passiert ist? Das wäre ja der Wahnsinn!“
„Andererseits wäre ich wohl… bei dem ganzen Blut, was ich verloren habe…“
„Hey, hey… nicht so traurig… du lebst und ein Tierwesen hat dein Leben gerettet, du hast wirklich ein Händchen für sie.“, versuchte Mad-Eye ihn aufzumuntern und es klappte tatsächlich auch. Langsam gingen Silvanus‘ Mundwinkel wieder leicht nach oben.
„Das ist eine ganz besondere Chimäre…“, sagte er andächtig und Mad-Eye nickte eifrig. „Das kann man wohl sagen!“
„Auf die Chimäre, die dein Leben gerettet hat und auf dich, weil du ihr Leben gerettet hast!“, brüllte Mad-Eye beschwingt und hob sein Glas, wobei einige – wenn nicht sogar viele – Tropfen des Feuerwiskeys aus dem Glas rausgeschleudert wurden und auf den ohnehin schon klebrigen Tisch landeten.
Picket freute dies, er leckte mit seiner kleinen Zunge die Tropfen auf und torkelte amüsiert zwischen den Gläsern und fiel unbeholfen in das Schälchen mit den süßen Federkielen, wo er hicksend und gluckend liegen blieb.
Sollte ich den Beiden sagen, dass ich die Geschichte halb kenne und die Chimäre auch schon einige Monate beobachtet hatte und ihr sogar näherkommen durfte, dachte Newt für sich, während er einige Schlucke trank und Teddy, seinen Niffler sanft über den Kopf strich, welcher es sich grade eben auf seinem Schoß gemütlich gemacht hatte - nichts ahnend, dass dieser sich im wahrsten Sinne des Wortes die Taschen vollgemacht hatte mit den Gallionen der Betrunkenen, die sie im Rausch beim Bazahlen verloren hatten - und Silvanus und Mad-Eye beobachtete, wie sie sich lachend und freudestrahlend in den Armen lagen. Newt schüttelte milde lächelnd den Kopf. Was meinte Silvanus wohl, wer mit ihm auf der Chimäre saß und der Chimäre gesagt hat, sie solle zum St. Mungos fliegen…
„Sag mal, Silvanus… War das eigentlich dieselbe Chimäre, die du 1987 nach Hogwarts mitgebracht hast?“, fragte Newt mit rotglühenden Wangen, langsam fing es auch bei ihm an, dass sich der Raum um ihn herumdrehte.
Silvanus wischte sich ein paar Freudentränen weg und nickte lächelnd: „Ja, aber das ist eine andere Geschichte…“
✰
