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Windstille

Summary:

"Landflucht und Dorfsterben sind nichts, worüber man sich freuen sollte, Sebastian."

Notes:

Nach vier Jahren bin ich auch Mal wieder aus der Versenkung aufgetaucht.

Der Vibe ist LDRs Cinnamon Girl X Venice Bitch.

(See the end of the work for more notes and other works inspired by this one.)

Work Text:

 
"Also, der Sachstand zum Todesfall Jonas Leiner: Wir gehen im Moment von einem Suizid aus. Es gibt Hinweise auf Fremdeinwirkung, die aber auch von einem Sturz herrühren können. Seine Eltern berichteten von einem Absturz mit Drogen, hauptsächlich Kokain, vor einigen Monaten. Sie hatten aber selbst kaum Kontakt zu ihm. Jonas hatte nur wenige Bekannte, auch bei der Arbeit war er als Einzelgänger bekannt", fasst Thorsten den Ermittlungsstand zusammen und wischt sich mit einem Taschentuch über die Stirn.  
 
Es ist August, unfassbar heiß und die Spätnachmittagshitze kennt kein Erbarmen. Am Morgen hatte man die Fenster zum Lüften geöffnet, da war es noch erträglich, aber jetzt steht die Luft, sauerstoffarm und stickig, trotz des Ventilators, der allein die Papiere in den Aktenordnern zum Flattern zu bringen scheint. Wirkliche Erleichterung bringt er schon lange nicht mehr.
 
„Es gab da wohl eine Auseinandersetzung mit seinem besten Freund. Die Eltern vermuten, dass das der Auslöser war. Sie kennen aber nur den Nachnamen und den Ort, wo er wohnen soll. Das haben wir auch schon recherchiert und genau eine Adresse gefunden", ergänzt Sebastian und lehnt sich neben Thorsten an dessen Schreibtisch an.
 
Sebastian wedelt sich mit der Akte in seiner Hand Luft zu. Plötzlich bekommt auch Thorsten einen Luftzug ab und bemerkt, dass Sebastian sein Handgelenk gedreht hat, um ihm Luft zuzufächeln. 
 
Dankbar lächelt er Sebastian an, der ihm mit einem Augenzwinkern kontert.
 
Der zitronige Duft seines neuen Parfums umhüllt Sebastian und Thorsten möchte trotz der Hitze am liebsten noch näher an ihn heranrücken, obwohl Sebastian kaum Platz zwischen ihnen gelassen hat. Die Illusion der Berührung reicht aus, um seinen Puls zum Rasen zu bringen. 
 
Die Schwere der Vergangenheit, die wie eine dicke Schneedecke auf ihnen lag, hat sich schon längst fast vollständig gelichtet, auch wenn die Erinnerung von Zeit zu Zeit eiskalt über Thorstens Haut rinnt. Die Unsicherheit ist geblieben, die Sehnsucht aber auch. 
 
"In Ordnung. Dann prüfen Sie bitte die Verbindung zu dem Herrn Jakobus. Wenn das Ergebnis der Obduktion die bestehende Theorie bestätigt, stellen wir den Fall ein", beendet der Staatsanwalt die kurze Besprechung und klopft sich auf die Beine, bevor er etwas schwerfällig aufsteht und mit einer zum Abschied erhobenen Hand das Büro verlässt.
 
„Also, allez allez", Thorsten klatscht in die Hände, ungeduldig das Büro zu verlassen. Auch wenn er befürchtet, dass es draußen nicht unbedingt besser sein wird.
 
„Hast du die Adresse?", fragt Sebastian, während er um ihre zusammengeschobenen Schreibtische herumläuft, um seine Sachen einzupacken.
 
„Ja, hier", nimmt Thorsten das Blatt aus dem Drucker und reicht es Sebastian. Der zückt sein Telefon und öffnet die Navigationsapp.
 
"Oh, das ist aber ganz schön weit draußen", kommentiert er die Berechnung der Ankunftszeit.
 


 
Die warme Luft fühlt sich fast schon plastisch an, wie etwas, das er mühsam herunterschlucken muss.
 
Die Landstraße schlängelt sich durch Wälder, die immer wieder aufbrechen, aber immerhin eine kurzzeitige Entlastung von der sengenden Hitze geben. Der harzige Duft der Nadelbäume bahnt sich seinen Weg durch die offenen Fenster, vermischt sich mit dem des schmelzenden Asphalts.
 
Die Landschaft ist von der Sonne gelbbraun gebrannt, fast sepiafarben durch die Gläser seiner Sonnenbrille. Die meisten Felder sind schon gemäht, einige werden gerade gedroschen.
 
Die Tage werden wieder kürzer, und Thorsten sehnt den Sonnenuntergang herbei, dass die Nacht sich auf seine von der Sonne überreizten Nerven legt und die Temperaturen steil nach unten klettern.
 
Die Melancholie brennt sich an Sommertagen in seine Stimmung und konfrontiert ihn mit den Tagen, Monaten und Jahren, die ihm unaufhaltsam und unerbittlich durch die Hände geronnen sind, begleitet von dem Bedauern, sich nicht mehr um sein Leben gekümmert zu haben, die kleinen Freuden sterben zu lassen, bevor sie überhaupt geboren waren, und nicht mutiger an dem festzuhalten, was zwischen Sebastian und ihm noch immer beständig flimmert.
 
"Hier - das zweite von links. Das ist es", reißt ihn Sebastian aus seinen Gedanken.
 
