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Thorsten hasst Papiertüten. Ihm ist schon klar, dass sie die bessere, umweltfreundlichere Alternative zu den Plastiktüten sind. Aber die Dinger halten einfach nichts aus. Normalerweise hat er eine Einkaufstasche. Aus Stoff. Eigentlich fürchterlich altmodisch, aber diese hat Lilli für ihn bemalt. Im Sommer, direkt vor ihrer Einschulung.
Leider befindet sich genau diese Tasche immer noch oben in seiner Wohnung. Voll mit Pfandflaschen. Die hatte er eigentlich heute Morgen mit hinunternehmen und in seinem Wagen deponieren wollen. Und dann hatte sein Telefon geklingelt und er war ohne Frühstück - und ohne Einkaufstasche - zum Tatort gedüst.
Auf jeden Fall steht Thorsten jetzt im Supermarkt seiner Wahl und hat keinen Einkaufswagen. Absichtlich nicht. Der verleitet nur dazu, mehr einzukaufen, als diese doofen Papierdinger aushalten. Er darf nicht mehr nehmen, als er in seinen Armen tragen kann.
Worauf verzichtet er also? Die Flasche Wein, die er eigentlich heute Abend trinken wollte, oder die Tüte Chips, falls ihm Sebastian morgen Gesellschaft leisten möchte?
"Immer diese alten Leute … müssen die ganze Zeit im Weg rumstehen und können sich nicht entscheiden, was sie kaufen wollen", grummelt eine bekannte Stimme.
Thorsten dreht sich um und sieht Sebastian mit einem breiten Grinsen und einem leeren Einkaufswagen hinter sich stehen. Eigentlich wäre da noch mehr als genug Platz, um an ihm vorbeizufahren, aber Sebastian hat offenbar andere Pläne.
"Warum hast du keinen Wagen? Oder zumindest ein Körbchen?" Er deutet auf den Haufen Sachen in Thorstens Armen.
"Tasche vergessen", erklärt Thorsten knapp. "Die Papiertüten halten nix aus. Da darf ich nicht zu viel kaufen."
"Leg deinen Kram bei mir dazu. Ich hab im Auto noch eine Tasche, die kannst du nachher haben."
Das Angebot nimmt Thorsten gerne an.
Gemeinsam bummeln sie durch die Gänge und unterhalten sich. Erst über ihren Fall, dann über das Abendessen. Sie sind beide noch unentschlossen.
"Magst du zu mir kommen? Wir könnten gemeinsam was kochen."
Thorsten nickt. "Okay. Aber wir machen nicht wieder irgendwas mit Nudeln, klar?"
"Uff …" Sebastian sieht ihn zweifelnd an. "Kannst du irgendwas kochen?"
Die Frage ist eher, kann Thorsten irgendwas kochen, das die Kinder auch mögen? Sebastian jammert ihn schon seit Anfang der Woche jeden Tag voll. Julia kommt erst am Samstag wieder zurück. So lange ist Sebastian alleinerziehend und zu 100% fürs Abendessen allein verantwortlich. Offenbar ist das ein Problem. Den Kindern hängen wohl die Nudeln auch schon zum Hals raus.
"Reis mit Erbsen und Geschnetzeltem? Wir könnten auch Babymöhren dazu machen, die mag Maja doch besonders", schlägt Thorsten vor. So exotische Dinge wie Indisch oder Asiatisch sind wohl eher nicht geeignet.
Sebastian ist begeistert und sie füllen den Einkaufswagen weiter.
Dann legen sie einen Stopp bei der Feinkost-Theke ein. "Ich brauche noch Beinschinken für Henris Pausenbrote."
"Für Maja nimmst du nichts?"
Sebastians Augenbraue schnellt hoch.
Thorsten schüttelt den Kopf. "Nee, ich hab natürlich nicht vergessen, dass sie seit zwei Tagen Vegetarierin ist. Du könntest Käse für sie nehmen. Den isst sie doch."
Hinter sich hört Thorsten ein angewidertes Schnauben.
Sebastian und er drehen beinahe gleichzeitig den Kopf und sehen einen älteren Herrn hinter sich. Ob dessen Unmutsbekundung sich auf Majas Essgewohnheiten bezieht, oder die Tatsache, dass zwei Männer zusammen einkaufen, weiß Thorsten nicht.
Als sie sich wieder zurückdrehen, stellt sich Sebastian noch ein wenig näher an Thorsten und legt einen Arm um seine Hüfte. Es fällt ihnen beiden schwer, ein Grinsen zu unterdrücken.
Der Mann schnaubt nochmals, dann dreht er um und geht einfach.
Ihr Wagen wird noch voller. Irgendwann haben sie dann alles und stellen sich an der Kasse an. Den ganzen Kram auseinanderzuklamüsern wird schwer. Thorsten fängt schonmal damit an, im Wagen alles umzuräumen.
Sebastian gefällt das weniger.
"Lass die Sachen. Ich sortiere die immer nach Gewicht. Das ist beim Einpacken besser so."
"Ich lass dein Zeug eh in Ruhe. Das hier sind meine Sachen."
"Thorsten, wir zahlen einfach gemeinsam …"
"Nicht nötig." Thorsten räumt seine Dinge als erstes aufs Band. Als er sich ziemlich sicher ist, dass er nichts übersehen hat, beginnt er mit Sebastians Sachen. Warentrenner gibt es mal wieder keine, also lässt er zwei Handbreit Abstand.
Die Frau hinter der Kasse scannt alles routiniert ein. Den Abstand ignoriert sie.
"Moment, meins geht nur bis hier", erklärt Thorsten und deutet auf die Dose mit Kaffee.
"Oh, getrennte Haushaltskasse. Verstehe." Sie nickt, legt Sebastians Toastbrot wieder zurück und tippt irgendwas in die Kasse.
"Nee, wir sind nicht zusammen", erklärt Thorsten im selben Moment, in dem Sebastian sagt: "Wir sind Partner."
Die Kassiererin wirkt verwirrt.
"Des send zwei Poliziste", erklärt die ältere Dame hinter ihnen, die Thorsten vom Grüßen kennt.
"Auch Polizisten können homosexuell sein", mischt sich eine junge Frau mit blauen Haaren ein, die noch weiter hinten steht.
Einen Moment fragt sich Thorsten, warum es jetzt an der Supermarktkasse ein Gespräch über seine sexuelle Orientierung gibt.
"Noi, des hab i doch gar nit g'meint. Die beida Herra send Arbeitskollega. Isch mir doch egal, mit wem die bumsa."
Die Kassiererin beäugt daraufhin Sebastian und Thorsten skeptisch.
Irgendwo von der Nebenkasse kommt: "Wie, Sie sind gar nicht zusammen?"
Thorsten beschließt, das nächste Mal einfach nichts mehr zu sagen. Dann werden sie halt für ein schwules Paar gehalten. Auf jeden Fall besser, als dass jetzt der ganze Supermarkt darüber spricht, ob sie Sex haben oder nicht.