Das Haus befindet sich mitten im Ort, eingerahmt von weiteren Gehöften. Es ist alt, aber gepflegt. Die bunten Blümchen in den Fensterkästen zeugen von regelmäßiger Sorgfalt.
 
Sebastian klingelt an einem versteckten Messingknopf und es dauert nicht lange, bis eine ergraute Frau öffnet. 
 
„Guten Tag, Kriminalpolizei Stuttgart. Mein Name ist Bootz, das ist mein Kollege Lannert. Wir möchten mit Herrn Jakobus sprechen."

Die Frau zögert kurz und mustert sie misstrauisch.

"Es tut mir leid, aber das ist leider nicht möglich. Mein Ehemann ist seit dreizehn Jahren tot und mein Sohn Dennis ist Anfang des Jahres verstorben."

Sebastian wirft Thorsten einen irritierten Blick zu. Damit haben sie nicht gerechnet. 

"Das tut uns leid, Frau Jakobus. Können wir trotzdem reinkommen? Wir erklären Ihnen gleich, worum es geht."

Sie nickt und deutet ihnen an, ihr zu folgen.

Das Haus ist verdunkelt, die Rollläden geschlossen. Trotzdem hat die Hitze einen Weg ins Haus gefunden, die Luft ist muffig, und in den wenigen Lichtstrahlen von draußen drängen sich zahlreiche Staubpartikel. 
 
Thorsten sehnt sich nach einer Dusche. 
 
"Kennen Sie einen Herrn Jonas Leiner?" Sebastian setzt das Gespräch fort. 
 
"Ja, das war ein sehr guter Freund meines Sohnes."
 
"Kennen Sie ihn gut?"
 
"Das kann ich nicht behaupten. Aber er war jahrelang jede Woche hier. Jonas war leider sehr verschlossen, aber immer freundlich und höflich. Hat sich stets für das Essen bedankt und so. Ich glaube, das Verhältnis zu seinen Eltern war nicht das Beste. Er hat mir mal erzählt, dass er den Kontakt schon lange abgebrochen hat, als ich nachgefragt habe."
 
In ihren Augen spielen sich die Erinnerungen ab.
 
"Herr Leiner wurde leider tot aufgefunden. Wir ermitteln immer, wenn die Todesursache ungeklärt ist. Deshalb muss ich Sie fragen, ob Sie uns mehr über die Freundschaft zwischen Herrn Leiner und Ihrem Sohn erzählen können." 

Sie ringt mit der Fassung und schluckt.
 
"Sie haben sich vor vielen Jahren im Internet auf so einer Gaming Plattform kennen gelernt. Und daraus ist dann eine enge Freundschaft geworden", sie macht eine kurze Pause.
 
"Ich muss Ihnen gestehen, die beiden hatten ein paar Monate vor Dennis' Tod einen schrecklichen Streit. Das war wirklich schlimm für meinen Sohn, das hat ihn total aus der Bahn geworfen. Wenn ich wüsste, was damals zwischen den beiden vorgefallen ist. Sie haben kein Wort mehr miteinander gesprochen. Aber wissen Sie, Jonas hat ihn nicht vergessen. Er war am Grab, ich habe ihn dort ein paar Mal gesehen."

Die schlechte Luft drückt auf Thorstens Brust und er lehnt sich mit der Schulter an den Türrahmen.

"Haben Sie ihn darauf angesprochen?", fragt er nach.

"Nein. Was hätte ich auch sagen sollen?"
 
"Und Ihr Sohn? Hat er vor seinem Tod etwas erzählt, was Sie hat stutzig werden lassen?" Sebastians Ermittlersinn ist geweckt.
 
"Der hat sich nichts aus der Nase ziehen lassen. Nichts! Die beiden waren wie aus dem gleichen Holz geschnitzt, wissen Sie, und dann, dann war da nur noch Stille, und Reue zwischen ihnen. Irgendwie ist die Freundschaft daran erstickt. Da hat er richtig darunter gelitten, mein Junge, das habe ich ihm angesehen. Und dann ist er gestorben, mit diesem Schmerz."
 
Sebastian fängt seinen Blick ein. Er weiß, an was er denkt. Die Sprachlosigkeit, die die Leichtigkeit zwischen ihnen mit sich gerissen hat, seine Wut, die Enttäuschung, das Bedauern, zu feige gewesen zu sein, die Hand auszustrecken und alles auf null zu setzen. Alles fein säuberlich gespiegelt in Sebastians Augen. 
 
Es rinnt durch ihn wie Molasse, zäh und unnachgiebig.
 
"Es war ein Arbeitsunfall im Holzlager, man hat ihn zu spät gefunden. Er ist dann schlussendlich an einer Sepsis gestorben." Frau Jakobus stockt und drückt ihre Finger gegen die Augen, um den aufkommenden Tränen Einhalt zu gebieten.
 
"Vielleicht können sie jetzt Frieden miteinander schließen, da oben", ergänzt sie schließlich und wirft einen Blick gen Zimmerdecke.
 
Sie bedanken sich und lehnen ihr Angebot, etwas zu trinken, ab. Als die Haustür in das Schloss fällt, atmet Sebastian hörbar durch die Nase aus.
 
"Damit ist auch die letzte Spur dahin. Wenn, dann hängt das passiv miteinander zusammen. Vielleicht waren der Streit und der Verlust seiner einzigen Bezugsperson zu viel für ihn."
 
Sebastian nickt zustimmend.
  
"Es wäre interessant zu wissen, was da passiert ist. Aber die Nachrichten und seine Aufzeichnungen auf seinem Telefon geben auch nichts her." Da ist sich Sebastian sicher, denn er hat sie ausgewertet.
 
"Ja absolut. Vielleicht haben wir noch -", Thorsten wird durch den lauten Piepton seines Telefons unterbrochen und er holt es aus seiner Hosentasche.
 
Er schaut auf das Display und runzelt die Stirn. 
 
"Aber das muss uns jetzt egal sein, denn das Ergebnis der Obduktion ist da. Überdosis und die Verletzungen sind eindeutig auf den Sturz zurückzuführen. Wahrscheinlich wollte Jonas doch Hilfe holen. Die Staatsanwaltschaft stellt die Ermittlungen ein."
 
"Sind wir damit einverstanden?" 
 
Thorsten lässt den Blick in die Ferne schweifen, bevor er sich entscheidet.
 
"Ich bin einverstanden, und du?"
 
"Ja, ich auch", pflichtet Sebastian ihm bei und holt sein Telefon aus der Tasche. Thorsten schließt den Porsche auf und weicht vor dem Hitzeschwall zurück, der ihm prompt entgegenkommt.
 
"Wir müssen über Land fahren, es hat einen Unfall auf der Autobahn gegeben, Vollsperrung", verkündet Sebastian und wischt über das Display seines Telefons.
 
Thorsten klopft mit der flachen Hand leicht auf das Autodach, seufzt und öffnet dann mit geübten Handgriffen das Verdeck des Porsche. 
 
Sebastian lässt sich erschöpft auf den Beifahrersitz fallen.
 
"Komm, lass uns was essen gehen. Ich lade dich ein", schlägt er vor, während Thorsten ebenfalls einsteigt.
 
Thorsten reibt sich mit der Hand über die Augen, bevor er seine Sonnenbrille aufsetzt und den Motor startet.
 
"Das hört sich gut an, danke. Das nächste Restaurant, das wir auf dem Rückweg finden?"
 
Sebastian nickt und wird in den Sitz gedrückt, als Thorsten losfährt. 
 
Der warme Fahrtwind weht durch Sebastians dunkle Locken. Er schließt die Augen und streckt einen Arm aus dem Fenster. Thorsten nimmt sich die Zeit, ihn zu betrachten, bevor er seine Aufmerksamkeit auf den entgegenkommenden Traktor in der engen Kurve vor ihm richten muss, die sie auf einer von Birken gesäumten Allee aus dem Dorf hinausführt.
 
Thorsten erhöht den Druck auf das Gaspedal, beschleunigt, und beobachtet aus dem Augenwinkel, wie sich die Wildblumen am Straßenrand in ein abstraktes Gemälde von Primärfarben einordnen.
 


 
"Wir sind ausgebucht - aber in unserer Bistroecke da hinten ist noch Platz", sie zeigt auf die linke Seite des Hauses. "Unsere Veranda wird gerade renoviert."
 
"Richtig essen kann man dort nicht, aber Getränke und ein Sandwich sind möglich." 
 
Als sie Sebastians skeptischen Blick bemerkt, der das deutlich in die Jahre gekommene Gebäude mustert und daraus offensichtlich ihrer Aussage anzweifelndem Rückschlusse zieht, lacht sie kurz auf.
 
"Seit letztem Jahr haben wir eine Klimaanlage. Seitdem ist die Bude im Sommer voll."
 
Thorsten lächelt sie entschuldigend an. "Wir nehmen den Platz gerne."
 
"Na dann kommen Sie mit. Es ist schön kühl hier."
 
Die Bistroecke der Gaststätte besteht aus einer massiven Holzbank und einem kleinen gusseisernen Gartentischchen, dessen Oberfläche mit Mosaiksteinen verziert ist. Umrahmt wird der Sitzbereich von Blumentöpfen mit verschiedenen Nutzpflanzen und bunten Blumen, die ihr einen gemütlichen Charakter verleihen. An der Hauswand rankt sich Efeu nach oben. Kühl ist es zwar nicht, aber durch die Nordseite ist die Temperatur deutlich angenehmer.
 
Die Kellnerin nimmt die Getränkewünsche auf und verspricht das Sandwich als Spezialität des Hauses, was Thorsten nun auch ein wenig zum Schmunzeln bringt. Er setzt sich neben Sebastian und tut es ihm gleich, streckt seine Beine aus und vergräbt die Schuhsohlen in die feine Schicht Kies am Boden.

"Sucht der Vogt eigentlich noch einen Käufer für das Haus seiner Mutter?", fragt Sebastian und zupft am Efeu.
 
"Nein, er hat letzten Monat die Verträge unterschrieben. Er hat sich für eine kleine Familie entschieden."
 
"Hattest du nicht Interesse daran?"
 
"Hm, naja. Es hat schlussendlich für so eine große Investition nicht meiner Vorstellung entsprochen."
 
Sebastian nickt verständnisvoll, als würde er die wahren Beweggründe erahnen.
 
Das Knirschen des Kieses verrät die Rückkehr der Kellnerin. Sie bringt die Limonade und Sandwiches, welche sie gekonnt tetrismäßig auf dem kleinen Tischchen platziert. 
 
Sie verfallen in ein angenehmes Schweigen beim Essen und Thorsten muss zugeben, dass man über die Außenfassade tatsächlich keinen Rückschluss auf die Küche machen kann. Das Sandwich ist rustikal, aber frisch und sehr lecker. 
 
Noch besser ist allerdings die Limonade, welche seinen Hals eiskalt herunterläuft, und ihm wird bewusst, wie aufgeheizt sein Körper eigentlich ist. 
 
Er checkt die Wetterapp auf seinem Telefon, seufzt, als er sieht, dass es immer noch 36 Grad sind. 
 
Sebastian wischt sich seine Hände gerade an der Serviette ab und deutet mit einem Kopfnicken an, auch einen Blick auf die Wetteranzeige werfen zu wollen. 
 
Als er die Gradzahl sieht, lässt er seinen Kopf zurück an die Hauswand fallen, atmet hörbar aus und schließt die Augen.
Thorsten räumt ihre Teller zusammen, sodass weniger Gefahr besteht, dass etwas aus Versehen herunterfällt. 
 
"200 m², 8 Zimmer und ein kleiner Garten. Meinst du, wir werden hier fündig?", unterbricht Sebastian die Stille.
 
Thorsten überlegt, dann rauscht die Erinnerung wie eine Sturzflut durch ihn. Er schließt kurz die Augen und lächelt. 
 
"Vergiss das kleine halbe Zimmer nicht", ergänzt er.
 
Er spürt den Phantomgriff von Sebastians Hand heiß-kalt an seinem Oberschenkel.
 
Sebastian lacht nun auf, als er sich an das gequälte Gesicht der Agenturmitarbeiterin erinnert. Er stößt seine Flasche locker an Thorstens, seine Knöchel berühren Thorstens durch die Kondensation gekühlte Finger. 
 
"Auf dem Weg standen einige Häuser zum Verkauf."
 
Das lässt Thorsten aufhorchen. 
 
"Da ist bestimmt was dabei, was unseren extravaganten Ansprüchen genügt. Und wir haben den restlichen Heimweg noch vor uns."
 
Sebastian muss diesen Gedanken also schon länger verfolgen, wenn er darauf geachtet hat. 
 
"Landflucht und Dorfsterben sind nichts, worüber man sich freuen sollte, Sebastian."
 
"Das würde der ganzen Problematik ja entgegenwirken. Eine Alters-WG wird das aber nicht. Dafür bin ich", er lässt seinen Blick pointiert über Thorsten gleiten, "noch zu jung."
 
Thorsten schnaubt empört.
 
"Und du auch", schiebt Sebastian nach einer kleinen Pause nachdenklich hinterher.
 
Thorsten überlegt, ob Sebastian sich bewusst ist, welcher riskanten Frage er damit Einlass gewährt. 
 
Er zögert kurz, wägt ab, bevor er der Implikation nicht widerstehen kann.
 
"Was soll es denn dann werden?" 
 
Thorsten sieht Sebastian im Augenwinkel schlucken. Sebastian antwortet nicht, aber repositioniert sich, rutscht dabei etwas näher.  Er starrt nun einen unbestimmten Punkt in der Entfernung an. Eine Übersprungshandlung nach der nächsten.
 
Thorsten drängt ihn nicht. Es hat Formen angenommen, die nicht mehr in Worten einzufangen sind. Thorsten spürt regelrecht, wie Sebastian mit den Worten ringt, mit sich ringt.
 
Er hält sich die Limonade an seine Halsschlagader, konzentriert sich auf den Rhythmus seines erhöhten Pulses und die Kälte der Flasche, die nicht mehr so beißend ist, wie noch vor ein paar Minuten, bevor er einen weiteren Schluck nimmt. 
 
Dann verfängt sich Sebastians Blick an Thorstens freier Hand, die neben seiner ruht. Sebastians Zeigefinger zuckt an seiner eigenen Flasche in Thorstens Richtung und Thorsten atmet leicht zittrig tief ein, und wählt seine Worte bedacht.
 
"Was hältst du davon, das kleine halbe für einen Balkon am Schlafzimmer zu opfern?" 
 
Seine Stimme ist sanft, aber getränkt von Unsicherheit, die ihr etwas Rauheit verleiht.
 
Sebastian versteht augenblicklich und lächelt ihn warm an, aber zufrieden ist er noch nicht. Er hat auf mehr hinausgewollt, das sieht Thorsten ihm an.
 
"Am Schlafzimmer? Damit kann ich leben." 
 
"Dann halte mal die Augen weiter offen." 
 
Sebastian nimmt seine Flasche in die andere Hand und legt die freie auf Thorstens Schulter, drückt sanft zu, lässt sie dort kurz verweilen. 
 
Ein Lächeln stiehlt sich auf Thorstens Lippen und ein warmer Schauer läuft ihm über den Rücken. Er trinkt den letzten Schluck Limonade und setzt die Flasche auf dem Tisch ab. Erleichterung macht sich in ihm breit, die siedende Panik in ihm ebbt ab, aber die Spannung rankt sich weiter wie Efeu um sie herum und zieht sich stetig spiralisierend zusammen.
 
Auch, als die Kellnerin um die Ecke kommt und Sebastian wie versprochen zahlt, spürt er Sebastians Augen auf ihn, ungeduldig und erwartungsvoll.
 
Thorsten hat schon lange den Boden unter den Füßen verloren, wenn es um sie beide geht. Er gibt sich mit dem Hin und Her der unbeholfenen Offensiven und wiederholten Rückziehern zufrieden, mit denen sie sich versichern, dass sie noch genauso ineinander verkeilt sind, wie damals.  Er klammert sich an dem, was sie zaghaft, mühsam wieder etabliert haben und nun sorgfältig zwischen den Zeilen einbetten. Loslassen können sie beide nicht.
 
Auf dem Weg zum Auto sträubt sich alles in ihm in den Hitzekessel der Stadt zurückzukehren. 
 
Sebastian krempelt sich derweil die Ärmel nach oben. Thorstens Blick bleibt kurz am Muskelspiel von Sebastians Unterarmen hängen, bevor er den Porsche aufschließt.
 
"Komm", sagt Sebastian und lässt die unklare Ansage zwischen ihnen stehen. 
 
Er läuft weiter in eine Nebenstraße. Thorsten schließt den Porsche wieder ab und folgt ihm wortlos. 
 
"Ich will noch nicht zurück."
 
Thorsten versteht und nickt. Er will auch viel lieber dem roten Faden folgen, der sich so scharfkantig und farbintensiv wie seit langem nicht mehr vor ihnen abzeichnet. 
 
 



 
Sie laufen in Richtung des kleinen Flusses, welcher sich gesäumt von Bäumen am Dorf vorbei drängt. Die Dorfstraße endet in einem Feldweg. 
 
Nach ein paar hundert Meter entdeckt Sebastian einen kleinen Fußpfad, der sich wie ein Geheimweg durch das hohe Gras schlängelt und sie an den hochstehenden Weizenfeldern vorbeiführt. 
 
Sebastian lässt ihn an den engen Stellen den Vortritt, deutet ihn mit einer Hand federleicht an seinem Rücken an, voranzugehen. Thorsten spürt die Wärme von Sebastians Fingern, die seinen immer wieder gefährlich nahekommen. 
 
Die Sonne steht tief genug, um die Staubkörner in der Luft tanzen zu sehen. Das Abendrot schimmert schon durch das goldene Licht der Abendsonne.
 
Die Zukunft entfaltet sich in Thorsten Kopf wie eine nachtaktive Blüte. Bilder formen sich vor seinem inneren Auge und Thorsten fühlt sich seit langem wieder wie der Architekt seiner Erwartungen.
 
Er streckt seine Finger, ballt sie zur Faust, um den Impuls zu unterdrücken nach Sebastians Hand zu greifen. Er traut sich einfach nicht, den Schritt zu wagen. Hält sich lieber fest am Vertrauten und ist sich dessen Konsequenzen bitter bewusst.
 
Bei jedem Schritt springen die Grashüpfer in alle Richtungen zur Seite. Eine Feldmaus kreuzt ihnen fluchtartig den Weg. In der Entfernung bellt ein aufgeregter Hund. 
 
Sebastian scheint seine Ruhe wiedergefunden zu haben, er läuft mit einer Selbstsicherheit neben ihm her, als würde er sich auskennen, das Ziel bereits im Blick. 
 
Eingenistet in einer engen Flusskurve finden sie einen Zugang zum Fluss mit einem kleinen steinernen Einstieg. 
 
Die staubige Luft des Weges klärt sich auf und der typische erdige Geruch von Gewässern mischt sich darunter.
 
Das Wasser glitzert, ein paar Blätter werden von der Strömung flussabwärts getrieben. Die Badestelle hat einen verwunschenen Charakter, obwohl sie von den Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohnern sicherlich rege frequentiert wird, denn der Einstieg ist ordentlich freigemäht und versteckt in den Bäumen erkennt Thorsten helle Holzsprossen und kleine Plattformen auf verschiedenen Höhen. 
 
"Also, ich gehe definitiv schwimmen. Kommst du mit?" 
 
Sebastian zieht fragend die Augenbrauen hoch und ist plötzlich wieder von derselben jugendlichen Energie umströmt, wie damals, als sie sich kennenlernten.

Thorsten zögert.

"Gib mir ein paar Minuten."
 
Sebastian runzelt kurz die Stirn, aber ist schon dabei sein Hemd auszuziehen. 
 
Thorsten wendet sich wieder dem Fluss zu. Die Erschöpfung kriecht in seine Knochen, und er fühlt sich abseits seines Körpers, verloren in den schweren Gedanken, die Angst, die sich immer wieder zwischen die Hoffnung drängt, die unnachgiebig keimt und blüht wie schon seit über zehn Jahren nicht mehr. 
 
Das Zirpen der Heuschrecken wird immer lauter, während er die Lösung im Tiefgrün des Wassers zu finden versucht.
 
Plötzlich umschließen Sebastians warme Hände seinen Arm und drehen ihn geübt, aber ohne Härte, nach hinten. 
 
Überrascht will Thorsten sich umdrehen, aber Sebastian lässt ihn nicht.

"Sebastian, was soll das?"

Spannung beginnt sich um Thorstens Nerven zu legen. Die schwachen Überreste von Sebastians Zitronenparfum dringen in seine Nase, vermischt mit Schweiß und Sebastians ganz eigenen Geruch.
 
"Das nennt man einen Polizeigriff", hört er Sebastian neben seinem Ohr sagen, die Stimme provokant belehrend.
 
Dann erhöht er den Druck auf Thorstens Arm und schiebt ihn ein paar Schritte Richtung Wasser. Vorausschauend schiebt Thorsten sich die Schuhe von seinen Füßen.
 
"Es ist sauheiß den ganzen Tag und wir stehen hier vor dem heiligen Gral der Abkühlung. Die einzige Alternative wäre, ins Kühlregal im Supermarkt zu klettern. Und du, du zögerst? Betrachten Sie sich also als überzeugt, Herr Kommissar." 
 
Thorsten lacht. 
 
"Überzeugt, so so." Er windet sich aus Sebastians Griff, der sofort nachgibt, weil er weiß, dass Thorsten nun sowieso in der Falle sitzt.
 
Sie stehen sich gegenüber, das Wasser fließt friedvoll direkt hinter ihm. Sebastian grinst selbstgefällig, sein Plan steht ihm übers ganze Gesicht geschrieben.
 
"Warte, der Autoschlüssel", Thorsten greift in seine Hosentasche. Ihre Finger treffen sich und ein elektrischer Funken fährt Thorsten den Arm nach oben von der Stelle, wo sich ihre Finger berühren. 
 
"- und mein Telefon."
 
Diesmal lässt er nicht direkt los und Sebastian greift noch einmal nach. Thorsten streicht seinen Finger über Sebastians, bevor er loslässt. Wieder fährt ihm eine kribbelnde Hitze durch seine Finger. Sebastian fixiert ihn, während er erneut leicht in die Knie geht, um das Telefon sicher zum Schlüssel zu legen. 
 
Er weiß, wie das hier enden wird.
 
Als sich Sebastian wieder aufrichtet, macht Thorsten einen schnellen Schritt auf ihn zu, piekst ihn in die Hüfte, sodass dieser sich reflexartig krümmt, greift nach ihm, nimmt Sebastian in eine Drehung mit und wirft sie beide ins Wasser. 
 
Der Kontrast der Kälte zu seinem überhitzten Körper lässt ihn nach Luft schnappen, dann schwappt die Entspannung über seinen Körper und nimmt den Löwenanteil der Anspannung des Tages und der letzten Stunde mit.
 
Das Wasser ist zu tief, als dass er den Boden berühren könnte, und er schwimmt ein paar kräftige Züge in die Mitte des Flusses.
 
Sebastian taucht ein paar Meter hin und her und scheint das erfrischende Wasser genauso zu genießen wie er.
 
Eine Libelle fliegt durch sein Sichtfeld. Er folgt ihren Weg mit seinem Blick zu einem Baumstamm am Ufer, bevor Sebastians Stimme  seine Aufmerksamkeit wieder auf sich zieht.
 
"Fair war das ja nicht", sagt er, mit gespieltem Tadel in der Stimme und schwimmt um Thorsten herum, welcher sich auf den Rücken dreht und treiben lässt. 
 
Ein paar vereinzelte Wolken ziehen über den Baumkronen hinweg, die durch den Tiefstand der Sonne in orangen Farbschattierungen gezeichnet sind. 
 
"Das war reine Notwehr, nachdem ich von einem Kriminalhauptkommissar tätlich angegriffen worden war. Vielleicht haben Sie ihn gesehen, groß, dunkelhaarig. Etwas langsam, leicht zu überwältigen." 
 
Sebastian lacht atemlos und schickt einen ordentlichen Stoß Wasser in seine Richtung. Thorsten taucht kurz unter, um dem Schwall zu entgehen. 
 
"Die Polizei, dein Freund und Helfer, jaja so ist das also", prustet Thorsten, als er wieder auftaucht. 
 
"Ja, so ist das also. Vielleicht sollten Sie Mal Ihren Anwalt kontaktieren." 
 
"Aha." Thorsten schmunzelt.
 
"Die polizeiliche Maßnahme ist eventuell noch nicht beendet", Sebastian zwingt eine Professionalität in seine Stimme, aber lässt seinen Humor deutlich mitschwingen.
 
Er spürt seinen Blick, bevor die seichten Wellenbewegungen des Wassers verraten, dass Sebastian wieder näher schwimmt. 
 
"Eventuell? Von was muss ich denn noch überzeugt werden?"
 
Sebastians Grinsen wird zu einem kleinen Lächeln, fast schon schüchtern.
 
"Über laufende Ermittlungen kann ich leider keine Aussagen tätigen", erwidert er leise.
 
In der Schwimmbewegung verfangen sich ihre Hände und damit ist es schlagartig mit dem Spiel vorbei. Das realisiert auch Sebastian, über dessen Augen sekundenschnell eine Hilflosigkeit huscht, mit der sich Thorsten gerne solidarisieren würde. 
 
"Warte, ich will das richtig machen", sagt Sebastian schnell. Offensichtlich in Sorge, dass Thorsten den Rückzug antritt.
 
Das ich hab' so viel falsch gemacht bleibt unausgesprochen in der Luft hängen. 
 
Thorsten wischt es weg und sucht Sebastians Hand unter Wasser, ihre Hände greifen ineinander. Er drückt fest zu und zieht ihn in Richtung Ausstieg.
 
Dort finden sie beide Halt im stein-sandigen Grund unter den Füßen und durch das Gefälle sind sie fast auf Augenhöhe.
 
Die schwere Wärme der Abendluft umhüllt seinen Oberkörper und das T-Shirt klebt an ihm wie eine zweite Haut. Sebastian drängt ihn vorsichtig mit dem Rücken zurück an den Stein.
 
Sein Blick bleibt kurz an seinen Oberarmen hängen, dann sucht er seine Augen.
 
"Bist du dir sicher?", fragt Thorsten atemlos.
 
" - denn ich kann nicht mehr zurück", er versucht die Verzweiflung aus seiner Stimme zu drängen, was ihm nicht so recht gelingen mag.
 
"So sicher, dass es weh tut."

Sebastians Stimme ist fest und bedeutungsschwanger.
 
Und sein Blick drückt alles aus, was Thorsten wissen muss. Dann berührt Sebastian mit seinen Fingerspitzen Thorsten unterhalb der Ohrmuschel und zieht eine brennende Linie bis in den Nacken.
 
Sebastian schließt den letzten Abstand zwischen ihnen und Thorsten schließt die Augen. Seine Ohren rauschen, als Sebastians Lippen sanft seine Wange berühren.
 
"Wir können doch schon seit fünfzehn Jahren nicht mehr zurück", sagt er leise gegen seine Wange. 
 
Thorsten drückt die Augen noch fester zusammen, schluckt gegen den Kloß im Hals. Er zieht Sebastian dicht an sich, der lässt seinen Kopf in seine Halsbeuge fallen. Thorsten krault seinen Nacken und verteilt leichte Küsse auf seinem Haar.
 
"Ich will doch nur dich, die ganze verdammte Zeit."
 
Thorsten wird mit Zärtlichkeit durchflutet und fährt mit seiner Hand in Sebastians Haar, deutet ihn an, sich aufzurichten.
 
"Wenn du wüsstest..."
 
Er streichelt behutsam mit seinen Fingern über Sebastians Wangenknochen, studiert die Konturen des vertrauten Gesichtes, bevor sich sein Blick wieder mit Sebastians verfängt, der ihn genauso liebevoll betrachtet. Thorsten fühlt sich fast benommen davon, wie er sehr er ihn liebt.
 
Er küsst ihn sanft auf seine Lippen. 

Sebastian reagiert sofort und schiebt seine Hand über Thorstens Hals nach oben, lässt sie ebenfalls an seiner Wange ruhen. Er küsst ihn fest und zart zu gleich, als würde er versuchen, all seine Gefühle darüber auszudrücken. Thorsten zieht ihn noch näher an sich und bringt mehr Nachdruck in den Kuss. 
 
Mit zitterndem Atem bringt er schließlich wieder Ruhe hinein, lehnt seine Stirn an Sebastians und verliert sich lange Augenblicke in der gemeinsamen Nähe. 
 
"Wir müssen das an einem Ort verlegen, wo wir nicht jede Minute von jemandem überrascht werden können, der Abkühlung sucht", flüstert er schließlich, bevor er Sebastian einen weiteren Kuss auf die Wange drückt.
 
Der lässt ihn nicht los, küsst ihn auf dem Mundwinkel und klammert sich an Thorstens nasses T-Shirt.
 
"Na los, ich will nicht erklären müssen, warum man uns wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses anzeigt."
 
Sebastian schaut kurz, als würde er in Betracht ziehen, das unbekümmert in Kauf zu nehmen. Dann wird auch er ernst.
 
"Ich hab' dir so viel zu sagen."
 
Thorsten schaut ihn an, sein Herz klopft lauter.
 
"Ich auch. Und mir ist auch wichtig, dass wir das endlich richtig machen."
 
Sebastian stützt sich am Stein des Ufers ab und drückt sich aus dem Wasser. Das Wasser rinnt über das Spiel seiner Rückenmuskulatur. Sobald er Boden unter den Füßen hat, dreht er sich, wohlwissend welchen Effekt er auf Thorsten hat. Sebastian hält ihm in die Hand entgegen und zieht ihn halb aus dem Wasser. Thorsten schnaubt überrascht, denn er war gerade dabei die Steintreppe hinaufzusteigen.
 
Sebastian streicht ihm durch die nassen Haare und lässt seine Hand an Thorsten Wange verweilen. 
 
"Zurück geht nicht mehr, okay? Das ist ein Versprechen."
 
Thorsten nickt und horcht in sich. Die Unsicherheit ist durch die schwirrenden Endorphine verstummt. Stattdessen fließt das Glück in seichten Wellenbewegungen durch seine Adern.
 
Sebastian schnappt sich derweil seine Klamotten.
 
Thorsten nutzt die Zeit, nimmt seine Schuhe und legt sich ins Gras, lässt Sebastian nicht auf den Augen, wie er seine Hose hochzieht, in das T-Shirt schlüpft und sein Hemd bedächtig zu knöpft. Er zupft das Hemd etwas verlegen gerade und läuft dann zum Ufer zurück und holt Thorstens Schlüssel und Telefon und steckt beides in seine Hosentasche.
 
Sebastian vibriert praktisch vor Ungeduld. 
 
"Ich muss ja erstmal trocknen, sonst ruiniere ich mir die Ledersitze", kommentiert Thorsten Sebastians stille drängende Aufforderung. 
 
Er ist sich sicher, dass es auch bei den nun langsam sinkenden Temperaturen nicht lange dauern wird. 
 
Thorsten lehnt sich zurück auf seine Ellenbogen, der ausgetrocknete Boden hart unter ihm, und beobachtet Sebastian, der sich bäuchlings, aufgerichtet auf den Unterarmen, neben ihn legt. 
 
Das Gras kitzelt an seinen Armen, als Sebastian sich über ihn lehnt und ihn vorsichtig küsst, dabei immer forscher wird.
 
Nach einer Weile drückt ihn Thorsten mit einer Hand sanft zurück. 
 
"Wenn wir jetzt nicht aufhören, kommen wir hier gar nicht mehr weg."

"Dann versuche bitte, nicht so unwiderstehlich zu sein."
 
Thorsten grinst und fängt seine Hand ein, gibt ihm einen Kuss auf den Handrücken.
 
"Wie kannst du nur so selbstbeherrscht sein?", fragt Sebastian frustriert.
 
"Bin ich nicht. Das ist reine Pragmatik. Meine Selbstbeherrschung hängt an einem seidenen Faden", gesteht Thorsten und spielt mit einer Locke in Sebastians Nacken, bevor er aufsteht und Sebastian seine Hand hinstreckt. 
 
"Na komm, ich denke, bis wir am Auto sind, bin ich wieder trocken."
 
Seine Leinenhose klebt schon nicht an ihm und das Blau seines T-Shirts verliert auch an tiefdunkler Farbe.
 
Sebastian greift nach seiner Hand und lässt sie auch erstmal nicht mehr los.
 
Auf dem Rückweg pflückt Sebastian hier und da ein Blümchen und drückt sie Thorsten in die Hand, kurz bevor sie das Dorf erreichen.
 
"Ist das auch noch Teil der polizeilichen Maßnahme?"
 
"Kommt darauf an. Musst du noch überzeugt werden, mich mit nach Hause zu nehmen? Zu dir?"
 
Thorsten schaut auf die Blumen, dann auf Sebastian. 
 
"Jetzt nicht mehr", schmunzelt er, als wären die Blümchen tatsächlich der entscheidende Faktor gewesen.
 
Am Auto angekommen, platziert Thorsten die Blümchen im letzten Rest seiner Wasserflasche in der Mittelkonsole, bevor sie der tiefstehenden Abendsonne entgegenfahren.
 


 
"Oh, Sie sind auf Haussuche? Das sieht richtig idyllisch aus!" 

Der neue KTU-Mitarbeiter, dessen Namen er sich partout nicht merken kann, wirft einen neugierigen Blick auf Sebastians Bildschirm. Er kam so schnell in ihr Büro gestürmt, dass er keine Zeit mehr hatte, den Tab der Webseite zu schließen.

"Äh, nein. Das ist Recherche. Sie wissen schon, die Einbruchserie", Sebastian klingt erwischt, aber er fängt sich galant. 
 
"Ah stimmt. Gibt es da Fortschritte?" 
 
Der KTU-Mitarbeiter wird glücklicherweise zunächst weder bei Sebastians Unterton stutzig, noch fällt ihm auf, dass Thorsten und er gar keine Einbrüche bearbeiten.
 
"Wir konnten den Radius nun einkreisen. Mehr noch nicht."
 
"Na dann viel Erfolg noch. Ich hab' den Untersuchungsbericht vom Fall Leiner für Sie dabei."
 
Thorsten schaut jetzt erst richtig auf und deutet ihm an, den Bericht auf seinen Schreibtisch zu legen. Damit kann er nun den Abschlussbericht vervollständigen. 
 
"So dann muss ich auch gleich weiter. Schönen Tag noch!" 
 
Sie schaffen es gerade noch, sich zu bedanken, und auch ihm einen schönen Tag zu wünschen, bevor er aus dem Büro geeilt ist. 
 
"Recherche also", kommentiert Thorsten, nachdem die Tür in den Türrahmen gefallen ist. 
 
Sebastian zuckt mit den Schultern. 

"War ja nicht gelogen."
 
"Und das während der Dienstzeit." 

Er verschränkt die Arme und lehnt sich zurück.
 
"Ja, ich gestehe - hier", Sebastian streckt ihm seine Arme in einer dramatischen Geste über den Tisch entgegen, "verhafte mich."
 
Thorsten kommentiert es mit hochgezogenen Augenbrauen.
 
"Später."  Seine Mundwinkel gehen nach oben.
 
"Na dann habe ich ja noch die Zeit, es dir zu zeigen. Willst du es sehen?"
 
"Na klar."
 
Thorsten steht auf und umrundet die Schreibtische. Er tritt von hinten an Sebastian heran, lehnt sich nach vorne und stützt seine Arme links und rechts von Sebastian ab. Der zieht scharf die Luft ein.
 
"Dann zeig mal", fordert Thorsten ihn auf. 
 
Sebastian zögert.
 
"Ich kann so nicht arbeiten."
 
"Warum nicht?", fragt Thorsten, gespielt unwissend, und lehnt sich noch näher nach vorne, presst sich gegen die Schreibtischstuhllehne. Er dreht seinen Kopf und drückt seine Nase gegen Sebastians Wange, bevor er ihm einen sanften Kuss gibt. 
 
Sebastian atmet lachend aus und lässt seinen Kopf nach hinten gegen Thorsten fallen. 
 
"Das ist Arbeitszeitbetrug."
 
Thorsten lacht und knufft ihn leicht gegen den Oberarm.
 
"Na los, jetzt zeig schon das Haus."
 
Sebastian klickt zurück auf die Webseite und gemeinsam sehen sie sich die Anzeige des Hauses an. 
 
"Und, richtig gut, ne?"
 
"Ja das wäre perfekt."
 
Thorsten zieht sich plötzlich zurück und geht schnellen Schrittes zurück zu seinem Platz. Sebastian sieht ihn fragend an.
 
"Ich stech' mich jetzt in Pause, um nicht länger als gewöhnlicher Krimineller zu gelten. Dann rufe ich da Mal an. Einverstanden?"
 
Sebastian nickt euphorisch, bevor er die Seite mit den Hausdaten und Kontaktinformationen ausdruckt und sie Thorsten bringt.

Notes:

In typischer Beamten-Manier wird alles brav ausgedruckt.

Niemand lässt sich so schön flirtend schreiben, wie die beiden.

 

Danke fürs Lesen ☺️ Ich hoffe sehr, dass es euch gefällt!

Und großen Dank an siiiicckkk, ohne deine Kommentare wäre ich hierzu nicht inspiriert gewesen.

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